Erschütterungen. Dann Stille.: Gen Pop

Über die Erzählung “Gen Pop” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Kaputter macht Kaputten kaputter. Willkommen in unserer Gesellschaft. Gen Pop ist ein kurzer Text über Selbst- und Fremdwahrnehmung oder eine Geschichte über menschliche Abgründe. Erschütterungen. Dann Stille. hat mehrmals solche Geschichten zu bieten. Im Folgenden wird gespoilert werden. Lest am besten zuerst den Text und dann diesen Blogeintrag.

Content Notes: Gefangenschaft, Vergewaltigung(sandrohung)

Alleine sind wir stark

Mike ist die Vorstufe des Ich-Erzählers. Er ist einer von uns. Mike ist arrogant, wenn wir dem Erzähler glauben dürfen, hält sich für besonders und alle anderen für weniger wert. Mike ist, was ich einmal gewesen bin. In meinem Teenager-Kopf hießen sie nicht „Gen Pop“, sondern „Statisten“. Alle waren Statisten in einem Film, der sich nur um mich drehte. Das ist nur einen Hauch entfernt von waschechtem Solipsismus.

Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es nicht nur mir schlecht gehen kann, sondern auch anderen. Schmerz adelt, aber nicht für sich, sondern durch seine Auswirkungen, durch das verstärkte Mitgefühl, durch mehr Empathie und dadurch, dass wir daraus lernen. Schmerz adelt, wenn er uns nicht zu Monstern macht, sondern zu besseren Menschen. Besser, als wir vorher waren. Der Ich-Erzähler ist nicht geadelt, sondern pervertiert. Er sieht nicht sich selbst in Not in Mike, sondern eine Herausforderung seiner eigenen Sonderstellung. Vielleicht meint er sogar zu helfen, indem er Mike endgültig ruiniert.

Die Wahrheit stinkt

Jede Nische meines Verstandes war mein eigen, ich hatte keine Geheimnisse mehr vor mir. Ihr könnt euch den Gestank nicht vorstellen […]

Diesen klitzekleinen Part mag ich besonders. Der zweite Satz bezieht sich im Gesamtkontext auf den Kellerraum, in dem der Ich-Erzähler 14 Tage lang ohne Möglichkeit ordentlicher Körperhygiene verbracht hat. Zoomt man allerdings heran, wie ich es oben getan habe, schneidet nur diesen Part aus, bezieht sich der Gestank auf die Innenwelt des Sprechers. Er hat jede Ecke seiner Persönlichkeit mit offenen Augen gesehen, selbst die dreckigsten Stellen. Das könnte befreien, zerstört aber hauptsächlich.

Ein Gegenteil von Gen Pop

Es gibt mehrere mögliche Gefängnisexistenzen außerhalb der Normalbevölkerung. Eine Variante, eben die, um die es geht, ist Einzelhaft. Eine Strafe, die die wenigsten vertragen können. Der Mensch ist ein derart soziales Wesen, dass er lieber unter Mördern und Vergewaltigern leben möchte, als komplett allein zu sein. Schlimmer: als ohne Ablenkung mit sich selbst allein zu sein. 14 Tage Einzelhaft brechen wohl die meisten.

Man bedenke als nächstes, dass es amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse gibt, in denen sämtliche Gefangenen 23 Stunden pro Tag allein in ihren Zellen verbringen, damit es nicht zu Zwischenfällen unter den Insassen kommt. Meiner Meinung nach ist das grausam. Allerdings findet das in einem Land statt, in dem der Gefängnisbetrieb immer mehr privatisiert wird, Firmen an Gefangenen (und deren Billigarbeit) verdienen und Gewalt jedweder Form in Gefängnissen an der Tagesordnung ist.

Ist euch mal aufgefallen, dass es inzwischen ein gängiges Motiv in amerikanischen Krimi-Serien ist, dass die Polizist*innen Verdächtigen nicht mit dem Gefängnis an sich, sondern mit Vergewaltigungen dort, drohen? Abartig.

US-amerikanische Kulturhegemonie

Warum kenne ich überhaupt Begriffe wie „Gen Pop“ und weiß besser über das Gefängniswesen der USA Bescheid als über das deutsche? Die Antwort liegt in den Sümpfen der Kulturhegemonie versteckt. Wir werden von Kindheit an mit amerikanischen Werten und Werken bombardiert: Musik, Filme, Serien, Spielzeug. Obwohl die Chinesen sich mehr und mehr in Hollywood einkaufen und japanische Animes einen Teil der Kindererziehung übernommen haben, gehört der Großteil des Einflusses noch immer den USA. Viele unserer Ideen stammen von dort. Wir sind niemals unbeeinflusst.

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken recht weit entfernt liegen vom Kern der Geschichte, und dennoch lohnt es sich, gelegentlich darüber nachzudenken, wo die eigenen Ideen, Vokabeln und Vorstellungen herkommen und wieso sie in unseren Köpfen stecken. Globale Entwicklungen sind nicht immer global im Sinne einer von überall her stammenden Entwicklung, sondern zu häufig im Sinne einer Entwicklung, die von einem Ort (bewusst) ausgeht und sich dann weltweit verbreitet.

Erschütterungen. Dann Stille.: Der Mitatmer

Über die Kurzgeschichte “Der Mitatmer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Der Mitatmer ist ursprünglich für eine andere Anthologie, nämlich die kommende von Nikas Erben, geschrieben worden, für die aber andere Geschichten ausgewählt worden sind. Das gibt den Leser*innen meines Erzählbandes Erschütterungen. Dann Stille. die Gelegenheit eine der unangenehmsten Kurzgeschichten zu lesen, die ich bisher verfasst habe. Wer Der Mitatmer noch nicht gelesen hat, sei an dieser Stelle vor Spoilern gewarnt.

Content Notes: Unfreiwillige (extreme) Nähe, Angst

Etwas atmet mit

Wenn man mit dem oder der Liebsten eng umschlungen im Bett liegt, nicht redet, aber einander atmen spürt und langsam den Rhythmus einander angleicht, ist das herrlich. Gleichermaßen stelle ich es mir absolut grausig vor, wenn jemand oder etwas so nahe vorm Gesicht ist, dass er oder es mitatmen kann. Das ist wohl der Grund dafür, dass dieses Bild in Erschütterungen. Dann Stille. in zwei verschiedenen Geschichten in unterschiedlicher Form vorkommt und sogar in Sorck kurz (und harmloser) auftauchte.

Im Roman Sorck ist es der unsichtbare alte Wolfsmann, der sich die Finger im Atem der Wanderer wärmt. In Schlammläufer taucht eine Figur auf, von der gesagt wird, dass diese „Ersticken atmet“, wenn sie vor einem steht. Und in Der Mitatmer ist diese spezielle Horrorvorstellung von totaler ungewollter Nähe der Kern der ganzen Geschichte.

Punkte im Blickfeld

Seit etwa einem Jahr sehe ich manchmal Punkte. Sie sind wie kleine Schwimmer, die jede*r mal hat, aber es handelt sich um eine winzige Stelle am Auge, die nicht so straff ist, wie sie sein sollte. Laut Augenarzt gibt es keinen Krankheitsbefund und außerdem würden die allermeisten Menschen, die so etwas haben, es gar nicht bemerken. Nur wer häufig auf Buchstaben schaut, bemerkt diese Flecken überhaupt. Das hat irgendwas mit dem Erkennen von Linien zu tun, wenn ich mich recht entsinne. Das jedenfalls war es, was mich zu Der Mitatmer inspiriert hat. Das große Was wäre wenn am Anfang jeder Geschichte. Was wäre, wenn diese Flecken die Form eines Gesichts hätten und es mich nicht mehr losließe. Ein herrlicher Albtraum.

Autounfälle

Autounfälle sowie Verletzungen und Todesfälle dabei sind leider nicht selten. Ich habe nur zwei kleine Unfälle in Autos miterlebt, wurde dafür als Kind einmal über den Haufen gefahren. Vermutlich hat das weiter nichts mit der Auflösung von Der Mitatmer zu tun, aber persönliche Details in solche Artikel einzubauen, könnte mich nahbarer erscheinen lassen. (Das war ein Witz, denke ich.)

Wie bin ich aber dann auf einen Autounfall als Auslöser des Angstdaseins der Ich-Erzählinstanz gekommen? Autos haben Fensterscheiben. Die Fahrer*innen sind getrennt von der Welt um sie herum, aber sie können sie dennoch sehen. Sie sollten sie sehen. Sind Autofahrer*innen unaufmerksam und schauen nicht richtig hin, kann es zu Unfällen kommen. Schauen sie genau im richtigen oder falschen Moment hin, sehen sie alles, was sie nicht sehen wollen.

Diese scheinbare Abgeschlossenheit von der Welt, der Beobachter-Status durch die große Frontscheibe und der unzweifelhafte Einfluss der Fahrer*innen auf die Welt sind eine spannende Kombination und lassen sich so in Der Mitatmer wiederfinden. Abgeschlossen, allein, beobachtend, sogar allein beobachtend und das alles wegen des negativen Einflusses, den die Ich-Erzählinstanz auf das Opfer hatte, und die Schuldgefühle, die daraus folgten.

Wer trägt Schuld?

Die Frage der Macht oder des Umgangs mit Macht oder des Umgangs mit den Auswirkungen von Macht ist eng verbunden mit der Frage nach Schuld. Das habe ich auch kurz angespielt in der Geschichte Schildbürger. Auto- und Busfahrer*innen haben eine enorme Macht, weil sie eine tonnenschwere Maschine schnell bewegen und damit jede ungeschützte Person in ihrem Weg ausradieren können. Viele fahren so, als gäbe es diese Möglichkeit nicht, als könnte ihnen nichts geschehen, beziehungsweise als könnten sie anderen nichts antun. Geschieht es dann doch, ist es eine Frage des Charakters, wie sie damit umgehen.

Wer seine Macht unterschätzt und sieht, was man mit ihr angerichtet hat, kann daran zerbrechen, daran wachsen oder einfach eiskalt die gleiche Person bleiben. Meine Figuren können nicht die gleichen bleiben, weil ich nicht der gleiche bleiben könnte.

An dieser Stelle könnte ich natürlich auf die viele Arten von Macht hinweisen, die man haben kann, ohne dass man jemals darüber nachdenkt. Gerade Männer wissen oft nicht, was sie anzurichten imstande sind und was sie tatsächlich anrichten. Man darf Der Mitatmer gerne entsprechend lesen, aber beim Schreiben hatte ich daran nicht gedacht. Beinahe ironisch, oder?

Erschütterungen. Dann Stille.: Am Fluss

Über die Kurzgeschichte “Am Fluss” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Erschütterungen. Dann Stille. ist seit 15.11.2020 veröffentlicht. 2020 hatte meine Pläne massiv durcheinander gewirbelt, aber immerhin diese Veröffentlichung konnte ich noch raushauen, bevor das Horrorjahr endete.

Dieser Blogeintrag ist der erste einer ganzen Reihe zum neuen Erzählband Erschütterungen. Dann Stille.. Es wird zu jeder Geschichte einen Blogeintrag geben (und später vielleicht noch weitere zu bestimmten Details oder Aspekten). In einigen Blogeinträgen wird es Content Notes geben, wenn die Themen schwieriger sind. Ich folge der Reihenfolge der Geschichten im Buch, damit alle Leser*innen möglichst viel Zeit haben, um aufzuholen. Wir fangen also an mit Am Fluss, der ersten Story im Buch.

