Allgemein, Theorie

Horror Vacui?

Vergleicht man klassische westliche Kunst mit klassischer Kunst – klassische Kunst benutze ich hier im Sinne einer Kunst nach lange bestehenden und ungefähr gleich bleibenden ästhetischen Grundsätzen – aus China und Japan, stellt man schnell mehrere grundlegende Unterschiede fest. Einer dieser Unterschiede liegt in der Nutzung der Fläche, die in der westlichen Kunst vollständig gefüllt zu sein hat, während in Asien oft die Leere dominiert. Da ich ein absoluter Laie bin, gehe ich nicht auf Details ein und auch nicht auf die Verbindungen zwischen Kunstverständnis und Religion/Philosophie in den verschiedenen Erdteilen, sondern möchte den angesprochenen Gegensatz als Denkanstoß verwenden, um über literarischen Stil nachzudenken.

Man sollte meinen, dass jemand, der einen Text derartig einleitet, unbedingt eine Lanze brechen wollte für die Sparsamkeit und den Mut zur poetischen Knappheit, doch wäre das in meinem Fall paradox. Sorck ist trotz der vergleichsweise geringen Seitenzahl reichlich gefüllt, sowohl sprachlich ausladend in mancher Hinsicht als auch inhaltlich nicht eben knapp. Aber das ist bloß die eine Hälfte der Wahrheit, denn gleichzeitig habe ich den Leser*innen viel Raum für eigene Vorstellungen und Interpretationen gelassen, und damit eine Überfülle an (für mich persönlich) redundant wirkenden Informationen weggelassen. Ein Beispiel wäre die kaum vorhandene äußerliche Beschreibung des Protagonisten, und auch das Aussehen der Nebenfiguren wird meist nur umrissen. Meine Idee ist grundsätzlich, dass es mir als Leser nicht hilft, wenn eine Figur detailliert beschrieben wird, da ich mir ohnehin eine eigene Vorstellung von ihr mache, die von der des Autoren/der Autorin abweicht. Einen Fürsten stelle ich mir in entsprechender Kleidung vor, auch ohne dass diese beschrieben wird. Solange das Äußere nicht der Charakterisierung der Figur oder dem Inhalt der Geschichte dient, ist es überflüssig und sollte nicht lang und breit beschrieben werden. Andere Ansichten sind selbstverständlich zulässig.

Sinn der oben angesprochenen Leere in japanischer und chinesischer Malerei ist unter anderem die Betonung der wenigen dargestellten Elemente. Alle nicht essentiellen Parts lenken nur vom Wesentlichen ab. Ist das Wesentliche eines Bildes ein Berg, brauche ich keine Wolkenlandschaft, es sei denn, die Wolken sollen die Höhe des Berges betonen. Aus meiner Sicht wären überbordende Beschreibungen wie die Wolkenlandschaft – möglicherweise hübsch, aber überflüssig und vielleicht sogar störend.

Wie man in bisherigen Artikeln feststellen konnte, verstecke ich gern Spielereien in meinen Texten (und in meinen gemalten Bildern, die nur selten noch einen weißen Fleck aufweisen, übrigens auch), Hinweise und Anspielungen. Das alles erfüllt einen Zweck, wäre aber bei strenger Befolgung einer Poetik der Knappheit wegzustreichen. Doch wo käme man hin, verfolgte man so eine Poetik? Vermutlich zurück zur Neuen Sachlichkeit, und da wollen wir nicht wieder hin, oder? Entsprechend müsste man an anderer Stelle eine Trennlinie ziehen. Meine Geschichten finden im Kopf statt. In den Köpfen der Figuren und in den Köpfen der Leser*innen. Action kommt vor – in Sorck sogar nicht wenig – und dient doch bloß der Untermalung des tieferen Sinns, dient Interpretationen und Lesarten. Im Roman bleibt absichtlich unklar, ob die Handlung tatsächlich passiert, ob sie allegorisch zu verstehen ist, ob sie vom Protagonisten geträumt oder fantasiert wird. Darüber soll man nachdenken, denn möglicherweise ändert die Lesart auch das Verständnis des Werkes.

Generell ließe sich streiten, was knapp, was leer, was genug, was zu viel oder zu wenig bedeuten soll, wenn es um Literatur geht. Am Ende ist es eine Frage des Stils auf Seiten der/des Schreibenden und eine Frage des Geschmacks auf Seiten der Lesenden. Als Leser genieße ich ausgelassene, poetische Sprache genau so sehr wie präzise, auf den Punkt formulierte Sätze. Sprachlich bin ich da offen, solange die Qualität stimmt. Inhaltlich jedoch bin ich wählerischer, verdrehe bei blumigen, unnötigen Um- und Beschreibungen die Augen und lege im schlimmsten Fall das Buch weg.

Wie seht ihr das?

2 Gedanken zu „Horror Vacui?“

  1. Langweilige Diplomatenantwort: Ich mag da einen Mittelweg. Bei fehlenden oder zu kargen Beschreibungen fühle ich mich ein wenig verloren. Sie dürfen sie ruhig auch mal (!) länger und detailreich sein, für mich regt das die Fantasie eher noch an. Aber wenn sich innerhalb eines Textes jede Beschreibung in die Länge zieht, sich wiederholt oder zu bemüht originell klingt, dann nervt es.

    Gefällt 1 Person

    1. Die Diplomatenantwort ist doch eine gute Antwort! Man muss immer das richtige Maß finden. Manche Autor*innen sind besonders wegen ihrer Beschreibungen in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen worden. Proust wäre das beste Beispiel. Bei ihm sieht man wirklich, was er uns zeigen will, und hört sogar die Musik, die er beschreibt.
      Es ist wie immer: zu viel ist schlecht und zu wenig ist auch schlecht.

      Gefällt 1 Person

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