Erschütterungen: Das Cover

Blick hinter die Kulissen: Entstehung des Covers von Erschütterungen. Dann Stille.

Ohne Buchcover geht es nicht. Es ist das erste Element eines Buches, das Leser*innen sehen, sein Gesicht. Besonders für mögliche Leser*innen, die Buch und Autor*in noch nicht kennen, ist das Cover ein Verkaufsargument oder wenigstens ein verkaufsförderndes Argument. Es soll Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bereits eine Vorstellung des Genres vermitteln. Ich bin kein Fan von Covern und schreibe keine Literatur, die man am Cover erkennen oder mit Hilfe des Covers besser einordnen könnte. Dennoch habe ich viel Freude an der Entwicklung eigener Cover zusammen mit einem guten Freund. Hier also soll es um das Cover der Kurzgeschichtensammlung Erschütterungen. Dann Stille. gehen.

Elemente

Auf der Suche nach einem Motiv fürs Cover von Erschütterungen. Dann Stille. musste ich diesmal noch intensiver überlegen als im Falle von Sorck, Das Maurerdekolleté des Lebens oder Alte Milch. Das lag hauptsächlich an der Natur des Buches. Es handelt sich nicht um eine einzige Geschichte oder einen dicht zusammenhängenden Komplex von Geschichten, sondern um 29 einzelne Erzählungen, die lediglich ein Oberthema teilen.

Das wichtigste Element, das irgendwie vertreten sein sollte, war logischerweise die Erschütterung. Außerdem wird in den Geschichten nicht wenig Alkohol konsumiert. Das wäre also ebenfalls ein guter Punkt, den man einbauen könnte. Schließlich hätte ich noch gern einen konkreten Bezug zu mindestens einer Geschichte gehabt. Das waren die drei sehr groben Elemente, die ich gern im Covermotiv vereint hätte. Wie die ersten Ideen aussahen und wie sich daraus das Cover entwickelt hat, werde ich gleich darstellen, aber zuvor zeige ich es euch mal.

Erschütterungen. Dann Stille.: Das Cover

Was sehen wir? Klar im Fokus steht ein Weinglas, das auf einer ausgestreckten Hand ruht und auf dessen Kante wiederum ein umgekehrtes Kartenhaus balanciert wird. Im Weinglas befinden sich einige Weintrauben. Fertig.

Das dominierende Element des Bildes ist Gleichgewicht, ein großer Balanceakt, der für sich schon kaum (oder realistischerweise gar nicht) gehalten werden kann und durch eine – Achtung! – Erschütterung vollends ruiniert werden würde. Man kann sich denken, dass eine Idee dahintersteckt. Am besten kann man diese Idee verstehen, wenn ich etwas aushole und die Entwicklung der Idee nachzeichne.

Die erste Idee

Eine Art Stillleben: Ein Stück Pizza liegt auf aufgerissenem Asphalt, ein Strunk Weintrauben daneben und ein leeres Glas (Whiskey Tumbler oder Weinglas). Mir gefällt die Idee noch immer.

Der gerissene Boden würde sich auf die Erschütterungen beziehen, die Folgen eines Erdbebens oder einer Explosion. Die Pizza bezöge sich auf die Erzählung Übler Nachgeschmack und damit auf eine ganz andere Art von Erschütterung. Die Weintrauben können unschwer der Kurzgeschichte Trauben zugeordnet werden, während sich das Glas auf den Alkoholkonsum in mehreren Storys in Erschütterungen. Dann Stille. bezieht.

Leider ist diese Version, die ich mir wie ein surreales Stillleben vorstelle, nie bis zum Fotostadium vorgedrungen. Daher müsst ihr jetzt eure Fantasie anstrengen und euch das Bild vorstellen.

Warum habe ich diese Idee verworfen? Einerseits gab es einige Fragen bezüglich der technischen Umsetzung, dann war es bereits Herbst geworden und obwohl sich dieser Herbst wie ein missratener Sommer anfühlt, erschwerte der Regen doch unsere Pläne, und letztlich befürchtete ich, dass das Motiv zu random und langweilig erscheinen könnte für ein Buchcover.

Eine neue Idee

Die nächste Idee benötigte ähnliche Elemente, sollte aber 1. indoor umsetzbar sein und 2. einen weniger platten (wörtlich zu verstehen) Aufbau haben. Die erste Idee hätte komplett auf dem Boden, fast zweidimensional, stattgefunden. Ich wollte etwas, das in die Höhe steigt.

Statt die Auswirkungen einer Erschütterung zu zeigen (wie den aufgerissenen Boden), habe ich mich dafür entschieden, zu zeigen, was erschüttert werden könnte. Das Leben, symbolisch dargestellt. Okay, okay, das klingt etwas übertrieben, aber ist möglich. Das Leben ist eine instabile Konstruktion, die wir errichten auf Gewohnheiten, Gelerntem, Beziehungen, Traumata und vielem mehr. Ich brauchte etwas, das man stapelt, aus dem man Konstruktionen baut. Zuerst dachte ich an Bauklötze. Die hätten dem Cover Farbe gegeben, was allerdings nicht zum Stil meiner sonstigen Cover gepasst hätte. Bauklötze sind außerdem zu klotzig. Ich mochte allerdings, dass man sie sofort mit der Kindheit in Beziehung bringen kann, was zum Aufbau eines Lebens passt, da viele Bausteine des eigenen Lebens und Erlebens in der Kindheit gelegt werden.

Nur Steine oder anderes Stapelbares allein wäre langweilig und unsinnig gewesen. Also hätte ich gern ein Glas mit eingebaut. Ich dachte an einen Whiskey Tumbler, an den sich die Steine als Stütze lehnen und den sie einmauern. Da es im Zusammenhang mit Alkohol in Erschütterungen. Dann Stille. um Sucht geht, wäre die symbolische Aussage interessant gewesen. Eine Erschütterung bringt die Ordnung durcheinander, wirft die Steine um und das Glas bleibt stehen als sei es eine Lösung. Rückkehr zu schlechten Verhaltensweisen.

Statt der Bauklötze kam ich relativ bald auf Spielkarten. Sprichtwörtlich bauen wir ständig Kartenhäuser, die uns schützen sollen, unterstützen sollen. Argumente, die keine sind, werden übereinander gestapelt und wir hoffen, dass wir uns selbst irgendwann glauben werden. Sucht funktioniert manchmal so. Aber auch viele andere Verhaltensweisen. Außerdem kann man mit Spielkarten spielen, was wiederum auf die Kindheit bezogen werden kann. Spielkarten passen wunderbar in Kneipen, die ebenfalls im Buch vorkommen. Als Element passte es also. Dass man das Glas füllen könnte, fiel mir natürlich auch bald ein – halb voll, halb leer? Damit waren wir wieder bei Trauben (wobei die schon ins Wanken geraten waren).

Der künstlerische Blick

Obwohl ich mir ganz gut etwas Ahnung im literarischen Bereich andichten kann, fehlt mir diese Ahnung, was optische Medien angeht. Es fällt mir schwer, mir Bilder vorzustellen oder mir Bilder anders vorzustellen als sie sind. Sagt man mir: „Das ginge auch etwas dunkler, würde dir das gefallen?“, habe ich keine Ahnung, weil ich es mir nicht vorstellen kann.

An dieser Stelle kommt mein Freund Toby ins Spiel. Toby hat genau die Ahnung, die mir fehlt, und das nicht nur in Sachen bildliche Vorstellungskraft, sondern auch in der Umsetzung (Fotografie, Zeichnen, Grafikprogramme, Handwerkliches etc.) dieser Vorstellungen. Er hat sich meine (sehr sehr groben) Skizzen angesehen und sich angehört, wieso ich welche Elemente verbaut habe. Nach kurzer Überlegung hat er die Komposition komplett umgestellt, das künstlerische Level der Idee massiv erhöht, sie weniger offensichtlich gemacht, und dennoch alle wichtigen Elemente beibehalten.

