Hinweis: Otto (Graphic Novel) Rezension

Hinweis auf eine Rezension der Graphic Novel “Otto” von Autor Marc-Antoine Mathieu beim Buchensemble.

Beim Buchensemble ist ab sofort meine Rezension der Graphic Novel Otto von Autor Marc-Antoine Mathieu (im Reprodukt-Verlag erschienen) zu lesen. Zur Rezension geht es hier entlang:

Er ist von vorne wie von hinten – OTTO

Jahresrückblick 2020: Gelesene Bücher

Jahresrückblick 2020: Gelesene Bücher, Leseempfehlungen

Bereits Ende 2019 habe ich eine Reihe von Jahresrückblick-Blogartikeln veröffentlicht. Leider kann es 2020 aus offensichtlichen Gründen keinen Rückblick mit dem Thema Live-Musik geben – ich war 1 mal im Ballett zu Jahresbeginn und auf 1 (als Zahl, um es zu betonen) Konzert, was in normalen Jahren eher eine Monatszusammenfassung wäre. Es hat 2019 auch Blogartikel über Gelesene Bücher und eigene Veröffentlichungen/Erfolge gegeben und zu meinem großen Vergnügen kann ich das 2020 wiederholen. Hier wird es also den Lektürerückblick 2020 geben.

Infos vorweg

Seit diesem Jahr arbeite ich beim Buchensemble mit und veröffentliche dort Rezensionen. Zuvor habe ich bereits auf dem eigenen Blog Buchbesprechungen hochgeladen (siehe entsprechenden Menüpunkt im Klappmenü rechts). Es folgt eine Liste der von mir gelesenen Bücher, bevor ich auf einige gesondert eingehe, die mir wichtig waren. Sofern ich Rezensionen zu den Büchern veröffentlicht habe (hier oder beim Buchensemble), werde ich diese verlinken. Manche Bücher sind mit abgebrochen markiert, andere mit beiseitegelegt. Die Werke der ersten Kategorie bleiben abgebrochen, diejenigen der zweiten bekommen höchstwahrscheinlich später noch einmal eine Chance. Sie sind möglicherweise aufgrund von besonderer (Un)Stimmung, Stress oder ähnlichen Gründen nicht weitergelesen worden. Ich möchte betonen, dass besonders die zweite Kategorie (beiseitegelegt) kein Werturteil darstellt!

Liste 2020 (an)gelesener Bücher:

  • Nika Sachs – Schneepoet
  • Hans-Joachim Maaz – Das falsche Leben
  • Daniel Kehlmann – Der unsichtbare Drache
  • Christa Wolf – Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra
  • Berit Glanz – Pixeltänzer (Diskussion beim Buchensemble)
  • Beyer / Johnson – Star Trek – Picard – Countdown
  • Edgar Allan Poe – Tales of Mystery and Imagination
  • James Joyce – Dubliner
  • Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit (abgebrochen)
  • Umberto Eco – Die Kunst des Bücherliebens
  • Daniel Kehlmann – Vier Stücke
  • Bernie Krause – Das große Orchester der Tiere
  • Fernando Pessoa – Das Buch der Unruhe (abgebrochen)
  • E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann
  • Nika Sachs – Karmapoet
  • Tom Wainwright – Narconomics (engl.)
  • Miguel de Unamuno – Nebel (abgebrochen)
  • Henry David Thoreau – Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
  • Rudy Rucker – Der Ozean der Wahrheit
  • Vladimir Nabokov – Die Schwestern Vane (Sammlung mit Erzählungen) (noch nicht durch)
  • Manu Larcenet – Blast 3
  • Samuel Beckett – Malone stirbt (beiseitegelegt)
  • Albert Camus – Erzählungen
  • Jorge Luis Borges – Spiegel und Maske (Reread)
  • William Shakespeare – The Tempest/Der Sturm (engl.) + Anmerkungen, Kommentare, Essay
  • Cees Nooteboom – Die folgende Geschichte
  • Elyseo da Silva – Paincakes und andere Kuriositäten (beiseitegelegt)
  • Cees Nooteboom – Mokusei!
  • Imre Kertész – Ich – ein anderer
  • Erwin Schrödinger – Mein Leben, meine Weltansicht
  • Toni Morrison – Gnade
  • Marc-Antoine Mathieu – Der Wirbel (Rezension folgt 2021)
  • Hilde Domin – Rückkehr der Schiffe (Rezension folgt 2021)
  • Cees Nooteboom – Gedichte (noch nicht durch)
  • Manu Larcenet – Blast 4
  • Ray Kurzweil – Menschheit 2.0
  • Sjón – Schattenfuchs (Rezension folgt 2021)
  • Marieluise Fleißer – Venusberg
  • Kübra Gümüsay – Sprache und Sein
  • Elisabeth Langgässer – Gang durch das Ried (abgebrochen)
  • Matt Dorff / Chris Koelle – Das Buch der Offenbarung (Graphic Novel)
  • Kenzaburo Oe – Eine persönliche Erfahrung (beiseitegelegt)
  • Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
  • Michael Leuchtenberger – Caspars Schatten
  • Sjón – Der Junge, den es nicht gab (Rezension folgt 2021)
  • Michael Braun – Wem gehört die Geschichte?
  • Stjepan Sejic – Harleen
  • Anna Seghers – Der Ausflug der toten Mädchen
  • Hilde Domin – Nur eine Rose als Stütze (noch nicht durch)
  • Leo Perutz – Der Meister des Jüngsten Tages (Rezension folgt 2021)
  • Herfried Münkler – Kriegssplitter
  • Stephan Roiss – Triceratops (Rezension folgt 2021)
  • Adrian Daub – Was das Valley denken nennt
  • Hilmar Klute – Oberkampf (beiseitegelegt)
  • Andreas Speit (Hg.) – Reichsbürger: Die unterschätzte Gefahr (zum Zeitpunkt des Uploads noch nicht beendet)

Geänderte Lesegewohnheiten

Im Jahr 2020 habe ich anders gelesen als in den Jahren zuvor. Ich habe weniger Comics und Graphic Novels gelesen und bin jetzt brutal ehrlich, woran das liegt: 2019 habe ich nach Abschluss jeder größeren Arbeitsphase eine Art „Urlaub“ eingelegt, indem ich mich 1-2 Wochen lang mit kleinen Joints hingesetzt und dabei Comics/Graphic Novels gelesen habe. Das war eine Mischung aus Belohnung und Entschleunigung. Es hatte mir gutgetan, gerade weil ich mich niemals zudröhne und auch im restlichen Jahr nichts rauche. 2020 aber ist psychisch extrem belastend und ich hatte keine Lust auf drogeninduzierte Paranoia. Also habe ich es gelassen. Das hat meine Lesegewohnheiten geändert.

