Hinweis: Podcast mit 3 Erzählungen von M. Thurau

Im Podcast “Klausgesprochen” werden 3 Erzählungen aus “Erschütterungen. Dann Stille.” vorgelesen.

In der neuesten Folge des Podcasts Klausgesprochen werden 3 Erzählungen aus Erschütterungen. Dann Stille. professionell vorgelesen:

KLAUSGESPROCHEN – ERSCHÜTTERUNGEN. DANN STILLE.

Ausgewählt wurden die Kurzgeschichten Am Fluss, Der Sturm im Bierglas und Geschlossene Türen. Viel Spaß!

Sorck: 2. Buchgeburtstag

Blogeintrag zur Feier des 2. Buchgeburtstags des Romans “Sorck: Ein Reiseroman”

Inzwischen ist es zwei Jahre her, dass mein Debütroman Sorck: Ein Reiseroman veröffentlicht worden ist. Bereits zum ersten Buchgeburtstag hatte ich einen Blogartikel geschrieben. Hier möchte ich darüber nachdenken, wie ich heute zu meinem Buch stehe, wo ich allgemein stehe und wie es möglicherweise weitergehen soll.

Die Blogeinträge

Als ich Papierkrieg.Blog gestartet habe, ist eine der Grundideen gewesen, dass ich gern meine Gedanken über das Schreiben, über meine eigene Literatur und die von anderen teilen wollte. Inspiriert war ich von den Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Da mir keine derartige Bühne zur Verfügung stand (und steht), sollte es ein Blog sein. Seitdem habe ich etwa 250 Blogartikel fertiggestellt und etwa 80 weitere nur begonnen. Ganz grob geschätzt habe ich inklusive Überarbeitungen etwa 220.000 Wörter für diesen Blog geschrieben. Derzeit sind 219 Artikel online, von denen (inklusive diesem hier) sich 40 mit dem Roman Sorck befassen. In 32 weiteren wird Sorck zumindest erwähnt. Über die Suchfunktion oder die Kategorien im Seitenmenü kann man alle Blogeinträge finden. Sie hier aufzulisten wäre wohl zu viel.

Vom Altern

Manche der Blogartikel zu Sorck würde ich so nicht mehr schreiben. Sofern die Diskrepanz zwischen dem Text und meiner aktuellen Einstellung zu groß ist, lösche ich auch Texte. Das ist mit den 31 Artikeln passiert, die in der Rechnung oben fehlen. Ein gedrucktes Buch kann man nicht mehr löschen. Das würde ich auch nicht wollen. Zwar spielt ein Teil von mir seit vielen Monaten mit der Idee, Sorck zu überarbeiten, aber im Grunde halte ich davon wenig. Ich bin nicht mehr der Autor, der ich damals war. Ich würde Sorck Unrecht tun, und schließlich bin ich noch immer stolz auf meinen Roman, trotz einiger Fehler und Unzulänglichkeiten.

Was würde ich denn anders machen? Nun, einige Figurendarstellungen würde ich ändern, einige Witzchen weglassen. Vielleicht würde ich die Touris anders schreiben. So, wie ich sie geschrieben habe und vor dem inneren Auge sehe, wären sie fast allesamt potenzielle Querdenker*innen. Das macht sie mir noch weniger sympathisch. Bevor ich ihnen (und mir) also etwas antue, lasse ich lieber die Finger davon.

Übrigens würde ich den Schreibstil so nicht mehr wählen oder hinkriegen. Oder? Ich bin mir nicht sicher. Wählen nicht, hinkriegen vielleicht.

Neuere Bücher

Ob man mir meine aktuelle Laune anmerkt, weiß ich nicht. Ich bin nicht in Feierstimmung, sondern denke an zwei Jahre ohne neuen Roman, anstatt den zweiten Geburtstag meines Romans zu feiern. Andererseits bin ich nicht gerade faul gewesen. [Kurzer Einschub: Ich bin ein zerfressener Mensch, der sich Siege schlecht eingestehen kann und sich ständig unter Druck setzt. Auch deshalb sind Texte wie dieser wichtig für mich, als Reflexion und Aufmunterung.] 250 Blogartikel, etliche Rezensionen fürs Buchensemble, Beiträge für Ausschreibungen (teils mit Erfolg, teils ohne), Geschichten für Nikas Erben, Podcastauftritte, Interviews, Newsletter und (neben einem richtigen Leben) auch noch drei weitere veröffentlichte Bücher: Alte Milch: Gedichte, Das Maurerdekolleté des Lebens, Erschütterungen. Dann Stille.. Es ist also nicht so, dass ich nichts veröffentlicht hätte, nur eben keine weiteren Romane.

Das wird sich allerdings ändern. Mein aktuelles Romanprojekt ist recht weit fortgeschritten. Ein möglicher zweiter Gedichtband ist ebenfalls in Planung. Allerdings werde ich versuchen, für zukünftige literarische Veröffentlichungen zuerst Verlage zu finden und erst dann als Selfpublisher aufzutreten. Eine Verlagsveröffentlichung würde mir sicherlich guttun. Einerseits interessiert mich die Zusammenarbeit mit Verlagsmenschen und andererseits erhoffe ich mir eine größere Reichweite.

Darf ich mir etwas wünschen?

Eigentlich hat ja mein Buch Geburtstag, aber darf ich mir dennoch etwas zum Geburtstag wünschen? (Mein eigener Geburtstag steht ja auch kurz bevor.) Ich würde mir wünschen, dass weder Sorck noch meine anderen Bücher in Vergessenheit geraten. Es ist nicht einfach, so viel Zeit für ein Werk aufzubringen, so viel Arbeit zu investieren, es kurz aufsteigen zu sehen, nur um dann zu beobachten, dass es immer weiter in die Vergessenheit sinkt. Zugegebenermaßen ist keines meiner Bücher je bekannt genug geworden, um wieder vergessen zu werden, aber hier und da gibt es eben doch Leser*innen, und die mochten Sorck fast immer. Und ja, natürlich, ich sollte mehr Werbung machen.