Die neue Komposition

Kartenhaus, Weinglas, Trauben, leicht zu erschütterndes Gleichgewicht. Während meine Idee einer ungelenken Kinderzimmerkonstruktion ähnlich sah, wirkt die neue Komposition zerbrechlich, künstlerisch und symbolkräftig. Jetzt mussten wir das Monstrum nur noch umsetzen. Es war erheblich komplizierter, als es hier klingen wird.

Das Glas hatten wir, eine Leihgabe aus Tobys Küchenschrank. Weintrauben waren schnell besorgt. Die Hand ist meine. Bleibt das Kartenhaus, aber *+%$ war das nervig. Wie ich jemals Modellbau als erheblich jüngerer Mensch zum Hobby haben konnte, wundert mich. Ein Kartenhaus ohne Klebstoff zu bauen, ist schwierig, und mit Klebstoff ist es auch nicht viel leichter. Egal. Ich habe zum ersten Mal eine Heißklebepistole in die Hand genommen und ein Kartenspiel zerstört.

Diese unschöne Version hat mich etwa eine Stunde gekostet. Die Version, die wir für das richtige Foto gebrauchen konnten, nötigte mir fast drei Stunden ab, und ich bin kein geduldiger Mensch. Aufgehängt haben wir das Kartenhaus an dünnen Bändern an der Decke. Grundsätzlich funktionierte es. Fehlte nur noch der richtige Hintergrund, die Beleuchtung, der Winkel … Also fast alles.

Fotos

Wir entschieden uns für Aufnahmen in meiner Wohnung, um Hintergründe auszutesten. Zunächst wollten wir einen volleren Background, der „inhaltlich“ passte. Die Entscheidung fiel auf meine Bücherregale.

Man beachte die schöne Ausleuchtung und das Schattenspiel. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir dahin gekommen waren. Es kostete uns außerdem eine Lampe, die im Eifer des Gefechts zerschmettert ist.

Da ich bereits vermutete, dass das Bücherregal als Hintergrund zu unruhig sein könnte, versuchten wir es noch an einer anderen Stelle. Wiederum etliche Versuche später, entstand dieses schöne Bild.

Hier gefallen mir die zueinander passenden Winkel der Wand und des Kartenhauses. Leider ist das keine Absicht gewesen, sondern wunderschöner Zufall. Fast schade, dass die helle Fläche nicht zum Cover, der Schrift usw. gepasst hat. Fehlte „nur“ noch die Nachbearbeitung.

Nachbearbeitung

Helle Fläche passend zur dunklen, Fäden entfernen, weitere Kleinigkeiten, Schrift (Position, Stärke, Wirkung und und und), Buchrücken und Rückseite (bei beiden wieder Einpassung des jeweiligen Textes mit allem drum und dran) nach Vorgaben des Distributors und dann noch einmal in anderer Version für E-Books. Punkt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass ich keinen fairen Lohn für diese ganze Arbeit bezahlen muss und dass ich gleichzeitig das jedes Mal wieder spannende Erlebnis einer gemeinsamen Entwicklung und Umsetzung eines Bildprojekts, das dann zum Buchcover wird, miterleben darf. Mein herzlichster Dank geht an dieser Stelle erneut an meinen guten Freund Toby!

Und weil es so schön ist, kommt das Cover von Erschütterungen. Dann Sille. hier noch einmal:

Verkaufslinks

Kaufen könnt Ihr Erschütterungen. Dann Stille. als E-Book oder Taschenbuch beispielsweise hier:

Amazon (TB) | Amazon (Kindle) | Books on Demand (TB) | Weltbild (E-Book)

Erschütterungen. Dann Stille.: Leseprobe

Erschütterungen. Dann Stille.

Über das vierte Buch von Matthias Thurau: Erschütterungen. Dann Stille. Eine Sammlung von Kurzgeschichten und Erzählungen.

Zum vierten Mal ist es soweit. Ein von mir verfasstes Buch wird veröffentlicht (am 15.11.2020). Mit Erschütterungen. Dann Stille. kommt zum allerersten Mal eine Sammlung von Kurzgeschichten und Erzählungen auf den Markt. 29 Texte auf 194 Seiten. In diesem Blogeintrag möchte ich ein wenig auf den Titel eingehen, darauf, was die Leser*innen im Buch erwartet und welche Blogartikel begleitend hier erscheinen werden.

Erschütterungen. Dann Stille?

Meine Literaturprojekte entwickeln sich im Geheimen, schleichen sich an und stehen plötzlich da. Dass aus einem Romanmanuskript ein Roman werden wird, ist offensichtlich, aber dass eine kurze Geschichte (und dann noch eine und noch eine) schließlich zum Teil eines Erzählbandes wird, ist mir im Moment der Bearbeitung nicht bewusst. Daher benötigte ich im Nachhinein eine Überschrift. Zuerst waren die Geschichten da, dann das Buch.

Die Überlegung, was alle Geschichten miteinander gemein haben, führte mich zu Erschütterungen. Ein Testleser merkte einmal an, dass er gerade jene Erzählungen von mir besonders schätze, in denen es Explosionen gibt. In Sorck gibt es einige davon, in Erschütterungen. Dann Stille. ebenfalls. Das wäre eine Art von Erschütterung. Die meisten Geschichten drehen sich aber um erschütterte Leben, erschütterte Menschen, Traumatisierte und Traurige. Durch Ereignisse aus dem Gleichgewicht geratene Personen, erschütterte Existenzen.

Wenn eine Explosion oder das emotionale Äquivalent zum ersten Mal vorüber ist, kehrt manchmal eine seltsame Stille ein. Die Ohren haben Schaden getragen oder das Hirn kann das Chaos nicht verarbeiten oder man ist einfach allein mit den Trümmern. Ein Streit endet, eine Tür knallt, plötzlich ist es still. Ein Gebäude stürzt in sich zusammen, überall ist Staub und es wird still.

Ich stelle mir meine Protagonist*innen und Erzählinstanzen gern in einer solchen Stille vor. Auch die Leser*innen möchte ich in eine ähnliche, wenn auch abstraktere und beschütztere, Stille versetzen, um sie zum Nachdenken zu bewegen, sie auf sich zu stellen für einen Moment. Es geht mir nicht um Action, sondern um das, was danach kommt.

Weniger ErzählER

Ob es überhaupt erwähnenswert ist, weiß ich nicht, aber nicht alle Figuren in Erschütterungen. Dann Stille. sind männlich und eben so wenig alle Erzählinstanzen. Ich wollte ein wenig weg von der Eindimensionalität dieser Gewohnheit oder Tradition oder wie immer man es sonst nennen möchte. Über viele Jahre hinweg habe ich unbewusst nur Bücher von Männern gelesen und diese wiederum nutzten nur männliche Protagonisten und Erzähler. Ich bin froh, dass ich den Automatismus für mich gebrochen habe.

In Erschütterungen. Dann Stille. gibt es zwar noch immer Protagonisten und Ich-Erzähler, aber auch Perspektiven weiblicher Figuren und Geschichten, die keine Hinweise auf das Geschlecht der Ich-Erzählinstanz geben. Das geht manchmal unter, weil Leser*innen eben doch unbewusst ein Geschlecht auswählen oder herauszulesen meinen. Es ist durchaus interessant, wenn verschiedene Personen die gleiche Geschichte unterschiedlich lesen, weil sie das Geschlecht der Erzählinstanz verschieden interpretieren.

Mehr Herz, weniger Kopf?

Erschütterungen. Dann Stille. enthält mehr Geschichten, die man mitfühlen kann, als verkopfte Storys. Wer Sorck oder Das Maurerdekolleté des Lebens gelesen hat, wird bestimmte Erwartungen an den Erzählband haben. Diese Erwartungen werden nicht enttäuscht, aber auch nicht vollends erfüllt werden. Meiner Meinung nach liegt Erschütterungen. Dann Stille. ungefähr auf halbem Weg zwischen den beiden Prosa-Veröffentlichungen und dem Gedichtband Alte Milch.

