Erschütterungen. Dann Stille.: Schlammläufer

Über die Erzählung “Schlammläufer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Grusel, Angst

Im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille. gibt es 2 Texte, die in die Kategorie Grusel/Horror gehören. Neben Der Mitatmer ist das Schlammläufer. In diesem Blogartikel soll es nun um die Ideen hinter Schlammläufer gehen und um die Herkunft des Titels. Ohne Spoiler ist das nicht zu machen. Seid also gewarnt und lest zuerst die Geschichte, bevor ihr hier weiterlest!

Die, die im Dreck spielen

Üblicherweise habe ich wenig übrig für Sportveranstaltungen, an denen ich mitmachen könnte (und auch für die meisten anderen). Zwar trainiere ich gern, wie es auch schon im Blogeintrag zur Geschichte Masse erwähnt habe, aber Gruppensport und Veranstaltungen sind nicht meins. Veranstaltungen wie der Tough Mudder allerdings, der wohl nicht mehr stattfindet, reizen mich schon länger. Es handelt sich dabei um Hindernisläufe, die an Boot Camps erinnern und bei denen man garantiert nicht sauber bleibt. Man hangelt über Matsch, kriecht durch Röhren, klettert Wände hoch und läuft zwischendurch auch. Eine umfassende Fitness ist also Voraussetzung für die Teilnahme.

Dass die Gruselgeschichte Schlammläufer oder die einleitende Handlung auf solchen Sportveranstaltungen basiert, ist kaum zu übersehen. Auch der Titel ist natürlich angelehnt. Witzigerweise dachte ich bis vor 10 Minuten, dass der Tough Mudder eigentlich Mud Runner hieße. Es handelte sich also zuerst um eine Übersetzung eines falschen Namens. Klingt aber auch gut.

Die Sache mit dem Geschlecht

In Schlammläufer wollte ich nicht schon wieder einen Protagonisten handeln und Angst haben lassen, sondern eine toughe Frau verbauen. Dazu gleich mehr. Aber man könnte sich fragen, warum die Story dann nicht Schlammläuferin heißt. Ich hatte darüber nachgedacht. Allerdings hat sich der Titel niemals auf die Protagonistin/Ich-Erzählerin bezogen, sondern zuallererst auf die Veranstaltung. Möchte man den Titel aber auf Figuren beziehen, hat man nun die Auswahl zwischen Max, dem Badehosen-Dude, und dem Hirschmann. Hat man da wirklich eine Wahl? Gibt es am Ende noch einen Unterschied zwischen beiden? Wer begrüßt die Ich-Erzählerin am Ende wieder auf unserer Seite?

Die andere Sache mit dem Geschlecht

Es ist eigentlich längst überholt, muskulöse Machos auf Monster zu hetzen, um unschuldig hilflose Fräuleins zu retten. Daher ist es wohl kaum eine Revolution, dass ich eine Heldin gewählt habe, die auf einen weniger starken Mann trifft. Als „starke Frau“ wollte ich jedoch keine Figur schreiben, die sich lediglich verhält, als sei sie ein Standard-Männerheld, der nur zufällig hier zur Frau gemacht wurde. Das scheint noch immer ein gängiges Konzept zu sein. Stattdessen wollte ich eine passendere Perspektive aufbauen. Ob mir das gelungen ist, müssten Leserinnen mir sagen. Ein Aspekt, der mir wichtig war, ist ihre Vorsicht Max gegenüber. Die oben beschriebene Standard-Heldin wäre permanent tough, als ob ihr nichts zustoßen könnte. Meine Ich-Erzählerin allerdings ist sich, wie vermutlich alle realen toughen Frauen, der Gefahr durch Max bewusst. Er mag halbwegs harmlos wirken, aber er ist groß, fit, halb-nackt und mit ihr allein (an einem seltsamen Ort). Mehr als genug Gründe, um vorsichtig zu sein.

Ihre Toughness zeigt sich im Ruhigbleiben, dem klaren Denken (z.B. dass sie alles Mögliche als potenzielle Waffe durchdenkt) und dem Durchsetzen ihrer Pläne und Maßnahmen Max gegenüber. Dass sie beispielsweise darauf besteht, dass er vorgeht, damit sie weiterhin so sicher wie eben in der Situation möglich sein kann.

Tempus

Im Präsens schreibe ich eigentlich selten (und ungern). Hier schien es mir aber passend. Es wirkt aktiver und unsicherer. Auch wenn in Prosatexten die Verwendung des Präteritums keine Anzeige dafür ist, dass die Handlung in der Vergangenheit spielt oder bereits abgeschlossen ist, kann die Vergangenheitsform dennoch genau das suggerieren: Die Sache ist bereits gelaufen (und der/die Erzähler*in hat überlebt). Das Präsens ist zwar auch nicht mehr besonders selten, wirkt aber dennoch näher dran und gibt der Story etwas mehr Tempo und eben Unsicherheit.

Übrigens kann man die scheinbare Sicherheit der Verwendung des Präteritums auch nützen, um die Leser*innen zu überraschen, indem man die erzählende Figur beispielsweise sterben lässt. Wäre die Erzählinstanz tatsächlich in einer sicheren Situation, die zeitlich nach der Handlung angesiedelt ist, könnte sie kaum im Präteritum sterben. Aber sie kann.

Der Hirschmann

Aufmerksamen Leser*innen könnte bei der Erwähnung des Hirschmanns der Gedanke an Sorck und den Wolfsmann gekommen sein. Das ist nachvollziehbar und nicht ganz falsch. Allerdings stammt der Wolfsmann als Idee aus einer Traumreise, die ich irgendwann mal mitmachen durfte, und der Hirschmann ist angelehnt an einen (erfundenen) Drogentrip, der in meinem allerersten (niemals veröffentlichten) Manuskript Der König der Maulwürfe vorkommt. In diesem Manuskript wiederum ist der Mensch-Hirsch-Hybrid ein friedliches Zeichen, in Schlammläufer ist er das auf keinen Fall. Er ist eine reine Horrorfigur: An mehreren Orten gleichzeitig, in verschiedenen Größen und unangreifbar.

Der Horror in uns

Ich bin davon überzeugt, dass die besten Horrorfiguren jene sind, die man auch als innere Dämonen interpretieren kann oder die tatsächlich in uns sind/sein sollen (z.B. Freddy Krueger in den Träumen). Daher sind meine Horrorfiguren auch meist ähnlich zu lesen. Man kann sie als Manifestationen von Traumata interpretieren oder als in die Realität eingreifende Albtraumwesen oder als Erinnerungen, die zurückkommen, obwohl sie ungewollt sind.

Den Hirschmann lese ich gern als Verkörperung der Angst von Max, und die Ich-Erzählerin erhält einen Einblick, den sie nicht hätte haben dürfen. Sie rutscht quasi in Max’ Kopf. ABER: Diese Interpretation ist erst nach Fertigstellung und Überarbeitung der Geschichte entstanden. Lest Schlammläufer also auf eure Weise und erzählt mir vielleicht davon!

