Zahlen und Wunder

Über in Zahlenwörtern Verstecktes im Roman “Sorck: Ein Reiseroman”.

Zahlen und Wunder (Sorck) Header

Es gibt noch Zahlen und Wunder. Ein Blogeintrag über Verstecktes (im Roman Sorck).

Heilige Schriften

Manche Christengruppen, darunter einige Gnostiker, glaubten, dass die Bibel in jedem Sinne vollkommen sei. Während andere Christen sich gelegentlich stritten, ob man die Bibel wörtlich oder bildlich zu verstehen hätte, bestanden diese Gruppen darauf, dass die Bibel auf jedwede Art und Weise zu verstehen sei. Gott sei allmächtig und sein Werk damit perfekt. Es könne darin keine Zufälle geben. Das bedeutet, dass kein Wort, kein Bild, keine Formulierung, nicht die Anzahl der Wörter oder die genannten Zahlenwörter sinnlos oder zufällig seien. Wenn angegeben wird, wie groß Noahs Arche gewesen sei, haben diese Zahlen Bedeutung. Welche? Kann man nicht wissen. Versteht man es aber doch, kann man große Macht erringen – so jedenfalls sahen das einige.

Im Islam hat es den Streit um die satanischen Verse gegeben, wobei hier noch nicht das Buch von Salman Rushdie gemeint ist, sondern die Passage des Korans, nach der Rushdies Roman benannt worden ist. Manche Gelehrte behaupteten, dass eine bestimmte Passage des Korans entstanden sei, während der Teufel dem Propheten Lügen ins Ohr flüsterte. Das aber würde bedeuten, dass der Koran nicht komplett von Gott stammt, nicht perfekt wäre und damit nicht das Zentrum der gesamten Religion bilden könnte. Die Idee stand auch der Ansicht anderer Gelehrter entgegen, dass der Koran vor dem Menschen erschaffen worden sei. Salman Rushdie hat diese Passage in seinen Roman Die satanischen Verse eingebaut und musste sich danach viele Jahre lang (vom englischen Staat geschützt) verstecken, weil der Ajatollah Chomeini eine Art Todesurteil über ihn verhängt hatte. Der Roman ist übrigens ganz gut.

Ist Sorck ein heiliges Buch?

Nein, natürlich nicht. Ideen wie die oben genannten, dass Bücher perfekt seien und dass in ihnen ausnahmslos alles einen Sinn ergäbe, sofern man den korrekten Schlüssel hat, finde ich allerdings faszinierend. Es wäre sinnlos, numerologische Verfahren auf Sorck anzuwenden in der Hoffnung, eine geheime Information beispielsweise aus der Gesamtzahl aller Buchstaben zu gewinnen. Aber es ist nicht falsch, wenn man auf die Zahlen im Buch achtet.

Beim Schreiben von Sorck kam mir der Gedanke seltsam vor, dass es in einem derart durchgeplanten Projekt Inhalte geben sollte, die keine Bedeutung haben. Dass die Szenen und die Struktur etwas bedeuten, ist gegeben, aber dann fiel mir auf, dass immer mal wieder Zahlen erwähnt werden: Zimmernummern, Kuchenstücke auf dem Teller, Jahreszahlen, Koordinaten. Sicherlich, einige dieser Zahlen kann man nicht auf einer „tieferen” Ebene manipulieren, ohne sie an der Oberfläche sinnlos zu machen. Beispielsweise beziehen sich die Koordinaten für ein Bombardement auf die korrekte Stelle. Ich hätte natürlich einen anderen Ort „anpeilen“ können (meine Wohnung z.B.), aber das wäre nichts Verstecktes gewesen, da eine einzige Google-Suche alles aufdecken würde. Andere Nummern aber, die frei wählbar sind, habe ich keineswegs frei gewählt. Da ist immer eine Ebene mehr.

Zahlen bitte!

An dieser Stelle sollten die Leser*innen aussteigen, die den Roman lieber alleine durcharbeiten wollen, um die versteckten Hinweise zu finden. Für alle anderen geht es jetzt ans Eingemachte.