Das liegt einerseits an der Kürze der Texte, die eher einen emotionalen Abriss zulassen als eine tiefere Idee. Dass dennoch beides möglich ist, wird man in manchen Erzählungen bemerken. Andererseits sehe ich dieses Buch als weiteren Schritt meiner literarischen Entwicklung an. Während Sorck noch sehr gekünstelt und gewollt erscheint, zwar gut und mit Recht veröffentlicht, aber für mich nicht ganz natürlich, ist Erschütterungen. Dann Stille. deutlicher und fühlt sich zum jetzigen Zeitpunkt richtiger an. Der Erzählband enthält weniger Selbstzwang zur Arbeit und mehr Erzählfreude, denke ich.

Gerade sprachlich spürt man das deutlich. Es gibt auch hier Ausreißer in absichtlich komplexe (oder verwirrende?) Formen, aber Erschütterungen. Dann Stille. ist kein Kraftakt mehr wie der Roman. [An dieser Stelle sollte ich noch anmerken, dass ich verdammt stolz bin auf Sorck und den Roman nicht niedermachen will, sondern heute eine andere Sicht auf ihn habe als zur Entstehungszeit. Das erscheint mir normal.]

Genremix

Da die Kurzgeschichten und Erzählungen in Erschütterungen. Dann Stille. im Laufe mehrerer Jahre entstanden sind und zum Teil ursprünglich für andere Projekte gedacht waren, besteht das Buch aus einem Mix verschiedener Genres. Viele Geschichten sind Ausschnitte aus Leben, die es tatsächlich geben könnte, und haben wenig Fantastisches an sich. Einige überschreiten die Grenzen des Logischen, um dem Symbolischen zu dienen. Dann gibt es die offen surrealen Werke, die schön abgedreht sind, wie man es von mir kennt. Ein Text könnte als Grusel- oder Horrorliteratur durchgehen und eine einzige Geschichte muss man als Science-Fiction bezeichnen.

Diese Mischung dient der Abwechslung und gibt Erschütterungen. Dann Stille. eine größere Auswahl möglicher Perspektiven und Betrachtungen. Chaos entsteht dadurch nicht, da auch in unterschiedlichen Genres eine Verbindung zwischen den Geschichten besteht. Stil, Ideenwelt und Autor bleiben sich erkennbar ähnlich (ohne langweilig zu werden).

Pläne für den Blog

Wie man es schon von mir kennt, wird es auf dem Blog begleitende Texte zu Erschütterungen. Dann Stille. geben. Diesmal hatte ich das bereits bei der Entstehung der Geschichten mitbedacht. Daher ist einiges bereits vorgearbeitet. Geplant ist ein Blogeintrag zum Cover (wie schon bei Sorck und Das Maurerdekolleté des Lebens geschehen), Blogeinträge zu jeder einzelnen der 29 Geschichten, ein Text zum Thema Namen (Suche, Bedeutung, Charakterisierung), einen Eintrag über Kurzprosa allgemein und eventuell noch Blogeinträge über die Erstellung eines guten und kostenlosen Buchsatzes sowie .epub-Formatierung.

Die Texte zu den einzelnen Geschichten wird es allerdings erst später geben, ab Dezember oder Januar. Sie enthalten alle Spoiler, die nicht vermieden werden konnten, und sollten entsprechend nicht vor den Geschichten selbst gelesen werden. Zwar werde ich die Blogeinträge in der Reihenfolge der Erzählungen im Buch veröffentlichen, aber dennoch kann ich von niemandem erwarten, Erschütterungen. Dann Stille. an den allerersten Tagen zu kaufen und sofort zu lesen. Daher die Wartezeit. Wer doch so schnell kauft und liest, wird es mir hoffentlich verzeihen.

Update: Das nächste Projekt

Über die nächste literarische Veröffentlichung und Projekte, die ich noch) nicht geschafft habe.

2020 ist für viele Menschen ein schwieriges Jahr gewesen und noch ist es nicht vorbei. Meine Pläne für dieses Jahr sind massiv durcheinander geraten und vieles hat einfach nicht geklappt. Dennoch konnte ich Das Maurerdekolleté des Lebens veröffentlichen, an einigen Ausschreibungen teilnehmen, den Blog neu gestalten und die Arbeit fürs Buchensemble beginnen. Es folgt ein kleiner Rückblick auf nicht umgesetzte Projekte und eine Vorschau auf die Zukunft.

Nicht geschafft

Den zweiten Roman, der als Rohfassung mit einigen Überarbeitungsdurchläufen bereits weit fortgeschritten ist, konnte bisher leider nicht fertiggestellt werden. Es wird dieses Jahr auch nicht mehr klappen. Ursprünglich sollte er bereits seit Monaten in verschiedensten Postfächern (digital und analog) von Verlagen liegen. Doch bevor das geschehen kann, werde ich mich gewissenhaft daran zu schaffen machen. Einige Monate wird das dauern und vorher stehen noch andere Projekte an.

Bald geschafft

Die nächste Veröffentlichung, die schon so weit fortgeschritten ist, dass ich mir sicher genug bin, sie für dieses Jahr noch ankündigen zu können, wird ein Erzählband sein. Damit werde ich die heilige Dreiheit der Literatur vollendet haben: Roman, Gedichtband, Erzählband. Das ist natürlich nicht der einzige Grund für dieses Projekt. Ich habe Autor*innen immer für ihre Kunst bewundert, in kürzesten prosaischen Texten ganze Schicksale unterzubringen, von Wolfgang Borchert über Jorge Luis Borges bis Ingeborg Bachmann (und natürlich auch bei Autor*innen, deren Name nicht mit B beginnt). Ob ich selbst auch nur ansatzweise mithalten kann, wird die Leserschaft entscheiden müssen. Für die nächste Anthologie von Nikas Erben hat es jedenfalls gereicht und darauf bin ich sehr stolz.

Erzählung oder Kurzgeschichte?

In der Buchbubble wird gerne jede Geschichte, die kürzer als ein Roman ist, als Kurzgeschichte bezeichnet. Ganz korrekt ist das nicht. Daher bezeichne ich das Buch nicht als Kurzgeschichtensammlung, sondern nenne es Erzählband. Es werden Kurzgeschichten darin vorkommen, aber eben auch Erzählungen. Die Texte werden unterschiedlich lang sein, von einer Seite bis zu etwa 30 Seiten Umfang. Durch die vielen kürzeren Geschichten werden etwa 30 Texte ins Buch kommen.

Worum soll es gehen?

Stilistisch und inhaltlich wird es große Unterschiede zwischen den Geschichten geben. Aber kein Text wird Leser*innen, die mich kennen, als Stilbruch erscheinen. Vom Genre her variieren die Storys zwar, aber kreisen alle um den Mix aus Gegenwartsliteratur, magischem Realismus, Surrealismus, den man von mir gewohnt ist, mit einer stilistisch ins Konzept passenden Science-Fiction-Geschichte und ein paar Versuchen ins Horror-Genre.

Düster wird es werden, schmerzhaft, seltsam und etwas gruselig. Es wird um Liebe gehen, um Alkohol, Rache, Versuche, mit sich selbst klarzukommen, die nicht immer funktionieren.

Was sagen die Testleser*innen?

Ich habe Herzen gebrochen, Tränen verursacht und gut unterhalten. So viel kann ich gerne verraten. Die meisten Geschichten wurden von mehreren ausgezeichneten Autor*innen testgelesen. Zum Glück. Nicht nur wurde ich auf verschiedenste Schwächen und Fehler hingewiesen, ich durfte auch völlig unterschiedliche Lesarten und Verständnisansätze kennenlernen. Ich bin unheimlich gespannt, ob und wie dieses Buch bei anderen Leser*innen ankommen wird.

Der Blog

Wie bereits beim Roman Sorck, dem Gedichtband Alte Milch und Das Maurerdekolleté des Lebens wird es auch für den Erzählband mehrere Blogeinträge geben, die auf bestimmte Aspekte des Buchs und einzelner Geschichten eingehen. Geplant ist das übrigens auch für die nächste Anthologie von Nikas Erben. Ihr dürft euch also auf weitere Einblicke in die Werkstatt freuen!

Wann wird das Buch erscheinen?

