Sorck: 2. Buchgeburtstag

Blogeintrag zur Feier des 2. Buchgeburtstags des Romans “Sorck: Ein Reiseroman”

Inzwischen ist es zwei Jahre her, dass mein Debütroman Sorck: Ein Reiseroman veröffentlicht worden ist. Bereits zum ersten Buchgeburtstag hatte ich einen Blogartikel geschrieben. Hier möchte ich darüber nachdenken, wie ich heute zu meinem Buch stehe, wo ich allgemein stehe und wie es möglicherweise weitergehen soll.

Die Blogeinträge

Als ich Papierkrieg.Blog gestartet habe, ist eine der Grundideen gewesen, dass ich gern meine Gedanken über das Schreiben, über meine eigene Literatur und die von anderen teilen wollte. Inspiriert war ich von den Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Da mir keine derartige Bühne zur Verfügung stand (und steht), sollte es ein Blog sein. Seitdem habe ich etwa 250 Blogartikel fertiggestellt und etwa 80 weitere nur begonnen. Ganz grob geschätzt habe ich inklusive Überarbeitungen etwa 220.000 Wörter für diesen Blog geschrieben. Derzeit sind 219 Artikel online, von denen (inklusive diesem hier) sich 40 mit dem Roman Sorck befassen. In 32 weiteren wird Sorck zumindest erwähnt. Über die Suchfunktion oder die Kategorien im Seitenmenü kann man alle Blogeinträge finden. Sie hier aufzulisten wäre wohl zu viel.

Vom Altern

Manche der Blogartikel zu Sorck würde ich so nicht mehr schreiben. Sofern die Diskrepanz zwischen dem Text und meiner aktuellen Einstellung zu groß ist, lösche ich auch Texte. Das ist mit den 31 Artikeln passiert, die in der Rechnung oben fehlen. Ein gedrucktes Buch kann man nicht mehr löschen. Das würde ich auch nicht wollen. Zwar spielt ein Teil von mir seit vielen Monaten mit der Idee, Sorck zu überarbeiten, aber im Grunde halte ich davon wenig. Ich bin nicht mehr der Autor, der ich damals war. Ich würde Sorck Unrecht tun, und schließlich bin ich noch immer stolz auf meinen Roman, trotz einiger Fehler und Unzulänglichkeiten.

Was würde ich denn anders machen? Nun, einige Figurendarstellungen würde ich ändern, einige Witzchen weglassen. Vielleicht würde ich die Touris anders schreiben. So, wie ich sie geschrieben habe und vor dem inneren Auge sehe, wären sie fast allesamt potenzielle Querdenker*innen. Das macht sie mir noch weniger sympathisch. Bevor ich ihnen (und mir) also etwas antue, lasse ich lieber die Finger davon.

Übrigens würde ich den Schreibstil so nicht mehr wählen oder hinkriegen. Oder? Ich bin mir nicht sicher. Wählen nicht, hinkriegen vielleicht.

Neuere Bücher

Ob man mir meine aktuelle Laune anmerkt, weiß ich nicht. Ich bin nicht in Feierstimmung, sondern denke an zwei Jahre ohne neuen Roman, anstatt den zweiten Geburtstag meines Romans zu feiern. Andererseits bin ich nicht gerade faul gewesen. [Kurzer Einschub: Ich bin ein zerfressener Mensch, der sich Siege schlecht eingestehen kann und sich ständig unter Druck setzt. Auch deshalb sind Texte wie dieser wichtig für mich, als Reflexion und Aufmunterung.] 250 Blogartikel, etliche Rezensionen fürs Buchensemble, Beiträge für Ausschreibungen (teils mit Erfolg, teils ohne), Geschichten für Nikas Erben, Podcastauftritte, Interviews, Newsletter und (neben einem richtigen Leben) auch noch drei weitere veröffentlichte Bücher: Alte Milch: Gedichte, Das Maurerdekolleté des Lebens, Erschütterungen. Dann Stille.. Es ist also nicht so, dass ich nichts veröffentlicht hätte, nur eben keine weiteren Romane.

Das wird sich allerdings ändern. Mein aktuelles Romanprojekt ist recht weit fortgeschritten. Ein möglicher zweiter Gedichtband ist ebenfalls in Planung. Allerdings werde ich versuchen, für zukünftige literarische Veröffentlichungen zuerst Verlage zu finden und erst dann als Selfpublisher aufzutreten. Eine Verlagsveröffentlichung würde mir sicherlich guttun. Einerseits interessiert mich die Zusammenarbeit mit Verlagsmenschen und andererseits erhoffe ich mir eine größere Reichweite.

Darf ich mir etwas wünschen?

Eigentlich hat ja mein Buch Geburtstag, aber darf ich mir dennoch etwas zum Geburtstag wünschen? (Mein eigener Geburtstag steht ja auch kurz bevor.) Ich würde mir wünschen, dass weder Sorck noch meine anderen Bücher in Vergessenheit geraten. Es ist nicht einfach, so viel Zeit für ein Werk aufzubringen, so viel Arbeit zu investieren, es kurz aufsteigen zu sehen, nur um dann zu beobachten, dass es immer weiter in die Vergessenheit sinkt. Zugegebenermaßen ist keines meiner Bücher je bekannt genug geworden, um wieder vergessen zu werden, aber hier und da gibt es eben doch Leser*innen, und die mochten Sorck fast immer. Und ja, natürlich, ich sollte mehr Werbung machen.

Neuer Plan

Als ich mit dem Schreiben ernsthaft angefangen hatte, also mein zweiter Start mit etwa 30, kannte ich keine Prokrastination oder Ermüdungserscheinungen. Heute sieht das anders aus. Ich musste feststellen, dass ich so viele Projekte habe, dass ich immer an etwas arbeiten könnte und dass ich verschiedene dieser Projekte gegeneinander ausgespielt habe. Mit Arbeit zu prokrastinieren, um eine andere Arbeit nicht machen zu müssen, ist schon eine Luxusversion. Dennoch habe ich nun einen Arbeitsplan aufgestellt, der genau das unterbinden soll. Weniger Lust-und-Laune-Aktionen, mehr Professionalität. So wird der neue Roman auch irgendwann fertig. Hoffen wir das Beste.

Figurennamen suchen und finden

Über das Suchen und Finden passender Figurennamen.

In diesem Blogeintrag werde ich mich mit Namen in der Literatur beschäftigen. Es wird um die Suche nach ihnen und die Gründe für ihre Verwendung in eigenen und fremden Werken gehen. Ich fange an mit meiner üblichen Vorgehensweise auf der Suche nach Figurennamen und bespreche anschließend einige Beispiele aus bekannten Büchern und meinen bisherigen Veröffentlichungen.

Nomen Est Omen

Namen und ihre Träger*innen gehen eine sonderbare Symbiose ein. Immer scheinen sie zueinander zu passen. Die Person scheint bereits früh zu einem Horst, einer Claudia, einem Matthias oder einer Anna zu werden. Gleichzeitig assoziieren die Menschen in der Umwelt der Person fortan den gegebenen Namen mit der Person, vergleichen also neue Horsts, Claudias usw. mit dieser. Die Namensträger*innen verändern sich und verändern die von ihren Namen ausgelösten Assoziationen, aber Erwartungshaltungen der Umwelt bleiben grundsätzlich bestehen, auch wenn diese sich ebenfalls wandeln.

Als ich ein jüngerer Mensch war, konnte man die Namen Kevin oder Marvin fast als Beleidigung verwenden und alle Kevins/Marvins, die man kennenlernte, schienen die Vorurteile zu bestätigen. Heutzutage sind diese Namen gängiger und weit weniger belastet. Die Kevins und Marvins der Welt haben gute PR-Arbeit geleistet. Vermutlich sind es die gleichen Kevins und Marvins, die man früher für etwas langsam gehalten hat, weil sie eben Kevin und Marvin hießen, die heute nicht weniger intelligent wirken als jeder dahergelaufene Cornelius. Diese Verknüpfungen zwischen Namen und angeblicher Bedeutung dieser Namen, Rückschlüsse, die man automatisch zieht, Vorurteile usw. sollte man mitdenken, wenn man Figuren benennt – und vielleicht auch bei, wenn man Kinder benennt, denn es diese Assoziationen haben reale Konsequenzen, beispielsweise werden Kinder mit Namen, die man mit bildungsfernen Milieus gleichsetzt, häufig schlechter benotet für die selbe Leistung als Kinder mit anderen Namen.

Namen müssen (zu) ihren Figuren passen

Bevor ich einen Namen für eine Figur suche, muss ich mehr über die Figur wissen. Alter, Geschlecht (hier geht natürlich auch die bewusste Entscheidung für einen Namen, der keine direkten Schlüsse zulässt), Bildung usw. Hier muss man sich mit Vorurteilen abfinden, weil man mit Assoziationen arbeitet. Die meisten Leser*innen werden eine Cindi für weniger gebildet halten als eine Angelika – das angesprochene Kevin-Marvin-Cornelius-Problem. Natürlich kann man genau mit diesem Widerspruch spielen, aber auch dafür muss man sich zuvor entscheiden. Ähnliches gilt für das Alter einer Figur. Ein Helmut wirkt eindeutig älter als ein Finn. Haben wir mindestens diese Infos zur Figur zusammen, können wir weitergehen. (Gehen wir zunächst davon aus, dass wir keine tiefere Bedeutung in den Namen stecken. Beispiele dafür kommen aber später noch.)

Namenssuche

Die einfachste Variante der Namenssuche/-entscheidung ist eine spontane Assoziation. Manchmal steht der Name einfach plötzlich da. Und fertig. Wenn er passt, passt er.

Ich brauche meist ein wenig Zeit und mehrere Optionen. Haben wir Alter, Geschlecht und Wirkung geklärt, können wir suchen. Google hilft. „Jahrgang + beliebte Vornamen“ eingeben und man findet etliche Seiten mit den X beliebtesten Vornamen des angegebenen Jahrgangs, aufgeteilt nach männlich und weiblich. Es kommt selten vor, dass ich unter den Top 10 Namen keinen (zu allen Maßgaben) passenden finde. Am wichtigsten ist immer die richtige Assoziation: Hat der Name allein bereits eine Wirkung, die der Figur Leben einhaucht? Wen stellt ihr euch vor, wenn ihr von Rainer, Max, Ilse oder Nici hört? Oder wären Drago, Waldemar, Nicolette, Arian besser?

