Hinweis: weiter leben. Rezension

Hinweis auf eine Rezension des Buches “weiter leben” von Ruth Klüger.

Eine neue Rezension über das autobiografische Buch weiter leben von Ruth Klüger ist ab sofort beim Buchensemble zu lesen. Über eine Kindheit im KZ:

weiter leben: Rezension

Ton und Entfaltung: Lyrikfetzen

Über das Gedicht “Indischer Falter” von Hilde Domin und das Antwortgedicht “Entfaltung”, inklusive Tonaufnahmen.

Frauen lesen

Vor einer Weile musste ich feststellen, dass mein Bücherregal zum allergrößten Teil mit Werken von Männern gefüllt ist. Also habe ich etwas recherchiert, mir eine Liste mit Autorinnen erstellt, deren Bücher für mich ansprechend schienen, und habe eingekauft. Eines der Bücher, das ich gekauft habe, ist Rückkehr der Schiffe, ein Gedichtband von Hilde Domin.

Einschub: Tonaufnahmen

In der Anfangszeit meines Internetauftritts hatte ich einen Youtube-Kanal mit Namen Sprachnachrichten aus dem Kellerloch (namentlich angelehnt an Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch). Für den Kanal hatte ich Gedichte und Kurzgeschichten eingelesen und Videos dazu produziert. Leider fand sich so gut wie gar kein Publikum und die Arbeit war viel zu zeitaufwändig, um sie weiterzubetreiben. Daher konzentrierte ich mich stattdessen aufs Schreiben, auf den Blog und andere Projekte. Neulich habe ich mein Mikrofon doch wieder herausgekramt, zuerst für die Podcast-Folgen von Kia Kahawas Autor*innen-Reihe (Unser Schreibprozess; Bücher- und Leseempfehlungen; Buch- und Autorenmarketing) und dann für zwei weitere Aufnahmen.

Indischer Falter

Eines der Gedichte, die mir in Die Rückkehr der Schiffe besonders gut gefallen haben, ist Indischer Falter. Das Gedicht habe ich eingesprochen:

Der Text hat einige Fragen in mir aufgeworfen. Hilde Domin legt den Grund der menschlichen Existenz in die Aufnahme von Schönheit in uns, damit wir sie weitertragen. Wir sollen Augenblicke und schöne Erinnerungen aufnehmen, sie mit uns tragen und auf diese Weise lebendig halten. Das ist eine sehr lyrische Idee und gefällt mir. Dann aber habe ich mich gefragt, ob das nicht das Gleiche ist wie die Sinnlosigkeit oder Absurdität des Daseins with extra steps (wie Morty sagen würde). Ja, die Schönheit wird bewahrt, aber nur bis zum Tod. Mehr Sinn gibt das unserem Dasein nicht, sondern „nur“ mehr Schönheit. Für wen oder was bewahren wir die Schönheit und bewahren wir sie wirklich?

Entfaltung

Meine Gedanken habe ich in einem eigenen Gedicht zusammengefasst, das als eine Art Antwort auf Hilde Domins Gedicht Indischer Falter zu verstehen ist. Rhythmus, Wortwahl und allgemeinen Stil habe ich anzupassen versucht. Der Titel Entfaltung bezieht sich natürlich auf den Falter im Titel von Domins Gedicht, ist ein Wortwitz, wenn man so will. Hier die Tonaufnahme meines Gedichts:

Wenn wir nichts als
Schalen sind
Vielleicht
Die Schönheit schöpfen
Um sie mitzutragen
Bis sie mit uns vergeht


Für wen bewahren wir
Für was bewahren
Wir sie auf?
Wer nimmt uns diese Schönheit
Ab?


Der alte Mann
Der zusammensackt und stirbt
Mit ihm stirbt der Schmetterling
Doch das interessiert
Den Schmetterling nicht


Vielleicht wird nichts verlangt
Von uns
Gar nichts
Während wir hier sind


Wir erinnern – wir werden vergessen

Nur Sein, kein Verlangen

Mit etwas Abstand zu beiden Gedichten würde ich noch die These in den Raum werfen, dass nichts und niemand (im Sinne einer höheren Macht) etwas von uns verlangt, wir aber auf eine spezielle Weise sind. „Gemacht/geschaffen sind“ kann ich nicht schreiben, da das wiederum eine machende/schaffende Instanz impliziert. Wir haben uns entwickelt zu dem, was wir sind, und wir sind so, dass wir Schönheit aufnehmen und mit uns tragen. Diese Schönheit kann uns eine Ahnung von Sinn schenken oder eine Hoffnung auf etwas Größeres oder einfach einen Trost. Wir sind so, dass wir Schönheit entdecken und empfinden können, obwohl sie keine natürliche Eigenschaft ist, sondern eine Interpretation. Ohne diejenigen, die etwas schön finden, ist nichts auf der Welt schön. Es gibt keine Schönheit ohne uns. Vielleicht ist der Sinn der menschlichen Existenz nicht das Bewahren von Schönheit, sondern ihre Erschaffung. Dann wiederum kann man das Gleiche vom Konzept des Lebenssinns behaupten. Nur Menschen fragen nach einem Sinn. Außerhalb unseres Denkens existiert kein Sinn. Man kann schließen, dass es keinen Sinn im Leben gibt, oder man kann schließen, dass wir dem Leben Sinn geben.

