Hinweis: Podcast mit 3 Erzählungen von M. Thurau

Im Podcast “Klausgesprochen” werden 3 Erzählungen aus “Erschütterungen. Dann Stille.” vorgelesen.

In der neuesten Folge des Podcasts Klausgesprochen werden 3 Erzählungen aus Erschütterungen. Dann Stille. professionell vorgelesen:

KLAUSGESPROCHEN – ERSCHÜTTERUNGEN. DANN STILLE.

Ausgewählt wurden die Kurzgeschichten Am Fluss, Der Sturm im Bierglas und Geschlossene Türen. Viel Spaß!

Erschütterungen. Dann Stille.: Schlammläufer

Über die Erzählung “Schlammläufer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Grusel, Angst

Im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille. gibt es 2 Texte, die in die Kategorie Grusel/Horror gehören. Neben Der Mitatmer ist das Schlammläufer. In diesem Blogartikel soll es nun um die Ideen hinter Schlammläufer gehen und um die Herkunft des Titels. Ohne Spoiler ist das nicht zu machen. Seid also gewarnt und lest zuerst die Geschichte, bevor ihr hier weiterlest!

Die, die im Dreck spielen

Üblicherweise habe ich wenig übrig für Sportveranstaltungen, an denen ich mitmachen könnte (und auch für die meisten anderen). Zwar trainiere ich gern, wie es auch schon im Blogeintrag zur Geschichte Masse erwähnt habe, aber Gruppensport und Veranstaltungen sind nicht meins. Veranstaltungen wie der Tough Mudder allerdings, der wohl nicht mehr stattfindet, reizen mich schon länger. Es handelt sich dabei um Hindernisläufe, die an Boot Camps erinnern und bei denen man garantiert nicht sauber bleibt. Man hangelt über Matsch, kriecht durch Röhren, klettert Wände hoch und läuft zwischendurch auch. Eine umfassende Fitness ist also Voraussetzung für die Teilnahme.

Dass die Gruselgeschichte Schlammläufer oder die einleitende Handlung auf solchen Sportveranstaltungen basiert, ist kaum zu übersehen. Auch der Titel ist natürlich angelehnt. Witzigerweise dachte ich bis vor 10 Minuten, dass der Tough Mudder eigentlich Mud Runner hieße. Es handelte sich also zuerst um eine Übersetzung eines falschen Namens. Klingt aber auch gut.

Die Sache mit dem Geschlecht

In Schlammläufer wollte ich nicht schon wieder einen Protagonisten handeln und Angst haben lassen, sondern eine toughe Frau verbauen. Dazu gleich mehr. Aber man könnte sich fragen, warum die Story dann nicht Schlammläuferin heißt. Ich hatte darüber nachgedacht. Allerdings hat sich der Titel niemals auf die Protagonistin/Ich-Erzählerin bezogen, sondern zuallererst auf die Veranstaltung. Möchte man den Titel aber auf Figuren beziehen, hat man nun die Auswahl zwischen Max, dem Badehosen-Dude, und dem Hirschmann. Hat man da wirklich eine Wahl? Gibt es am Ende noch einen Unterschied zwischen beiden? Wer begrüßt die Ich-Erzählerin am Ende wieder auf unserer Seite?

Die andere Sache mit dem Geschlecht

Es ist eigentlich längst überholt, muskulöse Machos auf Monster zu hetzen, um unschuldig hilflose Fräuleins zu retten. Daher ist es wohl kaum eine Revolution, dass ich eine Heldin gewählt habe, die auf einen weniger starken Mann trifft. Als „starke Frau“ wollte ich jedoch keine Figur schreiben, die sich lediglich verhält, als sei sie ein Standard-Männerheld, der nur zufällig hier zur Frau gemacht wurde. Das scheint noch immer ein gängiges Konzept zu sein. Stattdessen wollte ich eine passendere Perspektive aufbauen. Ob mir das gelungen ist, müssten Leserinnen mir sagen. Ein Aspekt, der mir wichtig war, ist ihre Vorsicht Max gegenüber. Die oben beschriebene Standard-Heldin wäre permanent tough, als ob ihr nichts zustoßen könnte. Meine Ich-Erzählerin allerdings ist sich, wie vermutlich alle realen toughen Frauen, der Gefahr durch Max bewusst. Er mag halbwegs harmlos wirken, aber er ist groß, fit, halb-nackt und mit ihr allein (an einem seltsamen Ort). Mehr als genug Gründe, um vorsichtig zu sein.

Ihre Toughness zeigt sich im Ruhigbleiben, dem klaren Denken (z.B. dass sie alles Mögliche als potenzielle Waffe durchdenkt) und dem Durchsetzen ihrer Pläne und Maßnahmen Max gegenüber. Dass sie beispielsweise darauf besteht, dass er vorgeht, damit sie weiterhin so sicher wie eben in der Situation möglich sein kann.

Tempus

Im Präsens schreibe ich eigentlich selten (und ungern). Hier schien es mir aber passend. Es wirkt aktiver und unsicherer. Auch wenn in Prosatexten die Verwendung des Präteritums keine Anzeige dafür ist, dass die Handlung in der Vergangenheit spielt oder bereits abgeschlossen ist, kann die Vergangenheitsform dennoch genau das suggerieren: Die Sache ist bereits gelaufen (und der/die Erzähler*in hat überlebt). Das Präsens ist zwar auch nicht mehr besonders selten, wirkt aber dennoch näher dran und gibt der Story etwas mehr Tempo und eben Unsicherheit.

Übrigens kann man die scheinbare Sicherheit der Verwendung des Präteritums auch nützen, um die Leser*innen zu überraschen, indem man die erzählende Figur beispielsweise sterben lässt. Wäre die Erzählinstanz tatsächlich in einer sicheren Situation, die zeitlich nach der Handlung angesiedelt ist, könnte sie kaum im Präteritum sterben. Aber sie kann.

Der Hirschmann

Aufmerksamen Leser*innen könnte bei der Erwähnung des Hirschmanns der Gedanke an Sorck und den Wolfsmann gekommen sein. Das ist nachvollziehbar und nicht ganz falsch. Allerdings stammt der Wolfsmann als Idee aus einer Traumreise, die ich irgendwann mal mitmachen durfte, und der Hirschmann ist angelehnt an einen (erfundenen) Drogentrip, der in meinem allerersten (niemals veröffentlichten) Manuskript Der König der Maulwürfe vorkommt. In diesem Manuskript wiederum ist der Mensch-Hirsch-Hybrid ein friedliches Zeichen, in Schlammläufer ist er das auf keinen Fall. Er ist eine reine Horrorfigur: An mehreren Orten gleichzeitig, in verschiedenen Größen und unangreifbar.

Der Horror in uns

Ich bin davon überzeugt, dass die besten Horrorfiguren jene sind, die man auch als innere Dämonen interpretieren kann oder die tatsächlich in uns sind/sein sollen (z.B. Freddy Krueger in den Träumen). Daher sind meine Horrorfiguren auch meist ähnlich zu lesen. Man kann sie als Manifestationen von Traumata interpretieren oder als in die Realität eingreifende Albtraumwesen oder als Erinnerungen, die zurückkommen, obwohl sie ungewollt sind.

Den Hirschmann lese ich gern als Verkörperung der Angst von Max, und die Ich-Erzählerin erhält einen Einblick, den sie nicht hätte haben dürfen. Sie rutscht quasi in Max’ Kopf. ABER: Diese Interpretation ist erst nach Fertigstellung und Überarbeitung der Geschichte entstanden. Lest Schlammläufer also auf eure Weise und erzählt mir vielleicht davon!

