Erschütterungen. Dann Stille.: Gen Pop

Über die Erzählung “Gen Pop” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Kaputter macht Kaputten kaputter. Willkommen in unserer Gesellschaft. Gen Pop ist ein kurzer Text über Selbst- und Fremdwahrnehmung oder eine Geschichte über menschliche Abgründe. Erschütterungen. Dann Stille. hat mehrmals solche Geschichten zu bieten. Im Folgenden wird gespoilert werden. Lest am besten zuerst den Text und dann diesen Blogeintrag.

Content Notes: Gefangenschaft, Vergewaltigung(sandrohung)

Alleine sind wir stark

Mike ist die Vorstufe des Ich-Erzählers. Er ist einer von uns. Mike ist arrogant, wenn wir dem Erzähler glauben dürfen, hält sich für besonders und alle anderen für weniger wert. Mike ist, was ich einmal gewesen bin. In meinem Teenager-Kopf hießen sie nicht „Gen Pop“, sondern „Statisten“. Alle waren Statisten in einem Film, der sich nur um mich drehte. Das ist nur einen Hauch entfernt von waschechtem Solipsismus.

Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es nicht nur mir schlecht gehen kann, sondern auch anderen. Schmerz adelt, aber nicht für sich, sondern durch seine Auswirkungen, durch das verstärkte Mitgefühl, durch mehr Empathie und dadurch, dass wir daraus lernen. Schmerz adelt, wenn er uns nicht zu Monstern macht, sondern zu besseren Menschen. Besser, als wir vorher waren. Der Ich-Erzähler ist nicht geadelt, sondern pervertiert. Er sieht nicht sich selbst in Not in Mike, sondern eine Herausforderung seiner eigenen Sonderstellung. Vielleicht meint er sogar zu helfen, indem er Mike endgültig ruiniert.

Die Wahrheit stinkt

Jede Nische meines Verstandes war mein eigen, ich hatte keine Geheimnisse mehr vor mir. Ihr könnt euch den Gestank nicht vorstellen […]

Diesen klitzekleinen Part mag ich besonders. Der zweite Satz bezieht sich im Gesamtkontext auf den Kellerraum, in dem der Ich-Erzähler 14 Tage lang ohne Möglichkeit ordentlicher Körperhygiene verbracht hat. Zoomt man allerdings heran, wie ich es oben getan habe, schneidet nur diesen Part aus, bezieht sich der Gestank auf die Innenwelt des Sprechers. Er hat jede Ecke seiner Persönlichkeit mit offenen Augen gesehen, selbst die dreckigsten Stellen. Das könnte befreien, zerstört aber hauptsächlich.

Ein Gegenteil von Gen Pop

Es gibt mehrere mögliche Gefängnisexistenzen außerhalb der Normalbevölkerung. Eine Variante, eben die, um die es geht, ist Einzelhaft. Eine Strafe, die die wenigsten vertragen können. Der Mensch ist ein derart soziales Wesen, dass er lieber unter Mördern und Vergewaltigern leben möchte, als komplett allein zu sein. Schlimmer: als ohne Ablenkung mit sich selbst allein zu sein. 14 Tage Einzelhaft brechen wohl die meisten.

Man bedenke als nächstes, dass es amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse gibt, in denen sämtliche Gefangenen 23 Stunden pro Tag allein in ihren Zellen verbringen, damit es nicht zu Zwischenfällen unter den Insassen kommt. Meiner Meinung nach ist das grausam. Allerdings findet das in einem Land statt, in dem der Gefängnisbetrieb immer mehr privatisiert wird, Firmen an Gefangenen (und deren Billigarbeit) verdienen und Gewalt jedweder Form in Gefängnissen an der Tagesordnung ist.

Ist euch mal aufgefallen, dass es inzwischen ein gängiges Motiv in amerikanischen Krimi-Serien ist, dass die Polizist*innen Verdächtigen nicht mit dem Gefängnis an sich, sondern mit Vergewaltigungen dort, drohen? Abartig.

US-amerikanische Kulturhegemonie

Warum kenne ich überhaupt Begriffe wie „Gen Pop“ und weiß besser über das Gefängniswesen der USA Bescheid als über das deutsche? Die Antwort liegt in den Sümpfen der Kulturhegemonie versteckt. Wir werden von Kindheit an mit amerikanischen Werten und Werken bombardiert: Musik, Filme, Serien, Spielzeug. Obwohl die Chinesen sich mehr und mehr in Hollywood einkaufen und japanische Animes einen Teil der Kindererziehung übernommen haben, gehört der Großteil des Einflusses noch immer den USA. Viele unserer Ideen stammen von dort. Wir sind niemals unbeeinflusst.

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken recht weit entfernt liegen vom Kern der Geschichte, und dennoch lohnt es sich, gelegentlich darüber nachzudenken, wo die eigenen Ideen, Vokabeln und Vorstellungen herkommen und wieso sie in unseren Köpfen stecken. Globale Entwicklungen sind nicht immer global im Sinne einer von überall her stammenden Entwicklung, sondern zu häufig im Sinne einer Entwicklung, die von einem Ort (bewusst) ausgeht und sich dann weltweit verbreitet.

Erschütterungen. Dann Stille.: Eine Ziege, Vater

Über “Eine Ziege, Vater” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Okay, das Ding ist weird. Ein klassischer Thurau mit Twist. Natürlich könnte man das über die meisten Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille. sagen. In Eine Ziege, Vater ist allerdings alles noch einmal anders. Es folgen Spoiler (inklusive Pointe), also lest bitte zuerst die Geschichte und dann den Rest dieses Blogeintrags.

Der besoffene Tourist

Sollte irgendwann mal jemand ernsthaft über meine Werke nachdenken, wird sich herausstellen, was ich selbst gerade festgestellt habe, nämlich dass ein Figurentyp häufiger auftaucht als andere: Der (besoffene) Tourist. Üblicherweise liegt das daran, dass die Idee zur Geschichte sowohl auf Reisen als auch betrunken entwickelt worden ist. In diesem Fall passt es aber nicht. Eine Ziege, Vater ist nüchtern und daheim entstanden, und zwar für die neue Anthologie von Nikas Erben – wie auch schon Der Mitatmer. Ein weiterer Grund, diesen Figurentyp zu verwenden, ist das, was man mit ihr verbindet. Besoffene Deutsche im Urlaub sind in Reinform selbst anderen Deutschen im Urlaub unangenehm. Man assoziiert schnell schlechtes Benehmen und fragwürdigen Stil: Ballermann-Vibes. Hier sollte es genau das sein.

Wieder der Hermann

Hermann Burger hatte mich damals zu Sorck: Ein Reiseroman inspiriert, beziehungsweise 1. zum Sprachstil und 2. zur Vermischung eigentlich nicht kompatibler Elemente (Tourismus und Krieg usw.). Auch an Eine Ziege, Vater war Burger nicht ganz unschuldig. Einerseits merkt man das mal wieder an der Sprache, die verschachtelt und bewusst verwirrend gehalten ist. Sie verwischt Ebenen, erzählt und spricht an, alles gleichzeitig im Briefstil.

Andererseits ist die Anklage Geistlicher oder der Kirche an sich etwas, das man bei Burger (und etlichen anderen Schweizer Autor*innen aus ähnlicher Zeit) mehrmals finden kann. Bei den Schweizern liegt der Hauptvorwurf meist bei den erhobenen Kirchensteuern. Dürrenmatt beispielsweise hat sich auch gern darüber ausgelassen.

Mich interessieren Steuern als Thema eher weniger. Man kann in Deutschland auch einfach zum Amtsgericht laufen und für wenig Geld austreten. Daher musste ein anderes Kirchenthema her: Warum nicht boshafte Predigten, die beeinflussbare Kinder um den Schlaf bringen?

Monsterhafte Tiere

Eine Ziege verbindet man allgemein nicht mit Angst, Albträumen oder Horror. Der Weg ist aber nicht weit. Sobald man das Kirchenmotiv mit drin hat, wird die Ziege beziehungsweise der Ziegenbock eine gute Wahl. Sie hat Hufe, Hörner und ein langgezogenes Gesicht. Eines dieser Satanstiere. Betrachtet man einen Ziegenschädel frontal, bilden die Hörner, die Ohren und das Kinn jeweils eine Spitze eines umgedrehten Pentagramms.

Von alldem mal abgesehen, wirkt der hohle Blick einer Ziege beunruhigend, wenn man sich erst einmal darauf einlässt. Sie starrt dich an und kaut. Mehr nicht. Ein paar schwarze Wolken dazu und das Näherkommen, jede Nacht ein bisschen, in einem wiederkehrenden Traum. Schon hat man ein unangenehmes Phänomen, das Menschen in den Wahnsinn treiben könnte.

Rache ist wiederkäuend

Ich mag runde Dinge. Der Pfaffe verpasst dem Protagonisten Albträume. Am Ende wird der Protagonist und Briefeschreiber seinen neuesten nächtlichen Fluch los, indem er ihn dem Pfarrer weitergibt. Der einzige, der hier glimpflich davonkommt, ist der Touristenführer. Da stellen sich ohnehin Fragen, oder? Hatte er den Fluch, wusste davon und gab ihn vorsichtshalber einer ganzen Tourigruppe weiter? Hat also jede*r Teilnehmer*in des Ausflugs den Fluch der (un)heiligen Ziege? Oder gibt es diesen Fluch gar nicht wirklich und der Protagonist ist bloß hyperempfindlich und bildet sich alles ein? An der Rache (aus Sicht des Briefeschreibers) ändert es nichts und auch nichts an der Befreiung durch den Brief. Sollte er den Fluch niemals gehabt haben, so war der Brief und die Aussprache seiner Probleme dennoch eine hilfreiche Sache. Er entlastet sich, indem er dem einstigen Peiniger anklagt, und ausspricht, was er ein Leben lang für sich behalten hatte.

