Sorck: Sucht & Struktur

Blogeintrag über die Idee hinter der grundsätzlichen Struktur des Romans “Sorck: Ein Reiseroman”.

Spoilerwarnung

In diesem Blogeintrag geht es um die Grundstruktur des Romans Sorck in Verbindung mit einem seiner Themen: Sucht. Logischerweise ist es nicht möglich, die Struktur des Buches aufzuzeigen, ohne grundlegenden Inhalt zu erwähnen. Wer Sorck noch nicht gelesen hat, sollte diesen Blogeintrag vielleicht lieber auslassen, oder Spoiler akzeptieren.

Die Reise

Wie sieht die grobe Struktur des Romans Sorck aus? Man könnte auch fragen, wie Martin Sorcks Reiseroute aussieht. Grob zusammengefasst haben wir:

  1. Einleitung + Hinfahrt

  2. Tallinn

  3. Sankt Petersburg

  4. Helsinki

  5. Stockholm

  6. Rückfahrt + Ende

Hinzu kommen natürlich noch die Parts auf dem Kreuzfahrtschiff, die jeweils zwischen den Etappen spielen, mit den Reiseorten und den passenden Themen zusammenhängen, aber dennoch teilweise losgelöst sind von ihnen. Ich möchte mich daher hauptsächlich auf die Etappen, auf die 4 besuchten Städte und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit der Figurenentwicklung konzentrieren. Wichtig sind hier die Geschehnisse vor Ort, das Innenleben des Protagonisten und sein Alkoholkonsum.

Einstieg: Rausch und Euphorie

Zugegeben, ich muss jetzt bereits eine Ausnahme machen. Die große Rauschgeschichte des Martin Sorck beginnt nicht in Tallinn, sondern am Vorabend und hat ihren Höhepunkt in der Nacht (die allerdings schnell und holprig überleitet zum ersten Landgang). Vielen Leser*innen ist die große Partyszene im Bauch der S.S.C.F. Aisha Harmonia im Gedächtnis geblieben. Protagonist Martin Sorck steigt in den Kaninchenbau hinab, trinkt, schnupft und schluckt unbekannte Substanzen, um die ganze Nacht hart zu feiern. Der große Rausch, der immer am Anfang der Katastrophe steht. Keine Suchtgeschichte – und als eine verdichtete Suchtgeschichte kann man Sorck lesen – beginnt mit Katerzuständen und Suchtdruck. Am Anfang steht die Euphorie, heraufbeschworen vielleicht durch Schlimmes, als Ablenkung, scheinbare Rettung oder kurzfristiges Glück. Martin hat alles verloren, es geht ihm entsprechend, also sagt er nicht Nein. Er genießt den großen Rausch und man gönnt es ihm. In Tallinn ist er verkatert, aber dennoch hatte er eine großartige Nacht und selbst das Chaos in der Stadt scheint anfangs nicht so schlimm zu sein.

Der nächste Schritt: Der erste Zwang

Tallinn wehrt sich. Martin Sorck wird von den Ereignissen mitgerissen, die jedoch für ihn nur am Rande passieren, während er sich woanders herumtreibt – während er noch nicht darüber nachdenkt? Man könnte es so lesen, dass Martin sich von der Gruppe und den kriegerischen Geschehnissen absetzt, weil er sich Problemen nicht stellen möchte, obwohl sie unübersehbar sind. Der Kampf hat für ihn zu früh begonnen. Es ist der Moment in einer Suchtgeschichte, in der man unterbewusst weiß, dass man süchtig ist (oder sich in Gefahr befindet, es zu werden), aber es noch nicht einsieht. Hinterher fragt man sich, wie man so blind sein konnte, aber währenddessen ist man nicht blind, sondern hält sich die Augen zu. Tallinn ist aus meiner Sicht die erste Bekanntschaft mit den Nachteilen des Rausches, der Beginn der Sucht. Aber der große Kontrollverlust steht noch bevor.

Kontrollverlust in Sankt Petersburg

Das große Thema des Abschnitts rund um Sankt Petersburg ist ein Komplex aus Druck, Zwang und Kontrollverlust. Martin Sorck wird mit den anderen Reisenden aus dem Schiff an Land getrieben, rigoros kontrolliert und in einen Bus gestopft. Optisch wird der Eindruck unterstützt durch Uniformen, den Domina-Auftritt von Frau Major, Stacheldraht und grauen Himmel. Alles in Sankt Petersburg ist streng und zwanghaft: Das eingeengte Essen, der Zwang aufzuessen und auszutrinken, der Trieb durchs Museum, der Trinkzwang davor, die Panik in der (wieder) eingeengten Vorhalle danach … Jedes Getränk ist erzwungen, jede Speise ungenießbar und alles versinkt in einer zwanghaften Ordnung, die verdammt wie Chaos wirkt und dennoch alles und jede*n unter Kontrolle hat. Nur die Reiseführerin ist als Fels in der Brandung da, ist ruhig, erklärt, was man nicht versteht oder kennt, und sie erzählt zwischendurch eine traurige Geschichte. Aus meiner Sicht stellt diese Reiseführerin die Stimme der Vernunft dar. Sie versucht, die schönen Elemente dieser Welt (beispielsweise im Museum) hervorzuheben und die Reisenden sicher durch die Stadt zu bringen.