Erschütterungen. Dann Stille.: Die Wand

Über die Kurzgeschichte “Die Wand” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Grusel/Horror/Spuk, Angst, Trauma, Drogen

Manchmal glaubt man, man wüsste, wohin die Reise geht, und dann führt sie doch woanders hin. Man meint der Antwort sehr nah zu sein, aber zwischen dir und ihr liegt eine Wand. Im Folgenden wird es Spoiler geben zur Erzählung Die Wand aus Erschütterungen. Dann Stille.. Wer sie noch nicht gelesen hat, sollte diesen Text auf später verschieben.

1. Creepy 2. Sad

Handelt es sich bei Die Wand schon um Horror, Grusel oder Ähnliches? Der Gruselfaktor folgt meiner Meinung nach erst aus der Auflösung, die unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen kann. Spoiler! Die Person, die in der Wand eingemauert ist und jeden einzelnen Moment mitbekommt, obwohl sie längst verstorben ist. Ich schreibe, was mir Angst macht, und eine solche Vorstellung empfinde ich als ungemein unangenehm. Einerseits, weil ich nicht möchte, dass man mir immer zuhört, und andererseits, weil ich keine Gespenster oder Leichen in der Wand haben möchte.

Zunächst liest sich Die Wand allerdings anders, und zwar als wäre die Erzählinstanz ein*e vereinsamte*r Nachbar*in. Man bekommt vielleicht Mitleid. Es wird creepy, wenn die Person sich an die Wand lehnt, um den Nachbarskindern näher zu sein. Natürlich hat man nach der Auflösung nicht weniger Mitleid und es ist nicht weniger unangenehm, aber aus einem potenziellen Täter ist ein Opfer geworden.

Orte mit Erinnerung

In der Poetik-Vorlesung Kommt, Geister spricht Daniel Kehlmann davon, dass alte Orte deshalb gruselig auf uns wirken (können), weil sie die Erinnerungen und Erlebnisse aller Personen beinhalten, die zuvor darin verweilt oder dauerhaft gelebt haben, vielleicht sogar dort gestorben sind. Es seien nicht die Orte, die uns Angst machten, sondern die vermeintliche Gegenwart vergangener Menschen und ihrer Erinnerungen. Geister. An einen Ort gebundene Seelen.

Die Erzählinstanz in Die Wand ist ein solcher Geist. Sie ist nicht boshaft, sondern furchtbar einsam und traurig. Wäre Boshaftigkeit nicht einfacher zu ertragen?

Die Sache mit der Wand

Ein Bekannter erzählte mir einmal, dass er eine Weile zu kiffen aufgehört hatte, weil er sich selbst dabei erwischte, wie er mit dem Vorschlaghammer vor der Schlafzimmerwand stand, weil er Stimmen aus der Wand gehört hatte. Er stand zu dem Zeitpunkt nicht unter Drogen. Nüchtern ist mir so etwas noch nie passiert.

Hier hätten wir einen der negativen Aspekte von (psychedelischen) Drogen, wie ich sie ganz kurz im Blogeintrag über Der Tod in Porto II: Abschied angesprochen habe.

Ob diese Geschichte etwas mit der Entstehung von Die Wand zu tun hat, weiß ich beim besten Willen nicht mehr zu sagen. Aber ich forsche hier. Ich habe keine definitiven Antworten.

Was soll das denn?

Aus meiner Sicht geht es in Die Wand um die Folgen von Traumata. Eine Person hat Schreckliches erlebt und ist unfähig mit irgendjemandem darüber zu reden. Sie bleibt durch die Tat abgekapselt vom Rest der Welt, als gehörte sie nicht mehr dazu.

Geschichten sollten niemals frei von Bedeutung existieren. Dank der Leser*innen tun sie das auch üblicherweise nicht. Aber ich würde auch keine Erzählung veröffentlichen wollen, die nicht irgendeinen tieferen Kern besitzt. Mag er nun entdeckt werden oder nicht. Die Wand ist nicht besonders tiefgründig, aber sie verbildlicht einen schrecklichen Zustand und wenn eine Person, der es zuvor nicht bewusst gewesen ist, diesen Zustand nachfühlen kann, hatte ich Erfolg.

Erschütterungen. Dann Stille.: Quarantäne

Über die Kurzgeschichte “Quarantäne” im Erzählband “Erschütterungen. Dann Stille.” von Autor Matthias Thurau.

Content Notes: Krankheit, Psychose, Angst

Die Welt ist eine Peststadt. Okay, das ist etwas hart. Während ich das hier schreibe und vermutlich noch lange Zeit, nachdem es veröffentlicht sein wird, existiert das Covid19-Virus. Daher wird jede*r davon ausgehen, dass die Geschichte Quarantäne in Erschütterungen. Dann Stille. etwas mit Corona zu tun hat, allein weil der Text 2020 veröffentlicht worden ist. Dem ist aber nicht so. Im Folgenden werde ich auf die Entstehung eingehen. Ohne Spoiler wird das nicht möglich sein. Ihr wurdet gewarnt.

Entstehungszeit

Für die Interpretation mancher Texte sollte man wissen, wann sie veröffentlicht und wann sie verfasst worden sind. Stichwort: Historischer Kontext. Beispielsweise würde man die Wortwahl einiger älterer Werke heutzutage mindestens diskutieren, wenn man sie nicht strikt ablehnen würde. Eine literarische Verherrlichung des Krieges oder der Nation wäre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland unangebracht gewesen. Günter Grass und andere stellten sogar die viel diskutierte Frage, ob man nach Auschwitz überhaupt noch (Gedichte) schreiben dürfe.

Es gibt historische Einschnitte, die im Nachhinein den Blick auf Ideen verändern. Schaut man sich nach 9/11 den Film Rambo III an, so wird man stutzen, sollte man ihn noch nicht gekannt haben. Rambo, der amerikanische Soldatenheld (und leider ohne den kritischen Blick des 1. Teils), kämpft gemeinsam mit den Mudschahedin gegen die Sowjets. Wenn der Feind auch langsam wieder in Mode kommen mag, wirken die Verbündeten, die ebenfalls als Helden porträtiert werden und aus deren Reihen al-Qaida erwachsen ist, doch reichlich seltsam.

Große Ereignisse mit globaler Implikation verändern unseren Blick auf die Welt, auch nachträglich. Die Corona-Pandemie ist eindeutig ein solches Ereignis. Dass meine Geschichte mit der Pandemie im Hinterkopf gelesen werden wird, ist mir bewusst.

Bessere Zeiten

Die Erzählung Quarantäne ist vor der Pandemie entstanden, genauer am 28. Dezember 2019. Am 31. Dezember 2019 wurde der erste Fall (noch ohne den heute gängigen Namen) offiziell bestätigt. Ihr erinnert euch? Das war die Zeit, in der das Virus noch weit weg war. Danach folgte die Zeit, in der es sich ausbreitete (Frankreich, Italien usw.). Auch danach hieß es noch überall, dass es wie eine Grippe sei. Heute wissen wir es besser, und wer es nicht besser weiß, will es nur nicht besser wissen.

Hätte ich geahnt, was nur wenige Monate später passieren würde, hätte ich die Idee des Verrückten, der sich vor einer eingebildeten Seuche versteckt, wieder verworfen. Aber ich bin schlecht im Wegwerfen und gehe davon aus, dass man der Geschichte anmerkt, dass sie nicht als Kommentar zu Corona verstanden werden will.

Einbildung

Der Ich-Erzähler in Quarantäne ist geisteskrank. Das ist unschwer zu erkennen an den Stimmen, die er hört, und den vermeintlichen Zeichen, die er sieht. Als Laie würde ich eine paranoide Schizophrenie diagnostizieren. Aber (und das will ich betonen): Ich habe wenig Ahnung davon. Mir geht es um andere Dinge.

