Sorck: Sucht & Struktur

Blogeintrag über die Idee hinter der grundsätzlichen Struktur des Romans “Sorck: Ein Reiseroman”.

Spoilerwarnung

In diesem Blogeintrag geht es um die Grundstruktur des Romans Sorck in Verbindung mit einem seiner Themen: Sucht. Logischerweise ist es nicht möglich, die Struktur des Buches aufzuzeigen, ohne grundlegenden Inhalt zu erwähnen. Wer Sorck noch nicht gelesen hat, sollte diesen Blogeintrag vielleicht lieber auslassen, oder Spoiler akzeptieren.

Die Reise

Wie sieht die grobe Struktur des Romans Sorck aus? Man könnte auch fragen, wie Martin Sorcks Reiseroute aussieht. Grob zusammengefasst haben wir:

  1. Einleitung + Hinfahrt

  2. Tallinn

  3. Sankt Petersburg

  4. Helsinki

  5. Stockholm

  6. Rückfahrt + Ende

Hinzu kommen natürlich noch die Parts auf dem Kreuzfahrtschiff, die jeweils zwischen den Etappen spielen, mit den Reiseorten und den passenden Themen zusammenhängen, aber dennoch teilweise losgelöst sind von ihnen. Ich möchte mich daher hauptsächlich auf die Etappen, auf die 4 besuchten Städte und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit der Figurenentwicklung konzentrieren. Wichtig sind hier die Geschehnisse vor Ort, das Innenleben des Protagonisten und sein Alkoholkonsum.

Einstieg: Rausch und Euphorie

Zugegeben, ich muss jetzt bereits eine Ausnahme machen. Die große Rauschgeschichte des Martin Sorck beginnt nicht in Tallinn, sondern am Vorabend und hat ihren Höhepunkt in der Nacht (die allerdings schnell und holprig überleitet zum ersten Landgang). Vielen Leser*innen ist die große Partyszene im Bauch der S.S.C.F. Aisha Harmonia im Gedächtnis geblieben. Protagonist Martin Sorck steigt in den Kaninchenbau hinab, trinkt, schnupft und schluckt unbekannte Substanzen, um die ganze Nacht hart zu feiern. Der große Rausch, der immer am Anfang der Katastrophe steht. Keine Suchtgeschichte – und als eine verdichtete Suchtgeschichte kann man Sorck lesen – beginnt mit Katerzuständen und Suchtdruck. Am Anfang steht die Euphorie, heraufbeschworen vielleicht durch Schlimmes, als Ablenkung, scheinbare Rettung oder kurzfristiges Glück. Martin hat alles verloren, es geht ihm entsprechend, also sagt er nicht Nein. Er genießt den großen Rausch und man gönnt es ihm. In Tallinn ist er verkatert, aber dennoch hatte er eine großartige Nacht und selbst das Chaos in der Stadt scheint anfangs nicht so schlimm zu sein.

Der nächste Schritt: Der erste Zwang

Tallinn wehrt sich. Martin Sorck wird von den Ereignissen mitgerissen, die jedoch für ihn nur am Rande passieren, während er sich woanders herumtreibt – während er noch nicht darüber nachdenkt? Man könnte es so lesen, dass Martin sich von der Gruppe und den kriegerischen Geschehnissen absetzt, weil er sich Problemen nicht stellen möchte, obwohl sie unübersehbar sind. Der Kampf hat für ihn zu früh begonnen. Es ist der Moment in einer Suchtgeschichte, in der man unterbewusst weiß, dass man süchtig ist (oder sich in Gefahr befindet, es zu werden), aber es noch nicht einsieht. Hinterher fragt man sich, wie man so blind sein konnte, aber währenddessen ist man nicht blind, sondern hält sich die Augen zu. Tallinn ist aus meiner Sicht die erste Bekanntschaft mit den Nachteilen des Rausches, der Beginn der Sucht. Aber der große Kontrollverlust steht noch bevor.

Kontrollverlust in Sankt Petersburg

Das große Thema des Abschnitts rund um Sankt Petersburg ist ein Komplex aus Druck, Zwang und Kontrollverlust. Martin Sorck wird mit den anderen Reisenden aus dem Schiff an Land getrieben, rigoros kontrolliert und in einen Bus gestopft. Optisch wird der Eindruck unterstützt durch Uniformen, den Domina-Auftritt von Frau Major, Stacheldraht und grauen Himmel. Alles in Sankt Petersburg ist streng und zwanghaft: Das eingeengte Essen, der Zwang aufzuessen und auszutrinken, der Trieb durchs Museum, der Trinkzwang davor, die Panik in der (wieder) eingeengten Vorhalle danach … Jedes Getränk ist erzwungen, jede Speise ungenießbar und alles versinkt in einer zwanghaften Ordnung, die verdammt wie Chaos wirkt und dennoch alles und jede*n unter Kontrolle hat. Nur die Reiseführerin ist als Fels in der Brandung da, ist ruhig, erklärt, was man nicht versteht oder kennt, und sie erzählt zwischendurch eine traurige Geschichte. Aus meiner Sicht stellt diese Reiseführerin die Stimme der Vernunft dar. Sie versucht, die schönen Elemente dieser Welt (beispielsweise im Museum) hervorzuheben und die Reisenden sicher durch die Stadt zu bringen.

Am Ende des Städtetrips nach Sankt Petersburg ist Martin Sorck tatsächlich am Ende. Er sitzt in der Fubar und trinkt weiter.

Realisierung

Der Ausflug nach Helsinki beginnt bereits mit einem Flachmann. Es gibt kein Warten und keinen Genuss, sondern nur Pegel und Rausch. Könnte man Emotionen auf einer Zeitskala eintragen, würde Martins Stimmung zu den Römerrüstungen passen, in denen Helsinki bestürmt wird. Der Erfolg der römischen Armee fußte zu großen Teilen auf ihrer Belagerungstaktik und der Art, in der sie ihre Lager sicherten. Das weiß jede*r, die/der Caesar gelesen hat. Die Römer gruben sich ein, errichteten Bollwerke und hungerten feindliche Städte aus. Sie sicherten ihre Lager, wie Martin Sorck seine Sucht gesichert hat: unbeweglich, starr, eben sicher.

Doch Helsinki ist meines Wissens nach niemals von den Römern erreicht worden. Im Roman Sorck dient Helsinki als Realisierungspunkt, als der Moment, an den leider nicht jede*r Süchtige gelangt und über den viele nicht hinauskommen, nämlich als dringende Einsicht der eigenen Situation. In keinem Part des Romans gibt es mehr Visionen, Innensichten und Träume. Die Kirchen, in denen sich vieles davon abspielt, sollen kein Hinweis auf eine Rettung durch Gott sein, sondern wiederum symbolisch verstanden werden: Orte der Einkehr und der Ruhe. Sich hinzusetzen, Klarheit im Rausch zu finden und unvernebelt nachzudenken, ist ein seltenes Glück, das sich viele nicht zu haben trauen und das manche nicht ertragen.

Es wird nicht explizit gesagt, weil die Suchtgeschichte komprimiert ist, also eine jahrelange Entwicklung in Form einer kurzen Kreuzfahrt dargestellt wird, aber in Helsinki ist der Moment gekommen, ab dem es besser werden kann. Die Sucht ist eingesehen, man kann sie bekämpfen.

Widerstand & Nüchternheit

Auch Stockholm wehrt sich, aber erfolgreicher als Tallinn. Obwohl Martin Sorck auf Seiten der Angreifer vom Schiff ist, greift er zugunsten eines Jungen ein, der von Reisenden bedrängt wird. Dies ist trotz aller Gewalt während der Landgänge der einzige Gewaltakt des Protagonisten. Er ist sonst mehr Zeuge als aktiver Teilnehmer, doch hier mischt er mit. Was es genau mit dieser Szene auf sich hat, warum ausgerechnet dies der aktivste Part von Martin Sorck ist und warum sie gleichzeitig die brutalste Szene des Buches ist, werde ich an anderer Stelle mal erläutern. Für diesen Blogeintrag ist es nur wichtig, dass Martin eingreift, dass die Stadtbewohner sich wehren und dass die Reisegesellschaft ihre Macht verliert.

Hier ist ein Detail wichtig, das man schnell übersieht. Etwas fehlt in und ab Stockholm, oder? Richtig, Martin trinkt nicht mehr. Den ganzen Tag ist er nüchtern und wenn er abends an der Reling steht, hält er zwar einen Drink, aber er trinkt nicht davon. Stockholm ist der Widerstand gegen den Zwang, ist der Entzug, dargestellt durch die sich wehrenden Bürger*innen gegen die unterdrückende Macht der Reisegesellschaft. Dieser Abend stellt auch auf der Ebene der Beziehung zu Eva einen echten Erfolg dar und es ist außerdem der Abend, an dem Martin die Klappe aufmacht und endlich sagt, was in ihm los ist. Befreiung auf jeder Ebene.

Liest man also die Reise im Roman Sorck als Geschichte einer Sucht, so wäre Stockholm der positive Abschluss, oder? Wie man am Glas in Martins Hand sieht und an seinem Seelenzustand am nächsten Tag, ist damit keineswegs die Gefahr gebannt. Daran, wie Tallinn geendet hat, mit der totalen Zerstörung nämlich, kann man ablesen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen und wahrscheinlich niemals gesprochen sein wird, wenn es um die Sucht geht.