Natürlich kommt es auch auf euer Genre an. Dass meine Suche nicht gut für Fantasy- und Sci-Fi-Namen funktioniert, ist auch klar, oder man müsste die gefundenen Namen abwandeln und ans Genre anpassen. Das könnte gehen.

Namen mit Konzept

Es gibt viele Gründe, um Figuren Namen zu geben, die eigene Inhalte vermitteln, einem Programm folgen oder nach realen Personen oder literarischen Figuren klingen. Im Blogeintrag über Hommagen beziehungsweise im vorangegangen Themenartikel fürs Buchensemble hatte ich bereits den Bibliothekar Jorge in Der Name der Rose von Umberto Eco erwähnt, der eine Hommage an den Autor Jorge Luis Borges darstellt und daher Jorge heißt. Es steckt also ein Konzept hinter der Benennung der Figur (und vielen weiteren ihrer Eigenschaften). Franz Kafka, der viele seiner Figuren lediglich „K.“ nannte, folgte damit auch einem Konzept, einem kaum versteckten Selbstbezug. Als ich wiederum eine Figur in Das Maurerdekolleté des Lebens „K.“ genannt habe, bezog ich mich damit auf Kafka und seine Figurenbenennung.

Neben derartigen und ähnlichen Bezügen zwischen Namen gibt es natürlich noch die jene Figurennamen, die versteckte Bedeutungen haben und nicht Namen um des Namens Willen sind. Im Folgenden gehe ich auf einige Figurennamen aus meinen Werken ein. Gelegentlich wird gespoilert, aber das versuche ich in ertragbaren Grenzen zu halten.

Namen in Sorck

Beginnen wir im Zentrum. Martin Sorck, Protagonist meines ersten Romans Sorck, trägt seinen Namen nicht ohne Grund, wenn auch kein besonders ausgeklügeltes System dahintersteckt. Martin heißt er aufgrund der relativen Ähnlichkeit zu meinem eigenen Vornamen. Mein erstes Buch, meine erste Veröffentlichung, ein großes Ziel, auf das ich lange hingearbeitet habe. Natürlich musste dieser für mich monumentale Schritt eine klare Beziehung zu mir aufweisen. Mögliche weitere Parallelen zwischen mir und der Figur Martin Sorck verschweige ich an dieser Stelle. Sein Nachname kommt übrigens vom Sorck- oder Sorkc-Modell, das in der Verhaltenstherapie eingesetzt wird. Martins Geschichte ist eine Art Therapie für ihn, eine Sinnsuche und ein Kampf mit sich selbst. Außerdem klingt Sorck ein wenig nach „Sorge“, was der durchaus passende Ton für dieses Buch ist.

Auf Eva bin ich in einem eigenen Blogartikel eingegangen: Sorck: Eva. Auch auf die Frau Major, ihren Titel und Namen habe ich einen kompletten Artikel verwendet: Sorck: Frau Major. Eine wichtige Figur, die, sofern mich mein Gedächtnis nicht täuscht, noch so gut wie gar nicht aufgetaucht ist in meinen Blogtexten, ist Moses Arsonovicz. Es stand früh fest, dass diese Figur in die Geschichte gehört. Kurz darauf habe ich bei einer Autofahrt aus dem Fenster gesehen und eine etwas andere Schreibweise des Nachnamens gelesen. Dabei hatte ich sofort eine Assoziation: Arson-ovicz → Arson (engl.) = Brandstiftung. Feuer spielt eine wichtige Rolle in Sorck, daher passte der Name hervorragend. Da außerdem viele Namen und Vergleiche im Buch aus der Mythologie oder der Religion stammen und Moses Arsonovicz eine Art Spiegelfigur für Martin Sorck ist, so wie Moses in der Bibel für Jesus Christus (Vorwegnahme des Neuen Testaments im Alten Testament usw.), schien es mir nur logisch, dass ich Herrn Arsonovicz den Vornamen Moses geben würde. Damit stand auch nichts mehr der etwas irrsinnigen Buffet-Szene im Wege, in der Moses sich einen Weg durch das Meer hungriger Gäste bahnt wie, na ja, Moses durch das Rote Meer eben.

Namen in Das Maurerdekolleté des Lebens

Neben dem bereits oben erwähnten K. gibt es in Das Maurerdekolleté des Lebens nur einen weiteren Namen: Theo. „Theos“ im Griechischen bedeutet „Gott“. Es gibt zwei Gründe oder Varianten, warum ich Theo ausgerechnet Theo genannt habe. Die interessantere Variante lautet, dass Theo den gleichen Tag in mehreren Versionen durchlebt, verschiedene Möglichkeiten austestet, auch wenn er sich nicht daran erinnern kann, und dieses Privileg Menschen üblicherweise, soweit wir wissen, nicht gegeben ist. Gott wiederum, sofern man der christlichen Mythologie glaubt, kann und weiß alles, also auch dieses. Es gibt natürlich eine Ausnahme unter den Menschen: Autor*innen. Alle Literatur ist eine unendliche Studie in Möglichkeiten. Nicht umsonst sind wir Schöpfer*innen neuer, anderer, besserer und schlimmerer Welten. Damit wäre Theos Reise durch die Möglichkeiten eines Tages so etwas wie ein Symbol für das literarische Denken. Die Frage „Was wäre wenn?“ in Ausschnitten beantwortet, verdreht und in einem Namen verkörpert.

Die stupidere Variante lautet, dass ich, als ich mein Abitur im Abendgymnasium nachholte, einer Sitznachbarin erklärte, was das „Theo“ in „Theologie“ bedeutete, und sie mich fortan, weil ich ihrer Meinung nach alles wüsste, durchaus als Kompliment gemeint, gelegentlich Theo nannte. Damit hätte ich mich wiederum unaufdringlich selbst eingebracht (wie bereits beim vorher erwähnten Martin).

Namen in Erschütterungen. Dann Stille.

Es wird kaum verwundern, dass ich es auch in Erschütterungen. Dann Stille. nicht lassen konnte, mich selbst oder meinen Namen zu verbauen. In der Erzählung Der Spinner spiele ich neben anderen Dingen mit der Idee von Identität und mit der Kommunikation zwischen Autor*in und Figur – zusammengeknotet durch Surrealismus und ein wenig Multiversumstheorie. Um das Chaos zu komplettieren oder wenigstens das Identitätsspiel auf die Spitze zu treiben, habe ich den Protagonisten der Rahmenebene Matthias genannt. Er wiederum nennt Figuren, die er schreibt Mathias, Mateusz usw., nutzt also andere Schreibweisen oder anderssprachige Versionen des gleichen Namens. Details dazu wird es im passenden Blogeintrag im Januar geben. Zu jeder einzelnen Geschichte aus Erschütterungen. Dann Stille. wird es einen Artikel geben, weshalb ich hier nur anreiße, dass es im Buch Namensbezüge zu Robinson Crusoe, Caspar David Friedrich, Hannah Arendt und weiteren Personen oder Dingen gibt. Schaut mal rein, damit ich die ganze Denkarbeit nicht umsonst gemacht habe!

Fazit oder so

Irgendwo bei Jorge Luis Borges habe ich von der Macht der Namen gelesen. Davon, dass, als der Teufel aus dem Himmel verbannt worden ist, er einen Teil seines Namens und damit einen Teil seiner Macht einzubüßen hatte. Davon, dass derjenige Macht über den Golem hatte, der ihm einen Namen in die Stirn ritzte oder ihn wegwischte. Davon, dass der Name Gottes den Wissenden Macht bringe. Von der doppelten Namensgebung der alten Ägypter: einen öffentlichen und einen geheimen Namen. Wäre mein Gedächtnis ein besseres, hättet ihr den Vorteil einer Zusammenfassung. So verweise ich euch auf Borges’ Essays. Lest sie einfach alle, dann macht ihr nichts falsch!

Inspiration und Hommagen

Über einen Themenartikel beim Buchensemble, Inspirationsquellen und Hommagen in Büchern.

Gestern ist der erste von mir verfasste Themenartikel beim Buchensemble veröffentlicht worden. Den Link findet ihr hier:

Lesen und Gelesen werden: Was macht das mit uns?

Hier möchte ich sowohl auf das Verfassen des Artikels eingehen als auch auf die dort besprochenen Aspekte (Inspiration/Beeinflussung durch die Lektüre von Büchern anderer Autor*innen, Hommagen in Büchern, Schreibblockaden) im Bezug auf mein eigenes Werk.

Wie funktionieren Themenartikel beim Buchensemble?

Vielleicht habt ihr euch beim Lesen dieses oder anderer Themenartikel beim Buchensemble gefragt, wie wir dabei vorgehen. Im Grunde ist es sehr simpel. Alle Rezensent*innen beantworten eine Reihe von Fragen. Übernimmt jemand von uns dann die Arbeit, einen Artikel zu verfassen, bekommt er/sie die Antworten zugesandt. Der Themenartikel selbst ist frei und unsere eigene Arbeit, aber natürlich bauen wir möglichst viele Antworten ein, geben also noch andere Meinungen als nur unsere eigene wider. Dieses System gefällt mir. Zwar kann man theoretisch manipulieren und nur Antworten verwenden, die gut in den Text passen, aber so sind wir alle nicht drauf. Zwangsläufig stehen diese Artikel auf einem breiteren Fundament, da für das Thema bereits bis zu 8 (bzw. bis zu 7 andere) Meinungen gegeben sind.

Hommagen: Sorck

Im Roman Sorck habe ich etliche Verweise zu anderen Werken eingebaut. Neben Kunst und anderen kulturellen Aspekten ganz besonders zu literarischen Werken. Auch hier werde ich nicht alle Verweise offenbaren. Es sollte reichen, zu erwähnen, dass ich in der Grundidee von Albert Camus beeinflusst worden bin sowie von Hermann Burger und Franz Kafka. Hinweise auf Hermann Hesse findet man überall in Sorck und zu Hermann Burger an einer Stelle ebenfalls.