Warum so kompliziert?

Hätte ich die Story auch erzählen können, ohne jeden Satz so verdreht wie möglich zu bauen? Klar. Aber wo wäre da der Spaß geblieben? Ich hoffe doch, dass sich Leser*innen finden, die an derartigen Texten genau so viel Vergnügen haben wie ich.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Freiheit, die ich mir durch den Stil selber schenke, Gedanken, Gefühle, formale Ansprache und berichtetes Geschehen zu vermischen, um etwas Neues zu schaffen. Dieser fast verwirrte, definitiv aufgeregte und doch verstockte Stil charakterisiert den Briefeschreiber. Am Ende sollte man durch den Stil sowie die wenigen berichteten Taten ein Bild des Protagonisten vor Augen haben. Dieses Bild ist höchstwahrscheinlich wenig sympathisch, aber auch das ist absichtlich entstanden.

Erschütterungen. Dann Stille.: Der Tod in Porto I

Über “Der Tod in Porto I: Die Springer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Zwei Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille. habe ich mit Der Tod in Porto betitelt. Zur Unterscheidung gibt es Der Tod in Porto I: Die Springer und Der Tod in Porto II: Abschied. Beide Erzählungen haben als Thema den Tod und als Schauplatz die Stadt Porto (oder ihre unmittelbare Umgebung). Ansonsten existiert keine inhaltliche Verbindung zwischen beiden, wohl aber Verbindungen anderer Art. Wer Der Tod in Porto I: Die Springer noch nicht gelesen hat, sei an dieser Stelle vor Spoilern im folgenden Text gewarnt.

Content Note: Suizid

Entstehung

Vor einer Weile habe ich einen Familienurlaub in Porto gemacht. Obwohl wir gemeinsam verreisen, trennen sich unsere Wege immer an mindestens einem Urlaubstag und jede*r zieht allein los. An meinem Tag allein in Porto bin ich hauptsächlich herumspaziert, habe Notizen gemacht und habe gegessen. Es war ein guter Tag mit schwarzen Burgern und guten Ideen. Am Ende des Urlaubs standen die Pläne für beide Porto-Texte. Sie sollten kurz darauf in einer ersten Version umgesetzt werden und wurden für Erschütterungen. Dann Stille. erheblich überarbeitet.

Die morbide Schönheit Portos / L’Appel Du Vide

Ich bin ein morbider Typ. Ich mag Friedhöfe, Ruinen und Stellen, von denen aus man in den Tod stürzen könnte. Daher kenne ich das Gefühl des L’Appel Du Vide, des Rufes der Tiefe, sehr gut. Der Begriff bezeichnet das Gefühl, das man gelegentlich an hohen Stellen hat: Eine Art Sog in den Abgrund, den entfernten Wunsch abzuspringen. Man steht weit oben und denkt, nur ganz kurz, warum eigentlich nicht?

Porto ist auf beiden Seiten des Douro an die Hänge gebaut und mehrere Brücken, davon eine, die Ponte Luiz, zentral, überspannen den Fluss. Die Ponte Luiz hat zwei Ebenen, von denen die untere etwa 5 Meter über dem Fluss verläuft und die obere etwa 60 Meter. Von oben zu stürzen, wäre tödlich. Man gelangt von der Brücke aus am einen Flussufer recht schnell zur alten Klosterfestung, die noch etwas höher über dem Meeresspiegel liegt. Von oben aus kann man hinabschauen in ausgebrannte Häuser, deren Fassaden von der Straße aus noch intakt wirken, und weit den Fluss entlang und über die Stadt blicken.

Worauf ich hinauswill, ist, dass Porto voller Ruinen (neuer und alter) ist, es Armut abseits der Hauptwege und unzählige Stellen gibt, von denen aus man in den Tod stürzen kann.

Die schwarze Pest

Als die Pest in Europa wütete, schien für viele Menschen der Weltuntergang nahe, und mit jedem gestorbenen Menschen ist auch ein Stück der Welt verloren gegangen. Allerdings führte das große Sterben im Nachhinein auch zu weniger Knappheit und mehr Wohlstand. Diesen Vorgang sowie die Grundfunktion des kapitalistischen Marktes, Angebot und Nachfrage, wollte ich in das Todesszenario von Der Tod in Porto I: Die Springer einbauen.

Schon wieder Ethik

Der Tod in Porto I: Die Springer erzählt eine obszöne Geschichte und der Erzähler tut das ganz locker, um einem Gast die Wartezeit aufs Essen zu verknappen. Das steht im klaren Kontrast zu den moralischen Fragen, die die Erzählung aufwirft: Darf man vom Elend anderer profitieren? Wie sehr darf man davon profitieren? Ist jede Lösung akzeptabel, sofern das Problem hinterher nicht mehr existiert? Was ist unsere Rolle in der kapitalistischen Maschinerie? Wie häufig machen wir die Augen vorm Elend zu und wie häufig mischen wir direkt oder indirekt mit?

Diese Geschichte bietet wenig Antworten, aber ich hoffe sehr, dass sie zu Gedanken und Fragen anregt.

Fragwürdiger Typ

Auch wenn er nicht beschrieben wird, habe ich eine ganz klare Vorstellung vom Ich-Erzähler. Diese werde ich hier nicht darstellen, um Leser*innen in dem Bereich nicht zu beeinflussen. (Mich würde aber interessieren, wie Ihr euch den Typen vorgestellt habt. Schreibt mir gerne dazu!) Allerdings lasse ich einige Details durchblicken. Der Erzähler macht ein paar (unbedachte?) Bemerkungen, die aufmerksame Leser*innen aufhorchen lassen sollten.

Ein Beispiel wäre der Satz: Aber wir mussten ja alle irgendwie leben, nicht wahr? Dieser Satz fällt, nachdem der Erzähler von den Vermittlern berichtet, die Todesspringer managen und animieren. Zwar kann man den Satz sehr allgemein lesen und das wir mussten nicht wörtlich nehmen, sondern im Sinne eines man musste. Aber einerseits wäre auch das eine Relativierung des unglaublichen Leids, das in der Stadt herrschte und von den Vermittlern noch verschlimmert worden ist, andererseits steht dort nun einmal wir und der Erzähler scheint ungewöhnlich häufig in der Nähe der Springer gewesen zu sein.

Schlimmer noch ist, dass er zwischendurch geradezu ins Schwärmen gerät, während er berichtet. Das passt zu der seltsamen Grundtatsache der Geschichte, dass sie einem Hotelgast vom Gastgeber vorm Essen berichtet wird. Eigentlich ist das keine Story, die man mit jemandem teilt, der Urlaub machen möchte. Offensichtlich gibt es also einen Drang, all das zu berichten.

Der junge Springer

Das i-Tüpfelchen meiner Inspirationsreise, nachdem ich die Ruinen und die Punkte gesehen hatte, von denen aus man stürzen könnte, den L’Appel Du Vide gespürt und bereits die meisten Ideen gesammelt hatte, beobachtete ich zwei Teenager. Der eine Junge trug einen Neoprenanzug und stand auf der unteren Ebene der Ponte Luiz. Der andere Junge sammelte Geld ein. Als er genug hatte, stieg der erste auf die Brüstung und sprang in den Fluss. Plötzlich passte alles zusammen.

Erschütterungen. Dann Stille.: Der Mitatmer

Über die Kurzgeschichte “Der Mitatmer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Der Mitatmer ist ursprünglich für eine andere Anthologie, nämlich die kommende von Nikas Erben, geschrieben worden, für die aber andere Geschichten ausgewählt worden sind. Das gibt den Leser*innen meines Erzählbandes Erschütterungen. Dann Stille. die Gelegenheit eine der unangenehmsten Kurzgeschichten zu lesen, die ich bisher verfasst habe. Wer Der Mitatmer noch nicht gelesen hat, sei an dieser Stelle vor Spoilern gewarnt.

Content Notes: Unfreiwillige (extreme) Nähe, Angst

Etwas atmet mit

Wenn man mit dem oder der Liebsten eng umschlungen im Bett liegt, nicht redet, aber einander atmen spürt und langsam den Rhythmus einander angleicht, ist das herrlich. Gleichermaßen stelle ich es mir absolut grausig vor, wenn jemand oder etwas so nahe vorm Gesicht ist, dass er oder es mitatmen kann. Das ist wohl der Grund dafür, dass dieses Bild in Erschütterungen. Dann Stille. in zwei verschiedenen Geschichten in unterschiedlicher Form vorkommt und sogar in Sorck kurz (und harmloser) auftauchte.

Im Roman Sorck ist es der unsichtbare alte Wolfsmann, der sich die Finger im Atem der Wanderer wärmt. In Schlammläufer taucht eine Figur auf, von der gesagt wird, dass diese „Ersticken atmet“, wenn sie vor einem steht. Und in Der Mitatmer ist diese spezielle Horrorvorstellung von totaler ungewollter Nähe der Kern der ganzen Geschichte.