Ein andere und bewusstere Änderung besteht darin, dass ich 2020 mehr „neue“ Bücher gelesen habe. Bereits 2019 habe ich mich in dieser Richtung ein wenig umgestellt und das 2020 weitergeführt. Bisher habe ich es absolut nicht bereut. Warum ich früher Vorurteile gegen modernere Literatur hatte, kann ich nur auf fehlende Bildung und den albernen Literaturkanon + das uralte Gerade vom Kulturverfall schieben. Ich bin froh, dass ich mich wandele!

2020 habe ich außerdem mehr auf meine Ungeduld gehört und Bücher beiseitegelegt oder abgebrochen, die mir nicht gefielen oder die nicht in die Zeit passten, in der ich sie gelesen habe. Man muss sich nicht durch alles quälen, nur weil man es sich vorgenommen hat, und schon gar nicht, weil irgendjemand meint, man müsse ein bestimmtes Buch gelesen haben.

Besondere Bücher

Kokain & Liebeskummer

2020 war ein gutes Lesejahr, doch einige Bücher stachen aus verschiedenen Gründen heraus. Ich gehe lesechronologisch vor. Direkt zu Jahresbeginn habe ich das bisher beste Selfpublishing-Buch gelesen, das ich kenne, mit Schneepoet von Nika Sachs, nachdem ich kurze Zeit vorher noch ihre Novelle Namenlos gelesen hatte. Die Besonderheit von Schneepoet ist wohl, dass es mir selbst einige Verhaltensweisen erklärt hat, die ich in meinem Leben gezeigt, aber nie verstanden hatte. Es hat mich abgeholt. Definitiv lesenswert!

Der Roboterfisch

2019 durfte ich einer Lesung von Berit Glanz beiwohnen, in der sie aus Pixeltänzer vorgetragen hat. Abgesehen davon, dass sie eine sehr angenehme und intelligente Person zu sein schien, gefielen mir auch die gelesenen Passagen. Sie hat mit ihrem Roman dabei mitgeholfen, dass ich meine Meinung über moderne Romane geändert habe. Beim Buchensemble habe ich mit Magret Kindermann über Pixeltänzer diskutiert: Wie wichtig ist Figurentiefe? Seit der Lektüre habe ich außerdem Berits Twitteraccount sehr zu schätzen gelernt und bin zufriedener Abonnent ihres faszinierenden wöchentlichen Newsletters.

Freiheit & Schmerz

Die beste Graphic Novel des Jahres war für mich Blast von Manu Larcenet und das trotz (oder wegen?) der Heftigkeit vieler Passagen, vor denen hätte gewarnt werden sollen (wie ich es auch in der Rezension angemerkt habe). Es ist spannend zu sehen, was man mit relativ simplen Effekten wie farbigen Buntstiftszeichnungenn inmitten schwarzer-weißer Bilder auslösen (oder anrichten?) kann. Blast ist spannend und zerstörerisch, aber sollte aufgrund der (Neben)Themen aus den Bereichen psychischer Erkrankungen und sexueller Gewalt mit Vorsicht genossen werden.

Abschied

2020 ist für mich auch das Jahr der traurigen Bücher. Cees Nooteboom hat mit Die folgende Geschichte seinen Anteil an der herrlichen Misere. Ich bin üblicherweise nicht nahe am Wasser gebaut, aber Nooteboom hat mich erheblich näher ans nasse Element geschoben, als ich es gewohnt bin, und das mehr als einmal. Die langsam-triste Abschiedsstimmung des Buches hat mich gepackt und endgültig von Nooteboom überzeugt. Leider bin ich zu doof für seine Gedichte.

Zwischenbemerkung

Müsste ich die 4 Bücher nennen, die mir 2020 am meisten gefallen haben, wären das neben Die folgende Geschichte noch das als nächstes angesprochene Buch, Triceratops (dazu unten mehr) von Stephan Roiss, Schattenfuchs von Sjón (ebenfalls unten mehr) und Gnade von Toni Morrison. Ich bin unendlich froh, dass Bücher von Morrison bei meiner Mutter herumstanden und ich mich endlich an eines herangewagt habe. Im Lesestapel warten nun mehrere weitere von ihr. Die Mischung aus intelligenter Struktur, poetischer Betrachtung und Einfühlungsvermögen haben mich gepackt. Dazu darf man die Aktualität der Rassismusthematik nicht vergessen und die scheinbare Mühelosigkeit, in der Morrison Figuren verschiedenster Hautfarben, Hintergründe, sexueller Orientierung usw. ins Geflecht des Romans einbaut, ohne dass es jemals gezwungen wirken würde (was leider ein ständiger Vorwurf von Gegner*innen inklusiven Schreibens ist).

Schneegestöber

Ebenfalls Berit Glanz zu verdanken habe ich die Lektüre von Schattenfuchs von Sjón. Mehrmals hat die Autorin, die Skandinavistik studiert hat, erwähnt, dass ihr liebster Romanbeginn der von Schattenfuchs sei. Die umwerfend poetische Erzählstimme, das märchenhafte Erzählen, die Bilder schneebedeckter Wildnis und abgelegenen Dorflebens sowie die schicksalhaft wirkende nicht-chronologische Struktur des Romans haben mich absolut begeistert. Ich habe mir sofort alle Bücher von Sjón auf meine Kaufliste gesetzt und mit Der Junge, den es nicht gab bereits einen zweiten Roman aus seiner Feder gelesen, der zwar nicht 100 % mithalten kann, aber dennoch großartig ist.

Wie viele bin ich?

2020 ist auch das Jahr guter Empfehlungen. Kia Kahawa hat mir den Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt von Peter Stamm empfohlen. Weder Peter Stamm noch seinen Roman hatte ich zuvor auf dem Schirm gehabt. Daher ist die verlinkte Rezension auch nicht von mir, sondern von Kia. Dem Roman steht die Frage zugrunde, die wir alle uns schon mindestens einmal gestellt haben: Was wäre, wenn ich XY im Leben anders gemacht hätte? Denken wir zu sehr über uns selbst nach? Inwiefern beeinflusst uns das wiederum? Gutes Buch. Sehr lesenswert.