Nun, wenn ich nicht wieder einknicke unter dem Druck der Seuche, persönlicher Probleme oder globaler Dämlichkeit, sollte das Projekt im November abgeschlossen sein. Ich hoffe, dass es zu Weihnachten unter allen möglichen Bäumen liegen wird. Als Geschenk, nicht weggeworfen.

Seid ihr gespannt? Gibt es Menschen, die bereits vorhaben, das Buch zu kaufen, ohne wirklich etwas darüber zu wissen? Es würde mich freuen.

Warum ich für das Buchensemble schreibe

Was ist das Buchensemble? Warum schreibe ich Rezensionen? Warum schreibe ich Rezensionen für das Buchensemble?

Seit Kurzem bin ich Mitglied beim Buchensemble. Meines Wissens nach hatte es seit der Gründung keine Neuzugänge gegeben. Weil ich neu dabei bin, tauche ich logischerweise nicht in bisherigen Artikeln des Blogs, wie beispielsweise diesem hier Warum wir für das Buchensemble schreiben, auf. Daher verfasse ich jetzt eine Art Addendum auf meinem Blog zum Artikel beim Buchensemble. Aus Platzgründen kann ich hier ausführlicher antworten und werde das auch tun. Aber zunächst:

Was ist das Buchensemble

Das Buchensemble ist eine Rezensionsplattform, dessen Team vollständig und ausschließlich aus Autorinnen und Autoren besteht. Rezensiert werden sämtliche Genres. Dank Erfahrungen aus Sicht Lesender und Schreibender können wir den Texten „die gewisse Tiefe“ geben.

Nun aber weiter:

Warum wir Rezensionen schreiben

Es gibt einige sehr simple Antworten darauf. Ich lese gerne, denke gerne über Gelesenes nach und diskutiere gerne darüber. In Rezensionen kann ich meine Überlegungen und Eindrücke fokussieren und sortieren. Sie helfen mir also selbst, auf weitere Gedanken zu kommen oder erst einmal wirklich zu begreifen, was ich von einem Werk halte und wo möglicherweise Schwächen liegen, die mir beim Lesen nicht bewusst geworden sind.

Bei Rezensionen habe ich andere Leser*innen im Blick und nicht nur den eigenen Spaß am Buch. Das bedeutet, dass ich gezwungen bin, andere Perspektiven auf das Gelesene einzunehmen, was wiederum den Eindruck im Nachhinein ändern kann und mir hilft, einen breiter aufgestellten Blick auf Literatur zu entwickeln.

Manche Bücher verdienen es, besprochen und diskutiert zu werden, während andere es eher verdienen, kritisiert zu werden. Beides ist subjektiv, aber nicht völlig. Ich möchte also auf interessante Werke und Aspekte dieser Werke Licht werfen. Letztendlich möchte ich also teilen, was mir gefällt. In der Gegenrichtung fertige ich aber keine Verrisse an. Das hat einen simplen Grund: Bücher, die ich verreißen würde, lese ich seltenst zu Ende. Würde ich einem Buch 2/5 Sternen geben, werde ich es spätestens nach der Hälfte weglegen. Sollte ich dennoch mal eine Rezension mit einer solchen Bewertung veröffentlichen, hatte ich einen guten Grund, um mich hindurch zu quälen.

Als Autor ist Lesen immer auch Recherche. Bücher besser, anders, neu zu verstehen, indem ich intensiver über sie nachdenke (beispielsweise in Form einer Rezension), hilft mir bei der Arbeit an eigenen Werken. So wird es wohl allen beim Buchensemble gehen. Damit geht es weiter zur nächsten großen Frage.

Warum wir für das Buchensemble schreiben

Mein erster echter Kontakt zum Buchensemble kam zustande, als Magret Kindermann meinen Roman Sorck dort rezensierte: Die bizarre, traurig-witzige Welt des Intellektuellen, Missverstandenen – Sorck.

Entsprechend positiv war mein erster Eindruck.

Das Team ist ein wichtiger Faktor. Intelligente, hilfsbereite und freundliche Autorinnen/Rezensentinnen, mit denen ich zum allergrößten Teil bereits an anderen Projekten erfolgreich und gerne zusammengearbeitet habe. Die Kommunikation klappte immer sehr gut und das ist mir wichtig.

Das Besondere am Buchensemble ist das Grundkonzept, dass alle Rezensent*innen auch (und zuallererst) Autor*innen sind. Diese Idee gefällt mir. Damit ändert sich die Perspektive auf die gelesenen Werke und es entsteht, wie oben beschrieben, potenziell eine größere Tiefe in den Rezensionen.

Natürlich verbinde ich auch eigennützige Hoffnungen mit der Arbeit beim Buchensemble. Ich hoffe beispielsweise, mehr Kontakte mit anderen Autor*innen, Blogger*innen und generell interessanten Menschen herstellen zu können, und mehr Reichweite zu generieren, um Bücher zu pushen, die mich bewegen – dazu zählen selbstredend auch meine eigenen. Doch das ist wohl kaum verwerflich. Literatur begeistert mich und ich hoffe, dass meine Literatur andere begeistert.

Also: Warum fürs Buchensemble schreiben? Weil es mich auf vielen Ebenen weiterbringt, mit einem großartigen Team an einem gut organisierten Projekt zu arbeiten, und all das in einem Bereich, der mir Freude macht.

Links

Falls Ihr euch einen besseren Einblick verschaffen wollt, schaut doch mal hier vorbei:

Buchensemble – Über uns: Matthias Thurau

Wie wichtig ist Figurentiefe? – Pixeltänzer

Graue Reisen: Ich – ein anderer

 

Gastbeitrag: June T. Michael über BDSM als Utopie

Wie BDSM mithilfe richtiger Kommunikation und gerechten Miteinanders zum Utopie-Entwurf wird.

Wer schreibt hier eigentlich?

Ich schreibe unter dem Pseudonym June T. Michael queere BDSM-Geschichten aus der Welt von Arl Sere. Das hat sich einfach so ergeben – ebenso, wie ich eigentlich vollkommen zufällig ins Erotik-Genre gestolpert bin, hat sich dann zwangsläufig das Thema „BDSM“ herausgeschält und ich lasse mich in der Hinsicht von den Figuren führen. Wenn ich also gefragt werde, warum genau dieses Thema, diese Texte, dann kann ich zwar gerne rückwirkend Dinge herleiten (wie den Beginn mit der Lektüre furchtbarer Erotikzitate auf Twitter und die Frage, ob ich, wenn ich schon meine, es besser zu können, es nicht einfach machen soll – aber da war mehr und ich kriege es nicht zusammen), aber keinen Ausgangsfunken rekonstruieren, der das „Genau so, genau das“ in meinem Geist entzündete.

Im Vanilla-Job mache ich was mit Textarbeit und Bildbearbeitung, meine Abschlüsse habe ich unter anderem im Bereich „Literaturwissenschaft“. Und wenn ich nicht gerade aktivistisch-queere BDSM-Texte schreibe, fülle ich meine Freizeit mit Gartenarbeit und Twitter.
Außerdem bin ich autistisch und bemühe mich, in einer nicht wirklich für mich gebauten Welt zurechtzukommen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Auch darüber schreibe ich häufig auf Twitter.

June T. Michael - Zwischen Eis & Feuer

Am 01.08.2020 erschien „Gefangen zwischen Eis und Feuer“ – Band 1 meiner Reihe „Erotische Abenteuer in Arl-Sere“. Die Reihe ist so angelegt, dass die einzelnen Bände auch unabhängig voneinander gelesen werden können, es macht allerdings mehr Spaß, sie am Stück zu lesen. Derzeit ausschließlich auf Amazon. Es handelt sich dabei um einen Genremix: Fantasy trifft auf Slice of Life, es geht hier also nicht um epische Abenteuer, bei denen Staaten und Welten auf dem Spiel stehen, sondern um Probleme des Alltags, nur dass diese durch das fantastische Umfeld zusätzlich beeinflusst werden. Explizite Erotik trifft auf BDSM – dabei ist es mir wichtig, gerade letzteres abseits vom leidigen „Fifty Shades of Grey“-Image aufzuzeigen. Man kann eine Geschichte über Wesen, die sich gerne schlagen und erniedrigen lassen, schreiben, und gleichzeitig eine Geschichte über Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme erzählen.