Neuer Plan

Als ich mit dem Schreiben ernsthaft angefangen hatte, also mein zweiter Start mit etwa 30, kannte ich keine Prokrastination oder Ermüdungserscheinungen. Heute sieht das anders aus. Ich musste feststellen, dass ich so viele Projekte habe, dass ich immer an etwas arbeiten könnte und dass ich verschiedene dieser Projekte gegeneinander ausgespielt habe. Mit Arbeit zu prokrastinieren, um eine andere Arbeit nicht machen zu müssen, ist schon eine Luxusversion. Dennoch habe ich nun einen Arbeitsplan aufgestellt, der genau das unterbinden soll. Weniger Lust-und-Laune-Aktionen, mehr Professionalität. So wird der neue Roman auch irgendwann fertig. Hoffen wir das Beste.

Erschütterungen. Dann Stille.: Alles auf einmal und alles für dich

Abschluss der Blogreihe zum Erzählband “Erschütterungen. Dann Stille.”

Den Titel dieses Blogeintrags habe ich, glaube ich, von der deutschen Synchronversion des Films The Crow geklaut. Wie dem auch sei, es ist vorbei. 29 Blogartikel über 29 Geschichten innerhalb von 102 Tagen + Extras, immer mittwochs und samstags (mit einer einzigen Ausnahme, weil das Filmtagebuch von März den Weg versperrte). Hier möchte ich noch einmal auf das Buch Erschütterungen. Dann Stille. blicken, auf die Arbeit an den Blogeinträgen und auf den Gewinn, den ich aus all dem ziehe.

Die Blogartikel für alle Geschichten + Extras

Mehr Blogartikel als verkaufte Bücher

Ja, da staunt man. Grundsätzlich schaue ich selten auf meine Verkaufszahlen, was 1. unklug und 2. reiner Selbstschutz ist. Dennoch gilt, dass ich so gut wie gar kein Geld in die Produktion von Erschütterungen. Dann Stille. investiert habe, sondern lediglich Stunden um Stunden konzentrierter Arbeit (und nicht zu vergessen: die Arbeit anderer, die so gut waren, mir zu helfen). Also nur Lebenszeit und Energie. Die Zeit kriege ich nicht wieder und das wenige Geld ist auch noch nicht wieder eingespielt worden. Trotzdem ist die Überschrift des Absatzes überspitzt, denn mehr als 29 Bücher habe ich dann doch verhökern können. Ich frage mich gerade, ob nur Leser*innen, die das Buch gelesen haben, auch die Blogartikel lesen, oder ob sich so manche*r die Artikel ohne die Geschichten durchliest, um … wer weiß? Mir wäre auch das recht.

Das fette Warum

Warum schreibe ich die Artikel der Blogreihe und jene Texte über Sorck, Alte Milch oder Das Maurerdekolleté des Lebens? Für Werbung allein wäre es schon eine Menge Arbeit. Es geht mir um mehr. Das Grundkonzept des Blogs geht auf die Faszination mit Werkstattblicken und Poetiken anderer Autor*innen, z.B. in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen, zurück. So viele faszinierende Gedanken und Informationen. Das wollte ich auch tun. Fraglos steckt da auch Arroganz drin, oder sagen wir besser: Stolz. Ein Grund für Blogreihen wie die zu Erschütterungen. Dann Stille. ist ganz klar, dass ich zeige: Seht her! Das habe ich gemacht. So viel Arbeit steckt drin. Und ich finde, das ist gerechtfertigt, ganz besonders in Anbetracht der Leser*innen, die sich bei mir melden und mir sagen, dass sie viele Details in den Geschichten nicht erkannt hatten und sich gerade deshalb sehr über die Artikel freuten. Sie ändern noch einmal die Perspektive auf das Werk. Eine Art Wiederbelebung.

Was ich von mir selbst lernen kann

Oder über mich? Wie es mit dem Schreiben so ist, erkennt man häufig erst, was man tut, wenn man es getan hat, oder während man es tut. Das gilt auch für Blogartikel. In all meinen Texten steckt viel Gedankenarbeit, die größtenteils vor dem Schreiben stattfindet, teilweise dabei und dann wieder in großen Portionen danach, das heißt vor der Überarbeitung. Trotzdem erkenne ich manchmal nicht, warum eine Geschichte oder ein Part besonders gut funktioniert, nur dass er funktioniert. Dann schreibe ich später einen Blogeintrag darüber und plötzlich wird es mir klar. Nicht nur mit Schreibtechniken, die ich verinnerlicht habe, funktioniert das, sondern auch mit Hintergrundgedanken und manchmal mit Bezügen zu meinem Leben. Ich entdecke mich manchmal nachträglich in Texten und an Stellen, an denen ich mich nicht bewusst eingeschrieben hatte. Ich lerne durch das Nachdenken über meine Texte in Form weiterer Texte, wie ich schreibe, was mir beim Schreiben passiert (zustößt?), dass ich mich niemals darauf verlassen kann, nicht als Person in den Text zu rutschen, und ich lerne, wie tief manche noch so weit im Raum der Abgedrehtheit schwebende Idee doch in mir verwurzelt sein kann.

But wait, there’s more

Während ich Geschichten schreibe, denke ich hauptsächlich darüber nach, was ich sagen möchte. Beim Schreiben über das Schreiben denke ich auch darüber nach, aber nur nebenbei, und frage mich mehr, was bei den Leser*innen ankommen könnte. Beim Lesen ist es letztendlich egal, was der*die Autor*in aussagt, und entscheidend, was verstanden, herausgelesen, interpretiert wird. Jede*r geht mit einer ganz eigenen Erfahrungswelt an ein Buch heran, das wiederum Widerspiegelung einer Erfahrungswelt ist. Deshalb können gesendete und empfangene Botschaft niemals übereinstimmen – wie auch in jedweder anderen Kommunikation.

Gehe ich also an die eigenen Texte heran und frage mich, welche Lesarten möglich sein könnten, welche Interpretationen und Gedanken sie erlauben oder fördern, lerne ich, mich selbst auf Fehler und Unklarheiten hinzuweisen. Beispielsweise habe ich im Text zu Bad Luck II über die Unmoral des Protagonisten nachgedacht und in dem zu Caspars Schiffe, der zwar früher veröffentlicht, aber später geschrieben worden ist, musste ich feststellen, dass man mit dem selben Gedankengang die Hauptfigur und ihre Integrität schnell infrage stellen kann. Im Nachhinein kann ich an den Veröffentlichungen nichts mehr ändern, könnte höchstens neue Auflagen herstellen. Aber davon halte ich wenig. Lieber lerne ich für die Zukunft. (Ginge es hier um krasse Fehler oder Unklarheiten, die ganz bitter missverstanden werden könnten, sähe das anders aus.) Auch so werde ich aufmerksamer, sensibler, besser.