Worüber ich nie geschrieben habe, obwohl es doch so wichtig ist, ist Folgendes: Als ich Sorck zu schreiben begann, wollte ich unbedingt wie Hermann Burger schreiben (können). In diesen Monaten war er für mich die Krone anspruchsvoller Literatur. Obwohl ich das heute ganz anders sehe, mag ich seine Werke noch immer sehr. Ein Aspekt, der Sorck zu dem Roman macht, der er ist, ist seine Sprache. Ich schmeiße mit Fremdwörtern, seltenen Begriffen und Neologismen um mich, als gäbe es kein Morgen. Damit erreiche ich einen völlig anderen Effekt als Burger, der erheblich besser weiß, was er tut. Humor und Eigenartigkeit werden immerhin getragen von dieser wirren Erzählstimme, auf die ich noch immer stolz bin.

In der Vorbereitung habe ich mich einigen von Burger in seiner Poetik-Vorlesung Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben, die passenderweise in Anlehnung an Kleists Aufsatz Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden betitelt worden ist, Techniken bedient: seitenlange Wörterlisten beispielsweise. Ich habe (Fremd)Wörterbücher durchgearbeitet und eine Wörterbuch-App auf Zufall gestellt, um neue Wörter zu entdecken, die ich verwenden konnte. Die Arbeit war erschlagend (und ich würde sie wohl nie wieder auf mich nehmen), aber die Idee war inspiriert von Hermann Burger.

Hommagen: Alte Milch

Im Gedichtband Alte Milch habe ich ebenfalls eine kleine (kaum versteckte) Hommage eingebaut und zwar an Jorge Luis Borges. Im Gedicht J.L.B. (~ Jorge Luis Borges) geht es um Borges’ Liebe zu Büchern, die man in all seinen Werken sowie in seiner Arbeit als Leiter der argentinischen Nationalbibliothek (als er bereits erblindet war) gut erkennen kann, am besten aber an den autobiographischen Texten und Vorträgen. Die Liebe zur Literatur ist ein Hauptaspekt von Borges’ Gesamtwerk. Ihn in mein Werk zu integrieren, nachdem er mich so lange so sehr inspiriert hat, empfand ich als Notwendigkeit. Eine bitter nötige Verneigung vor diesem großartigen Autor. Vielleicht ist es Umberto Eco auch so ergangen, als er Der Name der Rose schrieb (wie im Artikel LINK erwähnt).

Hommagen: Das Maurerdekolleté des Lebens?

In Das Maurerdekolleté des Lebens sind, wenn mir gerade nicht die eigene Arbeit entfällt, keine bewussten Hommagen eingebaut. Dafür kann aber die Inspiration durch Kafka und andere surreale sowie magisch-realistische Werke unmöglich abgestritten werden. Seit Jahren lese ich gerne entsprechende Bücher. Für mich gehören immer auch Ebenen zur erlebten Welt als nur die beobachtbare (Der Traum ist Teil der Realität).

Die Stimme in meinem Kopf

Ein Unterthema im Artikel beim Buchensemble war die (ungewollte) Beeinflussung durch andere Werke, während man diese liest. Ändert sich der eigene Schreibstil, während man ein (gutes) Buch liest? Offenbar nicht bei allen Autor*innen. Bei mir allerdings umso mehr. Lese ich intensiv ein gutes oder bloß interessantes Buch, übernehme ich schnell Rhythmus, Wortwahl, Tempo und andere Aspekte des Buches, und dies gilt nicht nur für Geschriebenes, sondern auch für meine Gedankenstimme.

Ich habe gelesen, dass nicht jede*r tatsächlich eine Stimme im Kopf hat, die die Gedanken ausformuliert, aber ich habe definitiv eine. Diese Stimme spricht nicht bloß mit oder stottert, sondern erzählt in zusammenhängenden Sätzen, manchmal in abgestimmten Zeilen oder Wortfetzen, wenn eine entsprechende Lektüre kurz zuvor rezipiert worden ist. Gelesenes ändert mich im Tiefsten. Damit zeigt sich nicht nur, dass mein Schreibstil beeinflusst ist von fremden Werken (stark, wenn das Lesen noch nicht lange zurückliegt, weniger stark, ist es länger her), sondern auch dass wenigstens manche Menschen definitiv charakterlich durch Kunst beeinflusst werden können. Toleriert also nicht alles, nur weil es sich Kunst nennt!

Am Ende

… zählt, was man daraus macht. Ich weiß um meine Beeinflussbarkeit durch fremde Werke und bin entsprechend vorsichtig in Schreibphasen, ob und was ich lese. Die Begeisterung für die Bücher anderer zähle ich zu meinen Stärken und werde sie nicht unterdrücken. Warum auch? Möchte ich ein Denkmal in ein Werk einbauen, so werde ich das weiterhin tun.

Übrigens wird das in der nächsten Veröffentlichung wieder geschehen.

Krieg und Zerstörung

Über Krieg und Zerstörung als Symbole in meinen Werken, speziell in “Sorck: Ein Reiseroman”.

Zerstörung, Sachbeschädigung, Gewalt, Krieg und Kampf sind zentrale Motive mancher meiner Werke. Das musste ich selbst erst entdecken. Heute frage ich mich, woher das kommt.

Zerstörung kann reinigend und befreiend sein. Erst als Martin Sorcks Wohnung abbrennt, kann er seine Reise antreten. Manchmal muss man etwas zerstören, um fortfahren zu können: eine Beziehung beenden, eine Regierung stürzen, das Weltei zerbrechen. Bevor ich fortfahre, betone ich sicherheitshalber, dass ich Gewalt nicht verherrlichen oder gar fordern möchte. Es geht hier um Symbole. Zerstörung muss nicht groß sein, um wirkungsvoll zu sein. Nach einer Trennung gemeinsame Fotos zu verbrennen, ist Zerstörung im Kleinen, ist Loslassen und Abschied.

Muss Zerstörung Gründe haben?

Zerstörung der Zerstörung willen scheint mir nicht bloß unsinnig, sondern auch extrem selten zu sein. Immer steckt etwas dahinter und wenn es von außen auch noch so willkürlich erscheinen mag. Mit der passenden Ideologie kann man jede Form von Zerstörung als politische Aktion interpretieren. Denken wir beispielsweise an Maos Kulturrevolution, der nicht nur viele Menschen, sondern auch unbezahlbare, unwiederbringliche, uralte Kunst- und Kulturschätze zum Opfer fielen. Religionen haben immer wieder zu Gewalt- und Zerstörungsorgien aufgerufen. Die Rechtfertigungen für Gewalt und Vernichtung sind so vielfältig wie die Formen ihrer Ausführung.

Es ist daher verständlich und richtig, dass man auf diese Themen mit Vorsicht oder sogar Abneigung reagiert. Genau wegen dieser Vorsicht, Furcht vielleicht sogar, ist die Zerstörung (oder Bedrohung) von Gegenständen wie Menschen stets interessant in der Kunst. Man kann mit der Darstellung schocken, Botschaften verstärken und allgemein starke Gefühle hervorrufen.

Kriegerischer Alltag

Die Welt ist ein Ort der elementaren Unruhe für viele Menschen, jeder Tag ein Kampf und jede Kommunikation eine Auseinandersetzung. Dies kann einerseits an einer entsprechenden Weltsicht liegen, in der es fast ausschließlich Feindbilder gibt, oder schlicht an den psychischen Kapazitäten der betroffenen Personen. Wut und Angst führen zu solchen Leben oder entstehen aus ihnen.

Das Leben als Krieg. Wie stellt man es besser dar als durch die Darstellung von Kriegsgeschehen? Die Mischung aus dem, was die meisten als Alltag erleben (und einige als Kampfgebiet), und dem, was alle als Kriegsgebiet verstehen, ist daher der perfekte (paradoxe) Ort für eine entsprechende Geschichte. Martin Sorck ist eine der Personen, die permanent mit der Welt im Clinch liegen. Seine Welt ist ein Schlachtfeld. Erleben wir nun im Roman, wie er die Welt sieht oder was wirklich geschieht? Das lasse ich offen.

Charakter- und Feldzüge

Der Gedanke des Lebens als Kampf ist natürlich nicht neu, wurde allerdings traditionell anders gedacht: Aus darwinistischer oder (schlimmer noch) aus sozialdarwinistischer Perspektive. Ich allerdings meine keinen tatsächlichen Wettstreit zwischen Personen oder Personengruppen, sondern denke an eine reine Erlebensebene. Der Kampf ist nicht real, sondern nur im Kopf einer Person, in diesem Fall Martin Sorck.

Man kann die Kriegsszenen im Roman Sorck auf vielerlei Weise interpretieren und das ist auch so gewollt. Eine wichtige Lesart ist die angesprochene, dass der Krieg bildhaft für die inneren Umstände des Protagonisten zu verstehen ist. Dass Martin nicht in seine Umgebung passt und ernsthaft mit dem Leben ringt, wird im Roman wohl schnell klar. Eine andere Lesart bezieht sich daher auf die Struktur, die ich im Blogeintrag Sucht und Struktur besprochen habe. Der Aufbau und Ablauf der Landgänge spiegelt den Weg durch die Sucht wider. Die Kämpfe ebenso wie die Zwangssituationen sind Teil der Darstellung. Daher ist, wie im Beitrag gezeigt, auch der Rückschlag für die Reisegesellschaft in Stockholm der erste große Sieg im Kampf gegen die Sucht. Diese beiden Lesarten widersprechen einander nicht, sondern ergänzen sich sogar.

Viele haben die Landgänge und die damit zusammenhängenden Kriegsszenen auch als gesellschaftskritisch gelesen, was absolut legitim ist. Ich kann mir keine gelungene Darstellung eines Krieges oder kriegsähnlicher Zustände vorstellen, die nicht als Kritik an etwas gelesen werden könnte oder müsste. Kritik ist fraglos Teil des Werkes.

Persönliche Aspekte

Ja ja, natürlich spiegelt die Darstellung von Krieg und Zerstörung persönliche Aspekte des Autors wider. Es jetzt noch abzustreiten wäre unsinnig angesichts der Einleitung. Immerhin habe ich bereits verraten, dass es anfangs nicht bewusst geschehen ist. Ich hatte und habe meine Kämpfe, wenn ich auch glücklicherweise niemals im Krieg gewesen bin. Hätte ich Krieg wirklich erlebt, würde ich wohl davon absehen, ihn in meinen Geschichten als Symbol zu missbrauchen.