Suff & Kontrollverlust

Bereits mehrmals habe ich erwähnt, dass ein Grundthema des Romans Sorck und vieler anderer Werke von mir der Komplex aus Kontrolle/Kontrollverlust & Macht/Ohnmacht ist. Im Buch kommt das Thema auf etlichen Ebenen zum Vorschein. Dass die grundlegende Struktur des Romans die Geschichte einer Sucht erzählt, ist nur ein Beispiel. Martins Suff soll auf diese Lesart hinweisen, aber steht natürlich auch davon losgelöst für seinen Kontrollverlust, nicht nur über seine Trinkgewohnheiten, sondern über sein komplettes Leben. Er muss neu anfangen. Er darf neu anfangen. Am Ende versteht er das.

Zwischenspiele an Deck

In diesem Blogeintrag habe ich mich auf die Landgänge im Roman beschränkt. Allerdings sind die Parts an Bord des Kreuzfahrtschiffes natürlich ebenso wichtig. Allein auf das hier besprochene Thema bezogen, wäre bedeutsam, zu erwähnen, dass kein System abgeschlossen ist. Martin lebt nicht allein und nicht jede Verbesserung oder Verschlimmerung kommt aus ihm oder muss aus ihm kommen. Wenn man die Landgänge als innere Stationen betrachtet, also als Entwicklungsschritte, könnten die Szenen an Bord als Einflüsse von außen gelesen werden. Eduardo und Eva wären solche Einflüsse. Beide sind von zweifelhafter Natur, aber ultimativ helfen sie, und vielleicht helfen sie nur, weil Martin sie als Hilfe annimmt und interpretiert. Was ich sagen will, ist wohl, dass man sich Hilfe suchen und Hilfe annehmen sollte, wenn man alleine nicht zurechtkommt. Es liegt keine Schande im Kampf gegen die Sucht oder in der Sucht selbst. Ein Sieg ist nicht weniger wert, nur weil man ihn nicht vollkommen alleine errungen hat. Sucht ist eine Krankheit, die man überwinden oder die man wenigstens im Zaum halten kann. Mal klappt das alleine, aber besser funktioniert es mit der Hilfe anderer. Offenheit, auch so wie Martin sie an der Reling exerziert, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wehrt euch gegen den Teil in euch, der euch klein halten will, der eure Probleme einmauert wie die Römer, der euch zu Dingen zwingt, die ihr eigentlich nicht wollt, der euch Lügen erzählt und stumm halten will!

In Sorck geht es nicht nur um Kontrolle von außen, sondern auch um Selbstkontrolle und um Befreiung. Martin Sorck wird befreit und macht sich frei. Aus meiner Sicht ist das das wichtigste Element des Buches: Am Ende ist Martin trotz und wegen aller Kämpfe frei.

Warum das alles?

Die Kreuzfahrt der S.S.C.F. Aisha Harmonia, die Reise des Protagonisten Martin Sorck, ist die verkürzte, komprimierte Version seines eigentlichen Problems. Zu Beginn des Romans wird seine Entwicklung zusammengefasst: Frustrierende Arbeit, Interessenverlust, Gleichgültigkeit, Rückzug, Alkohol. Der enorme Alkoholkonsum während der Reise ist nicht zu übersehen und etliche von Martins Beinamen beziehen sich darauf. Ich habe Martin immer als scheinbar Gescheiterten betrachtet, als inzwischen Süchtigen, der sich im Frust, in der Zurückgezogenheit und dem Alkoholismus eingerichtet hatte. Das Feuer und die Reise im Anschluss brechen alle Gewohnheiten auf und er durchlebt in Kurzform, was er mit der Sucht bereits erlebt hat und noch erleben wird, eben das, was oben beschrieben steht. Martins Weg in die Abhängigkeit und möglicherweise wieder heraus.

Wie ich Ausschreibungen angehe

Über meine Heransgehensweise an Ausschreibungen anhand eines Beispiels.

Vor Kurzem habe ich mal wieder bei einer Ausschreibung mitgemacht. Um welche es sich handelt, lasse ich außen vor. Allerdings wurde unter anderem nach „experimentellen Texten“ gefragt. In diesem Blogeintrag möchte ich euch meine Herangehensweise anhand einiger kurzer (und nicht endgültig ausgearbeiteter) Texte, die ich nicht eingeschickt habe, zeigen.

Oft starte ich die Arbeit für Ausschreibungen oder Anthologien, indem ich alles notiere, was mir einfällt. Man könnte sagen, ich stürze mich einfach rein. Das kann entweder bedeuten, dass ich Ideen sammele, die ich später ausarbeite, oder einfach losschreibe. Sortieren kann ich später noch. Häufig suche ich zusätzlich noch bereits fertige Texte heraus, die passen könnten. Diese lasse ich hier ebenfalls außen vor. Die genaue Herangehensweise hängt davon ab, was gefragt ist, wie offen Thema und Textform sind und wie lang die Texte sein sollen. In diesem Fall war das Thema sehr offen, die Textform frei, die Länge mit „bis 4 Seiten“ angegeben und die Anzahl einzusendender Beiträge unbegrenzt. Ich hatte also freie Hand.

Der erste gedankliche Stolperstein war der Ausdruck „experimentelle Texte“. Was versteht man, was verstehen die Verantwortlichen der Ausschreibung darunter? Ich war mir unsicher. Also habe ich mit einer befreundeten Autorin diskutiert, die mir leider auch nicht groß weiterhelfen konnte. Allerdings kam ich darauf, dass es Textformen und Herangehensweisen gibt, die ich noch nie in der gedruckten Literatur gesehen habe: Greentext Storys. Greentext stammt von Boards wie 4Chan und folgt ganz bestimmten Konventionen, an die man sich zunächst gewöhnen muss. Beispielweise beginnt jede Zeile mit dem Zeichen > und fast jede Story beginnt mit der Zeile >be me, oft gefolgt von einer kurzen Beschreibung a la >beta as fuck oder >15yo beta dude. Vollständige Kleinschreibung und Kraftausdrücke sind häufig, der Einschub (oft von Reaktionen und Gefühlen) in Form von Dateinamen (*.jpg o.ä., also beispielsweise whatthefuck.jpg) gehört zum Standard. In deutscher Sprache habe ich Greentext Storys nie gesehen, was an der Dominanz des Englischen im Internet liegen mag oder an mangelhafter Recherche.

Jedenfalls hielt ich es für „experimentell“ genug, eine der großen Öffentlichkeit unbekannte, aber sehr interessante Textform zu verwenden. Um es interessanter zu machen und eben doch keine richtige Greentext Story zu verfassen, bin ich meta gegangen und habe eine Greentext Story über die Verwendung von Greentext Storys als Antwort auf die Frage, was experimentelle Texte seien, geschrieben und sie grün & meta genannt. Möglicherweise fiel mir auch nichts besseres ein, diese Auffassung lasse ich gelten. Hier der Text:

>be me
>meta as fuck
>habe bücher veröffentlicht, aber ohne erfolge
>literaturzeitschrift sucht experimentelle texte
>thehell.jpg
>was zum fick sind ‘experimentelle texte’?
>frage kollegin
>’lautmalerei und shit’ sagt sie
>wielahm.png
>antworte ‘vor 100 jahren vielleicht’
>handgemenge
>entscheide mich für greentext geschichte
>werde veröffentlicht
>herfacewhen.jpeg

Damit war ich also auf den Meta-Zug aufgesprungen und bin für einige Texte dabei geblieben. Literatur, die von Literatur handelt, ist nichts Neues. Aber witzig kann sie trotzdem sein. Um etwas Kritik an übertrieben konzipierten Werken (und damit auch an mir selbst) zu üben, habe ich einen Text als Entwurf/Pitch für einen Roman entworfen. Wem der Inhalt bekannt vorkommt, liest bei Twitter sehr aufmerksam mit. Solche Texte betrachte ich hauptsächlich als literarische Scherze. Hier also Strobofeuer XVII:

Bei Strobofeuer XVII – der Titel ist planhaft willkürlich gewählt – handelt es sich um eine ineinander geschachtelte Literaturkonstruktion, die in ihrer Struktur an das Sphärenmodell Aristoteles’ erinnern und ultimativ argumentationslos Gott zu widerlegen strebt, und das mithilfe Gottes selbst, denn – so viel sollte klar sein – nur Gott kann den Beweis seiner Nicht-Existenz erbringen. Die Rahmenhandlung besteht aus einem Roman, der von Gott verfasst wird, der sich anstrengt, von uns verstanden zu werden. Der Inhalt des Romans ist die Aufführung eines Theaterstücks in Echtzeit, das aus einem Dialog besteht zwischen einem Mann und Gott, durch ein Huhn dargestellt. Auf einer schwarzen Bühne steht der Mann in dunkelgrauem Overall, während das Huhn, Gott, in natürlichem Braun ihm gegenübersteht, gackernd, sich wie ein Huhn verhaltend. Der Mann, stellvertretend für die Menschheit und, da er ein Mann ist, kritisch zu betrachten, weil er unmöglich die gesamte Menschheit repräsentieren kann, stellt Fragen an Gott, die sich durch ihre Simplizität auszeichnen. Gott antwortet. Da jedoch die Antworten Gottes auf die Fragen, die die Menschheit interessieren, für humane Gehirne unverständlich sind, werden seine Antworten im Theaterstück durch verzerrte Geräusche dargestellt und gedruckt durch geometrische Formen. Sämtliche Regieanweisungen lauten gehet hin und mehret euch. Der nicht funktionierende Dialog führt zu einem Wutausbruch des Mannes, der im letzten Akt nur noch flucht, was von Gott mit einem Dreieck beantwortet wird. Um das Werk massentauglicher zu gestalten, werden die Kraftausdrücke zensiert und durch #!?* in unterschiedlicher Reihenfolge ersetzt. So kommt es zum letzten Wortgefecht und Höhepunkt des Stückes:

Mann: Verf#!!?e F*?#e!