Kurz & schön

Im Blogeintrag über Kurzprosa habe ich davon geschwärmt, wie gute Autor*innen – „gut“ in der entsprechenden Form, denn Romanciers machen andere Dinge großartig – ganze Schicksale auf wenigen Seiten darstellen können. Anna Seghers hat das mit Der Ausflug der toten Mädchen geschafft und zwar in vielfacher Hinsicht. Während man einen guten Eindruck des Lebens der Erzählerin erhält, bekommt man auch Einblick in die Leben ihrer Mitschülerinnen, der Lehrerinnen, der Jungs einer anderen Klassen und deren Lehrer, wie sie im Naziregime aufgestiegen oder abgestiegen, mächtig geworden oder gestorben sind. Die Mischung aus einem Schulausflug und den Schicksalen ganz normaler deutscher Kinder, die im Dritten Reich keine Kinder mehr waren, ist so gelungen wie schmerzhaft. Ich werde in Zukunft mehr von Anna Seghers lesen.

Wir sind gepanzert

Im Dezember hatte das Jahr 2020 noch ein hervorragendes Buch auf Lager, das tatsächlich erst 2020 erschienen ist. Triceratops von Stephan Roiss ist 2020 für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen. Hätte es gewonnen, ich hätte mich nicht beschwert. Neben der Nominierung hat mich hauptsächlich ein Tweet von Saša Stanišić inspiriert, Triceratops zu lesen:

Ob es für mich auch das beste Buch ist, das ich dieses Jahr gelesen habe, weiß ich nicht recht zu sagen, aber es ist ganz oben mit dabei. Es ist das traurigste und Trauergänsehaut-erzeugendste Buch, das ich jemals gelesen habe. Es ist so so traurig und genau so gut.

Fazit

2020 war für die Tonne. Es war psychisch verheerend und in vielerlei Hinsicht nicht gut. Aber ich habe gute Bücher gelesen und das ist etwas wert. F*ck dich, 2020, aber danke für deine Bücher!

Erschütterungen. Dann Stille.: Leseproben

Erschütterungen. Dann Stille. ist ein Buch mit insgesamt 29 Erzählungen unterschiedlicher Länge. An dieser Stelle werden Ausschnitte mehrerer Geschichten (Anfänge oder Parts aus der Mitte) als kostenlose Leseprobe zu lesen sein. Doch zuvor der Klappentext:

Klappentext

»Was halten wir aus? Wann zerbrechen wir? Manchmal wollen wir alles in Schutt und Asche legen, nur um zu vergessen oder erinnert zu werden …

Ich werde dir nicht sagen, dass du dich in die 29 Erzählungen dieses Bandes fallen lassen sollst. Sich fallen lassen in Geschichten, die von Erschütterungen handeln, die das Leben bereichern, ärmer machen oder zerstören? Wie spannend.

Auch werde ich dich nicht marketingwirksam dazu einladen, die Figuren zu den Epizentren ihrer eigenen Geschichten zu begleiten und mitzuerleben, wie sie durch die Erschütterung von Körper, Geist und Realität stärker, freier, euphorisch werden oder einfach nur kaputt gehen.

Nein. Dieses Buch ist anders. 29 Geschichten, ja. Erschütterungen? Definitiv. Aber: Lass dich nicht fallen, niemals, sondern beiße dich fest! Nutze die Stille für eigene Gedanken! Werde wütend, traurig, laut und erschüttert! Erschüttert!«

Leseproben

Am Fluss

Kruppke stoppte seine Arbeit und sah mir ins Gesicht.
»Babykatzen? Wirklich?« Er überlegte.
»Wie im Zeichentrickfilm?«
»Ja, einen kleinen, jaulenden Sack voll Kätzchen.«
Mein Gedächtnis spielte mir die Szene noch einmal vor. Die Frau, die Brücke, das Fiepen vor und nach dem Aufklatschen aufs Wasser, dann Stille. Langsam trieb der Sack flussabwärts und verschwand. Ich ersparte Kruppke die Details. Auch wenn er keineswegs so aussah, hatte er einen weichen Kern. Manchmal geradezu matschig. Hätte ich ihm alles genau geschildert und ihm noch etwas zugeredet, hätte ich ihm nur noch eine Adresse geben müssen und er hätte den gerechten Zorn Gottes zur Katzenfrau getragen. Doch das war nicht mehr nötig.

Der Mitatmer

Er atmet mit mir, durch meinen Mund, durch meine Nase, immer knapp vor dem Gesicht. Er atmet meinen Atem, isst die Krümel aus den Mundwinkeln, leckt mir die Sauce von den Lippen und lässt sie bitter schmecken. Er kommt mit wenig aus. Manchmal vergesse ich ihn fast. Dann ruft er sich leise in Erinnerung, wackelt mir liebevoll an den Zähnen, kreischt wie Reifen in den Ohren. Ich würde mich gern wegdrehen und nicht immer diese Augen sehen. Wie ein dünner Film auf den Pupillen, wie Schwimmer in den Augen. Sieht man ihn einmal, verschwindet er nicht mehr. Nur manchmal ist da ein Schimmern, ein Umriss. Er steht zwischen mir und der Welt. Er atmet meinen Atem, erstickt meine Stimme und kommt mit wenig aus. In einem langsamen Tanz hält er mich umschlungen, presst mir die Luft aus den Lungen, führt mich spazieren wie einen Hund und dreht sich manchmal wie die Reflexion der Sonne in einem Fenster, das man öffnet. Doch immer sind die Augen auf mich gerichtet. Ich werde langsam blind. Er ist so nah. Seit damals. Seit damals ist er geblieben. Wie ein Zerrspiegel aus Dunst, der mir direkt vor den Augen schwebt. Fahre ich Auto, ist es am schlimmsten. Ich fahre nicht mehr mit dem Auto. Beinahe kann ich seine Haut erkennen, seine Kälte spüren. Der Mitatmer ist eingestiegen. Ich habe ihn eingeladen. Wie ein Reh. Scheinwerferkegel, dunkle Straße, wie ein Reh. Er war plötzlich auf der Straße wie ein Reh und dann auf der Windschutzscheibe. Nur für einen Moment. So kurz. Er sah mir in die Augen. So schnell. Dann flog er weiter. Er flog und schlug auf und er schrie und ich drückte das Pedal durch, doch er blieb bei mir. Er blieb. Er steht mir direkt vor den Augen. Er atmet meinen Atem. Bitte, nicht mehr. Er ist so nah. Es tut mir leid. Er will nicht gehen …

Double Cheese

[…]