Am Ende des Städtetrips nach Sankt Petersburg ist Martin Sorck tatsächlich am Ende. Er sitzt in der Fubar und trinkt weiter.

Realisierung

Der Ausflug nach Helsinki beginnt bereits mit einem Flachmann. Es gibt kein Warten und keinen Genuss, sondern nur Pegel und Rausch. Könnte man Emotionen auf einer Zeitskala eintragen, würde Martins Stimmung zu den Römerrüstungen passen, in denen Helsinki bestürmt wird. Der Erfolg der römischen Armee fußte zu großen Teilen auf ihrer Belagerungstaktik und der Art, in der sie ihre Lager sicherten. Das weiß jede*r, die/der Caesar gelesen hat. Die Römer gruben sich ein, errichteten Bollwerke und hungerten feindliche Städte aus. Sie sicherten ihre Lager, wie Martin Sorck seine Sucht gesichert hat: unbeweglich, starr, eben sicher.

Doch Helsinki ist meines Wissens nach niemals von den Römern erreicht worden. Im Roman Sorck dient Helsinki als Realisierungspunkt, als der Moment, an den leider nicht jede*r Süchtige gelangt und über den viele nicht hinauskommen, nämlich als dringende Einsicht der eigenen Situation. In keinem Part des Romans gibt es mehr Visionen, Innensichten und Träume. Die Kirchen, in denen sich vieles davon abspielt, sollen kein Hinweis auf eine Rettung durch Gott sein, sondern wiederum symbolisch verstanden werden: Orte der Einkehr und der Ruhe. Sich hinzusetzen, Klarheit im Rausch zu finden und unvernebelt nachzudenken, ist ein seltenes Glück, das sich viele nicht zu haben trauen und das manche nicht ertragen.

Es wird nicht explizit gesagt, weil die Suchtgeschichte komprimiert ist, also eine jahrelange Entwicklung in Form einer kurzen Kreuzfahrt dargestellt wird, aber in Helsinki ist der Moment gekommen, ab dem es besser werden kann. Die Sucht ist eingesehen, man kann sie bekämpfen.

Widerstand & Nüchternheit

Auch Stockholm wehrt sich, aber erfolgreicher als Tallinn. Obwohl Martin Sorck auf Seiten der Angreifer vom Schiff ist, greift er zugunsten eines Jungen ein, der von Reisenden bedrängt wird. Dies ist trotz aller Gewalt während der Landgänge der einzige Gewaltakt des Protagonisten. Er ist sonst mehr Zeuge als aktiver Teilnehmer, doch hier mischt er mit. Was es genau mit dieser Szene auf sich hat, warum ausgerechnet dies der aktivste Part von Martin Sorck ist und warum sie gleichzeitig die brutalste Szene des Buches ist, werde ich an anderer Stelle mal erläutern. Für diesen Blogeintrag ist es nur wichtig, dass Martin eingreift, dass die Stadtbewohner sich wehren und dass die Reisegesellschaft ihre Macht verliert.

Hier ist ein Detail wichtig, das man schnell übersieht. Etwas fehlt in und ab Stockholm, oder? Richtig, Martin trinkt nicht mehr. Den ganzen Tag ist er nüchtern und wenn er abends an der Reling steht, hält er zwar einen Drink, aber er trinkt nicht davon. Stockholm ist der Widerstand gegen den Zwang, ist der Entzug, dargestellt durch die sich wehrenden Bürger*innen gegen die unterdrückende Macht der Reisegesellschaft. Dieser Abend stellt auch auf der Ebene der Beziehung zu Eva einen echten Erfolg dar und es ist außerdem der Abend, an dem Martin die Klappe aufmacht und endlich sagt, was in ihm los ist. Befreiung auf jeder Ebene.

Liest man also die Reise im Roman Sorck als Geschichte einer Sucht, so wäre Stockholm der positive Abschluss, oder? Wie man am Glas in Martins Hand sieht und an seinem Seelenzustand am nächsten Tag, ist damit keineswegs die Gefahr gebannt. Daran, wie Tallinn geendet hat, mit der totalen Zerstörung nämlich, kann man ablesen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen und wahrscheinlich niemals gesprochen sein wird, wenn es um die Sucht geht.

Suff & Kontrollverlust

Bereits mehrmals habe ich erwähnt, dass ein Grundthema des Romans Sorck und vieler anderer Werke von mir der Komplex aus Kontrolle/Kontrollverlust & Macht/Ohnmacht ist. Im Buch kommt das Thema auf etlichen Ebenen zum Vorschein. Dass die grundlegende Struktur des Romans die Geschichte einer Sucht erzählt, ist nur ein Beispiel. Martins Suff soll auf diese Lesart hinweisen, aber steht natürlich auch davon losgelöst für seinen Kontrollverlust, nicht nur über seine Trinkgewohnheiten, sondern über sein komplettes Leben. Er muss neu anfangen. Er darf neu anfangen. Am Ende versteht er das.