Content Notes: Tod, Trauma

Am Fluss

Am Fluss im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille. gehört zu den ganz wenigen Geschichten, die ich spontan und ohne Planung verfasst habe. Auf diese Weise schreibe ich extrem selten. Sie ist an einem Tag entstanden, an dem ich nicht wusste, woran ich arbeiten sollte, oder nicht an dem arbeiten wollte, woran ich sonst hätte arbeiten können. Textdokument auf und losgetippt. Im Folgenden erzähle ich von der Erzählung. Wer sie noch nicht gelesen hat, sei hiermit vor Spoilern gewarnt!

Das Ding mit den Katzen

Wie bin ich da bloß drauf gekommen? Ich weiß es nicht mehr. Ich mag Katzen und Katzen mögen mich. Aber es gibt viele Menschen, die Katzen mögen, und deshalb gibt es potenziell viele Leser*innen, die sich von einer Katzengeschichte gefangen nehmen lassen. Vielleicht war das ein Teil der Idee.

Eine Assoziation, die in Am Fluss auch kurz erwähnt wird, ist die mit alten Zeichentrickfilmen. Als Kind habe ich noch regelmäßig Tom & Jerry geschaut. Mehr als einmal gibt es darin Szenen, in denen Säcke mit Kätzchen in den Fluss geworfen werden. Manchmal überleben sie. Aber ich erinnere mich auch an eine Szene, in der die durchnässten Kätzchen am Himmelstor stehen und begrüßt werden. Natürlich wird es nicht gezeigt, aber es wird angedeutet, dass sie ersäuft worden sind. Die Vorstellung fand ich immer abstoßend und vielleicht spürt man das beim Lesen auch.

Kruppkes matschiges Gemüt

Mit der Figur Kruppke wollte ich es mal mit einem gröberen, aber dennoch freundlichen Charakter versuchen. Ich habe viele solcher Menschen kennengelernt. Nette Leute, aber mit einem Hang zur Gewalt, die außerdem relativ leicht manipulierbar sind. Man redet ihnen etwas ein und sie glauben, sie träfen eigenständige Entscheidungen. Der Erzähler kennt Kruppke schon seit der Kindheit und weiß um seine Manipulierbarkeit. Man könnte meinen, dass er Kruppke deshalb auf die Frau hetzen, ihn zum Täter machen würde. Aber die Gewalt geht niemals von Kruppke aus, sondern zuerst von der Frau (den Katzen gegenüber) und dann vom Erzähler der Frau gegenüber. Liegt es daran, dass der Erzähler seinen alten Kumpel nicht mit hineinziehen wollte in die Angelegenheit? Ich denke nicht. Der Erzähler hat einige fiese Züge, die in einem derart kurzen Text natürlich nur angedeutet werden konnten, beispielsweise in seinem Wissen, dass Kruppke manipulierbar und dass er zur Gewalt fähig ist. Man kann schließen, dass er dieses Wissen schon getestet hat.

Der Erzähler hat schlicht die Kontrolle über sich verloren auf der Brücke. Oder? Nicht ganz. Was er tut, ist ein aus Wut entstandener, aber sehr kontrollierter Akt: er nähert sich, spricht mit der Frau und setzt den Einfall mit dem Anorak um. Er hätte auch einfach zuschlagen können.

Wiederkehrendes Trauma / repetitive Hölle

Das Prinzip eines Kreislaufs oder vielmehr einer Spirale innerhalb von Geschichten gefällt mir. Filme wie Predestination faszinieren mich. Was ich meine, sind Geschichten, deren Ende am Anfang anknüpft, einen Kreislauf bilden, oder deren Ende sogar den Anfang bedingt. Das letzte Bild von Am Fluss ist das Bild aus der Kindheitserinnerung des Erzählers, die seine Gefühle und seine Tat vorherbestimmt haben. Es handelt sich um ein anderes Kind, aber man kann schließen, dass es sich um einen Kreislauf (oder eher eine Spirale) handelt und sich das Trauma und die Rache bis in alle Zeit wiederholen wird. Das wird noch gestützt dadurch, dass der Erzähler selbst das Kind hört. Vielleicht hat es in seiner Kindheit ebenfalls einen Zuhörer gegeben. Er muss keineswegs der Start der Spirale sein. Kann man die Spirale durchbrechen? An Opfer (dem Kind) ist es nicht gelegen, dass es später zum Täter wird, sondern an Täter*in Nr. 1 (der Frau auf der Brücke). Das Problem einer solchen Spirale ist, dass sie nur von außen durchbrochen werden kann.

Stilfragen

Spricht der Erzähler mit Kruppke, klingt er ganz anders, als wenn er der/dem Leser*in erzählt. Allgemein klingt die Sprache, finde ich, alltagsnäher in dieser Geschichte als in vielen anderen. Am Fluss ist sprachlich kein fein gedrechseltes Himmelbett, sondern ein Ikea-Bettgestell mit günstiger Matratze. Man liegt bequem und es passt zu den restlichen Verhältnissen.

Geschuldet ist der Sprachstil einerseits der spontanen Entstehung der Rohfassung und andererseits der Tatsache, dass der Erzähler ein (vom Trauma abgesehen) ganz normaler Typ sein sollte. Er ist zwar clever, aber nicht besonders intelligent, sonst hätte er bessere Lösungen gefunden als einen möglichen Mordversuch (und hätte wohl auch seinem Kumpel nicht erzählt, dass er vor Ort gewesen ist).

Dass ich keine Sorck’schen Monsterformulierungen mehr schaffen will in nächster Zeit, habe ich bereits mehrmals an verschiedenen Stellen erwähnt. Es passt nicht mehr zu meiner Ansicht über gute Literatur oder zu der Person, die ich inzwischen geworden bin. Manche Geschichten sind komplexer (formuliert) und andere simpler. Ich muss nicht tagelang Fremdwörterbücher durchforsten, um gute Geschichten zu schreiben. Ich schreibe sie mit dem passendsten Vokabular, nicht mit dem verdrehtesten – doch wenn beides zusammenfällt, dann ist das eben so.

Jahresrückblick 2020: Mein literarisches Jahr

Literarischer Jahresrückblick 2020: Veröffentlichungen, Zeitungsartikel, Blogeinträge, Interviews, Podcasts …

Zum Abschluss der dreiteiligen Reihe zum Jahresrückblick auf das turbulente Jahr 2020 schreibe ich über das Schreiben, besser: über das Geschriebene, über Veröffentlichungen, Projekte, Erfolge und Rückschläge. Einmal im Jahr darf man sich selbst feiern und das werde ich hier an manchen Stellen auch tun – aber nicht überall. Schauen wir mal.

Das Chaos, die Seuche und ihre Auswirkungen

Kaum jemand wird damit gerechnet haben, dass das Jahr 2020 einen derartigen Überfluss an Bullshit über Menschheit und Erde auskippen würde. Ich werde jetzt nicht anfangen über Politik und Verhalten der Menschen zu schimpfen, sondern erwähne lediglich, dass mich (hauptsächlich) die Pandemie stark beeinflusst hat. Zu diesen negativen Einflüssen gehört, dass ich mehr Zeit für alles brauchte, zeitweise kaum zu arbeiten vermochte und sich entsprechend meine Pläne nicht einhalten ließen. Im Lichte der Gegebenheiten kann ich dennoch stolz sein auf meinen Output, auf alle Veröffentlichungen, Buchgeburtstage und Kooperationen, die 2020 zustande gekommen sind. Schieben wir einfach mal den ganzen Dreck beiseite und feiern mich, okay? Ich brauche das zum Jahresabschluss.

Die Jährung der ersten Bücher

Im Mai 2020 jährte sich die Veröffentlichung meiner allerersten Veröffentlichung. Mein erster Roman Sorck feierte Buchgeburtstag. Dank einer Preis- und Werbeaktion konnte ich noch einige neue Leser*innen hinzugewinnen. Ansonsten, muss ich leider zugeben, scheint die Zeit meines skurrilen Romans vorerst vorbei zu sein, jedenfalls was Verkäufe angeht. Als Selfpublisher*in kann man ohnehin nicht mit großen Erfolgen rechnen, schon gar nicht außerhalb der gängigen SP-Genres. Schade ist es dennoch. Vielleicht sollte ich mich mehr auf Marketing konzentrieren. Es hat allerdings auch im Jahre 2020 eine Rezension gegeben auf dem Reisswolfblog.

Auch der Gedichtband Alte Milch hat 2020 Geburtstag gefeiert, wurde allerdings nicht nur von der Welt, sondern sogar von mir vergessen. Peinlich. Im Unterschied zu Sorck ist für Alte Milch die Zeit nicht wirklich abgelaufen, weil es nie eine Zeit hatte. Es wartet geduldig auf Zeiten, in denen wieder Lyrik gelesen wird. Ich bin dennoch stolz auf beide Bücher. Sie sind ein Teil von mir und werden es immer bleiben. Für einige Leser*innen bedeuten die Bücher viel. Das weiß ich. Das freut mich immer wieder. Wenn sich gelegentlich noch neue Leser*innen für die beiden finden sollten, werde ich mich freuen.

Neue Bücher

Im März habe ich mich zurückgemeldet mit einer kleineren Veröffentlichung: Das Maurerdekolleté des Lebens. Diese drei zusammenhängenden Erzählungen, die in der limitierten Printversion 54 Buchseiten einnahmen, sollten einerseits aufgrund einer angestrebten Regelmäßigkeit, was Neuerscheinungen angeht, alleinstehend herausgebracht werden. Andererseits wollte ich Leser*innen die Chance bieten, für sehr wenig Geld über Leseproben hinaus in meine Werke zu schauen. Rein pragmatisch könnte ich auch noch anführen, dass diese drei Geschichten mit ihrer Länge in einem Sammelband einen großen Anteil eingenommen und deshalb nicht recht reingepasst hätten. Rezensionen hat es gegeben beim Reisswolfblog sowie auf KeJas Wortrausch.

Dieser Sammelband ist dann mit Erschütterungen. Dann Stille. im November erschienen. Eine Weile war angedacht, die Erzählungen aus Das Maurerdekolleté des Lebens doch noch einzufügen und die vorherige Veröffentlichung als eine Art Single-Auskopplung zu betrachten. Allerdings konnte ich 29 Geschichten auf meinem PC finden, die innerhalb der letzten zwei Jahre entstanden sind und mir noch immer gefallen. 29 sind genug. Sonst hätte ich eher noch eine der weiteren 10-30 Erzählungen hinzugefügt, die ich zuvor aussortiert hatte. Auch auf Erschütterungen. Dann Stille. und auf Das Maurerdekolleté des Lebens bin ich ausgesprochen stolz. Ich finde, sie zeigen, dass ich vielseitig schreiben kann, permanent arbeite, permanent liefere und niemals uninteressant werde dabei.

Eine Konsequenz der beiden neuen Veröffentlichungen ist natürlich, dass ich mir 2021 vier Buchgeburtstage zu merken habe.

Zeitungsberichte, Interviews und Gespräche

Genau wie für Sorck und Alte Milch hat es auch zu Erschütterungen. Dann Stille. einen Zeitungsartikel der Ruhr Nachrichten gegeben, und wie immer einen Blogartikel dazu. Die Rückmeldung Bekannter und Verwandter sowie indirekt Bekannter und Verwandter von Bekannten und Verwandten hat mir Kraft gegeben und mich aufgebaut. Im Blogartikel habe ich erwähnt, dass dieser Effekt Teil meiner Idee dahinter gewesen ist. Man muss sich selbst Siege verschaffen, sofern es möglich ist. Dieses Jahr brauche ich Siege.

2019 hatte es bereits Interviews gegeben, in denen ich die Fragen von Blogger*innen beantwortet habe. 2020 sind weitere hinzugekommen. Nachzulesen sind die Interviews auf JenLovesToRead und Das Bambusblatt. Ich freue mich immer, wenn ich bei solchen Aktionen mitmachen darf. Welche*r Autor*in spricht nicht gerne über die eigenen Werke und den Schreibprozess? Unter ein bisschen Selbstverliebtheit leiden wir doch alle.