Gott:

Ultimativ ist Gott Regisseur, Huhn und Autor – Trinität! – sowohl des Theaterstückes als auch des Romans – wie im Himmel so auf Erden –, der den Rahmen von Strobofeuer XVII bildet. Es steht noch zur Debatte, ob das Werk auf Latein veröffentlicht werden sollte.

Und um noch einen Schritt weiterzugehen, folgte ein Text, der als scheinbarer Entwurf eines Textes, der wie ein Film funktionieren soll, erscheint, um dann aus diesem Bereich wiederum auszubrechen. Ich habe ihn schlicht Entwurf genannt:

Entwurf filmvergifteter Literatur: Man nehme einen Text über die Gewalt, die ein Vater seinem Kind antut, und einen weiteren von Goethe, der beispielsweise über die positive Wirkung sanft-sülziger Iphigenie-artiger Werke referiert, und kombiniere beide wie zusammengeschnittene Szenen im Film. Papa holt aus, Schnitt zu Goethe, Kind weint, Papa greift sich den Gürtel, Goethe: wären | nicht Kinder und Bettler | Hoffnungsvolle Narren, Kind schreit, kauert am Boden, Papa holt erneut aus, Goethe kann die Fresse nicht halten, jetzt schreit es nicht mehr, hofft im Stillen, dass es für diesmal vorbei ist, und ihr Bastarde wollt nicht hinsehen? Goethe-Zitate? Wirklich?

Die 2 Texte, die ich schließlich eingeschickt habe, sind weniger verkopft, sind intensiver, direkter und wenigstens in einem Fall dennoch experimentell. Nach 2 Tagen, in denen ich Ideen gesammelt und ausgearbeitet habe, hatte ich 9 neue Texte. Hinzu kamen 5 fertige Texte, die thematisch gepasst hätten. Nach 2 Überarbeitungsrunden folgte die erste grobe Sortierung: 9 Texte verblieben. 2 weitere Überarbeitungsrunden und eine Sortierung später war ich bloß auf 8 runter, was mir noch immer zu viel erschien. Die nächste Durchsicht und Sortierung reduzierte auf 6, dann auf 4 und schließlich auf 2, mit denen ich zufrieden bin. Die Zeit war diesmal sehr knapp, weil ich zu spät auf die Ausschreibung aufmerksam geworden bin. Am Mittwoch habe ich mit der Arbeit angefangen, sie Donnerstag fortgesetzt, am Freitag hatte ich wenig Zeit und am Samstagvormittag habe ich die Texte abgeschickt.

Es ist bei mir üblich, dass ich für Anthologien und Ausschreibungen, mit deren Themen ich etwas anfangen kann und die nach kurzen Texten fragen, in kürzester Zeit etwa 10 Ideen entwickele und mindestens die Hälfte umsetze, bevor ich mich für die besten entscheide und mich in ihnen festbeiße.

Sofern ihr selber schreibt: Wie macht ihr das? Entscheidet ihr euch sofort für einen Ansatz und verfolgt ihn oder sammelt ihr euch erstmal?

Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte

Rezension des Romans “Die folgende Geschichte” von Cees Nooteboom.

Wie schreibe ich über dieses Buch, ohne die Auflösung zu verraten? Ich bin mir noch nicht sicher, werde es aber versuchen.

Oft gehe ich wenig emotional an Texte und besonders Buchbesprechungen heran. Im Falle von Die folgende Geschichte wird das schwierig werden. Es wäre keine Schwierigkeit, die Brillanz und Tiefe dieses Werkes aufzuzeigen und es rein sachlich zu analysieren. Aber ich habe das Buch vor 5 Minuten ausgelesen und meine Augen sind noch ein wenig feucht.

Neulich habe ich einen kurzen Absatz des Buches besprochen. Dort ging es weniger gefühlsduselig zu: Ein einziger Ansatz von Cees Nooteboom. Noch davor hatte mich die Geschichte zu Überlegungen über Figurenbeschreibung und -kommunikation animiert. Hier wird es möglicherweise anders aussehen.

147 Buchseiten umfasst meine Ausgabe von Die folgende Geschichte und ich habe 4 Tage gebraucht, um sie durchzulesen. Einer der Gründe dafür war, dass Stil und Rhythmus der Geschichte wie ein einziger, ruhiger Abschied wirken. Oder wie ein Tanz. Die Sätze bewegen sich in leichten Erhebungen und nach jedem einzelnen setzt man kurz ab. Eine Bewegung, eine Pause, die nächste Bewegung, immer einfühlsam, immer leichtfüßig. Wie ein Paar beim Tanz.

Grundthema des Buches ist Verwandlung, Veränderung. Herman Mussert, ehemaliger, begeisterter Lateinlehrer, einer von denen, die wirklich in ihrem Stoff aufgehen, übersetzt passenderweise in seiner Freizeit Ovids Metamorphosen. Immer wieder erwähnt er dieses Werk sowie andere Werke aus der griechischen und römischen Antike. Wenn er seine Schülerinnen und Schüler unterrichtet, durchlebt er die Szenen, als würde er sich an sie erinnern, als wären es seine Erlebnisse und nicht die Erfindungen von Menschen, die seit Jahrtausenden tot sind. Nooteboom schafft es, die Begeisterung, die Mussert als Lehrer vermitteln kann, darzustellen und die Leserschaft mitfühlen zu lassen.

Mussert erinnert sich an sein Leben, an den Unterricht, eine besonders gute Schülerin und an eine Liebesbeziehung.

– CUT –

Es sind 2 Wochen vergangen, seit ich diesen Artikel zu schreiben begonnen hatte. Noch immer habe ich das Buch positiv in Erinnerung, aber die emotionale Distanz ist längst hergestellt. Ich finde diesen Cut passend, da Nooteboom in seinen Büchern gern den einen oder anderen Schnitt einbaut, der keine echte Kapiteleinteilung darstellt, sondern beispielsweise einen Perspektivwechsel zwischen den Figuren einleitet oder plötzlich auf die Sicht des Autors statt des Erzählers wechselt. Manchmal klärt erst dieser Wechsel die Geschichte auf und vervollständigt sie. Da ich nun ebenfalls eine andere Perspektive – von emotional beeinflusst zu emotional Abstand haltend – einnehme, erlaube ich mir diesen Schnitt.

Ein (Neben)Thema, das in Die folgende Geschichte vorkommt und das mir gefallen hat, vielleicht weil ich selbst gelegentlich darüber nachdenke, ist die Gegenüberstellung eines Buchmenschen und einer Realistin, zwischen fiktiven Welten und realem Leben. Verpasst man etwas im Leben, wenn man seine Zeit mit Büchern verbringt, anstatt die Welt real zu erkunden? Mussert, könnte man argumentieren, hat nicht richtig gelebt, sondern nur gelesen. Aber er liebt seine Bücher. Und es stimmt auch nicht ganz, denn im Alter reist er viel, um für Reiseführer zu schreiben, verbindet die Elemente, die er aus den Büchern mit sich trägt, mit der Realität. Er erlebt die Welt anders. Seine Liebesbeziehung, die zeitlich vor den Reiseführern angesiedelt ist, währendderer er ebenfalls reist (wenigstens nach Lissabon), scheint oft definiert durch den Unterschied zwischen Mussert als Kopfmenschen, der alles als Referenz zu alter Literatur betrachtet, und seiner Partnerin Maria Zeinstra, die seine Träumereien und Literaturbezüge mit pragmatischen (und teils groben) Äußerungen lächerlich zu machen versucht oder als unsinnig darstellt. Kurzer Einschub: Im Artikel über Figurenbeschreibung und – kommunikation habe ich erwähnt, dass Mussert recht unsympathisch dargestellt wird in manchen Aspekten. Seine Partnerin, wie ich finde, kommt erheblich schlechter weg – nicht in den Augen von Mussert, aber in denen der Leser*innen, durch ihre fiese, beleidigende Art mit Mussert umzugehen. Man bekommt den Eindruck, dass Nooteboom selbst keine Antwort gefunden hat auf die Frage, ob Mussert – vermutlich stellvertretend für ihn selbst – sein Leben gut verbracht oder verschwendet hat. Er sieht wunderschöne Dinge, wo andere nur Touristenattraktionen sehen und wo er ihnen in den Reiseführern nur diese vermitteln kann, weil seine Assoziationen kaum jemand nachempfinden kann. Hier könnte man eine gewisse Hochnäsigkeit herauslesen, muss man aber nicht.

