Erschütterungen. Dann Stille.: Der König

Über die Kurzgeschichte “Der König” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Mit 244 Wörtern ist Der König eine der kürzesten Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille.. Aber dennoch gibt es einiges darüber zu erzählen. An dieser Stelle wieder die Warnung vor Spoilern für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben.

Fantasy, aber nicht wirklich

Man kann sich darüber streiten, ob Phantastik und Fantasy das Gleiche sind oder welcher Begriff welchen mit einschließt. Fakt ist, dass ich Fantasy nicht lese, aber in Filmen mag. Phantastik wiederum (im Sinne von Surrealismus, Magischem Realismus usw.) lese ich sehr gern.

Warum lese ich Fantasy nicht? Nun, ich lese sehr langsam und habe unzählige Bücher auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Würde ich jetzt noch ein Genre wie Fantasy hinzufügen, das bekannt dafür ist, dass viele Geschichten in Reihen erscheinen und viele Bücher recht dick sind (>500 Seiten), verlöre ich alle Hoffnung, irgendwann einmal durchzukommen. Natürlich: Will man je „durchkommen“?

In der Twitter-Buchbubble gibt es allerdings viele Fantasy-Autor*innen und ich bekomme einiges mit. Das ist sicherlich ein Grund, warum ich Der König geschrieben habe.

Inspirationsquellen

Mich erinnert Der König ein wenig an die Filme Pans Labyrinth und Hellboy II. Ob ich das bereits beim Schreiben gedacht habe, weiß ich nicht mehr. Vermutlich nicht. Aber die Idee der unterirdischen Königreiche oder der in die Menschenwelt verstoßenen Herrscher kommt auch dort vor. Vermutlich noch in etlichen anderen Filmen.

Bewusster inspiriert wurde ich von einem anderen Film: Dolomite Is My Name. Zuerst wirkt das abwegig, oder? Was mich beim Schauen des Films gestört hat, war das Verhalten der Hauptfigur den Obdachlosen gegenüber, von denen er die Idee für seine Shows hatte. Er unterhält sich mit ihnen, notiert deren Sprüche und Witze, kreiert eine Bühnenfigur, die auf ihnen basiert, und wird mit der Nummer berühmt. An keiner Stelle werden die Obdachlosen, deren Ideen er zum Teil einfach geklaut hat, mehr erwähnt. Das hatte mich geärgert und deshalb ist es in meine Geschichte eingeflossen.

Diskussionsgrundlage

Es gibt mehrere mögliche Interpretationen für Der König. Alle führen zu moralischen Diskussionen, ob nun über Plagiate, die schlechte (oder teils nicht vorhandene) Bezahlung für geistige Arbeit oder die Own-Voice-Debatte. Die Geschichte ist darauf ausgelegt, Gedanken und Diskussionen zu inspirieren. Sie gibt keine eindeutige Lösung oder Interpretation vor. Ich selbst würde dem Schlusssatz des Ich-Erzählers nicht zustimmen, aber das kann man anders sehen. Nur weil der König als Figur im Kopf oder real all jene Abenteuer erlebt hat und das grundsätzlich eine spannende Sache ist, wird damit die Ausschlachtung der Geschichte nicht gerechtfertigt. Oder?

Macht

Wie in vielen meiner Geschichten spielt Der König mit dem Begriff der Macht. Die Figur des obdachlosen Königs hatte einmal Macht (oder glaubt, welche gehabt zu haben) und hat sie verloren. Aufgrund seines Zustands hat der Ich-Erzähler Macht über ihn und nutzt diese aus. Das ist aus meiner Sicht übrigens der Grund, warum das Vorgehen des Ich-Erzählers den Leser*innen unmoralisch erscheint. Wäre der König noch König und der Ich-Erzähler hätte sein Reich entdeckt und dann darüber berichtet, sähe die Sache ganz anders aus. Einen König zu bestehlen, scheint weniger verwerflich zu sein.

Fazit

  1. Solltet ihr Macht haben, nutzt sie nicht gegenüber Machtlosen aus!
  2. Es ist befriedigender und moralisch weniger verwerflich, sich selbst Geschichten auszudenken.