Neue Lesarten von Geschichten, die ich bereits geschrieben habe, zu entdecken, lehrt mich auch, weitere Ebenen und Lesarten in zukünftige Geschichten einzubringen. Das rede ich mir jedenfalls ein.

Rezensionen?

Wie wohl die Beziehung ist zwischen dem genauen Lesen fremder Texte, das man mir nachsagt und das man in Rezensionen erkennen kann, und dem Nachdenken (Nachlesen?) eigener Texte? Lese ich fremde Texte so genau, weil ich auf meine Texte so sehr achte, oder achte ich auf meine auf diese Weise, weil ich fremde so lese?

Ich glaube, es hat etwas mit Bedeutungen zu tun. Ich kann es nicht akzeptieren, dass Aussagen und Details in Filmen, Büchern, Songs, Geschriebenem und Gesprochenem keine Bedeutung haben sollen, und wenn es diese Bedeutungen gibt, lohnt es sich immer, sie zu finden. Zu begreifen, was anderen bedeutsam genug erscheint, um es öffentlich zu verstecken, verspricht, die eigene Sicht auf die Welt zu bereichern. Damit läuft man zwar auch Gefahr, ungewollt Ausgesagtes schneller zu entdecken (entlarven?), aber das ist wohl kaum etwas Schlechtes.

Mehr Kurzprosa?

Es wird da draußen einige Leser*innen geben, die Erschütterungen. Dann Stille. gelesen haben und sich gefragt haben werden, woher sie weitere Kurzgeschichten und Erzählungen von mir bekommen könnten, hoffe ich. Es gibt tatsächlich mehrere Wege. In der noch 2021 erscheinenden Anthologie von Nikas Erben wird es zwei Geschichten von mir geben, über die ich auch wieder nachträglich nach-denken und schreiben werde. Außerdem soll eine meiner Geschichten in der Anthologie von Magret Kindermann erscheinen. Ende 2020 ist dann noch der Text Ich rezensiere mich im Syltse Magazin erschienen. Ich werde weiterhin neben Lyrik und Romanen auch Kurzprosa schreiben, an Ausschreibungen teilnehmen und schließlich ausreichend Material für weitere Kurzgeschichtenbände gesammelt haben. Aufhören werde ich nicht. Niemals. This is what I do.

Erschütterungen. Dann Stille.: Die Wand

Über die Kurzgeschichte “Die Wand” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Grusel/Horror/Spuk, Angst, Trauma, Drogen

Manchmal glaubt man, man wüsste, wohin die Reise geht, und dann führt sie doch woanders hin. Man meint der Antwort sehr nah zu sein, aber zwischen dir und ihr liegt eine Wand. Im Folgenden wird es Spoiler geben zur Erzählung Die Wand aus Erschütterungen. Dann Stille.. Wer sie noch nicht gelesen hat, sollte diesen Text auf später verschieben.

1. Creepy 2. Sad

Handelt es sich bei Die Wand schon um Horror, Grusel oder Ähnliches? Der Gruselfaktor folgt meiner Meinung nach erst aus der Auflösung, die unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen kann. Spoiler! Die Person, die in der Wand eingemauert ist und jeden einzelnen Moment mitbekommt, obwohl sie längst verstorben ist. Ich schreibe, was mir Angst macht, und eine solche Vorstellung empfinde ich als ungemein unangenehm. Einerseits, weil ich nicht möchte, dass man mir immer zuhört, und andererseits, weil ich keine Gespenster oder Leichen in der Wand haben möchte.

Zunächst liest sich Die Wand allerdings anders, und zwar als wäre die Erzählinstanz ein*e vereinsamte*r Nachbar*in. Man bekommt vielleicht Mitleid. Es wird creepy, wenn die Person sich an die Wand lehnt, um den Nachbarskindern näher zu sein. Natürlich hat man nach der Auflösung nicht weniger Mitleid und es ist nicht weniger unangenehm, aber aus einem potenziellen Täter ist ein Opfer geworden.

Orte mit Erinnerung

In der Poetik-Vorlesung Kommt, Geister spricht Daniel Kehlmann davon, dass alte Orte deshalb gruselig auf uns wirken (können), weil sie die Erinnerungen und Erlebnisse aller Personen beinhalten, die zuvor darin verweilt oder dauerhaft gelebt haben, vielleicht sogar dort gestorben sind. Es seien nicht die Orte, die uns Angst machten, sondern die vermeintliche Gegenwart vergangener Menschen und ihrer Erinnerungen. Geister. An einen Ort gebundene Seelen.

Die Erzählinstanz in Die Wand ist ein solcher Geist. Sie ist nicht boshaft, sondern furchtbar einsam und traurig. Wäre Boshaftigkeit nicht einfacher zu ertragen?

Die Sache mit der Wand

Ein Bekannter erzählte mir einmal, dass er eine Weile zu kiffen aufgehört hatte, weil er sich selbst dabei erwischte, wie er mit dem Vorschlaghammer vor der Schlafzimmerwand stand, weil er Stimmen aus der Wand gehört hatte. Er stand zu dem Zeitpunkt nicht unter Drogen. Nüchtern ist mir so etwas noch nie passiert.

Hier hätten wir einen der negativen Aspekte von (psychedelischen) Drogen, wie ich sie ganz kurz im Blogeintrag über Der Tod in Porto II: Abschied angesprochen habe.

Ob diese Geschichte etwas mit der Entstehung von Die Wand zu tun hat, weiß ich beim besten Willen nicht mehr zu sagen. Aber ich forsche hier. Ich habe keine definitiven Antworten.

Was soll das denn?

Aus meiner Sicht geht es in Die Wand um die Folgen von Traumata. Eine Person hat Schreckliches erlebt und ist unfähig mit irgendjemandem darüber zu reden. Sie bleibt durch die Tat abgekapselt vom Rest der Welt, als gehörte sie nicht mehr dazu.