Punkte im Blickfeld

Seit etwa einem Jahr sehe ich manchmal Punkte. Sie sind wie kleine Schwimmer, die jede*r mal hat, aber es handelt sich um eine winzige Stelle am Auge, die nicht so straff ist, wie sie sein sollte. Laut Augenarzt gibt es keinen Krankheitsbefund und außerdem würden die allermeisten Menschen, die so etwas haben, es gar nicht bemerken. Nur wer häufig auf Buchstaben schaut, bemerkt diese Flecken überhaupt. Das hat irgendwas mit dem Erkennen von Linien zu tun, wenn ich mich recht entsinne. Das jedenfalls war es, was mich zu Der Mitatmer inspiriert hat. Das große Was wäre wenn am Anfang jeder Geschichte. Was wäre, wenn diese Flecken die Form eines Gesichts hätten und es mich nicht mehr losließe. Ein herrlicher Albtraum.

Autounfälle

Autounfälle sowie Verletzungen und Todesfälle dabei sind leider nicht selten. Ich habe nur zwei kleine Unfälle in Autos miterlebt, wurde dafür als Kind einmal über den Haufen gefahren. Vermutlich hat das weiter nichts mit der Auflösung von Der Mitatmer zu tun, aber persönliche Details in solche Artikel einzubauen, könnte mich nahbarer erscheinen lassen. (Das war ein Witz, denke ich.)

Wie bin ich aber dann auf einen Autounfall als Auslöser des Angstdaseins der Ich-Erzählinstanz gekommen? Autos haben Fensterscheiben. Die Fahrer*innen sind getrennt von der Welt um sie herum, aber sie können sie dennoch sehen. Sie sollten sie sehen. Sind Autofahrer*innen unaufmerksam und schauen nicht richtig hin, kann es zu Unfällen kommen. Schauen sie genau im richtigen oder falschen Moment hin, sehen sie alles, was sie nicht sehen wollen.

Diese scheinbare Abgeschlossenheit von der Welt, der Beobachter-Status durch die große Frontscheibe und der unzweifelhafte Einfluss der Fahrer*innen auf die Welt sind eine spannende Kombination und lassen sich so in Der Mitatmer wiederfinden. Abgeschlossen, allein, beobachtend, sogar allein beobachtend und das alles wegen des negativen Einflusses, den die Ich-Erzählinstanz auf das Opfer hatte, und die Schuldgefühle, die daraus folgten.

Wer trägt Schuld?

Die Frage der Macht oder des Umgangs mit Macht oder des Umgangs mit den Auswirkungen von Macht ist eng verbunden mit der Frage nach Schuld. Das habe ich auch kurz angespielt in der Geschichte Schildbürger. Auto- und Busfahrer*innen haben eine enorme Macht, weil sie eine tonnenschwere Maschine schnell bewegen und damit jede ungeschützte Person in ihrem Weg ausradieren können. Viele fahren so, als gäbe es diese Möglichkeit nicht, als könnte ihnen nichts geschehen, beziehungsweise als könnten sie anderen nichts antun. Geschieht es dann doch, ist es eine Frage des Charakters, wie sie damit umgehen.

Wer seine Macht unterschätzt und sieht, was man mit ihr angerichtet hat, kann daran zerbrechen, daran wachsen oder einfach eiskalt die gleiche Person bleiben. Meine Figuren können nicht die gleichen bleiben, weil ich nicht der gleiche bleiben könnte.

An dieser Stelle könnte ich natürlich auf die viele Arten von Macht hinweisen, die man haben kann, ohne dass man jemals darüber nachdenkt. Gerade Männer wissen oft nicht, was sie anzurichten imstande sind und was sie tatsächlich anrichten. Man darf Der Mitatmer gerne entsprechend lesen, aber beim Schreiben hatte ich daran nicht gedacht. Beinahe ironisch, oder?

Erschütterungen. Dann Stille.: Der Sturm im Bierglas

Über die Erzählung “Der Sturm im Bierglas” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Angeblich – laut einer Testleserin – eine meiner besten Erzählungen bisher: Der Sturm im Bierglas. Ich möchte da nicht widersprechen. Ob es die beste ist, weiß ich nicht. Das müssen andere entscheiden. Vor Spoilern im folgenden Text sei hiermit gewarnt!

Content Note: Suizid, Alkohol, Sucht

Der Wirrwarr des Todes

Mir wurde außerdem gesagt, dass man schwer nachvollziehen könne, wo und wann die Geschichte zu jedem Zeitpunkt angesiedelt ist. Sie springt vor und zurück. Das soll so sein. Sie stellt keine chronologische oder gar logische Abfolge dar. Aus meiner Sicht ist das Ende der Geschichte der Moment, in dem sie spielt, während alles Vorherige wie ein wilder Fluss im Kopf der Erzählinstanz durcheinander wirbelt. Sie ist der Fels im Fluss der Erinnerungen. Alles verwirbelt sich. Was vor 10 Jahren und was vor 30 Jahren gewesen ist, spielt keine Rolle mehr, wenn man vom Stuhl steigt.

Das Erhängen in Erschütterungen. Dann Stille. und anderswo

Dass ich morbide veranlagt bin und Suizide in meinen Geschichten nun wirklich nicht selten sind, ist inzwischen bekannt, denke ich. In Erschütterungen. Dann Stille. allerdings kommt eine Variation des Selbstmords besonders häufig vor: Das Erhängen. Ich wünschte, ich könnte beantworten, woher gerade diese Idee stammt. Es folgen einige Gedanken, woher sie stammen könnte und was an ihr besonders ist.

Sich selbst zu erhängen ist eine blutlose Selbstmordvariante. Vielleicht kommt sie daher häufiger in Filmen vor. Man kann alles zeigen und sieht dennoch nichts Verbotenes. Perverser Mist.

Spontan fallen mir zwei großartige Filme mit entsprechenden Szenen ein, die mich beide mit Tränen in den Augen zurück gelassen hatten: The Shawshank Redemption und Filth. Musikalisch denke ich zuallererst an den Song The Chair von The 69 Eyes.

Ich denke, man kann sprachlich und insgesamt literarisch gut arbeiten mit der Konstruktion einer Person, die auf einem Stuhl steht, diesen wegtritt und sich erhängt. Beispielsweise kann sehr tragisch etwas schiefgehen. Man kann ohne Strick vom Stuhl fallen, wie ich es einer Figur in einem Wettbewerbsbeitrag einmal angetan habe. Man geht einen Schritt voran, was eigentlich als etwas Positives gilt, aber in diesem Fall in den Tod führt. Das erinnert mich an den alten Witz: Früher stand ich am Abgrund, aber heute bin ich einen Schritt weiter. Doch woher genau kommt es, dass ich direkt mehrfach genau diese Art des Suizids beschreibe oder andeute? Ich wünschte, ich wüsste es.

Alkoholismus

Das alte Lied von der süchtigen Gesellschaft, vom Suff in Sorck: Ein Reiseroman und in Alte Milch: Gedichte und immer wieder die Ausrede vom Thema Macht/Ohnmacht im Werk. Welcher Aspekt bedingt hier welchen? Man kommt nicht drumherum, oder? Nicht, wenn man meine Bücher lesen möchte. Auch in Der Sturm im Bierglas dreht sich alles um den Alkohol und darum, was er ersetzen soll. Denn Sucht hat immer Gründe und diese sehen für jede*n anders aus. Sehnsucht nach einer besseren Zeit ist wohl einer der schöneren.

Das Motto

He That’s Born To Be Hanged, Need Fear No Drowning.

Dieses Sprichwort aus Elisabethanischer Zeit ist Der Sturm im Bierglas vorangestellt. In abgewandelter Form hatte William Shakespeare es in das Stück Der Sturm (The Tempest) verbaut. Nach dem Lesen musste ich eine Weile darüber nachdenken.

Es ist offensichtlich, dass das Sprichwort nicht so gemeint war, doch habe ich es in meiner Erzählung auf das Hängen durch eigene Hand bezogen und auf das Ertrinken im Sinne des Trinkens, also auf den Alkoholismus. Wer sich am Ende ohnehin erhängen wird, braucht keine Angst vor der Sucht zu haben. Ist das bereits eine selbsterfüllende Prophezeiung? Ich glaube, ich habe mich gerade einen Schritt zu weit analysiert.

Dass Der Sturm im Bierglas mit Shakespeares Stück zu tun hat, merkt man ganz am Anfang: „Am Anfang war ein Sturm“, und der Naturgeist Caliban wird erwähnt. Der Anfang der Geschichte ist also ein Hinweis auf den Anfang ihrer Inspirationsgeschichte: Am Anfang war Der Sturm.

Die Erzählinstanz

So unschön ich es finde, immer wieder „die Erzählinstanz“ zu schreiben, statt „der Erzähler“, mag ich doch den Gedanken, dass ich ebendiese Instanz weder in dieser Erzählung selbst noch im dazugehörigen Blogeintrag gendere. Manche Erzählungen haben Protagonist*innen oder Erzählinstanzen mit klarem oder angedeuteten Geschlecht, aber Der Sturm im Bierglas und viele andere in Erschütterungen. Dann Stille. haben eine neutrale Instanz, die von jede*m gelesen werden kann, wie es gerade am angenehmsten ist.