Wer lieber meine Stimme hören möchte, anstatt lediglich meine Antworten zu lesen, kann entweder die Tracks im Blogartikel Ton und Entfaltung: Lyrikfetzen anhören oder einen der mehreren Podcasts anschalten, bei denen ich dieses Jahr zu Gast sein durfte. Auf Kia Kawahas Patreon-Seite habe ich an den Podcasts Bücher und Leseempfehlungen und Unser Schreibprozess mitgewirkt. Das hat mir bereits Spaß gemacht. Noch mehr Spaß hatte ich allerdings beim Podcast von S.D. Foik und seinem Podcast Buch und Bühne. Unsere gemeinsame Folge hieß Der Krieg des Autors mit der leeren Seite und drehte sich zu meiner großen Freude zu einem erheblichen Teil um Musik.

Neue Netzwerke und eine Überraschung

Networking ist keine Spezialität von mir. Ich unterhalte mich einfach gerne mit anderen Autor*innen, Blogger*innen und Kreativen. Gezielt entwickelt sich da gar nichts, aber manchmal entstehen Projekte oder Kooperationen (wie die erwähnten Podcasts). 2020 hat direkt zwei größere Vernetzungspunkte gebracht. Lange musste ich geheim halten, dass ich eingeladen worden bin, für Nikas Erben zu schreiben. Dieses Autor*innenkollektiv veröffentlicht regelmäßig hochwertige Anthologien und ich wollte schon lange Teil des Teams werden, hatte aber nie angefragt. Nun bin ich dabei. In der nächsten Anthologie werden direkt zwei meiner Erzählungen, eine sehr kurze, eine etwas längere, erscheinen. Sie sind gewohnt düster und seltsam, aber in einem Fall horrorlastig und im anderen so etwas wie Fantasy mit Gesellschaftskritik und einem Moraldilemma vermischt.

Eine Weile später hat man mir die Freude gemacht, mich zu fragen, ob ich beim Buchensemble mitmischen wollte. Natürlich wollte ich! Das Buchensemble besteht aus Rezensent*innen, die allesamt auch Autor*innen sind. Wir lesen und rezensieren Bücher verschiedenster Art. Bisher sind folgende Rezensionen von mir veröffentlicht worden:

Außerdem werden immer mal wieder Themenartikel geschrieben. Von diesen durfte ich auch bereits einen schreiben mit Lesen und gelesen werden: Was macht das mit uns? Zu den im Themenartikel entwickelten Gedanken habe ich noch zusätzlich einen Blogartikel verfasst: Inspiration und Hommagen. Man könnte nun meinen, dass es für mich keinen großen Unterschied machen sollte, ob ich hier auf Papierkrieg.Blog Rezensionen veröffentliche oder mit mehr Reichweite beim Buchensemble, aber für mich ist der Unterschied enorm. Man schenkt mir Anerkennung und Reichweite, weil man meine Meinung für interessant und relevant genug hält, um auf einer fremden Plattform zu veröffentlichen.

Wie wichtig das Ego ist bei Autor*innen, die sich zu schnell dem Imposter Syndrom gegenüber sehen, sieht man spätestens daran, dass ich die Veröffentlichung beim Literaturmagazin Syltse im Titel als Überraschung bezeichnet habe. Bei einer Ausschreibung mitzumachen, bringt nunmal die Möglichkeit mit sich, dass man veröffentlicht wird. Es gibt Texte, auf die man besonders stolz ist, und dazu zählt für mich Ich rezensiere mich, den Text in der Winterausgabe des Syltse-Magazins.

Papierkrieg.Blog

Für Personen wie mich, die schon am Alltag zu kauen haben, wie aber auch für alle anderen Menschen, ist es neben all den bereits erwähnten Punkten allein schon eine Leistung, einen Blog zu betreiben und 2020 mindestens einen Blogeintrag pro Woche abzuliefern, der jeweils durchdacht, recherchiert und überarbeitet worden ist. Auch darauf bin ich stolz.

Es schmälert meinen Stolz keinesfalls, dass der am häufigsten geklickte und gelesene Blogeintrag dieses Jahr ein Gastbeitrag von June T. Michael gewesen ist: BDSM als Utopie. Gerne kooperiere ich mit den Betreiber*innen anderer Plattformen und arbeite genau so gerne mit Personen zusammen, die bei mir veröffentlichen wollen. Gerade dieser Beitrag ist sehr lesenswert, doch auch der Blogartikel All der Horror! Was stimmt denn nicht mit dir? von Michael Leuchtenberger ist spannend für alle Fans seiner Werke und Horrorfans allgemein. Wer in Zukunft gerne auf Papierkrieg.Blog veröffentlichen möchte, darf mich gerne kontaktieren über M.Thurau[at]Papierkrieg.Blog oder über Twitter (sollte schneller gehen).

Unter den beliebtesten Blogeinträgen 2020 befinden sich außerdem:

Was noch?

Die neu gegründete Plattform Indie-Buecher.com sorgt für mehr Reichweite für Selfpublisher*innen und bewirbt exklusiv Indie-Autor*innen. Ein derartiges Projekt musste ich selbstredend unterstützen. Man findet mich und meine Werbe dort ebenfalls repräsentiert, z.B. hier: Matthias Thurau: Erschütterungen. Dann Stille.. Wer mich direkt unterstützen möchte und entweder bereits all meine Bücher besitzt oder einfach nur jemandem etwas Gutes tun will, kann mich direkt über meine Seite auf Ko-Fi.com unterstützen. Kleinste Spenden werden bereits dankbar entgegengenommen, nicht nur weil ich stets knapp bei Kasse bin, sondern auch als Geste der Wertschätzung, die ich (und andere) schlicht und ergreifend benötigen, um die Energie aufzubringen, um weiterzumachen.

Die Zukunft

Neben der Fortführung der laufenden Projekte (Blog, Buchensemble, Nikas Erben) werde ich mich auf mein Romanprojekt stürzen. Ursprünglich ist der Plan gewesen, es 2020 fertigzustellen und an Verlage/Agenturen zu verschicken. Stattdessen ist all das oben Erwähnte geschehen, was auch cool ist. Da ich bereits sämtliche bisher geplanten Blogeinträge bis Mitte April fertiggestellt habe, ist genügend Zeit für eine ordentliche Überarbeitungsrunde vorhanden. Auf dem Blog wird es zu jeder einzelnen Erzählung in Erschütterungen. Dann Stille. einen eigenen Blogeintrag geben. Veröffentlicht werden diese Texte dann jeweils samstags und mittwochs. Eventuell werden noch weitere, bisher nicht geplante Artikel hinzukommen. Wir werden sehen. Das große Projekt 2021 ist allerdings der zweite Roman. Die Rohfassung steht längst, aber es muss noch einiges daran getan werden. Packen wir’s an (oder so)!

Wie meine Texte klingen

Über Musik, die klingt, wie sich meine Texte für mich anfühlen.

Am 21.10.2020 durfte ich zu Gast sein beim Podcast Buch und Bühne (Spotify | Apple Podcasts | Anchor) des Thriller-Autors S.D.Foik: Der Krieg des Autors mit der leeren Seite. Vorab hatte er mir angekündigt, dass ich ein Musik-Ranking zu einem passenden Thema aufzustellen hätte. Ich habe mich für „Alben, die wie meine Texte klingen“ entschieden. Da ich nur 5 Alben nennen durfte, sehe ich mich gezwungen, ergänzend diesen Artikel zu verfassen.

Alben, die wie meine Texte klingen

  • Eels: Blinking Lights and Other Revelations | Song: Ugly Love
  • Battle of Mice: A Day of Nights | Song: Bones In The Water
  • Tom Waits: Small Change | Song: The Piano Has Been Drinking
  • Igorrr: Savage Sinusoid | Song: Probleme d’Emotion
  • Dopethrone: Hochelaga | Song: Sludgekicker

Wie im eingebetteten Tweet oben zu sehen, verbinde ich Musik und Bücher im Kopf mit Farben (und manchmal mit räumlichen Dimensionen). Eindrücke sind verwoben. Deshalb klingen die 5 Alben oder viele Songs davon für mich tatsächlich wie Texte von mir, beziehungsweise sehen so aus. Das trifft allerdings auch auf andere Songs zu. Deshalb hatte ich mich hingesetzt und überlegt, welche Aspekte ich unterbringen wollte. Folgende Liste kam dabei herum:

  • Traurig
  • Versoffen
  • Verzweifelt
  • Dreckig
  • Mit Humor
  • Verdreht/Weird

So sehe ich meine Gedichte und Geschichten. Sie tragen alle mindestens einen der Aspekte, meist mehrere in sich. Traurig auf verschiedenen Levels sind auch alle 5 Beispielsongs der Alben, versoffen klingen besonders The Piano Has Been Drinking und Sludge Kicker, verzweifelt wäre definitiv Bones In The Water (die Schreie kriegen mich jedes Mal), dreckig ist erneut Dopethrone, humorig Tom Waits und weird ist wohl die passendste Beschreibung für alle Tracks von Igorrr.

Subjektivität

Vermutlich nehme ich Texte als auch Musik anders wahr als andere. Sicherlich sogar. Dadurch, dass ich extremere Genres zu hören gewohnt bin, lösen die 5 Songs möglicherweise nicht das in mir aus, was sie in anderen auslösen (oder umgekehrt). Das ist mir klar, weshalb ich die Erklärung sowie den doppelten Ansatz (Gefühl und Aussagenliste) für nötig gehalten habe.

Enge Konkurrenz

Von allen 5 Künstler*innen(-gruppen) gäbe es noch weitere Beispielsongs und Alben, die ich hätte wählen können. Außerdem gab es auch noch enge Konkurrenz mit anderen Interpret*innen und Bands. Platz 5 beispielsweise ist nur sehr knapp nicht an Saint Vitus mit I Bleed Black gegangen. Da fehlte mir ein wenig der „dreckig“-Aspekt. Anstelle von Ugly Love hätte beinahe Not In Love von Crystal Castles gestanden. Außerdem wurden A Solitary Reign von Amenra, Stress Builds Character von Dystopia und Bleed Me An Ocean von Acid Bath aus der Liste verdrängt. Sie hätten alle eine Erwähnung verdient. In einer 10er-Liste wären sie aufgetaucht.

Andere Listen

Zwei weitere Listen waren optional angedacht, aber nie vollständig ausgearbeitet worden. Songs, die mich aktiv zu Texten inspiriert haben, wären Sad Eyes und Not In Love von Crystal Castles. Beide liefen auf Repeat, während ich die Geschichte Not In Love für den neuen kommenden Erzählband geschrieben habe.

Eine Liste mit großartigen Tracks, die entweder von Literatur beeinflusst worden sind oder selbst als Spoken Word Tracks literarische Qualitäten besitzen, sollte niemandem vorenthalten werden. Vielleicht arbeite ich diese noch vollständig aus. Bisher habe ich:

  • John Doran: Hubris (Album; Spoken Word Tracks)
  • Santana: Abraxas (Album; inspiriert von Hermann Hesses Demian)
  • Tom Waits: What’s He Building? (Track auf Mule Variations)
  • Clutch: Release The Kraken (Track auf Jam Room; inspiriert von griechischer Mythologie)

Musik in Sorck

Im Roman Sorck tauchen ebenfalls einige Songs und Bandnamen auf, besonders in der Bar-Szene, als Martin Sorck Eduardo kennenlernt. Martin will zu Bohemian Rhapsody von Queen abgehen, während die Prollo-Urlauber Schlager fordern. Monday Monday von The Mamas And The Papas wird als Kompromiss gespielt. Später wird Martin verwöhnt mit Black Sabbath, Led Zeppelin und sogar Slayer. Nicht viel später hören wir die wummernden Bässe einer Techno-Party andernorts.