Geschichten sollten niemals frei von Bedeutung existieren. Dank der Leser*innen tun sie das auch üblicherweise nicht. Aber ich würde auch keine Erzählung veröffentlichen wollen, die nicht irgendeinen tieferen Kern besitzt. Mag er nun entdeckt werden oder nicht. Die Wand ist nicht besonders tiefgründig, aber sie verbildlicht einen schrecklichen Zustand und wenn eine Person, der es zuvor nicht bewusst gewesen ist, diesen Zustand nachfühlen kann, hatte ich Erfolg.

Das Maurerdekolleté des Lebens: 1. Buchgeburtstag

Infos und Gedanken zum 1. Buchgeburtstag von “Das Maurerdekolleté des Lebens: Drei surreale Geschichten”.

Am 29.03.2020 wurde Das Maurerdekolleté des Lebens: Drei surreale Geschichten veröffentlicht und damit mein drittes sowie kürzestes Buch. Als E-Book ist es noch immer über alle gängigen Vertriebswege (z.B. Amazon, Thalia) erhältlich, für kurze Zeit für nur 99 Cent.

In diesem Blogeintrag möchte ich noch einmal über die drei Geschichten in Das Maurerdekolleté des Lebens nachdenken und über einige Themen, die wenigstens entfernt damit zusammenhängen.

Baustellen

Kaum eine Geschichte hat eine für mich so präsente Ideengeschichte wie Das Maurerdekolleté des Lebens. Sobald ich mich frage, wie ich auf die erste der drei Geschichten gekommen bin, sehe ich mich selbst auf dem Heimweg, sehe den Bürgersteig voller Absperrungen, rote und weiße Streifen, gelbe Lampen, und höre den Lärm von Baumaschinen. Die Absperrungen bilden Gassen auf dem eigentlichen Weg, beschränken und verändern ihn. Ich muss nicht dort entlang, aber wohin führen sie? Wohin könnte so ein Weg führen? Und die Geschichte war geboren.

Optionen / Abzweigungen

Jede Weggabelung erfordert eine Entscheidung. Jede Entscheidung ändert alles, was nach ihr folgt. Wenn die Eingesperrtheit der ersten Geschichte, die mit Das Maurerdekolleté des Lebens den Titel des gesamtes Buches trägt, vermieden werden könnte – und sollte es nur versehentlich sein –, würde sich auch hier alles verändern. Aus einem Leben wird ein anderes Leben. Aus einem Menschen wird ein anderer Mensch. So ist die zweite Geschichte, Das Maurerdekolleté des Todes, entstanden.

Alle Wege führen nach Rom, aber nur einer in den Senat

Wenn unsere Lebenswege auf dem Konstrukt anderer Personen(gruppen) basieren und unsere Entscheidungen bloß Pseudo-Entscheidungen sind, weil die Optionen vorsortiert und gefiltert sind, scheint es auf den ersten Blick nur zwei Wege zu geben: Mitschwimmen oder Verweigern. Die Verweigerung ist der Weg des Protagonisten in Das Maurerdekolleté des Todes. Da dieser Weg nur selten etwas Neues erschafft, also uns nicht weit genug vom Konstrukt der Mächtigen entfernt, werden wir meistens eingeholt, wenn wir uns überhaupt zeitweise losreißen können. Allerdings gibt es noch einen dritten Weg, der den allermeisten Menschen verschlossen bleibt: Mitmischen. Diesen Weg geht der Protagonist in Das Maurerdekolleté der Gefräßigkeit. Weder opfert er sich dem Moloch, noch flieht er vor ihm, nein, er wird Teil des Monsters. Diese Option bringt die meisten weltlichen Vorteile und kostet uns bloß unsere Menschlichkeit.

Moment mal

Natürlich sollte man jetzt denken: Man kann das System auch von innen verändern! Oder: Es gibt doch noch mehr Wege! Absolut richtig. Mir ist beim Konzipieren des Gesamtprojekts von Das Maurerdekolleté des Lebens schnell aufgegangen, dass ich es abbinden muss, bevor es außer Kontrolle gerät. Der Protagonist Theo verlässt das Haus. Er geht nach rechts, links oder geradeaus. Drei Optionen, drei Lebensläufe. Aber auf jedem Weg könnte er zu jedem Zeitpunkt anders handeln als er es tut. Damit wird jeder Augenblick zur Weggabelung, und jede Weggabelung ist der Beginn eines veränderten Lebenslaufes. Ein einziges Leben hat beinahe unendlich viele Optionen und Variationen zu bieten. Entsprechend viele Geschichten hätte ich erzählen können.

Natürlich fußt das Konzept der Geschichten nicht auf der Figur Theo, sondern auf einer symbolischen Ebene. Die Geschichten bedeuten mehr. Dennoch könnte man auch hier x-fach variieren und immer mehr Feinheiten und Spielarten verbauen. Theo könnte geradeaus gehen, sich an die Spitze kämpfen und aus dieser Machtposition heraus die Welt retten. Oder er scheitert. Er könnte das System aktiv bekämpfen, anstatt sich zu verweigern. Es gibt beinahe unendlich viele Wege, die nur von den Regeln der Physik, den Möglichkeiten des menschlichen Körpers und Geistes sowie der Beschränkung durch die Zeit eingedämmt werden. (Innerhalb des surrealen Konstrukts der Geschichten wäre sogar eine Loslösung von der Physik denkbar.) Das alles in ein einziges literarisches Projekt packen zu wollen, käme dem Versuch nahe, die unendliche Bibliothek von Borges nachzubauen.

Literatur ist niemals abgeschlossen. Ein Buch ist niemals fertig, sondern wird zum passendsten Zeitpunkt abgebrochen. Das Projekt endet jedes Mal mit dem Abbruch.

Und was ist dann passiert?

Das Stichwort März 2020 wird bei vielen Assoziationen zur Pandemie wecken. Damals hat es in Deutschland angefangen. Nicht nur für mich war und ist die Pandemie kraftraubend. Vielleicht ist das der Grund, warum nicht viel Werbung und nicht viele Aktionen rund um diese Veröffentlichung gemacht wurden. Allerdings hat es Rezensionen von KeJas Wortrausch und dem Reisswolfblog gegeben. Außerdem Blogartikel über die Entstehung des Covers, über Gedanken zum Thema Erleuchtung und über eine kleine Szene mit dem Titel Zu gut, um wahr zu sein.

Das Leben geht weiter. Hoffen wir das Beste.

