Hinweis: Erschütterungen-Rezension

Für mich überraschend wurde heute eine Rezension des Erzählbands Erschütterungen. Dann Stille. veröffentlicht, die mich wirklich sehr freut. Nicht nur wegen der Überraschung selbst, sondern auch wegen der positiven Resonanz. Lesen könnt Ihr die Rezension hier:

[Anthologie] Erschütterungen. Dann Stille. von Matthias Thurau

Erschütterungen. Dann Stille.: Bad Luck II

Über die Sci-Fi-Kurzgeschichte “Bad Luck II” im Sammelband “Erschütterungen. Dann Stille.”

Nein, das ist keine Fortsetzung von Bad Luck I – es gibt kein Bad Luck I –, sondern ein mittelschlechter Scherz. Bad Luck II ist die einzige Science-Fiction-Geschichte in Erschütterungen. Dann Stille. und generell die einzige, die ich bisher geschrieben habe. An dieser Stelle wieder die Spoiler-Warnung für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben.

Der Name

Schiffe haben gerne seltsame Namen und vermutlich irgendwann auch Raumschiffe. Meines Wissens nach kann man ein privates Schiff nennen, wie man will. Ich denke gerne an die unbemannte schwimmende Landungsplattform (also quasi ein Schiff) von SpaceX namens Of Course I Still Love You, deren Name (wie auch der des Vorgängerschiffes) aus der Science-Fiction-Story The Player of Games von Iain M. Banks stammt. Eine Inspiration für den Namen meines Raumschiffs (Bad Luck II) war ein Schiff, das ich irgendwo (Film? Meme? Foto?) gesehen habe und das Unsinkable II hieß, was mich wiederum an lustige Filmtitel wie Titatic II erinnerte.

Bad Luck bedeutet übersetzt „Pech“, „schlechtes Glück“. Die zweite Version eines Schiffes mit diesem Namen deutet bereits auf das Schicksal des ersten hin, so wie viele zweite Versionen an das Scheitern der ersten gemahnen. Für mich handelt es sich hauptsächlich, wie oben erwähnt, um einen Scherz.

Der Weltraum, unendliche Weiten …

Im Weltraum gibt es nichts. Der Weltraum ist die Leere zwischen den kleinen Gefährten und etwas größeren Monden und Planeten, die uns Sicherheit und Leben schenken. Fast überall im Universum ist es zu kalt, zu heiß, zu sauerstoffarm (das wäre dann wohl ein Euphemismus) oder sonstwie zu tödlich für uns. Ich kann mir kein brutaleres Bild für Einsamkeit vorstellen als ein Raumschiff mit nur einer einzigen Person an Bord, weit entfernt von allem, was eine Heimat sein könnte.

Das liegt erstens an der Kälte, die innerhalb von Sekunden einen menschlichen Körper gefrieren lässt, zweitens an der Dunkelheit, die lediglich von winzigen, weit entfernten Punkten durchbrochen wird, und drittens an der absoluten Stille des jeden Ton verschluckenden Vakuums. Diese drei Punkte habe ich in Bad Luck II darzustellen versucht, insbesondere Punkt Nr. 3, die Stille. Einsamkeit ist jedoch nur ein Nebenthema der Geschichte.

Homo Homini Lupus Est

Homo Homini Lupus Est: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, das stellte der Philosoph Thomas Hobbes fest. Später korrigierte er den Satz zu Homo Homini Lepus Est: Der Mensch ist dem Menschen ein Hase. So oder so hat der Mensch den Menschen zu fürchten oder fürchtet ihn wenigstens zu Recht. Doch darum geht es nicht. Hobbes ist berühmt für sein Werk Leviathan aus dem Jahr 1651. Leviathan ist ein Werk des Staatstheorie, also der philosophischen Richtung, die der Frage nachging, wie es ursprünglich zur Gründung von Staaten (Reichen, Nationen, großen Gemeinschaften) gekommen ist. Hobbes stellte die Theorie auf, dass der Mensch im Naturzustand, also in uneingeschränkter Freiheit, seine niedersten Instinkte ausleben würde. Absolute Freiheit bedeutete also das Recht der/des Stärkeren und eine Unterwerfung unter eine gemeinsame Regierung wäre zum Vorteil aller (außer der Allerstärksten). Alle geben einen Teil ihrer Freiheit auf, um sicher leben zu können.