Erschütterungen. Dann Stille.: Eindrücke eines Sterbenden

Über die Erzählung “Eindrücke eines Sterbenden” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Sex, Genitalien, Liebe, Traurigkeit

Liebe ist kompliziert. Insbesondere gilt das, wenn sämtliche Gefühlswelten von Schmerz kontaminiert sind. Im Folgenden geht es um die Kurzgeschichte Eindrücke eines Sterbenden aus Erschütterungen. Dann Stille.. Spoiler werden nicht zu vermeiden sein.

Kalte Genitalien

Sexszenen kommen in meinen Geschichten selten vor. Noch seltener werden explizite Details benannt. In Eindrücke eines Sterbenden ist das anders. Gleichzeitig ist diese Kurzgeschichte fernab von Erotik, genau so wie sie nicht unter das Genre Romance fällt, nur weil es um Liebe geht.

Vielmehr ist die explizite Beschreibung sexueller Handlungen in diesem Fall ein bewusster Kontrast zur scheinbaren emotionalen Kälte oder der Unmöglichkeit des Ich-Erzählers mit seinen Gefühlen umzugehen. Hermann Burger hat einmal gesagt, dass nicht nur große Entfernung Dinge schlecht sichtbar mache, sondern auch große Nähe. Zoomt man zu nah heran, erkennt man auch die bekanntesten Gegenstände nicht mehr. Man könnte behaupten, dass die explizite Sexualität große Nähe mit sich bringt, weil man Intimität damit verbindet. Doch wirkt die Sexualität in Eindrücke eines Sterbenden kalt und lieblos. Die Liebe ist trotz großer Nähe (anfangs) nicht zu erkennen.

Sehnsucht und Unerträglichkeit

Tatsächlich kommt die Liebe, die emotionale Nähe, erst auf, als der Ich-Erzähler die körperliche Entfernung vergrößert. Beide vermissen einander. Sie freuen sich, voneinander zu hören. Sind sie beisammen, ertragen sie sich kaum.

Nicht nur aus der Liebe kennen vermutlich viele das Gefühl. Man sehnt sich nach Menschen, aber erträgt sie kaum. Man wünscht sich Partys, aber möchte nicht hin, wenn sie stattfinden, oder man geht hin, aber möchte schnell wieder nach Hause. Um diese Widersprüchlichkeit geht es mir in Eindrücke eines Sterbenden.

Keine versteckten Details

Eine Besonderheit von Eindrücke eines Sterbenden ist aus meiner Sicht die Nähe zum echten Leben. Der Fokus liegt auf Gefühlen. Üblicherweise verbaue ich viele Details und Hinweise, arbeite mit mehreren Ebenen und nutze manchmal eine Geschichte nur als Rahmen, um eine Botschaft unterbringen oder ein Spiel spielen zu können. Das ist hier nicht der Fall.

Das befreit meine Leser*innen natürlich nicht von ihren Gedanken zum Text und es bedeutet auch nicht, dass die Geschichte weniger Tiefe besitzt. Die Tiefe ist bloß woanders verortet, würde ich behaupten. Statt in geistigen Gewässern zu fischen, muss man in emotionalen stochern. Und diese sind selten weniger tief.

Mögliche Inspiration

Vor ungefähr 19 Jahren habe ich ein Comic online entdeckt. Es war in Grautönen gehalten. Leider habe ich den Titel und den Namen der/des Urheber*in vergessen. Aber damals war ich fasziniert davon. In meiner Unerfahrenheit hielt ich die Darstellung von Liebe im Comic für die einzig wahre.

Das Paar streitet sich und sie verletzt ihn sogar körperlich. Doch beide lieben einander. Am Ende springt sie vom Balkon und er springt hinterher. All or nothing – that’s love. Zum Glück haben sich nicht all meine Beziehungen an diesem Muster orientiert, wenn auch manche verdammt nah dran waren.

Eine ähnlich chaotische und zerstörerische Beziehung führen die beiden in Eindrücke eines Sterbenden. Vielleicht stecken noch ganz alte Spuren des Comics in der Geschichte, vielleicht sind es eher Spuren der Beziehungen, die dem Comic ähnlich waren, und vielleicht war ich einfach traurig und mein Hirn erfand diesen Weg, um das Gefühl loszuwerden. Letzten Endes ist die Suche nach dem tiefsten Grund der Entstehung einer Geschichte müßig. In der Ursuppe unserer Gehirne brodelt zu vieles durcheinander, als dass man eindeutige Ursachen ausmachen könnte. Und doch ist es faszinierend, gelegentlich hineinzugreifen und zu schauen, was man herausfischen kann.

Erschütterungen. Dann Stille.: Die Wand

Über die Kurzgeschichte “Die Wand” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Grusel/Horror/Spuk, Angst, Trauma, Drogen

Manchmal glaubt man, man wüsste, wohin die Reise geht, und dann führt sie doch woanders hin. Man meint der Antwort sehr nah zu sein, aber zwischen dir und ihr liegt eine Wand. Im Folgenden wird es Spoiler geben zur Erzählung Die Wand aus Erschütterungen. Dann Stille.. Wer sie noch nicht gelesen hat, sollte diesen Text auf später verschieben.

1. Creepy 2. Sad

Handelt es sich bei Die Wand schon um Horror, Grusel oder Ähnliches? Der Gruselfaktor folgt meiner Meinung nach erst aus der Auflösung, die unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen kann. Spoiler! Die Person, die in der Wand eingemauert ist und jeden einzelnen Moment mitbekommt, obwohl sie längst verstorben ist. Ich schreibe, was mir Angst macht, und eine solche Vorstellung empfinde ich als ungemein unangenehm. Einerseits, weil ich nicht möchte, dass man mir immer zuhört, und andererseits, weil ich keine Gespenster oder Leichen in der Wand haben möchte.

Zunächst liest sich Die Wand allerdings anders, und zwar als wäre die Erzählinstanz ein*e vereinsamte*r Nachbar*in. Man bekommt vielleicht Mitleid. Es wird creepy, wenn die Person sich an die Wand lehnt, um den Nachbarskindern näher zu sein. Natürlich hat man nach der Auflösung nicht weniger Mitleid und es ist nicht weniger unangenehm, aber aus einem potenziellen Täter ist ein Opfer geworden.

Orte mit Erinnerung

In der Poetik-Vorlesung Kommt, Geister spricht Daniel Kehlmann davon, dass alte Orte deshalb gruselig auf uns wirken (können), weil sie die Erinnerungen und Erlebnisse aller Personen beinhalten, die zuvor darin verweilt oder dauerhaft gelebt haben, vielleicht sogar dort gestorben sind. Es seien nicht die Orte, die uns Angst machten, sondern die vermeintliche Gegenwart vergangener Menschen und ihrer Erinnerungen. Geister. An einen Ort gebundene Seelen.

Die Erzählinstanz in Die Wand ist ein solcher Geist. Sie ist nicht boshaft, sondern furchtbar einsam und traurig. Wäre Boshaftigkeit nicht einfacher zu ertragen?