So viel zu meinem Projekt und mir.

Warum ausgerechnet BDSM?

Interesse an entsprechenden Dynamiken hatte ich eigentlich schon sehr lange, zum Teil im Teenie-Alter, auch wenn mir das Vokabular dafür nicht geläufig war – ich habe mich für sexuelle Dinge schlicht und ergreifend nicht interessiert. Sex war etwas, das anderen passierte und die Erkenntnis, dass die Verquickung von asexuellem Spektrum und Interesse an Kink vollkommen normal ist und es auch andere gibt, denen es genauso ging, war erleichternd. Als ich noch zur Schule ging, erschwerte dies allerdings jede Recherche, teils auch, weil ich meine entsprechenden Interessen nicht als erotisch empfand oder nicht in Worte umwandeln konnte, die Suchanfragen ergeben würden.

Später, viel später, rutschte ich durch vollkommenen Zufall in ein Text-RPG rein – meine Figur wurde in einem öffentlichen Ort angeschrieben –, das auf einmal eine kinky Dynamik entwickelte. Anfangs kam ich mit dem sogenannten „Hausverstand“ irgendwie durch, dann fing ich behutsam an, zu recherchieren und irgendwie verselbstständigte sich das. An dem RPG schreiben wir immer noch, inzwischen kann es sein, dass wir an der fünfstelligen Anzahl an Wordseiten kratzen …

Und ich habe eins festgestellt: Es macht unglaublich Spaß, entsprechende Szenen zu schreiben. Viel mehr Spaß, als mir entsprechende Vanilla-Szenen je gemacht haben. Die Frage wäre, warum und damit kommen wir zum nächsten Punkt.

BDSM-Utopie – wie soll das gehen?

Ich bezeichne mein Buch – und eigentlich die gesamte Reihe – gerne mal als BDSM-Utopie. Dazu muss ich etwas ausholen, was ich unter den jeweiligen Dingen verstehe und wie der Widerspruch zwischen einem Spielsystem, das auf Machtgefälle beruht und dem Konzept einer gerechten Welt aufgelöst werden kann.

Utopien sind stets zeit- und kontextabhängig. Zwischendurch kursierte beispielsweise eine US-Theorie, die ich beim besten Willen nicht mehr auffinden kann, weil sie leicht widerlegt werden konnte, der zufolge Platons „Idealstaat“ aus der Politeia eigentlich eine Satire darstellen sollte. Aus unserer Sicht ist der Staat so weit weg von dem, was wir unter Gerechtigkeit verstehen, dass es nur satirisch gemeint sein könne, ausgerechnet so einen Staat als Ideal zu propagieren. Andere Autor*innen entsprechender Literatur, wie der Namensgeber Thomas Morus, brechen von vornherein ihre eigenen Werke in satirischer Form und zeigen somit auf, dass der perfekte Staat zwar literarisch als Gegenentwurf der herrschenden Umstände dargestellt werden kann, es jedoch unmöglich ist, ihn jemals zu errichten.

Andere Utopien wiederum, wie beispielsweise „La città del Sole“ von Tommaso Campanella, mögen zu ihrer Entstehungszeit und aus der Sicht der Verfassenden noch utopisch sein, wären aber für moderne Menschen so weitab von allem, was in irgendeiner Form wünschenswert wäre, dass der utopische Gedanke zur Dystopie wird.

Darum habe ich gar nicht erst versucht, eine Universalutopie zu verfassen. Das ginge auch gar nicht. Ich schreibe entdeckend, somit weiß ich noch nicht, wie alle Staaten von Arl Sere aussehen, aber von den drei mir bisher bekannten ist nur ein Staat für kinky Wesen zugänglich, nämlich Erytan. Ebenso ist Erytan offen für Wesen, die nicht in die Genderbinarität passen (also Leute wie mich). Dass sogar Wesen nach Erytan auswandern, weil dort trans- und nicht-binäre Wesen einfach in ihrem Geschlecht leben können, wird in den auf meinem Blog veröffentlichten Drabbles deutlich, in denen eine trans Frau namens Camelia eine Rolle spielt – in einem davon stellt sich heraus, dass sie gar nicht aus Erytan stammt.

Erytan hat dafür andere Probleme, die dafür sorgen, dass auch dieser Staat seine Unperfektionen hat. Einige davon lösen sich erst im Verlauf des Text-Rollenspiels, da dieses jedoch hundert Jahre nach meinem Roman spielt, bleiben diese Konfliktpunkte dort erhalten oder spitzen sich sogar vermehrt zu.

Das utopische Element ist hier tatsächlich gleichzeitig das BDSM-Element.

Mir ist bewusst, dass die Welt des BDSM – von einer erfolgreichen BDSM-Bloggerin auch „Wunderland“ genannt – auch nicht immer rosig ist, im Gegenteil. Zwar waren meine ersten absichtlichen und bewussten Begegnungen mit dieser Welt durchgängig queer, inklusiv und offen für alle Gender, Lebensentwürfe und Konstellationen, aber es gibt genügend Artikel darüber, dass es sehr große Probleme innerhalb der Szene gibt.
Eine gute Freundin von mir, die in einem Socialmedia-Profil stehen hat, dass sie devot ist, wird gerne beim ersten Anschreiben von Wildfremden beschimpft oder per Erikativ geohrfeigt – sie wolle es ja so. Wenn sie dann sagt, dass dies absolut ungehörig ist, reagieren die (fast immer cis männlichen) Leute recht pikiert oder versuchen ihr zu erzählen, dass sie sich das gefälligst gefallen zu lassen habe, schließlich sei sie eine Sub und das wäre ihr Existenzzweck.
Andere machen viel Geld damit, dass sie in Pick-Up-Artist-Manier „Dom-Kurse“ verscherbeln. Erfolgsgarantien und Verallgemeinerungen inklusive. Und es gibt inzwischen ganze Studien über die Problematik von cis- und Heteronormativität in BDSM-Räumen, Sub-Shaming und ähnliche Phänomene, die dafür sorgen, dass in etlichen davon die Ungerechtigkeitsstrukturen der Mehrheitsgesellschaft verfestigt werden.
Begünstigt durch Veröffentlichungen wie „50 Shades of Grey“, vertieft sich die Dynamik – junge, unerfahrene Menschen, die sich an dem Buch orientieren und denken, es „soll so“, wenn sie gebrochen werden, stehen Leuten gegenüber, die das Dom-Sein (bewusst im generischen Maskulinum) aus ebenjenem Buch gelernt haben.
Ebenso ist mir bewusst, dass diese Buchreihe unter denen, die die missbräuchlichen Dynamiken darin durchschaut haben, zu noch mehr Stigma gegenüber Menschen führt, die einfach nur (um es mit den Worten einer lieben befreundeten Person zu sagen) vor sich hin sein wollen.

All das ist mir bewusst. Wenn ich diese Problematiken in großen Teilen in meinen Romanen ausblende, dann nicht, weil sie mir unbekannt wären oder weil ich sie verdrängen möchte, sondern als durchaus bewussten Gegenentwurf. Ein Aufzeigen, wie es im Idealfall sein soll und wie irgendwann, durch Bücher wie meine und durch andere Formen des Aktivismus, es irgendwann werden soll.

Erytan ist ein Land, in dem diese Probleme weitestgehend unbekannt sind. Teils, weil dort das einzige richtige Fernkommunikationsmedium der Brief ist (es gibt für Notfälle eine – allerdings unzuverlässige, da von einer Gottheit abhängige – Expresslösung) und teils, weil bestimmte Prinzipien schon von Kindesbeinen an Teil der Erziehung sind.