Ich persönlich tendiere dazu, Mussert als gutes Leben zu attestieren, in dem er getan hat, was er liebt, und dadurch eine einzigartige Sicht auf die Welt erlangt hat. Allerdings kann ich nicht umhin die innere Diskussion immer mal wieder selbst zu führen – sollte ich mehr leben, anders leben, besser leben? Die Antwort ist: Nein. Ich lebe ein gutes Leben, wenn ich tue, was ich liebe.

So kann man sich in Texten und Gedanken verlaufen. Es gibt wichtigere und dominantere Aspekte in Die folgende Geschichte als die genannten. Die Erinnerung Musserts an die Liebe, an Maria Zeinstra, und an die Zuneigung zu seiner Lieblingsschülerin. Auch wenn das Menschliche für den in Büchern lebenden Protagonisten nie einfach ist, ist dieser Teil des Lebens auch für ihn von größter Bedeutung.

Was fangt ihr jetzt mit dieser chaotischen Buchbesprechung an? Ich weiß es nicht, hoffe aber, dass sie mindestens als Leseempfehlung und bestenfalls als Denkanregung nehmt.

Autor*innen-Podcast: “Unser Schreibprozess”

Kia Kahawa hat auf ihrer Patreon-Seite einen kostenlosen Podcast von und mit Autorinnen und Autoren eingerichtet. Die erste Folge ist seit heute online. Neben mir sind Annabelle Stehl und Mary Cronos zu hören. Das Thema des Podcasts lautet “Unser Schreibprozess”.

Es werden Fragen zu unseren Werken (Was schreiben wir eigentlich?) und zur Motivation beantwortet (Wie haben wir angefangen? Wie motivieren wir uns, weiterzumachen?)

Wer Interesse hat, findet die Folge hier:

Unser Schreibprozess – Matthias Thurau, Annabelle Stehl und Mary Cronos

Ein einziger Absatz (von Cees Nooteboom)

Analyse eines Absatzes aus “Die folgende Geschichte” von Cees Nooteboom.

Noch immer, während ich dies schreibe, habe ich Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom nicht ausgelesen und schreibe bereits den zweiten von diesem Buch inspirierten Blogeintrag. Den ersten findet ihr hier: Figurenbeschreibung und -kommunikation. Doch jetzt soll es um Gedanken zu einem kurzen Abschnitt des Werkes gehen:

»Abend in meiner Erinnerung, Abend in Lissabon. Die Lichter der Stadt waren angegangen, mein Blick war ein Vogel geworden, der ziellos über die Straßen flog. Es war kühl geworden, da oben, die Stimmen der Kinder waren aus den Gärten verschwunden, ich sah die dunklen Schatten von Liebenden, Standbilder, die sich aneinanderklammerten, sich träge bewegende Doppelmenschen. Ignis mutat res, murmelte ich, doch kein Feuer der Welt würde meine Materie noch verwandeln, ich war bereits verwandelt. Rings um mich wurde noch geschmolzen, gebrannt, da entstanden andere zweiköpfige Wesen, doch ich hatte meinen anderen, so rothaarigen Kopf schon vor so langer Zeit verloren, die weibliche Hälfte von mir war abgebrochen, ich war eine Art Schlacke geworden, ein Überbleibsel.« [Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte; übersetzt von Helga von Beuningen; bei Suhrkamp]

Zur Situation: Der Ich-Erzähler ist begeisterter Lateinlehrer, ein großer Fan der Metamorphosen des Ovid, befindet sich in Lissabon und erinnert sich einer Liebschaft. Ignis mutat res ist ein altes, römisches Sprichwort und bedeutet: „Das Feuer verändert die Dinge“.

Was steckt alles in diesem wunderbaren Absatz? Mir geht es besonders um die Bezüge zu den Themengebieten, die den Erzähler ausmachen, also alles Lateinische, Griechische, Mythologische, Philosophische. Fangen wir mit den Doppelmenschen an. Platon ließ in seinen Dialogen andere für sich sprechen. In Symposion lässt er Aristophanes erzählen, dass Menschen früher 4 Arme, 4 Beine und 2 Gesichter hatten, bis Zeus sie aus Rache in Mann und Frau aufgespalten hat. Fortan suchten die Menschen ihre zweite Hälfte und mussten immer unvollständig bleiben. Dieses Bild steht im Zusammenhang mit der Seelenverwandtschaft. Zwei Menschen sind füreinander bestimmt, sie sind zwei Teile des gleichen Wesens. (Kurzer Ausflug: Laut Emanuel Swedenborg werden Liebespaare nach dem Tod im Himmel zu einem einzigen Wesen vereint werden, der dann ein Engel ist.) Auf diese Seelenverwandtschaft beziehungsweise den Verlust eines Teiles seiner selbst spielt der Erzähler hier meiner Meinung nach an. Einerseits versuchen die Liebespaare in der Stadt, zu vervollständigen, was bereits vor ihrer Geburt gespalten worden ist, sich gegenseitig zu komplettieren. Andererseits betont der Erzähler seine eigene Zerrissenheit. Er hat seinen seinen anderen, so rothaarigen Kopf schon vor so langer Zeit verloren, die weibliche Hälfte war von ihm abgebrochen.

Ich habe versucht, eine genauere Herkunft für das Sprichwort ignis mutat res zu finden als „römisches Sprichwort“, aber wurde leider nicht fündig. Die Herkunft solcher Sprüche ist oft unklar, aber zum Glück nicht immer. Nooteboom leitet damit jedenfalls eine Reihe von Ausdrücken, die mit dem Feuer in Zusammenhang stehen, ein. Worauf bezieht er sich hiermit?

Im ersten Gesang des zweiten Buches von Ovids Metamorphosen, der wichtigsten Grundlage unserer Kenntnisse der griechischen Mythologie, einem Werk, das sich, wie der Name sagt, um Verwandlungen dreht, geht es um Phaethon, den Sohn des Sonnengottes Helios. Phaethon besucht Helios eines Tages und nimmt seinem Vater das Versprechen ab, ihm einen Wunsch zu erfüllen, bevor er ihn geäußert hat. Dumme Idee, aber versprochen ist versprochen. Phaethon wünscht sich, eine Spritztour mit dem Sonnenwagen seines Vaters zu machen, mit dem dieser jeden Tag am Himmel entlangfährt – schließlich ist er die Sonne. Helios versucht es ihm erfolglos auszureden. Dann warnt er Phaethon, dass er weder zu hoch fliegen soll, um nicht den Himmel zu verbrennen, noch zu niedrig, um nicht die Erde zu zerstören. Was passiert? Phaethon kann die feuerspeienden Götterpferde vorm Wagen nicht kontrollieren und verbrennt die Welt, verändert sie.

Doch kein Feuer der Welt würde meine Materie noch verwandeln, sagt der Erzähler und greift damit nochmal das Sprichtwort auf. Das Feuer spielt auf die Geschichte von Phaethon an und das Wort verwandeln weist eindeutig auf die Metamorphosen hin. Kein Feuer der Welt kann man in diesem Fall auf das Feuer der Sonne beziehen, wodurch die Verwandlung des Erzählers vollkommen ausgeschlossen wird. Alle Paare, die er beobachtet, sind Einzelmenschen, die sich zu Doppelmenschen verwandeln, die einander finden und dadurch verändern. Aber der Erzähler verändert sich nicht mehr. Seine Sache, seine Lebensmaterie, (res) ist starr geworden. Es kann kein Zusammenführen der beiden Seelenhälften mehr geben. Tatsächlich hatte es sie bereits gegeben, gefolgt von einem weiteren Riss, einer Trennung (welcher Form auch immer).

Die Feuerbegriffe hören hier noch nicht auf. Um ihn herum wird noch geschmolzen, gebrannt. Meine Assoziation sind Ton und Metall. Feuchter Ton wird geformt und dann gebrannt, um fest zu werden. Metall wird erhitzt, um geformt werden zu können, und erkaltet danach in neuer Form. Zwei Wesen werden zu einem. Zum Ton assoziiere ich weiter, dass es mehrere Schöpfungsmythen, auch bei den alten Griechen, gab, nach denen die ersten Menschen aus Lehm geformt worden sind. Ton ist ein Teil der Lehmerde und daher passt es doch wieder. Zum erhitzten und dann erkalteten Metall im Bezug auf die Liebe habe ich eher die Assoziation, dass die Beziehung anfangs heiß ist, es dann zu einer dauerhaften Beziehung (Ehe) kommt und alles erkaltet. Das ist wenig romantisch. Nooteboom schreibt aber intelligent und humorvoll genug, um eine solche Idee einzuschmuggeln. Außerdem würde es einen schönen Rahmen ziehen: Die Beziehung des Erzählers zur Geliebten wurde unterbrochen, bevor sie völlig gefestigt oder komplett erkaltet war, sondern zu einem Zeitpunkt, als alles stimmte, einem Zeitpunkt, an dem es richtig wehtut.

Der Erzähler bezeichnet sich selbst als Schlacke, also als der nutzlose Rest, der bei der Verbrennung von Kohle oder der Verhüttung von Erzen übrig bleibt – Überbleibsel, sagt er ja selbst. Er bleibt im Bild des Feuers, des Schmelzens und der Verwandlungen.

