Allgemein, Autorenleben, Inspirationsquellen, Prosa, Theorie

Wie ich gern schriebe

Hier kommen wir an einen Knackpunkt im Leben eines Autoren. Zwar hat jeder eine eigene, natürliche Erzählstimme, aber eben auch Vorbilder, Wünsche, Ziele und viel zu viele Vergleichsmöglichkeiten. Eine Anpassung beider Richtungen – der natürlichen Eigenart und dem angestrebten Stil – aneinander ist ein stetiger Entwicklungsprozess.

Hermann Burger hat seinen Stil an seinen Vorbildern geübt, indem er große Teile von Texten seiner Lieblingsautoren, ganze Absätze oder Seiten aus Romanen, abschrieb, um dann den Satzbau, quasi das Skelett, mit seinen eigenen Worten wieder zu füllen. So hoffte er sich etwas von dem anzueignen, was er an anderen bewunderte.
Selbstverständlich ist das eine Menge Arbeit und bisher habe ich mir nie die Mühe gemacht, es auch auszuprobieren. Jedoch stellte ich wieder und wieder fest, dass das Lesen fremder Texte allein bereits eine gute Schule für Stil und Aufbau ist, weswegen gute Autoren viel lesen sollten. Das ist eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, doch stolperte ich im Internet auch über Schreiber, die öffentlich in die Runde fragten, ob man eben auch lesen müsse, um Autor zu sein.
Man sollte. Außerdem erscheint mir das Konzept eines nicht leseverliebten Autoren widersprüchlich. Ich erinnere an Jorge Luis Borges, der sagte, dass die Idee einer Pflichtlektüre absurd sei und man genausogut von Pflichtglück sprechen könne.

Es gibt ein paar für mich bedeutsame Namen in der Welt der Literatur, der Literaturwelt oder Weltliteratur, deren Werke stellvertretend sind für das, was ich gern produzieren würde oder bereits produziere, produziert habe.
Die philosophischen Konstrukte, die die Grundlage bilden für das Werk von Jorge Luis Borges, sprechen Seiten in mir an, die mich die Welt mit Vernunft und intellektueller Neugierde betrachten lassen, aber auch nicht ohne einen gewissen Humor. Allerdings wäre mir sein Schreibstil grundsätzlich zu trocken, zu wenig emotional, was ja thematisch stimmig sein mag und mich nicht vom Lesen abhält, aber meinem Wesen und damit meinen Themen widerspricht. Versucht habe ich mich dennoch in dieser Art zu schreiben; mit mäßigem Erfolg.
Daniel Kehlmann wurde offensichtlich – und, wenn ich mich recht an seine Essays und Vorlesungen erinnere, auch ausdrücklich – ebenfalls von Borges inspiriert. Daraus entstanden, wie ich vermute, unter anderem die Realitätsverschiebungen in seinen Büchern, die mir immer am meisten gefallen haben. Mein Versuch eines Borges-Romans – was historisch betrachtet wiederum paradox ist – war entsprechend auch ein Kehlmann-Roman. Ein interessantes Experiment, das ein interessantes Ergebnis zutage förderte, aber leider keines der Veröffentlichung würdiges.
Dennoch habe ich Elemente des Experiments in einem weiteren Roman verwendet, einer Vermischung realer und irrealer Ebenen, die ein beinahe surreales Ganzes geschaffen haben. Dieses meiner Meinung nach gelungene Werk werde ich in den nächsten Monaten schwer überarbeiten und nächstes Jahr veröffentlichen.

Rein stilistisch, also losgelöst vom Inhalt, schriebe ich (manchmal) gern wie Hermann Burger und verfalle auch immer mal wieder in den entsprechenden Modus, wenn auch laienhaft im Vergleich zum Original. Eine Kopie kann aber wiederum auch nicht das Ziel sein. Für eine solche Kopie oder eine entsprechend große Annäherung bin ich auch einfach zu faul, da die schiere Menge an Arbeit und Konzentration, nötig für diesen Schreibstil, erschlagend ist.
Um mal ein kleines Beispiel zu nennen, hier ein (für Burgers Verhältnisse kurzer) Satz, der Anfang der Erzählung Kohlhaas auf der Dampfwalze, den ich als besonders schön empfinde:
Ein Dampfwalzenführer, so sein Anwalt, und dies kommt bereits der Brechung des Amtsgeheimnisses gleich, was wir angesichts der Extraordinarität des Falles riskieren müssen, verlor, da er kurz vor Feierabend entsetzlich, aber rechtschaffen niesen musste, seine künstlichen Zähne, dergestalt, dass er die Prothese unmittelbar vor die Vordertrommel spuckte und, sintemal der Bremsweg ohnehin zu lang gewesen wäre, mit seiner vierzehn Tonnen schweren Rammbull, dieselgetrieben, zermalmte.
Vermutlich ist das für manche unerträglich zu lesen, aber unbezweifelbar hervorragend formuliert.