Gegenseitige Inspiration

Dass Autor*innen und deren Arbeit andere Autor*innen inspirieren, ist logisch. Eben so logisch ist es eigentlich, dass sämtliche Künste sich gegenseitig beeinflussen und inspirieren. Schon immer hat es Musik zu Texten und umgekehrt gegeben, Skulpturen von literarischen Figuren und Bilder natürlich auch. Auch wenn ich leider keine Musik machen und auch nicht zeichnen/malen kann, genieße ich diese und andere Künste mit voller Kraft. Das merkt man meinen Texten immer wieder an und mit Sicherheit auch meinem Auftritt im Podcast „Buch und Bühne“ von S.D.Foik.

Die Grenzen der Rezension

Was können Rezensionen auf Buchblogs leisten und wo liegen die Grenzen? Bieten sie eine Alternative zur klassischen Literaturkritik?

Wo liegen die Grenzen einer Rezension?

Immer mal wieder wird über die Zukunft (oder fehlende Zukunft) der deutschen Literaturkritik diskutiert. In diesem Rahmen taucht auch stets ein Seitenhieb gegen Buchblogs und Rezensionsportale auf. Das Argument dabei: Rezensionen sind nicht mit dem Feuilleton gleichzusetzen, weil sie subjektiv-unprofessionell statt objektiv-professionell sind. Stimmt das? Zerstören Buchblogs den Feuilleton, ohne eine bessere Alternative zu bieten/sein? Was können, was wollen Rezensionen online leisten und wo liegen ihre Grenzen?

Veraltetes Denken

Die Verlagerung irgendwelcher Themengebiete aus gedruckten Zeitungen ins Internet heutzutage noch anzuprangern oder das gesamte online verfügbare Material sowie die online geführten Diskussionen als minderwertig zu betrachten, ist im höchsten Grade unzeitgemäß. Schließt man das Internet kategorisch aus der Literaturlandschaft aus, steht sie tatsächlich kurz vor dem Ende.

Das Internet bietet unzählige Wege, um Meinungen und Gedanken ungefiltert zu verbreiten. Je mehr Menschen (auch Leser*innen) dies nutzen, desto mehr Müll wird verbreitet. Das ist logisch. Gleichzeitig wird mit steigender Nutzung allerdings auch mehr Qualität geliefert. Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem wenigstens hierzulande praktisch jede*r das Internet nutzt und ein Großteil aller Diskussionen rund um Themen wie Literatur online stattfinden. Welche Qualität das erreichen kann, sieht man beispielsweise an Blogs wie 54books.de. Abtun kann man diese Entwicklung nicht mehr.

Was leisten Rezensionen?

1. Meinungsfindung

Person A liest ein Buch und schreibt ihre Meinung auf. Person B liest die Meinung und entscheidet, ob sie das Buch ebenfalls lesen möchte. So simpel ist das. Rezensionen dienen also der Entscheidungsfindung potenzieller Leser*innen. Das ist besonders nützlich, wenn man an die fast unendliche Auswahl auf Suche nach einem neuen Buch denkt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verzeichnete für 2018 insgesamt 71548 Erstauflagen, 70395 für 2019. Dabei sind die meisten der vielen Selfpublishing-Werke nicht mitgerechnet. Außerdem kamen in beiden Jahren noch ziemlich genau 9800 Übersetzungen ins Deutsche dazu. Zusätzlich darf man nicht vergessen, dass auch in anderen Sprachen gelesen wird und dass die Titelproduktion seit Jahrhunderten läuft.

Findet man einen Buchblog, dessen Rezensent*innen einen ähnlichen Geschmack wie den eigenen bewiesen haben, hilft dies ungemein, denn jede Entscheidung im Leben kostet Zeit und Kraft.

2. Meinungsabgleich

Ab und an liest man ein Buch und möchte eine zweite Meinung hören oder eben lesen. Nicht immer finden sich Freund*innen, mit denen man sich darüber unterhalten kann. Eine Tour durch einige Buchblogs kann da helfen. Manchmal wird die eigene Meinung bestätigt (was immer gut tut), manchmal wird sie verändert (weil andere Aspekte, die man nicht bedacht hatte, erwähnt werden) und manchmal wird der eigenen Meinung vollständig widersprochen. Das kann interessant oder frustrierend sein. Wenn wir mal davon ausgehen, dass man nicht mit beleidigenden Kommentaren reagiert, könnte alles, was sich nicht komplett mit der eigenen Meinung deckt, zu Punkt 3 führen:

3. Diskussion

Dank Kommentar-Funktion, Social-Media-Verknüpfungen und anderen Kontaktmöglichkeiten können Leser*innen direkt und schnell mit Rezensent*innen ins Gespräch kommen. Das ist (meistens) eine gute Sache. Es kommt zum Austausch, Perspektiven werden erweitert. Dieser Part war immer ein grundlegender Teil des Kulturbetriebs.

3.a Keine Diskussion

Da leider viel zu viele Menschen die scheinbare Anonymität des Internets nutzen, um beleidigend und verbal-aggressiv die eigene Meinung zu verfechten, anstatt argumentativ zu diskutieren, kommt es zu einem traurigen Phänomen. Es gibt wenige negative Rezensionen, um 1. den Autor*innen nichts vermeintlich Böses zu tun und 2. keinen Streit mit Fans dieser Autor*innen zu provozieren. Obwohl das sehr gut nachvollziehbar ist, hat das unschöne Konsequenzen: Diejenigen, die laut und beleidigend sind, gewinnen, und die positiven Bewertungen verlieren an Wert, weil es keine negativen mehr gibt. Wenn alles gut ist, ist nichts besonders.

Aber wer will von Menschen, die aus Leidenschaft und unbezahlt arbeiten, verlangen, dass sie sich ständig Streitereien aussetzen? Damit kommen wir zum nächsten Punkt.

Was können Rezensionen nicht leisten?

Buchblogs werden, wie gesagt, in den allermeisten Fällen betrieben von Privatpersonen, Leser*innen, Fans. Das bedeutet, dass sie nicht nur nicht davon leben können, sondern häufig sogar nichts verdienen und noch draufzahlen. Sie lesen gerne und teilen ihre Meinung. Mehr wollen sie nicht und mehr sollte man auch nicht verlangen. Da Buchblogs allerdings (angeblich?) den Feuilleton verdrängen und ihr Einfluss in der Literaturszene wächst, sollte man sich bewusst machen, was sie nicht können.

1. Objektive Kritik üben

Man könnte jetzt fragen, ob man Literatur überhaupt objektiv bewerten kann. Ich sage: zum Teil ja. Es gehört Handwerk zum Schreiben. Außerdem gibt es eine lange Literaturgeschichte. Wer die Feinheiten des Handwerks erkennen und bewerten möchte, braucht eine entsprechende Ausbildung sowie Zeit und Muße, um sich weiterzubilden. Ohne Bezahlung ist das kaum möglich. Wer erkennen möchte, ob Stilmittel, Story, Aufbau und andere Elemente eines Buchs neu oder selten sind, braucht die gleichen Voraussetzungen, welche Buchbloggern üblicherweise fehlen.

2. Feindseligem Ansturm standhalten

Mit Sicherheit gibt es Buchblogger, die ihre Meinung deutlich formulieren, nichts schönen und jeder Attacke standhalten können. Aber diesen Stress, gerade in der Öffentlichkeit des Internets, wollen sich viele nicht antun. Warum auch? Es handelt sich um ein Spaßprojekt. Bezahlte Kritiker*innen allerdings können, sollen, müssen dies leisten. Sie stellen sich hin und kritisieren. Aus meiner Sicht werden sie zum Teil für ihre Zeit und Arbeit, zum Teil für die Angriffe von außen, die Diskussionen und die Wut von Autor*innen bezahlt.

Wollen Rezensionen das leisten?

Nein, jedenfalls meistens nicht. Mit dem Wissen, das ich mir angeeignet habe, versuche ich, den Rezensionen beim Buchensemble einen hohen Standard zu geben und mehr zu verbreiten als bloß meine Meinung. Diskussionen sind mir willkommen, Streit brauche ich nicht. So wird es vielen Buchbloggern gehen.

Abschlussworte

Der Feuilleton hat seine Berechtigung. Geistige Arbeit sollte gewürdigt und bezahlt werden! Nur weil etwas online abläuft, sollte es nicht kostenlos sein. Entsprechend sollte auch der Online-Feuilleton besser vergütet werden. Buchblogs bedienen, denke ich, in den allermeisten Fällen ein anderes Publikum, lesen andere Titel und sind daher kein Ersatz. Sie können und wollen keine Alternative sein, sondern ein gänzlich anderes Medium. Vielleicht sollte die kränkelnde Literaturkritik die Schuld an ihrer Misere nicht bei anderen Elementen der Literaturszene suchen, sondern beim schwindenden Interesse der Leserschaft sowie jenen, die die Praxis unbezahlter und schlecht bezahlter geistiger Arbeit aufrecht erhalten.

Gastbeitrag: June T. Michael über BDSM als Utopie

Wie BDSM mithilfe richtiger Kommunikation und gerechten Miteinanders zum Utopie-Entwurf wird.

Wer schreibt hier eigentlich?

Ich schreibe unter dem Pseudonym June T. Michael queere BDSM-Geschichten aus der Welt von Arl Sere. Das hat sich einfach so ergeben – ebenso, wie ich eigentlich vollkommen zufällig ins Erotik-Genre gestolpert bin, hat sich dann zwangsläufig das Thema „BDSM“ herausgeschält und ich lasse mich in der Hinsicht von den Figuren führen. Wenn ich also gefragt werde, warum genau dieses Thema, diese Texte, dann kann ich zwar gerne rückwirkend Dinge herleiten (wie den Beginn mit der Lektüre furchtbarer Erotikzitate auf Twitter und die Frage, ob ich, wenn ich schon meine, es besser zu können, es nicht einfach machen soll – aber da war mehr und ich kriege es nicht zusammen), aber keinen Ausgangsfunken rekonstruieren, der das „Genau so, genau das“ in meinem Geist entzündete.

Im Vanilla-Job mache ich was mit Textarbeit und Bildbearbeitung, meine Abschlüsse habe ich unter anderem im Bereich „Literaturwissenschaft“. Und wenn ich nicht gerade aktivistisch-queere BDSM-Texte schreibe, fülle ich meine Freizeit mit Gartenarbeit und Twitter.
Außerdem bin ich autistisch und bemühe mich, in einer nicht wirklich für mich gebauten Welt zurechtzukommen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Auch darüber schreibe ich häufig auf Twitter.

June T. Michael - Zwischen Eis & Feuer

Am 01.08.2020 erschien „Gefangen zwischen Eis und Feuer“ – Band 1 meiner Reihe „Erotische Abenteuer in Arl-Sere“. Die Reihe ist so angelegt, dass die einzelnen Bände auch unabhängig voneinander gelesen werden können, es macht allerdings mehr Spaß, sie am Stück zu lesen. Derzeit ausschließlich auf Amazon. Es handelt sich dabei um einen Genremix: Fantasy trifft auf Slice of Life, es geht hier also nicht um epische Abenteuer, bei denen Staaten und Welten auf dem Spiel stehen, sondern um Probleme des Alltags, nur dass diese durch das fantastische Umfeld zusätzlich beeinflusst werden. Explizite Erotik trifft auf BDSM – dabei ist es mir wichtig, gerade letzteres abseits vom leidigen „Fifty Shades of Grey“-Image aufzuzeigen. Man kann eine Geschichte über Wesen, die sich gerne schlagen und erniedrigen lassen, schreiben, und gleichzeitig eine Geschichte über Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme erzählen.