Auch wenn Das Maurerdekolleté des Lebens ein bisschen untergegangen sein mag, bin ich dennoch stolz auf das Büchlein, und mit ihm endete natürlich nicht mein Weg. Seit der Veröffentlichung bin ich offiziell Mitglied bei Nikas Erben geworden, deren nächste Anthologie mit zwei Geschichten von mir noch 2021 erscheinen wird, sowie Rezensent beim Buchensemble, wo regelmäßig Rezensionen von mir veröffentlicht werden. Außerdem durfte ich zu Gast sein beim Podcast von Kia Kahawa in den Folgen Unser Schreibprozess, Bücher und Leseempfehlungen und Buch- und Autorenmarketing sowie beim Podcast von S. D. Foik Buch & Bühne in der Folge Der Krieg des Autors mit der leeren Seite.

Natürlich folgte auch noch meine Kurzgeschichten-Anthologie Erschütterungen. Dann Stille., zu der auf dem Blog regelmäßig Artikel gepostet werden (zu jeder Geschichte einer).

Newsletter

Wie regelmäßige Leser*innen bereits gemerkt haben werden, gibt es seit Kurzem das Angebot eines Newsletters auf dem Blog. Dort werdet ihr monatlich informiert über neue Blogartikel, Aktionen, Gewinnspiele und mein Autorenleben. Obendrauf werden über den Newsletter exklusiv Texte und Textausschnitte geteilt werden. Ich würde mich freuen, auch über dieses Medium mit euch in Kontakt treten zu können.

Das Maurerdekolleté des Lebenswerkes

Am Ende solcher Texte steht wohl immer ein Blick in die Zukunft. Perspektiven sind wichtig. Ich selbst hangele mich zu Zeiten von einem Projekt zum nächsten, um nicht unterzugehen. Deshalb könnt ihr euch sicher sein, dass ich permanent an etwas arbeite.

Das Maurerdekolleté des Lebens: Buchgeburtstag (Selfpublisher) - Schreibprojekt Meme
[Meme irgendwo gefunden, nicht selbst erstellt]

Während ich das hier tippe, stehe ich kurz vor der Fertigstellung meines zweiten Romans, einer Dystopie mit einigen Twists. Ich werde versuchen, das Buch bei Verlagen unterzubringen. Das wird leider Zeit kosten. Diese Zeit überbrücke ich mit Rezensionen, Blogartikeln, Newslettern, Texten für Ausschreibungen, hoffentlich ein paar Interviews und Podcasts (darauf hätte ich mal wieder Lust) sowie möglicherweise weiteren Kleinstveröffentlichungen (Kurzgeschichten, Erzählungen) ähnlich wie Das Maurerdekolleté des Lebens.

Hinweis: Memoirs and Misinformation (Rezension)

Eine Rezension von Jim Carreys Roman Memoirs and Misinformation (Memoiren und Falschinformationen) ist seit heute beim Buchensemble online. Lesen könnt ihr die Rezension hier:

Die große Weirdness: Memoirs and Misinformation

Hinweis: Das Maurerdekolleté gibt es günstiger!

Hinweis auf die Preisaktion zum Buchgeburtstag von “Das Maurerdekolleté des Lebens: Drei surreale Geschichten” von Autor Matthias Thurau.

Am 29.03.21 wird der 1. Buchgeburtstag gefeiert von Das Maurerdekolleté des Lebens: Drei surreale Geschichten. Damit alle mitfeiern können, gibt es daher das E-Book 2 Wochen lang für nur 99 Cent zu kaufen.

Erschütterungen. Dann Stille.: Angerichtet

Über die Geschichte “Angerichtet” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Es ist angerichtet. Ich habe etwas angerichtet. Gerichte kann man essen oder man kann sich von ihnen verurteilen lassen.

In diesem Blogeintrag geht es um die kurze Erzählung Angerichtet im Buch Erschütterungen. Dann Stille., um Liebe und Kunst und die Symbolik von Zahlen. Wie immer ist das alles nicht ohne Spoiler machbar. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann diesen Blogeintrag.

Getrieben sein – oder – Manche Klischees sind keine, manche sehr wohl

Die grundsätzliche Idee für Angerichtet habe ich aus der Kunstgeschichte, und es ist mir peinlich, dass ich nicht mehr weiß, um welchen Künstler oder welche Epoche es sich handelte. Jedenfalls habe ich einmal von einem Maler gelesen, der sein Leben lang einer verheirateten Frau nachgejagt ist. Währenddessen hat er seine Sehnsucht und sein Leid genutzt als Antrieb für die Kunst. Viele Jahre, Briefe und Treffen später verließ die Dame seines Herzens ihren Gatten und bandelte mit dem Künstler an. Es brachen glückliche Zeiten an. Alles war gut. Das Problem war nur, dass der Künstler seinen Antrieb verloren hatte. Ohne Leid konnte er anscheinend nicht malen. Also verließ er die Frau.

Okay, hier ist das Problem (oder gleich mehrere):

  1. Dick move.
  2. Für viele Jahre hätte und habe ich derartigen Krempel gefeiert als Aufopferung für die Kunst.
  3. Aber er opfert nicht nur sein Glück, sondern auch ihres. Mal ganz davon abgesehen, dass wir uns, glaube ich, in dieser Geschichte in einer Zeit bewegen, in der die Frau tatsächlich mit Nichts mehr dagestanden hatte ohne Ehemann.
  4. Ist es das wirklich wert? Hat er es wirklich versucht? Hätte er es länger versuchen sollen? Das Klischee des ohne Leid nicht schaffen könnenden Künstlers hatte ich lange Jahre verinnerlicht. Es gehört noch immer zum Rollenbild der Kunstschaffenden. Das muss doch nicht sein. Zum Glück durfte ich inzwischen lernen, dass auch Kunst (in meinem Fall Literatur) Glück bringen und dass man auch ohne Krise schaffen kann.

Fazit: Er hat sich falsch entschieden. Ich hoffe, es war für die Dame in Frage die bessere Situation. Wer sich so entscheidet, wird nicht unbedingt gutes Partnerschaftsmaterial sein. Kommen wir zu trockeneren Themen.

