Erschütterungen. Dann Stille.: Murder Me!at

Über die Erzählung “Murder Me!at” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Murder Me!at HEADER

Chaos ist nur dann wirklich schön, wenn es geplant ist, und in der Erzählung Murder Me!at in Erschütterungen. Dann Stille. herrscht das Chaos. Geplante Unplanbarkeit. Im Folgenden wird es Spoiler geben, also lest zuerst die Geschichte und dann diesen Eintrag!

Content Notes: Parasuizidalität, Tierleid, Gewalt

Sie haben Gewehre

Sie haben Gewehre war der Arbeitstitel des Projekts, das schließlich Murder Me!at heißen sollte. Der Arbeitstitel war mir zu simpel. Murder Me!at wiederum erinnert an den Ausspruch Meat Is Murder, wie in dem gleichnamigen Album von The Smiths oder von unzähligen Protestplakaten von Tierschützer*innen. Das Ausrufezeichen wiederum teilt den Titel in Murder Me! und Murder Meat. Wollte man unbedingt aus dem at noch etwas machen, könnte man es als Hinweis auf die vielen Orte lesen, an denen das Chaos die für alles verantwortliche Person dahinraffen könnte. Tatsächlich erfährt man ja nicht, ob die Person, die hinter dem Chaos steckt, nicht darin umgekommen ist, vielleicht sogar sehr früh.

Kampf für die Umwelt

Neben friedlichen Protesten gegen die Umweltzerstörung, die seit Jahrzehnten stattfinden und dennoch die Klimakrise nicht stoppen konnten, was wohlgemerkt nicht an den Kämpfenden lag, sondern an der Ignoranz der anderen, gibt es zahlreiche Fälle von radikaleren Umweltschutzansätzen und -organisationen. Menschen ketten sich an Bäume. Andere, wie die Leute von Sea Shepherd blockieren Walfänger oder versenken sogar Fischerboote, die in Schutzzonen agieren. Der Kampf ist wichtig und all diese Ansätze haben ihre Berechtigung.

Üblicherweise verbinden wir radikalere Aktionen eher mit dem Schutz für Tiere als mit einem Kampf um Pflanzen. Es gibt allerdings auch unter dem groben Oberbegriff Guerilla Gardening Ansätze, die sich um die Pflanzenwelt drehen. Guerilla Gardening fängt mit der illegalen Bepflanzung – eine kaputte Wortkombination, oder? – von öffentlichen Grünstreifen an, geht über die Bombardierung von leerstehenden Bauflächen mit Saatbomben (z.B. aus Glühbirnen gebaut, um Pflanzensamen zu verteilen, direkt mit Dünger dabei) und bis zum Aufschlagen von Autobahnasphalt, um dort Bäume in den Weg zu pflanzen. Diese letzte Aktionsart taucht auch in Murder Me!at auf.

Zerstörung als politische Aktion ist immer fragwürdig und doch zeigt sie Wirkung. Neben der Aufmerksamkeit für die Sache, die meist schon alles ist, worum es geht, kann die Wirkung von Zerstörungsaktionen auch negative Presse sein oder sogar das Kippen der öffentlichen Meinung in eine entgegengesetzte Richtung. Durch die Umweltschutzbewegung sowie politischen Terrorismus habe ich mich zu Murder Me!at inspirieren lassen. Dass die am Chaos schuldige Person in der Geschichte keineswegs Gutes tut oder auch nur am Wohl von Tieren interessiert zu sein scheint, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Aber sicher ist sicher: Es geht hier nicht um meine Sicht auf Umweltschutzorganisationen. Dieser Ausflug dient lediglich der Erklärung des Entstehungshintergrunds meiner Erzählung.

Geplante Unplanbarkeit

Zufall könnte eine Illusion sein und ist es in den allermeisten Fällen auch. Zufallsgeneratoren generieren nichts zufällig. Die meisten Geschehnisse, die wir als Zufall bezeichnen und verstehen, sind eigentlich End- oder Zwischenpunkte langer Kausalnetze (Netze und nicht Ketten, weil es zu viele Quer- und Zwischenverbindungen gibt, um sie noch als Kette bezeichnen zu können). Alles und jede*r funktioniert nach Regeln. An dieser Stelle könnte man rund um die tatsächliche (oder nur vermutete?) Zufälligkeit von Quantenereignissen argumentieren, aber so weit muss es hier nicht gehen. Was wir „zufällig“ nennen, ist meistens bloß etwas, das wir nicht überblicken oder verstehen können. Ein Zufallsgenerator ist für uns zufällig genug und das Verhalten von Tieren (besonders in Panik oder in ungewohnten Situationen) erscheint uns ebenfalls nicht vorhersehbar.

Die Person, die hinter den Anschlägen auf die namenlose Stadt in Murder Me!at steckt, lässt das Chaos genau auf diesen Elementen fußen: Zufallszeitzünder und das Verhalten von Tieren. Allerdings überlässt er es wiederum nicht dem Zufall, ob es zu chaotischen Szenen kommen wird oder nicht, denn er trainiert die Tiere, er bewaffnet sie, setzt sie unter Drogen oder macht sie zu laufenden Bomben, aber sobald sie losgelassen werden, kann niemand mehr kontrollieren, was geschehen wird.

Der Joker?

Eine bekannte Comicfigur, die gern mit scheinbarem Chaos spielt, ist der Joker von DC. Denkt man an Verfilmungen mit dem Joker in Kombination mit dem Chaos-Element, fällt einem zuallererst The Dark Knight ein. (Einen Blogeintrag über den neueren Film Joker, findet ihr hier: Joker: What we f*cking deserve) Besonders die Szene im Krankenhaus, wenn der Joker den Staatsanwalt Harvey Dent per Münze entscheiden lässt, ob er sich von ihm erschießen lässt oder nicht. Schaut man genau hin, hält der Joker den Revolver so, dass sein Finger den Schlagbolzen blockieren würde und kein Schuss abgefeuert werden könnte, selbst wenn der Staatsanwalt abdrücken würde. Scheinbares Chaos.

Der Absatz eben hat mehr mit Assoziation zu tun als mit der Entstehung von Murder Me!at. Vielleicht wurde ich unterbewusst vom Film inspiriert. Wer weiß so etwas schon.

Abrundung

Was wollte ich also mit Murder Me!at ausdrücken oder anregen? Einerseits ist die Geschichte eine obszöne parasuizidale Fantasie. Stellt man sich vor, wie die verantwortliche Person durch die Stadt läuft und einen Kick dabei hat, dass sie jeden Moment umkommen könnte, aber nicht so weit geht, sich selbst umzubringen, versteht man den Zustand, in dem manche Menschen (z.B. ich) gelegentlich durchs Leben gehen. Eine komplexe Version von Russisch Roulette. Andererseits ist Murder Me!at durchaus als Denkanregung zu verstehen. Affen aus Versuchslaboren, Drogenüberdosen, Gewalt und eine Presse, die sich nie lang genug für Dinge interessiert, sondern lediglich kurzfristig Aufmerksamkeit generieren möchte, um die Auflage zu steigern. So viel unnötiges Leid. Nur weil eine Person Lust darauf hatte und sowohl Mittel als auch den Willen, es umzusetzen. Das ist doch zum Kotzen. Kommt euch das bekannt vor? Vielleicht kann man ja etwas dagegen tun.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 1985 geboren, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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