Die Sache mit der Wand

Ein Bekannter erzählte mir einmal, dass er eine Weile zu kiffen aufgehört hatte, weil er sich selbst dabei erwischte, wie er mit dem Vorschlaghammer vor der Schlafzimmerwand stand, weil er Stimmen aus der Wand gehört hatte. Er stand zu dem Zeitpunkt nicht unter Drogen. Nüchtern ist mir so etwas noch nie passiert.

Hier hätten wir einen der negativen Aspekte von (psychedelischen) Drogen, wie ich sie ganz kurz im Blogeintrag über Der Tod in Porto II: Abschied angesprochen habe.

Ob diese Geschichte etwas mit der Entstehung von Die Wand zu tun hat, weiß ich beim besten Willen nicht mehr zu sagen. Aber ich forsche hier. Ich habe keine definitiven Antworten.

Was soll das denn?

Aus meiner Sicht geht es in Die Wand um die Folgen von Traumata. Eine Person hat Schreckliches erlebt und ist unfähig mit irgendjemandem darüber zu reden. Sie bleibt durch die Tat abgekapselt vom Rest der Welt, als gehörte sie nicht mehr dazu.

Geschichten sollten niemals frei von Bedeutung existieren. Dank der Leser*innen tun sie das auch üblicherweise nicht. Aber ich würde auch keine Erzählung veröffentlichen wollen, die nicht irgendeinen tieferen Kern besitzt. Mag er nun entdeckt werden oder nicht. Die Wand ist nicht besonders tiefgründig, aber sie verbildlicht einen schrecklichen Zustand und wenn eine Person, der es zuvor nicht bewusst gewesen ist, diesen Zustand nachfühlen kann, hatte ich Erfolg.

Erschütterungen. Dann Stille.: Quarantäne

Über die Kurzgeschichte “Quarantäne” im Erzählband “Erschütterungen. Dann Stille.” von Autor Matthias Thurau.

Content Notes: Krankheit, Psychose, Angst

Die Welt ist eine Peststadt. Okay, das ist etwas hart. Während ich das hier schreibe und vermutlich noch lange Zeit, nachdem es veröffentlicht sein wird, existiert das Covid19-Virus. Daher wird jede*r davon ausgehen, dass die Geschichte Quarantäne in Erschütterungen. Dann Stille. etwas mit Corona zu tun hat, allein weil der Text 2020 veröffentlicht worden ist. Dem ist aber nicht so. Im Folgenden werde ich auf die Entstehung eingehen. Ohne Spoiler wird das nicht möglich sein. Ihr wurdet gewarnt.

Entstehungszeit

Für die Interpretation mancher Texte sollte man wissen, wann sie veröffentlicht und wann sie verfasst worden sind. Stichwort: Historischer Kontext. Beispielsweise würde man die Wortwahl einiger älterer Werke heutzutage mindestens diskutieren, wenn man sie nicht strikt ablehnen würde. Eine literarische Verherrlichung des Krieges oder der Nation wäre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland unangebracht gewesen. Günter Grass und andere stellten sogar die viel diskutierte Frage, ob man nach Auschwitz überhaupt noch (Gedichte) schreiben dürfe.

Es gibt historische Einschnitte, die im Nachhinein den Blick auf Ideen verändern. Schaut man sich nach 9/11 den Film Rambo III an, so wird man stutzen, sollte man ihn noch nicht gekannt haben. Rambo, der amerikanische Soldatenheld (und leider ohne den kritischen Blick des 1. Teils), kämpft gemeinsam mit den Mudschahedin gegen die Sowjets. Wenn der Feind auch langsam wieder in Mode kommen mag, wirken die Verbündeten, die ebenfalls als Helden porträtiert werden und aus deren Reihen al-Qaida erwachsen ist, doch reichlich seltsam.

Große Ereignisse mit globaler Implikation verändern unseren Blick auf die Welt, auch nachträglich. Die Corona-Pandemie ist eindeutig ein solches Ereignis. Dass meine Geschichte mit der Pandemie im Hinterkopf gelesen werden wird, ist mir bewusst.

Bessere Zeiten

Die Erzählung Quarantäne ist vor der Pandemie entstanden, genauer am 28. Dezember 2019. Am 31. Dezember 2019 wurde der erste Fall (noch ohne den heute gängigen Namen) offiziell bestätigt. Ihr erinnert euch? Das war die Zeit, in der das Virus noch weit weg war. Danach folgte die Zeit, in der es sich ausbreitete (Frankreich, Italien usw.). Auch danach hieß es noch überall, dass es wie eine Grippe sei. Heute wissen wir es besser, und wer es nicht besser weiß, will es nur nicht besser wissen.

Hätte ich geahnt, was nur wenige Monate später passieren würde, hätte ich die Idee des Verrückten, der sich vor einer eingebildeten Seuche versteckt, wieder verworfen. Aber ich bin schlecht im Wegwerfen und gehe davon aus, dass man der Geschichte anmerkt, dass sie nicht als Kommentar zu Corona verstanden werden will.

Einbildung

Der Ich-Erzähler in Quarantäne ist geisteskrank. Das ist unschwer zu erkennen an den Stimmen, die er hört, und den vermeintlichen Zeichen, die er sieht. Als Laie würde ich eine paranoide Schizophrenie diagnostizieren. Aber (und das will ich betonen): Ich habe wenig Ahnung davon. Mir geht es um andere Dinge.

Wo die einen „Wacht auf!“ rufen, während sie im indoktrinierten Verschwörungsschlummer dösen, und die anderen kopfschüttelnd auf die Ignoranten blicken, fallen Wahn-Diagnosen gerne mal als Vorwurf oder Beleidigung. Das ist einfach falsch. Auch werfen sich alle Seiten gegenseitig Indoktrination vor, wo es doch wenigstens auf einer Seite schlichte Sozialisation ist. Das kratzt schon mehr an meinem Thema. Was die einen Fakt nennen, ist für andere Unfug, und – und das macht wohl so wütend – auch umgekehrt. Es geht hier um …

Perspektiven.

Wie sehen andere die Welt? Das frage ich mich manchmal. Wie kann man sich in der eigenen Freiheit eingeschränkt fühlen, nur weil man ein Stück Stoff tragen soll, das das eigene Leben und das anderer schützen soll? Solche Dinge frage ich mich.

Quarantäne sollte als Geschichte eine besondere Perspektive auf die Welt zeigen, die die meisten von uns niemals einnehmen werden. Dachte ich. Seit Entstehung der Erzählung haben viele eine noch aggressivere und fremdgefährdendere Sicht auf die Welt angenommen als der Protagonist. Ich wünschte, ich könnte so viel Ignoranz irgendwie verständlicher machen. Aber das übersteigt meine Fähigkeiten.