Die Power der Uhr

Ist euch bewusst, welchen Einfluss die Zeitmessung auf das Leben der Menschen gehabt hat? Ist euch außerdem bewusst, dass es die Industrialisierung war, die die präzise Messung der Zeit massiv vorangetrieben hat, um Prozesse zu verbessern und Profite zu erhöhen? Wusstet ihr, dass es eine Zeit gegeben hat, relativ am Anfang der industriellen Revolution, in der Züge durch England gefahren sind und gelegentlich früher angekommen sind, als sie losgefahren sind? Es hat keine einheitliche Zeitangabe gegeben. Die Messung war die gleiche, aber die Uhren gingen buchstäblich überall anders, und gemessen hat die Kirchturmuhr. Alle Uhren im Ort zeigten die Zeit der Kirchturmuhr. Es hat keine Atom- und Funkuhren gegeben. Das waren noch Zeiten. Hat das alles etwas mit Angerichtet zu tun? Kaum.

Die Uhr als Symbol

Als ich einmal im Deutschunterricht wie selbstverständlich gesagt habe, die Jahreszeiten in einem Gedicht stünden für die Lebensabschnitte des Lyrischen Ichs, wurde ich mit großen Augen angeguckt. Nun, wird es euch wundern, dass man auch Uhrzeiten ähnlich nutzen kann?

Die Erzählung Angerichtet ist aufgeteilt in 4 Teilstücke, die jeweils mit der Angabe einer Uhrzeit beginnen. Morgens, nachmittags, abends, nachts. Am Morgen beginnt die Liebesgeschichte, am Mittag herrscht Ruhe, die Beziehung ist glücklich. Am Abend endet die Beziehung und in der Nacht blickt die Ich-Erzählinstanz auf den Tag zurück und rechnet ab, schaut sich an, was sie angerichtet hat.

Orientiert habe ich mich bei all dem nicht nur an der uralten Symbolik der Jahreszeiten, sondern auch an der Doomsday Clock: Die Doomsday Clock oder Weltuntergangsuhr oder Atomkriegsuhr oder Uhr des Jünsten Gerichts zeigt seit 1947 an, wie nahe wir einem Atomkrieg sind. Sie startete um „11.53 Uhr“ und Anfang 2020 wurde sie auf 100 Sekunden vor Mitternacht gestellt. 100 symbolische Sekunden vor dem Untergang der Welt durch eine atomare Apokalypse. Bekannt könnte die Doomsday Clock vielen aus den Watchmen Comics sein.

Ob nun Jahreszeitensymbolik, die am Ende des Jahres den Tod verortet, oder eine Uhr, die um Mitternacht das Ende der Welt fixiert hat, das Bild ist ähnlich und gut verständlich. Natürlich startet der Tag in Angerichtet auch im Bett, tatsächlich vormittags, was wenigstens am Anfang der Geschichte die Verwendung des Symbols natürlich erscheinen lässt.

Die verdammten Pythagoräer

Spätestens seit dem Blogeintrag Zahlen und Wunder, der von versteckten Zahlenbedeutungen in Sorck handelt, habe ich öffentlich kundgegeben, dass ich die bedeutungslose Nutzung von Zahlen in meinen Geschichten nicht leiden kann. Man könnte behaupten (und das werde ich auch tun), dass ich die Bedeutung der verwendeten Zahlen bereits ausreichend begründet habe. Trotzdem hatte ich versucht, jedem Detail, nicht nur der ungefähren Zeit, sondern der exakten, Bedeutung zuzuweisen. Dabei suchte ich mit schlechtem Erfolg bei den Pythagoräern nach Rat.

Die meisten kennen Pythagoras nur vom Satz des Pythagoras her und bringen ihn damit direkt mit der euklidischen Geometrie in Verbindung. Das ist nicht falsch. Pythagoras war allerdings nicht nur Mathematiker, sondern scharte auch Leute um sich in einer Art Sekte. Die Pythagoräer glaubten eine Menge wirres Zeug und vieles davon basierte auf Zahlenmystik – passend, oder?

Jedenfalls sind hier einige Dinge, die die Pythagoräer mit Zahlen in Verbindung brachten: Gerade Zahlen (besonders die 2) gelten als weiblich, ungerade als männlich. Daher war die 5 (2+3) das Symbol der Heirat. Die 1 war die Zahl der Gottheit, die der Welt zugrunde lag, und die 2, die erste Zahl darüber, stand auch für Kampf oder Diskussion oder Meinung. Viel Spaß dabei, die Uhrzeiten in Angerichtet auf diese paar pythagoräischen Bedeutungszuweisungen zu untersuchen! Es wird trotz aller Mühe nicht sauber klappen.

Und die Liebe? Die Liebe!

Angerichtet gehört zu den Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille., die mir irgendwie rein erscheinen. Sie hat kein tiefes Problem, ist nicht überdreht oder großartig komplex. Es geht hauptsächlich um Gefühle, um die Entwicklung einer Beziehung und um eine Entscheidung, die wiederum in einem Gefühl mündet: Reue.

Was hinter der Entscheidung steht, was man sich als Leser*in selbst hinzuzudenken hat und Details haben natürlich eine gewisse Komplexität, aber man kann auch einfach lesen, schmunzeln und dann traurig werden. Es geht um Liebe, lasst das zu!

Erschütterungen. Dann Stille.: Trümmer

Über die Kurzgeschichte “Trümmer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Trauma, Suizid

Die begründete Ahnung, dass sich hinter der Lebensfassade anderer Menschen Höllen auftun könnten, fühlt sich grässlich an. Und doch bleibt den meisten von uns nur eine Ahnung, denn Wahrheiten tendieren dazu, sich desto seltener zu offenbaren, je schlimmer sie sind. Mehr als eine solche Ahnung einer furchtbaren Hintergrundgeschichte bleibt den Leser*innen der Geschichte Trümmer in Erschütterungen. Dann Stille. nicht als Erklärung.

In diesem Blogeintrag geht es um die Dinge, die man sieht, und solche, die verborgen bleiben. Spoiler sind unvermeidbar. Lest die Geschichte zuerst und dann diesen Text!

Was man sieht

Ein namenloser Protagonist zerstört die Welt, die er kennt. Moment, das ist schon interpretiert. Was man sieht? Ein namenloser Protagonist steht inmitten einer Explosion, die das Haus, in dem er aufgewachsen ist, zerreißt. Er selbst wird mindestens schwer verletzt, sein Tod wird am Ende angedeutet. Deutlich sind Freude und Friede im Angesicht des Untergangs zu sehen. Warum das alles? Wieso zur Hölle freut er sich so?