Zwischenspiele an Deck

In diesem Blogeintrag habe ich mich auf die Landgänge im Roman beschränkt. Allerdings sind die Parts an Bord des Kreuzfahrtschiffes natürlich ebenso wichtig. Allein auf das hier besprochene Thema bezogen, wäre bedeutsam, zu erwähnen, dass kein System abgeschlossen ist. Martin lebt nicht allein und nicht jede Verbesserung oder Verschlimmerung kommt aus ihm oder muss aus ihm kommen. Wenn man die Landgänge als innere Stationen betrachtet, also als Entwicklungsschritte, könnten die Szenen an Bord als Einflüsse von außen gelesen werden. Eduardo und Eva wären solche Einflüsse. Beide sind von zweifelhafter Natur, aber ultimativ helfen sie, und vielleicht helfen sie nur, weil Martin sie als Hilfe annimmt und interpretiert. Was ich sagen will, ist wohl, dass man sich Hilfe suchen und Hilfe annehmen sollte, wenn man alleine nicht zurechtkommt. Es liegt keine Schande im Kampf gegen die Sucht oder in der Sucht selbst. Ein Sieg ist nicht weniger wert, nur weil man ihn nicht vollkommen alleine errungen hat. Sucht ist eine Krankheit, die man überwinden oder die man wenigstens im Zaum halten kann. Mal klappt das alleine, aber besser funktioniert es mit der Hilfe anderer. Offenheit, auch so wie Martin sie an der Reling exerziert, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wehrt euch gegen den Teil in euch, der euch klein halten will, der eure Probleme einmauert wie die Römer, der euch zu Dingen zwingt, die ihr eigentlich nicht wollt, der euch Lügen erzählt und stumm halten will!

In Sorck geht es nicht nur um Kontrolle von außen, sondern auch um Selbstkontrolle und um Befreiung. Martin Sorck wird befreit und macht sich frei. Aus meiner Sicht ist das das wichtigste Element des Buches: Am Ende ist Martin trotz und wegen aller Kämpfe frei.

Warum das alles?

Die Kreuzfahrt der S.S.C.F. Aisha Harmonia, die Reise des Protagonisten Martin Sorck, ist die verkürzte, komprimierte Version seines eigentlichen Problems. Zu Beginn des Romans wird seine Entwicklung zusammengefasst: Frustrierende Arbeit, Interessenverlust, Gleichgültigkeit, Rückzug, Alkohol. Der enorme Alkoholkonsum während der Reise ist nicht zu übersehen und etliche von Martins Beinamen beziehen sich darauf. Ich habe Martin immer als scheinbar Gescheiterten betrachtet, als inzwischen Süchtigen, der sich im Frust, in der Zurückgezogenheit und dem Alkoholismus eingerichtet hatte. Das Feuer und die Reise im Anschluss brechen alle Gewohnheiten auf und er durchlebt in Kurzform, was er mit der Sucht bereits erlebt hat und noch erleben wird, eben das, was oben beschrieben steht. Martins Weg in die Abhängigkeit und möglicherweise wieder heraus.

Sorck: Eva

Über die Figur Eva im Roman “Sorck” und ihre mythologische Herkunft.

Für diesen Artikel werde ich weit ausholen müssen, einige Spoiler nicht umgehen können und mehrere Bilder des Buches aufschlüsseln. Daher empfehle ich dringend, nur weiterzulesen, wenn man das Buch bereits kennt.

Es soll um Eva gehen, die zentrale weibliche Figur des Romans Sorck. Ich werde weniger über ihre Auftritte im Buch schreiben als mehr über ihre Bedeutung, ihre Namensgebung und einige Details, die viele überlesen haben mögen.

Im Roman gibt es etliche mythologische und religiöse Bezüge, die man kaum übersehen kann. Dass der Name Eva aus der christlichen Tradition stammt, kann man sich denken. Eva war laut der heutigen Bibel die erste Frau, die Gott geschaffen hat (und zwar aus Adams Rippe). Meine Figur Eva ist in der Hierarchie der auftretenden Figuren die erste weibliche Figur, die wichtigste. Allerdings ist sie nicht wie die biblische Eva eine Dienerin des Mannes, sondern sehr viel mehr als das. Daher wird sie an einer Stelle beschrieben als die gezähmte Lilith, die freie Eva. In einer Version der Bibel, gegen die sich die (männlichen) Anführer der damaligen Christensekten entschieden haben, als sie die heute Bibel zusammenstellten, gab es eine Frau vor Eva – Lilith. Lilith war nicht aus Adams Rippe entstanden, sondern ihm gleichwertig geschaffen worden. Allerdings war sie zu gleichgestellt, was zu Stress führte, und dann wurde sie verbannt. Später tauchte Lilith als Dämonenfigur auf und wurde noch erheblich später hier und da als Symbol der Emanzipation verwendet. Die Umschreibung der gezähmten Lilith und der freien Eva habe ich verwendet, um meine Figur von den Charakterisierungen ihrer Namensgeberin loszulösen und gleichzeitig auch von denen ihrer Vorgängerin. Meine Figur Eva ist nicht die christliche Eva und auch nicht die (vor)christliche oder dämonische Lilith, sondern beides oder keine davon. Sie ist weder Symbol ungezügelter, kampflustiger Freiheit noch ist sie Symbol der Unterordnung und Anpassung, denn sie hat ihren Weg und ihren Frieden gefunden, indem sie sich gerade so viel anpasst, wie sie muss, gerade so viel unterwirft, wie sie möchte, und in alledem ihre Freiheit und ihre Eigenwilligkeit behält. Sie ist die freieste und zufriedenste Figur des Buches. Sie repräsentiert den Zwischenweg, den Martin Sorck nicht sehen kann – tatsächlich kann er sie beim ersten Auftritt nicht richtig sehen, da immer ein Lichtstrahl ihn blendet.