Kritik, Inspiration, Selbstkritik

Selbstverständlich ist ein eigenes Gedicht als Antwort auf eines von Hilde Domin nicht als Kritik zu verstehen. Mich hat Indischer Falter berührt und inspiriert. Ich fürchte auch nicht, dass irgendjemand eine solche Verarbeitung als Angriff werten würde. Was ich allerdings fürchte oder womit ich mich schwertue, ist die vermeintliche Anmaßung als unbekannter Autor mich am Text einer „richtigen“ Autorin zu vergreifen. Hilde Domin ist nicht irgendwer, aber man könnte meinen, ich sei es schon (oder noch). Doch sich selbst niederzumachen, führt keine*n weiter. Ich bin Künstler und setze mich künstlerisch mit der Welt auseinander. Kein*e andere*r Künstler*in wird da Einspruch erheben wollen, denke ich.

Nika Sachs: Schneepoet

Rezension des Romans “Schneepoet” von Nika Sachs.

Männer mit echten Gefühlen – eine gewagte These. Schneepoet ist der erste Band einer Reihe, kann aber auch solo gelesen werden. Solche Infos sind für mich wichtig, weil ich ein sehr langsamer Leser bin und mich Buchreihen immer abschrecken. Vielleicht geht es euch ja ähnlich.

Steigen wir ein. Das große Talent von Nika Sachs ist die Analyse von Gefühlen. Ihre Figuren analysieren sich selbst und ihre Mitmenschen permanent. Das klingt trocken, ist es aber nicht. Ich selbst halte mich für einen reflektierenden Menschen, aber habe keineswegs einen solchen Zugang zu Emotionen und ihren Hintergründen, wie Nikas Figuren. Das führte dazu, dass ihr Buch in Teilen eine therapeutische Wirkung auf mich hatte. Ich habe plötzlich Verhaltensweisen und Vorgänge verstanden, mit denen ich mich über Jahre beschäftigt hatte, die teilweise noch aktuell sind, und andere, die ich fast vergessen hatte. Ein solcher Effekt ist aus meiner Sicht ein riesiger Pluspunkt für ein Buch.

Der Protagonist Lukas (oder Luc) verlässt seine Freundin, weil er ihr ein Geheimnis nicht verraten kann, und flüchtet aus Deutschland und aus der Realität mithilfe von Alkohol, Drogen und sinnlosem Sex. Diese Realitätsflucht kennen vermutlich viele Männer und besonders jene, die ihre eigenen Emotionen nicht verstehen und/oder nicht ordentlich verarbeiten können. Luc hat den Vorteil (und wenn es auch nur ein Vorteil für die Leser*innen ist), dass er von Kindheitstagen an eine beste Freundin hatte, die ihm geholfen hat, einen Blick für seine Emotionen zu entwickeln, der leider für viele Männer noch immer einem Tabu gleicht. Wir haben stark zu sein und unsere Gefühle in Schach zu halten. Unsere Aufgabe ist nicht, sie zu verstehen, sondern Stärke zu zeigen. So ein Bullshit. Es ist vielsagend, dass eine Frau aus der Perspektive eines Mannes schreiben muss, um Männern zu zeigen, was und wie sie fühlen. Zwar kenne ich viele emotionale Bücher, die von Autoren verfasst worden sind, aber keines enthält eine derart reife und analytische Sicht auf diese Emotionen wie Schneepoet von Nika Sachs. Stattdessen geht es meist um das unerträgliche Leid, leben zu müssen, mit sich selbst, ohne eine ordentliche Reflexion oder gar einem Lösungsangebot. Die große, klassische, emotionale Männergrippe in der Literatur.

Der Sprachstil des Buches ist ebenfalls ungewöhnlich, hier und da schwierig (auch aufgrund von Neologismen und Metaphern, die man nicht immer sofort versteht), aber immer interessant. Neben der inhaltlichen Tiefe ist die verwendete Sprache für mich einer der wichtigsten Aspekte in der Literatur. Ich will nicht die Fahne derer schwenken, die nur komplexe und sprachgewaltige Werke als echte Literatur akzeptieren, sondern meine, dass jeder Sprachstil akzeptabel und gut sein kann, solange er zum Werk passt. Der Stil von Schneepoet ist nicht simpel, er ist frisch, neu, modern und frei von Konventionen, passend zum verwendeten Tagebuchformat. Was ich sagen will, ist, dass meine Ausgabe nun gespickt ist mit Klebezetteln, die interessante Passagen und schöne Sätze markieren.

Was den Aufbau betrifft, so könnte man sich streiten. Im vorliegenden Format wirkt er stimmig. Ein Zeitraum von 3 Jahren und 6 Monaten wird in Form von Tagebucheinträgen abgedeckt. Es wird ein Leben dargestellt und eine emotionale und geistige Entwicklung, kleinschrittig. Man hätte sicherlich die Essenz der Geschichte herauslösen können und sie geordneter darstellen können, aber dann hätte man ein anderes Werk mit einem anderen Effekt gehabt. Hier wird kein kunstvoller Bogen geschlagen, sondern ein Leben dargestellt. Für die Geschichte und ihren Fokus war das die richtige Wahl. Andere hätten es anders gemacht, aber andere wollen auch andere Dinge erzählen.

Was noch? Sex, Sex, Sex, interessante Figuren und viele Gefühlskatastrophen. Wer Bock hat, fröhliche Menschen durchs Leben tänzeln zu sehen, ist hier fehl am Platz. Da ich darauf aber fast nie Bock habe, bin ich sehr zufrieden mit der Lektüre wie auch schon bei Namenlos. Also gebt dieser großartigen und ungewöhnlichen Autorin eine Chance, lest ihre Bücher und folgt ihr bei Twitter unter Karmasagtnein oder Nika Sachs.