Wo die einen „Wacht auf!“ rufen, während sie im indoktrinierten Verschwörungsschlummer dösen, und die anderen kopfschüttelnd auf die Ignoranten blicken, fallen Wahn-Diagnosen gerne mal als Vorwurf oder Beleidigung. Das ist einfach falsch. Auch werfen sich alle Seiten gegenseitig Indoktrination vor, wo es doch wenigstens auf einer Seite schlichte Sozialisation ist. Das kratzt schon mehr an meinem Thema. Was die einen Fakt nennen, ist für andere Unfug, und – und das macht wohl so wütend – auch umgekehrt. Es geht hier um …

Perspektiven.

Wie sehen andere die Welt? Das frage ich mich manchmal. Wie kann man sich in der eigenen Freiheit eingeschränkt fühlen, nur weil man ein Stück Stoff tragen soll, das das eigene Leben und das anderer schützen soll? Solche Dinge frage ich mich.

Quarantäne sollte als Geschichte eine besondere Perspektive auf die Welt zeigen, die die meisten von uns niemals einnehmen werden. Dachte ich. Seit Entstehung der Erzählung haben viele eine noch aggressivere und fremdgefährdendere Sicht auf die Welt angenommen als der Protagonist. Ich wünschte, ich könnte so viel Ignoranz irgendwie verständlicher machen. Aber das übersteigt meine Fähigkeiten.

Der Ich-Erzähler glaubt nicht mehr an Fakten, sondern an Verschwörungen, nicht mehr Ärzt*innen, sondern ominösen Zeichen. Als Konsequenz zieht er sich zurück. Wie angenehm für alle anderen, oder? Das muss doch die Reaktion heutzutage sein. Er rennt nicht zu einer Grundschule, um unter den Masken von Schulkindern CO2-Werte zu messen. Er isoliert sich und tut sich damit etwas an, obwohl er nicht müsste. Das ist die Macht von Ideen, ob sie nun in einem kranken Gehirn entstehen oder in das von Indoktrinierten gesetzt werden. (Kurzer Zwischengedanke: Sind Gruppenillusionen grundsätzlich aggressiverer Natur als Einzelillusionen?)

Angst

Angst ist der treibende Faktor der Geschichte. Der Ich-Erzähler mag Stimmen hören und Zeichen sehen, aber was dahintersteckt, ist immer Angst. Er fürchtet sich vor Ansteckungen. Und selbst das mag nur eine vorgeschobene Angst sein, hinter der sich noch mehr versteckt. Denn hinter den meisten Ängsten steckt noch etwas anderes. Während der Pandemie fürchtet man sich absolut zu recht vor Ansteckung, aber der Protagonist meiner Geschichte fürchtet sich vielleicht mehr vor Menschen als vor Keimen, mehr vor Intimität und Berührung als vor Krankheit, mehr vor eigener Schwäche als vor fremden Viren. Vielleicht hält er sich selbst und sein Leben unter Kontrolle durch die Angst, um sich nicht den eigenen Dämonen stellen zu müssen.

Dass man sich nach der Lektüre von Quarantäne nicht nur über Perspektiven Gedanken macht, die man nicht kennt oder nicht versteht, aber die dennoch respektiert werden sollten, sondern auch darüber, wie Angst die eigene Perspektive auf die Welt verändern, verzerren kann. Daraus könnte vielleicht die Erkenntnis entwickelt werden, dass wir vorsichtiger sein sollten mit dem Verteilen von Urteilen und der Erschaffung von Ängsten. Ist der folgende Sprung zu weit? Drohungen und Angst mögen die Erziehung kurzfristig einfacher machen, aber sind niemals ein guter Start ins Leben.

Der Diskussion wegen

Warum zum faulen Apfel veröffentliche ich eine Geschichte, die man wahrscheinlich anders liest als sie ursprünglich gemeint war? Das schreit ja geradezu nach Missverständnissen. Eben deswegen. Denkansätze, Denkanregungen, Assoziationen. Das ist mein Ding. Quarantäne ist als Denkansatz konzipiert und als Perspektivwechsel. Tut mir einen Gefallen und nutzt beides! Denken und Perspektivwechsel helfen gegen Ignoranz.

Erschütterungen. Dann Stille.: Masse

Über die Kurzgeschichte “Masse” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Toxische Maskulinität. Das könnte eine mögliche Überschrift für einen Blogeintrag über die Erzählung Masse in Erschütterungen. Dann Stille. sein. Manche lernen ihr Leben lang, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist ein Problem. Es wird (ein paar wenige) Spoiler geben in diesem Artikel. Bitte lest zuerst die Geschichte und dann hier weiter.

Content Notes: Toxische Maskulinität, Training, psychische Probleme, Suizid

Fitnesssprache

Schaut man sich online Fitnessvideos an, kann man sich das Schmunzeln oft nicht mehr verkneifen. Aufgepumpte Typen, die laut „Masse“ brüllen, während sie die letzten Wiederholungen vollführen. Andere, die erzählen, dass sie in der Massephase 17 Eier als Abendessen hatten. „Schweiß ist Schwäche, die den Körper verlässt“, „ich werde schon wieder flach“, „Flachheit ist der Feind“ und viele andere Ausdrucksmonstren fliegen durch die Gegend.

Neben diesen meist der Motivation dienenden Ausdrücken, gibt es natürlich Fachbegriffe. Das Wort „Spotter“ kommt in der Kurzgeschichte Masse vor. Ein „Spotter“ passt auf, dass derjenige, der gerade auf der Bank liegt und Gewichte stemmt, nicht von der Langhantel erschlagen wird. Er steht hinter ihm und fängt notfalls das Gewicht auf. Dass das „Gym“ für „Gymnasium“, also den englischen Begriff für Fitnessstudio, steht, werden die meisten wissen.

Erfahrung und Erfindung

Es gibt Dinge, mit denen ich meine Zeit fülle, die nichts mit Literatur zu tun haben. Diese Erlebniswelten sind zum Teil ebensolche, die man selten in der Literatur (oder Literatur, die ich rezipiere) finden kann. Fitness ist eine solche Sache. Ich gehe stark davon aus, dass es zwar ein Klischee ist, aber dennoch wahr, dass Autor*innen grundsätzlich eher geistigen Tätigkeiten zu- und körperlichen Tätigkeiten abgeneigt sind.

Lustigerweise war ein Hauptbeweggrund für mich, nach einer etwa 15jährigen Unterbrechung wieder Sport zu treiben, die Auswirkung der verbesserten Fitness auf meine geistige Leistung. Oder anders: wer fit ist, kann länger konzentriert lesen und arbeiten. Darum ging es mir. Inzwischen sind ganz andere Aspekte in den Vordergrund gerückt. Einer davon ist der Spaß am Vorantreiben und Überschreiten der eigenen Grenzen. Es ist ein umwerfendes Gefühl, bis zum Zusammenbruch zu trainieren, und das nächste Mal noch mehr leisten zu können. Das führt allerdings bald zu der Erkenntnis, dass es irgendwann entweder nicht mehr weitergeht oder man nichts mehr tut neben dem Training. Ich selbst habe das gelernt, als ich eine Weile 6 Tage pro Woche 2-3 Stunden trainiert habe und gelegentlich vormittags und abends noch ein kurzes halbstündiges Zusatzworkout drauf gepackt hatte. Das ging so lange gut, bis es eben nicht mehr ging. Dann wurde ich krank. Das ist steigerbar, aber es kostet.

Ablenkung

Wer kennt es nicht? Es geht dir schlecht und anstatt dich mit dem Gefühl auseinander zu setzen, lenkst du dich ab. Das kann mit Alkohol, Drogen, Filmen, Sex und allem anderen gehen. Training ist hervorragend dafür geeignet. Glaubt mir.