Die Wahrheit ist, dass mich der besprochene Themenkomplex seit Kindergartentagen interessiert. Ich erinnere mich, wie ich in dem Alter Soldaten und Kriegertypen gezeichnet habe, wie ich fasziniert ein Buch über den Zweiten Weltkrieg durchgeblättert und später heimlich Kriegs- und Actionfilme (deren Genregrenzen in den 90ern oft verwischt waren) geschaut oder (nicht heimlich) mit Action Man Figuren gespielt habe. Der Krieg war überall: Krieg auf Cybertron bei den Transformers (also in Zeichentrickfilmen/-serien), in Filmen, als Teil der Bildung und im Spielzeug (auch wenn ich nicht mit Spielzeugwaffen spielen durfte). Wie kam das? War das eine Mode? Ist das so ein Blödsinn, der passiert ist, weil ich ein Junge war? Habe ich als ausschlaggebendes Elemente genau in dem Moment zufällig einen Kriegsfilm gesehen, als ich herauszufinden versuchte, was man als Junge/Mann auf der Welt so treibt?

Offen gestanden, ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Waren die Symbole, die ich heute verwende, also unumgänglich? Wer weiß. Sie haben jedenfalls eine von meiner Kindheit völlig losgelöste Bedeutung.

Krieg in der Literatur

Natürlich habe ich irgendwann Im Westen nichts Neues von Remarque gelesen und es hat mir ebenso gefallen wie die anderen Bücher, die ich von ihm kenne. Hesse hat eine Weile auch mit futuristischen Gedanken und Kriegssymbolik gespielt, bis der große Krieg dann kam und Hesse seine Fehler einsah. Von Sun Tzu (Kunst des Krieges) über Mao (Theorie des Guerillakrieges) bis zu Carl von Clausewitz (Vom Kriege) und Winston Churchill habe ich einiges zum Thema gelesen. Teils lag es an den in meiner Jugend im Haus befindlichen Bücher und teils an einem Interesse, das sich unter anderem aus der Lektüre dieser Bücher ergeben hat. Aber wo steckt nun der Kern meiner Faszination?

Vielleicht ist es das schier unfassbare Ausmaß an Leid, Organisation, generationenlangen und Kontinenten überspringenden Auswirkungen, Propaganda und immer wieder Leid, das mit Kriegen zusammenhängt und das wohl niemand geistig ganz erfassen kann. Ein Krieg, gerade in den letzten 200 Jahren, ist ein so enormes und derart grässliches Ereignis, dass es sich ins Gedächtnis und die Seele der Menschheit für Generationen einbrennt. Angesichts dessen schämt man sich für jede symbolische Verwendung des Krieges. Ich bin mir sicher, dass es noch Rückstände der Erfahrungen meines Urgroßvaters aus dem Ersten Weltkrieg in mir gibt, ob nun durch Erziehung oder die Gene weitergegeben, und ebenso welche meiner Großväter aus dem Zweiten Weltkrieg.

Vielleicht war Sorck am Ende ein Ventil, um einen Teil dieser Grässlichkeit in mir loszuwerden, und wenn es auch in verdrehter Form geschehen ist.

Abschließend sollte ich eine Selbstverständlichkeit betonen: Ich hoffe, niemals in den Krieg ziehen zu müssen und dass ich weder mit diesem Blogeintrag noch mit meinem Roman Personen zu nahe getreten bin, die echte Kriegserlebnisse durchmachen mussten.

Zahlen und Wunder

Über in Zahlenwörtern Verstecktes im Roman “Sorck: Ein Reiseroman”.

Es gibt noch Zahlen und Wunder. Ein Blogeintrag über Verstecktes (im Roman Sorck).

Heilige Schriften

Manche Christengruppen, darunter einige Gnostiker, glaubten, dass die Bibel in jedem Sinne vollkommen sei. Während andere Christen sich gelegentlich stritten, ob man die Bibel wörtlich oder bildlich zu verstehen hätte, bestanden diese Gruppen darauf, dass die Bibel auf jedwede Art und Weise zu verstehen sei. Gott sei allmächtig und sein Werk damit perfekt. Es könne darin keine Zufälle geben. Das bedeutet, dass kein Wort, kein Bild, keine Formulierung, nicht die Anzahl der Wörter oder die genannten Zahlenwörter sinnlos oder zufällig seien. Wenn angegeben wird, wie groß Noahs Arche gewesen sei, haben diese Zahlen Bedeutung. Welche? Kann man nicht wissen. Versteht man es aber doch, kann man große Macht erringen – so jedenfalls sahen das einige.

Im Islam hat es den Streit um die satanischen Verse gegeben, wobei hier noch nicht das Buch von Salman Rushdie gemeint ist, sondern die Passage des Korans, nach der Rushdies Roman benannt worden ist. Manche Gelehrte behaupteten, dass eine bestimmte Passage des Korans entstanden sei, während der Teufel dem Propheten Lügen ins Ohr flüsterte. Das aber würde bedeuten, dass der Koran nicht komplett von Gott stammt, nicht perfekt wäre und damit nicht das Zentrum der gesamten Religion bilden könnte. Die Idee stand auch der Ansicht anderer Gelehrter entgegen, dass der Koran vor dem Menschen erschaffen worden sei. Salman Rushdie hat diese Passage in seinen Roman Die satanischen Verse eingebaut und musste sich danach viele Jahre lang (vom englischen Staat geschützt) verstecken, weil der Ajatollah Chomeini eine Art Todesurteil über ihn verhängt hatte. Der Roman ist übrigens ganz gut.

Ist Sorck ein heiliges Buch?

Nein, natürlich nicht. Ideen wie die oben genannten, dass Bücher perfekt seien und dass in ihnen ausnahmslos alles einen Sinn ergäbe, sofern man den korrekten Schlüssel hat, finde ich allerdings faszinierend. Es wäre sinnlos, numerologische Verfahren auf Sorck anzuwenden in der Hoffnung, eine geheime Information beispielsweise aus der Gesamtzahl aller Buchstaben zu gewinnen. Aber es ist nicht falsch, wenn man auf die Zahlen im Buch achtet.

Beim Schreiben von Sorck kam mir der Gedanke seltsam vor, dass es in einem derart durchgeplanten Projekt Inhalte geben sollte, die keine Bedeutung haben. Dass die Szenen und die Struktur etwas bedeuten, ist gegeben, aber dann fiel mir auf, dass immer mal wieder Zahlen erwähnt werden: Zimmernummern, Kuchenstücke auf dem Teller, Jahreszahlen, Koordinaten. Sicherlich, einige dieser Zahlen kann man nicht auf einer „tieferen” Ebene manipulieren, ohne sie an der Oberfläche sinnlos zu machen. Beispielsweise beziehen sich die Koordinaten für ein Bombardement auf die korrekte Stelle. Ich hätte natürlich einen anderen Ort „anpeilen“ können (meine Wohnung z.B.), aber das wäre nichts Verstecktes gewesen, da eine einzige Google-Suche alles aufdecken würde. Andere Nummern aber, die frei wählbar sind, habe ich keineswegs frei gewählt. Da ist immer eine Ebene mehr.

Zahlen bitte!

An dieser Stelle sollten die Leser*innen aussteigen, die den Roman lieber alleine durcharbeiten wollen, um die versteckten Hinweise zu finden. Für alle anderen geht es jetzt ans Eingemachte.

Das Prinzip hinter den Nummern ist simpel: Man weise jedem Buchstaben im Alphabet eine Zahl zu nach dem Prinzip A = 1, B = 2, C = 3 usw. So erhält man beispielsweise

Während Martin Sorck durch das Labyrinth im Schiffsinneren irrt und auf der Suche ist nach Eva, beziehungsweise nach der Bar, die der Ausgangspunkt gewesen ist, von dem aus er sie das erste Mal getroffen hatte, ist, kommt er an verschiedenen Kabinen vorbei. Diese Kabinen haben Nummern. Allerdings läuft Martin vor und zurück, kommt in Sackgassen und verliert die Orientierung. Ich habe sie nicht verloren. Der Weg, den er geht, verfolgt anhand der Zimmernummern, ergibt die Namen Martin und Eva, die sich im Buchstaben A treffen:

Das ist Martins Weg und das ist außerdem ein dicker Vorgriff aufs Ende. Damit sind wir aber noch nicht durch. Alle zugewiesenen Nummern in Martins Namen ergeben zusammen 75, für Eva ergibt sich die Zahl 28 (E = 5, V = 22, A = 1 → 28). Subtrahiert man Eva von Martin, erhält man 47.

»Dort bog er rechts ab, durchlief für exakt siebenundvierzig sehnsüchtige Sekunden einen leeren Korridor – er hörte Geräusche hinter verschlossenen Türen, das alberne Lachen von Sitcoms – und gelangte zwischenfallfrei ans Ziel. Er fühlte sich allein auf der Welt …«

Martin sucht Eva, ist ohne sie, man könnte fast sagen, sie ist abgezogen. Das Sitcom-Lachen ist übrigens ein Hinweis darauf, wie albern die ganze Übung ist, weil wohl niemand darauf stieße, wenn ich es nicht hier aufdecken würde.

Später, wenn Martin sich von Eva verlassen fühlt, macht er noch einmal mentale Inventur, geht seinen Besitz durch und es wird festgestellt:

»Auf seinem Konto hatte er noch ein Guthaben im Wert von siebenundvierzig Euro.«

Sie ist weg und er ist arm dran ohne sie. Natürlich ist er auch tatsächlich arm, sonst ergäbe das alles keinen Sinn.

Perfider Betrug

Sinnfreie Bemerkungen ergeben nur dann einen Sinn im Sinne einer echten Irritation, wenn ansonsten alle Bemerkungen Sinn tragen. Wenn ich mir die Arbeit antue und Bedeutung in die kleinsten Details eines Werkes stecke, so habe ich mindestens einen perfiden Hintergedanken dabei. Sobald Leser*innen wissen, dass ich in alles Bedeutung packe, gehen sie davon aus, dass es keine Zufälle (oder Fehler?) mehr in meinen Büchern gibt und aus „das ergibt keinen Sinn“ wird möglicherweise ein „das ergibt keinen Sinn für mich“ oder ein „das ergibt noch keinen Sinn für mich“. Der massive Überbau in Sorck dient also als Schutz vor Fehlern und Unachtsamkeiten in der Zukunft.

