Literaturzeitschrift: Edit

Über die Literaturzeitschrift Edit (Edit Nr. 83, Frühjahrsausgabe).

Im dritten Teil der Blogreihe über Literaturzeitschriften soll es um die Edit gehen, genauer um Edit Nr. 83 (Frühjahrsausgabe 2021). Angefangen hatte die Reihe mit der Queer*Welten Nr. 5, gefolgt von BELLA triste Nr. 59. Auch diesmal werde ich zunächst auf das Konzept der Edit eingehen, anschließend auf das Design, den Inhalt als Überblick und schließlich einige Beiträge der Edit Nr. 83 genauer besprechen. Packen wir‘s an.

Konzept der Edit

Die Edit besteht bereits seit 1993 und druckt Lyrik, Prosa (Kurzgeschichten, Essays etc.), Dramen und Erstübersetzungen. Außerdem sind Visuals aus den Bereichen Kunst und Design zu finden, mit interessanten Erklärungen dabei. 3 mal im Jahr erscheint das etwa 125 Seiten starke Literaturmagazin. Im Vergleich zur Queer*Welten und auch noch zur BELLA triste scheinen die Macher*innen der Edit einen komplizierteren, weniger direkten Stil zu bevorzugen. Eine Ausgabe kostet 9 €.

Aufmachung der Edit Nr. 83

Die Frühjahrsausgabe der Edit wurde von Studio Pandan gestaltet. Das Format ist 22 cm x 15.5 cm. Die Visuals sind farbig gedruckt (sofern sie im Original farbig sind), der Rest in schwarz-weiß gehalten. Die Schrift ist übersichtlich und gut lesbar, der Buchsatz jeweils an die Texte angepasst.

Inhalt der Edit Nr. 83

Literatur:

  • Jenny Hval – GIRLS AGAINST GOD
  • Stine Diane Sampers – KEEPS CRASHING DOWN THE SAME PERIOD IN MY TEXT BETWEEN THE PARAGRAPHS AND I FORGOT ABOUT THE CRUSH
  • Uta Gosmann – FREUDS GÖTTER
  • Sandra Gugić – WACHEN
  • Adrienne Herr – MUSEUM ISLAND
  • Jana Krüger – HIER, HIER
  • Carlo Spiller – GEGEN DIE WEICHE EWIGKEIT MEINER UNSTERBLICHEN WENIGKEIT
  • Katharina Mevissen – PLATZ DA!

Kunst:

  • Pati Hill
  • Evelyn Taocheng Wang
  • Ruth Wolf-Rehfeldt

Jenny Hval: Girls Against God

Girls Against God ist ein Roman der norwegischen Autorin Jenny Hval, hier als Auszug in einer Übersetzung von Clara Sondermann. Was mich zuerst gepackt hat, ist die Wut in diesem Textauszug. Die Wut und dann der Stil, der wild umherspringt zwischen Filmideen, Musik, wieder Wut, Schreiben als Thema und noch mehr Wut. Sobald das Buch in deutscher Übersetzung zu haben ist, werde ich es kaufen.

Uta Gosmann – Freuds Götter

Uta Gosmann erzählt in Freuds Götter von der Figurensammlung (Göttinnen und Götter und andere) von Sigmund Freud und den Mythen, die hinter den dargestellten Gött*innen stehen, streut Zitate von Autor*innen ein, mischt Gedichte und Gedichtfragmente darunter und kreiert ein Gesamtwerk aus Einzelteilen. Ein nicht leicht zu fassendes Prosawerk und dennoch faszinierend.

Sandra Gugić – Wachen

Wenn Mann und Kind schlafen, wacht die Mutter – sie wacht über ihre Lieben, sie wacht, weil sie nicht schlafen kann. Am Tage versucht die Mutter, obwohl die Familie im Urlaub ist, zu arbeiten, zu schreiben, schickt Mann und Kind los, bleibt allein, kriegt nichts geschafft. Wachen ist eine kurze Erzählung von Sandra Gugić, die von der Vereinbarkeit von Familie und Arbeit (gerade kreativer Arbeit, die kein Büro, keinen speziellen Arbeitsplatz zu erfordern scheint) handelt, aber auch von Liebe, Schlaflosigkeit und dem Festhalten an sich selbst, auch und gerade wenn der Alltag mit all seinen Regeln anrückt. Hier sind es die Nähe und der triste Ton, die mich angesprochen haben.