Mehr muss man dazu kaum sagen. Und doch: Es ist möglich, allein durch Sport high zu werden. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass ich mehrmals während des Trainings mit einem Lachflash zusammengebrochen bin. Die Ablenkung funktioniert, der Kopf leert sich, Körper und Hirn haben Besseres zu tun, als sich um Traumata oder Traurigkeiten zu kümmern. Tatsächlich funktioniert das als Hilfe bei Suchtdruck oder einem Hang zur Selbstverletzung ebenfalls. Sport ist grundsätzlich etwas Gutes. Das sollte man hier nicht vergessen.

Der Sprung in der Mitte

Der Ton von Masse bricht im Laufe der Geschichte. Die anfängliche Stimme, jene mit der der Ich-Erzähler bisher immer gesprochen hat, reicht nicht mehr aus für das, was er wirklich (schon immer) sagen will. Der Bro-Ton des Anfangs genügt nicht. Dieser Ton spielt alles runter und mit ihm spielt der Erzähler auch seine Probleme noch runter, witzelt darüber. Es genügt nicht, immer stark zu tun. Das reicht nicht. Wir müssen schwach sein dürfen. Das ist wohl der Kern der Geschichte. Erlauben wir uns, schwach zu sein.

Gerade in der Fitness-Szene ist wenig Platz für Schwäche, obwohl gerade dort meiner Erfahrung nach der Schauplatz für verschiedenste psychische Probleme ist. Alle möglichen Schwierigkeiten werden wegtrainiert. Toxische Maskulinität ist nicht nur, wie falsch Männer mit Frauen umgehen, sondern auch wie sie mit sich und einander umgehen. Es gibt unausgesprochene Regeln und Verbote. Schwäche darf kaum sein. Das ist doch ekelhaft. Man ist kein „Lauch“ oder „Lappen“ oder „Schwächling“, nur weil man sich und anderen Gefühle und Probleme eingesteht.

Perverserweise ist es die gleiche Kultur, die Suizid als Feigheit abstempelt, die die Wege dorthin zu Einbahnstraßen macht. Man darf nicht nach Hilfe fragen, sondern muss alles schlucken „wie ein Mann“ und alleine damit zurechtkommen. Mich kotzt das an. Deshalb gibt es diese Geschichte.

Erschütterungen. Dann Stille.: Der König

Über die Kurzgeschichte “Der König” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Mit 244 Wörtern ist Der König eine der kürzesten Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille.. Aber dennoch gibt es einiges darüber zu erzählen. An dieser Stelle wieder die Warnung vor Spoilern für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben.

Fantasy, aber nicht wirklich

Man kann sich darüber streiten, ob Phantastik und Fantasy das Gleiche sind oder welcher Begriff welchen mit einschließt. Fakt ist, dass ich Fantasy nicht lese, aber in Filmen mag. Phantastik wiederum (im Sinne von Surrealismus, Magischem Realismus usw.) lese ich sehr gern.

Warum lese ich Fantasy nicht? Nun, ich lese sehr langsam und habe unzählige Bücher auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Würde ich jetzt noch ein Genre wie Fantasy hinzufügen, das bekannt dafür ist, dass viele Geschichten in Reihen erscheinen und viele Bücher recht dick sind (>500 Seiten), verlöre ich alle Hoffnung, irgendwann einmal durchzukommen. Natürlich: Will man je „durchkommen“?

In der Twitter-Buchbubble gibt es allerdings viele Fantasy-Autor*innen und ich bekomme einiges mit. Das ist sicherlich ein Grund, warum ich Der König geschrieben habe.

Inspirationsquellen

Mich erinnert Der König ein wenig an die Filme Pans Labyrinth und Hellboy II. Ob ich das bereits beim Schreiben gedacht habe, weiß ich nicht mehr. Vermutlich nicht. Aber die Idee der unterirdischen Königreiche oder der in die Menschenwelt verstoßenen Herrscher kommt auch dort vor. Vermutlich noch in etlichen anderen Filmen.

Bewusster inspiriert wurde ich von einem anderen Film: Dolomite Is My Name. Zuerst wirkt das abwegig, oder? Was mich beim Schauen des Films gestört hat, war das Verhalten der Hauptfigur den Obdachlosen gegenüber, von denen er die Idee für seine Shows hatte. Er unterhält sich mit ihnen, notiert deren Sprüche und Witze, kreiert eine Bühnenfigur, die auf ihnen basiert, und wird mit der Nummer berühmt. An keiner Stelle werden die Obdachlosen, deren Ideen er zum Teil einfach geklaut hat, mehr erwähnt. Das hatte mich geärgert und deshalb ist es in meine Geschichte eingeflossen.

Diskussionsgrundlage

Es gibt mehrere mögliche Interpretationen für Der König. Alle führen zu moralischen Diskussionen, ob nun über Plagiate, die schlechte (oder teils nicht vorhandene) Bezahlung für geistige Arbeit oder die Own-Voice-Debatte. Die Geschichte ist darauf ausgelegt, Gedanken und Diskussionen zu inspirieren. Sie gibt keine eindeutige Lösung oder Interpretation vor. Ich selbst würde dem Schlusssatz des Ich-Erzählers nicht zustimmen, aber das kann man anders sehen. Nur weil der König als Figur im Kopf oder real all jene Abenteuer erlebt hat und das grundsätzlich eine spannende Sache ist, wird damit die Ausschlachtung der Geschichte nicht gerechtfertigt. Oder?

Macht

Wie in vielen meiner Geschichten spielt Der König mit dem Begriff der Macht. Die Figur des obdachlosen Königs hatte einmal Macht (oder glaubt, welche gehabt zu haben) und hat sie verloren. Aufgrund seines Zustands hat der Ich-Erzähler Macht über ihn und nutzt diese aus. Das ist aus meiner Sicht übrigens der Grund, warum das Vorgehen des Ich-Erzählers den Leser*innen unmoralisch erscheint. Wäre der König noch König und der Ich-Erzähler hätte sein Reich entdeckt und dann darüber berichtet, sähe die Sache ganz anders aus. Einen König zu bestehlen, scheint weniger verwerflich zu sein.

Fazit

  1. Solltet ihr Macht haben, nutzt sie nicht gegenüber Machtlosen aus!
  2. Es ist befriedigender und moralisch weniger verwerflich, sich selbst Geschichten auszudenken.

Erschütterungen. Dann Stille.: Angerichtet

Über die Geschichte “Angerichtet” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Es ist angerichtet. Ich habe etwas angerichtet. Gerichte kann man essen oder man kann sich von ihnen verurteilen lassen.

In diesem Blogeintrag geht es um die kurze Erzählung Angerichtet im Buch Erschütterungen. Dann Stille., um Liebe und Kunst und die Symbolik von Zahlen. Wie immer ist das alles nicht ohne Spoiler machbar. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann diesen Blogeintrag.

Getrieben sein – oder – Manche Klischees sind keine, manche sehr wohl

Die grundsätzliche Idee für Angerichtet habe ich aus der Kunstgeschichte, und es ist mir peinlich, dass ich nicht mehr weiß, um welchen Künstler oder welche Epoche es sich handelte. Jedenfalls habe ich einmal von einem Maler gelesen, der sein Leben lang einer verheirateten Frau nachgejagt ist. Währenddessen hat er seine Sehnsucht und sein Leid genutzt als Antrieb für die Kunst. Viele Jahre, Briefe und Treffen später verließ die Dame seines Herzens ihren Gatten und bandelte mit dem Künstler an. Es brachen glückliche Zeiten an. Alles war gut. Das Problem war nur, dass der Künstler seinen Antrieb verloren hatte. Ohne Leid konnte er anscheinend nicht malen. Also verließ er die Frau.