Leser*innen suchen den Fehler in solchen Fällen bei sich. Der gleiche Effekt tritt oft auf bei Werken der „Weltliteratur”, die als besonders anspruchsvoll gelten. Versteht man sie nicht, sucht man häufig den Fehler bei sich selbst und nicht im Werk.

Tatsächliche Zufälligkeiten und sinnbefreite Bemerkungen wirken in einem solchen Umfeld plötzlich tiefgründig und mystisch, auch und weil sie eigentlich bloßer Schwachsinn sind.

Doppelter perfider Betrug

Genau genommen ist der Absatz hier drüber Unfug. Wenigstens der Anteil mit der bewussten Planung für zukünftige Projekte. Ich habe mich einfach nur extrem in das Romanprojekt hineingesteigert und konnte den Gedanken sinnloser Parts nicht ertragen. Aber hey, vielleicht habe ich jetzt Kritiker*innen ein Argument vorweggenommen.

Aber was meine Motivation auch immer gewesen sein mag, die versteckten Hinweise sind im Roman Sorck und warten darauf, entdeckt zu werden! Trotz aller bisherigen Blogeinträge habe ich bei weitem noch nicht alles aufgedeckt.

Sorck: Sucht & Struktur

Blogeintrag über die Idee hinter der grundsätzlichen Struktur des Romans “Sorck: Ein Reiseroman”.

Spoilerwarnung

In diesem Blogeintrag geht es um die Grundstruktur des Romans Sorck in Verbindung mit einem seiner Themen: Sucht. Logischerweise ist es nicht möglich, die Struktur des Buches aufzuzeigen, ohne grundlegenden Inhalt zu erwähnen. Wer Sorck noch nicht gelesen hat, sollte diesen Blogeintrag vielleicht lieber auslassen, oder Spoiler akzeptieren.

Die Reise

Wie sieht die grobe Struktur des Romans Sorck aus? Man könnte auch fragen, wie Martin Sorcks Reiseroute aussieht. Grob zusammengefasst haben wir:

  1. Einleitung + Hinfahrt
  2. Tallinn
  3. Sankt Petersburg
  4. Helsinki
  5. Stockholm
  6. Rückfahrt + Ende

Hinzu kommen natürlich noch die Parts auf dem Kreuzfahrtschiff, die jeweils zwischen den Etappen spielen, mit den Reiseorten und den passenden Themen zusammenhängen, aber dennoch teilweise losgelöst sind von ihnen. Ich möchte mich daher hauptsächlich auf die Etappen, auf die 4 besuchten Städte und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit der Figurenentwicklung konzentrieren. Wichtig sind hier die Geschehnisse vor Ort, das Innenleben des Protagonisten und sein Alkoholkonsum.

Einstieg: Rausch und Euphorie

Zugegeben, ich muss jetzt bereits eine Ausnahme machen. Die große Rauschgeschichte des Martin Sorck beginnt nicht in Tallinn, sondern am Vorabend und hat ihren Höhepunkt in der Nacht (die allerdings schnell und holprig überleitet zum ersten Landgang). Vielen Leser*innen ist die große Partyszene im Bauch der S.S.C.F. Aisha Harmonia im Gedächtnis geblieben. Protagonist Martin Sorck steigt in den Kaninchenbau hinab, trinkt, schnupft und schluckt unbekannte Substanzen, um die ganze Nacht hart zu feiern. Der große Rausch, der immer am Anfang der Katastrophe steht. Keine Suchtgeschichte – und als eine verdichtete Suchtgeschichte kann man Sorck lesen – beginnt mit Katerzuständen und Suchtdruck. Am Anfang steht die Euphorie, heraufbeschworen vielleicht durch Schlimmes, als Ablenkung, scheinbare Rettung oder kurzfristiges Glück. Martin hat alles verloren, es geht ihm entsprechend, also sagt er nicht Nein. Er genießt den großen Rausch und man gönnt es ihm. In Tallinn ist er verkatert, aber dennoch hatte er eine großartige Nacht und selbst das Chaos in der Stadt scheint anfangs nicht so schlimm zu sein.

Der nächste Schritt: Der erste Zwang

Tallinn wehrt sich. Martin Sorck wird von den Ereignissen mitgerissen, die jedoch für ihn nur am Rande passieren, während er sich woanders herumtreibt – während er noch nicht darüber nachdenkt? Man könnte es so lesen, dass Martin sich von der Gruppe und den kriegerischen Geschehnissen absetzt, weil er sich Problemen nicht stellen möchte, obwohl sie unübersehbar sind. Der Kampf hat für ihn zu früh begonnen. Es ist der Moment in einer Suchtgeschichte, in der man unterbewusst weiß, dass man süchtig ist (oder sich in Gefahr befindet, es zu werden), aber es noch nicht einsieht. Hinterher fragt man sich, wie man so blind sein konnte, aber währenddessen ist man nicht blind, sondern hält sich die Augen zu. Tallinn ist aus meiner Sicht die erste Bekanntschaft mit den Nachteilen des Rausches, der Beginn der Sucht. Aber der große Kontrollverlust steht noch bevor.

Kontrollverlust in Sankt Petersburg

Das große Thema des Abschnitts rund um Sankt Petersburg ist ein Komplex aus Druck, Zwang und Kontrollverlust. Martin Sorck wird mit den anderen Reisenden aus dem Schiff an Land getrieben, rigoros kontrolliert und in einen Bus gestopft. Optisch wird der Eindruck unterstützt durch Uniformen, den Domina-Auftritt von Frau Major, Stacheldraht und grauen Himmel. Alles in Sankt Petersburg ist streng und zwanghaft: Das eingeengte Essen, der Zwang aufzuessen und auszutrinken, der Trieb durchs Museum, der Trinkzwang davor, die Panik in der (wieder) eingeengten Vorhalle danach … Jedes Getränk ist erzwungen, jede Speise ungenießbar und alles versinkt in einer zwanghaften Ordnung, die verdammt wie Chaos wirkt und dennoch alles und jede*n unter Kontrolle hat. Nur die Reiseführerin ist als Fels in der Brandung da, ist ruhig, erklärt, was man nicht versteht oder kennt, und sie erzählt zwischendurch eine traurige Geschichte. Aus meiner Sicht stellt diese Reiseführerin die Stimme der Vernunft dar. Sie versucht, die schönen Elemente dieser Welt (beispielsweise im Museum) hervorzuheben und die Reisenden sicher durch die Stadt zu bringen.

Am Ende des Städtetrips nach Sankt Petersburg ist Martin Sorck tatsächlich am Ende. Er sitzt in der Fubar und trinkt weiter.

Realisierung

Der Ausflug nach Helsinki beginnt bereits mit einem Flachmann. Es gibt kein Warten und keinen Genuss, sondern nur Pegel und Rausch. Könnte man Emotionen auf einer Zeitskala eintragen, würde Martins Stimmung zu den Römerrüstungen passen, in denen Helsinki bestürmt wird. Der Erfolg der römischen Armee fußte zu großen Teilen auf ihrer Belagerungstaktik und der Art, in der sie ihre Lager sicherten. Das weiß jede*r, die/der Caesar gelesen hat. Die Römer gruben sich ein, errichteten Bollwerke und hungerten feindliche Städte aus. Sie sicherten ihre Lager, wie Martin Sorck seine Sucht gesichert hat: unbeweglich, starr, eben sicher.

Doch Helsinki ist meines Wissens nach niemals von den Römern erreicht worden. Im Roman Sorck dient Helsinki als Realisierungspunkt, als der Moment, an den leider nicht jede*r Süchtige gelangt und über den viele nicht hinauskommen, nämlich als dringende Einsicht der eigenen Situation. In keinem Part des Romans gibt es mehr Visionen, Innensichten und Träume. Die Kirchen, in denen sich vieles davon abspielt, sollen kein Hinweis auf eine Rettung durch Gott sein, sondern wiederum symbolisch verstanden werden: Orte der Einkehr und der Ruhe. Sich hinzusetzen, Klarheit im Rausch zu finden und unvernebelt nachzudenken, ist ein seltenes Glück, das sich viele nicht zu haben trauen und das manche nicht ertragen.

Es wird nicht explizit gesagt, weil die Suchtgeschichte komprimiert ist, also eine jahrelange Entwicklung in Form einer kurzen Kreuzfahrt dargestellt wird, aber in Helsinki ist der Moment gekommen, ab dem es besser werden kann. Die Sucht ist eingesehen, man kann sie bekämpfen.

Widerstand & Nüchternheit

Auch Stockholm wehrt sich, aber erfolgreicher als Tallinn. Obwohl Martin Sorck auf Seiten der Angreifer vom Schiff ist, greift er zugunsten eines Jungen ein, der von Reisenden bedrängt wird. Dies ist trotz aller Gewalt während der Landgänge der einzige Gewaltakt des Protagonisten. Er ist sonst mehr Zeuge als aktiver Teilnehmer, doch hier mischt er mit. Was es genau mit dieser Szene auf sich hat, warum ausgerechnet dies der aktivste Part von Martin Sorck ist und warum sie gleichzeitig die brutalste Szene des Buches ist, werde ich an anderer Stelle mal erläutern. Für diesen Blogeintrag ist es nur wichtig, dass Martin eingreift, dass die Stadtbewohner sich wehren und dass die Reisegesellschaft ihre Macht verliert.

Hier ist ein Detail wichtig, das man schnell übersieht. Etwas fehlt in und ab Stockholm, oder? Richtig, Martin trinkt nicht mehr. Den ganzen Tag ist er nüchtern und wenn er abends an der Reling steht, hält er zwar einen Drink, aber er trinkt nicht davon. Stockholm ist der Widerstand gegen den Zwang, ist der Entzug, dargestellt durch die sich wehrenden Bürger*innen gegen die unterdrückende Macht der Reisegesellschaft. Dieser Abend stellt auch auf der Ebene der Beziehung zu Eva einen echten Erfolg dar und es ist außerdem der Abend, an dem Martin die Klappe aufmacht und endlich sagt, was in ihm los ist. Befreiung auf jeder Ebene.

Liest man also die Reise im Roman Sorck als Geschichte einer Sucht, so wäre Stockholm der positive Abschluss, oder? Wie man am Glas in Martins Hand sieht und an seinem Seelenzustand am nächsten Tag, ist damit keineswegs die Gefahr gebannt. Daran, wie Tallinn geendet hat, mit der totalen Zerstörung nämlich, kann man ablesen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen und wahrscheinlich niemals gesprochen sein wird, wenn es um die Sucht geht.