Jana Krüger – Hier, Hier

Eine Metamorphose, in der Innen und Außen, der Körper, die Körperlichkeit, Zeit, Menschsein und Sprache sich verlieren, zerfließen, sich wiederfinden, transzendieren. Immer wieder wird etwas transzendiert und verändert. Aus einem Menschen wird ein Tier, scheinbar entgegen den Ideen des Transhumanismus, doch durch die Verschmelzung von Innen und Außen wieder innerhalb des Rahmens. Hier, Hier liest sich nicht nur wie eine Abrechnung mit Denkkonzepten, sondern auch wie eine mit den Menschen an sich, mit der Gesellschaft. Da wird nach Würde gefragt – der Würde des Menschen und des Tieres – und nach Rache geschrien, da wird der Körper verschönert, um angepasst zu sein, weil man den Körper hasst, und dann wächst ein Fell, wachsen Flügel.

Katharina Mevissen – Platz da!

Mit Platz da! liefert Katharina Mevissen einen Essay über den körperlichen Aspekt des Schreibens, über die Notwendigkeit von Räumen, bequemen Sitzgelegenheiten, finanzieller Unterstützung. Schreiben und alles, was daran hängt, benötigt den Körper, der wiederum Nahrung benötigt, der sitzen muss, idealerweise in gesunder Haltung, der mit Fingern tippt und mit Augen schaut. Einige Mythen über das Schreiben werden beiseitegeräumt, einige vermeintliche Selbstverständlichkeiten betont, um sie ins Licht zu rücken, damit sie nicht mehr übersehen werden. Zwischendrin werden immer wieder Zitate von Autor*innen zum gleichen Thema eingestreut. Informativ und unterhaltsam geschrieben macht Platz da! einige sehr gute Punkte, die man bedenken sollte.

Fazit

Obwohl ich einige Beiträge in der Edit sowie das Gesamtkonzept sehr cool finde, trifft die Auswahl insgesamt nicht ganz meinen Geschmack, passt nicht zu meinem Stilempfinden (und entsprechend würde ich meinen eigenen Schreibstil nicht dort verorten). Der Nebenfokus auf Erstübersetzungen ist zwar kein besonderes Interesse von mir – ich suche zuallererst nach deutschsprachiger (originaler) Literatur in Literaturzeitschriften –, dennoch habe ich mit Girls Against God ein Buch gefunden, das ich kaufen werde, sobald es in deutscher Sprache veröffentlicht ist. Das alles sagt nicht das Geringste über die Qualität der Edit aus, sondern ist rein subjektiv. Denn qualitativ gibt es bei dieser Literaturzeitschrift nichts zu meckern. Ich werde weiterhin bei Gelegenheit, Lust (und ausreichenden Finanzen) Ausgaben kaufen.

Hinweis: Menschenkind. Rezension

Hinweis auf die Rezension des Romans “Menschenkind” [Beloved] von Toni Morrison.

Die Rezension des Romans Menschenkind [Beloved] von Toni Morrison ist online beim Buchensemble:

Nie wieder unfrei: Menschenkind

Literaturzeitschrift: BELLA triste

Über die Literaturzeitschrift BELLA triste Nr. 59 (Frühjahrsausgabe).

In der lockeren Blogreihe rund um Literaturzeitschriften, die mit der Queer*Welten angefangen hat, geht es heute weiter mit der BELLA triste, und zwar der Frühjahrsausgabe 2021 (Nr. 59). Da die BELLA triste weit mehr Beiträge enthält als die Queer*Welten, werde ich nicht zu jedem etwas schreiben, sondern nur zu einigen ausgewählten.

Konzept der BELLA triste

Als Zeitschrift für junge Literatur fördert die BELLA triste vor allem Gegenwartsliteratur, bietet neben Prosa, Lyrik, Dramatik, Essays, Interviews und Reflexionen auch Visuals, also Bildbeiträge. Seit 2001 besteht die BELLA triste und seit 2003 der gemeinnützige Verein BELLA triste e.V., der auch das Literaturfestival Prosanova veranstaltet.