Nun wird es schwierig.
Ein ganz anderer Bereich der Literatur mischt sich ein, der mir aufgrund meiner Lebensgeschichte, all der Dinge, die mir zustießen und die ich mir selbst antat, die ich er- und durchlebte, ausgesprochen zusagt. Die Namen Hunter S. Thompson und Irvine Welsh fallen mir ein, wobei Hans Fallada, Louis-Ferdinand Céline und Henry Miller wenigstens zum Teil in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe schlugen.
Wie verbindet man nun, sofern man das denn wollte, akstrakt-philosophische Ideen, Spielchen mit verwischter Realität, Schachtelsatz- und Fremdwortmassaker mit dem tiefsten Elend aus Alkohol, Drogen, Depression und Wut?
Thompson machte immer deutlich, dass seine Einblicke in andere Realitäten klar durch Drogen verursacht wurden – diese offensichtlich zu vereinbarende Kombination findet sich bei Kehlmann übrigens auch, ich glaube, im Roman F.
Miller schrieb surreal, wie er sich durch Paris vögelte und hungerte.
Céline war einfach furchtbar wütend, jedoch nicht stillos.
Fallada – in Der Trinker – beschreibt ungeschönt das tiefste Elend, was Welsh mit etwas Humor ebenfalls tut.
Dreckige Gefühlswelten, Elend und Leid vertragen sich kaum mit Sprachspielereien, sondern erfordern Derb- und Direktheit.

Nebenbei liebe ich übrigens die Albtraumwelten von Franz Kafka. Passen die auch noch rein?

Vielleicht ist das Vorhaben zu groß, weil zu vollgestopft, zu überfüllt mit Widersprüchen. In meinen kürzeren Erzählungen findet man mal das eine und mal das andere Puzzlestück, üblicherweise überschneidend.
Bedenke ich es richtig, sind allerdings sämtliche erwähnten Elemente in jenem Roman – ich suche noch immer einen passenden Titel – enthalten, den ich, wie oben erwähnt, überarbeiten und herausbringen werde. Zu Beginn dieses Eintrags war mir dies noch nicht bewusst.
Das macht mich gerade durchaus stolz, doch zwingt mir die Befürchtung auf, einige wichtige Bestandteile – ich denke da besonders an Suff und Elend – könnten zu kurz gekommen sein. Eine wichtige Notiz für die Überarbeitung.

Noch suche ich meine wahre Stimme. Vermutlich werde ich das den Rest meines Lebens tun.

Da ich es bisher nicht eindeutig erwähnt habe, stelle ich an dieser Stelle nachträglich fest, dass ich in diesem Artikel einzig von meiner Prosa spreche, meine Lyrik also vorerst ausschließe aus diesem Gedankengang. Innerhalb der Lyrik stehe ich recht sicher, entwickele mich zwar immer weiter, doch suche nicht mehr aktiv, zweifle nicht mehr ständig, bin also unterwegs und angekommen – oder auch andersherum.

Ein weiterer Punkt, der letzte, der noch nicht erwähnt wurde, da er für mich offenbar zweitrangig zu sein scheint, wäre die Leserschaft und ihre Vorlieben. Es ist mir bewusst, dass ein zu komplexer Stil, zu wirre oder intellektuelle Ideen, vielleicht sogar zu ehrliches Elend – denn das wahre Elend ist immer weniger leicht zu ertragen und härter als ein künstliches, unpersönliches; man vergleiche einen abstürzenden Junky bei Welsh mit den kreischenden Massen bei Marvel – eine Menge Leser eher abschrecken. Doch verlangt meine Integrität und meine Arroganz, wenn es denn welche ist, wenigstens aber mein Stolz, meinen eigenen Weg ohne Rücksicht auf mögliche Verkaufszahlen und die Vorlieben einer Leserschaft, die eben einfach nicht die meine sein kann, zu gehen. Dieser Punkt ist also abgehakt.

Fehlen nur noch die Haken hinter allen anderen Punkten.

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