Suff & Kontrollverlust

Bereits mehrmals habe ich erwähnt, dass ein Grundthema des Romans Sorck und vieler anderer Werke von mir der Komplex aus Kontrolle/Kontrollverlust & Macht/Ohnmacht ist. Im Buch kommt das Thema auf etlichen Ebenen zum Vorschein. Dass die grundlegende Struktur des Romans die Geschichte einer Sucht erzählt, ist nur ein Beispiel. Martins Suff soll auf diese Lesart hinweisen, aber steht natürlich auch davon losgelöst für seinen Kontrollverlust, nicht nur über seine Trinkgewohnheiten, sondern über sein komplettes Leben. Er muss neu anfangen. Er darf neu anfangen. Am Ende versteht er das.

Zwischenspiele an Deck

In diesem Blogeintrag habe ich mich auf die Landgänge im Roman beschränkt. Allerdings sind die Parts an Bord des Kreuzfahrtschiffes natürlich ebenso wichtig. Allein auf das hier besprochene Thema bezogen, wäre bedeutsam, zu erwähnen, dass kein System abgeschlossen ist. Martin lebt nicht allein und nicht jede Verbesserung oder Verschlimmerung kommt aus ihm oder muss aus ihm kommen. Wenn man die Landgänge als innere Stationen betrachtet, also als Entwicklungsschritte, könnten die Szenen an Bord als Einflüsse von außen gelesen werden. Eduardo und Eva wären solche Einflüsse. Beide sind von zweifelhafter Natur, aber ultimativ helfen sie, und vielleicht helfen sie nur, weil Martin sie als Hilfe annimmt und interpretiert. Was ich sagen will, ist wohl, dass man sich Hilfe suchen und Hilfe annehmen sollte, wenn man alleine nicht zurechtkommt. Es liegt keine Schande im Kampf gegen die Sucht oder in der Sucht selbst. Ein Sieg ist nicht weniger wert, nur weil man ihn nicht vollkommen alleine errungen hat. Sucht ist eine Krankheit, die man überwinden oder die man wenigstens im Zaum halten kann. Mal klappt das alleine, aber besser funktioniert es mit der Hilfe anderer. Offenheit, auch so wie Martin sie an der Reling exerziert, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wehrt euch gegen den Teil in euch, der euch klein halten will, der eure Probleme einmauert wie die Römer, der euch zu Dingen zwingt, die ihr eigentlich nicht wollt, der euch Lügen erzählt und stumm halten will!

In Sorck geht es nicht nur um Kontrolle von außen, sondern auch um Selbstkontrolle und um Befreiung. Martin Sorck wird befreit und macht sich frei. Aus meiner Sicht ist das das wichtigste Element des Buches: Am Ende ist Martin trotz und wegen aller Kämpfe frei.

Warum das alles?

Die Kreuzfahrt der S.S.C.F. Aisha Harmonia, die Reise des Protagonisten Martin Sorck, ist die verkürzte, komprimierte Version seines eigentlichen Problems. Zu Beginn des Romans wird seine Entwicklung zusammengefasst: Frustrierende Arbeit, Interessenverlust, Gleichgültigkeit, Rückzug, Alkohol. Der enorme Alkoholkonsum während der Reise ist nicht zu übersehen und etliche von Martins Beinamen beziehen sich darauf. Ich habe Martin immer als scheinbar Gescheiterten betrachtet, als inzwischen Süchtigen, der sich im Frust, in der Zurückgezogenheit und dem Alkoholismus eingerichtet hatte. Das Feuer und die Reise im Anschluss brechen alle Gewohnheiten auf und er durchlebt in Kurzform, was er mit der Sucht bereits erlebt hat und noch erleben wird, eben das, was oben beschrieben steht. Martins Weg in die Abhängigkeit und möglicherweise wieder heraus.

Sorck: Buchgeburtstag

Was ist geschehen, seit der Roman “Sorck” vor einem Jahr erschienen ist?

Der 27. Mai 2019 ist das offizielle Veröffentlichungsdatum meines Debütromans Sorck: Ein Reiseroman. Zu diesem Anlass möchte ich reflektieren, was seitdem geschehen ist, was ich mit diesem Buch erlebt habe und wo es noch hingehen soll.

Die erste große Veränderung durch die Veröffentlichung war die Realisierung, dass ich es tatsächlich durchgezogen hatte, dass ich längere Schreibprojekte also bewältigen kann und dass ich endlich ein veröffentlichter Autor geworden bin. Mein Leben lang habe ich mich als Autor betrachtet, aber hatte zwischenzeitlich Schwierigkeiten damit, diese Einschätzung zu rechtfertigen. Viele kennen das: Ist man bereits Autor, ohne etwas veröffentlicht zu haben? Natürlich ist man, aber man fühlt sich nicht unbedingt so. Das erste eigene Buch in Händen zu halten, ist großartig. Endlich der konkrete Beweis, dass man ist, was man zu sein meinte! Aus diesem Erfolg erwächst Mut, weitere Projekte, auch größere, anzugehen.

Es folgten Rückmeldungen von Freund*innen, Bekannten und Fremden, die in den allermeisten Fällen sehr positiv ausgefallen sind, weit positiver, als ich es vor der Veröffentlichung vermutet hatte. 4- und 5-Sterne-Bewertungen auf Amazon, Besprechungen auf Buchblogs wie dem Buchensemble oder KeJas Wortrausch waren weiterer Wind in meinen Segeln. Der Erfolg ist mir zu Kopf gestiegen, sodass ich meine sozialen Ängste zur Seite geschoben habe, um Sorck in Geschäften und Buchläden anzubieten – wieder mit Erfolg (in den meisten Fällen). Einen Artikel dazu hatte ich auch mal geschrieben: Selfpublishing und Buchläden

Was noch? Achja, zwei weitere Veröffentlichungen folgten mit Alte Milch: Gedichte und Das Maurerdekolleté des Lebens: Drei surreale Geschichten. Der allererste Schub, den eine Veröffentlichung bringt, folgt leider nicht mehr ganz so stark bei den nächsten Büchern. Natürlich betrachte ich auch diese Werke als klare Erfolge für mich, aber der Debütroman ist nun mal der Debütroman. Da kommt nichts dran.

Im letzten Jahr ist es mir gelungen, ein kleines Netzwerk aufzubauen, Autorinnen und Autoren kennenzulernen, die mich professionell und auch persönlich unterstützen. Auf diese Weise bin ich dann auch ins Team von Nikas Erben aufgenommen worden, in deren nächster Anthologie Geschichten von mir zu lesen sein werden. Außerdem gaben mir neue Social Media-Verknüpfungen die Chance, inzwischen bereits mehrere Interviews mitgemacht haben zu dürfen (ist das grammatikalisch korrekt?). Das neueste Interview gibt es hier: Jenlovetoread: Interview mit Matthias Thurau, “ältere” sind beispielsweise auf Das Bambusblatt und BirgitConstant.de zu lesen. Aber nicht nur online erfuhren die Menschen von mir und meinen Büchern, denn inzwischen sind Zeitungsartikel sowohl zu Sorck als auch zu Alte Milch gedruckt worden (neben der Veröffentlichung online).

Der Blog selbst hat sich im letzten Jahr ebenfalls weiterentwickelt. Ich nehme mir inzwischen die Freiheit, über alles zu schreiben, was mir durch den Kopf geht. Literatur ist noch immer mein Hauptfokus, aber auch Kunst, Ästhetik, Filme/Serien und Musik sind nun vertreten. Auch haben die positiven Rückmeldungen zu den Büchern und zu den Blogartikeln mir geholfen, mich zu öffnen, weniger zu zweifeln und einfach zu machen.

Damit wären wir im Jetzt angekommen. Die Corona-Krise wirkt sich lähmend auf mich aus, aber legt mich dennoch nicht völlig lahm. Blogartikel schreibe ich noch immer und arbeite außerdem an verschiedenen anderen Projekten. Sie werden mehr Zeit benötigen, als ursprünglich gehofft, aber sie werden fertig werden. In kleinen Häppchen schreibe und überarbeite ich Kurzgeschichten und Erzählungen für einen ersten eigenen Erzählband. Die Geschichten sind in verschiedenen Genres angesiedelt und in verschiedenen Stilen verfasst. Zwar fehlt mir noch die gemeinsame Überschrift, aber am Ende wird ein abwechslungsreiches Buch stehen, das viele Denkanregungen geben wird und bei Testlesern bereits die ersten Herzen gebrochen hat. Gleichzeitig lauert mein zweiter Roman, der noch einige weitere Überarbeitungsrunden benötigt, bevor er veröffentlicht werden kann. Er wird ganz anders werden als Sorck, etwas weniger abgedreht und ein wenig ernster, aber nicht weniger gut oder einzigartig!

Der Buchgeburtstag zwingt mich neben aller Selbstbeweihräucherung auch zur Selbstkritik. Es gibt Bereiche, beispielsweise das Marketing, an denen ich definitiv arbeiten sollte. Meine Werke haben mehr Aufmerksamkeit verdient und diese Aufmerksamkeit sollte ich ihnen verschaffen. Einerseits handelt es sich um eine Frage der Zeit, da man eine Leserschaft und Follower erst aufbauen muss, andererseits gehört Planung und (so dumm es klingen mag) Durchführung dazu. Das kriege ich auch noch hin.

Bis zum 28.05.20, also morgen, gibt es übrigens noch 50% Rabatt aufs E-Book, beispielsweise bei Amazon oder Thalia.

Genug gelabert. Hoch die Tassen! Jetzt wird gefeiert!

PS: Gestern ist noch eine weitere Rezension aufgetaucht und zwar auf dem Reisswolfblog.

Sorck: Frau Major

Über die Figur “Frau Major” aus dem Roman “Sorck”.

Frau Major Alexa Enesseiova, eine Nebenfigur im Roman Sorck ist die Hauptfigur dieses Beitrags.