So viel zu meinem Projekt und mir.

Warum ausgerechnet BDSM?

Interesse an entsprechenden Dynamiken hatte ich eigentlich schon sehr lange, zum Teil im Teenie-Alter, auch wenn mir das Vokabular dafür nicht geläufig war – ich habe mich für sexuelle Dinge schlicht und ergreifend nicht interessiert. Sex war etwas, das anderen passierte und die Erkenntnis, dass die Verquickung von asexuellem Spektrum und Interesse an Kink vollkommen normal ist und es auch andere gibt, denen es genauso ging, war erleichternd. Als ich noch zur Schule ging, erschwerte dies allerdings jede Recherche, teils auch, weil ich meine entsprechenden Interessen nicht als erotisch empfand oder nicht in Worte umwandeln konnte, die Suchanfragen ergeben würden.

Später, viel später, rutschte ich durch vollkommenen Zufall in ein Text-RPG rein – meine Figur wurde in einem öffentlichen Ort angeschrieben –, das auf einmal eine kinky Dynamik entwickelte. Anfangs kam ich mit dem sogenannten „Hausverstand“ irgendwie durch, dann fing ich behutsam an, zu recherchieren und irgendwie verselbstständigte sich das. An dem RPG schreiben wir immer noch, inzwischen kann es sein, dass wir an der fünfstelligen Anzahl an Wordseiten kratzen …

Und ich habe eins festgestellt: Es macht unglaublich Spaß, entsprechende Szenen zu schreiben. Viel mehr Spaß, als mir entsprechende Vanilla-Szenen je gemacht haben. Die Frage wäre, warum und damit kommen wir zum nächsten Punkt.

BDSM-Utopie – wie soll das gehen?

Ich bezeichne mein Buch – und eigentlich die gesamte Reihe – gerne mal als BDSM-Utopie. Dazu muss ich etwas ausholen, was ich unter den jeweiligen Dingen verstehe und wie der Widerspruch zwischen einem Spielsystem, das auf Machtgefälle beruht und dem Konzept einer gerechten Welt aufgelöst werden kann.

Utopien sind stets zeit- und kontextabhängig. Zwischendurch kursierte beispielsweise eine US-Theorie, die ich beim besten Willen nicht mehr auffinden kann, weil sie leicht widerlegt werden konnte, der zufolge Platons „Idealstaat“ aus der Politeia eigentlich eine Satire darstellen sollte. Aus unserer Sicht ist der Staat so weit weg von dem, was wir unter Gerechtigkeit verstehen, dass es nur satirisch gemeint sein könne, ausgerechnet so einen Staat als Ideal zu propagieren. Andere Autor*innen entsprechender Literatur, wie der Namensgeber Thomas Morus, brechen von vornherein ihre eigenen Werke in satirischer Form und zeigen somit auf, dass der perfekte Staat zwar literarisch als Gegenentwurf der herrschenden Umstände dargestellt werden kann, es jedoch unmöglich ist, ihn jemals zu errichten.

Andere Utopien wiederum, wie beispielsweise „La città del Sole“ von Tommaso Campanella, mögen zu ihrer Entstehungszeit und aus der Sicht der Verfassenden noch utopisch sein, wären aber für moderne Menschen so weitab von allem, was in irgendeiner Form wünschenswert wäre, dass der utopische Gedanke zur Dystopie wird.

Darum habe ich gar nicht erst versucht, eine Universalutopie zu verfassen. Das ginge auch gar nicht. Ich schreibe entdeckend, somit weiß ich noch nicht, wie alle Staaten von Arl Sere aussehen, aber von den drei mir bisher bekannten ist nur ein Staat für kinky Wesen zugänglich, nämlich Erytan. Ebenso ist Erytan offen für Wesen, die nicht in die Genderbinarität passen (also Leute wie mich). Dass sogar Wesen nach Erytan auswandern, weil dort trans- und nicht-binäre Wesen einfach in ihrem Geschlecht leben können, wird in den auf meinem Blog veröffentlichten Drabbles deutlich, in denen eine trans Frau namens Camelia eine Rolle spielt – in einem davon stellt sich heraus, dass sie gar nicht aus Erytan stammt.

Erytan hat dafür andere Probleme, die dafür sorgen, dass auch dieser Staat seine Unperfektionen hat. Einige davon lösen sich erst im Verlauf des Text-Rollenspiels, da dieses jedoch hundert Jahre nach meinem Roman spielt, bleiben diese Konfliktpunkte dort erhalten oder spitzen sich sogar vermehrt zu.

Das utopische Element ist hier tatsächlich gleichzeitig das BDSM-Element.

Mir ist bewusst, dass die Welt des BDSM – von einer erfolgreichen BDSM-Bloggerin auch „Wunderland“ genannt – auch nicht immer rosig ist, im Gegenteil. Zwar waren meine ersten absichtlichen und bewussten Begegnungen mit dieser Welt durchgängig queer, inklusiv und offen für alle Gender, Lebensentwürfe und Konstellationen, aber es gibt genügend Artikel darüber, dass es sehr große Probleme innerhalb der Szene gibt.
Eine gute Freundin von mir, die in einem Socialmedia-Profil stehen hat, dass sie devot ist, wird gerne beim ersten Anschreiben von Wildfremden beschimpft oder per Erikativ geohrfeigt – sie wolle es ja so. Wenn sie dann sagt, dass dies absolut ungehörig ist, reagieren die (fast immer cis männlichen) Leute recht pikiert oder versuchen ihr zu erzählen, dass sie sich das gefälligst gefallen zu lassen habe, schließlich sei sie eine Sub und das wäre ihr Existenzzweck.
Andere machen viel Geld damit, dass sie in Pick-Up-Artist-Manier „Dom-Kurse“ verscherbeln. Erfolgsgarantien und Verallgemeinerungen inklusive. Und es gibt inzwischen ganze Studien über die Problematik von cis- und Heteronormativität in BDSM-Räumen, Sub-Shaming und ähnliche Phänomene, die dafür sorgen, dass in etlichen davon die Ungerechtigkeitsstrukturen der Mehrheitsgesellschaft verfestigt werden.
Begünstigt durch Veröffentlichungen wie „50 Shades of Grey“, vertieft sich die Dynamik – junge, unerfahrene Menschen, die sich an dem Buch orientieren und denken, es „soll so“, wenn sie gebrochen werden, stehen Leuten gegenüber, die das Dom-Sein (bewusst im generischen Maskulinum) aus ebenjenem Buch gelernt haben.
Ebenso ist mir bewusst, dass diese Buchreihe unter denen, die die missbräuchlichen Dynamiken darin durchschaut haben, zu noch mehr Stigma gegenüber Menschen führt, die einfach nur (um es mit den Worten einer lieben befreundeten Person zu sagen) vor sich hin sein wollen.

All das ist mir bewusst. Wenn ich diese Problematiken in großen Teilen in meinen Romanen ausblende, dann nicht, weil sie mir unbekannt wären oder weil ich sie verdrängen möchte, sondern als durchaus bewussten Gegenentwurf. Ein Aufzeigen, wie es im Idealfall sein soll und wie irgendwann, durch Bücher wie meine und durch andere Formen des Aktivismus, es irgendwann werden soll.

Erytan ist ein Land, in dem diese Probleme weitestgehend unbekannt sind. Teils, weil dort das einzige richtige Fernkommunikationsmedium der Brief ist (es gibt für Notfälle eine – allerdings unzuverlässige, da von einer Gottheit abhängige – Expresslösung) und teils, weil bestimmte Prinzipien schon von Kindesbeinen an Teil der Erziehung sind.

  • Wenn eine Person mit Worten oder Gesten kommuniziert, dass sie nicht angefasst werden will, wird das bedingungslos akzeptiert
  • Wenn zwei oder mehr Personen sich treffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen, wird im Vorfeld abgesprochen, wie das so gestaltet werden soll, dass sich alle wohlfühlen und dann hält man sich ohne zu hinterfragen daran
  • Es ist vollkommen selbstverständlich (und wird nicht einmal besprochen), dass beim ersten sexuellen Kontakt zwischen neuen Personen Verhütungsmittel in mechanischer Form Pflicht sind
  • Ebenso ist es ganz selbstverständlich, wenigstens ein grobes „Weiche Grenzen, harte Grenzen, No-Gos, Allergien, Tabus, Wünsche“-Gespräch zu führen, egal ob es um Sex geht oder beispielsweise um eine Wanderung, man macht einfach
  • Es gibt kein „Wer A sagt, muss auch B sagen“ – wenn es sich eine Person mittendrin anders überlegt, egal um was es geht, wird abgebrochen. Punkt. (Ausnahme bilden Tunnelspiele bzw. Dinge wie Wanderungen, wo man nicht ohne weiteres wegkommt … Aber wo ein Abbruch möglich ist, wird abgebrochen.) Bedingungslos. Kein „Aber warum?“, kein „Du musst das aber durchziehen“.

Und all das sind Prinzipien, mit denen schon Kinder aufgezogen werden. „Wenn dein Freund hinfällt und weint, frag, ob eine tröstende Umarmung in Ordnung ist. Ist sie das nicht, dann lass sie sein. Frag deinen Freund, welche Art von Unterstützung er möchte und akzeptiere die Antwort. Auch wenn diese lautet, dass du dich zurückhalten sollst“.

Dass das kein bisschen selbstverständlich ist, fiel mir verstärkt auf, als ich Familienbesuch hatte und es nicht mehr funktioniert hat. „Nein, das mag ich nicht“ führte auf einmal wieder zu „Aber probiere es doch wenigstens“ und „Das ist mir aufgrund meiner Behinderung nicht möglich“ zu „Du versuchst es einfach nicht ausreichend“. Selbst ein „Nein, dieses Thema triggert mich, sprecht das nicht mehr an, solange ihr hier seid“ führte nicht zum Erfolg.

Ist das nicht „Cherry-picking“?

Mitnichten. Ich finde, dass Kommunikationsprinzipien, wie sie eigentlich im BDSM gelten sollten und in vielen Konstellationen zum Glück auch gelten, auch in Vanilla-Konstellationen und im Alltag ganz abseits von Sex und Kink ihren Platz haben sollten.

Dass – außer bei akuten Notfällen (und nach Möglichkeit selbst dann, sofern die Person ansprechbar ist) – stets das Selbstbestimmungsrecht an oberster Stelle stehen sollte. Dass „Mein Körper gehört mir“ bedingungslos zu gelten hat, nicht nur bei sensiblen Themen wie Schwangerschaft, sondern bei jeder Art von Berührung. Beginnend damit, dass ein Kind nicht allen zur Begrüßung die Hand geben soll, wenn es nicht möchte oder verpflichtet ist, ungewünschte Zärtlichkeit von Verwandten zu ertragen.

Ich nutze im Alltag in komplett Vanilla Situationen inzwischen immer öfter den Ampelcode, weil er einfach … praktisch ist, um schnell zu kommunizieren, dass ich eine Pause brauche oder meine Grenzen in einem Maße überschritten werden, dass die Reißleine gezogen werden muss. Gerade für mich als autistische Person ist das Einüben von kurzen Signalwörtern und Gesten, um zu zeigen, dass es mir nicht gut geht und was ich brauche, zum Teil lebenswichtig. Warum sollten das nicht auch andere tun? Auch Leute, die mit all den anderen Aspekten oder mit Kink an sich nichts anfangen können?