Design der BELLA triste

Die Frühjahrsausgabe der BELLA triste wurde vom Design Kollektiv Jung & Dynamisch aus Berlin gestaltet. Es gibt etliche Bilder und farbige Seiten. Die Textbeiträge zeigen verschiedene Schriftbilder, es wird mit dem Buchsatz gespielt. Die Zeitschrift ist über 100 Seiten stark bei einem Format von 22 cm x 15.5 cm. Man bekommt also einiges für den Preis von 7 €.

Inhalt der BELLA triste Nr. 59

  • Editorial
  • Norwin Tharayil: JÜNGSTE MESSUNGEN
  • Clara Werdin: 100 billionen einzelteile
  • Cecily Ogunjobi: Dem Erdboden gleich (Prosaminiaturen)
  • Alexander Kappe: kein ingrimm
  • (Mohammad) Adika Rahman: revisting visual childhood memories
  • Interview mit dem Verbrecher Verlag: (Jörg Sundermeier & Kristine Listau interviewt von Armin & Simoné)
  • Arpana Aischa Berndt: tropical (Auszug)
  • Paul Jennerjahn: lazarus in den dingen
  • Kara Bukowski: Beobachtungen
  • Sven Schaub: Erst kommt der Wind, dann kommt die U-Bahn
  • Nathalie Eckstein: Wurzeln
  • Rezensionen
  • Viten
  • Impressum

Clara Werdin: 100 billionen einzelteile

In kurzen Prosasequenzen beschäftigt sich Clara Werdin mit dem Körper. Körpererinnerungen aus der Kindheit und Körpererfahrungen von heute, Vergleiche, Blicke in Spiegel, Probleme und vermeintliche Probleme, die Person im Spiegel als fremde Person, die man doch irgendwoher kennt, entfernt. Stil, Sprache und Thematik gefallen mir sehr. „ich sage mir oft sätze vor, immer wieder die gleichen sätze. sie werden geformt von der gesellschaft, aber getragen von meiner stimme“, heißt es da beispielsweise, und man könnte argumentieren, eine spezifisch weibliche Perspektive in den Texten zu lesen (und das ist auch gut so), aber dennoch fühle ich mich angesprochen, weil ich nicht selten ähnliche Sätze in eigener Stimme höre, die nicht die eigenen sind, sondern vorgesprochen worden sind vor langer Zeit. Eine Videolesung des Textes findet ihr übrigens über die Seite der Frühjahrsausgabe oder hier: 100 billionen einzelteile.

Interview mit dem Verbrecher Verlag

Der Verbrecher Verlag besteht seit nunmehr 20 Jahren und anlässlich des Jubiläums wurden die Verlagsleiter*innen Jörg Sundermeier und Kristine Listau interviewt. Man erhält einen interessanten und sympathischen Einblick in den Verlag, seine Geschichte und Werke. Neben Buchempfehlungen, die meinen Stapel ungelesener Bücher noch höher wachsen ließen, habe ich den Eindruck erhalten, dass ich gern mit dem Verbrecher Verlag zusammenarbeiten würde, aber leider auch die Erkenntnis gewonnen, dass man bereits Teil eines ausgesuchten Kreises sein muss, um das bewerkstelligen zu können. Ein spannendes Interview.

Arpana Aischa Berndt: tropical (Auszug)

Was für die einen Entspannung ist, ist für andere Horror. In zunehmend beklemmenderen Bildern erzählt Arpana Aischa Berndt einen Spa-Besuch. Ein Strudel von Alltagsrassismus, unsensiblen Gesten und Aussagen, Aufdringlichkeiten und nervigem Alman-Gehabe zieht die Erzählerin und mit ihr die Leser*innen hinab in ein labyrinthartiges Horrorgefühl. tropical ist auf genau die richtige Weise unangenehm.

Nathalie Eckstein: Wurzeln

Vom Zahnschmerz hat schon Dostojewski geschrieben. Hier aber geht es um die Buddenbrooks und das Buddenbrook-Syndrom, um den gesamten Mundraum, um das Schreiben als solches. Ein nicht leicht zu fassender Text, der dadurch nicht weniger faszinierend wirkt. Und manchmal liegt das Herz offen da wie eine entzündete Zahnwurzel.