Ein seltsamer Kontrast bestand zwischen dem strahlenden Grün der Wiese neben dem geharkten Fußweg und dem schwarz verrußten Grauhimmel über mir. An manchen Stellen schien er hölzern-fleckig zu sein, als klebten Wolken hinter der Himmelskuppel anstatt davor, oder als ließen Fahrlässigkeit und Alter dieser Welt die Leinwand Gottes unter seiner Arbeit durchschimmern. Konzentrierte ich mich auf den Horizont, war es, als stünde man in der Tür zwischen einem Konzertsaal, in dem Bach gespielt wird, und einer Werkshalle, in dem Steinbrocken geschreddert werden. Man konnte das Geschrei des Himmels sehen und den Gesang des Bodens spüren. Zugleich war es totenstill. Aufgrund der Stille kam mir mein Puls lauter vor. Plötzlich vernahm ich Schritte. Sie näherten sich schnell von hinten. Als ich mich umdrehte, bekam ich eine heftige Ohrfeige und sank in die Knie. Vor mir schüttelte eine Frau, die ein aufgeschlagenes Buch auf dem Kopf balancierte, ihre Hand, als hätte sie sich verbrannt. Sie bemerkte meinen Blick, holte tief Luft und begann folgende Worte in großer Geschwindigkeit und ohne Atempausen herunterzurattern:

»Sehen Sie, mein Herr oder meine Dame, ich urteile nicht, Sie fragen sich nicht, womit Sie eine Ohrfeige verdient haben in dem Sinne, ob Sie überhaupt eine verdient hätten, sondern vielmehr im Sinne einer zu großen Auswahl an Auslösern oder Gründen oder Schuldzugeständnissen, aber in Wirklichkeit ist es unerheblich, ob Sie Schuld haben oder nicht, denn es zählt nur, ob Sie welche tragen, das heißt, glauben, Schuld zu haben und gestehen zu müssen, weshalb Sie nicht protestieren, sondern insgeheim dankbar sind, dass ich Ihnen den Gefallen getan habe, Ihre Schuld, welche auch immer es sei, zu bestätigen, zu bestrafen, damit schließlich zu läutern, und das ist meine Aufgabe: Ich helfe den Leuten.«

Sie beugte sich schwer atmend vor und stützte die Hände auf die Knie. Mit der erhobenen Hand bat sie wortlos um einen Moment der Erholung. Dann sprach sie weiter:

»Wenn Sie es wünschen, kann ich das Szenario verkomplizieren und beispielsweise einen Gerichtssaal improvisieren, ich sehe es schon vor mir, eine Tribüne mit 12 Geschworenen – warum eigentlich immer 12? Hat das etwas mit Jesus zu tun? – dort drüben und eine Richterbank hier vorn, das Publikum würde ‘runter mit dem Kopf’ brüllen, aber vielleicht verwechsele ich hier die Albträume, und am Ende würden alle einsehen, dass es ihre einzige Aufgabe ist, bei Ihrer Selbstanklage und Ihrem Gejammer zugegen zu sein – Das hatten wir alles schon, ein weiterer Albtraum! –, und alle gehen gelangweilt nach Hause außer Ihnen, weil Sie etwas gelernt haben oder glauben, etwas gelernt zu haben, oder auch bloß zufrieden sind mit einer weiteren durchstandenen Jammerrunde, Sie Käse fress… en… d«.

Plötzlich sank sie mit blau angelaufenem Gesicht zu Boden und regte sich nicht mehr. Aus der Wiese zu meiner Rechten erhoben sich kleine Erdhügel und aus jedem blickte ein kleiner Kopf. Ein paar Männchen gruben sich selbst aus und, als sie mich entdeckten, begannen mich breit anzugrinsen. Während sie zur Frau mit dem Buch auf dem Kopf schlichen, hielten sie permanent Blickkontakt mit mir. Einige begannen zu tanzen und zu hampeln. Mein einziger Gedanke, dessen Herkunft ich mir nicht erklären konnte, lautete: Ihr schon wieder. Die grinsenden Männchen packten die Frau an den Hand- und Fußgelenken und zerrten sie zur Wiese links von mir. Wie in Wasser tauchten sie unter und während die Männchen plantschende Geräusche verursachten, ließ die Frau den Klang von knisterndem Bonbonpapier zurück.

Schlammläufer

[…]

Max starrt auf die Fliesen vor sich. Manchmal steht er direkt vor mir, aber ich kann seinen Atem nicht riechen. Was er ausatmet, ist die Abwesenheit von Luft. Ich kann nicht atmen, was er atmet. Er atmet Ersticken. Max lächelt unsicher. Will er mir Angst machen? Ich suche die Wände und die Decke nach versteckten Kameras ab, denke an die Möglichkeit einer Prank-Show. Wer weiß schon, was man alles unterschreibt, ohne es genau zu lesen? Wenn es keine Show ist und ich nicht im Koma liege (ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht im Koma liege), steckt Max möglicherweise alleine hinter der Nummer. Nicht nur das verfallene Gebäude ist mir nicht geheuer, sondern auch, es mit einem fast nackten Typen teilen zu müssen.

Max? Ich werde mich im Gebäude umschauen. Max nickt, dann schüttelt er heftig den Kopf. Lass mich nicht direkt wieder allein! Kann ich mitkommen? Falls er schauspielern sollte, macht er einen guten Job. Ich kriege Mitleid. Hör zu! Wenn du unbedingt mitkommen willst, läufst du bitte vor mir. Ich weiß nicht, was hier Sache ist, und ich kenne dich nicht. Während ich das sage, suche ich den Boden nach lockeren oder abgebrochenen Fliesen ab, die ich als Waffe einsetzen könnte. Nichts zu machen. Ich werde unterwegs Ausschau halten.

Dann signalisiere ich Max aufzustehen und deute auf einen Durchgang genau in der Mitte der Wand. Max erhebt sich und ich kann mich nicht entscheiden, ob er mich dabei an einen kleinen Jungen oder einen alten Mann erinnert. Er wirkt schwerfällig, aber auch flapsig. Während er vor mir läuft, fällt mir auf, wie albern die Mischung aus Badehose, Laufschuhen und Socken wirkt. Vor dem Durchgang bleibt er stehen und schaut mich an. Er braucht eine Bestätigung. Ungeduldig nicke ich und er geht hindurch. Gefliester Flur, Schilder mit Hygiene-Hinweisen und Verboten, links und rechts Türen zu Gruppenduschen. Sollte ich Raum für Raum inspizieren?

[…]

Verkaufslinks

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Hinweis: Themenartikel

Seit heute gibt es einen neuen Themenartikel beim Buchensemble. Diesmal schreibe ich über die Verbindung von Gelesenem und Geschriebenem. Inwiefern beeinflusst die Lektüre die Arbeit der Autor*innen?

Lesen und gelesen werden: Was macht das mit uns?

Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte

Rezension des Romans “Die folgende Geschichte” von Cees Nooteboom.

Wie schreibe ich über dieses Buch, ohne die Auflösung zu verraten? Ich bin mir noch nicht sicher, werde es aber versuchen.

Oft gehe ich wenig emotional an Texte und besonders Buchbesprechungen heran. Im Falle von Die folgende Geschichte wird das schwierig werden. Es wäre keine Schwierigkeit, die Brillanz und Tiefe dieses Werkes aufzuzeigen und es rein sachlich zu analysieren. Aber ich habe das Buch vor 5 Minuten ausgelesen und meine Augen sind noch ein wenig feucht.

Neulich habe ich einen kurzen Absatz des Buches besprochen. Dort ging es weniger gefühlsduselig zu: Ein einziger Ansatz von Cees Nooteboom. Noch davor hatte mich die Geschichte zu Überlegungen über Figurenbeschreibung und -kommunikation animiert. Hier wird es möglicherweise anders aussehen.

147 Buchseiten umfasst meine Ausgabe von Die folgende Geschichte und ich habe 4 Tage gebraucht, um sie durchzulesen. Einer der Gründe dafür war, dass Stil und Rhythmus der Geschichte wie ein einziger, ruhiger Abschied wirken. Oder wie ein Tanz. Die Sätze bewegen sich in leichten Erhebungen und nach jedem einzelnen setzt man kurz ab. Eine Bewegung, eine Pause, die nächste Bewegung, immer einfühlsam, immer leichtfüßig. Wie ein Paar beim Tanz.

Grundthema des Buches ist Verwandlung, Veränderung. Herman Mussert, ehemaliger, begeisterter Lateinlehrer, einer von denen, die wirklich in ihrem Stoff aufgehen, übersetzt passenderweise in seiner Freizeit Ovids Metamorphosen. Immer wieder erwähnt er dieses Werk sowie andere Werke aus der griechischen und römischen Antike. Wenn er seine Schülerinnen und Schüler unterrichtet, durchlebt er die Szenen, als würde er sich an sie erinnern, als wären es seine Erlebnisse und nicht die Erfindungen von Menschen, die seit Jahrtausenden tot sind. Nooteboom schafft es, die Begeisterung, die Mussert als Lehrer vermitteln kann, darzustellen und die Leserschaft mitfühlen zu lassen.

Mussert erinnert sich an sein Leben, an den Unterricht, eine besonders gute Schülerin und an eine Liebesbeziehung.

– CUT –

Es sind 2 Wochen vergangen, seit ich diesen Artikel zu schreiben begonnen hatte. Noch immer habe ich das Buch positiv in Erinnerung, aber die emotionale Distanz ist längst hergestellt. Ich finde diesen Cut passend, da Nooteboom in seinen Büchern gern den einen oder anderen Schnitt einbaut, der keine echte Kapiteleinteilung darstellt, sondern beispielsweise einen Perspektivwechsel zwischen den Figuren einleitet oder plötzlich auf die Sicht des Autors statt des Erzählers wechselt. Manchmal klärt erst dieser Wechsel die Geschichte auf und vervollständigt sie. Da ich nun ebenfalls eine andere Perspektive – von emotional beeinflusst zu emotional Abstand haltend – einnehme, erlaube ich mir diesen Schnitt.

Ein (Neben)Thema, das in Die folgende Geschichte vorkommt und das mir gefallen hat, vielleicht weil ich selbst gelegentlich darüber nachdenke, ist die Gegenüberstellung eines Buchmenschen und einer Realistin, zwischen fiktiven Welten und realem Leben. Verpasst man etwas im Leben, wenn man seine Zeit mit Büchern verbringt, anstatt die Welt real zu erkunden? Mussert, könnte man argumentieren, hat nicht richtig gelebt, sondern nur gelesen. Aber er liebt seine Bücher. Und es stimmt auch nicht ganz, denn im Alter reist er viel, um für Reiseführer zu schreiben, verbindet die Elemente, die er aus den Büchern mit sich trägt, mit der Realität. Er erlebt die Welt anders. Seine Liebesbeziehung, die zeitlich vor den Reiseführern angesiedelt ist, währendderer er ebenfalls reist (wenigstens nach Lissabon), scheint oft definiert durch den Unterschied zwischen Mussert als Kopfmenschen, der alles als Referenz zu alter Literatur betrachtet, und seiner Partnerin Maria Zeinstra, die seine Träumereien und Literaturbezüge mit pragmatischen (und teils groben) Äußerungen lächerlich zu machen versucht oder als unsinnig darstellt. Kurzer Einschub: Im Artikel über Figurenbeschreibung und – kommunikation habe ich erwähnt, dass Mussert recht unsympathisch dargestellt wird in manchen Aspekten. Seine Partnerin, wie ich finde, kommt erheblich schlechter weg – nicht in den Augen von Mussert, aber in denen der Leser*innen, durch ihre fiese, beleidigende Art mit Mussert umzugehen. Man bekommt den Eindruck, dass Nooteboom selbst keine Antwort gefunden hat auf die Frage, ob Mussert – vermutlich stellvertretend für ihn selbst – sein Leben gut verbracht oder verschwendet hat. Er sieht wunderschöne Dinge, wo andere nur Touristenattraktionen sehen und wo er ihnen in den Reiseführern nur diese vermitteln kann, weil seine Assoziationen kaum jemand nachempfinden kann. Hier könnte man eine gewisse Hochnäsigkeit herauslesen, muss man aber nicht.

Ich persönlich tendiere dazu, Mussert als gutes Leben zu attestieren, in dem er getan hat, was er liebt, und dadurch eine einzigartige Sicht auf die Welt erlangt hat. Allerdings kann ich nicht umhin die innere Diskussion immer mal wieder selbst zu führen – sollte ich mehr leben, anders leben, besser leben? Die Antwort ist: Nein. Ich lebe ein gutes Leben, wenn ich tue, was ich liebe.

So kann man sich in Texten und Gedanken verlaufen. Es gibt wichtigere und dominantere Aspekte in Die folgende Geschichte als die genannten. Die Erinnerung Musserts an die Liebe, an Maria Zeinstra, und an die Zuneigung zu seiner Lieblingsschülerin. Auch wenn das Menschliche für den in Büchern lebenden Protagonisten nie einfach ist, ist dieser Teil des Lebens auch für ihn von größter Bedeutung.

Was fangt ihr jetzt mit dieser chaotischen Buchbesprechung an? Ich weiß es nicht, hoffe aber, dass sie mindestens als Leseempfehlung und bestenfalls als Denkanregung nehmt.