Das Prinzip hinter den Nummern ist simpel: Man weise jedem Buchstaben im Alphabet eine Zahl zu nach dem Prinzip A = 1, B = 2, C = 3 usw. So erhält man beispielsweise

Während Martin Sorck durch das Labyrinth im Schiffsinneren irrt und auf der Suche ist nach Eva, beziehungsweise nach der Bar, die der Ausgangspunkt gewesen ist, von dem aus er sie das erste Mal getroffen hatte, ist, kommt er an verschiedenen Kabinen vorbei. Diese Kabinen haben Nummern. Allerdings läuft Martin vor und zurück, kommt in Sackgassen und verliert die Orientierung. Ich habe sie nicht verloren. Der Weg, den er geht, verfolgt anhand der Zimmernummern, ergibt die Namen Martin und Eva, die sich im Buchstaben A treffen:

Das ist Martins Weg und das ist außerdem ein dicker Vorgriff aufs Ende. Damit sind wir aber noch nicht durch. Alle zugewiesenen Nummern in Martins Namen ergeben zusammen 75, für Eva ergibt sich die Zahl 28 (E = 5, V = 22, A = 1 → 28). Subtrahiert man Eva von Martin, erhält man 47.

»Dort bog er rechts ab, durchlief für exakt siebenundvierzig sehnsüchtige Sekunden einen leeren Korridor – er hörte Geräusche hinter verschlossenen Türen, das alberne Lachen von Sitcoms – und gelangte zwischenfallfrei ans Ziel. Er fühlte sich allein auf der Welt …«

Martin sucht Eva, ist ohne sie, man könnte fast sagen, sie ist abgezogen. Das Sitcom-Lachen ist übrigens ein Hinweis darauf, wie albern die ganze Übung ist, weil wohl niemand darauf stieße, wenn ich es nicht hier aufdecken würde.

Später, wenn Martin sich von Eva verlassen fühlt, macht er noch einmal mentale Inventur, geht seinen Besitz durch und es wird festgestellt:

»Auf seinem Konto hatte er noch ein Guthaben im Wert von siebenundvierzig Euro.«

Sie ist weg und er ist arm dran ohne sie. Natürlich ist er auch tatsächlich arm, sonst ergäbe das alles keinen Sinn.

Perfider Betrug

Sinnfreie Bemerkungen ergeben nur dann einen Sinn im Sinne einer echten Irritation, wenn ansonsten alle Bemerkungen Sinn tragen. Wenn ich mir die Arbeit antue und Bedeutung in die kleinsten Details eines Werkes stecke, so habe ich mindestens einen perfiden Hintergedanken dabei. Sobald Leser*innen wissen, dass ich in alles Bedeutung packe, gehen sie davon aus, dass es keine Zufälle (oder Fehler?) mehr in meinen Büchern gibt und aus „das ergibt keinen Sinn“ wird möglicherweise ein „das ergibt keinen Sinn für mich“ oder ein „das ergibt noch keinen Sinn für mich“. Der massive Überbau in Sorck dient also als Schutz vor Fehlern und Unachtsamkeiten in der Zukunft.

Leser*innen suchen den Fehler in solchen Fällen bei sich. Der gleiche Effekt tritt oft auf bei Werken der „Weltliteratur”, die als besonders anspruchsvoll gelten. Versteht man sie nicht, sucht man häufig den Fehler bei sich selbst und nicht im Werk.

Tatsächliche Zufälligkeiten und sinnbefreite Bemerkungen wirken in einem solchen Umfeld plötzlich tiefgründig und mystisch, auch und weil sie eigentlich bloßer Schwachsinn sind.

Doppelter perfider Betrug

Genau genommen ist der Absatz hier drüber Unfug. Wenigstens der Anteil mit der bewussten Planung für zukünftige Projekte. Ich habe mich einfach nur extrem in das Romanprojekt hineingesteigert und konnte den Gedanken sinnloser Parts nicht ertragen. Aber hey, vielleicht habe ich jetzt Kritiker*innen ein Argument vorweggenommen.

Aber was meine Motivation auch immer gewesen sein mag, die versteckten Hinweise sind im Roman Sorck und warten darauf, entdeckt zu werden! Trotz aller bisherigen Blogeinträge habe ich bei weitem noch nicht alles aufgedeckt.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 35, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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