Was man hört

Die Explosion des Hauses ist keinesfalls der erste Anschlag des Protagonisten auf das Haus. Im Laufe seines Lebens verübte er mehrere, zunehmend ernsthaftere und erfolgversprechendere Angriffe. Zuerst sind es Feuchtigkeit und Schimmel, die jedoch das Gebäude nicht ruinieren können. Dann werden Türen und Fenster geöffnet, in der kindlichen Hoffnung, das Bild der Räuber, die ein ganzes Haus klauen, würde wahr. Vergebens. Am Ende des Rückblicks folgt die einzige Erklärung für die Zerstörungswut, welche über eine Geisteskrankheit hinausgeht: der Vater. Feuer, um Tränen zu trocknen. Denn das Haus sei des Vaters Leben gewesen.

Was man ahnt

Wie viel Wut und Ohnmacht muss man spüren, um ein Haus und sich selbst zu sprengen? Heutzutage ist viel zu häufig bewiesen worden, dass es für eine solche Wut nicht unbedingt Traumata bedarf, sondern dass Indoktrination und Gehirnwäsche ausreichen. [Man könnte Verbindungen herstellen zwischen Suizid, begleitetem Suizid (beispielsweise School Shootings) oder Suicide by Cop (was den Selbstmord durch tödliche Gewalt von Polizist*innen bezeichnet, provoziert durch einen Angriff) und Selbstmordattentaten herstellen, wobei jeweils die „Bühne“ größer wird und die Verschiebung der Probleme auf entferntere Bereiche (vom tatsächlichen Problem zum Glaubenskrieg).]

Rache ist zuallererst eine mentale Reaktion auf Machtlosigkeit in Form einer Fantasie. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem ich es gelesen habe – Imre Kertész vielleicht? In jedem Fall ein KZ-Überlebender –, aber es hieß, dass die Ausführung der Rachefantasie im Moment, da sie machbar wird, keinen Sinn mehr ergibt, da sich die Ursache der Fantasie (die Machtlosigkeit) aufgelöst hat. Das scheint mir eine edle Idee zu sein, aber die unbeschreibliche Wut, die manche Erlebnisse (und Lebensphasen) mit sich bringen, wird nicht ausgelöscht durch den Fakt, dass die Phasen vorüber sind. Wut kann bleiben. Das führt meist zu desaströsen Konsequenzen, kann aber auch gut sein und die Zukunft retten.

Derartige wütend machende Phasen, um es mal kalt und euphemistisch zugleich auszudrücken, scheint es im Leben des Protagonisten gegeben zu haben. Ob er noch immer in einer solchen Phasen steckt oder ob sie durchstanden ist, kann man nicht wissen. Aber in beiden Fällen erscheinen mir Wut und Rache angebracht, wenn auch nicht in der dargestellten Form. Es gibt immer einen besseren Weg als jenen, der in die Literatur Einzug erhält, weil der literarische Weg zumeist überzogen und wirkungsstark designt ist. Er soll unterhalten und/oder symbolisch wirken. Die Taten meines Protagonisten stehen für seine Gefühle und damit wiederum für die Gefühle so vieler ruinierter Leben. Sie sind nicht dargestellt, damit sie nachgemacht werden oder um ähnliche Taten zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil. Sie sollen auf jene Taten hinweisen, die zu den dargestellten Taten geführt haben, und sie bestenfalls verhindern. Hört auf, Menschen zu Tätern zu machen, die ohne eure Einwirkung keine geworden wären!

Was am Ende übrig bleibt

Trümmer. Schutt und Asche. Ruinen, wo man hinblickt. Ich weiß, dass mein Blick auf die Welt zu häufig zu düster ist, aber ich weiß auch, dass Menschen mir mehr vertrauen als anderen. Ich habe Menschen zugehört, die mir die Hölle erzählten oder andeuteten. So viele gebrochene Menschen. Wer ohne zuzuhören durch die Welt geht, Signale übersieht und ganz besonders Freundinnen, Schwestern, Bekannten, Frauen nicht zuhört, kann nicht erkennen, was überall passiert. Mag sein, wer so durchs Leben geht, ist zufriedener (und ziemlich sicher ein Mann). Aber sch**ß auf deinen Komfort und schau hin!

Falsches Setting, oder?

Oh man. Auf Twitter habe ich es in der Entstehungsphase dieser Blogreihe mehrmals angedeutet, aber ich schreibe mich tatsächlich in Rage. Sicherlich wurde ich beim Verfassen von Trümmer inspiriert von den wirklich vielen Erzählungen mir bekannter Frauen über (zumeist) sexuelle Gewalt und der von mir bekannten Männern über Mobbing und nicht auslebbare Gewaltfantasien aufgrund kaum erträglicher Wut. Jedoch kann ich nicht ehrlich behaupten, dass diese Erfahrungen direkt in die Erzählung eingeflossen sind. Nicht immer habe ich ein komplettes Konzept. Das häusliche, familiäre Setting der Geschichte passt eigentlich nicht zu den Erfahrungen, von denen mir berichtet worden ist. Doch ich kam im Laufe der Gedanken über Trümmer auf diese Themen und so kann es den Leser*innen auch gehen.

Am Ende ist meine eigene Wut vermutlich entscheidender für die Geschichte als jede mir berichtete. Ändert das irgendetwas an Angst, Frustration und Widerlichkeiten, die andere regelmäßig durchleben? Ich denke nicht. Also ist auch dieser Text so in Ordnung.

Erschütterungen. Dann Stille.: Übler Nachgeschmack

Über die Kurzgeschichte “Übler Nachgeschmack” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Mit den Worten Sie liegt noch immer in der Küche beginnt die Kurzgeschichte Übler Nachgeschmack im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille.. Was ich mit diesem Anfang bewirken wollte, wie es zur Erzählung gekommen ist und warum Sehnsuchtsgeschichten in jede Anthologie passen, kläre ich in diesem Blogartikel. Ohne Spoiler ist das nicht zu machen. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann den Artikel!

Content Notes: Mord, Essen, Liebe(skummer)

Hunde?