BELLA triste Nr. 59: Fazit

Ich habe ein Abo abgeschlossen. Das sagt vermutlich alles. Nicht alle Beiträge haben mir gefallen, aber das kann man auch kaum erwarten. Jedenfalls bin ich bereits auf Nr. 60 gespannt.

Hinweis: Der Kälberich. Rezension

Hinweis auf eine Rezension des Romans Der Kälberich von Leif Høghaug in deutscher Übersetzung von Matthias Friedrich.

Für den außergewöhnlichen Roman Der Kälberich von Leif Høghaug habe ich beim Buchensemble eine Rezension veröffentlicht:

Kabelsalat im Kopf: Der Kälberich

Hinweis: poesie.exe | Rezension

Hinweis auf eine Rezension des Gedichtbands “poesie.exe” beim Buchensemble.

Eine Rezension des Gedichtbandes poesie.exe von Herausgeber Fabian Navarro ist seit heute online:

Wenn Skynet dichtet: poesie.exe

Hinweis: Triceratops. Rezension

Hinweis auf eine Rezension des Romans “Triceratops” von Autor Stephan Roiss, geschrieben von Matthias Thurau.

Eine von mir verfasste Rezension des Romans Triceratops von Stephan Roiss ist nun beim Buchensemble zu lesen.

Ein namenloser Wir-Erzähler, keine Innensicht und viel Gefühl:

Eingepanzert – Triceratops

Hinweis: Rückkehr der Schiffe. Rezension

Hinweis auf die Rezension des Buches “Rückkehr der Schiffe” von Hilde Domin beim Buchensemble.

Meine erste Lyrik-Rezension wurde auf dem Buchblog vom Buchensemble veröffentlicht. Es geht um das Buch Rückkehr der Schiffe von Hilde Domin.

Wunderbare Ungereimtheiten – Rückkehr der Schiffe

Hinweis: Otto (Graphic Novel) Rezension

Hinweis auf eine Rezension der Graphic Novel “Otto” von Autor Marc-Antoine Mathieu beim Buchensemble.

Beim Buchensemble ist ab sofort meine Rezension der Graphic Novel Otto von Autor Marc-Antoine Mathieu (im Reprodukt-Verlag erschienen) zu lesen. Zur Rezension geht es hier entlang:

Er ist von vorne wie von hinten – OTTO

Jahresrückblick 2020: Gelesene Bücher

Jahresrückblick 2020: Gelesene Bücher, Leseempfehlungen

Bereits Ende 2019 habe ich eine Reihe von Jahresrückblick-Blogartikeln veröffentlicht. Leider kann es 2020 aus offensichtlichen Gründen keinen Rückblick mit dem Thema Live-Musik geben – ich war 1 mal im Ballett zu Jahresbeginn und auf 1 (als Zahl, um es zu betonen) Konzert, was in normalen Jahren eher eine Monatszusammenfassung wäre. Es hat 2019 auch Blogartikel über Gelesene Bücher und eigene Veröffentlichungen/Erfolge gegeben und zu meinem großen Vergnügen kann ich das 2020 wiederholen. Hier wird es also den Lektürerückblick 2020 geben.

Infos vorweg

Seit diesem Jahr arbeite ich beim Buchensemble mit und veröffentliche dort Rezensionen. Zuvor habe ich bereits auf dem eigenen Blog Buchbesprechungen hochgeladen (siehe entsprechenden Menüpunkt im Klappmenü rechts). Es folgt eine Liste der von mir gelesenen Bücher, bevor ich auf einige gesondert eingehe, die mir wichtig waren. Sofern ich Rezensionen zu den Büchern veröffentlicht habe (hier oder beim Buchensemble), werde ich diese verlinken. Manche Bücher sind mit abgebrochen markiert, andere mit beiseitegelegt. Die Werke der ersten Kategorie bleiben abgebrochen, diejenigen der zweiten bekommen höchstwahrscheinlich später noch einmal eine Chance. Sie sind möglicherweise aufgrund von besonderer (Un)Stimmung, Stress oder ähnlichen Gründen nicht weitergelesen worden. Ich möchte betonen, dass besonders die zweite Kategorie (beiseitegelegt) kein Werturteil darstellt!