Dass es nicht immer wichtig ist, was die Autor*innen sagen wollen, sondern was die Leser*innen aus der Geschichte ziehen können, habe ich mehrmals betont. Das darf keine Ausrede für völlig unangebrachte Sauereien seitens der Autor*innen sein, aber im Rahmen guter Erzählkunst halte ich es so. Teil davon kann sein, dass das Geschlecht der Erzählinstanz, besonders bei Ich-Erzähler*innen, offen bleibt. Ich habe mich sehr gefreut, als meine Testleser*innen bei manchen Geschichten die Erzählinstanz unterschiedlich gelesen haben, weil es jeweils am besten für ihre Lesesituation passte. Auf diese Weise schließt man niemanden aus. Mich selbst kostet es im Normalfall gar nichts. Schöne Sache, oder?

Erschütterungen. Dann Stille.: Am Fluss

Über die Kurzgeschichte “Am Fluss” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Erschütterungen. Dann Stille. ist seit 15.11.2020 veröffentlicht. 2020 hatte meine Pläne massiv durcheinander gewirbelt, aber immerhin diese Veröffentlichung konnte ich noch raushauen, bevor das Horrorjahr endete.

Dieser Blogeintrag ist der erste einer ganzen Reihe zum neuen Erzählband Erschütterungen. Dann Stille.. Es wird zu jeder Geschichte einen Blogeintrag geben (und später vielleicht noch weitere zu bestimmten Details oder Aspekten). In einigen Blogeinträgen wird es Content Notes geben, wenn die Themen schwieriger sind. Ich folge der Reihenfolge der Geschichten im Buch, damit alle Leser*innen möglichst viel Zeit haben, um aufzuholen. Wir fangen also an mit Am Fluss, der ersten Story im Buch.

Content Notes: Tod, Trauma

Am Fluss

Am Fluss im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille. gehört zu den ganz wenigen Geschichten, die ich spontan und ohne Planung verfasst habe. Auf diese Weise schreibe ich extrem selten. Sie ist an einem Tag entstanden, an dem ich nicht wusste, woran ich arbeiten sollte, oder nicht an dem arbeiten wollte, woran ich sonst hätte arbeiten können. Textdokument auf und losgetippt. Im Folgenden erzähle ich von der Erzählung. Wer sie noch nicht gelesen hat, sei hiermit vor Spoilern gewarnt!

Das Ding mit den Katzen

Wie bin ich da bloß drauf gekommen? Ich weiß es nicht mehr. Ich mag Katzen und Katzen mögen mich. Aber es gibt viele Menschen, die Katzen mögen, und deshalb gibt es potenziell viele Leser*innen, die sich von einer Katzengeschichte gefangen nehmen lassen. Vielleicht war das ein Teil der Idee.

Eine Assoziation, die in Am Fluss auch kurz erwähnt wird, ist die mit alten Zeichentrickfilmen. Als Kind habe ich noch regelmäßig Tom & Jerry geschaut. Mehr als einmal gibt es darin Szenen, in denen Säcke mit Kätzchen in den Fluss geworfen werden. Manchmal überleben sie. Aber ich erinnere mich auch an eine Szene, in der die durchnässten Kätzchen am Himmelstor stehen und begrüßt werden. Natürlich wird es nicht gezeigt, aber es wird angedeutet, dass sie ersäuft worden sind. Die Vorstellung fand ich immer abstoßend und vielleicht spürt man das beim Lesen auch.

Kruppkes matschiges Gemüt

Mit der Figur Kruppke wollte ich es mal mit einem gröberen, aber dennoch freundlichen Charakter versuchen. Ich habe viele solcher Menschen kennengelernt. Nette Leute, aber mit einem Hang zur Gewalt, die außerdem relativ leicht manipulierbar sind. Man redet ihnen etwas ein und sie glauben, sie träfen eigenständige Entscheidungen. Der Erzähler kennt Kruppke schon seit der Kindheit und weiß um seine Manipulierbarkeit. Man könnte meinen, dass er Kruppke deshalb auf die Frau hetzen, ihn zum Täter machen würde. Aber die Gewalt geht niemals von Kruppke aus, sondern zuerst von der Frau (den Katzen gegenüber) und dann vom Erzähler der Frau gegenüber. Liegt es daran, dass der Erzähler seinen alten Kumpel nicht mit hineinziehen wollte in die Angelegenheit? Ich denke nicht. Der Erzähler hat einige fiese Züge, die in einem derart kurzen Text natürlich nur angedeutet werden konnten, beispielsweise in seinem Wissen, dass Kruppke manipulierbar und dass er zur Gewalt fähig ist. Man kann schließen, dass er dieses Wissen schon getestet hat.

Der Erzähler hat schlicht die Kontrolle über sich verloren auf der Brücke. Oder? Nicht ganz. Was er tut, ist ein aus Wut entstandener, aber sehr kontrollierter Akt: er nähert sich, spricht mit der Frau und setzt den Einfall mit dem Anorak um. Er hätte auch einfach zuschlagen können.

Wiederkehrendes Trauma / repetitive Hölle

Das Prinzip eines Kreislaufs oder vielmehr einer Spirale innerhalb von Geschichten gefällt mir. Filme wie Predestination faszinieren mich. Was ich meine, sind Geschichten, deren Ende am Anfang anknüpft, einen Kreislauf bilden, oder deren Ende sogar den Anfang bedingt. Das letzte Bild von Am Fluss ist das Bild aus der Kindheitserinnerung des Erzählers, die seine Gefühle und seine Tat vorherbestimmt haben. Es handelt sich um ein anderes Kind, aber man kann schließen, dass es sich um einen Kreislauf (oder eher eine Spirale) handelt und sich das Trauma und die Rache bis in alle Zeit wiederholen wird. Das wird noch gestützt dadurch, dass der Erzähler selbst das Kind hört. Vielleicht hat es in seiner Kindheit ebenfalls einen Zuhörer gegeben. Er muss keineswegs der Start der Spirale sein. Kann man die Spirale durchbrechen? An Opfer (dem Kind) ist es nicht gelegen, dass es später zum Täter wird, sondern an Täter*in Nr. 1 (der Frau auf der Brücke). Das Problem einer solchen Spirale ist, dass sie nur von außen durchbrochen werden kann.

Stilfragen

Spricht der Erzähler mit Kruppke, klingt er ganz anders, als wenn er der/dem Leser*in erzählt. Allgemein klingt die Sprache, finde ich, alltagsnäher in dieser Geschichte als in vielen anderen. Am Fluss ist sprachlich kein fein gedrechseltes Himmelbett, sondern ein Ikea-Bettgestell mit günstiger Matratze. Man liegt bequem und es passt zu den restlichen Verhältnissen.

Geschuldet ist der Sprachstil einerseits der spontanen Entstehung der Rohfassung und andererseits der Tatsache, dass der Erzähler ein (vom Trauma abgesehen) ganz normaler Typ sein sollte. Er ist zwar clever, aber nicht besonders intelligent, sonst hätte er bessere Lösungen gefunden als einen möglichen Mordversuch (und hätte wohl auch seinem Kumpel nicht erzählt, dass er vor Ort gewesen ist).

Dass ich keine Sorck’schen Monsterformulierungen mehr schaffen will in nächster Zeit, habe ich bereits mehrmals an verschiedenen Stellen erwähnt. Es passt nicht mehr zu meiner Ansicht über gute Literatur oder zu der Person, die ich inzwischen geworden bin. Manche Geschichten sind komplexer (formuliert) und andere simpler. Ich muss nicht tagelang Fremdwörterbücher durchforsten, um gute Geschichten zu schreiben. Ich schreibe sie mit dem passendsten Vokabular, nicht mit dem verdrehtesten – doch wenn beides zusammenfällt, dann ist das eben so.

Jahresrückblick 2020: Mein literarisches Jahr

Literarischer Jahresrückblick 2020: Veröffentlichungen, Zeitungsartikel, Blogeinträge, Interviews, Podcasts …

Zum Abschluss der dreiteiligen Reihe zum Jahresrückblick auf das turbulente Jahr 2020 schreibe ich über das Schreiben, besser: über das Geschriebene, über Veröffentlichungen, Projekte, Erfolge und Rückschläge. Einmal im Jahr darf man sich selbst feiern und das werde ich hier an manchen Stellen auch tun – aber nicht überall. Schauen wir mal.

Das Chaos, die Seuche und ihre Auswirkungen

Kaum jemand wird damit gerechnet haben, dass das Jahr 2020 einen derartigen Überfluss an Bullshit über Menschheit und Erde auskippen würde. Ich werde jetzt nicht anfangen über Politik und Verhalten der Menschen zu schimpfen, sondern erwähne lediglich, dass mich (hauptsächlich) die Pandemie stark beeinflusst hat. Zu diesen negativen Einflüssen gehört, dass ich mehr Zeit für alles brauchte, zeitweise kaum zu arbeiten vermochte und sich entsprechend meine Pläne nicht einhalten ließen. Im Lichte der Gegebenheiten kann ich dennoch stolz sein auf meinen Output, auf alle Veröffentlichungen, Buchgeburtstage und Kooperationen, die 2020 zustande gekommen sind. Schieben wir einfach mal den ganzen Dreck beiseite und feiern mich, okay? Ich brauche das zum Jahresabschluss.