Okay, hier ist das Problem (oder gleich mehrere):

  1. Dick move.
  2. Für viele Jahre hätte und habe ich derartigen Krempel gefeiert als Aufopferung für die Kunst.
  3. Aber er opfert nicht nur sein Glück, sondern auch ihres. Mal ganz davon abgesehen, dass wir uns, glaube ich, in dieser Geschichte in einer Zeit bewegen, in der die Frau tatsächlich mit Nichts mehr dagestanden hatte ohne Ehemann.
  4. Ist es das wirklich wert? Hat er es wirklich versucht? Hätte er es länger versuchen sollen? Das Klischee des ohne Leid nicht schaffen könnenden Künstlers hatte ich lange Jahre verinnerlicht. Es gehört noch immer zum Rollenbild der Kunstschaffenden. Das muss doch nicht sein. Zum Glück durfte ich inzwischen lernen, dass auch Kunst (in meinem Fall Literatur) Glück bringen und dass man auch ohne Krise schaffen kann.

Fazit: Er hat sich falsch entschieden. Ich hoffe, es war für die Dame in Frage die bessere Situation. Wer sich so entscheidet, wird nicht unbedingt gutes Partnerschaftsmaterial sein. Kommen wir zu trockeneren Themen.

Die Power der Uhr

Ist euch bewusst, welchen Einfluss die Zeitmessung auf das Leben der Menschen gehabt hat? Ist euch außerdem bewusst, dass es die Industrialisierung war, die die präzise Messung der Zeit massiv vorangetrieben hat, um Prozesse zu verbessern und Profite zu erhöhen? Wusstet ihr, dass es eine Zeit gegeben hat, relativ am Anfang der industriellen Revolution, in der Züge durch England gefahren sind und gelegentlich früher angekommen sind, als sie losgefahren sind? Es hat keine einheitliche Zeitangabe gegeben. Die Messung war die gleiche, aber die Uhren gingen buchstäblich überall anders, und gemessen hat die Kirchturmuhr. Alle Uhren im Ort zeigten die Zeit der Kirchturmuhr. Es hat keine Atom- und Funkuhren gegeben. Das waren noch Zeiten. Hat das alles etwas mit Angerichtet zu tun? Kaum.

Die Uhr als Symbol

Als ich einmal im Deutschunterricht wie selbstverständlich gesagt habe, die Jahreszeiten in einem Gedicht stünden für die Lebensabschnitte des Lyrischen Ichs, wurde ich mit großen Augen angeguckt. Nun, wird es euch wundern, dass man auch Uhrzeiten ähnlich nutzen kann?

Die Erzählung Angerichtet ist aufgeteilt in 4 Teilstücke, die jeweils mit der Angabe einer Uhrzeit beginnen. Morgens, nachmittags, abends, nachts. Am Morgen beginnt die Liebesgeschichte, am Mittag herrscht Ruhe, die Beziehung ist glücklich. Am Abend endet die Beziehung und in der Nacht blickt die Ich-Erzählinstanz auf den Tag zurück und rechnet ab, schaut sich an, was sie angerichtet hat.

Orientiert habe ich mich bei all dem nicht nur an der uralten Symbolik der Jahreszeiten, sondern auch an der Doomsday Clock: Die Doomsday Clock oder Weltuntergangsuhr oder Atomkriegsuhr oder Uhr des Jünsten Gerichts zeigt seit 1947 an, wie nahe wir einem Atomkrieg sind. Sie startete um „11.53 Uhr“ und Anfang 2020 wurde sie auf 100 Sekunden vor Mitternacht gestellt. 100 symbolische Sekunden vor dem Untergang der Welt durch eine atomare Apokalypse. Bekannt könnte die Doomsday Clock vielen aus den Watchmen Comics sein.

Ob nun Jahreszeitensymbolik, die am Ende des Jahres den Tod verortet, oder eine Uhr, die um Mitternacht das Ende der Welt fixiert hat, das Bild ist ähnlich und gut verständlich. Natürlich startet der Tag in Angerichtet auch im Bett, tatsächlich vormittags, was wenigstens am Anfang der Geschichte die Verwendung des Symbols natürlich erscheinen lässt.

Die verdammten Pythagoräer

Spätestens seit dem Blogeintrag Zahlen und Wunder, der von versteckten Zahlenbedeutungen in Sorck handelt, habe ich öffentlich kundgegeben, dass ich die bedeutungslose Nutzung von Zahlen in meinen Geschichten nicht leiden kann. Man könnte behaupten (und das werde ich auch tun), dass ich die Bedeutung der verwendeten Zahlen bereits ausreichend begründet habe. Trotzdem hatte ich versucht, jedem Detail, nicht nur der ungefähren Zeit, sondern der exakten, Bedeutung zuzuweisen. Dabei suchte ich mit schlechtem Erfolg bei den Pythagoräern nach Rat.

Die meisten kennen Pythagoras nur vom Satz des Pythagoras her und bringen ihn damit direkt mit der euklidischen Geometrie in Verbindung. Das ist nicht falsch. Pythagoras war allerdings nicht nur Mathematiker, sondern scharte auch Leute um sich in einer Art Sekte. Die Pythagoräer glaubten eine Menge wirres Zeug und vieles davon basierte auf Zahlenmystik – passend, oder?

Jedenfalls sind hier einige Dinge, die die Pythagoräer mit Zahlen in Verbindung brachten: Gerade Zahlen (besonders die 2) gelten als weiblich, ungerade als männlich. Daher war die 5 (2+3) das Symbol der Heirat. Die 1 war die Zahl der Gottheit, die der Welt zugrunde lag, und die 2, die erste Zahl darüber, stand auch für Kampf oder Diskussion oder Meinung. Viel Spaß dabei, die Uhrzeiten in Angerichtet auf diese paar pythagoräischen Bedeutungszuweisungen zu untersuchen! Es wird trotz aller Mühe nicht sauber klappen.

Und die Liebe? Die Liebe!

Angerichtet gehört zu den Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille., die mir irgendwie rein erscheinen. Sie hat kein tiefes Problem, ist nicht überdreht oder großartig komplex. Es geht hauptsächlich um Gefühle, um die Entwicklung einer Beziehung und um eine Entscheidung, die wiederum in einem Gefühl mündet: Reue.

Was hinter der Entscheidung steht, was man sich als Leser*in selbst hinzuzudenken hat und Details haben natürlich eine gewisse Komplexität, aber man kann auch einfach lesen, schmunzeln und dann traurig werden. Es geht um Liebe, lasst das zu!

Erschütterungen. Dann Stille.: Trümmer

Über die Kurzgeschichte “Trümmer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Trauma, Suizid

Die begründete Ahnung, dass sich hinter der Lebensfassade anderer Menschen Höllen auftun könnten, fühlt sich grässlich an. Und doch bleibt den meisten von uns nur eine Ahnung, denn Wahrheiten tendieren dazu, sich desto seltener zu offenbaren, je schlimmer sie sind. Mehr als eine solche Ahnung einer furchtbaren Hintergrundgeschichte bleibt den Leser*innen der Geschichte Trümmer in Erschütterungen. Dann Stille. nicht als Erklärung.

In diesem Blogeintrag geht es um die Dinge, die man sieht, und solche, die verborgen bleiben. Spoiler sind unvermeidbar. Lest die Geschichte zuerst und dann diesen Text!