Brachiale Freiheit

Hobbes stellt innerhalb seiner Ausführungen außerdem das Offensichtliche fest: Im Naturzustand, also in scheinbar absoluter Freiheit, ist niemand frei. Die ständige Todesangst, der fehlende Schutz vor anderen und der fehlende Zusammenhalt stürzen einen Menschen in einen Zustand, in dem er zwar keinen offiziellen Regeln folgen muss, aber auch niemals sich selbst verwirklichen kann, niemals beruhigt oder für einen Moment unvorsichtig sein darf. Echte Freiheit ist etwas anderes.

Leider haben das viele Menschen noch nicht verstanden. Gerade Corona hat wieder einmal gezeigt, wie wenig überlegt das Wort Freiheit benutzt werden kann und wird. Man wird nicht weniger frei durch die Verwendung einer Maske oder die Vorschrift dieser Verwendung. Im Gegenteil. Die Regelung schützt alle vor einem chaotischen Zustand, vor unkontrollierter Ausbreitung einer (viel zu häufig tödlichen oder schwere Folgen habenden) Krankheit. Wie frei fühlt man sich noch, wenn jede Begegnung das Leben kosten könnte? Freiheit oder Tod kann man für sich selbst fordern (und es gibt Situationen, in denen das nachvollziehbar ist), aber man kann es nicht von anderen verlangen. Besonders dann nicht, wenn diese vermeintliche „Freiheit“ aalglatter Bullshit ist. Deine Freiheit, keine Maske tragen zu müssen, ist meine Unfreiheit in Angst zu leben. Deine „Freiheit“ oder dein Tod? Von mir aus. Mein Tod für deine „Freiheit“? Nein, danke.

Keine Heldengeschichte

Trip, der Protagonist von Bad Luck II, ist kein Held und die Erzählinstanz lügt und manipuliert. Mit der Aussage Wirkliche Freiheit ist nur möglich, wo Sicherheit gering ist beginnt die Geschichte. Diese Aussage ist extrem relativ. Sie ist keine glatte Unwahrheit, aber sie darf nicht unkritisch gelesen werden. Wann ist Freiheit wirklich? und wann ist Sicherheit gering? Natürlich darf man nicht alle Freiheit für Sicherheit opfern. Bekanntlich verliert man auf diese Weise beides. Aber eine derart willkürliche und lockere Behauptung darf man nicht akzeptieren!

Trip ist nicht frei oder sogar ein Freiheitskämpfer, er ist ein Krimineller. Er tötet ohne Reue, raubt, was er braucht. Er ist kein Held, aber die Prämisse, der erste Satz der Geschichte, will ihn zu einem machen. Freiheit benötigt keine Gefahr, um zu existieren, und Sicherheit fußt nicht zwangsläufig auf Unfreiheit.

Was soll das dann?

Bad Luck II ist für mich eine Übung in kritischem Lesen für alle Lesenden und eine Übung in einem fremden Genre für mich. Ich hoffe, dass die Geschichte gefällt, ohne dass ihre kalten Inhalte als wahr angenommen und vielleicht sogar ins eigene Denken übernommen werden.

Sicherlich, als es noch kein Google gab, keine guten Antivirus-Programme und so gut wie gar keine Regulierung des Internets, konnte man alles kostenlos finden, wenn man nur wusste, wo man zu suchen hatte – und bereit war, Gesetze zu übertreten. Es war ein riesiger digitaler Spielplatz. Aber man war auch Angriffen schutzlos ausgeliefert, und alles, was man kostenlos heruntergeladen hat, hat irgendwo Schaden verursacht. War das wirklich Freiheit? Ich glaube nicht. Aber fühlt sich die komplette Überwachung aller Verbindungen, Gespräche, der Tastenanschläge, Websitebesuche und Einkäufe etwa wie Freiheit an? Fühlt sie sich sicher an?

Update: Das nächste Projekt

Über die nächste literarische Veröffentlichung und Projekte, die ich noch) nicht geschafft habe.

2020 ist für viele Menschen ein schwieriges Jahr gewesen und noch ist es nicht vorbei. Meine Pläne für dieses Jahr sind massiv durcheinander geraten und vieles hat einfach nicht geklappt. Dennoch konnte ich Das Maurerdekolleté des Lebens veröffentlichen, an einigen Ausschreibungen teilnehmen, den Blog neu gestalten und die Arbeit fürs Buchensemble beginnen. Es folgt ein kleiner Rückblick auf nicht umgesetzte Projekte und eine Vorschau auf die Zukunft.