Autor*innenpodcast: “Bücher und Leseempfehlungen”

Kia Kahawa hat auf ihrer Patreon-Seite die zweite Folge des Podcasts von und mit Autorinnen und Autoren hochgeladen. Thema diesmal sind “Bücher und Leseempfehlungen”. Neben mir sind Andreas Hagemann und S. M. Gruber zu hören.

Wir sprechen über Lieblingsgenres, Leseorte und Bücher, die unsere Leben verändert haben.

Wer hören möchte, wie Schreibende über Gelesenes sprechen, findet die aktuelle Podcast-Folge hier:

Bücher und Leseempfehlungen – Matthias Thurau, Andreas Hagemann und S. M. Gruber

Bernie Krause: The Great Animal Orchestra

Rezension des Buches “Das große Orchester der Tiere” von Bernie Krause.

Atmet durch und hört auf, die Geräusche um euch zu filtern. Was hört ihr? Läuft Musik? Fahren Autos? Arbeitet die Lüftung des Laptops? Wird draußen der Rasen gemäht? Jetzt achtet darauf, was diese Geräusche in euch auslösen.

Ich habe Bernie Krauses Buch in den ersten Tagen meiner freiwilligen Corona-Quarantäne gelesen. Das Wetter war sonnig, es gab weniger Verkehr, keine Betrunkenen an der Kneipe gegenüber, weniger Spaziergänger, und die Vögel sangen. Am offenen Fenster habe ich gelesen und konnte halbwegs nachfühlen, wie Krause sich gefühlt haben musste, als er zum ersten Mal die Geräusche der freien Natur bewusst erlebte. Als ich zwei Tage später das Ende des Buches las, hörte ich erst einen Hochdruckreiniger, dann Menschen, die sich lautstark unterhielten, und einen Rasenmäher. Ich war angespannt – zugegebenermaßen bin ich recht geräuschempfindlich – und es passte gut zu den Infos über Lärmverschmutzung und die Zerstörung natürlicher Klangwelten durch menschliche Eingriffe.

Bernie Krause ist Bioakustiker und nimmt natürliche Klanglandschaften, Soundscapes, auf, um sie, das heißt einen Ausschnitt von ihnen, für die Nachwelt zu erhalten sowie akustische Vergleichsdaten zu sammeln, um Entwicklungen aufzuzeigen, Einflüsse und Zerstörungen zu verdeutlichen und zu verstehen, wie es zu diesen hochkomplexen Geräuschkombinationen kommt, bevor sie verstummen. Er zeigt auf, dass die Klänge der Natur nicht bloß aus verschiedenen Tierlauten bestehen, die willkürlich losbrüllen, sondern dass je nach Habitat sämtliche Lebewesen akustisch aufeinander abgestimmt sind und bestimmte Gebiete auf der Klangskala oder zeitlich besetzen. Jeder Eingriff, beispielsweise durch ein vorbeifliegendes Flugzeug, stört die Abstimmung, bringt sie durcheinander oder lässt sie verstummen, was die Kommunikation, Orientierung und Paarung der Lebewesen im Habitat beeinträchtigen kann. Das Besondere an diesem Buch ist wohl, dass nicht bloß trocken über diese Dinge berichtet wird, sondern dass man auf der Homepage des Verlages passende Tracks zu Stellen des Textes finden kann. Diese sind leider etwas durcheinander geraten in der Reihenfolge, aber das ist halb so wild.

Im Rahmen seiner Untersuchungen geht Bernie Krause, der ursprünglich Musiker gewesen ist, auch auf kulturelle Aspekte ein, theoretisiert über die Entstehung der Musik, unterstützt seine Gedanken mit Aufnahmen und Beschreibungen der Musik von naturverbundenen Völkern, gibt einen historischen Überblick über das Verhältnis der westlichen Welt zu Musik und Naturgeräuschen und gibt nebenbei Auskunft über die großen Etappen seines Lebens. Das klingt hochinteressant und etwas durcheinander, oder? Ist es auch. Beides. Gelegentlich wiederholt sich Bernie Krause und einiges hätte er besser strukturieren können. Das störte mich aber weniger als die Übersetzung. Einige Stellen, über die ich gestolpert bin, kann ich nicht klar zuordnen. Lag es am Original oder Übersetzung, dass manchmal das Tempus nicht ganz korrekt war? Hätte man es in der Übersetzung korrigieren sollen/dürfen? Was jedenfalls an der Übersetzung lag, waren Dinge wie, aus The Who, die Who zu machen, und aus Muscle-Cars, Muskelautos, den Filmtitel No Country For Old Men, der im Deutschen auch so heißt, zu übersetzen oder auch die etwas unglückliche Wahl mancher Kapitelüberschriften (Jedem Tierchen sein Pläsierchen – im Original: Different Croaks for Different Folks) und des deutschen Titels, der nach einem Kinderbuch klingt: Das große Orchester der Tiere. Manche Übersetzungen würde ich als Fehler einstufen, da es sich um Eigennamen (oder Teile davon) handelt, die nicht übersetzt werden dürften, und anderes scheint einfach ungeschickt gewählt zu sein. Wie treu soll/darf/muss man dem Original sein bei der Übersetzung? Für die Debatte ist hier kein Platz.

Dass es hier und da lange Aufzählungen von Tieren und Pflanzen gibt, sehe ich als Zeichen für Krauses Leidenschaft und Sorgfalt, und wird manche interessieren und manche nicht (die können das überspringen).

Es handelt sich um ein Sachbuch und das Wichtigste an einem Sachbuch ist die Sache, um die es geht, oder? Ich habe viel gelernt, habe Interessantes erfahren und für eine Weile ein aufmerksameres Gehör gewonnen (um mir des Lärms um mich herum noch stärker bewusst zu werden, aber auch angenehme Feinheiten zu bemerken). Deswegen gefiel mir das Buch trotz etlicher kleiner Macken, die sich anhäuften.

Jahresrückblick III: Literatur I (Die Bücher der anderen)

Literarischer Jahresrückblick 2019: Meine gelesenen Bücher.

Das Jahr 2019 hat für mich viele Veränderungen mit sich gebracht und viel Arbeit. Daher konnte ich leider weniger lesen, als ich wollte. Dennoch habe ich es geschafft, die Zeit zu finden, um einige Bücher, darunter viele Comics und Graphic Novels, zu lesen. Einige, die einen Eindruck hinterlassen haben, möchte ich hier vorstellen.