Grundthema: Macht/Ohnmacht, Kontrolle/Kontrollverlust

Manchmal muss man sich Schriftsteller Zeit nehmen und reflektieren, welche Grundthemen die eigenen Geschichten verbinden. Nicht immer ist das vorher klar und nicht immer ist es direkt zu erkennen. Man ist während der Arbeit zu nah am Text, um derartige Fragen im Blick zu haben. Nach Abschluss des Schreibprozesses steht dann meist das nächste Projekt an. Daher sollte man sich aktiv Zeit nehmen, so wie ich es beispielsweise gestern mal wieder bei einem langen Spaziergang getan habe.

Meine Prosa behandelt durchgehend einen Themenbereich aus verschiedensten Perspektiven und mit unterschiedlichen Ansätzen: Macht (beziehungsweise Kontrolle). Neben einer aufs Individuum bezogenen Ebene, auf die ich später zu sprechen kommen werde, erhält das Thema heutzutage wieder große Aktualität aufgrund der damit verbundenen Datenschutzproblematik, Big Data, Fake News und anderen kontrollierender, einordnender und manipulierender Kräfte und Mechanismen. Mit den Daten, die Firmen wie Amazon, Google oder Facebook über ihre Kunden sammeln, ist soziale Kontrolle und Manipulation bis ins Persönlichste hinein möglich. Wenn man genug über eine Person weiß, kann man sie lenken. Die Kunden selbst geben diese Macht weitestgehend freiwillig ab. Staaten beginnen diese und eigene Systeme zu nutzen, um ihre Bürger zu kontrollieren.

Ein weiterer Aspekt der Thematik wäre die bewusste oder unbewusste soziale Kontrolle. Moden, Einstellungen und Verhaltensweisen werden von der Gesellschaft gefordert. Wer abweicht, wird bestraft durch soziale Ausgrenzung. Der gesamte Komplex rund um Sexualität, Geschlechterrollen, psychischer und körperlicher Gesundheit (bzw. Krankheit) usw. fällt in diesen Bereich.

Der Bezug des Grundthemas zum Individuum ist vermutlich der Auslöser meiner Beschäftigung damit. Kontrolle im Sinne von Selbstkontrolle: steuern können, was man selbst tut, sagen können, was man denkt, mitteilen können, was man fühlt, Sucht, Abhängigkeit, Zwangsstörungen. All das fällt für mich hinein.

Man könnte weitere Punkte anführen und über jeden einzelnen der drei besprochenen Punkte könnte beinahe endlos schreiben und diskutieren (denn so mancher Aspekt hat auch Vorteile). Außerdem ist alles,was ich aufgezählt habe, untrennbar miteinander verwoben. Sucht ist nicht nur ein persönliches Problem, sondern auch ein soziales und damit politisches. Längst sind soziale Medien ein einflussreicher Part des gesellschaftlichen Lebens…

An dieser Stelle breche ich ab. Es juckt mir in den Fingern den direkten Bezug zu Sorck herzustellen und zu zeigen, inwiefern Kontrolle/Kontrollverlust und Macht/Ohnmacht aufgegriffen und verarbeitet werden. Das werde ich auch noch tun, aber nicht in nächster Zeit. Detaillierte Besprechungen des Romans werden folgen, sobald meine Leserinnen und Leser die Chance hatten, das Buch auch tatsächlich zu lesen. Übrigens werden auch die nächsten Projekte allesamt mit Macht und Ohnmacht zu tun haben.

Bevor mir vollends klar wurde, dass es dieses Thema ist, das ich bearbeite, wunderte es mich selbst, dass meine Geschichte häufig ins Dystopische abdrifteten. Das ist nun geklärt.

Eine Leseprobe des Romans gibt es hier: Sorck: Leseprobe

Einen ausführlicheren Artikel findet ihr hier: Sorck – Unsortierte Infos zum Debütroman

Unter der Kategorie “Sorck” (im Klappmenü rechts) finden sich weitere Beiträge zum Roman.

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