  • Wenn eine Person mit Worten oder Gesten kommuniziert, dass sie nicht angefasst werden will, wird das bedingungslos akzeptiert
  • Wenn zwei oder mehr Personen sich treffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen, wird im Vorfeld abgesprochen, wie das so gestaltet werden soll, dass sich alle wohlfühlen und dann hält man sich ohne zu hinterfragen daran
  • Es ist vollkommen selbstverständlich (und wird nicht einmal besprochen), dass beim ersten sexuellen Kontakt zwischen neuen Personen Verhütungsmittel in mechanischer Form Pflicht sind
  • Ebenso ist es ganz selbstverständlich, wenigstens ein grobes „Weiche Grenzen, harte Grenzen, No-Gos, Allergien, Tabus, Wünsche“-Gespräch zu führen, egal ob es um Sex geht oder beispielsweise um eine Wanderung, man macht einfach
  • Es gibt kein „Wer A sagt, muss auch B sagen“ – wenn es sich eine Person mittendrin anders überlegt, egal um was es geht, wird abgebrochen. Punkt. (Ausnahme bilden Tunnelspiele bzw. Dinge wie Wanderungen, wo man nicht ohne weiteres wegkommt … Aber wo ein Abbruch möglich ist, wird abgebrochen.) Bedingungslos. Kein „Aber warum?“, kein „Du musst das aber durchziehen“.

Und all das sind Prinzipien, mit denen schon Kinder aufgezogen werden. „Wenn dein Freund hinfällt und weint, frag, ob eine tröstende Umarmung in Ordnung ist. Ist sie das nicht, dann lass sie sein. Frag deinen Freund, welche Art von Unterstützung er möchte und akzeptiere die Antwort. Auch wenn diese lautet, dass du dich zurückhalten sollst“.

Dass das kein bisschen selbstverständlich ist, fiel mir verstärkt auf, als ich Familienbesuch hatte und es nicht mehr funktioniert hat. „Nein, das mag ich nicht“ führte auf einmal wieder zu „Aber probiere es doch wenigstens“ und „Das ist mir aufgrund meiner Behinderung nicht möglich“ zu „Du versuchst es einfach nicht ausreichend“. Selbst ein „Nein, dieses Thema triggert mich, sprecht das nicht mehr an, solange ihr hier seid“ führte nicht zum Erfolg.

Ist das nicht „Cherry-picking“?

Mitnichten. Ich finde, dass Kommunikationsprinzipien, wie sie eigentlich im BDSM gelten sollten und in vielen Konstellationen zum Glück auch gelten, auch in Vanilla-Konstellationen und im Alltag ganz abseits von Sex und Kink ihren Platz haben sollten.

Dass – außer bei akuten Notfällen (und nach Möglichkeit selbst dann, sofern die Person ansprechbar ist) – stets das Selbstbestimmungsrecht an oberster Stelle stehen sollte. Dass „Mein Körper gehört mir“ bedingungslos zu gelten hat, nicht nur bei sensiblen Themen wie Schwangerschaft, sondern bei jeder Art von Berührung. Beginnend damit, dass ein Kind nicht allen zur Begrüßung die Hand geben soll, wenn es nicht möchte oder verpflichtet ist, ungewünschte Zärtlichkeit von Verwandten zu ertragen.

Ich nutze im Alltag in komplett Vanilla Situationen inzwischen immer öfter den Ampelcode, weil er einfach … praktisch ist, um schnell zu kommunizieren, dass ich eine Pause brauche oder meine Grenzen in einem Maße überschritten werden, dass die Reißleine gezogen werden muss. Gerade für mich als autistische Person ist das Einüben von kurzen Signalwörtern und Gesten, um zu zeigen, dass es mir nicht gut geht und was ich brauche, zum Teil lebenswichtig. Warum sollten das nicht auch andere tun? Auch Leute, die mit all den anderen Aspekten oder mit Kink an sich nichts anfangen können?

Ja, aber das Schlagen und Hauen und Fesseln …

Kommt alles in meiner Buchreihe vor. Keine Angst. Aber ich bin ehrlich, dass ich mich teilweise richtig geärgert habe, wenn ich Dinge las wie „Also ich finde, Verhütung hat in Erotik nichts verloren, die nimmt die Stimmung weg“ oder „Ja, im Alltag mag das fein sein, wenn Leute ausführlich vorher über Tabus und Vorlieben reden, aber im Erotikroman mag ich sowas nicht lesen.“

Das macht mich trotzig, denn so funktioniert Literatur nicht. Mag sein, dass einige Leute trotzdem wissen, dass beides gerade bei neuen Sexualpartner*innen dazugehört, aber nach allem, was ich weiß, ist das eher die Ausnahme, als die Regel, dass explizit darüber gesprochen wird. Dafür höre ich zu oft Geschichten von Menschen, die davon ausgehen, alle Menschen mit Intimkonfiguration x würden zwingend Praktik y mögen und das einfach durchziehen, statt mal mit der entsprechenden Person zu reden. Dafür höre ich zu oft, dass gerade Empfängnisverhütung auf die Person abgeschoben wird, die einen Uterus hat.

Also … Nein, es funktioniert leider nicht.

Und darum habe ich aus Prinzip ein Buch geschrieben, in dem Gespräche über Vorlieben und Grenzen so heiß gestaltet sind, dass das Höschen von selbst zur Erde fallen soll. In dem Verhütung so natürlich, selbstverständlich und erotisch in die Szenen eingebunden wird, dass sie die Szenen noch heißer machen, als ohnehin schon. Und in denen sowohl ausgiebig geredet, als auch herzhaft zugeschlagen und gefesselt wird.

Stets unter der Wahrung von wechselseitigem Respekt und voller Wohlwollen, egal wie erniedrigend oder schmerzhaft die geschilderte Praktik sein mag.

Gibt es Fragen, Anregungen, Gedanken und Wünsche?

Über June T. Michael:

June Thalia ist nicht-binär und lebt mit der Partnerperson, wenn auch leider ohne eigene Katzen, irgendwo in Österreich. Beruflich macht June T. M. was mit Texten. Und den zugehörigen Bildern. Daher macht June auch ihre Bücher und die Grafiken dazu alle selbst.
Sie ist unter Pseudonym unterwegs – wie sehr viele aus dem Genre – wollte aber keinen Namen, der Körperteile beinhaltet.
Da die meisten Geschichten wohl in einem sonnigen Land namens »Erytan« spielen sollen, schien dann »Juni« bzw. June als Name sehr passend, zumal zu jedem Namensteil ein persönlicher Bezug existiert.
Wenn sie nicht gerade erotische Fantasywelten schafft, kocht sie leidenschaftlich gern, twittert und bastelt Grafiken.

Links:

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Folge mir auf Twitter für Schreibupdates, Schnipsel, Privates und gelegentliche Links zu Vocaloid-Musik: https://twitter.com/JuneTMichael1
„Gefangen zwischen Eis und Feuer“ findest du hier: https://www.amazon.de/Gefangen-zwischen-Feuer-Erotische-Abenteuer-ebook/dp/B08DDK7WH1
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Bewerte mein Buch auch bei Leserkanone: https://www.leserkanone.de/index.php?befehl=buecher&buch=69470
Oder auf Goodreads: https://www.goodreads.com/book/show/54770593-gefangen-zwischen-eis-und-feuer

Hat dir der Artikel gefallen? Weitere Texte gibt es auf https://fantasyundfantasien.wordpress.com/

Zwei Seelen, ach, sch**ß drauf

Überlegungen zum eigenen Internetauftritt und anderen Fragen des Marketings.

Mit großer innerer Widersprüchlichkeit folgt große Darstellungsproblematik. Wie, was, wer und wo ich bin, zeigt sich in meiner Literatur, wenn auch weniger offensichtlich, als viele meinen. Was aber zeige ich, um meine Leser*innen zu erreichen? Wer bin ich nach außen? Was sagt mein Internetauftritt?

Man könnte meine Werke in zwei Lager unterteilen: 1. Das scheinbar brave, seriöse Lager, in dem es um Philosophisches geht, in dem hochtrabende Ideen verarbeitet werden, in dem jedes Detail eine Bedeutung hat, und 2. in das provokante, dreckige, schwarz-humorige und abgefuckte Lager, in dem BDSM, Blut, Gewalt, Drogen und Chaos vorherrschen. Alte Milch tendiert in vielen Texten eher zu Lager 2, während Sorck und Das Maurerdekolleté des Lebens eine Mischung aus beiden Lagern darstellen. Reine Vertreter von Lager Nr.1 gibt es wenige, aber es gibt sie. Hier sind wir bereits auf das Problem gestoßen: Ich bin und schreibe sowohl intellektuell-anspruchsvoll als auch dreckig-ehrlich. Literarisch halte ich das für interessant, aber marketingtechnisch ist das schwierig. Wen spreche ich an? Wie spreche ich sie an? Welchen Aspekt betone ich?

