Allgemein, Alte Milch, Autorenleben, Inspirationsquellen, Lyrik, Theorie

Alte Milch: Die Herkunft einer Idee

Eine Standardfrage an alle Schreibenden ist wohl: „Woher beziehst du deine Ideen?“ Für das Gedicht Kraken auf Seite 11 meines Lyrikbands Alte Milch werde ich die Frage ausführlich beantworten. Eine Geschichte:

Eine kurze Weile nachdem ich meinen Alkoholkonsum auf Null reduziert hatte und noch immer Unsicherheit (und zwar mehr als üblich) auf Partys spürte, wurde ich zu einer Feier eingeladen. Außerdem hatte ich erst kurz vorher begonnen, meinen Traum von einer Autorenkarriere ernsthaft anzugehen und täglich gezielt daran zu arbeiten. Es sollte eine Abschiedsparty für eine Bekannte sein, die für ein Jahr ins Ausland ging. Eingeladen waren viele Menschen, die ich von früher kannte, ob nun als Freunde, die ich zum Teil jahrelang nicht gesehen hatte, oder als Personen, Freunde von Freunden, die auch da schon auf die gleichen Partys gingen. Der Ort, an dem all das stattfand, war früher eine Bar gewesen, in der ich mehrmals getrunken und gefeiert hatte, und wurde dann zu einer interessanten Mixtur aus Restaurant, Bar, Event Location, Kunstausstellung und Kreativenverbund. Ich fühlte mich schrecklich. Nervosität und generelles Unwohlsein dominierte die Zeit vor der Feier, die Hinreise und den Beginn der Party. Ich wollte mich an einem Drink festhalten oder mit Bekannten sprechen, aber eines durfte ich nicht und das andere funktionierte nicht, da zunächst niemand da war, den ich gut kannte. Dennoch hielt ich aus. Es kamen später Freunde an, mit denen ich früher niemals nüchtern gesprochen hatte. Ich hielt aus. Dann folgten Partyspielchen, die ich sogar betrunken als unangenehm empfunden hätte. Auch das hielt ich aus. Irgendetwas auszuhalten ist nicht meine Vorstellung einer guten Zeit und sollte nicht der Inhalt einer Party sein. Da die Person, um die sich die ganze Feier drehte, erst spät ankommen sollte (sie sollte überrascht werden), konnte ich auch nicht einfach wieder gehen.

Irgendwann waren die anstrengenden ersten Stunden vorbei. Ich unterhielt mich endlich vernünftig und entspannte. Uns wurden Gemeinschaftsbüros gezeigt, in denen Designer und andere Kreative tagsüber arbeiteten, eine Künstlerwerkstatt im Hinterzimmer und eine kleine Ausstellung einer lokalen Künstlerin. Immer wieder setzte ich mich ab, um allein zu sein und ein wenig Energie zu tanken. Die verschiedenen Räume und die Bilder halfen. Im Restaurant entdeckte ich schließlich die Darstellung eines Tintenfisches. Wenn ich mich recht entsinne, handelte es sich um eine surreale Mischung aus Tintenfisch und Mensch. Ich blieb stehen und betrachtete es, zunächst um etwas zu tun zu haben. Doch ich war auch fasziniert. Mein Kopf begann zu arbeiten und assoziierte wild los. Tintenfische nehmen ihren Namen von der Taktik, das Wasser mit Tinte zu verdunkeln, um ihre Flucht zu decken. Farbe als Angstreflex. Furcht setzt ein und verdunkelt die Welt. Für Kunstschaffende eine interessante Idee, oder? Dann dachte ich weiter nach. Tintenfische nutzen Farbwechsel der Haut, um Aggression auszudrücken, zu warnen, sich zu verstecken oder Artgenossen Signale zu geben. Man hat also Farbe als Ausdruck des Innenlebens und als Kommunikation mit der Außenwelt. Ob die Künstlerin ähnliche Gedanken hatte, vermag ich nicht zu sagen, aber ich unterstelle es ihr. Leider war sie nicht vor Ort und ich habe mir ihren Namen nicht merken können. Das finde ich noch immer schade. Ihr Werk brachte mich jedenfalls zu diesen und anderen Gedanken. Das Wort „Tinte“ allein stellt eine direkte Verbindung zum Schreiben her wie die Farbe zum Malen. Ich machte mir vor Ort Notizen und arbeitete an den folgenden Tagen den Text Kraken aus:

Als schließlich zögernde Tentakel
Aus größter Tiefe riefen
Schliefen eigentlich längst alle Träume
Und Räume voller Flucht wurden
Dank der Tinte bunter
Alles wurde
Bunter
Wechselfarbig in Angst und kurz
Ganz kurz vor dem Angriff
Ich sehe aus wie der Boden
An den ich mich presse
So verdichtet dass ich
Mit meiner Furcht malen kann
Malen
Muss

Meinen eigenen Text möchte ich nicht interpretieren, aber die Geschichte dürfte ihn in ein helleres Licht gerückt haben.

Den Titel Kraken habe ich übrigens gewählt, weil er mystischer und weniger direkt klingt als „Tintenfisch“ und dennoch klarstellt, woher die Bilder im Text stammen. Dass die Bezeichnung wissenschaftlich möglicherweise nicht zu allen Assoziationen passt, habe ich bewusst in Kauf genommen.

 

 

Unter der Kategorie „Alte Milch“ im Klappmenü rechts finden sich weitere Beiträge zum Buch.

Erhältlich ist Alte Milch überall als Taschenbuch (z.B. bei Amazon oder bei Books on Demand) und in Kürze auch als Ebook.

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