Was man sieht

Ein namenloser Protagonist zerstört die Welt, die er kennt. Moment, das ist schon interpretiert. Was man sieht? Ein namenloser Protagonist steht inmitten einer Explosion, die das Haus, in dem er aufgewachsen ist, zerreißt. Er selbst wird mindestens schwer verletzt, sein Tod wird am Ende angedeutet. Deutlich sind Freude und Friede im Angesicht des Untergangs zu sehen. Warum das alles? Wieso zur Hölle freut er sich so?

Was man hört

Die Explosion des Hauses ist keinesfalls der erste Anschlag des Protagonisten auf das Haus. Im Laufe seines Lebens verübte er mehrere, zunehmend ernsthaftere und erfolgversprechendere Angriffe. Zuerst sind es Feuchtigkeit und Schimmel, die jedoch das Gebäude nicht ruinieren können. Dann werden Türen und Fenster geöffnet, in der kindlichen Hoffnung, das Bild der Räuber, die ein ganzes Haus klauen, würde wahr. Vergebens. Am Ende des Rückblicks folgt die einzige Erklärung für die Zerstörungswut, welche über eine Geisteskrankheit hinausgeht: der Vater. Feuer, um Tränen zu trocknen. Denn das Haus sei des Vaters Leben gewesen.

Was man ahnt

Wie viel Wut und Ohnmacht muss man spüren, um ein Haus und sich selbst zu sprengen? Heutzutage ist viel zu häufig bewiesen worden, dass es für eine solche Wut nicht unbedingt Traumata bedarf, sondern dass Indoktrination und Gehirnwäsche ausreichen. [Man könnte Verbindungen herstellen zwischen Suizid, begleitetem Suizid (beispielsweise School Shootings) oder Suicide by Cop (was den Selbstmord durch tödliche Gewalt von Polizist*innen bezeichnet, provoziert durch einen Angriff) und Selbstmordattentaten herstellen, wobei jeweils die „Bühne“ größer wird und die Verschiebung der Probleme auf entferntere Bereiche (vom tatsächlichen Problem zum Glaubenskrieg).]

Rache ist zuallererst eine mentale Reaktion auf Machtlosigkeit in Form einer Fantasie. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem ich es gelesen habe – Imre Kertész vielleicht? In jedem Fall ein KZ-Überlebender –, aber es hieß, dass die Ausführung der Rachefantasie im Moment, da sie machbar wird, keinen Sinn mehr ergibt, da sich die Ursache der Fantasie (die Machtlosigkeit) aufgelöst hat. Das scheint mir eine edle Idee zu sein, aber die unbeschreibliche Wut, die manche Erlebnisse (und Lebensphasen) mit sich bringen, wird nicht ausgelöscht durch den Fakt, dass die Phasen vorüber sind. Wut kann bleiben. Das führt meist zu desaströsen Konsequenzen, kann aber auch gut sein und die Zukunft retten.

Derartige wütend machende Phasen, um es mal kalt und euphemistisch zugleich auszudrücken, scheint es im Leben des Protagonisten gegeben zu haben. Ob er noch immer in einer solchen Phasen steckt oder ob sie durchstanden ist, kann man nicht wissen. Aber in beiden Fällen erscheinen mir Wut und Rache angebracht, wenn auch nicht in der dargestellten Form. Es gibt immer einen besseren Weg als jenen, der in die Literatur Einzug erhält, weil der literarische Weg zumeist überzogen und wirkungsstark designt ist. Er soll unterhalten und/oder symbolisch wirken. Die Taten meines Protagonisten stehen für seine Gefühle und damit wiederum für die Gefühle so vieler ruinierter Leben. Sie sind nicht dargestellt, damit sie nachgemacht werden oder um ähnliche Taten zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil. Sie sollen auf jene Taten hinweisen, die zu den dargestellten Taten geführt haben, und sie bestenfalls verhindern. Hört auf, Menschen zu Tätern zu machen, die ohne eure Einwirkung keine geworden wären!

Was am Ende übrig bleibt

Trümmer. Schutt und Asche. Ruinen, wo man hinblickt. Ich weiß, dass mein Blick auf die Welt zu häufig zu düster ist, aber ich weiß auch, dass Menschen mir mehr vertrauen als anderen. Ich habe Menschen zugehört, die mir die Hölle erzählten oder andeuteten. So viele gebrochene Menschen. Wer ohne zuzuhören durch die Welt geht, Signale übersieht und ganz besonders Freundinnen, Schwestern, Bekannten, Frauen nicht zuhört, kann nicht erkennen, was überall passiert. Mag sein, wer so durchs Leben geht, ist zufriedener (und ziemlich sicher ein Mann). Aber sch**ß auf deinen Komfort und schau hin!

Falsches Setting, oder?

Oh man. Auf Twitter habe ich es in der Entstehungsphase dieser Blogreihe mehrmals angedeutet, aber ich schreibe mich tatsächlich in Rage. Sicherlich wurde ich beim Verfassen von Trümmer inspiriert von den wirklich vielen Erzählungen mir bekannter Frauen über (zumeist) sexuelle Gewalt und der von mir bekannten Männern über Mobbing und nicht auslebbare Gewaltfantasien aufgrund kaum erträglicher Wut. Jedoch kann ich nicht ehrlich behaupten, dass diese Erfahrungen direkt in die Erzählung eingeflossen sind. Nicht immer habe ich ein komplettes Konzept. Das häusliche, familiäre Setting der Geschichte passt eigentlich nicht zu den Erfahrungen, von denen mir berichtet worden ist. Doch ich kam im Laufe der Gedanken über Trümmer auf diese Themen und so kann es den Leser*innen auch gehen.

Am Ende ist meine eigene Wut vermutlich entscheidender für die Geschichte als jede mir berichtete. Ändert das irgendetwas an Angst, Frustration und Widerlichkeiten, die andere regelmäßig durchleben? Ich denke nicht. Also ist auch dieser Text so in Ordnung.

Erschütterungen. Dann Stille.: Übler Nachgeschmack

Über die Kurzgeschichte “Übler Nachgeschmack” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Mit den Worten Sie liegt noch immer in der Küche beginnt die Kurzgeschichte Übler Nachgeschmack im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille.. Was ich mit diesem Anfang bewirken wollte, wie es zur Erzählung gekommen ist und warum Sehnsuchtsgeschichten in jede Anthologie passen, kläre ich in diesem Blogartikel. Ohne Spoiler ist das nicht zu machen. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann den Artikel!

Content Notes: Mord, Essen, Liebe(skummer)

Hunde?

Die erste Assoziation, die ich selbst immer habe, wenn ich den Anfang von Übler Nachgeschmack wiederlese, ist eine Szene aus dem Film In China essen sie Hunde. (Vorsicht Filmspoiler!) Arvid, der Protagonist, hat seine dauernörgelnde Freundin umgebracht. Auf die Frage, wo sie sich befände, antwortet er: Zuhause. Im Flur… und in der Küche. Auch wenn es nichts mit meiner Geschichte zu tun hat, mag ich die Andeutung von extremer Wut in einem sonst ruhigen Charakter sehr. Arvid hatte die Schnauze voll und hat seine Freundin nicht bloß erschlagen, sondern offenbar mindestens in zwei Stücke zerlegt. Dass es ausgerechnet Gewalt gegen Frauen sein muss, die hier als Scherz genutzt wird, gibt natürlich einen üblen Beigeschmack. Zack, Überleitung.

Ähnliche, weniger spezifische Assoziationen würde ich bei Leser*innen von Übler Nachgeschmack gern auslösen mit dem ersten Satz. Da man noch nicht weiß, worauf sich das Sie zu Beginn bezieht, denkt man zuerst an eine Frau. Da sie noch immer in der Küche liegt, tut sie das wohl schon länger. Und warum sollte man ausgerechnet in der Küche liegen? Nur Verletzte und Tote liegen längere Zeit (regungslos) in der Küche herum. Das oder etwas Ähnliches hätte ich gern in die Köpfe der Leser*innen projiziert. Doch nicht die Partnerin ist tot, sondern die Liebe, und nicht sie liegt herum, sondern die Pizza.