Deshalb wollte ich über diesen Absatz schreiben. Er hat auf so vielen Ebenen etwas zu bieten und ich habe noch nicht einmal vom wunderschönen Bild des Vogels am Anfang – Prophetischer Vogelflug? Verwandlungen des Zeus in Tiergestalten? –, von der poetischen Sprache oder der perfekten Verknüpfung der sprachlichen Bilder und der Figurencharakterisierung gesprochen. So sieht richtig gute Literatur aus. Sprache, Gefühl, Figur, Spielerei und Tiefe bilden eine Einheit, verwandeln sich wie ein Liebespaar zu mehr als der Summe ihrer Einzelteile.

Apokalyptische Bilder

Über apokalyptische Bilder in der Literatur.

Katastrophen kommen vor, gerade in der Literatur. Eines der bekanntesten Bücher der Welt hat eine Version der größten Katastrophe beschrieben, die die Menschheit fürchtet: Die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes im letzten Buch des Neuen Testaments. Da das Christentum eine der Grundlagen westlicher Kultur (und damit auch Literatur) darstellt, ist der Einfluss immens und darf nicht übersehen werden.

Mag man nun gläubig sein oder nicht, sich für Religion interessieren oder nicht, es gehört zur Grundbildung, wenigstens ein paar Dinge über jede große Religion und hierzulande besonders über das Christentum zu wissen. Daher wird (oder wurde?) dieses Wissen in der Literatur üblicherweise vorausgesetzt. Ein Beispiel dafür zeigt sich in apokalyptischen Bildern, um Katastrophen vorzubereiten, zu betonen oder schlicht in religiösen Kontext zu setzen. Die Offenbarung des Johannes zählt vermutlich zu den bekanntesten Teilen der Bibel – denn, seien wir ehrlich, kaum jemand hat das ganze Ding gelesen. Ausschnitte werden selbst in Zombie-Filmen oder Songs gerne zitiert. Spontan fällt mir noch das Stück Woyzeck von Georg Büchner ein, in dem immer wieder entsprechende Bilder vorkommen. Es ist zwar Jahre her, dass ich es gelesen und gesehen habe, aber ich erinnere mich an das Bild des roten Himmels.

Ein roter Himmel allein macht noch kein apokalyptisches Bild. Aber ein Zusammenkommen von Elementen wie Katastrophen, Erdbeben, Flut, Hunger, Krieg, Feuer, Dunkelheit, der Farbe Rot bildet Muster, die eine entsprechende Interpretation ermöglichen. Jede furchteinflößende Erscheinung oder Zerstörung in Größenordnungen, die scheinbar über das Menschliche hinausgehen, wurde gerne mit dem Ende der Welt verglichen. Ein berühmtes Beispiel dafür wäre das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das überall in der Kultur widerhallte, ob nun bei Kleist (umgewandelt in Das Erdbeben in Chili) oder bei Voltaire, der als Reaktion auf das Erdbeben wenige Jahre danach mit Candide die Theodizee von Leibniz humorvoll angriff. Dieses Beben war so verheerend, dass es nicht nur immer wieder mit dem Ende der Welt verglichen worden ist, sondern in der Philosophie ein Echo hervorrief, das den Glauben an die Güte Gottes nochmals in Frage stellte. Wie kann dies die beste aller möglichen Welten sein, wenn so etwas passiert?

Ich bin etwas abgekommen. Obwohl die Literaturgeschichte durchzogen ist von Anspielungen auf die Apokalypse, sollte man heutzutage vermutlich vorsichtiger sein damit. Religion ist nicht mehr derart wichtig im Alltag, dass Leser*innen entsprechende Hinweise unbedingt erkennen. Aber es gibt noch immer eine Menge Anwendungsmöglichkeiten für apokalyptische Bilder. Einerseits sind solche Bilder völlig unvermeidbar, wenn man Katastrophen beschreibt, die weltverändernd sind. Daher tragen sie oft Namen wie „Zombie- Apokalypse“, „Judgement Day“ (in der Terminator-Reihe) usw. Andererseits kann man mit apokalyptischen Bildern in kleineren Dosen ungute Stimmungen unterstreichen oder eine zum Inhalt der Geschichte passende Metaphernumgebung erschaffen. Schreibt man über einen Pastor, wäre es nur passend, wenn die Bilder der Geschichte aus der Bibel stammten.

Dass apokalyptische Bilder Unruhe auslösen, ist nur logisch. Die Offenbarung des Johannes ist eine Ansammlung unkontrollierbarer und furchterregender Elemente. Man kann sie problemlos als einen religiös inspirierten Albtraum lesen.

Sprechen wir noch über andere Apokalypsen/Weltend-Szenarien? Vielen ist nicht bewusst, dass es früher einmal eine Menge verschiedener Bibelversionen gegeben hat. Die Tora, das Alte Testament, wurde in der hebräischen Version um ca. 100 n. Chr. kanonisiert, nicht aber die griechischen Übersetzungen. Als die Tora als Altes Testament in den Bibelkanon übernommen worden ist, wurden noch Elemente aus den griechischen Übersetzungen hinzugefügt. Um ca. 400 n.Chr. einigte man sich auf den Kanon für das Neue Testament (und warf beispielsweise die Geschichte von Adams erster Frau raus, weil diese zu aufmüpfig war). Es gibt also den Bibelkanon, die nicht übernommenen Bücher und eine Reihe von Parts, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie einmal dazu gehörten oder nur aus der gleichen Zeit stammen. Innerhalb dieser Schriften gibt es eine ganze Reihe von Offenbarungen und eben Apokalypsen. Kleriker hatten viele schlimme Träume. Aber damit waren sie nicht alleine.

In der nordischen Mythologie gibt es Ragnarök, ein spannender Weltuntergang mit allem, was dazugehört: Krieg, Monster, Erdbeben, Fluten, endloser Nacht und einem Dämonenschiff aus Fußnägeln. Ein schönes Weltende ist auch der Angriff der Spiegelwesen aus dem alten China. Es heißt, irgendwann einmal lebten in den Spiegeln andere Wesen, losgelöst von uns. Sie hatten uns angegriffen und wurden zurückgeschlagen. Als Strafe wurden sie verurteilt, uns zu imitieren. Aber eines Tages, sagt die Prophezeiung, werden die Spiegelwesen sich rächen, aus den Spiegeln treten, sich mit den Wesen des Wassers verbünden und die Menschheit niederringen.

Ist es nicht witzig, wie arrogant das Selbstbild der Menschen schon immer gewesen ist? Die Vorstellung, dass es keine Welt geben kann, wenn es uns nicht mehr gibt, steckt wohl dahinter, wenn man das Ende der Welt und das Ende der Menschheit immer wieder gleichsetzt. Fällt der Baum im Wald auch um, wenn es niemand sieht? Ja natürlich, wir sind nicht wichtig für die Welt. Aber (!) wenn das Leben uns zusetzt, fühlt es sich manchmal wie das Ende der Welt an, und das ist okay. Daher darf man in der Literatur mit derart monströsen Bildern spielen, um Katastrophen mehr Atmosphäre zu geben und zu zeigen, dass beispielsweise jeder Tod zugleich der Weltuntergang ist (Hermann Burger).

Wir kennen am Ende nur uns selbst und unsere Existenz ist die ganze Welt.

Figurenbeschreibung und -kommunikation

Über Möglichkeiten, literarische Figuren zu beschreiben und sich untereinander beschreiben zu lassen.

Figuren interessant und stimmig zu beschreiben, ist bereits schwierig. Ich möchte aber einen Schritt weitergehen und über Figurenbeschreibungen durch andere Figuren nachdenken.

In Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom lässt der Autor den Ich-Erzähler, einen Altphilologen, über einen Mann, den Ehemann seiner Geliebten, sprechen. Er beschreibt ihn als eine(r) Art Riese aus Kalbfleisch, glatzköpfig, mit einem ewig grinsenden Gesicht, als würde er ständig Kekse anbieten. Die beschriebene Person ist außerdem Lehrer für Niederländisch – anbei bemerkt sei, dass die Geschichte im Original Niederländisch ist – und schreibt Gedichte. Der Ich-Erzähler kommentiert dazu, dass sein Konkurrent im Unterricht den Schülern bloß strukturiert beibringe, was sie ohnehin von jüngster Kindheit an können, und endet mit den Worten: … aber auszusehen wie ein schlecht gebratenes Kotelett und von Poesie zu sprechen, das geht zu weit.

Wir haben hier eindeutig keine sachlichen Beschreibungen. Der Beschriebene ist verheiratet und hat Affairen (oder „Affären“, wie man es leider heute schreibt), also ist der giftige Ton möglicherweise angebracht, wenigstens aber verständlich. Gleichzeitig wird er nicht auf jede*n dermaßen unattraktiv wirken, wie er vom Erzähler, der ja sein Konkurrent ist, gezeichnet wird. Was können wir über den Ich-Erzähler durch die wenigen Kommentare lernen?

