Allgemein, Autorenleben, Theorie

Wie funktioniert Interpretation?

(Eines vorweg: Dies ist keine Anleitung für korrekte Interpretationen und nutzt niemandem, der gerade nach Hilfe bei den Hausaufgaben sucht.)

Durch das Buch, das ich gerade lese (Hans-Joachim Maaz: Das falsche Leben), kam ich auf ein paar interessante Gedanken und Fragen. Zunächst dachte ich, dass ich die bildlichen Vergleiche in der Psychoanalyse hochinteressant finde, aber ich frage mich, inwiefern sie zutreffend sind oder sein können. Asthma als Erkrankung, die anzeigen soll, dass man sich erdrückt fühlt und einem die Luft zum Atmen in einer Beziehung (z.B. zu den Eltern) fehlt, klingt spannend, aber scheint mir völlig unbeweisbar oder wenigstens auf einen Glauben an einen Verstand hinzuweisen, der selbst bildhaft denkt und reagiert. Von den Thema habe ich allerdings zu wenig Ahnung, um es ernsthaft bewerten zu können. Mir kam durch diesen Gedanken jedoch die Idee, dass diese Vergleiche und dieses bildhafte Denken der literarischen Interpretation recht nahe zu stehen scheint.

Vor einer Weile habe ich Michael Leuchtenbergers Geschichte Das Archiv interpretiert (Hier geht es zum entsprechenden Artikel: Alte Akten und wilde Spekulationen). Diese scheint mir noch immer passend zu sein. Aber wie funktioniert eine Interpretation? Warum erscheint es logisch, Akten als Erinnerungen zu verstehen?

Für ältere literarische Epochen gibt es schon lange gewisse Regeln, um Texte zu verstehen. Dabei denke ich beispielsweise an die blaue Blume in der Romantik, die für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen steht laut Wikipedia (und vielen anderen Quellen). Kennt man eine solche Regel und weiß, dass sich die Autor*innen der Romantik sich daran gehalten haben, fällt eine Interpretation erheblich leichter. Jedoch muss irgendwer auf die Idee gekommen sein, dass eine farbige Pflanze für innere Vorgänge stehen könnte. Wie kann das sein? Wie und wieso ziehen wir Parallelen zwischen derart unterschiedlichen Dingen?

Zunächst mal sollte klargestellt werden, dass ich diese Fragen nicht stelle, weil ich sie beantworten kann, sondern weil ich sie mich beschäftigen. Mit Texten wie diesem hier versuche ich selbst schreibend und denkend mögliche Antworten zu entwickeln. Es handelt sich um einen schreibenden Denkprozess. Wo sind also die Verbindungen und warum erscheinen sie mir logisch? Eine mögliche Lösung könnte in einem erweiterten Blickwinkel gefunden werden. Eine Akte beziehungsweise das Wort allein kann noch nicht legitim mit einer Erinnerung gleichgesetzt werden, auch wenn man Erinnerungen als Daten im Gehirn bezeichnen könnte und Aktenordner physisch festgehaltene Daten beinhaltet. Trotzdem wäre es zu weit gegriffen, jede Erwähnung von Akten(ordnern) in der Literatur als Erinnerungen zu interpretieren. Es ist bloß eine einzelne Assoziation. Man muss selbstverständlich die gesamte Geschichte betrachten und Konstellationen oder Ansammlungen ähnlicher Assoziationen sammeln. Die Mischung aus dem Abstieg in einen Keller, alten Akten, einem traumatisierenden Erlebnis und einer erwähnten Psychotherapie bildet ein Netzwerk aus Vorkommnissen, die alle in die gleiche Richtung interpretiert werden können. Hinzu kommen manchmal Schlagworte oder Hinweise innerhalb des Textes (hier der Vergleich zwischen Zeitschriften, die neben den Akten gefunden werden, und Erinnerungen). Dieser Hinweis ist ziemlich deutlich und erzwingt die Interpretationsrichtung schon beinahe, wirkt aber nur aufgrund der Einbindung in das erwähnte Netzwerk.

Damit ist aber noch immer nicht geklärt, wie es grundsätzlich möglich ist, derartige Vergleiche und Assoziationen zu finden. Wahrscheinlich benötigt man zur Beantwortung der Frage erheblich mehr Wissen in Fachbereichen, von denen ich keine Ahnung habe: Psychologie, Neurologie etc. Ich vermute aber, dass man die Bilder in Texten und die Dinge, die sie bedeuten (können), auf gemeinsame Nenner herunterbrechen kann, wie ich es weiter oben mit der Verknüpfung Erinnerungen/Akten – Daten gezeigt habe. Ist das aber bei (scheinbar?) Abstrakterem ebenfalls möglich? Wo ist die Schnittstelle von blauen Blumen und Sehnsucht? Man müsste beide Elemente der blauen Blume untersuchen: Farbe und Pflanze, also Eigenschaft und Gegenstand. Blau könnte als dunkle Farbe durch ihre Nähe zur Nacht ein Hinweis auf Melancholie sein, einem Gefühl, das als Anteil der Sehnsucht betrachtet werden könnte. Eine Blume wiederum ist schön, zerbrechlich und vergeht zwangsläufig. Die Schönheit der Pflanze kann als Bezug zum Objekt der Liebe (einer schönen Frau/einem schönen Mann) verstanden werden, ihre Zerbrechlichkeit mit der Gefahr (oder eingetretenen Situation) eines Endes einer Beziehung und ihr Vergehen im Zusammenhang mit dem Tod und damit einer Nachwelt oder einem transzendenten Zustand. Ohne weitere Hinweise durch ein Assoziationsnetzwerk wirkt diese Interpretation allerdings bei den Haaren herbeigezogen.

Mir ist bewusst, dass es professionelle Arbeiten zu allen erwähnten Themen gibt oder geben müsste, aber mir ist es wichtig, selbst auf derartige Erkenntnisse zu kommen, damit sie besser erinnert und möglicherweise angewandt werden können. Fassen wir also zusammen, was ich glaube herausgefunden zu haben: Die Interpretation von Literatur setzt voraus, dass interpretierte Details auf einen Punkt heruntergebrochen werden können, die sie mit etwas Anderem teilen, um eine neue Bedeutung anzunehmen, und in einer Netzwerk ähnlich zu verstehender Details Bestätigung der neuen Bedeutung finden.

Mir scheint diese von Assoziationen und Bildern getragene Denkweise urmenschlich zu sein. Mit Hilfe von Geschichten können wir Erinnerungen bewiesenermaßen besser verarbeiten und speichern. Denken wir beispielsweise an die Aborigines, die das Land mit Geschichten überzogen haben und sich niemals verlaufen. Denken wir außerdem an die Ursprünge jeder Religion, die in der Zuschreibung von Bedeutungen von Naturerscheinungen liegen, oder einfach an die Art und Weise, wie wir uns an unser Leben und unsere Erlebnisse erinnern: in Form strukturierter Geschichten, die nicht selten Sinn zuschreiben, wo eigentlich bloß Geschehnisse und Zufälle geherrscht haben. Ich finde es faszinierend, dass man literarisches Verständnis auf so tiefem Level mit dem menschlichen Denken und Sein zusammenbringen kann. Damit wäre Literatur eine Ausprägung eines Aspekts unseres Daseins, was mal wieder ihre Bedeutung unterstreicht. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden.

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