Die Pizza

Ursprünglich ist die Geschichte entstanden, als jemand (auf Twitter oder in einem Forum?) dazu aufrief, Geschichten über Pizza zu schreiben. Das war Teil eines Scherzes, den ich vergessen habe, im Rahmen einer Unterhaltung, die ich ebenfalls vergessen habe. Und dennoch war das der Auslöser. Pizza. Was kann man mit Pizza literarisch anfangen? Gar nicht mal so wenig. Slice of Life – gilt das schon als Pun? – wäre eine passende Assoziation. Oder man nutzt die Pizza eben eher symbolisch, wie ich es getan habe.

Zwei Dinge sollte man mit der Pizza in Übler Nachgeschmack verbinden: Hunger und das Festhalten an Dingen, die man loslassen sollte. Die Ich-Erzählinstanz (oder Ich-Erzähler*in?) erwähnt den Hunger zum Zeitpunkt des letzten Streits des Paares. Aber man kann den Hunger auch als Sehnsucht interpretieren. Etwas fehlt, etwas Essenzielles. Nahrung, um zu überleben, oder Seelennahrung, Nähe, Liebe, um zu leben. Loslassen sollte die erzählende Person die Beziehung der beiden, die offensichtlich zerbrochen ist, schlecht geworden, nachdem sie zu lange schlechten Einflüssen ausgesetzt gewesen war. Irgendwann reicht es. Eine ungesunde Beziehung oder gammelige Lebensmittel sollte man wegwerfen, so schade es auch manchmal sein mag. (An dieser Stelle verlinke ich meinen Blogeintrag über Lebensmittelmetaphern in Alte Milch.)

Das große Fehlen

Ich habe keine Ahnung, wie glücklich du gerade bist. Du liest das hier. Das bedeutet, du hast immerhin die Zeit dazu. Vielleicht interessiert dich das Thema sogar und du liest nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus. Dann könntest du zufrieden sein. Wie groß ist der Anteil der zufriedenen Momente an deinem kompletten Leben? Oder einem Zeitabschnitt, sagen wir innerhalb dieses Jahres?

Auch wenn du glücklich bist, vermisst du sicherlich Dinge, Zeiten, Menschen. Sehnsucht ist etwas, das jede*r kennt. Oder? Ich weiß es nicht, vermute es aber. Auch wenn heutzutage klar ist, dass nicht alle (gesunden wie ungesunden) Menschen romantische Liebe empfinden, fühlen doch alle (gesunden) Menschen irgendeine Form von Liebe. Und immer gibt es in Biographien Zeiten, die es mehr oder weniger verdient haben, vermisst zu werden und Sehnsucht auszulösen. Sehnsucht ist menschlich (wie Irren, was zu Fehlern führt, was wiederum zu Sehnsucht führen kann).

Das große Fehlen von Dingen, Zeiten, Menschen, Zuständen treibt uns voran (und manchmal zurück). Sehnsucht ist ein Zustand, der uns beflügeln kann. Evolutionär sinnvoll. Emotional anstrengend. In der Literatur liegt man selten falsch, wenn man Liebe zum (Neben)Thema macht, und eben so wenig, wenn man Sehnsucht dazu macht. Deshalb sind Sehnsuchtsgeschichten, die auch gerne mal getarnt sind, immer eine gute Wahl für Anthologien. (An dieser Stelle verlinke ich mal wieder den Auftritt von Neil Hilborn: Neil Hilborn – OCD, einem perfekten Beispiel für einen Sehnsuchtstext.)

Du fehlst mir

Simplizität bedeutet Direktheit bedeutet schnelles Verstehen bedeutet Mitfühlen. Literatur kann und darf verkopft und seltsam und schwierig sein, aber geht es um Gefühle, geht es um Sehnsucht, ist nichts besser als eine direkte, knappe, scheinbar alltägliche, deutliche Aussage wie Du fehlst mir. Du fehlst mir hat mehr Macht als alle Jahreszeiten- und Blumenvergleiche der Welt. Du wirst mich niemals so an mich selbst und mein Leben und Leiden erinnern, als wenn du Aussagen nutzt, die auch Kindern einfallen könnten: Ich will nach Hause. Du fehlst mir. Lass mich! Ich brauche Hilfe.

Versucht man also, Gefühle in Leser*innen auszulösen, sind direkte Formulierungen unschlagbar. Sie sind da. Sie sind nah. Sie sind so kurz, dass sie sozusagen plötzlich im Auge, im Kopf, im Herzen der Leser*innen sind. Ist der Satz gelesen, ist er bereits verarbeitet und verknüpft. Kein Nachdenken. Nur Fühlen. Sätze mit etwa 2 oder 3 Wörtern brechen Herzen. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Du bedeutest mir nichts. Geh weg. Sätze, die man hört und sagt, wenn der Kopf im Chaos versinkt und nichts mehr hält. Stil ist egal. Du fehlst mir.

Erschütterungen. Dann Stille.: Trauben

Über die Kurzgeschichte “Trauben” im Erzählband “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Massenpanik, Enge Räume, Explosionen

Wenn Panik die Dynamik einer Menschengruppe übernimmt, geht der Verstand unter und mit ihm meist die eine oder andere Person. Wer erinnert sich an die Panik-Szene in Sorck? Die habe ich in winziger Abwandlung im Urlaub erlebt. Ein Vorgeschmack von dem, was Schlimmeres hätte passieren können. Im folgenden Blogeintrag geht es um die Kurzgeschichte Trauben aus Erschütterungen. Dann Stille., meinem neuen Erzählband. Es geht um das Rezept für Massenpanik, Wortassoziationen und Erinnerungen. Doch lest zuerst die Geschichte und dann den Text, denn ohne Spoiler ist es nicht zu machen!

Wie man eine Massenpanik kreiert

Zunächst einmal braucht man Menschen und zwar ausreichend viele. Diese sollten nicht alle miteinander bekannt sein. Eine gut organisierte Gruppe gerät weniger schnell in Panik und beinhaltet eher Autoritätspersonen, die Ordnung und Ruhe schaffen können. Nehmen wir also eine lose Gruppe, sagen wir: Touristen.

Am wichtigsten für eine Massenpanik ist neben der Masse selbst der Ort. Es ist logisch, dass ein Ort, von dem man jederzeit verschwinden kann (ein offener Platz o.Ä.), sich nicht für eine Panik eignet. Ein Tunnel, eine Unterführung, abgesperrtes Gelände (durch Zäune, Mauern, Polizei etc.) oder eben ein U-Bahn-Eingangsschacht. Damit hätten wir quasi die Seiten geklärt. Man läuft von Punkt A nach Punkt B und auf dem Weg befinden sich an beiden Seiten Absperrungen.

Bleiben noch Eingang und Ausgang. Die Masse bedingt den Eingang zur Panikfabrik. Das heißt, es rücken immer mehr Menschen nach. Entweder sie wissen nicht, was weiter vorne vorgeht (siehe Love Parade), oder sie werden getrieben (siehe durch die Polizei ausgelöste Paniken). Und dann kommt der Knackpunkt. Der Ausgang ist zu. Er muss gar nicht wirklich zu sein, aber er ist blockiert oder einfach zu schmal, um den Andrang verarbeiten zu können. Diese Engstelle ist der Ursprung eines Staus, der immer länger wird und schließlich immer dichter, weil mehr und mehr Menschen nachströmen.