Ja, aber das Schlagen und Hauen und Fesseln …

Kommt alles in meiner Buchreihe vor. Keine Angst. Aber ich bin ehrlich, dass ich mich teilweise richtig geärgert habe, wenn ich Dinge las wie „Also ich finde, Verhütung hat in Erotik nichts verloren, die nimmt die Stimmung weg“ oder „Ja, im Alltag mag das fein sein, wenn Leute ausführlich vorher über Tabus und Vorlieben reden, aber im Erotikroman mag ich sowas nicht lesen.“

Das macht mich trotzig, denn so funktioniert Literatur nicht. Mag sein, dass einige Leute trotzdem wissen, dass beides gerade bei neuen Sexualpartner*innen dazugehört, aber nach allem, was ich weiß, ist das eher die Ausnahme, als die Regel, dass explizit darüber gesprochen wird. Dafür höre ich zu oft Geschichten von Menschen, die davon ausgehen, alle Menschen mit Intimkonfiguration x würden zwingend Praktik y mögen und das einfach durchziehen, statt mal mit der entsprechenden Person zu reden. Dafür höre ich zu oft, dass gerade Empfängnisverhütung auf die Person abgeschoben wird, die einen Uterus hat.

Also … Nein, es funktioniert leider nicht.

Und darum habe ich aus Prinzip ein Buch geschrieben, in dem Gespräche über Vorlieben und Grenzen so heiß gestaltet sind, dass das Höschen von selbst zur Erde fallen soll. In dem Verhütung so natürlich, selbstverständlich und erotisch in die Szenen eingebunden wird, dass sie die Szenen noch heißer machen, als ohnehin schon. Und in denen sowohl ausgiebig geredet, als auch herzhaft zugeschlagen und gefesselt wird.

Stets unter der Wahrung von wechselseitigem Respekt und voller Wohlwollen, egal wie erniedrigend oder schmerzhaft die geschilderte Praktik sein mag.

Gibt es Fragen, Anregungen, Gedanken und Wünsche?

Über June T. Michael:

June Thalia ist nicht-binär und lebt mit der Partnerperson, wenn auch leider ohne eigene Katzen, irgendwo in Österreich. Beruflich macht June T. M. was mit Texten. Und den zugehörigen Bildern. Daher macht June auch ihre Bücher und die Grafiken dazu alle selbst.
Sie ist unter Pseudonym unterwegs – wie sehr viele aus dem Genre – wollte aber keinen Namen, der Körperteile beinhaltet.
Da die meisten Geschichten wohl in einem sonnigen Land namens »Erytan« spielen sollen, schien dann »Juni« bzw. June als Name sehr passend, zumal zu jedem Namensteil ein persönlicher Bezug existiert.
Wenn sie nicht gerade erotische Fantasywelten schafft, kocht sie leidenschaftlich gern, twittert und bastelt Grafiken.

Links:

Unterstütze meine Arbeit auf Patreon: https://www.patreon.com/junetmichael
Folge mir auf Twitter für Schreibupdates, Schnipsel, Privates und gelegentliche Links zu Vocaloid-Musik: https://twitter.com/JuneTMichael1
„Gefangen zwischen Eis und Feuer“ findest du hier: https://www.amazon.de/Gefangen-zwischen-Feuer-Erotische-Abenteuer-ebook/dp/B08DDK7WH1
Mein Profil auf Amazon: https://www.amazon.de/June-T.-Michael/e/B08DRTMBTW
Bewerte mein Buch auch bei Leserkanone: https://www.leserkanone.de/index.php?befehl=buecher&buch=69470
Oder auf Goodreads: https://www.goodreads.com/book/show/54770593-gefangen-zwischen-eis-und-feuer

Hat dir der Artikel gefallen? Weitere Texte gibt es auf https://fantasyundfantasien.wordpress.com/

Hoffnung durch exponentielles Wachstum: Wo sind die Utopien geblieben?

Exponentielles Wachstum der technologischen Entwicklung und mögliche Auswirkungen auf das Genre der Utopien/Dystopien.

Provokation

Die Überschrift dieses Blogeintrags ist absichtlich provokant, wenn auch nicht falsch. Spätestens seit Die Grenzen des Wachstums vom Club of Rome 1972 assoziieren wir „Wachstum“ häufig mit Wirtschaft. Unser Wirtschaftssystem fußt auf ständigem Wachstum, aber nicht unbedingt auf exponentiellem. Es soll hier zwar auch um Wirtschaft gehen, aber nur als Rahmensystem für das, was eigentlich Thema ist: technologische Entwicklung und schließlich Literatur.

Was bedeutet „exponentielles Wachstum“?

Exponentielles Wachstum beschreibt in der Mathematik einen Prozess, in dem eine gegebene Größe in gleichbleibenden Zeitschritten jeweils um den selben Faktor wächst: 2, 4, 8, 16, 32 … Man kann sich diese Art des Wachstums beziehungsweise die Besonderheit dieses Wachstumsprozesses klar machen, indem man sich einen entsprechenden Graphen vorstellt. Während lineares Wachstum in einem Graphen durch eine gerade Linie von links unten nach rechts oben gezeigt wird, sieht exponentielles Wachstum zwar anfangs ähnlich aus, aber erreicht schließlich eine Kurve, nach der die Linie steil nach oben schießt. Diese Kurve und die Veränderung, die sie mit sich bringt, ist hier wichtig.

Ray Kurzweil: Menschheit 2.0

Ray Kurzweil, der sich seit Jahrzehnten auf Mustererkennung spezialisiert hat, Autor, Erfinder und einiges mehr ist, hat in seinem 2005 erschienenen Buch Menschheit 2.0 eine faszinierende Entdeckung beschrieben und diese weitergedacht.

Kurzweil stellte fest, dass sowohl die biologische als auch die technologische Evolution ein exponentielles Wachstum aufweisen, und darüber hinaus, dass beide Kurven zusammengefasst zeigen, dass die technologische Evolution die biologische direkt fortsetzt. Es dauerte Milliarden Jahre, bis Leben entstand, Millionen Jahre, bis sich das Gehirn entwickelt hat, Zigtausende Jahre bis zum Menschen, aber nur gut 100 Jahre vom Telefon zu Breitbandinternet, Smartphones, Hochleistungsrechnern usw.

In Menschheit 2.0 geht es aber nicht um den Blick zurück, sondern um den nach vorn. Kurzweil prophezeit aufgrund seiner Daten das Eintreten der „Singularität“, die ganz grob gesagt, der Übergang von der Kurve im Graphen des exponentiellen Wachstums unserer technologischen Entwicklung hin zum steilen Aufstieg ist. Wir befinden uns laut Kurzweil im letzten Bereich der Übergangsphase. Sobald diese kurze Phase vorbei ist, hätten wir die Fähigkeiten und Möglichkeiten, um unsere Intelligenz mithilfe von Technologie milliardenfach zu vergrößern und würden eine neue Mensch-Maschinen-Gesellschaft bilden.

Hoffnung auf Lösungen, die wir (noch) nicht sehen

Die exponentiell wachsende technologische Entwicklung bezieht sich keineswegs nur auf Computertechnik und Rechenleistung, sondern auch auf Bereiche wie Robotik, Genetik, Nanotechnologie (oder inzwischen noch kleinere Bereiche) und grundsätzlich alle anderen Technologiezweige. Mithilfe der riesigen Entwicklungssprünge könnte man in einem ersten Schritt die Rechenkapazitäten erlangen, um Lösungen für die großen Probleme der Menschheit zu finden, und in einem zweiten Schritt diese Lösungen implementieren. Theoretisch könnten damit Umweltschäden repariert, Krankheiten geheilt, Hunger gestillt und das Todesproblem an sich gelöst werden.

Die Macht zu Gutem und Schlechtem

Man darf natürlich nicht vergessen (und das erwähnt Kurzweil ebenfalls), dass nicht nur die Macht Gutes zu tun exponentiell steigt, sondern auch die Fähigkeiten, Schlechtes zu tun. Eine Technologiestufe, die die Klimakrise schlagartig abwenden oder umkehren könnte, brächte auch Waffentechnik mit sich, die Höllisches anrichten könnte. Wenn wir Krankheiten heilen können, können wir auch neue erschaffen. Entsprechend ist die Übergangsphase, also die Phase, in der wir noch nicht intelligent genug sind, um all unsere kleingeistigen Streitigkeiten, Begierden und unsere Gier zu begreifen und in Schach zu halten, auch eine Zeit großen Risikos. Doch trotz aller Rückschläge, Wirtschaftskrisen, Kriegen, Seuchen und Unmenschlichkeiten im Namen der Wertsteigerung könnte nur noch ein katastrophaler Kollaps die Entwicklung aufhalten. Die Frage ist nur, ob wir schnell genug intelligent und fähig genug werden, um wenigstens die wichtigsten Probleme zu lösen, bevor die Probleme, die wir auf dem Weg dorthin verursacht haben, uns einholen.

Dystopie und Utopie: (Alb)Traum von der Zukunft

1516 erschien der Roman Utopia von Thomas More (oder Thomas Morus). Dieser beschreibt eine ideale Gesellschaft auf einer Insel namens Utopia. Aus heutiger Sicht ist die utopische Gesellschaft nicht besonders ideal: demokratisch, bildungsstrebsam und mit Anspruch auf Gleichheit zwar, aber man verlässt sich auch auf ausländische Söldner für Kriege und errichtet Kolonien, wenn die eigene Bevölkerung zu groß wird. Dennoch war der Einfluss von Utopia groß und fortan wurden alle Werke, die (vermeintlich) ideale (nicht existierende) Gesellschaften beschrieben, als Utopien bezeichnet.

Die Gegenversion einer Utopie, also eine Antiutopie, nennt man Dystopie. Bekannte dystopische Werke sind beispielsweise 1984 von George Orwell oder Brave New World von Aldous Huxley. [Kurzer Ausflug: Aldous Huxley war eine Weile der Französischlehrer von Orwell. Beide wurden später Freunde, nachdem Huxley ihm geschrieben hatte und scherzhaft anmerkte, seine höllische Zukunftsvision sei besser als jene Orwells.]

Dystopische Trends

Obwohl Dystopien traditionell in der nahen Zukunft spielen und Gesellschaften beschreiben, die tatsächlich entstehen könnten, scheint es mir seit Jahren einen Trend hin zu Dystopien mit weniger realistischen Zukunftsvisionen und/oder in entfernterer Zeit liegender Handlung zu geben. Zwei Dinge beschäftigen mich in diesem Zusammenhang:

  1. Erfüllen Dystopien noch den ihnen zugrunde liegende Sinn einer Warnung vor aktuellen Entwicklungen, wenn sie wenig oder keinen Bezug mehr zur Jetztzeit herstellen? Eine Dystopie ist im Kern ein zutiefst politisches Werk. Es greift üblicherweise mindestens einen alarmierenden gesellschaftlichen Trend auf und spinnt ihn zum schlimmstmöglichen Endpunkt weiter. So entstand die sedierte und gedanklich unreife Zucht-Menschheit in Brave New World und der sich im Dauerkriegszustand befindliche Überwachungs- und Propagandastaat in 1984. Verkommen Dystopien heute zur Bühne von Freiheitsfantasie vor post-apokalyptischem Hintergrund? Damit würden sie noch immer wichtige Tendenzen in der Gesellschaft aufzeigen, aber nicht mehr ihre traditionelle Rolle erfüllen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen, nur frage ich mich, ob ein derart prägnant kritisches Genre wie die Dystopie verwaschen werden sollte und ersetzt werden kann. Kritik ist auch in anderen Genres vertreten, aber Dystopien dienten bisher dieser Kritik zuallererst und erst dann anderen Grundthemen/-tendenzen.

  2. Kann man aus der Popularität des Genres eine (wieder) stärker werdende Zukunftsangst schließen? Der Gedanke ist naheliegend. Die Natur ächzt und stirbt, die Klimaveränderungen sind derart drastisch, dass ich sie allein anhand meiner eigenen Erinnerungen problemlos nachvollziehen kann, politische und gesellschaftliche Entwicklungen (Rechtsruck, offener Antifeminismus usw.) bedrohen das bisschen Freiheit, das ohnehin durch ständige Überwachung immer weiter eingeschränkt zu werden scheint. Angst scheint angesichts des Zustands unserer Welt eine angebrachte Reaktion zu sein. Aber hat das etwas mit dem Erfolg von Dystopien zu tun?

