Erschütterungen. Dann Stille.: Unbesiegbar

Über die Erzählung “Unbesiegbar” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Unbesiegbar HEADER

Unbesiegbar ist eine der wenigen Erzählungen in Erschütterungen. Dann Stille., die sprachlich komplexer und (absichtlich!) streckenweise ein wenig anstrengend sind, wie ich es im Blogartikel über den Erschütterungen. Dann Stille. angekündigt hatte. Die Entscheidung für diesen Stil hat selbstredend Gründe und neben anderen Details sowie der Grundidee soll es um diese jetzt gehen. Wie immer warne ich an dieser Stelle vor unvermeidbaren Spoilern. Lest also zuerst die Geschichte und dann diesen Blogeintrag.

Content Notes: BDSM, Gewalt

Gesunder versus ungesunder Sadomasochismus

[Letzte Warnung vor Spoilern: Es geht jetzt um das Ende der Geschichte!]

BDSM ist hier schon mehrmals Thema gewesen. Im Blogartikel Freiheit, Geborgenheit, BDSM habe ich den meiner Meinung nach wichtigen Unterschied zwischen gesundem und ungesundem Umgang mit BDSM, krankhafte Züge wie Selbstbestrafung oder Selbstverletzung durch andere, erwähnt. Leo, der Protagonist von Unbesiegbar, ist Masochist und zwar einer der ungesunden Sorte. Das zeigt das Ende der Geschichte eindeutig. Auch wenn er in gewissem Sinne gewinnt, sollte er sich, realistisch betrachtet, Hilfe suchen. Wäre er lediglich kinky und ließe sich gern den Hintern versohlen, gäbe es da nichts einzuwenden. Soviel vorweg. Vergessen sollte man aber auch nicht, dass es auch und gerade beim BDSM nicht ohne Konsens geht und gehen darf. Der Angriff auf Leo ist nicht als sexueller Akt gedacht und eben ein Überfall, also gibt es an dieser Stelle keine Zustimmung. Leo wiederum hatte den Angriff erhofft und geradezu geplant. Er macht ihn zu einem sexuellen Akt, wozu wiederum die Angreifer keinerlei Zustimmung gegeben haben. Großes Durcheinander und keiner hier ist unschuldig. Zum Thema Konsens und BDSM empfehle ich den Gastbeitrag von June T. Michael: BDSM als Utopie.

Namensgebung

Im Blogartikel über Namen habe ich beschrieben, wie ich üblicherweise vorgehe, wenn ich Namen für Figuren suche, und zwar entweder schlicht Bezeichnungen oder im Falle von komplexeren Ideen dahinter. Leo ist definitiv ein Name mit Gewicht und Idee. Leo ist bekanntlich die Kurzform von Leopold. Leopold, wie in Leopold (Ritter) von Sacher-Masoch. Von Sacher-Masoch ist derjenige, nach dem der Masochismus benannt worden ist. Wir haben also bereits im Namen einen (zugegebenermaßen kaum entschlüsselbaren) Vorgriff auf das Ende der Geschichte. Um die Namensgebungsgeschichte des Sadomasochismus kurz zu vervollständigen: Der Begriff Sadismus stammt vom Marquis de Sade. Bondage wiederum stammt von Fürst Jürgen von Bondage-Kinkyboi, was offensichtlich ein Scherz ist.

Leo, der Maso

Leo, der Protagonist von Unbesiegbar, ist Doktorand im Fach Geschichte. Einerseits habe ich diese Info eingebaut, um ein Bild von Bildungsstand und Alter der Figur zu geben. Andererseits hat sein Namensgeber Sacher-Masoch selbst Geschichte studiert, in diesem Fach auch habilitiert und unterrichtete an der Universität. Das bekannteste Werk des Schriftstellers Sacher-Masoch ist Venus im Pelz. Die Eckkneipe nun, in der der Großteil meiner Geschichte spielt, wird Zum Athen(er) Bären genannt. Athen ist als Wink in Richtung griechischer Mythologie (→ Venus) gedacht und der Bär deutet sowohl auf den Pelz im Titel als auch auf die umgangssprachliche Bezeichnung der weiblichen Geschlechtsregion bzw. der dortigen Behaarung hin. Im Grunde handelt es sich also um eine verprollte Verhohnepiepelung des Originaltitels des Romans von Sacher-Masoch. Die scheinbar unnötig lange Herleitung des Kneipennamens in der Geschichte darf man auf die verdrehte Entstehung des Namens eine Ebene höher beziehen oder es einfach lassen. Die Cowgirl-Anmache („[…] auf mir in den Sonnenuntergang reiten“), das Bild des Reitens, habe ich gewählt, da der Originalmasoch(ist) noch dem Ritterstand – wenigstens dem Namen nach – angehörte. „Ritter“ bedeutete ursprünglich schließlich nichts weiter als „Reiter“. Außerdem behaupte ich einfach mal, dass Cowboys als Figuren in der Literatur die vorher populären Ritter ersetzt haben, gerade auch, weil sie viele Parallelen aufweisen. Außerdem mochte ich die Erwiderung sehr, weswegen sie einen Grund benötigte.

Alte Notizen

Unbesiegbar habe ich bereits 2018 geschrieben und im Rahmen der längst aufgegebenen Aktion der Sprachnachrichten aus dem Kellerloch, in der ich Gedichte und Kurzprosa vorgelesen und vertont habe, wurde die Geschichte zum Thema eines Blogeintrags. Der Originalblogeintrag sowie das Vorlesevideo sind längst nicht mehr online. Aber ich habe den Text verwendet, um für diesen Artikel zu recherchieren. Einige Details hatte ich längst vergessen. Beispielsweise kam die Inspiration für die Geschichte ursprünglich offenbar von einem Fall von „misheard lyrics“. Ich hatte They better pray that they’ll never find you verstanden (was ich mir dummerweise ohne Songtitel oder den korrekten Text notiert hatte). Mir gefiel die Idee einer Jagd, die für die Jäger nur schlecht ausgehen konnte. Erst ging ich ins Radikale und wollte eine Art Suicide by Cop schreiben, aber es wäre schwierig nachzuvollziehen gewesen für Leser*innen, dass der Tod des Protagonisten und der Gewaltsieg der Angreifer eigentlich ein Sieg des Toten gewesen sein sollte. Schnell kam ich zur Verbesserung der Idee auf Menschen, die eine Falle stellen, nur um herauszufinden, dass sie selbst mit ihrer Falle jemand anderem in die Falle gegangen sind, und schwächte die Todesidee auf einen kleinen Tod (le petit morte – Orgasmus) ab.

Sprache

Der ungewöhnliche Sprachstil des Textes sollte die Geschichte auflockern und einen (nicht näher definierten) alten Eindruck erwecken, da Sacher-Masochs (1836-1895) Schaffensperiode ja auch schon eine Weile her ist. Hinzu kam, dass Ausbrüche aus diesem Stil sehr viel deutlicher hervortreten. Außerdem empfand ich die Verbindung aus einem alten, förmlichen Stil und sexueller Devianz in Form von Masochismus einfach witzig, weil paradox. Anders als im Falle von Eine Ziege, Vater steht der Humor bei Unbesiegbar im Vordergrund bei der Wahl des Sprachstils und nähert sich damit in gewisser Weise dem Roman Sorck an.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 1985 geboren, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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