Zunächst einmal, dass man ihm, wie eigentlich allen Ich-Erzählern, nicht trauen sollte. Ich-Erzähler sind Teil der Geschichte, sind selbst Figuren, haben Gedanken, Gefühle und eine Agenda. Sie stehen keinesfalls außerhalb des Geschehens und sind daher nicht neutral. Ihre Wertungen und ihre Beteiligung machen sie suspekt. Man sollte Geschichten mit derartigen Erzählern immer hinterfragen: Stimmt es, was uns von der Erzählinstanz aufgetischt wird? Was ändert sich, wenn wir uns gegen die Ansichten der Erzählinstanz entscheiden? Solche und andere Fragen sind spannend. Natürlich möchte man als Leser*in in eine neue Rolle schlüpfen und die Welt durch fremde Augen sehen, aber man sollte niemals vergessen, dass hinter diesen fremden Augen die gleichen Hinterhältigkeiten stecken (können) wie hinter den eigenen Augen. Gerade die zeitweise Übernahme anderer Perspektiven mithilfe der Literatur sollte uns lehren, Abstand gewinnen zu können und objektiv Ansichten und Meinungen zu prüfen. Auf einer Ebene genieße ich den Witz in Nootebooms Worten, auf einer anderen erlebe ich die Frustration des Ich-Erzählers mit und auf einer dritten verstehe ich, dass mir hier subjektiv etwas vorgegeben wird, das objektiv („objektiv“ innerhalb der Geschichte) anders aussieht.

Was lernen wir noch aus den Kommentaren des Protagonisten/Ich-Erzählers? Er hegt offensichtlich eine starke Abneigung gegen den Niederländisch-Lehrer. Gründe dafür finden sich problemlos in der Geschichte, die ich 1. noch nicht ausgelesen habe und 2. niemandem durch Spoiler ruinieren möchte. Man lernt durch die Art der Beleidigungen und Bemerkungen aber noch mehr. Es schwingt ein eindeutiger Elitarismus mit. Sprache ist dem Erzähler wichtig, besonders Latein, und die Vorstellung, dass jemand wie sein Konkurrent, ein grober, sportlicher Typ mit Erfolg bei Frauen, Lyrik verfasst – oder das, was er für Lyrik hält –, scheint dem Erzähler absurd. In seiner Gedankenwelt kommen weder moderne Lyrik noch Körpermenschen gut weg. Diese Überlegungen führen sofort zu einem recht unsympathischen Eindruck des Protagonisten. Man könnte außerdem daraus schließen, dass er sein eigenes Aussehen für wenig ansprechend hält und möglicherweise eingeschüchtert von seinem Konkurrenten. Warum sonst sollte er ihn dermaßen schlechtmachen?

Nooteboom hat den Erzähler absichtlich und mit viel Mühe bis zu dieser Stelle unsympathisch gezeichnet, aber auch mit Witz und Gefühl. Warum das alles? Das weiß ich noch nicht.

Nutzt man einen Ich-Erzähler, kommt man nicht umhin, ihn in Beziehung zu anderen Figuren zu setzen – es sei denn, man ist Samuel Beckett und stellt beinahe körperlose Figuren in leere Räume. Das bedeutet, dass man bei Beschreibungen anderer Figuren nicht nur deren tatsächliches Aussehen und Verhalten bedenken muss, sondern auch ihre Beziehung zum Erzähler beziehungsweise umgekehrt. Ein verliebter Erzähler wird Schönheitsfehler als sympathische Extras zeichnen, während ein betrogener Erzähler diese möglicherweise als hässliche Makel hervorheben würde (abhängig von seinem Charakter).

Noch schwieriger wird es, wenn der Ich-Erzähler einer anderen Figur über eine dritte Figur berichtet und dabei eine (offene oder versteckte) Intention hat. In dem Fall ist wichtig, wie die beschriebene Figur wirklich ist, wie der Ich-Erzähler sie wahrnimmt und welches Bild er beim Adressaten hervorrufen will. Beispiel: A. ist durchschnittlich attraktiv, aber B., Ich-Erzähler*in, ist in A. verliebt und findet ihn/sie extrem attraktiv. B. fürchtet, dass C., Adressat*in, Interesse an A. entwickeln und A. ihm/ihr wegschnappen könnte. Daher weist B. vor C. permanent auf die Mängel von A. hin. Wir können aus der Kommunikation zwischen B. und C. nicht direkt auf die Gefühle von B. schließen und auch nicht auf A.’s tatsächliche Attraktivität. Nur in Kombination mit dem Wissen, dass B. in A. verliebt ist, ergibt das Gespräch Sinn. So entstehen auch Intrigen.

Man könnte eine ganze Geschichte nur um die Feinheiten der Kommunikation und Beziehungen verschiedener Figuren zueinander schreiben, ohne dass viel Handlung nötig wäre. Aber wieso „könnte“? Das ist schon mehrmals geschehen. Man denkt nur nicht so häufig darüber nach. Ich denke, dass viele Autor*innen – ich schließe mich da nicht aus – häufig die Techniken, wie sie in diesem Artikel beschrieben stehen, anwenden, ohne darüber nachzudenken. Wir sind es aus dem Alltag gewohnt. Das ABC-Beispiel oben kennen die allermeisten wahrscheinlich noch aus Schulzeiten.

Sich dieser Mechanismen bewusst zu werden, hilft, sie in einer Geschichte besser und zielgerichteter anzuwenden. Vielleicht konnte ich damit irgendwem die Schreibarbeit erleichtern. Ich hoffe jedenfalls, dass ich selbst beim nächsten Mal daran denken werde, wenn meine Figuren miteinander kommunizieren.

Sorck: Frau Major

Über die Figur “Frau Major” aus dem Roman “Sorck”.

Frau Major Alexa Enesseiova, eine Nebenfigur im Roman Sorck ist die Hauptfigur dieses Beitrags.

Steigen wir direkt ein: Warum Frau Major und nicht Frau Majorin? Tatsächlich habe ich darüber lange nachgedacht und mit Freund*innen diskutiert, was korrekt, was angemessen, was in Ordnung und was passend sei. Die Figur ist weiblich und Offizieren, also wäre Majorin passend, sollte man meinen. Bei meiner Recherche fand ich jedoch Majorin jedoch nur als Rang bei der Heilsarmee, und Enesseiova ist weit entfernt davon, eine Heilsarmee-Offizieren zu sein. Sie ist streng und hartherzig. Der Klang der Kombination Frau Major passt absolut. Daher bin ich bei dieser Form geblieben und hoffe, dass man den Grund für diese Entscheidung im Buch ebenfalls erkennen kann.

Gehen wir von ihrem Rang zu ihrem Namen: Alexa Enesseiova. Dafür muss ich etwas weiter ausholen, obwohl es eigentlich sehr simpel ist. Sorck ist dystopisch angehaucht, das Grundthema ist Kontrolle, und eine Form von Kontrolle ist Information. Beim ersten Kontakt mit dem Schiffspersonal wird Martin Sorck unmissverständlich klargemacht, dass man zu ihm ein Profil angelegt hat, das beispielsweise die von ihm besuchten Websites umfasst. Die Reisegesellschaft sowie ihre Partner haben Zugriff zu diesen Informationen. Später erfährt man, dass ebendiese Reisegesellschaft mit Russland zusammenarbeitet. Im Grundkonstrukt der Geschichte ist Russland der Höhepunkt der Fremdkontrolle beziehungsweise die Station des größten Kontrollverlusts für den Protagonisten. Daher wird auch die dystopische Informationsproblematik bei der Einreise nach Sankt Petersburg besonders deutlich. Auftritt Major Enesseiova. Alexa, dieser Vorname sollte inzwischen allen Menschen bekannt sein, weil er auch eine der verbreitetsten Abhörmaschinen und Datensammelanlagen der Welt bezeichnet. Kund*innen kaufen Geräte mit diesem System selbst und machen sich für ein bisschen Bequemlichkeit wiederum zur Ware, sie verschenken Privatsphäre. Ob man das tut, muss jede*r für sich selbst wissen, aber häufig hat man gar keine Wahl mehr. Smartphones haben und brauchen die meisten und wenn es nicht Alexa ist, ist es ein anderes Abhörprogramm, das man damit herumträgt. Hat man kein Smartphone, sind diese Programme im Betriebssystem integriert oder mit den Websites verbunden, die man besucht. Hat man auch kein Internet, wird man indirekt über die Geräte der anderen überwacht. Es klingt fast nach Verschwörungstheorie und ist doch einfach Fakt.

Nicht nur Firmen nutzen die gesammelten Informationen, sondern auch Nachrichtendienste, deren Job nunmal Informationsbeschaffung ist. Durch etliche Skandale am bekanntesten ist wohl die NSA. Enessei ist die ungefähre lautmalerische Variante von NSA – man muss natürlich die Buchstaben e und i einzeln aussprechen. Das Suffix -owa (oder -ova, was ich optisch schöner finde) deutet im Russischen schlicht auf einen Frauennamen hin.