Fangen wir an mit Blast von Manu Larcenet. Es gibt insgesamt 4 Bände der Graphic Novel, aber ich habe bisher nur Band 1 und 2 gelesen. Beide sind fantastisch. Der Zeichenstil gefällt mir gut, die Erzählweise ebenfalls und einige Bilder sind einfach Kunstwerke. Die Geschichte um den übergewichtigen Protagonisten, der nach dem Tod seines Vaters ein Leben außerhalb der Gesellschaft sucht und ständig den nächsten Rausch jagt, hat mich berührt, gefesselt und mitgenommen. Die Rahmenhandlung ist ein Verhör bei der Polizei wegen einer schweren Körperverletzung. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und kann jetzt schon die Hälfte der Reihe wärmstens empfehlen.

Im Laufe des Jahres habe ich immer mal wieder im Gedichtband Rauchsignale von Hermann Burger gelesen. Wie immer bei Burger sind die Texte sprachlich auf allerhöchsten Niveau. Ab und an wirken sie dadurch trocken, obwohl durchgängig zu spüren ist, dass Emotionen das Grundfundament seiner Lyrik bilden. Nichts für kurzes Lesevergnügen, aber wer gerne nachdenkt und interpretiert, kommt auf seine Kosten.

Ganz anders ist da The Wake von Scott Snyder und Sean Murphy. Dieses Comic erzählt die Geschichte einer alternativen Evolution auf der Erde mit tollen Bildern und viel Spannung. Ich war einen Nachmittag lang gefesselt und extrem gut unterhalten.

Ebenfalls ein Comic, aber in einer anderen Stimmung, ist Fell von Warren Ellis und Ben Templesmith. Fell folgt einem interessanten Konzept. Warren Ellis war sich bewusst, dass es Comic-Fans gibt, die kein Geld haben, um sich ständig neue Ausgaben zu kaufen. Daher wollte er ein Comic entwickeln, das kurz, sehr günstig und unabhängig ist von großen Story-Bögen, wie sie bei den Großen wie Marvel und DC üblich sind. Das Ergebnis waren die Fell-Comics. Jedes einzelne Heftchen kann gelesen werden, ohne dass man die anderen kennen oder haben muss, und jedes Heft war ursprünglich geradezu billig in Relation. Es geht um einen Detective, der in einer völlig heruntergekommenen Stadt schreckliche Fälle aufklären muss. Der Zeichenstil ist großartig und die Storys nehmen die Leserschaft gefangen. Ich wünschte, es gäbe mehr davon.

Weiter geht es mit einem Klassiker unter den Comics: The Swamp Thing Saga (Book One) von Alan Moore. Schleichender Horror mit einer Existenzkrise von Plot Twist, dazu Action, durchdachte Gestaltung und ein Zeichenstil, der eben in die damalige Zeit gehört. Ich habe es sehr gern gelesen und plane, 2020 Buch Zwei endlich ebenfalls zu lesen.

Nachdem mir dieses Swamp Thing so gut gefallen hatte, testete ich den Swamp Thing-Run von Scott Snyder. Snyder war mir zuerst im Batman-Run (New52) begegnet und hatte mich überzeugt. Swamp Thing allerdings gefiel mir weniger von ihm, da es ein wenig zu eklig und zu offenkundig horrorlastig war für meinen Geschmack. Ich war zwar gut unterhalten, aber hatte mehr erwartet.

Von Daniel Kehlmann und Tyll hatte ebenfalls viel erwartet, aber wurde nicht enttäuscht. Ich mag seinen Stil einfach und die kleinen erzählerischen Experimente, die er wagt. Was ich fast noch mehr mag, sind seine Sterbeszenen. Es steckt so viel Ruhe darin. Nach einem langen Kampf darf sich die Figur endlich ausruhen. Neben der guten Unterhaltung lernt man noch etwas über den Dreißigjährigen Krieg und (wenn man will und aufmerksam ist) über Erzähltechniken.

Ich kann mich nicht entscheiden, ob mir Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch gefallen hat oder nicht. Eigentlich beides. Die Grundidee mag ich und das Bild der Person, die sich blind stellt, um die Menschen wirklich sehen zu können, ist auch super. Aber gleichzeitig fand ich das Buch anstrengend zu lesen. Möglicherweise war das falsche Buch für die Zeit.

Dann folgte meine kurze Da Vinci-Phase, zuerst mit Sigmund Freud und Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci und schließlich mit einer Ausgabe sämtlicher Gemälde und Zeichnungen. Freud gibt sein bestes, um aus einer winzigen Bemerkung Da Vincis eine komplette Analyse abzuleiten, in der es sich natürlich um dessen Mutter und seinen Penis dreht. Die Gedankengänge sind durchaus interessant, aber aus heutiger Sicht auch unfreiwillig komisch. Warum ich sowas lese? Es stand im Regal und im Vorbeilaufen wollte es mitgenommen werden.

Über Leo Perutz und Der schwedische Reiter habe ich einen eigenen Artikel verfasst: Leo Perutz: Der schwedische Reiter.

Über Kakuzo Okakura und Das Buch vom Tee nicht, obwohl ich es zunächst vorhatte. Es scheiterte daran, dass ich mich nicht in der Lage sah, wiederzugeben, was der Kern des Buches ist. Das Buch vom Tee ist knapp gehalten und steckt voller Informationen über die japanische Teezeremonie, ihre Entwicklung und Bedeutung sowie den sozialen, religiösen und philosophischen Hintergrund. Es ist hochinteressant und nicht nur für alle empfehlenswert, die sich für Japan interessieren.

Okakuras Werk erinnerte mich an Cees Nooteboom, dessen Buch Rituale ebenfalls eine Teezeremonie in einer Szene beinhaltet und das mir damals ausgesprochen gut gefiel. Diesmal hatte ich es mit Paradies verloren versucht. Wieder war ich begeistert. Nooteboom erzählt poetisch von der Reise seiner Protagonistin nach Australien, nachdem sie in ihrer Heimat angegriffen wird. Sie sucht Heilung in der Welt der Aborigines. Später springt der Erzähler zu einem anderen Protagonisten und die beiden Geschichten treffen sich. Zur Geschichte gehören auch einige Zeilen zu Nootebooms Arbeitsweise, seiner Ideenfindung und seinem Umgang mit Figuren, die er gehen lassen muss. Ein gutes, dünnes Buch, das viel beeinhaltet.