Liste 2020 (an)gelesener Bücher:

  • Nika Sachs – Schneepoet
  • Hans-Joachim Maaz – Das falsche Leben
  • Daniel Kehlmann – Der unsichtbare Drache
  • Christa Wolf – Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra
  • Berit Glanz – Pixeltänzer (Diskussion beim Buchensemble)
  • Beyer / Johnson – Star Trek – Picard – Countdown
  • Edgar Allan Poe – Tales of Mystery and Imagination
  • James Joyce – Dubliner
  • Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit (abgebrochen)
  • Umberto Eco – Die Kunst des Bücherliebens
  • Daniel Kehlmann – Vier Stücke
  • Bernie Krause – Das große Orchester der Tiere
  • Fernando Pessoa – Das Buch der Unruhe (abgebrochen)
  • E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann
  • Nika Sachs – Karmapoet
  • Tom Wainwright – Narconomics (engl.)
  • Miguel de Unamuno – Nebel (abgebrochen)
  • Henry David Thoreau – Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
  • Rudy Rucker – Der Ozean der Wahrheit
  • Vladimir Nabokov – Die Schwestern Vane (Sammlung mit Erzählungen) (noch nicht durch)
  • Manu Larcenet – Blast 3
  • Samuel Beckett – Malone stirbt (beiseitegelegt)
  • Albert Camus – Erzählungen
  • Jorge Luis Borges – Spiegel und Maske (Reread)
  • William Shakespeare – The Tempest/Der Sturm (engl.) + Anmerkungen, Kommentare, Essay
  • Cees Nooteboom – Die folgende Geschichte
  • Elyseo da Silva – Paincakes und andere Kuriositäten (beiseitegelegt)
  • Cees Nooteboom – Mokusei!
  • Imre Kertész – Ich – ein anderer
  • Erwin Schrödinger – Mein Leben, meine Weltansicht
  • Toni Morrison – Gnade
  • Marc-Antoine Mathieu – Der Wirbel (Rezension folgt 2021)
  • Hilde Domin – Rückkehr der Schiffe (Rezension folgt 2021)
  • Cees Nooteboom – Gedichte (noch nicht durch)
  • Manu Larcenet – Blast 4
  • Ray Kurzweil – Menschheit 2.0
  • Sjón – Schattenfuchs (Rezension folgt 2021)
  • Marieluise Fleißer – Venusberg
  • Kübra Gümüsay – Sprache und Sein
  • Elisabeth Langgässer – Gang durch das Ried (abgebrochen)
  • Matt Dorff / Chris Koelle – Das Buch der Offenbarung (Graphic Novel)
  • Kenzaburo Oe – Eine persönliche Erfahrung (beiseitegelegt)
  • Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
  • Michael Leuchtenberger – Caspars Schatten
  • Sjón – Der Junge, den es nicht gab (Rezension folgt 2021)
  • Michael Braun – Wem gehört die Geschichte?
  • Stjepan Sejic – Harleen
  • Anna Seghers – Der Ausflug der toten Mädchen
  • Hilde Domin – Nur eine Rose als Stütze (noch nicht durch)
  • Leo Perutz – Der Meister des Jüngsten Tages (Rezension folgt 2021)
  • Herfried Münkler – Kriegssplitter
  • Stephan Roiss – Triceratops (Rezension folgt 2021)
  • Adrian Daub – Was das Valley denken nennt
  • Hilmar Klute – Oberkampf (beiseitegelegt)
  • Andreas Speit (Hg.) – Reichsbürger: Die unterschätzte Gefahr (zum Zeitpunkt des Uploads noch nicht beendet)

Geänderte Lesegewohnheiten

Im Jahr 2020 habe ich anders gelesen als in den Jahren zuvor. Ich habe weniger Comics und Graphic Novels gelesen und bin jetzt brutal ehrlich, woran das liegt: 2019 habe ich nach Abschluss jeder größeren Arbeitsphase eine Art „Urlaub“ eingelegt, indem ich mich 1-2 Wochen lang mit kleinen Joints hingesetzt und dabei Comics/Graphic Novels gelesen habe. Das war eine Mischung aus Belohnung und Entschleunigung. Es hatte mir gutgetan, gerade weil ich mich niemals zudröhne und auch im restlichen Jahr nichts rauche. 2020 aber ist psychisch extrem belastend und ich hatte keine Lust auf drogeninduzierte Paranoia. Also habe ich es gelassen. Das hat meine Lesegewohnheiten geändert.