Dass Bereiche des BDSM in mehreren Bildern im Roman auftaucht, besonders im Kontext der Kontrolle beziehungsweise der freiwilligen Aufgabe dieser, habe ich mehrfach erwähnt. Nachzulesen beispielsweise hier: Freiheit, Geborgenheit, BDSM. Die Figur der Frau Major passt ebenfalls in diesen Kontext. Inwiefern eine Figur, die Alexa heißt und ein Fetisch-Outfit trägt, das die meisten direkt mit BDSM assoziieren, einen Bezug zur freiwilligen Abgabe der Kontrolle (in Form von Informationen und Überwachung allgemein) hat, ist vermutlich offensichtlich, wenn man die Verbindung einmal hergestellt hat. Im BDSM-Zirkeln ist eine eigene Ästhetik vorherrschend, die einen klaren Zweck erfüllt: Die Rolle innerhalb der Machtspiels zu verdeutlichen. Es gibt selbstverständlich Überschneidungen mit dem Fetisch-Bereich, in dem bestimmte Materialien oder Outfits einem eigenen Zweck dienen, und man sollte sich der Trennungen bewusst sein. Die Assoziation, die die allermeisten Menschen jedoch mit dem Auftreten der Figur der Frau Major haben werden, ist die einer Domina: schwarzes Latex, Reitergerte, streng aus dem Gesicht gestrichene Haare. In Anbetracht der Verwendung von BDSM-Optik oder -Vergleichen im Roman ergab es Sinn, dass eine derart strenge und mächtige Figur wie diese ebenfalls in der passenden Optik auftreten würde und dass diese Optik auf gleiche Weise genutzt würde wie in BDSM-Zirkeln auch. Es dreht sich alles um Macht, um Kontrolle, um die Verstärkung der dazugehörigen Gefühle und Rollenbilder, um die perfekte Ausgestaltung des Spiels.

Ein winziges Detail, das in der Szene mit Enesseiova auftaucht, verdient auch noch eine Erwähnung. Bei ihrem Auftritt verhaftet sie einen der Kreuzfahrt-Passagiere namens Hermann. Dieser Hermann trägt nicht ganz zufällig die äußeren Eigenschaften Hermann Burgers, der in seinem Roman Die künstliche Mutter ebenfalls einige überdimensionale Frauenfiguren hatte, die durch ihre Macht und ihr Auftreten allerdings eher eine Aussage über Mutterkomplexe sein sollten. Die Vermischung verschiedenster, scheinbar nicht zusammengehöriger Elemente und eine Sprache, die man wohl als ungewöhnlich bezeichnen kann, hat Burger stets verwendet und mich damit inspiriert. Eine kleine Hommage schien mir also angebracht zu sein.

Grund für die Verhaftung Hermanns ist natürlich, dass die Reisegesellschaft Daten gesammelt und geteilt hatte, die der fiktiven russischen Regierung nicht gefallen.

Frau Major Alexa Enesseiova könnte also als die Personifizierung von Unterdrückung und Macht gelesen werden. Im Spiel der BDSM-Bilder und im Kontext freiwillig aufgegebener Freiheiten und freiwillig abgegebener Daten muss sie aber auch anziehend sein. „Heimlich gafften die Umstehenden sie an und erkannten ihre eigenen Wünsche nicht mehr. Sie war L‘appel du vide als Person“, heißt es im Roman. Es ist fraglos angenehm, Geräte und Programme zu haben, die jeden Lebensschritt bequemer gestalten, aber solche Dinge müssen wir bezahlen. Eine wunderbare Aussicht zahlt man mit der Nähe zum Tod durch einen Sturz in die Tiefe, und manchmal erwischen wir den aufblitzenden Gedanken, wirklich springen zu wollen: L‘appel du vide, der Drang zu springen, der Ruf der Tiefe. Eigentlich wollen wir nicht springen, aber der Sog ist da. Auch wenn man die eigenen Daten nicht weitergeben möchte, will man die damit verbundenen Services nutzen. Sie sind doch so praktisch. Für ein bisschen Bequemlichkeit haben wir uns alle selbst zur Ware gemacht, mit der andere handeln. Solche und ähnliche Gedanken sollte diese Offizierin auslösen.

Sorck: Eva

Über die Figur Eva im Roman “Sorck” und ihre mythologische Herkunft.

Für diesen Artikel werde ich weit ausholen müssen, einige Spoiler nicht umgehen können und mehrere Bilder des Buches aufschlüsseln. Daher empfehle ich dringend, nur weiterzulesen, wenn man das Buch bereits kennt.

Es soll um Eva gehen, die zentrale weibliche Figur des Romans Sorck. Ich werde weniger über ihre Auftritte im Buch schreiben als mehr über ihre Bedeutung, ihre Namensgebung und einige Details, die viele überlesen haben mögen.

Im Roman gibt es etliche mythologische und religiöse Bezüge, die man kaum übersehen kann. Dass der Name Eva aus der christlichen Tradition stammt, kann man sich denken. Eva war laut der heutigen Bibel die erste Frau, die Gott geschaffen hat (und zwar aus Adams Rippe). Meine Figur Eva ist in der Hierarchie der auftretenden Figuren die erste weibliche Figur, die wichtigste. Allerdings ist sie nicht wie die biblische Eva eine Dienerin des Mannes, sondern sehr viel mehr als das. Daher wird sie an einer Stelle beschrieben als die gezähmte Lilith, die freie Eva. In einer Version der Bibel, gegen die sich die (männlichen) Anführer der damaligen Christensekten entschieden haben, als sie die heute Bibel zusammenstellten, gab es eine Frau vor Eva – Lilith. Lilith war nicht aus Adams Rippe entstanden, sondern ihm gleichwertig geschaffen worden. Allerdings war sie zu gleichgestellt, was zu Stress führte, und dann wurde sie verbannt. Später tauchte Lilith als Dämonenfigur auf und wurde noch erheblich später hier und da als Symbol der Emanzipation verwendet. Die Umschreibung der gezähmten Lilith und der freien Eva habe ich verwendet, um meine Figur von den Charakterisierungen ihrer Namensgeberin loszulösen und gleichzeitig auch von denen ihrer Vorgängerin. Meine Figur Eva ist nicht die christliche Eva und auch nicht die (vor)christliche oder dämonische Lilith, sondern beides oder keine davon. Sie ist weder Symbol ungezügelter, kampflustiger Freiheit noch ist sie Symbol der Unterordnung und Anpassung, denn sie hat ihren Weg und ihren Frieden gefunden, indem sie sich gerade so viel anpasst, wie sie muss, gerade so viel unterwirft, wie sie möchte, und in alledem ihre Freiheit und ihre Eigenwilligkeit behält. Sie ist die freieste und zufriedenste Figur des Buches. Sie repräsentiert den Zwischenweg, den Martin Sorck nicht sehen kann – tatsächlich kann er sie beim ersten Auftritt nicht richtig sehen, da immer ein Lichtstrahl ihn blendet.

Der Roman Sorck kann als absurdistisches Werk gelesen werden. Der Protagonist hat alles verloren, inklusive einem Lebenssinn beziehungsweise dem Glauben an einen Lebenssinn. Laut der Philosophie Albert Camus’ gibt es drei Lösungen für dieses Problem: Selbstmord, Religion, Akzeptanz (und damit ein Sinnersatz). Diese drei Wege, besonders die ersten beiden, ziehen sich durch das gesamte Werk. Sorck zieht Suizid als Option in Betracht, ist umgeben von religiösen und mythologischen Bildern und besucht Kirchen. Eva ist ebenfalls in alle drei Wege verstrickt und zieht sich auf ähnliche Weise durch das Werk. Ihr allererster Auftritt auf der Party im Schiffsinneren enthält eine Beschreibung, die extrem aufmerksamen Leser*innen später wieder begegnet. Sie steht im Licht, trägt ein Kleid und richtet ihren Finger gen Himmel. Das ist die gleiche Pose, die die Heilige im Schrein in der Tallinner Kirche hat, die Martin besucht. Auf der Party bereitet Eva die Drogen vor (übrigens eine Verknüpfung zum wenigstens parasuizidalen Lösungsweg des absurdistischen Ansatzes), die Martin nimmt, und im Schrein hält die Heilige ein Weinfass – Symbol auch der Fruchtbarkeit. Unter der Heiligenfigur ist die lateinische Inschrift Terrae Mater Umidae, (gewidmet) der feuchten Mutter Erde, sowie ein Name in kyrillischer Schrift, die Martin nicht lesen kann. Der Name, der dort steht, lautet Mokosch. Mokosch ist eine Göttin im Pantheon der slawischen Mythologie, die Fruchtbarkeitsgöttin. Der Wortstamm ihres Namens ist mok = feucht und deutet auf den feuchten, fruchtbaren Ackerboden, die feuchte Mutter Erde, hin. Damit ist Mokosch inetwa die slawische Version der Aphrodite, der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin und Mutter der Harmonia, die wiederum die Namensgeberin des Kreuzfahrtschiffes im Buch ist. Evas Verknüpfung mit allen Ebenen der Geschichte ist auch daran zu sehen, dass ihre Darstellung als Mokosch im Schrein auf die beiden Vögel weist, die die Gottheiten Bieleboh und Czorneboh repräsentieren. (Den entsprechenden Eintrag zu den beiden findet ihr hier: Zwei Vögel und die Ordnung im Chaos) Mokosch wurde häufig in Verbindung mit Wassergeistern, den sogenannten Vilen, dargestellt, was eine weitere Verbindung zum Schiff und dem Element des Wassers, das alle Stationen der Geschichte verbindet, zeigt.

