Allgemein, Autorenleben, Theorie

Eine Erinnerung an Slava Polunin

Wo ich mit diesem Blogeintrag hin will, weiß ich noch nicht. Es dreht sich um die Erinnerung an den Clown Slava Polunin und seine Show, die ich vor etlichen Jahren gesehen habe. Ich fange einfach mal an und schaue, wo es mich hinführt.

Ein Clown betritt die Bühne. Er wirkt schmutzig, alt, müde, traurig. Um seinen Hals ist eine Schlinge gelegt. Er will sich erhängen. Das dicke Seil führt von der Schlinge durch seine linke Hand, über den Boden und ins Off. Er schaut ins Publikum, geht ein paar Schritte, zieht das Seil hinter sich her. Es ist länger, als man geglaubt hätte. Dann zieht er am Seil, erst langsam, dann schneller, und mit einem letzten Ruck springt ein zweiter Clown auf die Bühne, um dessen Hals das andere Ende des Seils als Schlinge gebunden ist. Das Publikum lacht. Die Szene ist todtraurig, aber bringt das Publikum zum Lachen.

Den Großteil der restlichen Show habe ich vergessen. Es ist, wie gesagt, etliche Jahre her, vielleicht 10 oder 12 oder noch mehr. Diese Szene jedoch ist mir geblieben. Sie ist nicht bloß eine der wenigen Clown-Szenen, die mir wirklich gut gefielen, sondern scheint mehr zu bedeuten, als mir gerade klar ist. Vielleicht ist es simpel. Vielleicht soll es sagen, dass wir nicht allein sind, dass wir alle gemeinsam in dieser Misere stecken, welche auch immer das sein mag. Vielleicht bedeutet es, dass auch oder gerade Unglück verbindet. Das gefällt mir. Wir sind nicht allein, ganz besonders dann nicht, wenn wir davon überzeugt sind.

Gibt es eine Gemeinschaft der Leidenden (um es mal besonders theatralisch auszudrücken)? Schweißt uns, die wir uns ausgestoßen fühlen oder traurig oder schwach oder schlicht anders, genau das zusammen? Ich glaube, Menschen, die Leid in irgendeiner Form erlebt haben, ein besseres Gespür für das Leid anderer haben. Leidende haben eine größere Kapazität für Mitleid. Dass manche stumpf werden von ihrer eigenen Erfahrung, kommt natürlich auch vor. Das ist dann das berühmte was dich nicht umbringt, macht dich stärker, das diejenigen meinen, die selbst weniger durchgemacht haben. Vielleicht sollte man es umformulieren. Was dich beinahe dazu gebracht hätte, dich selbst umzubringen, macht dich stärker und sensibler? Natürlich klingt das weniger knackig.

Die Szene mit den beiden Schlingen könnte aber auch bedeuten, dass das Leid der einen Person das einer anderen nach sich zieht, wie der Clown das Seil und den anderen Clown auf die Bühne gezogen hat. Doch die Version missfällt mir. Sie zwingt eine Bürde auf, die Bürde, an andere zu denken und auf andere zu achten, wenn man gerade auf sich selbst achten sollte. Man sollte nicht vergessen, was man anderen antut, wenn man sich selbst etwas antut, aber das darf nicht der Grund sein, sich selbst nichts zu tun.

Die doppelte Schlinge nimmt beiden Clowns die Möglichkeit, sich zu erhängen, es sei denn, sie arbeiteten zusammen und würden sich gemeinsam über einen Ast baumeln lassen. Einerseits nähme dies dem Suizid beider das Urprivate der Handlung. Andererseits führte es zu einer tragikomischen Situation, die man mit etwas Artistik sogar hätte aufführen können. Beide baumeln wie zwei Teile eines Kugelstoßpendels und in der Panik, die im Todeskampf automatisch auftritt – ich glaube, jede*r überlegt es sich im letzten Moment anders –, versuchen sie, zu entkommen. Einer der beiden klettert am anderen und dessen Hälfte des Seils nach oben, was den anderen auf den Boden befördert und beide rettet. Sie stünden wieder am Anfang.

Es gibt eine alte und nur selten direkt ausgesprochene Ansicht in der Kunst, die besagt, dass Leid den Menschen adelt. Personen, die mehr leiden als andere, sind besser als diese anderen. Ich führe das für mich persönlich auf zwei Punkte zurück: 1. Die christliche Heiligen- und Märtyrertradition (als Vorbild sozusagen) und 2. der Selbstschutz derer, die viel durchgemacht haben. Den zweiten Punkt sollte man wohl erklären. Ich glaube, um den Selbstwert zu retten oder wiederherzustellen, der durch Mobbing, Ausgestoßensein, scheinbare Unzulänglichkeit oder Fehlerhaftigkeit beschädigt worden ist, tendieren viele Menschen dazu, sich gerade wegen der Gründe, die sie anders machen, für besser zu halten. Da sich gerade diese andersgearteten Menschen zur Kunst hingezogen fühlen, wurde die Ansicht zur Tradition und möglicherweise liegt darin auch wieder der Grund für die angesprochene Heiligen- und Märtyrertradition in vielen Religionen. Daher könnte auch noch das Gemeinsamkeitsgefühl der Andersgearteten kommen. Kein simples wir sind beide anders, sondern ein wir sind beide anders und daher besser. Ich möchte niemandem damit auf den Schlips treten, ich habe mich selbst oft genug so gefühlt, und es ist ja auch wahr, dass Menschen, die etwas durchgemacht haben, eine interessante Geschichte erlebt haben und das könnte man als größeren Wert deuten als einen Standardlebenslauf (sofern es so etwas gibt). Natürlich handelt es sich um eine Verallgemeinerung und trifft keineswegs auf jede*n zu. Im Film Split geht es zum Teil darum. Das monsterhafte Wesen, das am Ende auftritt, hält nur jene für seinesgleichen und für lebenswürdig, die gelitten haben. Eine traurige, verdrehte und irgendwie nachvollziehbare Version des Gedankens, oder? Wer nicht gelitten hat, soll leiden, um die Welt wieder fair zu machen. Wie unglaublich traurig.

All das wische ich aber lieber beiseite. Slava, der traurige Clown, zeigt, dass wir nicht allein sind mit unseren Problemen, dass es immer andere gibt, denen es auch so geht, ganz gleich, wie allein wir uns fühlen, und dass wir es gemeinsam schaffen können, unsere Probleme zu überwinden. Das gefällt mir. Bleiben wir dabei.

Ein Gedanke zu „Eine Erinnerung an Slava Polunin“

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