Der Roman Sorck kann als absurdistisches Werk gelesen werden. Der Protagonist hat alles verloren, inklusive einem Lebenssinn beziehungsweise dem Glauben an einen Lebenssinn. Laut der Philosophie Albert Camus’ gibt es drei Lösungen für dieses Problem: Selbstmord, Religion, Akzeptanz (und damit ein Sinnersatz). Diese drei Wege, besonders die ersten beiden, ziehen sich durch das gesamte Werk. Sorck zieht Suizid als Option in Betracht, ist umgeben von religiösen und mythologischen Bildern und besucht Kirchen. Eva ist ebenfalls in alle drei Wege verstrickt und zieht sich auf ähnliche Weise durch das Werk. Ihr allererster Auftritt auf der Party im Schiffsinneren enthält eine Beschreibung, die extrem aufmerksamen Leser*innen später wieder begegnet. Sie steht im Licht, trägt ein Kleid und richtet ihren Finger gen Himmel. Das ist die gleiche Pose, die die Heilige im Schrein in der Tallinner Kirche hat, die Martin besucht. Auf der Party bereitet Eva die Drogen vor (übrigens eine Verknüpfung zum wenigstens parasuizidalen Lösungsweg des absurdistischen Ansatzes), die Martin nimmt, und im Schrein hält die Heilige ein Weinfass – Symbol auch der Fruchtbarkeit. Unter der Heiligenfigur ist die lateinische Inschrift Terrae Mater Umidae, (gewidmet) der feuchten Mutter Erde, sowie ein Name in kyrillischer Schrift, die Martin nicht lesen kann. Der Name, der dort steht, lautet Mokosch. Mokosch ist eine Göttin im Pantheon der slawischen Mythologie, die Fruchtbarkeitsgöttin. Der Wortstamm ihres Namens ist mok = feucht und deutet auf den feuchten, fruchtbaren Ackerboden, die feuchte Mutter Erde, hin. Damit ist Mokosch inetwa die slawische Version der Aphrodite, der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin und Mutter der Harmonia, die wiederum die Namensgeberin des Kreuzfahrtschiffes im Buch ist. Evas Verknüpfung mit allen Ebenen der Geschichte ist auch daran zu sehen, dass ihre Darstellung als Mokosch im Schrein auf die beiden Vögel weist, die die Gottheiten Bieleboh und Czorneboh repräsentieren. (Den entsprechenden Eintrag zu den beiden findet ihr hier: Zwei Vögel und die Ordnung im Chaos) Mokosch wurde häufig in Verbindung mit Wassergeistern, den sogenannten Vilen, dargestellt, was eine weitere Verbindung zum Schiff und dem Element des Wassers, das alle Stationen der Geschichte verbindet, zeigt.

Diese Verknüpfung Evas und Mokoschs, besonders in einer christlichen Kirche, bindet sie klar in den mythologischen und religiösen Kontext des Werkes ein. In Betracht auf die absurdistische Grundphilosophie des Werkes hat sie also eine Verbindung zu einem der rettenden Wege und rettet ihn ja tatsächlich am Ende. Allerdings repräsentiert sie, wie oben erwähnt, einen Zwischenweg. Eva ist nicht der Weg der Religion, sie ist schließlich nicht Mokosch, sondern teilt nur Eigenschaften mit ihr, beide stehen sich nahe, sind aber nicht eins. Eva ist nämlich auch, um es mit diesem grässlichen Begriff zu beschreiben, Martins Love Interest. Man könnte also sagen, dass die Liebe Martin rettet oder dass Liebe als Religionsersatz dient, aber das wäre mir zu kitschig. Eher würde ich folgendes sagen: Wer Sinn nicht auf höherer Ebene finden kann, findet ihn vielleicht auf der Erde, in anderen Menschen. Wenigstens Trost und Glück kann man dort finden. Das repräsentiert Eva – einen Gegenpart, der alles ersetzen kann. Hierbei geht es nicht um die Rettung des Mannes durch die Liebe der Frau, sondern um die Rettung oder Bekehrung des Menschen (oder bloß Hilfe für den Menschen) durch die Liebe. Mokosch ist die Göttin der Fruchtbarkeit und der Weiblichkeit – übrigens auch des Schutzes der Schafe, was eine witzige Nebenerscheinung ist, wenn man daran denkt, dass Martin sich häufig wie ein dummer Bock anstellt. Diese Weiblichkeits- und Fruchtbarkeitssache will ich nicht verstanden haben, wie oben erwähnt, als Rettung des Mannes durch die Frau oder durch die Liebe. Dass dem nicht so ist, sieht man wohl gut daran, dass Martin sie dafür hält und sie nach der Liebesnacht einfach geht. Es ist nicht ihre Rolle, ihn zu retten, sondern ihm zu zeigen, dass es auch anders geht. Ich sehe es so, dass Eva einen Widerpart darstellt, eine andere Seite, vielleicht eine andere Seite an Martin, die er erst entdecken muss. In der Spiegelfigur des Arsonovicz kann Sorck sich selbst reflektieren, während er in Eva Neues entdecken kann, und das ist es, was er braucht: etwas Neues, einen anderen Weg. Hier könnte ich nochmals auf die Verbindung der Mokosch-Darstellung im Schrein mit den Schöpfungsgöttern Bieleboh und Czorneboh eingehen, dem hellen und dem dunklen Gott, die sozusagen aus der Mischung beider die Welt erschaffen. Martin sieht alles dunkel und Eva ist anfangs das Licht und am Ende sind beide menschlicher: Er weniger dunkel, sie weniger hell. Die Fruchtbarkeitsgöttin erschafft neues Leben oder inspiriert dazu und neues Leben bedeutet eben auch wieder neu begonnenes Leben, Felder, die nach dem Winter wieder blühen, und Menschen, die nach kalten Phasen wieder am Leben teilnehmen können. Schöpfung und Wiederbelebung sind nahe verwandt, ganz besonders in der Literatur.