Zum Abschluss noch eine Graphic Novel: Fight Club 2 von Chuck Palahniuk. Ja, es gibt eine Fortsetzung und ja, es ist eine Graphic Novel. Tyler ist zurück und versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen oder so. Ich muss zugeben, ich war am Ende massiv verwirrt und musste eine ganze Weile nachdenken, bis ich damit klarkam. Fight Club war damals als Manuskript kaum unterzubringen und nur durch die Mühen des Lektors gab es eine kleine Mitleidsauflage, die sich nicht gut verkaufte. Dann kam die Verfilmung und sie floppte in den Kinos völlig. Aber außerhalb der Kinos feierte der Film Erfolge und wurde schnell zum absoluten Kult. Hier ungefähr setzt Palahniuk an. Seine Figur Tyler Durden hat es geschafft, nicht nur seine Geschichte zu überleben, indem er tausende Witze, Sprüche, Clubs und Ideen angeregt hat (The first rule of XY-Club is …), sondern auch seine Leser noch zu überleben, da er als Romanfigur geboren wurde, aber kaum jemand ihn als solche kennenlernte. Tyler Durden ist zu einer Idee verkommen, die Palahniuk nicht unbedingt mag, denn der Einfluss seiner Figur reicht offenbar bis in neofaschistische Zirkel, die die Botschaft des Buches/des Films missverstanden haben. Ganz kriege ich es immer noch nicht auf die Reihe, aber hey, Palahniuk hat sich wieder mit einer Geschichte in meinem Kopf eingenistet, wie er es damals mit dem ersten Teil von Fight Club auch geschafft hatte. In Tyler we trusted.

Sorck: Ein Zeitungsartikel

https://www.ruhrnachrichten.de/dortmund/matthias-thurau-34-aus-hombruch-hat-sein-erstes-buch-geschrieben–plus-1429473.html

Letzten Donnerstag wurde ich vom Journalisten Marc D. Wernicke von den Ruhrnachrichten besucht. Wie es dazu kam, wie ich es selbst erlebte und was ich noch ergänzen würde, erfahrt ihr in diesem Eintrag. Ich versuche es so einzurichten, dass man den Artikel nicht unbedingt gelesen haben muss, um meinen Text zu verstehen, da wohl nicht jeder sich dort anmelden möchte.

Fangen wir einfach mit dem Foto an, das ja jeder sehen kann. Abgesehen von meinem Blick, der mir etwas missfällt, kann man bereits viel über mich lernen. Ich trage ein Bandshirt der Band Boris und stehe vor zwei Regalen, von denen das eine voller Musik ist und das andere Ausgaben der Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Kafkas Tagebücher und einige andere Bücher enthält.

Aber holen wir etwas aus: Um mein Buch Sorck zu promoten, habe ich mehrere lokale Zeitungen kontaktiert. Eine Weile später habe ich eine Email von Herrn Wernicke bekommen und wir verabredeten uns in meiner Wohnung. Auf diese Weise konnte er direkt meinen Arbeitsplatz sehen und einen Einblick in meinen Alltag gewinnen. Außerdem empfand ich den Treffpunkt als intimer und für ein Gespräch über mich und meine Arbeit geeigneter als beispielsweise ein Café. Nach der Terminvereinbarung folgte die Nervosität. Ich muss mich zu solchen Treffen zwingen, auch wenn ich weiß, dass ich es meistern werde. Es handelt sich um eine Notwendigkeit, die immer erst im Nachhinein als angenehm empfunden wird (wenn überhaupt). Also startete ich die größte Aufräum- und Putzaktion der letzten Jahre, was meine Wohnung vorzeigbarer machte, aber auch fast jedwedes kreative Chaos entfernte. Wenn ich schon Gäste erwarte, möchte ich auch, dass sie sich wohlfühlen. Daher schickte ich auch am Vormittag noch eine Warn-SMS raus, weil ich keinen Kaffee anzubieten vermochte.

Das Gespräch an sich verlief ruhig, sachlich und angenehm. Wir verstanden einander, was wohl auch daran lag, dass wir etwa gleich alt sind. Wie man es sich vorstellen würde, saß mir jemand mit einem kleinen Blick und Stift gegenüber und stellte Fragen. Ursprünglich wollte ich Antworten vorbereiten, aber ich ging korrekterweise davon aus, dass ich den meisten Fragen schon mindestens einmal begegnet war und improvisierte. Inzwischen kenne ich mein Buch und mich selbst gut genug, um vernünftig antworten zu können.

Meine Motivation hinter dem Schritt, an Zeitungen heranzutreten, war natürlich in erster Linie, dass ich Werbung brauchte. Zwar werbe ich auch bei Twitter und Instagram, arbeite mit Blogs zusammen und bin auf Lovelybooks vertreten. Allerdings habe ich häufig das Gefühl, dass die Literaturbubble insgesamt recht geschlossen ist. Ich wollte ein anderes Publikum erreichen. Sorck kann zwar von Personen jeder Altersstufe gelesen werden, ist aber eigentlich nicht als Jugendliteratur gedacht. Der Protagonist selbst ist 40+ Jahre alt und hat entsprechend viel hinter sich. Ich stelle mir vor, dass eine Leserschaft zwischen 25 und 50 am meisten vom Roman angesprochen werden. Außerdem ist das Buch für Leser*innen anspruchsvoller Literatur gedacht, von denen, so vermute ich, die meisten ihre Lektüre nicht online suchen. Entsprechend ergab es für mich Sinn, einen Teil der Leserschaft zuhause abzuholen und in einer Zeitung zu werben. Es geht mir also darum, mehr Menschen zu erreichen, die meinen Internetauftritt möglicherweise komplett verpassen. Die gleiche Motivation steckt hinter meiner Zusammenarbeit mit dem Laden Landgut, der lokale Lebensmittel vertreibt und nun auch mein Buch anbietet. Das Prinzip des Ladens und das Angebot sagen mir aber auch persönlich zu, so dass ich auch dafür werben würde, ohne Vorteile zu erwarten.

Übrigens habe ich erfahren, dass der Artikel online ist, als eine Freundin, von der ich lange nichts mehr gehört hatte, mir dazu gratulierte. Obwohl es eigentlich klar ist, merkte ich in dem Moment erst, dass ich tatsächlich Menschen mit dem Artikel erreichen könnte.

Zum Abschluss möchte ich noch sagen, dass es eine interessante und angenehme Erfahrung war, wenn ich die Nervosität in den Tagen davor verdränge. Es freut mich ungemein, dass meine Arbeit Interesse weckt und Menschen interessiert. Einen winzigen Einwand habe ich bloß gegen den Artikel: ich wollte niemals „etwas ganz anderes“ werden, sondern habe bloß einen Umweg eingeschlagen, um endlich dort anzukommen, wo ich eigentlich immer sein wollte.

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Außerdem ist es möglich, im Buchladen vor Ort ein Exemplar zu erhalten.