Wo sind die Utopien geblieben?

Literatur ist für den Großteil aller Leser*innen ein Mittel zur Unterhaltung. Es hat immer Personen gegeben, die das kritisiert haben und von oben herab auf „Unterhaltungsliteratur“ geschaut haben, aber man kann nicht anders, als sich einzugestehen, dass nur Verkäufe die Literatur langfristig relevant bleiben lassen. Was ich sagen will, ist, dass Dystopien häufiger sind als Utopien, weil sie sich besser verkaufen lassen, und der Grund dafür wiederum ist, dass sie spannender sind. Immer häufiger lese ich zwar die Forderung nach Geschichten mit ruhigen Passagen, die bloß beschreiben (und wohltun), ohne auf Teufel komm raus Spannung zu erzeugen, aber der Schritt zu einem Buch, das zum größten Teil daraus besteht, ist doch noch recht groß, und am Ende ist eine Utopie genau das.

So wie Dystopien (eigentlich?) zutiefst politisch sind, sind es Utopien natürlich auch. Die Wunschgesellschaft der einen Person kann die Höllenvorstellung der anderen sein. Auf der anderen Seite muss man schon eine soziopathische Ader und Hoffnung auf eine Machtposition in der Zukunftshölle haben, wenn man eine richtige Dystopie als utopisch empfindet. Damit möchte ich sagen, dass vom wahrscheinlich geringeren Unterhaltungswert abgesehen, Utopien auch ein größeres Streitpotenzial haben. Man muss nur überlegen, auf welche Ziele manche Personen und Gruppen hinarbeiten, und man hat eine Vorstellung der Utopien, die sie produzieren würden.

Mischformen: Utopische Ideen, aber spannend

Man kann das Star Trek Universum, besonders die Grundlagen der United Federation of Planets, als utopisch lesen, obwohl die Geschichten (von Zeitreise-Plots abgesehen) in der fernen Zukunft spielen. Auch geht natürlich einiges schief, es gibt menschliche Schwäche und Grausamkeit und besonders gibt es die Konfrontation mit weniger utopischen, rückschrittigen oder geradezu dystopischen Gesellschaften: Die misogynen, einzig und allein profitorientierten Ferengi, die kriegerischen Klingonen und die paranoiden, alles überwachenden, von Geheimdiensten gesteuerten Romulaner.

Doch auch in den neuen Filmen und Serien von Star Trek erkennt man einen klaren Trend weg von den positiven, freiheitlichen, urmoralischen Grundzügen der Föderation und damit des Kerns des ganzen Franchises. Verrat, Verfall, korrumpierte Moral, Überwachung, Infiltration überall. Wieso ist das so? Mischformen wie in Star Trek (besonders TNG, Voyager, DS9) konnten und könnten weiterhin dem Marktdruck standhalten, unterhalten und dennoch grundmoralisch und -optimistisch sein.

Was ich an Star Trek immer geliebt habe, war die Gewissheit, dass es trotz des Chaos und der Ungesetzlichkeit des kalten Weltraums immer Ordnung herrschte und die Held*innen niemals ihre moralischen Grundprinzipien verrieten.

Ist Hoffnung unlogisch oder verkauft sie sich nur schlecht?

Schließen wir den Kreis nach dem langen Ausflug: Sollte Ray Kurzweil wenigstens tendenziell Recht behalten (wovon ich ausgehe) und die Menschheit die Schwelle zur Singularität (oder wie auch immer man es nennen möchte) erreichen und überwinden, bevor wir oder unsere Fehler uns selbst oder die Entwicklung stoppen und vernichten, gibt es begründete Hoffnung. Wir werden auf keinen Fall alles retten können, aber wir werden einerseits vieles wiederherstellen und andererseits neuen Schaden verhindern können. Man sollte diesen Funken Hoffnung keinesfalls als Aufruf missverstehen, alles beizubehalten, nicht auf die offensichtlichen Signale der Umwelt und die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten zu reagieren oder die Klimakrise und andere Probleme nicht ernstzunehmen! Wir müssen etwas tun und zwar schnellstmöglich, aber wir können eben auch hoffen.

Warum schlägt sich das nicht in der Literatur nieder? Liegt es außerhalb des gewohnten Denkens von Autor*innen, derart hoffnungsvolle Modelle zu akzeptieren? Sind die Ideen schlicht unbekannt? Sind wir noch immer gefangen in der linearen Betrachtung von Geschichte und technologischer Entwicklung? Oder gehen Versuche hoffnungsvoller, utopischer Literatur einfach unter, weil man sie schlecht verkaufen kann, beziehungsweise Personen mit Einfluss glauben, dass man sie schlecht verkaufen könnte?

Man sollte mich auch hier nicht missverstehen. Ich liebe düstere Werke in jeder Kunstrichtung, aber das heißt nicht, dass man keine Werke veröffentlichen sollte, die Hoffnung auf eine bessere Welt machen. Manchmal sage ich Dinge wie „Kunst sollte wehtun“, aber was tut mehr weh, als zu sehen, wie gut wir es haben könnten, wenn es doch offensichtlich gerade (noch) nicht so ist?

Krieg und Zerstörung

Über Krieg und Zerstörung als Symbole in meinen Werken, speziell in “Sorck: Ein Reiseroman”.

Zerstörung, Sachbeschädigung, Gewalt, Krieg und Kampf sind zentrale Motive mancher meiner Werke. Das musste ich selbst erst entdecken. Heute frage ich mich, woher das kommt.

Zerstörung kann reinigend und befreiend sein. Erst als Martin Sorcks Wohnung abbrennt, kann er seine Reise antreten. Manchmal muss man etwas zerstören, um fortfahren zu können: eine Beziehung beenden, eine Regierung stürzen, das Weltei zerbrechen. Bevor ich fortfahre, betone ich sicherheitshalber, dass ich Gewalt nicht verherrlichen oder gar fordern möchte. Es geht hier um Symbole. Zerstörung muss nicht groß sein, um wirkungsvoll zu sein. Nach einer Trennung gemeinsame Fotos zu verbrennen, ist Zerstörung im Kleinen, ist Loslassen und Abschied.

Muss Zerstörung Gründe haben?

Zerstörung der Zerstörung willen scheint mir nicht bloß unsinnig, sondern auch extrem selten zu sein. Immer steckt etwas dahinter und wenn es von außen auch noch so willkürlich erscheinen mag. Mit der passenden Ideologie kann man jede Form von Zerstörung als politische Aktion interpretieren. Denken wir beispielsweise an Maos Kulturrevolution, der nicht nur viele Menschen, sondern auch unbezahlbare, unwiederbringliche, uralte Kunst- und Kulturschätze zum Opfer fielen. Religionen haben immer wieder zu Gewalt- und Zerstörungsorgien aufgerufen. Die Rechtfertigungen für Gewalt und Vernichtung sind so vielfältig wie die Formen ihrer Ausführung.

Es ist daher verständlich und richtig, dass man auf diese Themen mit Vorsicht oder sogar Abneigung reagiert. Genau wegen dieser Vorsicht, Furcht vielleicht sogar, ist die Zerstörung (oder Bedrohung) von Gegenständen wie Menschen stets interessant in der Kunst. Man kann mit der Darstellung schocken, Botschaften verstärken und allgemein starke Gefühle hervorrufen.

Kriegerischer Alltag

Die Welt ist ein Ort der elementaren Unruhe für viele Menschen, jeder Tag ein Kampf und jede Kommunikation eine Auseinandersetzung. Dies kann einerseits an einer entsprechenden Weltsicht liegen, in der es fast ausschließlich Feindbilder gibt, oder schlicht an den psychischen Kapazitäten der betroffenen Personen. Wut und Angst führen zu solchen Leben oder entstehen aus ihnen.

Das Leben als Krieg. Wie stellt man es besser dar als durch die Darstellung von Kriegsgeschehen? Die Mischung aus dem, was die meisten als Alltag erleben (und einige als Kampfgebiet), und dem, was alle als Kriegsgebiet verstehen, ist daher der perfekte (paradoxe) Ort für eine entsprechende Geschichte. Martin Sorck ist eine der Personen, die permanent mit der Welt im Clinch liegen. Seine Welt ist ein Schlachtfeld. Erleben wir nun im Roman, wie er die Welt sieht oder was wirklich geschieht? Das lasse ich offen.

Charakter- und Feldzüge

Der Gedanke des Lebens als Kampf ist natürlich nicht neu, wurde allerdings traditionell anders gedacht: Aus darwinistischer oder (schlimmer noch) aus sozialdarwinistischer Perspektive. Ich allerdings meine keinen tatsächlichen Wettstreit zwischen Personen oder Personengruppen, sondern denke an eine reine Erlebensebene. Der Kampf ist nicht real, sondern nur im Kopf einer Person, in diesem Fall Martin Sorck.

Man kann die Kriegsszenen im Roman Sorck auf vielerlei Weise interpretieren und das ist auch so gewollt. Eine wichtige Lesart ist die angesprochene, dass der Krieg bildhaft für die inneren Umstände des Protagonisten zu verstehen ist. Dass Martin nicht in seine Umgebung passt und ernsthaft mit dem Leben ringt, wird im Roman wohl schnell klar. Eine andere Lesart bezieht sich daher auf die Struktur, die ich im Blogeintrag Sucht und Struktur besprochen habe. Der Aufbau und Ablauf der Landgänge spiegelt den Weg durch die Sucht wider. Die Kämpfe ebenso wie die Zwangssituationen sind Teil der Darstellung. Daher ist, wie im Beitrag gezeigt, auch der Rückschlag für die Reisegesellschaft in Stockholm der erste große Sieg im Kampf gegen die Sucht. Diese beiden Lesarten widersprechen einander nicht, sondern ergänzen sich sogar.

Viele haben die Landgänge und die damit zusammenhängenden Kriegsszenen auch als gesellschaftskritisch gelesen, was absolut legitim ist. Ich kann mir keine gelungene Darstellung eines Krieges oder kriegsähnlicher Zustände vorstellen, die nicht als Kritik an etwas gelesen werden könnte oder müsste. Kritik ist fraglos Teil des Werkes.

Persönliche Aspekte

Ja ja, natürlich spiegelt die Darstellung von Krieg und Zerstörung persönliche Aspekte des Autors wider. Es jetzt noch abzustreiten wäre unsinnig angesichts der Einleitung. Immerhin habe ich bereits verraten, dass es anfangs nicht bewusst geschehen ist. Ich hatte und habe meine Kämpfe, wenn ich auch glücklicherweise niemals im Krieg gewesen bin. Hätte ich Krieg wirklich erlebt, würde ich wohl davon absehen, ihn in meinen Geschichten als Symbol zu missbrauchen.

Die Wahrheit ist, dass mich der besprochene Themenkomplex seit Kindergartentagen interessiert. Ich erinnere mich, wie ich in dem Alter Soldaten und Kriegertypen gezeichnet habe, wie ich fasziniert ein Buch über den Zweiten Weltkrieg durchgeblättert und später heimlich Kriegs- und Actionfilme (deren Genregrenzen in den 90ern oft verwischt waren) geschaut oder (nicht heimlich) mit Action Man Figuren gespielt habe. Der Krieg war überall: Krieg auf Cybertron bei den Transformers (also in Zeichentrickfilmen/-serien), in Filmen, als Teil der Bildung und im Spielzeug (auch wenn ich nicht mit Spielzeugwaffen spielen durfte). Wie kam das? War das eine Mode? Ist das so ein Blödsinn, der passiert ist, weil ich ein Junge war? Habe ich als ausschlaggebendes Elemente genau in dem Moment zufällig einen Kriegsfilm gesehen, als ich herauszufinden versuchte, was man als Junge/Mann auf der Welt so treibt?