Dieses Dilemma muss behoben werden. Nicht das Dilemma der inneren Zerrissenheit, denn diese speist meine Arbeit, sondern das Dilemma der öffentlichen Darstellung (Internetauftritt) oder Kurzdarstellung (Klappentexte etc.). Jede Werbung – und ein Internetauftritt ist nichts als Werbung – ist eine verkürzte, komprimierte (und auf Verkaufsaspekte konzentrierte) Darstellung des zu bewerbenden Artikels. Ist dieser Artikel mehrere (wenigstens scheinbar) gegensätzliche Dinge zugleich, wird es schwierig. Ich bin dieser Artikel, und da ich etwas komplexer bin als beispielsweise Joghurt, haben wir ein Problem.

Zu Beginn meiner Arbeit, als ich mich bei Twitter und Instagram anmeldete, diesen Blog startete und mich der Welt präsentierte, tendierte ich zur Darstellung meiner düsteren, verstörenden, dreckigen Seiten, hatte ein irr blickendes Auge als Profilbild und stellte verzerrte Vertonungen meiner Gedichte online. Recht bald danach empfand ich das alles als unprofessionell und änderte meinen Auftritt entsprechend: ein richtiges Profilbild mit professioneller(er) Wirkung und passenden Tweets und Blogeinträgen. Die dritte Stufe war bereits eine Zusammen- oder Rückführung, denn ich wurde „ehrlicher“, also zensierte mich nicht mehr, und schrieb und veröffentlichte, was mich interessierte, und nicht, was möglicherweise zu meinem Auftritt passte. Ich bin beide Seiten der Medaille.

Das angesprochene Problem ist noch nicht gelöst. Ja, ich zeige mehr von mir, ja, ich bin offener, und ja, dadurch komme ich meinem Publikum (theoretisch) näher, aber dennoch reicht das nicht. Noch repräsentiert mein Auftritt nicht meine Werke, noch bekommen beispielsweise Follower keinen rechten Eindruck von dem, was in meinen Büchern vorkommen könnte, anhand meiner Tweets und Posts. Wie kann ich das ändern? Kann ich das ändern? Sollte ich es?

Betrachtet man Literatur als Verarbeitung innerer Vorgänge, weil man sie anders nicht oder nicht weit genug verarbeiten kann, stellt es sich als unmöglich dar, mit dem Internetauftritt die eigenen Werke zu repräsentieren. Könnte man es, müsste (oder würde) man nicht mehr schreiben.
Betrachtet man Literatur aber als Endergebnis bewusster Prozesse, von Planung und von technischer Umsetzung konstruierter Ideen, wäre es wiederum möglich. Dann könnte man die Ideen, Themen und Umsetzungsprozesse aufzeigen und verkünden: dies sind meine Themen und dies sind meine Techniken.
Wir drehen uns im Kreis. Denn wieder muss ich feststellen, dass beide Sichtweisen zum Teil richtig sind, es sich aber am Ende immer um ein Mischprodukt handelt.

Die Lösung könnte darin bestehen, dass ich noch offener werde: Wie hat mein Leben bisher ausgesehen, wie sieht es jetzt aus, was habe ich Schlimmes erlebt, was habe ich Schönes erlebt, was studiert, was gearbeitet und welche Menschen und Geschehnisse lassen mich nicht los? Manche können das, aber ich habe Schwierigkeiten damit, da ich immer ein sehr privater Mensch gewesen bin. Außerdem frage ich mich, ob eine derartige Offenlegung nicht dazu führen könnte, dass meine Werke fortan nur noch aufgrund der Informationen über mein Leben interpretiert werden. Raubt die Offenlegung meines Lebens meinen Werken etwas? Stirbt damit ein bisschen Mysterium?

Was in Zukunft vermutlich geschehen wird, ist eine Änderung und Entharmlosung meiner Cover sowie eine Konkretisierung in der Formulierungen meiner Klappentexte. Diese sind bisher allgemein gehalten, aber ich schreibe nicht für die Allgemeinheit. Meine Leserschaft ist anders, weil ich anders bin und meine Geschichten anders sind. Darauf muss ich einen größeren Fokus legen und stolz darauf sein.

Nachtrag

Für weitere Gedanken und Hörenswertes zum Thema Buch- und Autorenmarketing empfehle folgenden Podcast, in dem ich ebenfalls mitreden durfte:

Buch- und Autorenmarketing – Matthias Thurau, S.M. Gruber und Benjamin Spang.

Autor*innenpodcast: Buch- und Autorenmarketing

Hinweis auf den Autor*innenpodcast von Kia Kahawa über Buch- und Autorenmarketing.

Kia Kahawa hat auf ihrer Patreon-Seite eine weitere Folge des Autor*innenpodcasts hochgeladen. Neben mir sprechen S.M. Gruber und Benjamin Spang.

Thema der Podcast-Folge ist Buch- und Autorenmarketing.

Für alle, die Tipps für Buchwerbung und Social Media Marketing suchen, geht es hier entlang:

Buch- und Autorenmarketing – Matthias Thurau, S.M. Gruber und Benjamin Spang.

Wie ich Ausschreibungen angehe

Über meine Heransgehensweise an Ausschreibungen anhand eines Beispiels.

Vor Kurzem habe ich mal wieder bei einer Ausschreibung mitgemacht. Um welche es sich handelt, lasse ich außen vor. Allerdings wurde unter anderem nach „experimentellen Texten“ gefragt. In diesem Blogeintrag möchte ich euch meine Herangehensweise anhand einiger kurzer (und nicht endgültig ausgearbeiteter) Texte, die ich nicht eingeschickt habe, zeigen.

Oft starte ich die Arbeit für Ausschreibungen oder Anthologien, indem ich alles notiere, was mir einfällt. Man könnte sagen, ich stürze mich einfach rein. Das kann entweder bedeuten, dass ich Ideen sammele, die ich später ausarbeite, oder einfach losschreibe. Sortieren kann ich später noch. Häufig suche ich zusätzlich noch bereits fertige Texte heraus, die passen könnten. Diese lasse ich hier ebenfalls außen vor. Die genaue Herangehensweise hängt davon ab, was gefragt ist, wie offen Thema und Textform sind und wie lang die Texte sein sollen. In diesem Fall war das Thema sehr offen, die Textform frei, die Länge mit „bis 4 Seiten“ angegeben und die Anzahl einzusendender Beiträge unbegrenzt. Ich hatte also freie Hand.

Der erste gedankliche Stolperstein war der Ausdruck „experimentelle Texte“. Was versteht man, was verstehen die Verantwortlichen der Ausschreibung darunter? Ich war mir unsicher. Also habe ich mit einer befreundeten Autorin diskutiert, die mir leider auch nicht groß weiterhelfen konnte. Allerdings kam ich darauf, dass es Textformen und Herangehensweisen gibt, die ich noch nie in der gedruckten Literatur gesehen habe: Greentext Storys. Greentext stammt von Boards wie 4Chan und folgt ganz bestimmten Konventionen, an die man sich zunächst gewöhnen muss. Beispielweise beginnt jede Zeile mit dem Zeichen > und fast jede Story beginnt mit der Zeile >be me, oft gefolgt von einer kurzen Beschreibung a la >beta as fuck oder >15yo beta dude. Vollständige Kleinschreibung und Kraftausdrücke sind häufig, der Einschub (oft von Reaktionen und Gefühlen) in Form von Dateinamen (*.jpg o.ä., also beispielsweise whatthefuck.jpg) gehört zum Standard. In deutscher Sprache habe ich Greentext Storys nie gesehen, was an der Dominanz des Englischen im Internet liegen mag oder an mangelhafter Recherche.