Nicht geschafft

Den zweiten Roman, der als Rohfassung mit einigen Überarbeitungsdurchläufen bereits weit fortgeschritten ist, konnte bisher leider nicht fertiggestellt werden. Es wird dieses Jahr auch nicht mehr klappen. Ursprünglich sollte er bereits seit Monaten in verschiedensten Postfächern (digital und analog) von Verlagen liegen. Doch bevor das geschehen kann, werde ich mich gewissenhaft daran zu schaffen machen. Einige Monate wird das dauern und vorher stehen noch andere Projekte an.

Bald geschafft

Die nächste Veröffentlichung, die schon so weit fortgeschritten ist, dass ich mir sicher genug bin, sie für dieses Jahr noch ankündigen zu können, wird ein Erzählband sein. Damit werde ich die heilige Dreiheit der Literatur vollendet haben: Roman, Gedichtband, Erzählband. Das ist natürlich nicht der einzige Grund für dieses Projekt. Ich habe Autor*innen immer für ihre Kunst bewundert, in kürzesten prosaischen Texten ganze Schicksale unterzubringen, von Wolfgang Borchert über Jorge Luis Borges bis Ingeborg Bachmann (und natürlich auch bei Autor*innen, deren Name nicht mit B beginnt). Ob ich selbst auch nur ansatzweise mithalten kann, wird die Leserschaft entscheiden müssen. Für die nächste Anthologie von Nikas Erben hat es jedenfalls gereicht und darauf bin ich sehr stolz.

Erzählung oder Kurzgeschichte?

In der Buchbubble wird gerne jede Geschichte, die kürzer als ein Roman ist, als Kurzgeschichte bezeichnet. Ganz korrekt ist das nicht. Daher bezeichne ich das Buch nicht als Kurzgeschichtensammlung, sondern nenne es Erzählband. Es werden Kurzgeschichten darin vorkommen, aber eben auch Erzählungen. Die Texte werden unterschiedlich lang sein, von einer Seite bis zu etwa 30 Seiten Umfang. Durch die vielen kürzeren Geschichten werden etwa 30 Texte ins Buch kommen.

Worum soll es gehen?

Stilistisch und inhaltlich wird es große Unterschiede zwischen den Geschichten geben. Aber kein Text wird Leser*innen, die mich kennen, als Stilbruch erscheinen. Vom Genre her variieren die Storys zwar, aber kreisen alle um den Mix aus Gegenwartsliteratur, magischem Realismus, Surrealismus, den man von mir gewohnt ist, mit einer stilistisch ins Konzept passenden Science-Fiction-Geschichte und ein paar Versuchen ins Horror-Genre.

Düster wird es werden, schmerzhaft, seltsam und etwas gruselig. Es wird um Liebe gehen, um Alkohol, Rache, Versuche, mit sich selbst klarzukommen, die nicht immer funktionieren.

Was sagen die Testleser*innen?

Ich habe Herzen gebrochen, Tränen verursacht und gut unterhalten. So viel kann ich gerne verraten. Die meisten Geschichten wurden von mehreren ausgezeichneten Autor*innen testgelesen. Zum Glück. Nicht nur wurde ich auf verschiedenste Schwächen und Fehler hingewiesen, ich durfte auch völlig unterschiedliche Lesarten und Verständnisansätze kennenlernen. Ich bin unheimlich gespannt, ob und wie dieses Buch bei anderen Leser*innen ankommen wird.

Der Blog

Wie bereits beim Roman Sorck, dem Gedichtband Alte Milch und Das Maurerdekolleté des Lebens wird es auch für den Erzählband mehrere Blogeinträge geben, die auf bestimmte Aspekte des Buchs und einzelner Geschichten eingehen. Geplant ist das übrigens auch für die nächste Anthologie von Nikas Erben. Ihr dürft euch also auf weitere Einblicke in die Werkstatt freuen!

Wann wird das Buch erscheinen?

Nun, wenn ich nicht wieder einknicke unter dem Druck der Seuche, persönlicher Probleme oder globaler Dämlichkeit, sollte das Projekt im November abgeschlossen sein. Ich hoffe, dass es zu Weihnachten unter allen möglichen Bäumen liegen wird. Als Geschenk, nicht weggeworfen.

Seid ihr gespannt? Gibt es Menschen, die bereits vorhaben, das Buch zu kaufen, ohne wirklich etwas darüber zu wissen? Es würde mich freuen.