Die Jährung der ersten Bücher

Im Mai 2020 jährte sich die Veröffentlichung meiner allerersten Veröffentlichung. Mein erster Roman Sorck feierte Buchgeburtstag. Dank einer Preis- und Werbeaktion konnte ich noch einige neue Leser*innen hinzugewinnen. Ansonsten, muss ich leider zugeben, scheint die Zeit meines skurrilen Romans vorerst vorbei zu sein, jedenfalls was Verkäufe angeht. Als Selfpublisher*in kann man ohnehin nicht mit großen Erfolgen rechnen, schon gar nicht außerhalb der gängigen SP-Genres. Schade ist es dennoch. Vielleicht sollte ich mich mehr auf Marketing konzentrieren. Es hat allerdings auch im Jahre 2020 eine Rezension gegeben auf dem Reisswolfblog.

Auch der Gedichtband Alte Milch hat 2020 Geburtstag gefeiert, wurde allerdings nicht nur von der Welt, sondern sogar von mir vergessen. Peinlich. Im Unterschied zu Sorck ist für Alte Milch die Zeit nicht wirklich abgelaufen, weil es nie eine Zeit hatte. Es wartet geduldig auf Zeiten, in denen wieder Lyrik gelesen wird. Ich bin dennoch stolz auf beide Bücher. Sie sind ein Teil von mir und werden es immer bleiben. Für einige Leser*innen bedeuten die Bücher viel. Das weiß ich. Das freut mich immer wieder. Wenn sich gelegentlich noch neue Leser*innen für die beiden finden sollten, werde ich mich freuen.

Neue Bücher

Im März habe ich mich zurückgemeldet mit einer kleineren Veröffentlichung: Das Maurerdekolleté des Lebens. Diese drei zusammenhängenden Erzählungen, die in der limitierten Printversion 54 Buchseiten einnahmen, sollten einerseits aufgrund einer angestrebten Regelmäßigkeit, was Neuerscheinungen angeht, alleinstehend herausgebracht werden. Andererseits wollte ich Leser*innen die Chance bieten, für sehr wenig Geld über Leseproben hinaus in meine Werke zu schauen. Rein pragmatisch könnte ich auch noch anführen, dass diese drei Geschichten mit ihrer Länge in einem Sammelband einen großen Anteil eingenommen und deshalb nicht recht reingepasst hätten. Rezensionen hat es gegeben beim Reisswolfblog sowie auf KeJas Wortrausch.

Dieser Sammelband ist dann mit Erschütterungen. Dann Stille. im November erschienen. Eine Weile war angedacht, die Erzählungen aus Das Maurerdekolleté des Lebens doch noch einzufügen und die vorherige Veröffentlichung als eine Art Single-Auskopplung zu betrachten. Allerdings konnte ich 29 Geschichten auf meinem PC finden, die innerhalb der letzten zwei Jahre entstanden sind und mir noch immer gefallen. 29 sind genug. Sonst hätte ich eher noch eine der weiteren 10-30 Erzählungen hinzugefügt, die ich zuvor aussortiert hatte. Auch auf Erschütterungen. Dann Stille. und auf Das Maurerdekolleté des Lebens bin ich ausgesprochen stolz. Ich finde, sie zeigen, dass ich vielseitig schreiben kann, permanent arbeite, permanent liefere und niemals uninteressant werde dabei.

Eine Konsequenz der beiden neuen Veröffentlichungen ist natürlich, dass ich mir 2021 vier Buchgeburtstage zu merken habe.

Zeitungsberichte, Interviews und Gespräche

Genau wie für Sorck und Alte Milch hat es auch zu Erschütterungen. Dann Stille. einen Zeitungsartikel der Ruhr Nachrichten gegeben, und wie immer einen Blogartikel dazu. Die Rückmeldung Bekannter und Verwandter sowie indirekt Bekannter und Verwandter von Bekannten und Verwandten hat mir Kraft gegeben und mich aufgebaut. Im Blogartikel habe ich erwähnt, dass dieser Effekt Teil meiner Idee dahinter gewesen ist. Man muss sich selbst Siege verschaffen, sofern es möglich ist. Dieses Jahr brauche ich Siege.

2019 hatte es bereits Interviews gegeben, in denen ich die Fragen von Blogger*innen beantwortet habe. 2020 sind weitere hinzugekommen. Nachzulesen sind die Interviews auf JenLovesToRead und Das Bambusblatt. Ich freue mich immer, wenn ich bei solchen Aktionen mitmachen darf. Welche*r Autor*in spricht nicht gerne über die eigenen Werke und den Schreibprozess? Unter ein bisschen Selbstverliebtheit leiden wir doch alle.

Wer lieber meine Stimme hören möchte, anstatt lediglich meine Antworten zu lesen, kann entweder die Tracks im Blogartikel Ton und Entfaltung: Lyrikfetzen anhören oder einen der mehreren Podcasts anschalten, bei denen ich dieses Jahr zu Gast sein durfte. Auf Kia Kawahas Patreon-Seite habe ich an den Podcasts Bücher und Leseempfehlungen und Unser Schreibprozess mitgewirkt. Das hat mir bereits Spaß gemacht. Noch mehr Spaß hatte ich allerdings beim Podcast von S.D. Foik und seinem Podcast Buch und Bühne. Unsere gemeinsame Folge hieß Der Krieg des Autors mit der leeren Seite und drehte sich zu meiner großen Freude zu einem erheblichen Teil um Musik.

Neue Netzwerke und eine Überraschung

Networking ist keine Spezialität von mir. Ich unterhalte mich einfach gerne mit anderen Autor*innen, Blogger*innen und Kreativen. Gezielt entwickelt sich da gar nichts, aber manchmal entstehen Projekte oder Kooperationen (wie die erwähnten Podcasts). 2020 hat direkt zwei größere Vernetzungspunkte gebracht. Lange musste ich geheim halten, dass ich eingeladen worden bin, für Nikas Erben zu schreiben. Dieses Autor*innenkollektiv veröffentlicht regelmäßig hochwertige Anthologien und ich wollte schon lange Teil des Teams werden, hatte aber nie angefragt. Nun bin ich dabei. In der nächsten Anthologie werden direkt zwei meiner Erzählungen, eine sehr kurze, eine etwas längere, erscheinen. Sie sind gewohnt düster und seltsam, aber in einem Fall horrorlastig und im anderen so etwas wie Fantasy mit Gesellschaftskritik und einem Moraldilemma vermischt.

Eine Weile später hat man mir die Freude gemacht, mich zu fragen, ob ich beim Buchensemble mitmischen wollte. Natürlich wollte ich! Das Buchensemble besteht aus Rezensent*innen, die allesamt auch Autor*innen sind. Wir lesen und rezensieren Bücher verschiedenster Art. Bisher sind folgende Rezensionen von mir veröffentlicht worden:

Außerdem werden immer mal wieder Themenartikel geschrieben. Von diesen durfte ich auch bereits einen schreiben mit Lesen und gelesen werden: Was macht das mit uns? Zu den im Themenartikel entwickelten Gedanken habe ich noch zusätzlich einen Blogartikel verfasst: Inspiration und Hommagen. Man könnte nun meinen, dass es für mich keinen großen Unterschied machen sollte, ob ich hier auf Papierkrieg.Blog Rezensionen veröffentliche oder mit mehr Reichweite beim Buchensemble, aber für mich ist der Unterschied enorm. Man schenkt mir Anerkennung und Reichweite, weil man meine Meinung für interessant und relevant genug hält, um auf einer fremden Plattform zu veröffentlichen.

Wie wichtig das Ego ist bei Autor*innen, die sich zu schnell dem Imposter Syndrom gegenüber sehen, sieht man spätestens daran, dass ich die Veröffentlichung beim Literaturmagazin Syltse im Titel als Überraschung bezeichnet habe. Bei einer Ausschreibung mitzumachen, bringt nunmal die Möglichkeit mit sich, dass man veröffentlicht wird. Es gibt Texte, auf die man besonders stolz ist, und dazu zählt für mich Ich rezensiere mich, den Text in der Winterausgabe des Syltse-Magazins.

Papierkrieg.Blog

Für Personen wie mich, die schon am Alltag zu kauen haben, wie aber auch für alle anderen Menschen, ist es neben all den bereits erwähnten Punkten allein schon eine Leistung, einen Blog zu betreiben und 2020 mindestens einen Blogeintrag pro Woche abzuliefern, der jeweils durchdacht, recherchiert und überarbeitet worden ist. Auch darauf bin ich stolz.

Es schmälert meinen Stolz keinesfalls, dass der am häufigsten geklickte und gelesene Blogeintrag dieses Jahr ein Gastbeitrag von June T. Michael gewesen ist: BDSM als Utopie. Gerne kooperiere ich mit den Betreiber*innen anderer Plattformen und arbeite genau so gerne mit Personen zusammen, die bei mir veröffentlichen wollen. Gerade dieser Beitrag ist sehr lesenswert, doch auch der Blogartikel All der Horror! Was stimmt denn nicht mit dir? von Michael Leuchtenberger ist spannend für alle Fans seiner Werke und Horrorfans allgemein. Wer in Zukunft gerne auf Papierkrieg.Blog veröffentlichen möchte, darf mich gerne kontaktieren über M.Thurau[at]Papierkrieg.Blog oder über Twitter (sollte schneller gehen).