Eine kleine Bemerkung am Ende:

Früher gehörte ich zu den Schülern, die glaubten, dass all die Interpretationen Unfug seien, weil kein*e Autor*in sich wirklich derartige Gedanken machen würde. Nun, ich lag offensichtlich falsch.

Göffel

Über das Wort “Göffel” im Gedicht “Archäologie” im Lyrikband “Alte Milch”.

Göffele albern durch mein Fleisch
Weil mein Geist nicht greifbar ist

Ich mag neue und seltsame Wörter. Deshalb mochte ich den Begriff Göffel sofort, als ich ihn zum ersten Mal gehört hatte. Ein Göffel ist eine Mischung aus einer Gabel und einem Löffel, dafür gedacht, dass man beispielsweise beim Camping weniger mitschleppen muss und doch alles Nötige parat hat.

Die oben zitierte Zeile gehört zum Gedicht Archäologie aus dem Gedichtband Alte Milch. Im Text geht es um Selbstsuche, wie man unschwer bereits in der ersten Zeile erkennen kann. Es geht darum, wie das lyrische Ich in sich selbst nach sich selbst sucht wie Archäologen in der Erde und in Felsen nach Spuren der Vergangenheit stöbern. Das Problem ist allerdings, dass es für eine ausführliche Selbstsuche meist am richtigen Werkzeug mangelt. Wie spürt man die Ursachen der eigenen Probleme und Entwicklung auf? Da man zu häufig die psychologischen und erinnerungstechnischen Spitzhacken und Pinsel nicht zur Hand hat, greift man zum falschen Equipment, das entweder nicht zureichend für die Aufgabe ist oder bei der Suche das Findbare zerstört und verklärt. Drogen beispielsweise wurden von vielen Befürwortern als Mittel der Selbsterkenntnis genutzt und gepriesen. Das kann sicherlich funktionieren, aber nicht bei allen und sicherlich nicht zwangsläufig. Durch die Drogen kann man sich auch schlicht abstumpfen und Entwicklungen und Erinnerungen begraben. Auch kann man mit Drogen neue Verknüpfungen herstellen, die die Vergangenheit in neues Licht stellen, das die Sicht verklärt. Diese neue Belichtung ist aber auch, was zur Erkenntnis führen kann. Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu dieser Suche, die ich mit Erfolgen und Misserfolgen durchgeführt und schließlich aufgegeben habe.

Durch viel Nachdenken kann man ebenfalls zum Erfolg kommen, sofern man sich nicht im Kreis dreht, sich selbst auf falsche Fährten führt oder Dinge rationalisiert, die gefühlt werden müssten, und dabei vergisst, dass die Rationalisierung bereits Teil des Problematik sein kann, deren Ursachen man aufzuspüren sucht. Man sollte also auch über das Denken nachdenken und zwar kritisch. Auch diese Methode, die wohl die beste ist, scheint also nicht ideal zu sein. Manches, das unbewusst stattgefunden hat oder stattfindet oder verdrängt wurde, ist auf diese Weise gar nicht auffindbar.

Der Göffel im Gedicht repräsentiert die unzureichenden Mittel, die die meisten zur Verfügung haben, um zur Selbsterkenntnis zu kommen. Das Wort an sich wirkt bereits albern (und als Verb erst recht) und in Verbindung mit Fels-Bildern im Rahmen des Archäologe-Themas scheint der gesamte Versuch lächerlich. Vergleicht man die Gesamtheit des eigenen Geistes mitsamt aller Erinnerungen und Entwicklungen mit einem Berg, in dem irgendwo das Geheimnis des Selbst verborgen ist, und die für die Aufgabe, den Berg abzutragen und zu durchsuchen, nur ein Göffel zur Verfügung steht, spürt man die Verzweiflung einer Sisyphos-Aufgabe. Hinzukommt, dass es absolut keine eindeutigen Hinweise darauf gibt, wo man mit der Suche ansetzen sollte. Der Geist ist nicht greifbar. Trage ich einen Berg von der Spitze her ab oder von unten? Es scheint manchmal leichter, wenn man ihn einfach sprengen könnte, oder? Doch das darf keine Option sein. Es wäre niemand mehr da, der den Schutthaufen durchsuchen könnte. Eine solche Sprengung, die einem Suizid bedeutete, wird durch das in der dritten Zeile erwähnte Küchenmesser angedeutet.