Es gibt noch weitere Faktoren, die das Geschehen verschlimmern oder entschärfen können. Komplette Studien haben sich damit beschäftigt. Wer sich dafür interessiert, sollte sich nicht auf mich verlassen, sondern selbst recherchieren. Ich biete nur ein sehr oberflächliches Bild hier.

Das Beispiel aus Sorck / Erinnerung

Wir waren in der Eremitage, dem großen und hochinteressanten Museum in Sankt Petersburg. Während wir hindurch geführt wurden, haben Mitarbeiter*innen immer mehr Türen geschlossen. Auf Nachfragen unserer Reiseführerin wurde uns mitgeteilt, dass das Museum früher schließen würde, weil später noch ein Politiker kommen würde. Keine Info im Voraus. Ich tendiere nicht dazu, im Urlaub zu meckern, wenn einmal etwas schiefgeht, aber es kann gut sein, dass ich niemals wieder nach Russland kommen werde und außerdem habe ich ein Visum beantragen müssen für einen einzigen Landgang von etwa 6 Stunden Dauer … Nungut, weiter im Text.

Alle Besucher*innen wurden mehr oder weniger unsanft zum Ausgang gedrängt.

Der Ausgangsbereich sieht folgendermaßen aus: Man kommt durch eine Tür in eine Halle. Alles verteilt sich, kein Stress. Die Ausgangstür wiederum ist wirklich nur eine Tür. Draußen hat es geregnet. Ohne sich etwas dabei zu denken, haben sich diejenigen, die aus dem Gebäude kamen, nicht weiterbewegt, sondern blieben stehen, um nicht nass zu werden. Sie stellten sich unter oder öffneten gemächlich ihre Regenschirme. Man kam also nur sehr langsam heraus. Gleichzeitig strömten weitere Menschen (angetrieben von den Mitarbeiter*innen) in die Halle. Es wurde immer und immer enger.

Hier haben wir ein gutes Beispiel für eine mögliche Massenpanik, auch wenn vermutlich mit einigen Hundert Besucher*innen zu wenig Menschen vor Ort waren für eine richtige Panik. Glaubt mir, ich habe den Menschen in die Augen gesehen: Die Angst war überall. Es gab einen schmalen Eingang in die Halle, durch den man nicht mehr flüchten konnte, weil noch mehr Menschen nachstrebten. Dann gab es den schmalen Ausgang, der wiederum halbwegs von Menschen blockiert worden ist. Dazwischen gärte es.

Wortassoziation

In Trauben spiele ich mit der Vermischung einer Panik-Szene und Kindheitserinnerungen des Protagonisten. Früh innerhalb dieser Erinnerungen taucht die Assoziation von Substantiv Weingut mit dem Wunsch schlaf gut! auf. Wenn man das Wort Weingut also wein gut! liest, ist die Verwirrung des Kindes verständlich. Es scheint keinen Sinn mehr zu ergeben.

Einerseits ist die Erwähnung dieser Wortassoziation dazu gemacht, um die Unschuld und eben das geringe Alter des Kindes zu unterstreichen. Andererseits deutet sie bereits den grundsätzlichen Wortspielcharakter des Titels und der Verbindung zwischen der Beobachtung des erwachsenen Protagonisten und seiner Kindheitserinnerung an.

Die Geschichte ist nur entstanden durch die Assoziation Weintrauben – Menschentraube. Wem die Wortverbindung bekannt vorkommt, denkt vielleicht an das Gedicht Stadt Land Fluss aus Alte Milch. Man kann durchaus 2 völlig unterschiedliche Texte aus einer einzigen Assoziation machen. Damit haben wir auch die direkte Verbindung aus der Menschentraube, die Protagonist Simon beobachtet, und seiner Erinnerung.

Unschuld als Beschleunigungsfaktor

Neben der Assoziation von Menschentraube zu Weintraube haben wir noch die weniger schönen Konsequenzen beider Beobachtungen. Aus den Weintrauben wird Wein gemacht, eine rötliche Flüssigkeit (sofern wir von Rotwein ausgehen). Aus der Menschentraube wird Weinen gemacht. Die Menschen bluten.

Ich hätte nun einfach voyeuristisch Panik und Verletzungen beschreiben können. Aber warum sollte ich? Ich sehe keinerlei literarischen Wert darin. Durch die Verbindung mit der Kindheitserinnerung scheint die Geschichte auf einer Ebene entschleunigt zu sein, da eben Einschiebungen vorkommen, die keinerlei Action enthalten. Aber die Auswirkungen dessen, was Simon beobachtet, werden verstärkt durch die Verbindung zur Weinherstellung und zur Spielerei mit den Worten Wein/Weinen. Sobald die Bilder im Kopf entstehen, ist die Sache klar: Der Bottich (der Eingang zur U-Bahn), in dem die Trauben (Menschen, Menschentraube) liegen, auf denen Füße trampeln, bis der rote Saft austritt. So kunstvoll und künstlerisch die Idee beginnt, so brachial und körperlich endet sie.

Verarbeitung, Aussage, Handwerk?

Warum das alles? Das ist eine Frage, die ich mir ständig stelle, aber vergleichsweise selten im Zusammenhang mit meinen Geschichten. Ich brauche ein Warum fürs Leben, nicht fürs Schreiben. Und dennoch! Woher kommt das alles? Trauben ist wie eigentlich alles entstanden aus einer Vermengung verschiedenster Aspekte, Wörter, Ideen, Erfahrungen und immer auch der Frage, ob ich so etwas umsetzen kann.

Mich faszinieren Assoziationen. Warum verbindet mein Gehirn im Traum scheinbar völlig unverbundene Elemente und baut daraus eine wahrlich aussagekräftige Message? (Das tut mein Hirn übrigens wirklich. Meine Träume sind ähnlich strukturiert wie meine Geschichten, aber leichter interpretierbar.) Wieso verbindet man manchmal uralte Erinnerungen mit neuen Erlebnissen? Oder warum sterben Heroinabhängige an einem Ort, an dem sie sonst nicht spritzen, an einer Überdosis, obwohl sie nicht mehr nehmen als sonst? Hier ist die Antwort übrigens, dass sich der Körper quasi vorbereitet ist am Standard-Konsumort und woanders nicht. Die Assoziation geht also über das rein Geistige hinaus. Der Körper spielt mit.

Mehr als um eine Aussage oder voyeuristische Action geht es mir also ums Nachdenken über Assoziationen an sich. Alle, die mehr herausgelesen haben, sind herzlich eingeladen, dabei zu bleiben und mitzunehmen, was sie können!

Sicherheitshalber

Im Zuge dieses Blogeintrags wurde das Thema Massenpanik etwas flapsig besprochen. Das soll keineswegs ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber Personen sein, die derartige Situationen durchleben mussten oder, schlimmer noch, nicht überlebt haben, oder fehlenden Bewusstseins, wie schrecklich eine solche Situation ist. Wie bereits mehrmals erwähnt, gehöre ich zu den Menschen, die schreckliche Dinge besser (oder nur dann) verarbeiten können, wenn sie Humor verwenden (dürfen).

Passt auf euch auf und versucht in allen angemessenen Situationen, die Ruhe zu bewahren. In allen anderen dürft ihr ausrasten und manchmal solltet ihr das sogar!

Das Ende des Blogeintrags, das Ende der Welt

Im Blogeintrag Apokalyptische Bilder habe ich, wie der Titel bereits besagt, über Bilder und Vergleiche in der Literatur geschrieben, die die Offenbarung des Johannes aufgreifen. In der Kurzgeschichte Trauben kommen ebenfalls einige Bilder vor, die sich an der Apokalypse orientieren, weil jeder Tod zugleich der Weltuntergang ist (Hermann Burger). Wir brauchen nicht das Ende der Welt als solcher, es reicht das Ende einer Welt.