Unter den beliebtesten Blogeinträgen 2020 befinden sich außerdem:

Was noch?

Die neu gegründete Plattform Indie-Buecher.com sorgt für mehr Reichweite für Selfpublisher*innen und bewirbt exklusiv Indie-Autor*innen. Ein derartiges Projekt musste ich selbstredend unterstützen. Man findet mich und meine Werbe dort ebenfalls repräsentiert, z.B. hier: Matthias Thurau: Erschütterungen. Dann Stille.. Wer mich direkt unterstützen möchte und entweder bereits all meine Bücher besitzt oder einfach nur jemandem etwas Gutes tun will, kann mich direkt über meine Seite auf Ko-Fi.com unterstützen. Kleinste Spenden werden bereits dankbar entgegengenommen, nicht nur weil ich stets knapp bei Kasse bin, sondern auch als Geste der Wertschätzung, die ich (und andere) schlicht und ergreifend benötigen, um die Energie aufzubringen, um weiterzumachen.

Die Zukunft

Neben der Fortführung der laufenden Projekte (Blog, Buchensemble, Nikas Erben) werde ich mich auf mein Romanprojekt stürzen. Ursprünglich ist der Plan gewesen, es 2020 fertigzustellen und an Verlage/Agenturen zu verschicken. Stattdessen ist all das oben Erwähnte geschehen, was auch cool ist. Da ich bereits sämtliche bisher geplanten Blogeinträge bis Mitte April fertiggestellt habe, ist genügend Zeit für eine ordentliche Überarbeitungsrunde vorhanden. Auf dem Blog wird es zu jeder einzelnen Erzählung in Erschütterungen. Dann Stille. einen eigenen Blogeintrag geben. Veröffentlicht werden diese Texte dann jeweils samstags und mittwochs. Eventuell werden noch weitere, bisher nicht geplante Artikel hinzukommen. Wir werden sehen. Das große Projekt 2021 ist allerdings der zweite Roman. Die Rohfassung steht längst, aber es muss noch einiges daran getan werden. Packen wir’s an (oder so)!

Figurennamen suchen und finden

Über das Suchen und Finden passender Figurennamen.

In diesem Blogeintrag werde ich mich mit Namen in der Literatur beschäftigen. Es wird um die Suche nach ihnen und die Gründe für ihre Verwendung in eigenen und fremden Werken gehen. Ich fange an mit meiner üblichen Vorgehensweise auf der Suche nach Figurennamen und bespreche anschließend einige Beispiele aus bekannten Büchern und meinen bisherigen Veröffentlichungen.

Nomen Est Omen

Namen und ihre Träger*innen gehen eine sonderbare Symbiose ein. Immer scheinen sie zueinander zu passen. Die Person scheint bereits früh zu einem Horst, einer Claudia, einem Matthias oder einer Anna zu werden. Gleichzeitig assoziieren die Menschen in der Umwelt der Person fortan den gegebenen Namen mit der Person, vergleichen also neue Horsts, Claudias usw. mit dieser. Die Namensträger*innen verändern sich und verändern die von ihren Namen ausgelösten Assoziationen, aber Erwartungshaltungen der Umwelt bleiben grundsätzlich bestehen, auch wenn diese sich ebenfalls wandeln.

Als ich ein jüngerer Mensch war, konnte man die Namen Kevin oder Marvin fast als Beleidigung verwenden und alle Kevins/Marvins, die man kennenlernte, schienen die Vorurteile zu bestätigen. Heutzutage sind diese Namen gängiger und weit weniger belastet. Die Kevins und Marvins der Welt haben gute PR-Arbeit geleistet. Vermutlich sind es die gleichen Kevins und Marvins, die man früher für etwas langsam gehalten hat, weil sie eben Kevin und Marvin hießen, die heute nicht weniger intelligent wirken als jeder dahergelaufene Cornelius. Diese Verknüpfungen zwischen Namen und angeblicher Bedeutung dieser Namen, Rückschlüsse, die man automatisch zieht, Vorurteile usw. sollte man mitdenken, wenn man Figuren benennt – und vielleicht auch bei, wenn man Kinder benennt, denn es diese Assoziationen haben reale Konsequenzen, beispielsweise werden Kinder mit Namen, die man mit bildungsfernen Milieus gleichsetzt, häufig schlechter benotet für die selbe Leistung als Kinder mit anderen Namen.

Namen müssen (zu) ihren Figuren passen

Bevor ich einen Namen für eine Figur suche, muss ich mehr über die Figur wissen. Alter, Geschlecht (hier geht natürlich auch die bewusste Entscheidung für einen Namen, der keine direkten Schlüsse zulässt), Bildung usw. Hier muss man sich mit Vorurteilen abfinden, weil man mit Assoziationen arbeitet. Die meisten Leser*innen werden eine Cindi für weniger gebildet halten als eine Angelika – das angesprochene Kevin-Marvin-Cornelius-Problem. Natürlich kann man genau mit diesem Widerspruch spielen, aber auch dafür muss man sich zuvor entscheiden. Ähnliches gilt für das Alter einer Figur. Ein Helmut wirkt eindeutig älter als ein Finn. Haben wir mindestens diese Infos zur Figur zusammen, können wir weitergehen. (Gehen wir zunächst davon aus, dass wir keine tiefere Bedeutung in den Namen stecken. Beispiele dafür kommen aber später noch.)

Namenssuche

Die einfachste Variante der Namenssuche/-entscheidung ist eine spontane Assoziation. Manchmal steht der Name einfach plötzlich da. Und fertig. Wenn er passt, passt er.

Ich brauche meist ein wenig Zeit und mehrere Optionen. Haben wir Alter, Geschlecht und Wirkung geklärt, können wir suchen. Google hilft. „Jahrgang + beliebte Vornamen“ eingeben und man findet etliche Seiten mit den X beliebtesten Vornamen des angegebenen Jahrgangs, aufgeteilt nach männlich und weiblich. Es kommt selten vor, dass ich unter den Top 10 Namen keinen (zu allen Maßgaben) passenden finde. Am wichtigsten ist immer die richtige Assoziation: Hat der Name allein bereits eine Wirkung, die der Figur Leben einhaucht? Wen stellt ihr euch vor, wenn ihr von Rainer, Max, Ilse oder Nici hört? Oder wären Drago, Waldemar, Nicolette, Arian besser?

Natürlich kommt es auch auf euer Genre an. Dass meine Suche nicht gut für Fantasy- und Sci-Fi-Namen funktioniert, ist auch klar, oder man müsste die gefundenen Namen abwandeln und ans Genre anpassen. Das könnte gehen.

Namen mit Konzept

Es gibt viele Gründe, um Figuren Namen zu geben, die eigene Inhalte vermitteln, einem Programm folgen oder nach realen Personen oder literarischen Figuren klingen. Im Blogeintrag über Hommagen beziehungsweise im vorangegangen Themenartikel fürs Buchensemble hatte ich bereits den Bibliothekar Jorge in Der Name der Rose von Umberto Eco erwähnt, der eine Hommage an den Autor Jorge Luis Borges darstellt und daher Jorge heißt. Es steckt also ein Konzept hinter der Benennung der Figur (und vielen weiteren ihrer Eigenschaften). Franz Kafka, der viele seiner Figuren lediglich „K.“ nannte, folgte damit auch einem Konzept, einem kaum versteckten Selbstbezug. Als ich wiederum eine Figur in Das Maurerdekolleté des Lebens „K.“ genannt habe, bezog ich mich damit auf Kafka und seine Figurenbenennung.

Neben derartigen und ähnlichen Bezügen zwischen Namen gibt es natürlich noch die jene Figurennamen, die versteckte Bedeutungen haben und nicht Namen um des Namens Willen sind. Im Folgenden gehe ich auf einige Figurennamen aus meinen Werken ein. Gelegentlich wird gespoilert, aber das versuche ich in ertragbaren Grenzen zu halten.

Namen in Sorck

Beginnen wir im Zentrum. Martin Sorck, Protagonist meines ersten Romans Sorck, trägt seinen Namen nicht ohne Grund, wenn auch kein besonders ausgeklügeltes System dahintersteckt. Martin heißt er aufgrund der relativen Ähnlichkeit zu meinem eigenen Vornamen. Mein erstes Buch, meine erste Veröffentlichung, ein großes Ziel, auf das ich lange hingearbeitet habe. Natürlich musste dieser für mich monumentale Schritt eine klare Beziehung zu mir aufweisen. Mögliche weitere Parallelen zwischen mir und der Figur Martin Sorck verschweige ich an dieser Stelle. Sein Nachname kommt übrigens vom Sorck- oder Sorkc-Modell, das in der Verhaltenstherapie eingesetzt wird. Martins Geschichte ist eine Art Therapie für ihn, eine Sinnsuche und ein Kampf mit sich selbst. Außerdem klingt Sorck ein wenig nach „Sorge“, was der durchaus passende Ton für dieses Buch ist.