Der Ich-Erzähler glaubt nicht mehr an Fakten, sondern an Verschwörungen, nicht mehr Ärzt*innen, sondern ominösen Zeichen. Als Konsequenz zieht er sich zurück. Wie angenehm für alle anderen, oder? Das muss doch die Reaktion heutzutage sein. Er rennt nicht zu einer Grundschule, um unter den Masken von Schulkindern CO2-Werte zu messen. Er isoliert sich und tut sich damit etwas an, obwohl er nicht müsste. Das ist die Macht von Ideen, ob sie nun in einem kranken Gehirn entstehen oder in das von Indoktrinierten gesetzt werden. (Kurzer Zwischengedanke: Sind Gruppenillusionen grundsätzlich aggressiverer Natur als Einzelillusionen?)

Angst

Angst ist der treibende Faktor der Geschichte. Der Ich-Erzähler mag Stimmen hören und Zeichen sehen, aber was dahintersteckt, ist immer Angst. Er fürchtet sich vor Ansteckungen. Und selbst das mag nur eine vorgeschobene Angst sein, hinter der sich noch mehr versteckt. Denn hinter den meisten Ängsten steckt noch etwas anderes. Während der Pandemie fürchtet man sich absolut zu recht vor Ansteckung, aber der Protagonist meiner Geschichte fürchtet sich vielleicht mehr vor Menschen als vor Keimen, mehr vor Intimität und Berührung als vor Krankheit, mehr vor eigener Schwäche als vor fremden Viren. Vielleicht hält er sich selbst und sein Leben unter Kontrolle durch die Angst, um sich nicht den eigenen Dämonen stellen zu müssen.

Dass man sich nach der Lektüre von Quarantäne nicht nur über Perspektiven Gedanken macht, die man nicht kennt oder nicht versteht, aber die dennoch respektiert werden sollten, sondern auch darüber, wie Angst die eigene Perspektive auf die Welt verändern, verzerren kann. Daraus könnte vielleicht die Erkenntnis entwickelt werden, dass wir vorsichtiger sein sollten mit dem Verteilen von Urteilen und der Erschaffung von Ängsten. Ist der folgende Sprung zu weit? Drohungen und Angst mögen die Erziehung kurzfristig einfacher machen, aber sind niemals ein guter Start ins Leben.

Der Diskussion wegen

Warum zum faulen Apfel veröffentliche ich eine Geschichte, die man wahrscheinlich anders liest als sie ursprünglich gemeint war? Das schreit ja geradezu nach Missverständnissen. Eben deswegen. Denkansätze, Denkanregungen, Assoziationen. Das ist mein Ding. Quarantäne ist als Denkansatz konzipiert und als Perspektivwechsel. Tut mir einen Gefallen und nutzt beides! Denken und Perspektivwechsel helfen gegen Ignoranz.

Hinweis: Erschütterungen-Rezension

Für mich überraschend wurde heute eine Rezension des Erzählbands Erschütterungen. Dann Stille. veröffentlicht, die mich wirklich sehr freut. Nicht nur wegen der Überraschung selbst, sondern auch wegen der positiven Resonanz. Lesen könnt Ihr die Rezension hier:

[Anthologie] Erschütterungen. Dann Stille. von Matthias Thurau

Erschütterungen. Dann Stille.: Masse

Über die Kurzgeschichte “Masse” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Toxische Maskulinität. Das könnte eine mögliche Überschrift für einen Blogeintrag über die Erzählung Masse in Erschütterungen. Dann Stille. sein. Manche lernen ihr Leben lang, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist ein Problem. Es wird (ein paar wenige) Spoiler geben in diesem Artikel. Bitte lest zuerst die Geschichte und dann hier weiter.

Content Notes: Toxische Maskulinität, Training, psychische Probleme, Suizid

Fitnesssprache

Schaut man sich online Fitnessvideos an, kann man sich das Schmunzeln oft nicht mehr verkneifen. Aufgepumpte Typen, die laut „Masse“ brüllen, während sie die letzten Wiederholungen vollführen. Andere, die erzählen, dass sie in der Massephase 17 Eier als Abendessen hatten. „Schweiß ist Schwäche, die den Körper verlässt“, „ich werde schon wieder flach“, „Flachheit ist der Feind“ und viele andere Ausdrucksmonstren fliegen durch die Gegend.

Neben diesen meist der Motivation dienenden Ausdrücken, gibt es natürlich Fachbegriffe. Das Wort „Spotter“ kommt in der Kurzgeschichte Masse vor. Ein „Spotter“ passt auf, dass derjenige, der gerade auf der Bank liegt und Gewichte stemmt, nicht von der Langhantel erschlagen wird. Er steht hinter ihm und fängt notfalls das Gewicht auf. Dass das „Gym“ für „Gymnasium“, also den englischen Begriff für Fitnessstudio, steht, werden die meisten wissen.

Erfahrung und Erfindung

Es gibt Dinge, mit denen ich meine Zeit fülle, die nichts mit Literatur zu tun haben. Diese Erlebniswelten sind zum Teil ebensolche, die man selten in der Literatur (oder Literatur, die ich rezipiere) finden kann. Fitness ist eine solche Sache. Ich gehe stark davon aus, dass es zwar ein Klischee ist, aber dennoch wahr, dass Autor*innen grundsätzlich eher geistigen Tätigkeiten zu- und körperlichen Tätigkeiten abgeneigt sind.

Lustigerweise war ein Hauptbeweggrund für mich, nach einer etwa 15jährigen Unterbrechung wieder Sport zu treiben, die Auswirkung der verbesserten Fitness auf meine geistige Leistung. Oder anders: wer fit ist, kann länger konzentriert lesen und arbeiten. Darum ging es mir. Inzwischen sind ganz andere Aspekte in den Vordergrund gerückt. Einer davon ist der Spaß am Vorantreiben und Überschreiten der eigenen Grenzen. Es ist ein umwerfendes Gefühl, bis zum Zusammenbruch zu trainieren, und das nächste Mal noch mehr leisten zu können. Das führt allerdings bald zu der Erkenntnis, dass es irgendwann entweder nicht mehr weitergeht oder man nichts mehr tut neben dem Training. Ich selbst habe das gelernt, als ich eine Weile 6 Tage pro Woche 2-3 Stunden trainiert habe und gelegentlich vormittags und abends noch ein kurzes halbstündiges Zusatzworkout drauf gepackt hatte. Das ging so lange gut, bis es eben nicht mehr ging. Dann wurde ich krank. Das ist steigerbar, aber es kostet.

Ablenkung

Wer kennt es nicht? Es geht dir schlecht und anstatt dich mit dem Gefühl auseinander zu setzen, lenkst du dich ab. Das kann mit Alkohol, Drogen, Filmen, Sex und allem anderen gehen. Training ist hervorragend dafür geeignet. Glaubt mir.

Mehr muss man dazu kaum sagen. Und doch: Es ist möglich, allein durch Sport high zu werden. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass ich mehrmals während des Trainings mit einem Lachflash zusammengebrochen bin. Die Ablenkung funktioniert, der Kopf leert sich, Körper und Hirn haben Besseres zu tun, als sich um Traumata oder Traurigkeiten zu kümmern. Tatsächlich funktioniert das als Hilfe bei Suchtdruck oder einem Hang zur Selbstverletzung ebenfalls. Sport ist grundsätzlich etwas Gutes. Das sollte man hier nicht vergessen.