Ein Göffel ist jedoch nicht nur ein unpraktisches Mittel, um Felsen zu abzutragen, sondern auch ein praktisches Hilfsmittel, um Nahrung zu sich zu nehmen, sich also zu stärken, und vor allem bedeutet er leichtes Gepäck. Alles Unnötige muss abgelegt werden auf der großen Suche, wie die Felsen, die man in den Abgrund stößt, um die wenigen Edelsteine oder Kohleflöze der Erkenntnis – ja, ich weiß, ein komisches Bild … – freizulegen.

Bei aller Schwierigkeit darf man nicht vergessen, dass der Aufbruch zur Suche nach sich selbst und damit nach Zufriedenheit und Freiheit bereits ein Sieg ist, und dass diese Suche schon Informationen in sich trägt, denn bei weitem nicht jede*r macht sich die Mühe einer solchen Lebensaufgabe. Dazu fällt mir ein Zitat von Hermann Hesse aus Demian ein: „Nichts ist dem Menschen mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.“

Ich bin der Meinung, dass Selbsterkenntnis nicht nur zu einem besseren Leben für einen selbst führt, sondern auch zu einem besseren zusammenleben, mehr Verständnis, besserer Kommunikation, weniger Vorurteilen, Hass und Gewalt. Es ist eine Reise, die jede*r für sich gehen muss, damit alle gemeinsame Vorteile daraus ziehen können, fair und gerecht.

Alte Milch: Stadt Land Fluss

Über die Hintergründe des Gedichts “Stadt Land Fluss” im Lyrikband “Alte Milch”.

In diesem Artikel wird es um das Gedicht Stadt Land Fluss aus meinem Gedichtband Alte Milch gehen. Damit ihr nicht blättern müsst, serviere ich es euch gratis:

Hänge voller Menschentrauben
Zertreten zu erlesenstem Weinen
Im Gleichschritt im Berufsverkehr

Steine und Stahl bewalden den Himmel
Erwachsen aus kindlichem Boden
Zerkratzen die Neurodermitis der Wolken

Doch Menschen können noch schwärmen
Gemeinsam für Wunder wie Heuschrecken
In millionenfacher Einzigartigkeit

Angefangen hat alles mit dem Wort „Menschentraube“, das ich irgendwo aufgeschnappt hatte. Es ist ein schönes Wort. Mein Verstand ging sofort auf Reisen und assoziierte wild los. Was macht man aus Trauben? Wein. Wein wächst an Hängen, auf Weinbergen, die auf uns Stadtmenschen oft idyllisch und beinahe natürlich wirken. Um Wein aus Trauben herzustellen, werden beziehungsweise wurden sie in großen Bottichen zertreten. Mit dem Wort „Wein“ verband ich außerdem sofort „Weinen“. Damit war das erste Bild, die erste Strophe, entstanden. Eine Mischung aus Stadtbild und Weinproduktion. Die zweite Zeile ist also keineswegs grammatikalisch falsch, obwohl man durchaus darüber stolpern soll. In der Stadt werden Menschen hin und her geschoben, es ist beengt und manchmal beklemmend. Die Anonymität ist deprimierend und der Zwang, unnatürlich scheinende Arbeiten zu erledigen, entfernt uns ein Stück weit von unseren Ursprüngen und kann zu einem sinnentleerten Leben führen. Ungefähr solche Gedanken wollte ich mit der ersten Strophe provozieren. Übrigens wurden früher Weintrauben auch gern zum Klang von Musik zertreten, um einen gewissen Rhythmus und Gleichschritt herbeizuführen.

Schaut man sich in Großstädten um, wandert der Blick schnell nach oben. Hochhäuser wachsen wie Wälder aus dem Boden. In der ersten Zeile der zweiten Strophe ist wieder ein Vergleich zwischen Stadt und Natur – Wald versus Architektur. Die zweite Zeile stellt den kindlichen Boden dem (Er)wachsen der Gebäude gegenüber. Kindlichkeit steht gegen Erwachsensein, also Naturzustand gegen Zivilisation oder Entwicklung. Die höchsten Punkte der Stadt stoßen bereits an die Wolken, sie kratzen daran, wie ja das Wort „Wolkenkratzer“ sehr schön ausdrückt. Einerseits wollte ich auf Wolkenkratzer anspielen und andererseits mit der Neurodermitis, die häufig stressbedingt ist, auf das nervöse Leben im Schatten dieser Riesen sowie auf die angegriffene Natur, die unter der menschlichen (und besonders der technischen) Entwicklung gelitten hat. Weiter zu kratzen ist kaum ein Weg zur Heilung, sondern verschlimmert das Problem noch, wenn es auch kurzzeitig erlösend wirken mag. Ich denke an die Schönheit mancher Städte, die zu verschleiern versucht, was auf dem Weg ihrer Entstehung alles zu Bruch gegangen ist.