Offen gestanden, ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Waren die Symbole, die ich heute verwende, also unumgänglich? Wer weiß. Sie haben jedenfalls eine von meiner Kindheit völlig losgelöste Bedeutung.

Krieg in der Literatur

Natürlich habe ich irgendwann Im Westen nichts Neues von Remarque gelesen und es hat mir ebenso gefallen wie die anderen Bücher, die ich von ihm kenne. Hesse hat eine Weile auch mit futuristischen Gedanken und Kriegssymbolik gespielt, bis der große Krieg dann kam und Hesse seine Fehler einsah. Von Sun Tzu (Kunst des Krieges) über Mao (Theorie des Guerillakrieges) bis zu Carl von Clausewitz (Vom Kriege) und Winston Churchill habe ich einiges zum Thema gelesen. Teils lag es an den in meiner Jugend im Haus befindlichen Bücher und teils an einem Interesse, das sich unter anderem aus der Lektüre dieser Bücher ergeben hat. Aber wo steckt nun der Kern meiner Faszination?

Vielleicht ist es das schier unfassbare Ausmaß an Leid, Organisation, generationenlangen und Kontinenten überspringenden Auswirkungen, Propaganda und immer wieder Leid, das mit Kriegen zusammenhängt und das wohl niemand geistig ganz erfassen kann. Ein Krieg, gerade in den letzten 200 Jahren, ist ein so enormes und derart grässliches Ereignis, dass es sich ins Gedächtnis und die Seele der Menschheit für Generationen einbrennt. Angesichts dessen schämt man sich für jede symbolische Verwendung des Krieges. Ich bin mir sicher, dass es noch Rückstände der Erfahrungen meines Urgroßvaters aus dem Ersten Weltkrieg in mir gibt, ob nun durch Erziehung oder die Gene weitergegeben, und ebenso welche meiner Großväter aus dem Zweiten Weltkrieg.

Vielleicht war Sorck am Ende ein Ventil, um einen Teil dieser Grässlichkeit in mir loszuwerden, und wenn es auch in verdrehter Form geschehen ist.

Abschließend sollte ich eine Selbstverständlichkeit betonen: Ich hoffe, niemals in den Krieg ziehen zu müssen und dass ich weder mit diesem Blogeintrag noch mit meinem Roman Personen zu nahe getreten bin, die echte Kriegserlebnisse durchmachen mussten.

Wie ich Ausschreibungen angehe

Über meine Heransgehensweise an Ausschreibungen anhand eines Beispiels.

Vor Kurzem habe ich mal wieder bei einer Ausschreibung mitgemacht. Um welche es sich handelt, lasse ich außen vor. Allerdings wurde unter anderem nach „experimentellen Texten“ gefragt. In diesem Blogeintrag möchte ich euch meine Herangehensweise anhand einiger kurzer (und nicht endgültig ausgearbeiteter) Texte, die ich nicht eingeschickt habe, zeigen.

Oft starte ich die Arbeit für Ausschreibungen oder Anthologien, indem ich alles notiere, was mir einfällt. Man könnte sagen, ich stürze mich einfach rein. Das kann entweder bedeuten, dass ich Ideen sammele, die ich später ausarbeite, oder einfach losschreibe. Sortieren kann ich später noch. Häufig suche ich zusätzlich noch bereits fertige Texte heraus, die passen könnten. Diese lasse ich hier ebenfalls außen vor. Die genaue Herangehensweise hängt davon ab, was gefragt ist, wie offen Thema und Textform sind und wie lang die Texte sein sollen. In diesem Fall war das Thema sehr offen, die Textform frei, die Länge mit „bis 4 Seiten“ angegeben und die Anzahl einzusendender Beiträge unbegrenzt. Ich hatte also freie Hand.

Der erste gedankliche Stolperstein war der Ausdruck „experimentelle Texte“. Was versteht man, was verstehen die Verantwortlichen der Ausschreibung darunter? Ich war mir unsicher. Also habe ich mit einer befreundeten Autorin diskutiert, die mir leider auch nicht groß weiterhelfen konnte. Allerdings kam ich darauf, dass es Textformen und Herangehensweisen gibt, die ich noch nie in der gedruckten Literatur gesehen habe: Greentext Storys. Greentext stammt von Boards wie 4Chan und folgt ganz bestimmten Konventionen, an die man sich zunächst gewöhnen muss. Beispielweise beginnt jede Zeile mit dem Zeichen > und fast jede Story beginnt mit der Zeile >be me, oft gefolgt von einer kurzen Beschreibung a la >beta as fuck oder >15yo beta dude. Vollständige Kleinschreibung und Kraftausdrücke sind häufig, der Einschub (oft von Reaktionen und Gefühlen) in Form von Dateinamen (*.jpg o.ä., also beispielsweise whatthefuck.jpg) gehört zum Standard. In deutscher Sprache habe ich Greentext Storys nie gesehen, was an der Dominanz des Englischen im Internet liegen mag oder an mangelhafter Recherche.

Jedenfalls hielt ich es für „experimentell“ genug, eine der großen Öffentlichkeit unbekannte, aber sehr interessante Textform zu verwenden. Um es interessanter zu machen und eben doch keine richtige Greentext Story zu verfassen, bin ich meta gegangen und habe eine Greentext Story über die Verwendung von Greentext Storys als Antwort auf die Frage, was experimentelle Texte seien, geschrieben und sie grün & meta genannt. Möglicherweise fiel mir auch nichts besseres ein, diese Auffassung lasse ich gelten. Hier der Text:

>be me
>meta as fuck
>habe bücher veröffentlicht, aber ohne erfolge
>literaturzeitschrift sucht experimentelle texte
>thehell.jpg
>was zum fick sind ‘experimentelle texte’?
>frage kollegin
>’lautmalerei und shit’ sagt sie
>wielahm.png
>antworte ‘vor 100 jahren vielleicht’
>handgemenge
>entscheide mich für greentext geschichte
>werde veröffentlicht
>herfacewhen.jpeg

Damit war ich also auf den Meta-Zug aufgesprungen und bin für einige Texte dabei geblieben. Literatur, die von Literatur handelt, ist nichts Neues. Aber witzig kann sie trotzdem sein. Um etwas Kritik an übertrieben konzipierten Werken (und damit auch an mir selbst) zu üben, habe ich einen Text als Entwurf/Pitch für einen Roman entworfen. Wem der Inhalt bekannt vorkommt, liest bei Twitter sehr aufmerksam mit. Solche Texte betrachte ich hauptsächlich als literarische Scherze. Hier also Strobofeuer XVII:

Bei Strobofeuer XVII – der Titel ist planhaft willkürlich gewählt – handelt es sich um eine ineinander geschachtelte Literaturkonstruktion, die in ihrer Struktur an das Sphärenmodell Aristoteles’ erinnern und ultimativ argumentationslos Gott zu widerlegen strebt, und das mithilfe Gottes selbst, denn – so viel sollte klar sein – nur Gott kann den Beweis seiner Nicht-Existenz erbringen. Die Rahmenhandlung besteht aus einem Roman, der von Gott verfasst wird, der sich anstrengt, von uns verstanden zu werden. Der Inhalt des Romans ist die Aufführung eines Theaterstücks in Echtzeit, das aus einem Dialog besteht zwischen einem Mann und Gott, durch ein Huhn dargestellt. Auf einer schwarzen Bühne steht der Mann in dunkelgrauem Overall, während das Huhn, Gott, in natürlichem Braun ihm gegenübersteht, gackernd, sich wie ein Huhn verhaltend. Der Mann, stellvertretend für die Menschheit und, da er ein Mann ist, kritisch zu betrachten, weil er unmöglich die gesamte Menschheit repräsentieren kann, stellt Fragen an Gott, die sich durch ihre Simplizität auszeichnen. Gott antwortet. Da jedoch die Antworten Gottes auf die Fragen, die die Menschheit interessieren, für humane Gehirne unverständlich sind, werden seine Antworten im Theaterstück durch verzerrte Geräusche dargestellt und gedruckt durch geometrische Formen. Sämtliche Regieanweisungen lauten gehet hin und mehret euch. Der nicht funktionierende Dialog führt zu einem Wutausbruch des Mannes, der im letzten Akt nur noch flucht, was von Gott mit einem Dreieck beantwortet wird. Um das Werk massentauglicher zu gestalten, werden die Kraftausdrücke zensiert und durch #!?* in unterschiedlicher Reihenfolge ersetzt. So kommt es zum letzten Wortgefecht und Höhepunkt des Stückes:

Mann: Verf#!!?e F*?#e!

Gott:

Ultimativ ist Gott Regisseur, Huhn und Autor – Trinität! – sowohl des Theaterstückes als auch des Romans – wie im Himmel so auf Erden –, der den Rahmen von Strobofeuer XVII bildet. Es steht noch zur Debatte, ob das Werk auf Latein veröffentlicht werden sollte.

Und um noch einen Schritt weiterzugehen, folgte ein Text, der als scheinbarer Entwurf eines Textes, der wie ein Film funktionieren soll, erscheint, um dann aus diesem Bereich wiederum auszubrechen. Ich habe ihn schlicht Entwurf genannt:

Entwurf filmvergifteter Literatur: Man nehme einen Text über die Gewalt, die ein Vater seinem Kind antut, und einen weiteren von Goethe, der beispielsweise über die positive Wirkung sanft-sülziger Iphigenie-artiger Werke referiert, und kombiniere beide wie zusammengeschnittene Szenen im Film. Papa holt aus, Schnitt zu Goethe, Kind weint, Papa greift sich den Gürtel, Goethe: wären | nicht Kinder und Bettler | Hoffnungsvolle Narren, Kind schreit, kauert am Boden, Papa holt erneut aus, Goethe kann die Fresse nicht halten, jetzt schreit es nicht mehr, hofft im Stillen, dass es für diesmal vorbei ist, und ihr Bastarde wollt nicht hinsehen? Goethe-Zitate? Wirklich?

Die 2 Texte, die ich schließlich eingeschickt habe, sind weniger verkopft, sind intensiver, direkter und wenigstens in einem Fall dennoch experimentell. Nach 2 Tagen, in denen ich Ideen gesammelt und ausgearbeitet habe, hatte ich 9 neue Texte. Hinzu kamen 5 fertige Texte, die thematisch gepasst hätten. Nach 2 Überarbeitungsrunden folgte die erste grobe Sortierung: 9 Texte verblieben. 2 weitere Überarbeitungsrunden und eine Sortierung später war ich bloß auf 8 runter, was mir noch immer zu viel erschien. Die nächste Durchsicht und Sortierung reduzierte auf 6, dann auf 4 und schließlich auf 2, mit denen ich zufrieden bin. Die Zeit war diesmal sehr knapp, weil ich zu spät auf die Ausschreibung aufmerksam geworden bin. Am Mittwoch habe ich mit der Arbeit angefangen, sie Donnerstag fortgesetzt, am Freitag hatte ich wenig Zeit und am Samstagvormittag habe ich die Texte abgeschickt.

Es ist bei mir üblich, dass ich für Anthologien und Ausschreibungen, mit deren Themen ich etwas anfangen kann und die nach kurzen Texten fragen, in kürzester Zeit etwa 10 Ideen entwickele und mindestens die Hälfte umsetze, bevor ich mich für die besten entscheide und mich in ihnen festbeiße.

Sofern ihr selber schreibt: Wie macht ihr das? Entscheidet ihr euch sofort für einen Ansatz und verfolgt ihn oder sammelt ihr euch erstmal?