Die erste Assoziation, die ich selbst immer habe, wenn ich den Anfang von Übler Nachgeschmack wiederlese, ist eine Szene aus dem Film In China essen sie Hunde. (Vorsicht Filmspoiler!) Arvid, der Protagonist, hat seine dauernörgelnde Freundin umgebracht. Auf die Frage, wo sie sich befände, antwortet er: Zuhause. Im Flur… und in der Küche. Auch wenn es nichts mit meiner Geschichte zu tun hat, mag ich die Andeutung von extremer Wut in einem sonst ruhigen Charakter sehr. Arvid hatte die Schnauze voll und hat seine Freundin nicht bloß erschlagen, sondern offenbar mindestens in zwei Stücke zerlegt. Dass es ausgerechnet Gewalt gegen Frauen sein muss, die hier als Scherz genutzt wird, gibt natürlich einen üblen Beigeschmack. Zack, Überleitung.

Ähnliche, weniger spezifische Assoziationen würde ich bei Leser*innen von Übler Nachgeschmack gern auslösen mit dem ersten Satz. Da man noch nicht weiß, worauf sich das Sie zu Beginn bezieht, denkt man zuerst an eine Frau. Da sie noch immer in der Küche liegt, tut sie das wohl schon länger. Und warum sollte man ausgerechnet in der Küche liegen? Nur Verletzte und Tote liegen längere Zeit (regungslos) in der Küche herum. Das oder etwas Ähnliches hätte ich gern in die Köpfe der Leser*innen projiziert. Doch nicht die Partnerin ist tot, sondern die Liebe, und nicht sie liegt herum, sondern die Pizza.

Die Pizza

Ursprünglich ist die Geschichte entstanden, als jemand (auf Twitter oder in einem Forum?) dazu aufrief, Geschichten über Pizza zu schreiben. Das war Teil eines Scherzes, den ich vergessen habe, im Rahmen einer Unterhaltung, die ich ebenfalls vergessen habe. Und dennoch war das der Auslöser. Pizza. Was kann man mit Pizza literarisch anfangen? Gar nicht mal so wenig. Slice of Life – gilt das schon als Pun? – wäre eine passende Assoziation. Oder man nutzt die Pizza eben eher symbolisch, wie ich es getan habe.

Zwei Dinge sollte man mit der Pizza in Übler Nachgeschmack verbinden: Hunger und das Festhalten an Dingen, die man loslassen sollte. Die Ich-Erzählinstanz (oder Ich-Erzähler*in?) erwähnt den Hunger zum Zeitpunkt des letzten Streits des Paares. Aber man kann den Hunger auch als Sehnsucht interpretieren. Etwas fehlt, etwas Essenzielles. Nahrung, um zu überleben, oder Seelennahrung, Nähe, Liebe, um zu leben. Loslassen sollte die erzählende Person die Beziehung der beiden, die offensichtlich zerbrochen ist, schlecht geworden, nachdem sie zu lange schlechten Einflüssen ausgesetzt gewesen war. Irgendwann reicht es. Eine ungesunde Beziehung oder gammelige Lebensmittel sollte man wegwerfen, so schade es auch manchmal sein mag. (An dieser Stelle verlinke ich meinen Blogeintrag über Lebensmittelmetaphern in Alte Milch.)

Das große Fehlen

Ich habe keine Ahnung, wie glücklich du gerade bist. Du liest das hier. Das bedeutet, du hast immerhin die Zeit dazu. Vielleicht interessiert dich das Thema sogar und du liest nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus. Dann könntest du zufrieden sein. Wie groß ist der Anteil der zufriedenen Momente an deinem kompletten Leben? Oder einem Zeitabschnitt, sagen wir innerhalb dieses Jahres?

Auch wenn du glücklich bist, vermisst du sicherlich Dinge, Zeiten, Menschen. Sehnsucht ist etwas, das jede*r kennt. Oder? Ich weiß es nicht, vermute es aber. Auch wenn heutzutage klar ist, dass nicht alle (gesunden wie ungesunden) Menschen romantische Liebe empfinden, fühlen doch alle (gesunden) Menschen irgendeine Form von Liebe. Und immer gibt es in Biographien Zeiten, die es mehr oder weniger verdient haben, vermisst zu werden und Sehnsucht auszulösen. Sehnsucht ist menschlich (wie Irren, was zu Fehlern führt, was wiederum zu Sehnsucht führen kann).

Das große Fehlen von Dingen, Zeiten, Menschen, Zuständen treibt uns voran (und manchmal zurück). Sehnsucht ist ein Zustand, der uns beflügeln kann. Evolutionär sinnvoll. Emotional anstrengend. In der Literatur liegt man selten falsch, wenn man Liebe zum (Neben)Thema macht, und eben so wenig, wenn man Sehnsucht dazu macht. Deshalb sind Sehnsuchtsgeschichten, die auch gerne mal getarnt sind, immer eine gute Wahl für Anthologien. (An dieser Stelle verlinke ich mal wieder den Auftritt von Neil Hilborn: Neil Hilborn – OCD, einem perfekten Beispiel für einen Sehnsuchtstext.)

Du fehlst mir

Simplizität bedeutet Direktheit bedeutet schnelles Verstehen bedeutet Mitfühlen. Literatur kann und darf verkopft und seltsam und schwierig sein, aber geht es um Gefühle, geht es um Sehnsucht, ist nichts besser als eine direkte, knappe, scheinbar alltägliche, deutliche Aussage wie Du fehlst mir. Du fehlst mir hat mehr Macht als alle Jahreszeiten- und Blumenvergleiche der Welt. Du wirst mich niemals so an mich selbst und mein Leben und Leiden erinnern, als wenn du Aussagen nutzt, die auch Kindern einfallen könnten: Ich will nach Hause. Du fehlst mir. Lass mich! Ich brauche Hilfe.

Versucht man also, Gefühle in Leser*innen auszulösen, sind direkte Formulierungen unschlagbar. Sie sind da. Sie sind nah. Sie sind so kurz, dass sie sozusagen plötzlich im Auge, im Kopf, im Herzen der Leser*innen sind. Ist der Satz gelesen, ist er bereits verarbeitet und verknüpft. Kein Nachdenken. Nur Fühlen. Sätze mit etwa 2 oder 3 Wörtern brechen Herzen. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Du bedeutest mir nichts. Geh weg. Sätze, die man hört und sagt, wenn der Kopf im Chaos versinkt und nichts mehr hält. Stil ist egal. Du fehlst mir.