In der dritten Strophe bleiben wir bei Naturbildern, hier das Schwärmen der Heuschrecken. Heuschrecken sind nicht nur eine biblische Plage, sondern auch eine reale. Sie tauchen in ungeheurer Anzahl auf und fressen alles kahl. Ihre Anwesenheit ist das Ende der existierenden Pflanzenwelt. Sie erholt sich irgendwann, jedoch erst, wenn die Heuschrecken wieder verschwunden sind. Die menschlichen Heuschrecken werden allerdings nicht so schnell verschwinden und die Natur ist in vielen Bereichen längst irreparabel zerstört. Wir fressen die Erde leer und hinterlassen eine Spur der Verwüstung – manchenorts wortwörtlich. Aber es steckt noch mehr in der dritten Strophe. Schwärmen kann auch für Begeisterung stehen. Trotz der grauen Welt um sie herum träumen die Menschen noch und hoffen auf Wunder, auf Erlösung vielleicht, einen Lottogewinn, das große Los oder die eine große Liebe. Wir träumen uns weg und fressen doch weiter wie Heuschrecken. Unsere westliche Erziehung hat uns alle gelehrt, dass wir einzigartig seien. Wir alle haben persönliches Glück und Erfüllung verdient, und doch scheinen wir alle die gleichen Fehler zu begehen. Nur selten verstehen wir uns selbst als Teil von etwas Größerem, von der Menschheit oder der Natur. Uns ist der Blick für das große Ganze verloren gegangen. Das ist wohl ein Grund dafür, dass kaum jemand bereit ist, für den Umweltschutz oder die Abwendung des Klimawandels Einschränkungen auf sich zu nehmen. Ich bin einzigartig, ich habe mir das verdient. Und weil so viele so denken, ändert sich wenig. Versucht die Politik, etwas zu ändern, fühlen wir uns in unserer Freiheit und Individualität eingeschränkt. Unsere Einzigartigkeit ist zu häufig eine Tarnung unseres Egoismus’.

Strophe Drei wird mit einem die vorherigen Strophen widersprechenden Doch eingeleitet, das ein Gefühl von Hoffnung aufkommen lässt, welches sich durch die drei Zeilen zieht. Liest man jedoch genauer, wird schnell deutlich, dass es sich um eine falsche Hoffnung handelt, ein künstlich hergestelltes Gefühl, um von der Wahrheit abzulenken. Denn die Wunder, für die die Menschen schwärmen, können keine wahren sein oder wenigstens nicht ihre eigenen. Sie agieren noch immer wie ein Schwarm von Insekten, der gemeinsam in irgendeine Richtung drängt, ohne zu wissen warum. So gelesen, wären sämtliche echten Wunder in Gefahr, bedroht durch die menschliche Heuschreckenplage, die alles in ihrem Weg zerfrisst und dann weiterzieht – wie sie Moden, Künstler oder politische Trends kurz aufnimmt und dann wieder wegwirft und vergisst. Wir sollten unsere wertvolle Einzigartigkeit nutzen, uns umsehen und selbst entscheiden, was wir aus der grundsätzlichen Aussage „Hier läuft doch etwas falsch“ machen.

Ich muss zugeben, dass ich selbst mehr träumerische Naturfantasien im Kopf hatte, als ich den Text verfasste, und weniger eine konkrete Forderung nach mehr Bewusstsein für die eigenen Taten und ihre Auswirkungen auf die Umwelt. Eine Lesart der letzten Strophe, die etwas simpler ist, könnte man formulieren als: Vielleicht sind wir gar nicht so besonders und vielleicht, nur vielleicht, tut uns ein bisschen Demut hier und da ganz gut. Dieser Aussage gibt ein weiteres zivilisatorisches und städtisches Phänomen Rückendeckung: Die Werbung. Werbung ist die Fortsetzung der Propaganda mit anderen Zielen (um mal ein Zitat von Carl von Clausewitz abzuwandeln). Täglich werden wir bombardiert mit Bildern, Farben, Gerüchen und Tönen, die uns dazu bringen sollen, bestimmte Produkte oder insgesamt mehr zu kaufen, und es wirkt. Es wirkt bei jedem von uns. Die Gemüseabteilung im Supermarkt hat einen Fußboden in Holz-Optik, weil wir das mit Natur in Zusammenhang bringen, im Laden läuft Musik, die darauf abgestimmt ist, uns bessere Laune zu machen, die Wege sind so angelegt, dass wir an allen Angeboten vorbeigehen müssen, Geruchsstoffe werden verbreitet, die uns unbewusst Appetit machen, und an der Kasse liegen unumgänglich Kleinigkeiten, die wir betrachten und auf die wir Lust bekommen, während wir brav in der Schlange warten. Dass wir alle mehr oder weniger darauf hereinfallen, zeigt doch, dass wir alle irgendwie gleich sind – ein Dämpfer für unsere absolute Einzigartigkeit. Was mancher als originellen eigenen Gedanken empfindet, hat er vorher hundertfach in Werbespots vermittelt bekommen. Wir sind Produkte unserer Umwelt. Wie gesagt, ich schließe mich keinesfalls aus.