Ein andere und bewusstere Änderung besteht darin, dass ich 2020 mehr „neue“ Bücher gelesen habe. Bereits 2019 habe ich mich in dieser Richtung ein wenig umgestellt und das 2020 weitergeführt. Bisher habe ich es absolut nicht bereut. Warum ich früher Vorurteile gegen modernere Literatur hatte, kann ich nur auf fehlende Bildung und den albernen Literaturkanon + das uralte Gerade vom Kulturverfall schieben. Ich bin froh, dass ich mich wandele!

2020 habe ich außerdem mehr auf meine Ungeduld gehört und Bücher beiseitegelegt oder abgebrochen, die mir nicht gefielen oder die nicht in die Zeit passten, in der ich sie gelesen habe. Man muss sich nicht durch alles quälen, nur weil man es sich vorgenommen hat, und schon gar nicht, weil irgendjemand meint, man müsse ein bestimmtes Buch gelesen haben.

Besondere Bücher

Kokain & Liebeskummer

2020 war ein gutes Lesejahr, doch einige Bücher stachen aus verschiedenen Gründen heraus. Ich gehe lesechronologisch vor. Direkt zu Jahresbeginn habe ich das bisher beste Selfpublishing-Buch gelesen, das ich kenne, mit Schneepoet von Nika Sachs, nachdem ich kurze Zeit vorher noch ihre Novelle Namenlos gelesen hatte. Die Besonderheit von Schneepoet ist wohl, dass es mir selbst einige Verhaltensweisen erklärt hat, die ich in meinem Leben gezeigt, aber nie verstanden hatte. Es hat mich abgeholt. Definitiv lesenswert!

Der Roboterfisch

2019 durfte ich einer Lesung von Berit Glanz beiwohnen, in der sie aus Pixeltänzer vorgetragen hat. Abgesehen davon, dass sie eine sehr angenehme und intelligente Person zu sein schien, gefielen mir auch die gelesenen Passagen. Sie hat mit ihrem Roman dabei mitgeholfen, dass ich meine Meinung über moderne Romane geändert habe. Beim Buchensemble habe ich mit Magret Kindermann über Pixeltänzer diskutiert: Wie wichtig ist Figurentiefe? Seit der Lektüre habe ich außerdem Berits Twitteraccount sehr zu schätzen gelernt und bin zufriedener Abonnent ihres faszinierenden wöchentlichen Newsletters.

Freiheit & Schmerz

Die beste Graphic Novel des Jahres war für mich Blast von Manu Larcenet und das trotz (oder wegen?) der Heftigkeit vieler Passagen, vor denen hätte gewarnt werden sollen (wie ich es auch in der Rezension angemerkt habe). Es ist spannend zu sehen, was man mit relativ simplen Effekten wie farbigen Buntstiftszeichnungenn inmitten schwarzer-weißer Bilder auslösen (oder anrichten?) kann. Blast ist spannend und zerstörerisch, aber sollte aufgrund der (Neben)Themen aus den Bereichen psychischer Erkrankungen und sexueller Gewalt mit Vorsicht genossen werden.

Abschied

2020 ist für mich auch das Jahr der traurigen Bücher. Cees Nooteboom hat mit Die folgende Geschichte seinen Anteil an der herrlichen Misere. Ich bin üblicherweise nicht nahe am Wasser gebaut, aber Nooteboom hat mich erheblich näher ans nasse Element geschoben, als ich es gewohnt bin, und das mehr als einmal. Die langsam-triste Abschiedsstimmung des Buches hat mich gepackt und endgültig von Nooteboom überzeugt. Leider bin ich zu doof für seine Gedichte.