Jedenfalls hielt ich es für „experimentell“ genug, eine der großen Öffentlichkeit unbekannte, aber sehr interessante Textform zu verwenden. Um es interessanter zu machen und eben doch keine richtige Greentext Story zu verfassen, bin ich meta gegangen und habe eine Greentext Story über die Verwendung von Greentext Storys als Antwort auf die Frage, was experimentelle Texte seien, geschrieben und sie grün & meta genannt. Möglicherweise fiel mir auch nichts besseres ein, diese Auffassung lasse ich gelten. Hier der Text:

>be me
>meta as fuck
>habe bücher veröffentlicht, aber ohne erfolge
>literaturzeitschrift sucht experimentelle texte
>thehell.jpg
>was zum fick sind ‘experimentelle texte’?
>frage kollegin
>’lautmalerei und shit’ sagt sie
>wielahm.png
>antworte ‘vor 100 jahren vielleicht’
>handgemenge
>entscheide mich für greentext geschichte
>werde veröffentlicht
>herfacewhen.jpeg

Damit war ich also auf den Meta-Zug aufgesprungen und bin für einige Texte dabei geblieben. Literatur, die von Literatur handelt, ist nichts Neues. Aber witzig kann sie trotzdem sein. Um etwas Kritik an übertrieben konzipierten Werken (und damit auch an mir selbst) zu üben, habe ich einen Text als Entwurf/Pitch für einen Roman entworfen. Wem der Inhalt bekannt vorkommt, liest bei Twitter sehr aufmerksam mit. Solche Texte betrachte ich hauptsächlich als literarische Scherze. Hier also Strobofeuer XVII:

Bei Strobofeuer XVII – der Titel ist planhaft willkürlich gewählt – handelt es sich um eine ineinander geschachtelte Literaturkonstruktion, die in ihrer Struktur an das Sphärenmodell Aristoteles’ erinnern und ultimativ argumentationslos Gott zu widerlegen strebt, und das mithilfe Gottes selbst, denn – so viel sollte klar sein – nur Gott kann den Beweis seiner Nicht-Existenz erbringen. Die Rahmenhandlung besteht aus einem Roman, der von Gott verfasst wird, der sich anstrengt, von uns verstanden zu werden. Der Inhalt des Romans ist die Aufführung eines Theaterstücks in Echtzeit, das aus einem Dialog besteht zwischen einem Mann und Gott, durch ein Huhn dargestellt. Auf einer schwarzen Bühne steht der Mann in dunkelgrauem Overall, während das Huhn, Gott, in natürlichem Braun ihm gegenübersteht, gackernd, sich wie ein Huhn verhaltend. Der Mann, stellvertretend für die Menschheit und, da er ein Mann ist, kritisch zu betrachten, weil er unmöglich die gesamte Menschheit repräsentieren kann, stellt Fragen an Gott, die sich durch ihre Simplizität auszeichnen. Gott antwortet. Da jedoch die Antworten Gottes auf die Fragen, die die Menschheit interessieren, für humane Gehirne unverständlich sind, werden seine Antworten im Theaterstück durch verzerrte Geräusche dargestellt und gedruckt durch geometrische Formen. Sämtliche Regieanweisungen lauten gehet hin und mehret euch. Der nicht funktionierende Dialog führt zu einem Wutausbruch des Mannes, der im letzten Akt nur noch flucht, was von Gott mit einem Dreieck beantwortet wird. Um das Werk massentauglicher zu gestalten, werden die Kraftausdrücke zensiert und durch #!?* in unterschiedlicher Reihenfolge ersetzt. So kommt es zum letzten Wortgefecht und Höhepunkt des Stückes:

Mann: Verf#!!?e F*?#e!

Gott:

Ultimativ ist Gott Regisseur, Huhn und Autor – Trinität! – sowohl des Theaterstückes als auch des Romans – wie im Himmel so auf Erden –, der den Rahmen von Strobofeuer XVII bildet. Es steht noch zur Debatte, ob das Werk auf Latein veröffentlicht werden sollte.

Und um noch einen Schritt weiterzugehen, folgte ein Text, der als scheinbarer Entwurf eines Textes, der wie ein Film funktionieren soll, erscheint, um dann aus diesem Bereich wiederum auszubrechen. Ich habe ihn schlicht Entwurf genannt:

Entwurf filmvergifteter Literatur: Man nehme einen Text über die Gewalt, die ein Vater seinem Kind antut, und einen weiteren von Goethe, der beispielsweise über die positive Wirkung sanft-sülziger Iphigenie-artiger Werke referiert, und kombiniere beide wie zusammengeschnittene Szenen im Film. Papa holt aus, Schnitt zu Goethe, Kind weint, Papa greift sich den Gürtel, Goethe: wären | nicht Kinder und Bettler | Hoffnungsvolle Narren, Kind schreit, kauert am Boden, Papa holt erneut aus, Goethe kann die Fresse nicht halten, jetzt schreit es nicht mehr, hofft im Stillen, dass es für diesmal vorbei ist, und ihr Bastarde wollt nicht hinsehen? Goethe-Zitate? Wirklich?

Die 2 Texte, die ich schließlich eingeschickt habe, sind weniger verkopft, sind intensiver, direkter und wenigstens in einem Fall dennoch experimentell. Nach 2 Tagen, in denen ich Ideen gesammelt und ausgearbeitet habe, hatte ich 9 neue Texte. Hinzu kamen 5 fertige Texte, die thematisch gepasst hätten. Nach 2 Überarbeitungsrunden folgte die erste grobe Sortierung: 9 Texte verblieben. 2 weitere Überarbeitungsrunden und eine Sortierung später war ich bloß auf 8 runter, was mir noch immer zu viel erschien. Die nächste Durchsicht und Sortierung reduzierte auf 6, dann auf 4 und schließlich auf 2, mit denen ich zufrieden bin. Die Zeit war diesmal sehr knapp, weil ich zu spät auf die Ausschreibung aufmerksam geworden bin. Am Mittwoch habe ich mit der Arbeit angefangen, sie Donnerstag fortgesetzt, am Freitag hatte ich wenig Zeit und am Samstagvormittag habe ich die Texte abgeschickt.

Es ist bei mir üblich, dass ich für Anthologien und Ausschreibungen, mit deren Themen ich etwas anfangen kann und die nach kurzen Texten fragen, in kürzester Zeit etwa 10 Ideen entwickele und mindestens die Hälfte umsetze, bevor ich mich für die besten entscheide und mich in ihnen festbeiße.

Sofern ihr selber schreibt: Wie macht ihr das? Entscheidet ihr euch sofort für einen Ansatz und verfolgt ihn oder sammelt ihr euch erstmal?

Autor*innenpodcast: “Bücher und Leseempfehlungen”

Kia Kahawa hat auf ihrer Patreon-Seite die zweite Folge des Podcasts von und mit Autorinnen und Autoren hochgeladen. Thema diesmal sind “Bücher und Leseempfehlungen”. Neben mir sind Andreas Hagemann und S. M. Gruber zu hören.

Wir sprechen über Lieblingsgenres, Leseorte und Bücher, die unsere Leben verändert haben.

Wer hören möchte, wie Schreibende über Gelesenes sprechen, findet die aktuelle Podcast-Folge hier:

Bücher und Leseempfehlungen – Matthias Thurau, Andreas Hagemann und S. M. Gruber

Autor*innen-Podcast: “Unser Schreibprozess”

Kia Kahawa hat auf ihrer Patreon-Seite einen kostenlosen Podcast von und mit Autorinnen und Autoren eingerichtet. Die erste Folge ist seit heute online. Neben mir sind Annabelle Stehl und Mary Cronos zu hören. Das Thema des Podcasts lautet “Unser Schreibprozess”.

Es werden Fragen zu unseren Werken (Was schreiben wir eigentlich?) und zur Motivation beantwortet (Wie haben wir angefangen? Wie motivieren wir uns, weiterzumachen?)

Wer Interesse hat, findet die Folge hier:

Unser Schreibprozess – Matthias Thurau, Annabelle Stehl und Mary Cronos