Im Gegensatz zu vielen anderen meiner Gedichte ist Stadt Land Fluss sauber strukturiert in drei Strophen a drei Zeilen, wie eine am Reißbrett entstandene Stadt. Innerhalb der Strophen aber stolpert man hier und da, das Tempo ändert sich leicht, ein Fremdwort wird verwendet und außerdem eine grammatikalische Konstruktion, die man nicht erwartet. Es brodelt in den Städten, denn die Menschen sind noch immer zu einem guten Teil Tiere, die der lockereren Ordnung der Natur folgen und nicht dem strikten Gleichschritt der Zivilisation. Darüber darf man gerne nachdenken.

Alte Milch: Definitionen

Über das Gedicht “Definitionen” aus dem Lyrikband “Alte Milch”.

Mit nur 14 Wörtern (inklusive Titel) ist Definitionen das kürzeste Gedicht in Alte Milch. Seine Kürze lässt es simpel erscheinen, durchschaubar auf einen Blick, aber so einfach ist es nicht. Ich wurde gebeten, ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben und gehe der Bitte hiermit nach.

Definitionen

manche machen mich
zu einem
von euch

diese
zum beispiel

irren
ist menschlich

Ein Wesen außerhalb der menschlichen Sphäre, ein Unmensch, ein Monster, ein Außenseiter. So betrachtet sich das lyrische Ich in diesem Text. Was steht wirklich im Gedicht? Der Inhalt an sich ist sehr simpel und kann in zwei Sätzen ausgedrückt werden:

Manche allgemein anerkannten und existierenden Definitionen des Menschseins schließen mich (→ lyrisches Ich) in die Gruppe der Menschen mit ein. Ein Beispiel für eine dieser Definitionen lautet: Irren ist menschlich.

Da mehr nicht gesagt wird, muss es sich um einen dieser nervigen Texte handeln, bei denen man selbst denken oder zwischen den Zeilen lesen muss. Nicht alle Definitionen machen das lyrische Ich zu einem Menschen. Das heißt, dass es entweder manche Definitionen explizit ausschließen oder dass Definitionen für andere Wesen als Menschen existieren, die das lyrische Ich einschließen. Da die gewählte Definition ausgerechnet irren ist menschlich lautet, wird das lyrische Ich sich kaum für etwas Besseres halten als den Rest der Menschheit. Sein Ausschluss beinhaltet also keine Arroganz, sondern ein Gefühl von Minderwertigkeit. Das lyrische Ich fühlt sich hier nur durch sein Irren, also eine Verfehlung an sich, mit den anderen verbunden.

Die Perspektive ist eine distanzierte. Eine kühle Sprache ohne Ausschmückungen, keine Reime, keine Großbuchstaben, nicht einmal ein durchgehender Rhythmus. All das unterstützt die ereignislose Kühle und Ausgeschlossenheit des lyrischen Ichs. Es spricht die Leserschaft direkt an oder die Menschheit oder einfach eine Gruppe von Menschen, aber gleichzeitig bekommt man nicht das Gefühl, dass ein Dialog möglich wäre. Hier lässt sich kein Einstieg zu einem Gespräch finden, sondern ein Monolog wie er im Kopf stattfindet oder in einem Abschiedsbrief.

Die Grund- und Eigendefinition des lyrischen Ichs ist unmenschlich und minderwertig. Was macht es noch zum Menschen? Das Irren, also weitere Fehlerhaftigkeit. Doch bedeutet dies nicht auch einen Funken Hoffnung? Wenn sich die Menschheit (unter anderem) über fehlerhafte Schlüsse definiert und das lyrische Ich genau in diesem Punkt mit ihr übereinstimmt, besteht die Möglichkeit, dass alle oder wenigstens eine der Schlüsse, die es in diese Außenseiterposition gebracht haben, fehlerhaft sind. Man könnte noch weiter gehen. Eine Außenseiterposition aufgrund des Gefühls von Minderwertigkeit ist immer Kopfsache, fiktiv, eingebildet. Menschen sind nicht minderwertig, sie fühlen sich minderwertig. Es handelt sich also um einen grundsätzlichen Irrtum, der ganze Leben definieren und kontrollieren kann. Dieser Irrtum ist nicht selbstverschuldet und fast immer von außen aufgezwungen und dennoch nicht weniger inkorrekt.

Was bedeutet es, dass Irren menschlich sei? Es bedeutet, dass wir alle Fehler machen. Es bedeutet aber auch, dass wir befähigt sind, diese Fehler und Irrungen einzusehen und damit in der Lage sind, uns zu ändern und zu bessern. Dies gilt für diejenigen, die sich für weniger wert halten, und für auch für diejenigen, die sie dazu gebracht haben. Die Menschheit existiert seit jeher nach dem Prinzip trial and error: Eine Mutation, die sich durchgesetzt hat und dann das gleiche Prinzip auf Gesellschaften, Erfindungen und alle weitere Bereiche ausgedehnt hat. Im Kleinen führen wir es weiter, wenn wir Beziehungen durchtesten, hier und dort Dinge ausprobieren, unausgegorene Entscheidungen treffen oder uns anderweitig dumm verhalten. Trial and error. Jemandem das Selbstwertgefühl zu zerstören fällt eindeutig in den Bereich „error“, ganz egal was vorher versucht wurde. Sollte es sogar das Ziel gewesen sein, ist auch das Ziel ein Fehler. Seht es ein und fühlt es nach – es wird euch menschlicher machen.