Der Sprung in der Mitte

Der Ton von Masse bricht im Laufe der Geschichte. Die anfängliche Stimme, jene mit der der Ich-Erzähler bisher immer gesprochen hat, reicht nicht mehr aus für das, was er wirklich (schon immer) sagen will. Der Bro-Ton des Anfangs genügt nicht. Dieser Ton spielt alles runter und mit ihm spielt der Erzähler auch seine Probleme noch runter, witzelt darüber. Es genügt nicht, immer stark zu tun. Das reicht nicht. Wir müssen schwach sein dürfen. Das ist wohl der Kern der Geschichte. Erlauben wir uns, schwach zu sein.

Gerade in der Fitness-Szene ist wenig Platz für Schwäche, obwohl gerade dort meiner Erfahrung nach der Schauplatz für verschiedenste psychische Probleme ist. Alle möglichen Schwierigkeiten werden wegtrainiert. Toxische Maskulinität ist nicht nur, wie falsch Männer mit Frauen umgehen, sondern auch wie sie mit sich und einander umgehen. Es gibt unausgesprochene Regeln und Verbote. Schwäche darf kaum sein. Das ist doch ekelhaft. Man ist kein „Lauch“ oder „Lappen“ oder „Schwächling“, nur weil man sich und anderen Gefühle und Probleme eingesteht.

Perverserweise ist es die gleiche Kultur, die Suizid als Feigheit abstempelt, die die Wege dorthin zu Einbahnstraßen macht. Man darf nicht nach Hilfe fragen, sondern muss alles schlucken „wie ein Mann“ und alleine damit zurechtkommen. Mich kotzt das an. Deshalb gibt es diese Geschichte.

Erschütterungen. Dann Stille.: Der König

Über die Kurzgeschichte “Der König” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Mit 244 Wörtern ist Der König eine der kürzesten Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille.. Aber dennoch gibt es einiges darüber zu erzählen. An dieser Stelle wieder die Warnung vor Spoilern für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben.

Fantasy, aber nicht wirklich

Man kann sich darüber streiten, ob Phantastik und Fantasy das Gleiche sind oder welcher Begriff welchen mit einschließt. Fakt ist, dass ich Fantasy nicht lese, aber in Filmen mag. Phantastik wiederum (im Sinne von Surrealismus, Magischem Realismus usw.) lese ich sehr gern.

Warum lese ich Fantasy nicht? Nun, ich lese sehr langsam und habe unzählige Bücher auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Würde ich jetzt noch ein Genre wie Fantasy hinzufügen, das bekannt dafür ist, dass viele Geschichten in Reihen erscheinen und viele Bücher recht dick sind (>500 Seiten), verlöre ich alle Hoffnung, irgendwann einmal durchzukommen. Natürlich: Will man je „durchkommen“?

In der Twitter-Buchbubble gibt es allerdings viele Fantasy-Autor*innen und ich bekomme einiges mit. Das ist sicherlich ein Grund, warum ich Der König geschrieben habe.

Inspirationsquellen

Mich erinnert Der König ein wenig an die Filme Pans Labyrinth und Hellboy II. Ob ich das bereits beim Schreiben gedacht habe, weiß ich nicht mehr. Vermutlich nicht. Aber die Idee der unterirdischen Königreiche oder der in die Menschenwelt verstoßenen Herrscher kommt auch dort vor. Vermutlich noch in etlichen anderen Filmen.

Bewusster inspiriert wurde ich von einem anderen Film: Dolomite Is My Name. Zuerst wirkt das abwegig, oder? Was mich beim Schauen des Films gestört hat, war das Verhalten der Hauptfigur den Obdachlosen gegenüber, von denen er die Idee für seine Shows hatte. Er unterhält sich mit ihnen, notiert deren Sprüche und Witze, kreiert eine Bühnenfigur, die auf ihnen basiert, und wird mit der Nummer berühmt. An keiner Stelle werden die Obdachlosen, deren Ideen er zum Teil einfach geklaut hat, mehr erwähnt. Das hatte mich geärgert und deshalb ist es in meine Geschichte eingeflossen.

Diskussionsgrundlage

Es gibt mehrere mögliche Interpretationen für Der König. Alle führen zu moralischen Diskussionen, ob nun über Plagiate, die schlechte (oder teils nicht vorhandene) Bezahlung für geistige Arbeit oder die Own-Voice-Debatte. Die Geschichte ist darauf ausgelegt, Gedanken und Diskussionen zu inspirieren. Sie gibt keine eindeutige Lösung oder Interpretation vor. Ich selbst würde dem Schlusssatz des Ich-Erzählers nicht zustimmen, aber das kann man anders sehen. Nur weil der König als Figur im Kopf oder real all jene Abenteuer erlebt hat und das grundsätzlich eine spannende Sache ist, wird damit die Ausschlachtung der Geschichte nicht gerechtfertigt. Oder?

Macht

Wie in vielen meiner Geschichten spielt Der König mit dem Begriff der Macht. Die Figur des obdachlosen Königs hatte einmal Macht (oder glaubt, welche gehabt zu haben) und hat sie verloren. Aufgrund seines Zustands hat der Ich-Erzähler Macht über ihn und nutzt diese aus. Das ist aus meiner Sicht übrigens der Grund, warum das Vorgehen des Ich-Erzählers den Leser*innen unmoralisch erscheint. Wäre der König noch König und der Ich-Erzähler hätte sein Reich entdeckt und dann darüber berichtet, sähe die Sache ganz anders aus. Einen König zu bestehlen, scheint weniger verwerflich zu sein.

Fazit

  1. Solltet ihr Macht haben, nutzt sie nicht gegenüber Machtlosen aus!
  2. Es ist befriedigender und moralisch weniger verwerflich, sich selbst Geschichten auszudenken.

Erschütterungen. Dann Stille.: Angerichtet

Über die Geschichte “Angerichtet” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Es ist angerichtet. Ich habe etwas angerichtet. Gerichte kann man essen oder man kann sich von ihnen verurteilen lassen.

In diesem Blogeintrag geht es um die kurze Erzählung Angerichtet im Buch Erschütterungen. Dann Stille., um Liebe und Kunst und die Symbolik von Zahlen. Wie immer ist das alles nicht ohne Spoiler machbar. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann diesen Blogeintrag.

Getrieben sein – oder – Manche Klischees sind keine, manche sehr wohl

Die grundsätzliche Idee für Angerichtet habe ich aus der Kunstgeschichte, und es ist mir peinlich, dass ich nicht mehr weiß, um welchen Künstler oder welche Epoche es sich handelte. Jedenfalls habe ich einmal von einem Maler gelesen, der sein Leben lang einer verheirateten Frau nachgejagt ist. Währenddessen hat er seine Sehnsucht und sein Leid genutzt als Antrieb für die Kunst. Viele Jahre, Briefe und Treffen später verließ die Dame seines Herzens ihren Gatten und bandelte mit dem Künstler an. Es brachen glückliche Zeiten an. Alles war gut. Das Problem war nur, dass der Künstler seinen Antrieb verloren hatte. Ohne Leid konnte er anscheinend nicht malen. Also verließ er die Frau.