Auf Eva bin ich in einem eigenen Blogartikel eingegangen: Sorck: Eva. Auch auf die Frau Major, ihren Titel und Namen habe ich einen kompletten Artikel verwendet: Sorck: Frau Major. Eine wichtige Figur, die, sofern mich mein Gedächtnis nicht täuscht, noch so gut wie gar nicht aufgetaucht ist in meinen Blogtexten, ist Moses Arsonovicz. Es stand früh fest, dass diese Figur in die Geschichte gehört. Kurz darauf habe ich bei einer Autofahrt aus dem Fenster gesehen und eine etwas andere Schreibweise des Nachnamens gelesen. Dabei hatte ich sofort eine Assoziation: Arson-ovicz → Arson (engl.) = Brandstiftung. Feuer spielt eine wichtige Rolle in Sorck, daher passte der Name hervorragend. Da außerdem viele Namen und Vergleiche im Buch aus der Mythologie oder der Religion stammen und Moses Arsonovicz eine Art Spiegelfigur für Martin Sorck ist, so wie Moses in der Bibel für Jesus Christus (Vorwegnahme des Neuen Testaments im Alten Testament usw.), schien es mir nur logisch, dass ich Herrn Arsonovicz den Vornamen Moses geben würde. Damit stand auch nichts mehr der etwas irrsinnigen Buffet-Szene im Wege, in der Moses sich einen Weg durch das Meer hungriger Gäste bahnt wie, na ja, Moses durch das Rote Meer eben.

Namen in Das Maurerdekolleté des Lebens

Neben dem bereits oben erwähnten K. gibt es in Das Maurerdekolleté des Lebens nur einen weiteren Namen: Theo. „Theos“ im Griechischen bedeutet „Gott“. Es gibt zwei Gründe oder Varianten, warum ich Theo ausgerechnet Theo genannt habe. Die interessantere Variante lautet, dass Theo den gleichen Tag in mehreren Versionen durchlebt, verschiedene Möglichkeiten austestet, auch wenn er sich nicht daran erinnern kann, und dieses Privileg Menschen üblicherweise, soweit wir wissen, nicht gegeben ist. Gott wiederum, sofern man der christlichen Mythologie glaubt, kann und weiß alles, also auch dieses. Es gibt natürlich eine Ausnahme unter den Menschen: Autor*innen. Alle Literatur ist eine unendliche Studie in Möglichkeiten. Nicht umsonst sind wir Schöpfer*innen neuer, anderer, besserer und schlimmerer Welten. Damit wäre Theos Reise durch die Möglichkeiten eines Tages so etwas wie ein Symbol für das literarische Denken. Die Frage „Was wäre wenn?“ in Ausschnitten beantwortet, verdreht und in einem Namen verkörpert.

Die stupidere Variante lautet, dass ich, als ich mein Abitur im Abendgymnasium nachholte, einer Sitznachbarin erklärte, was das „Theo“ in „Theologie“ bedeutete, und sie mich fortan, weil ich ihrer Meinung nach alles wüsste, durchaus als Kompliment gemeint, gelegentlich Theo nannte. Damit hätte ich mich wiederum unaufdringlich selbst eingebracht (wie bereits beim vorher erwähnten Martin).

Namen in Erschütterungen. Dann Stille.

Es wird kaum verwundern, dass ich es auch in Erschütterungen. Dann Stille. nicht lassen konnte, mich selbst oder meinen Namen zu verbauen. In der Erzählung Der Spinner spiele ich neben anderen Dingen mit der Idee von Identität und mit der Kommunikation zwischen Autor*in und Figur – zusammengeknotet durch Surrealismus und ein wenig Multiversumstheorie. Um das Chaos zu komplettieren oder wenigstens das Identitätsspiel auf die Spitze zu treiben, habe ich den Protagonisten der Rahmenebene Matthias genannt. Er wiederum nennt Figuren, die er schreibt Mathias, Mateusz usw., nutzt also andere Schreibweisen oder anderssprachige Versionen des gleichen Namens. Details dazu wird es im passenden Blogeintrag im Januar geben. Zu jeder einzelnen Geschichte aus Erschütterungen. Dann Stille. wird es einen Artikel geben, weshalb ich hier nur anreiße, dass es im Buch Namensbezüge zu Robinson Crusoe, Caspar David Friedrich, Hannah Arendt und weiteren Personen oder Dingen gibt. Schaut mal rein, damit ich die ganze Denkarbeit nicht umsonst gemacht habe!

Fazit oder so

Irgendwo bei Jorge Luis Borges habe ich von der Macht der Namen gelesen. Davon, dass, als der Teufel aus dem Himmel verbannt worden ist, er einen Teil seines Namens und damit einen Teil seiner Macht einzubüßen hatte. Davon, dass derjenige Macht über den Golem hatte, der ihm einen Namen in die Stirn ritzte oder ihn wegwischte. Davon, dass der Name Gottes den Wissenden Macht bringe. Von der doppelten Namensgebung der alten Ägypter: einen öffentlichen und einen geheimen Namen. Wäre mein Gedächtnis ein besseres, hättet ihr den Vorteil einer Zusammenfassung. So verweise ich euch auf Borges’ Essays. Lest sie einfach alle, dann macht ihr nichts falsch!

Wie man als Autor*in in die Zeitung kommt

Wie man als Selfpublisher*in in die Zeitung kommt und wie ein Pressetermin abläuft.

Am 07.12.2020 ist auf der Seite der Ruhr Nachrichten ein Artikel über mein neuestes Buch Erschütterungen. Dann Stille. erschienen. Bereits am folgenden Tag wurde der Artikel mit der Printausgabe verteilt. Aufgrund von Kooperationen war der Bericht nicht nur in dieser Zeitung, sondern auch beispielsweise in der Westfälischen Rundschau zu lesen. Bevor ich erkläre, wie es dazu gekommen ist, welche Informationen für die Zeitung interessant sind, wie das Gespräch abgelaufen ist und welche Konsequenzen der Artikel für mich hatte, poste ich den Link zur Online-Ausgabe. Leider versteckt er sich hinter einer Paywall:

Erschütterungen. Dann Stille: Hombrucher veröffentlicht ersten Erzählband

Vorgeschichte

Der Artikel ist bereits der dritte über mich und meine Bücher in der Ruhr Nachrichten. Bereits beim ersten Bericht, der sich mit dem Roman Sorck beschäftigte, hatte ich einen Blogartikel verfasst. Auch beim zweiten Zeitungsartikel, der sich um Alte Milch drehte, folgte ein Blogartikel. Diese Information ist vielleicht ganz interessant, wenn es darum geht, wie einfach es diesmal trotz minimaler Komplikationen wieder gewesen ist, einen Platz in der Zeitung zu ergattern.

Der Kontakt

Für den ersten Artikel hatte ich sämtliche in der Gegend aktiven Zeitungen kontaktiert, ähnlich wie man es mit passenden Buchblogs macht, um rezensiert zu werden. Leider hatte nur die Ruhr Nachrichten geantwortet. Als es diesmal darum ging, Erschütterungen. Dann Stille. außerhalb meiner Reichweite auf Twitter und dem Bekanntenkreis zu vermarkten, habe ich gar nicht erst überall nachgefragt, sondern mich nur bei meinem Kontakt für die ersten beiden Artikel gemeldet.

Journalist*innen sind auch nur Menschen. Außerdem sind sie schreibende Menschen. Damit sind sie uns literarischen Autor*innen nicht unähnlich. Entsprechend sind wir (der Journalist Marc D. Wernicke und ich) damals recht schnell zum Du übergegangen und konnten uns nach dem ersten professionellen Gespräch auch über andere Dinge unterhalten. Man könnte das Networking nennen, aber ich glaube, wir beide haben uns einfach als Menschen verstanden, und das ist immer die beste Basis. „Leider“ (das heißt, er hat gute Gründe und ist glücklich) ist Marc aus Deutschland weggezogen. Dennoch stellte er nach meiner Information, dass ein neues Buch veröffentlicht worden ist, sofort den Kontakt zur Journalistin Alexandra Wachelau her, die sich wiederum noch am gleichen Tag meldete. Damit war der Anfang längst gemacht.

Ablauf

Ich bin ein nervöser Mensch. Neben anderen Gründen schreibe ich diesen Artikel, weil ich genau weiß, dass es mir ungemein hilft, wenn ich im Vorfeld weiß, wie Dinge genau ablaufen. Das nimmt einen Teil der Unsicherheit aus dem Spiel. Für alle, denen es genau so geht, ist dieser Abschnitt des Blogeintrags. Wie es damals ablief und wie nervös ich da war, kann man am besten im Artikel über Sorck nachlesen: Sorck: Ein Zeitungsartikel. In Zeiten der Pandemie ist der Ablauf wie alles andere etwas anders.

Der Kontakt war hergestellt. Nun folgten zunächst E-Mails. Es mussten die Grundlagen geklärt werden. Während der Pandemie wollen auch Journalist*innen nicht ihr Leben riskieren, um Content liefern zu können. Absolut verständlich. Daher wurde von einem Treffen abgesehen und ein Telefonat vereinbart. Ich hasse Telefonate mit Fremden, aber ich finde den Gedanken schlimmer, dass mein Buch nicht verkauft und gelesen wird. Da es sich tatsächlich nicht gut verkauft, leide ich hier doppelt. Danke für Nichts, 2020. Weiter im Text.

Da ich keine große Reichweite habe, waren weder mein Name noch meine Arbeit bei der Journalistin bekannt. Nachvollziehbar. Aber da niemand gern unvorbereitet in Gespräche startet, hatte ich mehrere Blogartikel in den E-Mails verlinkt – generelle Infos zum Buch, Leseproben – und habe mich bereit erklärt, weitere Infos nachzuliefern, falls Interesse bestünde. Auch habe ich ein Autorenfoto mitgeschickt, da auch Fotograf*innen ihre Gesundheit nicht für ein Bild riskieren möchten, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Zum Foto kommen wir nachher.

