Erschütterungen. Dann Stille.: Gen Pop

Über die Erzählung “Gen Pop” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Gen Pop HEADER

Kaputter macht Kaputten kaputter. Willkommen in unserer Gesellschaft. Gen Pop ist ein kurzer Text über Selbst- und Fremdwahrnehmung oder eine Geschichte über menschliche Abgründe. Erschütterungen. Dann Stille. hat mehrmals solche Geschichten zu bieten. Im Folgenden wird gespoilert werden. Lest am besten zuerst den Text und dann diesen Blogeintrag.

Content Notes: Gefangenschaft, Vergewaltigung(sandrohung)

Alleine sind wir stark

Mike ist die Vorstufe des Ich-Erzählers. Er ist einer von uns. Mike ist arrogant, wenn wir dem Erzähler glauben dürfen, hält sich für besonders und alle anderen für weniger wert. Mike ist, was ich einmal gewesen bin. In meinem Teenager-Kopf hießen sie nicht „Gen Pop“, sondern „Statisten“. Alle waren Statisten in einem Film, der sich nur um mich drehte. Das ist nur einen Hauch entfernt von waschechtem Solipsismus.

Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es nicht nur mir schlecht gehen kann, sondern auch anderen. Schmerz adelt, aber nicht für sich, sondern durch seine Auswirkungen, durch das verstärkte Mitgefühl, durch mehr Empathie und dadurch, dass wir daraus lernen. Schmerz adelt, wenn er uns nicht zu Monstern macht, sondern zu besseren Menschen. Besser, als wir vorher waren. Der Ich-Erzähler ist nicht geadelt, sondern pervertiert. Er sieht nicht sich selbst in Not in Mike, sondern eine Herausforderung seiner eigenen Sonderstellung. Vielleicht meint er sogar zu helfen, indem er Mike endgültig ruiniert.

Die Wahrheit stinkt

Jede Nische meines Verstandes war mein eigen, ich hatte keine Geheimnisse mehr vor mir. Ihr könnt euch den Gestank nicht vorstellen […]

Diesen klitzekleinen Part mag ich besonders. Der zweite Satz bezieht sich im Gesamtkontext auf den Kellerraum, in dem der Ich-Erzähler 14 Tage lang ohne Möglichkeit ordentlicher Körperhygiene verbracht hat. Zoomt man allerdings heran, wie ich es oben getan habe, schneidet nur diesen Part aus, bezieht sich der Gestank auf die Innenwelt des Sprechers. Er hat jede Ecke seiner Persönlichkeit mit offenen Augen gesehen, selbst die dreckigsten Stellen. Das könnte befreien, zerstört aber hauptsächlich.

Ein Gegenteil von Gen Pop

Es gibt mehrere mögliche Gefängnisexistenzen außerhalb der Normalbevölkerung. Eine Variante, eben die, um die es geht, ist Einzelhaft. Eine Strafe, die die wenigsten vertragen können. Der Mensch ist ein derart soziales Wesen, dass er lieber unter Mördern und Vergewaltigern leben möchte, als komplett allein zu sein. Schlimmer: als ohne Ablenkung mit sich selbst allein zu sein. 14 Tage Einzelhaft brechen wohl die meisten.

Man bedenke als nächstes, dass es amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse gibt, in denen sämtliche Gefangenen 23 Stunden pro Tag allein in ihren Zellen verbringen, damit es nicht zu Zwischenfällen unter den Insassen kommt. Meiner Meinung nach ist das grausam. Allerdings findet das in einem Land statt, in dem der Gefängnisbetrieb immer mehr privatisiert wird, Firmen an Gefangenen (und deren Billigarbeit) verdienen und Gewalt jedweder Form in Gefängnissen an der Tagesordnung ist.

Ist euch mal aufgefallen, dass es inzwischen ein gängiges Motiv in amerikanischen Krimi-Serien ist, dass die Polizist*innen Verdächtigen nicht mit dem Gefängnis an sich, sondern mit Vergewaltigungen dort, drohen? Abartig.

US-amerikanische Kulturhegemonie

Warum kenne ich überhaupt Begriffe wie „Gen Pop“ und weiß besser über das Gefängniswesen der USA Bescheid als über das deutsche? Die Antwort liegt in den Sümpfen der Kulturhegemonie versteckt. Wir werden von Kindheit an mit amerikanischen Werten und Werken bombardiert: Musik, Filme, Serien, Spielzeug. Obwohl die Chinesen sich mehr und mehr in Hollywood einkaufen und japanische Animes einen Teil der Kindererziehung übernommen haben, gehört der Großteil des Einflusses noch immer den USA. Viele unserer Ideen stammen von dort. Wir sind niemals unbeeinflusst.

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken recht weit entfernt liegen vom Kern der Geschichte, und dennoch lohnt es sich, gelegentlich darüber nachzudenken, wo die eigenen Ideen, Vokabeln und Vorstellungen herkommen und wieso sie in unseren Köpfen stecken. Globale Entwicklungen sind nicht immer global im Sinne einer von überall her stammenden Entwicklung, sondern zu häufig im Sinne einer Entwicklung, die von einem Ort (bewusst) ausgeht und sich dann weltweit verbreitet.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 1985 geboren, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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