Okay, hier ist das Problem (oder gleich mehrere):

  1. Dick move.
  2. Für viele Jahre hätte und habe ich derartigen Krempel gefeiert als Aufopferung für die Kunst.
  3. Aber er opfert nicht nur sein Glück, sondern auch ihres. Mal ganz davon abgesehen, dass wir uns, glaube ich, in dieser Geschichte in einer Zeit bewegen, in der die Frau tatsächlich mit Nichts mehr dagestanden hatte ohne Ehemann.
  4. Ist es das wirklich wert? Hat er es wirklich versucht? Hätte er es länger versuchen sollen? Das Klischee des ohne Leid nicht schaffen könnenden Künstlers hatte ich lange Jahre verinnerlicht. Es gehört noch immer zum Rollenbild der Kunstschaffenden. Das muss doch nicht sein. Zum Glück durfte ich inzwischen lernen, dass auch Kunst (in meinem Fall Literatur) Glück bringen und dass man auch ohne Krise schaffen kann.

Fazit: Er hat sich falsch entschieden. Ich hoffe, es war für die Dame in Frage die bessere Situation. Wer sich so entscheidet, wird nicht unbedingt gutes Partnerschaftsmaterial sein. Kommen wir zu trockeneren Themen.

Die Power der Uhr

Ist euch bewusst, welchen Einfluss die Zeitmessung auf das Leben der Menschen gehabt hat? Ist euch außerdem bewusst, dass es die Industrialisierung war, die die präzise Messung der Zeit massiv vorangetrieben hat, um Prozesse zu verbessern und Profite zu erhöhen? Wusstet ihr, dass es eine Zeit gegeben hat, relativ am Anfang der industriellen Revolution, in der Züge durch England gefahren sind und gelegentlich früher angekommen sind, als sie losgefahren sind? Es hat keine einheitliche Zeitangabe gegeben. Die Messung war die gleiche, aber die Uhren gingen buchstäblich überall anders, und gemessen hat die Kirchturmuhr. Alle Uhren im Ort zeigten die Zeit der Kirchturmuhr. Es hat keine Atom- und Funkuhren gegeben. Das waren noch Zeiten. Hat das alles etwas mit Angerichtet zu tun? Kaum.

Die Uhr als Symbol

Als ich einmal im Deutschunterricht wie selbstverständlich gesagt habe, die Jahreszeiten in einem Gedicht stünden für die Lebensabschnitte des Lyrischen Ichs, wurde ich mit großen Augen angeguckt. Nun, wird es euch wundern, dass man auch Uhrzeiten ähnlich nutzen kann?

Die Erzählung Angerichtet ist aufgeteilt in 4 Teilstücke, die jeweils mit der Angabe einer Uhrzeit beginnen. Morgens, nachmittags, abends, nachts. Am Morgen beginnt die Liebesgeschichte, am Mittag herrscht Ruhe, die Beziehung ist glücklich. Am Abend endet die Beziehung und in der Nacht blickt die Ich-Erzählinstanz auf den Tag zurück und rechnet ab, schaut sich an, was sie angerichtet hat.

Orientiert habe ich mich bei all dem nicht nur an der uralten Symbolik der Jahreszeiten, sondern auch an der Doomsday Clock: Die Doomsday Clock oder Weltuntergangsuhr oder Atomkriegsuhr oder Uhr des Jünsten Gerichts zeigt seit 1947 an, wie nahe wir einem Atomkrieg sind. Sie startete um „11.53 Uhr“ und Anfang 2020 wurde sie auf 100 Sekunden vor Mitternacht gestellt. 100 symbolische Sekunden vor dem Untergang der Welt durch eine atomare Apokalypse. Bekannt könnte die Doomsday Clock vielen aus den Watchmen Comics sein.

Ob nun Jahreszeitensymbolik, die am Ende des Jahres den Tod verortet, oder eine Uhr, die um Mitternacht das Ende der Welt fixiert hat, das Bild ist ähnlich und gut verständlich. Natürlich startet der Tag in Angerichtet auch im Bett, tatsächlich vormittags, was wenigstens am Anfang der Geschichte die Verwendung des Symbols natürlich erscheinen lässt.

Die verdammten Pythagoräer

Spätestens seit dem Blogeintrag Zahlen und Wunder, der von versteckten Zahlenbedeutungen in Sorck handelt, habe ich öffentlich kundgegeben, dass ich die bedeutungslose Nutzung von Zahlen in meinen Geschichten nicht leiden kann. Man könnte behaupten (und das werde ich auch tun), dass ich die Bedeutung der verwendeten Zahlen bereits ausreichend begründet habe. Trotzdem hatte ich versucht, jedem Detail, nicht nur der ungefähren Zeit, sondern der exakten, Bedeutung zuzuweisen. Dabei suchte ich mit schlechtem Erfolg bei den Pythagoräern nach Rat.

Die meisten kennen Pythagoras nur vom Satz des Pythagoras her und bringen ihn damit direkt mit der euklidischen Geometrie in Verbindung. Das ist nicht falsch. Pythagoras war allerdings nicht nur Mathematiker, sondern scharte auch Leute um sich in einer Art Sekte. Die Pythagoräer glaubten eine Menge wirres Zeug und vieles davon basierte auf Zahlenmystik – passend, oder?

Jedenfalls sind hier einige Dinge, die die Pythagoräer mit Zahlen in Verbindung brachten: Gerade Zahlen (besonders die 2) gelten als weiblich, ungerade als männlich. Daher war die 5 (2+3) das Symbol der Heirat. Die 1 war die Zahl der Gottheit, die der Welt zugrunde lag, und die 2, die erste Zahl darüber, stand auch für Kampf oder Diskussion oder Meinung. Viel Spaß dabei, die Uhrzeiten in Angerichtet auf diese paar pythagoräischen Bedeutungszuweisungen zu untersuchen! Es wird trotz aller Mühe nicht sauber klappen.

Und die Liebe? Die Liebe!

Angerichtet gehört zu den Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille., die mir irgendwie rein erscheinen. Sie hat kein tiefes Problem, ist nicht überdreht oder großartig komplex. Es geht hauptsächlich um Gefühle, um die Entwicklung einer Beziehung und um eine Entscheidung, die wiederum in einem Gefühl mündet: Reue.

Was hinter der Entscheidung steht, was man sich als Leser*in selbst hinzuzudenken hat und Details haben natürlich eine gewisse Komplexität, aber man kann auch einfach lesen, schmunzeln und dann traurig werden. Es geht um Liebe, lasst das zu!