Diese Verknüpfung Evas und Mokoschs, besonders in einer christlichen Kirche, bindet sie klar in den mythologischen und religiösen Kontext des Werkes ein. In Betracht auf die absurdistische Grundphilosophie des Werkes hat sie also eine Verbindung zu einem der rettenden Wege und rettet ihn ja tatsächlich am Ende. Allerdings repräsentiert sie, wie oben erwähnt, einen Zwischenweg. Eva ist nicht der Weg der Religion, sie ist schließlich nicht Mokosch, sondern teilt nur Eigenschaften mit ihr, beide stehen sich nahe, sind aber nicht eins. Eva ist nämlich auch, um es mit diesem grässlichen Begriff zu beschreiben, Martins Love Interest. Man könnte also sagen, dass die Liebe Martin rettet oder dass Liebe als Religionsersatz dient, aber das wäre mir zu kitschig. Eher würde ich folgendes sagen: Wer Sinn nicht auf höherer Ebene finden kann, findet ihn vielleicht auf der Erde, in anderen Menschen. Wenigstens Trost und Glück kann man dort finden. Das repräsentiert Eva – einen Gegenpart, der alles ersetzen kann. Hierbei geht es nicht um die Rettung des Mannes durch die Liebe der Frau, sondern um die Rettung oder Bekehrung des Menschen (oder bloß Hilfe für den Menschen) durch die Liebe. Mokosch ist die Göttin der Fruchtbarkeit und der Weiblichkeit – übrigens auch des Schutzes der Schafe, was eine witzige Nebenerscheinung ist, wenn man daran denkt, dass Martin sich häufig wie ein dummer Bock anstellt. Diese Weiblichkeits- und Fruchtbarkeitssache will ich nicht verstanden haben, wie oben erwähnt, als Rettung des Mannes durch die Frau oder durch die Liebe. Dass dem nicht so ist, sieht man wohl gut daran, dass Martin sie dafür hält und sie nach der Liebesnacht einfach geht. Es ist nicht ihre Rolle, ihn zu retten, sondern ihm zu zeigen, dass es auch anders geht. Ich sehe es so, dass Eva einen Widerpart darstellt, eine andere Seite, vielleicht eine andere Seite an Martin, die er erst entdecken muss. In der Spiegelfigur des Arsonovicz kann Sorck sich selbst reflektieren, während er in Eva Neues entdecken kann, und das ist es, was er braucht: etwas Neues, einen anderen Weg. Hier könnte ich nochmals auf die Verbindung der Mokosch-Darstellung im Schrein mit den Schöpfungsgöttern Bieleboh und Czorneboh eingehen, dem hellen und dem dunklen Gott, die sozusagen aus der Mischung beider die Welt erschaffen. Martin sieht alles dunkel und Eva ist anfangs das Licht und am Ende sind beide menschlicher: Er weniger dunkel, sie weniger hell. Die Fruchtbarkeitsgöttin erschafft neues Leben oder inspiriert dazu und neues Leben bedeutet eben auch wieder neu begonnenes Leben, Felder, die nach dem Winter wieder blühen, und Menschen, die nach kalten Phasen wieder am Leben teilnehmen können. Schöpfung und Wiederbelebung sind nahe verwandt, ganz besonders in der Literatur.

Eine kleine Bemerkung am Ende:

Früher gehörte ich zu den Schülern, die glaubten, dass all die Interpretationen Unfug seien, weil kein*e Autor*in sich wirklich derartige Gedanken machen würde. Nun, ich lag offensichtlich falsch.

Das Maurerdekolleté des Lebens: Cover-Safari

Über die Suche nach dem passendem Cover für “Das Maurerdekolleté des Lebens”.

Es soll heute um das Cover von Das Maurerdekolleté des Lebens gehen. Wie immer war es nicht ganz einfach, das Motiv zu entdecken.

Als die Frage nach dem Cover-Motiv anstand, fielen mir mehrere Möglichkeiten ein, die sich bei genauerer Betrachtung als nicht leicht umsetzbar oder als unpassend herausstellen sollten. Offensichtlich hätte man ein echtes Maurerdekolleté aufs Cover packen können. Aber wer würde das kaufen wollen? Es hätte außerdem den Eindruck erweckt, dass es sich um eine komische (und vermutlich platte) Geschichte handelte. Diese Option fiel also sofort wieder weg. Als passender empfand ich die Abbildung eines Labyrinths. Gezeichnete oder stilisierte Labyrinthe auf Buch-Covern kenne ich nur von Thrillern und aus ähnlichen Genres. Es wirkt außerdem schnell billig, wie ich finde. Ein Foto, eine Luftaufnahme, eines Labyrinths aus Baustellenteilen hätte mir gefallen. Doch fehlten mir dazu ein großer Platz, die Baustellenausrüstung, Mitarbeiter und eine Kamera-Drohne. Es sollte etwas Baustellenartiges sein. So viel stand irgendwann fest. Wir, mein guter und vielfältiger kreativer Freund Toby, der meine Cover erstellt, und ich, gingen auf eine erste Foto-Safari, machten Bilder, sammelten Ideen und unterhielten uns wie immer großartig. Danach folgten einige Tage mit Überlegungen.

Das ungefähre Motiv, nach dem wir schließlich auf der Suche waren, war ein langer Fußgängerweg aus Absperrungen (beispielsweise um eine auf dem Bürgersteig befindliche Baustelle herum), um den Beginn des Baustellenlabyrinths, in das der Protagonist Theo gerät, anzudeuten. Zu unserem Glück wuchsen in der Gegend rechtzeitig mehrere teils große Baustellen aus dem Boden. Wenn der Frühling kommt, blühen die ersten Blümchen und die Bagger befruchten den Boden mit neuen Internetkabeln oder so. Einige Tage vor der Realisierung, dass Corona in Deutschland angekommen war und man soziale Kontakte meiden sollte, gingen wir auf eine zweite Foto-Tour. Es entstanden einige sehr schöne Bilder (auch unabhängig vom Cover) an zwei verschiedenen Baustellen.

Ab diesem Zeitpunkt erreichten wir das nächste Level der Arbeit. Das beste und passendste Foto musste gefunden und bearbeitet werden. Ein Gehweg im Abenddunkel, begrenzt von Absperrungen, mit einem schönen Tunneleffekt. Das Bild zog den Blick bereits ohne Bearbeitung in sich hinein. So etwas hatte ich gesucht. Kurzfassung: Toby spielte mit dem Bild herum, bis das jetzige Cover nach etlichen Vorversionen fertig war. Bei diesem Herumspielen handelte es sich natürlich um viel Arbeit, die Zeit und vermutlich einige Nerven gekostet hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Leider konnten wir aufgrund der Viruskrise die Feinarbeiten nicht gemeinsam erledigen, sondern waren gezwungen, auf Entfernung kommunizieren. Direkte, gemeinsame kreative Arbeit hat etwas Erfüllendes, finde ich.

Was mag ich besonders an diesem Cover? Auf mich wirkt das Cover ein wenig bedrohlich, was einerseits an der dunklen Färbung liegt und andererseits an den gedoppelten Lichtern oben und mittig, die mich an Augenpaare erinnern. Der Weg im Zentrum des Bildes lässt keine Abweichungen zu, öffnet sich jedoch am Ende. Es scheint, man könne nach links oder rechts abbiegen. Da das Bild jedoch gespiegelt ist, heben sich beide Optionen auf. Sie sind bloß Spiegelversionen voneinander. Das Ergebnis ist eine Entscheidungsillusion. Beide Wege sind der gleiche Weg in Variation. Ein letzter Punkt, der mir gefällt, ist, dass das Bild auf den ersten Blick nicht stark bearbeitet wirkt, sondern halbwegs normal. Gleichzeitig hat man das Gefühl, etwas stimme nicht damit. Es gibt einen Knick in der Realität, etwas anderes spielt mit hinein. Diese subtile Wirkung passt meiner Meinung nach gut zu den Geschichten und zum surrealistischen Genre. Etwas stimmt nicht mit der Welt, aber was nicht stimmt, fällt erst auf, wenn man bereits hineingeraten ist.

Die enge Zusammenarbeit, die mit Freunden möglich ist, führt manchmal zu den interessantesten Entwicklungen. Ich habe am Anfang der Cover-Gestaltung meist keine konkrete Vorstellung vom Ergebnis. Ideen und Entwürfe werden zwischen Toby und mir hin und her geschickt, diskutiert und weiterentwickelt, bis der Prozess ein Ergebnis ausspuckt, mit dem wir beide zufrieden sind. Der Prozess an sich macht die Arbeit bereits bezahlt, denn es ist ungemein interessant, wie aus einer Aufgabe mit vager Vorgabe ein gemeinsames Werk entsteht. Um meine Rolle in der Entstehung nicht hochzuspielen, stelle ich hier nochmal fest, dass die gesamte Bildbearbeitung (von etwas Herumgespiele meinerseits), das Schießen der Fotos, die Feinarbeiten (Schriftarten, Schriftgröße etc.) und viele Ideen nicht von mir erledigt werden. Meine Talente liegen woanders, rede ich mir ein.

Was haltet ihr vom Cover? Wenn ihr die Geschichten bereits gelesen habt: Findet ihr das Cover passend?