Steigen wir direkt ein: Warum Frau Major und nicht Frau Majorin? Tatsächlich habe ich darüber lange nachgedacht und mit Freund*innen diskutiert, was korrekt, was angemessen, was in Ordnung und was passend sei. Die Figur ist weiblich und Offizieren, also wäre Majorin passend, sollte man meinen. Bei meiner Recherche fand ich jedoch Majorin jedoch nur als Rang bei der Heilsarmee, und Enesseiova ist weit entfernt davon, eine Heilsarmee-Offizieren zu sein. Sie ist streng und hartherzig. Der Klang der Kombination Frau Major passt absolut. Daher bin ich bei dieser Form geblieben und hoffe, dass man den Grund für diese Entscheidung im Buch ebenfalls erkennen kann.

Gehen wir von ihrem Rang zu ihrem Namen: Alexa Enesseiova. Dafür muss ich etwas weiter ausholen, obwohl es eigentlich sehr simpel ist. Sorck ist dystopisch angehaucht, das Grundthema ist Kontrolle, und eine Form von Kontrolle ist Information. Beim ersten Kontakt mit dem Schiffspersonal wird Martin Sorck unmissverständlich klargemacht, dass man zu ihm ein Profil angelegt hat, das beispielsweise die von ihm besuchten Websites umfasst. Die Reisegesellschaft sowie ihre Partner haben Zugriff zu diesen Informationen. Später erfährt man, dass ebendiese Reisegesellschaft mit Russland zusammenarbeitet. Im Grundkonstrukt der Geschichte ist Russland der Höhepunkt der Fremdkontrolle beziehungsweise die Station des größten Kontrollverlusts für den Protagonisten. Daher wird auch die dystopische Informationsproblematik bei der Einreise nach Sankt Petersburg besonders deutlich. Auftritt Major Enesseiova. Alexa, dieser Vorname sollte inzwischen allen Menschen bekannt sein, weil er auch eine der verbreitetsten Abhörmaschinen und Datensammelanlagen der Welt bezeichnet. Kund*innen kaufen Geräte mit diesem System selbst und machen sich für ein bisschen Bequemlichkeit wiederum zur Ware, sie verschenken Privatsphäre. Ob man das tut, muss jede*r für sich selbst wissen, aber häufig hat man gar keine Wahl mehr. Smartphones haben und brauchen die meisten und wenn es nicht Alexa ist, ist es ein anderes Abhörprogramm, das man damit herumträgt. Hat man kein Smartphone, sind diese Programme im Betriebssystem integriert oder mit den Websites verbunden, die man besucht. Hat man auch kein Internet, wird man indirekt über die Geräte der anderen überwacht. Es klingt fast nach Verschwörungstheorie und ist doch einfach Fakt.

Nicht nur Firmen nutzen die gesammelten Informationen, sondern auch Nachrichtendienste, deren Job nunmal Informationsbeschaffung ist. Durch etliche Skandale am bekanntesten ist wohl die NSA. Enessei ist die ungefähre lautmalerische Variante von NSA – man muss natürlich die Buchstaben e und i einzeln aussprechen. Das Suffix -owa (oder -ova, was ich optisch schöner finde) deutet im Russischen schlicht auf einen Frauennamen hin.

Dass Bereiche des BDSM in mehreren Bildern im Roman auftaucht, besonders im Kontext der Kontrolle beziehungsweise der freiwilligen Aufgabe dieser, habe ich mehrfach erwähnt. Nachzulesen beispielsweise hier: Freiheit, Geborgenheit, BDSM. Die Figur der Frau Major passt ebenfalls in diesen Kontext. Inwiefern eine Figur, die Alexa heißt und ein Fetisch-Outfit trägt, das die meisten direkt mit BDSM assoziieren, einen Bezug zur freiwilligen Abgabe der Kontrolle (in Form von Informationen und Überwachung allgemein) hat, ist vermutlich offensichtlich, wenn man die Verbindung einmal hergestellt hat. Im BDSM-Zirkeln ist eine eigene Ästhetik vorherrschend, die einen klaren Zweck erfüllt: Die Rolle innerhalb der Machtspiels zu verdeutlichen. Es gibt selbstverständlich Überschneidungen mit dem Fetisch-Bereich, in dem bestimmte Materialien oder Outfits einem eigenen Zweck dienen, und man sollte sich der Trennungen bewusst sein. Die Assoziation, die die allermeisten Menschen jedoch mit dem Auftreten der Figur der Frau Major haben werden, ist die einer Domina: schwarzes Latex, Reitergerte, streng aus dem Gesicht gestrichene Haare. In Anbetracht der Verwendung von BDSM-Optik oder -Vergleichen im Roman ergab es Sinn, dass eine derart strenge und mächtige Figur wie diese ebenfalls in der passenden Optik auftreten würde und dass diese Optik auf gleiche Weise genutzt würde wie in BDSM-Zirkeln auch. Es dreht sich alles um Macht, um Kontrolle, um die Verstärkung der dazugehörigen Gefühle und Rollenbilder, um die perfekte Ausgestaltung des Spiels.

Ein winziges Detail, das in der Szene mit Enesseiova auftaucht, verdient auch noch eine Erwähnung. Bei ihrem Auftritt verhaftet sie einen der Kreuzfahrt-Passagiere namens Hermann. Dieser Hermann trägt nicht ganz zufällig die äußeren Eigenschaften Hermann Burgers, der in seinem Roman Die künstliche Mutter ebenfalls einige überdimensionale Frauenfiguren hatte, die durch ihre Macht und ihr Auftreten allerdings eher eine Aussage über Mutterkomplexe sein sollten. Die Vermischung verschiedenster, scheinbar nicht zusammengehöriger Elemente und eine Sprache, die man wohl als ungewöhnlich bezeichnen kann, hat Burger stets verwendet und mich damit inspiriert. Eine kleine Hommage schien mir also angebracht zu sein.

Grund für die Verhaftung Hermanns ist natürlich, dass die Reisegesellschaft Daten gesammelt und geteilt hatte, die der fiktiven russischen Regierung nicht gefallen.

Frau Major Alexa Enesseiova könnte also als die Personifizierung von Unterdrückung und Macht gelesen werden. Im Spiel der BDSM-Bilder und im Kontext freiwillig aufgegebener Freiheiten und freiwillig abgegebener Daten muss sie aber auch anziehend sein. „Heimlich gafften die Umstehenden sie an und erkannten ihre eigenen Wünsche nicht mehr. Sie war L‘appel du vide als Person“, heißt es im Roman. Es ist fraglos angenehm, Geräte und Programme zu haben, die jeden Lebensschritt bequemer gestalten, aber solche Dinge müssen wir bezahlen. Eine wunderbare Aussicht zahlt man mit der Nähe zum Tod durch einen Sturz in die Tiefe, und manchmal erwischen wir den aufblitzenden Gedanken, wirklich springen zu wollen: L‘appel du vide, der Drang zu springen, der Ruf der Tiefe. Eigentlich wollen wir nicht springen, aber der Sog ist da. Auch wenn man die eigenen Daten nicht weitergeben möchte, will man die damit verbundenen Services nutzen. Sie sind doch so praktisch. Für ein bisschen Bequemlichkeit haben wir uns alle selbst zur Ware gemacht, mit der andere handeln. Solche und ähnliche Gedanken sollte diese Offizierin auslösen.

Sorck: Eva

Über die Figur Eva im Roman “Sorck” und ihre mythologische Herkunft.

Für diesen Artikel werde ich weit ausholen müssen, einige Spoiler nicht umgehen können und mehrere Bilder des Buches aufschlüsseln. Daher empfehle ich dringend, nur weiterzulesen, wenn man das Buch bereits kennt.

Es soll um Eva gehen, die zentrale weibliche Figur des Romans Sorck. Ich werde weniger über ihre Auftritte im Buch schreiben als mehr über ihre Bedeutung, ihre Namensgebung und einige Details, die viele überlesen haben mögen.

Im Roman gibt es etliche mythologische und religiöse Bezüge, die man kaum übersehen kann. Dass der Name Eva aus der christlichen Tradition stammt, kann man sich denken. Eva war laut der heutigen Bibel die erste Frau, die Gott geschaffen hat (und zwar aus Adams Rippe). Meine Figur Eva ist in der Hierarchie der auftretenden Figuren die erste weibliche Figur, die wichtigste. Allerdings ist sie nicht wie die biblische Eva eine Dienerin des Mannes, sondern sehr viel mehr als das. Daher wird sie an einer Stelle beschrieben als die gezähmte Lilith, die freie Eva. In einer Version der Bibel, gegen die sich die (männlichen) Anführer der damaligen Christensekten entschieden haben, als sie die heute Bibel zusammenstellten, gab es eine Frau vor Eva – Lilith. Lilith war nicht aus Adams Rippe entstanden, sondern ihm gleichwertig geschaffen worden. Allerdings war sie zu gleichgestellt, was zu Stress führte, und dann wurde sie verbannt. Später tauchte Lilith als Dämonenfigur auf und wurde noch erheblich später hier und da als Symbol der Emanzipation verwendet. Die Umschreibung der gezähmten Lilith und der freien Eva habe ich verwendet, um meine Figur von den Charakterisierungen ihrer Namensgeberin loszulösen und gleichzeitig auch von denen ihrer Vorgängerin. Meine Figur Eva ist nicht die christliche Eva und auch nicht die (vor)christliche oder dämonische Lilith, sondern beides oder keine davon. Sie ist weder Symbol ungezügelter, kampflustiger Freiheit noch ist sie Symbol der Unterordnung und Anpassung, denn sie hat ihren Weg und ihren Frieden gefunden, indem sie sich gerade so viel anpasst, wie sie muss, gerade so viel unterwirft, wie sie möchte, und in alledem ihre Freiheit und ihre Eigenwilligkeit behält. Sie ist die freieste und zufriedenste Figur des Buches. Sie repräsentiert den Zwischenweg, den Martin Sorck nicht sehen kann – tatsächlich kann er sie beim ersten Auftritt nicht richtig sehen, da immer ein Lichtstrahl ihn blendet.