Erschütterungen. Dann Stille.: Trümmer

Über die Kurzgeschichte “Trümmer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Trauma, Suizid

Die begründete Ahnung, dass sich hinter der Lebensfassade anderer Menschen Höllen auftun könnten, fühlt sich grässlich an. Und doch bleibt den meisten von uns nur eine Ahnung, denn Wahrheiten tendieren dazu, sich desto seltener zu offenbaren, je schlimmer sie sind. Mehr als eine solche Ahnung einer furchtbaren Hintergrundgeschichte bleibt den Leser*innen der Geschichte Trümmer in Erschütterungen. Dann Stille. nicht als Erklärung.

In diesem Blogeintrag geht es um die Dinge, die man sieht, und solche, die verborgen bleiben. Spoiler sind unvermeidbar. Lest die Geschichte zuerst und dann diesen Text!

Was man sieht

Ein namenloser Protagonist zerstört die Welt, die er kennt. Moment, das ist schon interpretiert. Was man sieht? Ein namenloser Protagonist steht inmitten einer Explosion, die das Haus, in dem er aufgewachsen ist, zerreißt. Er selbst wird mindestens schwer verletzt, sein Tod wird am Ende angedeutet. Deutlich sind Freude und Friede im Angesicht des Untergangs zu sehen. Warum das alles? Wieso zur Hölle freut er sich so?

Was man hört

Die Explosion des Hauses ist keinesfalls der erste Anschlag des Protagonisten auf das Haus. Im Laufe seines Lebens verübte er mehrere, zunehmend ernsthaftere und erfolgversprechendere Angriffe. Zuerst sind es Feuchtigkeit und Schimmel, die jedoch das Gebäude nicht ruinieren können. Dann werden Türen und Fenster geöffnet, in der kindlichen Hoffnung, das Bild der Räuber, die ein ganzes Haus klauen, würde wahr. Vergebens. Am Ende des Rückblicks folgt die einzige Erklärung für die Zerstörungswut, welche über eine Geisteskrankheit hinausgeht: der Vater. Feuer, um Tränen zu trocknen. Denn das Haus sei des Vaters Leben gewesen.

Was man ahnt

Wie viel Wut und Ohnmacht muss man spüren, um ein Haus und sich selbst zu sprengen? Heutzutage ist viel zu häufig bewiesen worden, dass es für eine solche Wut nicht unbedingt Traumata bedarf, sondern dass Indoktrination und Gehirnwäsche ausreichen. [Man könnte Verbindungen herstellen zwischen Suizid, begleitetem Suizid (beispielsweise School Shootings) oder Suicide by Cop (was den Selbstmord durch tödliche Gewalt von Polizist*innen bezeichnet, provoziert durch einen Angriff) und Selbstmordattentaten herstellen, wobei jeweils die „Bühne“ größer wird und die Verschiebung der Probleme auf entferntere Bereiche (vom tatsächlichen Problem zum Glaubenskrieg).]

Rache ist zuallererst eine mentale Reaktion auf Machtlosigkeit in Form einer Fantasie. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem ich es gelesen habe – Imre Kertész vielleicht? In jedem Fall ein KZ-Überlebender –, aber es hieß, dass die Ausführung der Rachefantasie im Moment, da sie machbar wird, keinen Sinn mehr ergibt, da sich die Ursache der Fantasie (die Machtlosigkeit) aufgelöst hat. Das scheint mir eine edle Idee zu sein, aber die unbeschreibliche Wut, die manche Erlebnisse (und Lebensphasen) mit sich bringen, wird nicht ausgelöscht durch den Fakt, dass die Phasen vorüber sind. Wut kann bleiben. Das führt meist zu desaströsen Konsequenzen, kann aber auch gut sein und die Zukunft retten.

Derartige wütend machende Phasen, um es mal kalt und euphemistisch zugleich auszudrücken, scheint es im Leben des Protagonisten gegeben zu haben. Ob er noch immer in einer solchen Phasen steckt oder ob sie durchstanden ist, kann man nicht wissen. Aber in beiden Fällen erscheinen mir Wut und Rache angebracht, wenn auch nicht in der dargestellten Form. Es gibt immer einen besseren Weg als jenen, der in die Literatur Einzug erhält, weil der literarische Weg zumeist überzogen und wirkungsstark designt ist. Er soll unterhalten und/oder symbolisch wirken. Die Taten meines Protagonisten stehen für seine Gefühle und damit wiederum für die Gefühle so vieler ruinierter Leben. Sie sind nicht dargestellt, damit sie nachgemacht werden oder um ähnliche Taten zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil. Sie sollen auf jene Taten hinweisen, die zu den dargestellten Taten geführt haben, und sie bestenfalls verhindern. Hört auf, Menschen zu Tätern zu machen, die ohne eure Einwirkung keine geworden wären!

Was am Ende übrig bleibt

Trümmer. Schutt und Asche. Ruinen, wo man hinblickt. Ich weiß, dass mein Blick auf die Welt zu häufig zu düster ist, aber ich weiß auch, dass Menschen mir mehr vertrauen als anderen. Ich habe Menschen zugehört, die mir die Hölle erzählten oder andeuteten. So viele gebrochene Menschen. Wer ohne zuzuhören durch die Welt geht, Signale übersieht und ganz besonders Freundinnen, Schwestern, Bekannten, Frauen nicht zuhört, kann nicht erkennen, was überall passiert. Mag sein, wer so durchs Leben geht, ist zufriedener (und ziemlich sicher ein Mann). Aber sch**ß auf deinen Komfort und schau hin!

Falsches Setting, oder?

Oh man. Auf Twitter habe ich es in der Entstehungsphase dieser Blogreihe mehrmals angedeutet, aber ich schreibe mich tatsächlich in Rage. Sicherlich wurde ich beim Verfassen von Trümmer inspiriert von den wirklich vielen Erzählungen mir bekannter Frauen über (zumeist) sexuelle Gewalt und der von mir bekannten Männern über Mobbing und nicht auslebbare Gewaltfantasien aufgrund kaum erträglicher Wut. Jedoch kann ich nicht ehrlich behaupten, dass diese Erfahrungen direkt in die Erzählung eingeflossen sind. Nicht immer habe ich ein komplettes Konzept. Das häusliche, familiäre Setting der Geschichte passt eigentlich nicht zu den Erfahrungen, von denen mir berichtet worden ist. Doch ich kam im Laufe der Gedanken über Trümmer auf diese Themen und so kann es den Leser*innen auch gehen.

Am Ende ist meine eigene Wut vermutlich entscheidender für die Geschichte als jede mir berichtete. Ändert das irgendetwas an Angst, Frustration und Widerlichkeiten, die andere regelmäßig durchleben? Ich denke nicht. Also ist auch dieser Text so in Ordnung.