Zwischenbemerkung

Müsste ich die 4 Bücher nennen, die mir 2020 am meisten gefallen haben, wären das neben Die folgende Geschichte noch das als nächstes angesprochene Buch, Triceratops (dazu unten mehr) von Stephan Roiss, Schattenfuchs von Sjón (ebenfalls unten mehr) und Gnade von Toni Morrison. Ich bin unendlich froh, dass Bücher von Morrison bei meiner Mutter herumstanden und ich mich endlich an eines herangewagt habe. Im Lesestapel warten nun mehrere weitere von ihr. Die Mischung aus intelligenter Struktur, poetischer Betrachtung und Einfühlungsvermögen haben mich gepackt. Dazu darf man die Aktualität der Rassismusthematik nicht vergessen und die scheinbare Mühelosigkeit, in der Morrison Figuren verschiedenster Hautfarben, Hintergründe, sexueller Orientierung usw. ins Geflecht des Romans einbaut, ohne dass es jemals gezwungen wirken würde (was leider ein ständiger Vorwurf von Gegner*innen inklusiven Schreibens ist).

Schneegestöber

Ebenfalls Berit Glanz zu verdanken habe ich die Lektüre von Schattenfuchs von Sjón. Mehrmals hat die Autorin, die Skandinavistik studiert hat, erwähnt, dass ihr liebster Romanbeginn der von Schattenfuchs sei. Die umwerfend poetische Erzählstimme, das märchenhafte Erzählen, die Bilder schneebedeckter Wildnis und abgelegenen Dorflebens sowie die schicksalhaft wirkende nicht-chronologische Struktur des Romans haben mich absolut begeistert. Ich habe mir sofort alle Bücher von Sjón auf meine Kaufliste gesetzt und mit Der Junge, den es nicht gab bereits einen zweiten Roman aus seiner Feder gelesen, der zwar nicht 100 % mithalten kann, aber dennoch großartig ist.

Wie viele bin ich?

2020 ist auch das Jahr guter Empfehlungen. Kia Kahawa hat mir den Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt von Peter Stamm empfohlen. Weder Peter Stamm noch seinen Roman hatte ich zuvor auf dem Schirm gehabt. Daher ist die verlinkte Rezension auch nicht von mir, sondern von Kia. Dem Roman steht die Frage zugrunde, die wir alle uns schon mindestens einmal gestellt haben: Was wäre, wenn ich XY im Leben anders gemacht hätte? Denken wir zu sehr über uns selbst nach? Inwiefern beeinflusst uns das wiederum? Gutes Buch. Sehr lesenswert.

Kurz & schön

Im Blogeintrag über Kurzprosa habe ich davon geschwärmt, wie gute Autor*innen – „gut“ in der entsprechenden Form, denn Romanciers machen andere Dinge großartig – ganze Schicksale auf wenigen Seiten darstellen können. Anna Seghers hat das mit Der Ausflug der toten Mädchen geschafft und zwar in vielfacher Hinsicht. Während man einen guten Eindruck des Lebens der Erzählerin erhält, bekommt man auch Einblick in die Leben ihrer Mitschülerinnen, der Lehrerinnen, der Jungs einer anderen Klassen und deren Lehrer, wie sie im Naziregime aufgestiegen oder abgestiegen, mächtig geworden oder gestorben sind. Die Mischung aus einem Schulausflug und den Schicksalen ganz normaler deutscher Kinder, die im Dritten Reich keine Kinder mehr waren, ist so gelungen wie schmerzhaft. Ich werde in Zukunft mehr von Anna Seghers lesen.

Wir sind gepanzert

Im Dezember hatte das Jahr 2020 noch ein hervorragendes Buch auf Lager, das tatsächlich erst 2020 erschienen ist. Triceratops von Stephan Roiss ist 2020 für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen. Hätte es gewonnen, ich hätte mich nicht beschwert. Neben der Nominierung hat mich hauptsächlich ein Tweet von Saša Stanišić inspiriert, Triceratops zu lesen:

Ob es für mich auch das beste Buch ist, das ich dieses Jahr gelesen habe, weiß ich nicht recht zu sagen, aber es ist ganz oben mit dabei. Es ist das traurigste und Trauergänsehaut-erzeugendste Buch, das ich jemals gelesen habe. Es ist so so traurig und genau so gut.

Fazit

2020 war für die Tonne. Es war psychisch verheerend und in vielerlei Hinsicht nicht gut. Aber ich habe gute Bücher gelesen und das ist etwas wert. F*ck dich, 2020, aber danke für deine Bücher!