Welche Infos interessiert die Presse?

Die Frage ist im Grunde leicht zu beantworten: Alles, was ein Buch außergewöhnlich macht, ist interessant. Alleinstellungsmerkmale – ob nun Alleinstellungsmerkmale des Buches oder des/der Autors/Autorin, ist egal – sind interessant. Eine Erkenntnis hat mich bei allen Zeitungsartikeln vor zu großer Nervosität bewahrt, und zwar, dass die Journalist*innen und die Zeitung kein Interesse daran haben, das Buch oder mich schlecht zu machen. Sie brauchen Content und müssen im Bericht mehr oder weniger bestätigen, dass die Sache, über die sie berichten, berichtenswert ist. Ansonsten würden sich Leser*innen fragen, warum sie das Zeug überhaupt lesen. Kein*e Journalist*in wird in einem Fall wie meinem schreiben, dass es das Buch gäbe, es aber nicht lesenswert sei. Warum dann der Bericht? Wäre ich bereits berühmt, sähe es anders aus. Dann könnte man mit Verrissen Aufmerksamkeit erzeugen.

Daraus kann man weiter schließen, dass alles, was verkaufsfördernd oder gut fürs Marketing ist, auch interessant für die Presse ist: Alleinstellungsmerkmale. Es nicht einmal besonders wichtig, ob die erwähnten Eigenschaften überhaupt Alleinstellungsmerkmale darstellen, sondern nur, ob sie als solche aufgefasst werden könnten. Ein Beispiel wäre, dass ich nicht der Meinung bin, dass Figuren oder Ich-Erzählinstanzen, deren Geschlecht ungeklärt bleibt, im Jahr 2020 noch Alleinstellungsmerkmale darstellen oder darstellen sollten, auch wenn ich in Erschütterungen. Dann Stille. zum ersten Mal bewusst damit gearbeitet habe. Dennoch ist der Gedanke – nicht nur, dass es so gehandhabt werden könnte, sondern auch, dass man darüber überhaupt nachdenken oder darauf achten könnte; der komplette Diskurs eigentlich – für viele Menschen fremd oder neu und daher erwähnenswert für die Zeitung.

Kurz: Denkt darüber nach, was den Zeitungsleser*innen neu oder interessant erscheinen könnte, bevor ihr in ein Gespräch geht! Das gibt euch Sicherheit und (was mir bei derart nervösen Angelegenheiten wichtig ist) es verkürzt das Gespräch immens. Damit möchte ich übrigens nicht sagen, dass das Gespräch an sich unangenehm gewesen wäre, denn es lief sehr freundlich ab, sondern dass Telefonate mit Fremden generell unangenehm sind für mich.

Das Gespräch

Auch wenn man nicht vergessen sollte, dass Journalist*innen „nur“ Menschen sind, sollte man auch daran denken, dass sie im Gespräch ihren Job erledigen und dafür nicht unendlich viel Zeit haben. Das finde ich beruhigend. Eine aus reiner Neugierde interessierte Person hat potenziell keinen Endpunkt für das Gespräch im Kopf. Das Interesse würde mich freuen, aber die Endlosigkeit wäre anstrengend.

Es gibt einen vorgefertigten Fragenkatalog, der sich auf den Infos aufbaut, die man zuvor liefert oder die anderweitig recherchiert werden. Man kann also das Gespräch im Vorfeld manipulieren/beeinflussen, indem man entsprechende Informationen liefert. Aber wie läuft es dann konkret ab?

Während es im direkten Gespräch oft mit Smalltalk beginnt, kommt man im Telefonat schneller auf den Punkt. So ist es jedenfalls diesmal gewesen und so würde ich es selbst auch handhaben. Begrüßung, Frage, Antwort, Frage, Antwort, Witzchen, aufgelockerte Stimmung, Frage … Das bedeutet (für alle andere Nervösen da draußen): Wenn es nicht anders geht, beantwortet man nur extrem knapp alle Fragen und bringt es hinter sich. Das geht. Ich bin nur knapp daran vorbeigeschlittert.

Am Ende des Gesprächs gibt es immer noch die eine letzte Frage: „Haben Sie noch etwas, das Sie über Ihr Buch sagen wollen?“; oder: „Möchten Sie noch etwas hinzufügen?“ Sofern ihr beim Gespräch das Gefühl gehabt haben solltet, dass wichtige Punkte untergegangen sind, ist das eure Chance. Diesmal hatte ich sogar noch eine weitere Chance.

Nachbearbeitung & Das Foto

Mein übliches Autorenfoto, das man immer mal wieder online sehen kann, hatte ich auch zu Alexandra Wachelau geschickt. Allerdings hatte ich mir bereits gedacht, dass das ein Problem sein könnte. Zeitungen veröffentlichen ungern Fotos, deren Rechte sie nicht besitzen. Außerdem pflegen Zeitungen einen bestimmten Stil, den sie beibehalten wollen. Lokalzeitungsfotos erkennt man. Daher ist ein professionell geschossenes und offensichtlich gestelltes Foto problematisch.

Dieses Problem haben wir am Ende des Telefonats thematisiert. Da ich am nächsten Tag Besuch von einem guten Freund, der übrigens auch immer einen Anteil an der relativen Fehlerfreiheit meiner Bücher hat, erwartete, konnte ich versprechen, dass ich Fotos in einem passenderen Stil nachliefern würde. Das wiederum hat mir zusätzliche Bedenkzeit gegeben, um das Telefonat zu verarbeiten und darüber nachzudenken, was ich vergessen haben könnte. Zwei Tage nach dem Gespräch also habe ich das Foto und nachgelieferte Informationen verschickt. Damit war die Sache aus meiner Hand. Weitere zwei Tage später ist der Artikel online gewesen.

Glänzende Augen

Der Grund für den halbwegs selbstbewussten Gesichtsausdruck und den Glanz in den Augen auf dem Foto hat einen Namen: Jack Daniels. Missversteht das bloß nicht als Aufforderung! Ihr seht nicht besser aus und redet nicht klügeres Zeug, wenn ihr trinkt. Es kommt euch höchstens so vor. Allerdings kann ich nicht anders, als daran zu denken, dass mein Gesicht nur so aussieht, wie es auf dem Foto aussieht, weil ich bereits eine Weile vorher zu trinken angefangen hatte. Vielleicht sehe ich nüchtern besser aus. Ich weiß es nicht. Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.

Tipp zum Foto: Solltet ihr ebenfalls selbst ein Foto besorgen müssen, fragt vorher nach dem Format! Ruhr Nachrichten verwendet üblicherweise Querformat, aber ich hatte Hochformat geliefert. Das ist übrigens der Grund, warum das Buch nicht (vollständig) zu sehen ist – je nach Ausgabe ist es mal gar nicht und mal nur die Kante zu sehen.

Konsequenzen und Gründe

Als Autor möchte ich bekannt werden und letztendlich vom Schreiben leben können. Das ist mein Traum. Ohne diesen Traum wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich durch einen derartigen Strudel der Nervosität zu zwingen. Allerdings ist mir bewusst, dass ich viel Zeit, Mühe und Ambiguitätstoleranz benötige, um mein Ziel zu erreichen. Leider kann ich daher hier nicht davon berichten, dass ich nach jedem Zeitungsartikel stapelweise Bücher verkaufen würde. Allerdings steigen die Verkaufszahlen ein wenig. Für mich ist ein solcher Artikel hauptsächlich eine Investition in die Zukunft. Man liest meinen Namen in Verbindung mit Literatur. Idealerweise passiert das immer wieder. Auf Twitter, auf meinem Blog, auf anderen Blogs, beim Buchensemble , in der Zeitung, bei Interviews oder man hört ihn bei Podcasts. Irgendwann, hoffe ich, sieht man ein Buch von mir irgendwo, und denkt: Den Namen kenne ich. Das reicht manchmal schon.

Von allem Verkaufskram abgesehen tun ein solcher Zeitungsartikel und seine Auswirkungen einfach gut. Man nennt mich öffentlich „Autor“. Menschen kommen auf mich, meine Familie und meine Freund*innen zu und sagen: „Matthias ist in der Zeitung, großartig!“ Das streichelt das Ego. Manchmal braucht man als Autor*in diese kleinen Streicheleinheiten, selbst wenn man eigenständig dafür gesorgt hat. Genießt das! Sowas tut euch gut und macht die Arbeit besser, es gibt Energie für weitere Projekte und bringt Anerkennung. Impostor Syndrome ist bei Autor*innen weit verbreitet und das ist ätzend. Mir geht es oft genug so. Daher erzwinge ich manchmal Momente des Stolzes und der Anerkennung. Das muss sein. Ich weiß, was ich kann. Ich muss nur mich und die Welt daran erinnern.

Hinweis: Zeitungsartikel

Dank Pandemie gab es keinen Besuch, sondern ein freundliches Telefonat. Dabei ist dieser Zeitungsartikel im Lokalteil der Ruhr Nachrichten entstanden. Die Paywall wird für viele den 1minütigen Lesespaß verhindern, aber es geht um Erschütterungen. Dann Stille. und einige Hintergrundinfos.

Hombruch veröffentlicht ersten Erzählband