Erschütterungen. Dann Stille.: Unbesiegbar

Über die Erzählung “Unbesiegbar” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Unbesiegbar ist eine der wenigen Erzählungen in Erschütterungen. Dann Stille., die sprachlich komplexer und (absichtlich!) streckenweise ein wenig anstrengend sind, wie ich es im Blogartikel über den Erschütterungen. Dann Stille. angekündigt hatte. Die Entscheidung für diesen Stil hat selbstredend Gründe und neben anderen Details sowie der Grundidee soll es um diese jetzt gehen. Wie immer warne ich an dieser Stelle vor unvermeidbaren Spoilern. Lest also zuerst die Geschichte und dann diesen Blogeintrag.

Content Notes: BDSM, Gewalt

Gesunder versus ungesunder Sadomasochismus

[Letzte Warnung vor Spoilern: Es geht jetzt um das Ende der Geschichte!]

BDSM ist hier schon mehrmals Thema gewesen. Im Blogartikel Freiheit, Geborgenheit, BDSM habe ich den meiner Meinung nach wichtigen Unterschied zwischen gesundem und ungesundem Umgang mit BDSM, krankhafte Züge wie Selbstbestrafung oder Selbstverletzung durch andere, erwähnt. Leo, der Protagonist von Unbesiegbar, ist Masochist und zwar einer der ungesunden Sorte. Das zeigt das Ende der Geschichte eindeutig. Auch wenn er in gewissem Sinne gewinnt, sollte er sich, realistisch betrachtet, Hilfe suchen. Wäre er lediglich kinky und ließe sich gern den Hintern versohlen, gäbe es da nichts einzuwenden. Soviel vorweg. Vergessen sollte man aber auch nicht, dass es auch und gerade beim BDSM nicht ohne Konsens geht und gehen darf. Der Angriff auf Leo ist nicht als sexueller Akt gedacht und eben ein Überfall, also gibt es an dieser Stelle keine Zustimmung. Leo wiederum hatte den Angriff erhofft und geradezu geplant. Er macht ihn zu einem sexuellen Akt, wozu wiederum die Angreifer keinerlei Zustimmung gegeben haben. Großes Durcheinander und keiner hier ist unschuldig. Zum Thema Konsens und BDSM empfehle ich den Gastbeitrag von June T. Michael: BDSM als Utopie.

Namensgebung

Im Blogartikel über Namen habe ich beschrieben, wie ich üblicherweise vorgehe, wenn ich Namen für Figuren suche, und zwar entweder schlicht Bezeichnungen oder im Falle von komplexeren Ideen dahinter. Leo ist definitiv ein Name mit Gewicht und Idee. Leo ist bekanntlich die Kurzform von Leopold. Leopold, wie in Leopold (Ritter) von Sacher-Masoch. Von Sacher-Masoch ist derjenige, nach dem der Masochismus benannt worden ist. Wir haben also bereits im Namen einen (zugegebenermaßen kaum entschlüsselbaren) Vorgriff auf das Ende der Geschichte. Um die Namensgebungsgeschichte des Sadomasochismus kurz zu vervollständigen: Der Begriff Sadismus stammt vom Marquis de Sade. Bondage wiederum stammt von Fürst Jürgen von Bondage-Kinkyboi, was offensichtlich ein Scherz ist.

Leo, der Maso

Leo, der Protagonist von Unbesiegbar, ist Doktorand im Fach Geschichte. Einerseits habe ich diese Info eingebaut, um ein Bild von Bildungsstand und Alter der Figur zu geben. Andererseits hat sein Namensgeber Sacher-Masoch selbst Geschichte studiert, in diesem Fach auch habilitiert und unterrichtete an der Universität. Das bekannteste Werk des Schriftstellers Sacher-Masoch ist Venus im Pelz. Die Eckkneipe nun, in der der Großteil meiner Geschichte spielt, wird Zum Athen(er) Bären genannt. Athen ist als Wink in Richtung griechischer Mythologie (→ Venus) gedacht und der Bär deutet sowohl auf den Pelz im Titel als auch auf die umgangssprachliche Bezeichnung der weiblichen Geschlechtsregion bzw. der dortigen Behaarung hin. Im Grunde handelt es sich also um eine verprollte Verhohnepiepelung des Originaltitels des Romans von Sacher-Masoch. Die scheinbar unnötig lange Herleitung des Kneipennamens in der Geschichte darf man auf die verdrehte Entstehung des Namens eine Ebene höher beziehen oder es einfach lassen. Die Cowgirl-Anmache („[…] auf mir in den Sonnenuntergang reiten“), das Bild des Reitens, habe ich gewählt, da der Originalmasoch(ist) noch dem Ritterstand – wenigstens dem Namen nach – angehörte. „Ritter“ bedeutete ursprünglich schließlich nichts weiter als „Reiter“. Außerdem behaupte ich einfach mal, dass Cowboys als Figuren in der Literatur die vorher populären Ritter ersetzt haben, gerade auch, weil sie viele Parallelen aufweisen. Außerdem mochte ich die Erwiderung sehr, weswegen sie einen Grund benötigte.

Alte Notizen

Unbesiegbar habe ich bereits 2018 geschrieben und im Rahmen der längst aufgegebenen Aktion der Sprachnachrichten aus dem Kellerloch, in der ich Gedichte und Kurzprosa vorgelesen und vertont habe, wurde die Geschichte zum Thema eines Blogeintrags. Der Originalblogeintrag sowie das Vorlesevideo sind längst nicht mehr online. Aber ich habe den Text verwendet, um für diesen Artikel zu recherchieren. Einige Details hatte ich längst vergessen. Beispielsweise kam die Inspiration für die Geschichte ursprünglich offenbar von einem Fall von „misheard lyrics“. Ich hatte They better pray that they’ll never find you verstanden (was ich mir dummerweise ohne Songtitel oder den korrekten Text notiert hatte). Mir gefiel die Idee einer Jagd, die für die Jäger nur schlecht ausgehen konnte. Erst ging ich ins Radikale und wollte eine Art Suicide by Cop schreiben, aber es wäre schwierig nachzuvollziehen gewesen für Leser*innen, dass der Tod des Protagonisten und der Gewaltsieg der Angreifer eigentlich ein Sieg des Toten gewesen sein sollte. Schnell kam ich zur Verbesserung der Idee auf Menschen, die eine Falle stellen, nur um herauszufinden, dass sie selbst mit ihrer Falle jemand anderem in die Falle gegangen sind, und schwächte die Todesidee auf einen kleinen Tod (le petit morte – Orgasmus) ab.

Sprache

Der ungewöhnliche Sprachstil des Textes sollte die Geschichte auflockern und einen (nicht näher definierten) alten Eindruck erwecken, da Sacher-Masochs (1836-1895) Schaffensperiode ja auch schon eine Weile her ist. Hinzu kam, dass Ausbrüche aus diesem Stil sehr viel deutlicher hervortreten. Außerdem empfand ich die Verbindung aus einem alten, förmlichen Stil und sexueller Devianz in Form von Masochismus einfach witzig, weil paradox. Anders als im Falle von Eine Ziege, Vater steht der Humor bei Unbesiegbar im Vordergrund bei der Wahl des Sprachstils und nähert sich damit in gewisser Weise dem Roman Sorck an.