Der Roman Sorck kann als absurdistisches Werk gelesen werden. Der Protagonist hat alles verloren, inklusive einem Lebenssinn beziehungsweise dem Glauben an einen Lebenssinn. Laut der Philosophie Albert Camus’ gibt es drei Lösungen für dieses Problem: Selbstmord, Religion, Akzeptanz (und damit ein Sinnersatz). Diese drei Wege, besonders die ersten beiden, ziehen sich durch das gesamte Werk. Sorck zieht Suizid als Option in Betracht, ist umgeben von religiösen und mythologischen Bildern und besucht Kirchen. Eva ist ebenfalls in alle drei Wege verstrickt und zieht sich auf ähnliche Weise durch das Werk. Ihr allererster Auftritt auf der Party im Schiffsinneren enthält eine Beschreibung, die extrem aufmerksamen Leser*innen später wieder begegnet. Sie steht im Licht, trägt ein Kleid und richtet ihren Finger gen Himmel. Das ist die gleiche Pose, die die Heilige im Schrein in der Tallinner Kirche hat, die Martin besucht. Auf der Party bereitet Eva die Drogen vor (übrigens eine Verknüpfung zum wenigstens parasuizidalen Lösungsweg des absurdistischen Ansatzes), die Martin nimmt, und im Schrein hält die Heilige ein Weinfass – Symbol auch der Fruchtbarkeit. Unter der Heiligenfigur ist die lateinische Inschrift Terrae Mater Umidae, (gewidmet) der feuchten Mutter Erde, sowie ein Name in kyrillischer Schrift, die Martin nicht lesen kann. Der Name, der dort steht, lautet Mokosch. Mokosch ist eine Göttin im Pantheon der slawischen Mythologie, die Fruchtbarkeitsgöttin. Der Wortstamm ihres Namens ist mok = feucht und deutet auf den feuchten, fruchtbaren Ackerboden, die feuchte Mutter Erde, hin. Damit ist Mokosch inetwa die slawische Version der Aphrodite, der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin und Mutter der Harmonia, die wiederum die Namensgeberin des Kreuzfahrtschiffes im Buch ist. Evas Verknüpfung mit allen Ebenen der Geschichte ist auch daran zu sehen, dass ihre Darstellung als Mokosch im Schrein auf die beiden Vögel weist, die die Gottheiten Bieleboh und Czorneboh repräsentieren. (Den entsprechenden Eintrag zu den beiden findet ihr hier: Zwei Vögel und die Ordnung im Chaos) Mokosch wurde häufig in Verbindung mit Wassergeistern, den sogenannten Vilen, dargestellt, was eine weitere Verbindung zum Schiff und dem Element des Wassers, das alle Stationen der Geschichte verbindet, zeigt.

Diese Verknüpfung Evas und Mokoschs, besonders in einer christlichen Kirche, bindet sie klar in den mythologischen und religiösen Kontext des Werkes ein. In Betracht auf die absurdistische Grundphilosophie des Werkes hat sie also eine Verbindung zu einem der rettenden Wege und rettet ihn ja tatsächlich am Ende. Allerdings repräsentiert sie, wie oben erwähnt, einen Zwischenweg. Eva ist nicht der Weg der Religion, sie ist schließlich nicht Mokosch, sondern teilt nur Eigenschaften mit ihr, beide stehen sich nahe, sind aber nicht eins. Eva ist nämlich auch, um es mit diesem grässlichen Begriff zu beschreiben, Martins Love Interest. Man könnte also sagen, dass die Liebe Martin rettet oder dass Liebe als Religionsersatz dient, aber das wäre mir zu kitschig. Eher würde ich folgendes sagen: Wer Sinn nicht auf höherer Ebene finden kann, findet ihn vielleicht auf der Erde, in anderen Menschen. Wenigstens Trost und Glück kann man dort finden. Das repräsentiert Eva – einen Gegenpart, der alles ersetzen kann. Hierbei geht es nicht um die Rettung des Mannes durch die Liebe der Frau, sondern um die Rettung oder Bekehrung des Menschen (oder bloß Hilfe für den Menschen) durch die Liebe. Mokosch ist die Göttin der Fruchtbarkeit und der Weiblichkeit – übrigens auch des Schutzes der Schafe, was eine witzige Nebenerscheinung ist, wenn man daran denkt, dass Martin sich häufig wie ein dummer Bock anstellt. Diese Weiblichkeits- und Fruchtbarkeitssache will ich nicht verstanden haben, wie oben erwähnt, als Rettung des Mannes durch die Frau oder durch die Liebe. Dass dem nicht so ist, sieht man wohl gut daran, dass Martin sie dafür hält und sie nach der Liebesnacht einfach geht. Es ist nicht ihre Rolle, ihn zu retten, sondern ihm zu zeigen, dass es auch anders geht. Ich sehe es so, dass Eva einen Widerpart darstellt, eine andere Seite, vielleicht eine andere Seite an Martin, die er erst entdecken muss. In der Spiegelfigur des Arsonovicz kann Sorck sich selbst reflektieren, während er in Eva Neues entdecken kann, und das ist es, was er braucht: etwas Neues, einen anderen Weg. Hier könnte ich nochmals auf die Verbindung der Mokosch-Darstellung im Schrein mit den Schöpfungsgöttern Bieleboh und Czorneboh eingehen, dem hellen und dem dunklen Gott, die sozusagen aus der Mischung beider die Welt erschaffen. Martin sieht alles dunkel und Eva ist anfangs das Licht und am Ende sind beide menschlicher: Er weniger dunkel, sie weniger hell. Die Fruchtbarkeitsgöttin erschafft neues Leben oder inspiriert dazu und neues Leben bedeutet eben auch wieder neu begonnenes Leben, Felder, die nach dem Winter wieder blühen, und Menschen, die nach kalten Phasen wieder am Leben teilnehmen können. Schöpfung und Wiederbelebung sind nahe verwandt, ganz besonders in der Literatur.

Eine kleine Bemerkung am Ende:

Früher gehörte ich zu den Schülern, die glaubten, dass all die Interpretationen Unfug seien, weil kein*e Autor*in sich wirklich derartige Gedanken machen würde. Nun, ich lag offensichtlich falsch.

Sorck: Ein Witz

Über einen Scherz im Roman “Sorck”.

Allen voran bebte eine rotgesichtige Nixe, deren Abendkleid eine Eleganz ausstrahlte, als habe Dädalus persönlich es für eine Liebesnacht der Parsiphae gefertigt.

Klingt das nicht elegant? Falsch. Frischen wir mal ein wenig das allgemeine Mythologie-Wissen auf:

Parsiphae war die Gemahlin des Königs Minos von Kreta. Minos hatte es gewagt, den von Poseidon geschaffenen heiligen Stier nicht als Opfergabe zu verwenden, sondern ihn zum Zuchtbullen zu machen und seine Herde zu optimieren. Als Strafe hat Poseidon dafür gesorgt, dass Parsiphae auf den Stier steil ging, also sich verliebte. Da Dädalus (oder Daidalos) – ihr wisst schon, der Vater von Ikarus … die Sache mit den Flügeln und der Sonne – der Hoferfinder auf Kreta war, bat Parsiphae ihn, ihr ein Gestell zu basteln, damit der Stier sie besteigen konnte. Das tat er natürlich. Die Königin ließ sich vom Stier begatten, sie gebar den Minotaurus und Dädalus hatte wieder einen Auftrag: Das Labyrinth zu bauen, in dem der Minotaurus zu leben hatte.

Die Eleganz des Kleides der Dame in meiner Szene hatte also die einer Stier-Attrappe. Das fand ich mal witzig, bis ich den Witz hier eben erklärt habe. Vielleicht sollte man manches unangetastet lassen. Aber wenn wir schon dabei sind, kann ich den Artikel auch fertigstellen.

In Sorck befinden sich etliche mythologische Bezüge, die meisten davon weniger albern als dieser. Wieso habe ich das gemacht? Einerseits finde ich die Welt der Mythologie ausgesprochen interessant. Die Geschichten sind häufig aufgeladen mit Moral und tieferer Bedeutung, sie sind bunt und spannend und zeigen oft eine Suche nach Erklärungen auf, die man zur damaligen Zeit einfach nicht ohne göttlichen Beistand finden konnte. Beispielsweise gibt es die Geschichte, dass der Sohn des Sonnengottes dessen Wagen mit den Feuerrössern ausprobieren wollte, die Pferde nicht unter Kontrolle bekam, zu tief flog und damit die Bewohner des afrikanischen Kontinents für alle Zeit verkohlte und sie deswegen dunkelhäutig sind. Aus heutiger Sicht ist das natürlich Quatsch, aber es ist immerhin ein Erklärungsansatz und zeigt, dass sich die Menschen schon immer fragten, wieso die Dinge so sind, wie sie sind. Die meisten Geschichten sind jedoch moralischer Natur.

Ein anderer Grund für die mythologischen Bezüge ist auf ein philosophisches Werk zurückzuführen, für das wiederum ein mythologischer Bezug als Kern gewählt worden ist: Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus. Camus vergleicht das Leben mit der endlosen und ewigen Aufgabe des Sisyphos, der im Totenreich einen schweren Stein einen Berg hinauf zu schieben hatte. Immer, wenn er oben angelangt war, rollte der Stein auf der anderen Seite wieder hinab und die Aufgabe begann von vorn. Allerdings hat Camus die scheinbare repetitive Hölle dieses Mythos umgedeutet und keineswegs argumentiert, dass das Leben unerträglich sei, sondern lediglich vollkommen sinnlos oder, wie er es schreibt, absurd. Alles, was wir tun, endet mit dem Tod und dieses Ende spricht dem Leben jedweden höheren Sinn ab. Alles ist vergebens. Die Einsicht der Absurdität des Lebens lässt der einsichtigen Person drei Reaktionen:

  1. Der logische Selbstmord.
  2. Flucht zu einer höheren Macht, um Sinn in einer anderen Instanz zu finden.
  3. Ersatzsinn.

Wem kommt das bekannt vor? Wer schon ein bisschen mehr von mir gelesen hat, weiß, dass ich Weg Nummer 3 gewählt habe und Literatur an die Stelle eines mangelnden echteren Sinnes gesetzt habe. Martin Sorck geht im Prinzip die 3 Stationen ab und die Flucht zum Glauben ist nicht nur durch die Kirchen repräsentiert, die er besucht, sondern eben auch durch die Bezüge zu den Götter- und Halbgöttergeschichten der griechischen, slawischen und nordischen Mythologie.

Jetzt bin ich weit abgekommen von einem Witz, aber macht das nicht einen guten Gag aus? Dass mehr dahinter steckt, als man annehmen würde? Nachdem ihr etwas Witziges lesen wolltet, habt ihr am Ende Sachen gelernt. Das finde ich witzig.