Syltse / Ich rezensiere mich

Über den Text “Ich rezensiere mich” in der Winterausgabe des Literaturmagazins Syltse, über Selbstbild und Fremdbild und gute Rezensionen.

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle über Kurzprosa geschrieben als Teil einer längeren Blogreihe rund um den Erzählband Erschütterungen. Dann Stille.. In der Winterausgabe des Literaturmagazins Syltse ist ein weiterer kurzer Prosa-Text von mir veröffentlicht worden. Ihr erinnert euch vielleicht an den Hinweis hier auf dem Blog und vorher den Blogeintrag Wie ich Ausschreibungen angehe? Das dort erwähnte Beispiel gehörte zur Ausschreibung für Syltse. Hier soll es also um den Text Ich rezensiere mich gehen. Als Print zu kaufen oder kostenlos (beziehungsweise bezahlt durch eine freiwillige Spende) online einzusehen, gibt es das Magazin hier: Syltse: Anders.

Ich rezensiere mich

Wie ist der Text entstanden? Man kann sich unschwer zusammenreimen, dass meine Tätigkeit als Rezensent für das Buchensemble eine Rolle gespielt hat. In der Entstehungszeit des Textes habe ich mich nicht nur mit dem Verfassen von Rezensionen befasst, sondern auch mit ihrem Sinn und Aufbau. Ich dachte darüber nach, wie viel Bedeutung eine Skala mit 5 Sternen hat und ob sie überhaupt eine echte Bedeutung haben kann. Gerade komplexe Produkte wie Bücher sind kaum in einem solchen Schema greifbar. Man benötigt einen sinnigen Begleittext, eine Rezension eben. Aber wer hat im Normalfall Zeit und Lust? Außerhalb der Rezensententätigkeit rezensiere ich so gut wie nie Produkte.

Hinzu kommt die seltsame Tendenz, Produkte und Erlebnisse in Superlativen zusammenzufassen und entsprechend zu bewerten. Dinge sind in den Augen vieler entweder fantastisch oder unglaublich schlecht. Man vergibt 1 Stern oder 5 Sterne. Autorenkollege Marco M. Anders hat das ungefähr zur gleichen Zeit gut analysiert und veröffentlicht im Blogeintrag: Wie bewertet man eigentlich schlechte Medien?

Einschub: Fast schon Lyrik

Es gibt Streit um den Begriff der Prosadichtung, da einige Literaturwissenschaftler*innen ein Gedicht einzig durch die Einteilung in feststehende Verse konstituieren. Ohne Vers kein Gedicht. Andere suchen die Definition eines Gedichts an anderer Stelle. Es gibt als Gedichte vorgestellte Texte, die lediglich aus der Aufstellung einer Fußballmannschaft bestehen. Auch ein Kassenbon wäre nach der Vers-Definition ein Gedicht, würde es dazu erklärt werden. Die Kritik daran und die Suche nach anderen Kriterien (Sprache, lyrische Subjektivität etc.) erscheint sinnig, ist aber schwierig und meines Wissens nach nicht abgeschlossen.

Was unumstritten ist, ist die Existenz von Prosa-Texten, die an Lyrik erinnern, obwohl sie nicht in Versen verfasst sind. Mir wurde mindestens einmal gesagt, dass sich manche meiner Texte (wie z.B. Der Mitatmer in Erschütterungen. Dann Stille.) unter diese Kategorie fassen ließen. Ich wage nicht recht, das zu bestätigen, da sich für mich eigene Texte verständlicherweise anders lesen als für andere. Aber, sofern die Aussage korrekt sein sollte, zählte Ich rezensiere mich ebenfalls zu den Prosagedicht-ähnlichen Texten. Damit wäre meine mehrmals getroffene Aussage, dass Erschütterungen. Dann Stille. eine Vermittlerrolle zwischen den reinen Prosa-Texten (Sorck und Das Maurerdekolleté des Lebens) und der Lyrik (Alte Milch darstellt, ein wenig bestätigt. Vielleicht kann man diese Aussage auf alle Kurzprosa-Texte ausweiten.

Die Sache mit dem Selbstbild

Die Beobachtung des eigenen Selbstbildes und des Bildes, das verschiedene Fremde von einem haben, kann hochinteressant sein. Für manche Freund*innen, bist du noch immer die gleiche Person wie vor 15 Jahren, als sie dich kennengelernt und sich ein Bild von dir gemacht hatten. Personen, die dich noch nicht so lange kennen, halten dich für eine*n andere*n. Kennt man dich nur oder zuerst online und erst dann persönlich, kann der Eindruck ein völlig anderer sein, als wenn man sich direkt persönlich (IRL) kennenlernt. Das Selbstbild ist nicht weniger tückisch. Man hatte als Teenager Übergewicht, das aber seit vielen Jahren verschwunden ist. Trotzdem hält man sich für dick. Nach dem Sport fühlt man sich attraktiver (was auch an der Ausschüttung von Hormonen liegt). Abends ist man nicht die gleiche Person wie morgens. Die Perspektive wandelt sich manchmal sehr schnell und manchmal ändert sich das Bild überhaupt nicht. Es spielen zu viele Faktoren mit rein.

Sich selbst erklären

Und dann gibt es diesen Drang, sich selbst zu rechtfertigen und sich zu erklären, darzustellen, wer man eigentlich ist, Werbung zu machen für die eigene Lebensart, sich positiv darzustellen oder die anderen nicht zu viel erwarten zu lassen. Bekommst du ein Kompliment, machst du dich selbst schlecht. Beleidigt man dich, verteidigst du dich. Gleichzeitig fragst du dich aber, ob nicht doch ein Fünkchen Wahrheit an der Beleidigung steckt? Gef**kt von der eigenen Psyche.

Manche von uns verbringen ihr Leben damit, herauszufinden, wer wir eigentlich sind. Glauben wir dann, etwas herausgefunden zu haben, wollen wir die Info teilen und dann wollen wir wieder nicht auffallen und nicht stören und uns nicht zu wichtig nehmen. Wir zerfressen uns selbst.

Wer zur Hölle bin ich?

Vor dieser Frage stehen wir dann. Nicht erst am Ende, sondern auch am Anfang und in der Mitte, immer wieder und wieder. Wer zur Hölle bin ich und was bin ich wert? In solchen Momenten möchte ich die Welt einreißen und mich gleichzeitig entschuldigen. Feuer entfachen und mich wegkerkern. Darum geht es. Ich rezensiere mich ist ein Aufmerksammachen, ein Fingerzeig auf genau diese Mechanismen und Probleme. Es ist kein spezifisch persönlicher oder gar autobiographischer Text, aber er behandelt ein Thema, das mich durchaus selbst betrifft. Mein Selbstbild ist gestört und keineswegs festgelegt.

Die grundlegenden Fragen und das kreisförmige Zerdenken, das in Ich rezensiere mich zelebriert wird, ist mir eindeutig bekannt, aber die angesprochenen Details sind fiktiv. Ich schütze mich, indem ich eine Erzählerfigur vorschicke. Das gehört sich so.

Es tut gut

Hören wir auf mit der Negativität und konzentrieren uns auf den Erfolg: Ich wurde von einer Literaturzeitschrift abgedruckt, die es schon eine ganze Weile gibt. Syltse ist nicht völlig unbekannt. Auf diese Veröffentlichung bin ich stolz und würde meinen Namen gerne häufiger in fremdem Druckwerk lesen. Idealerweise dann in der korrekten Schreibweise.

Update: Das nächste Projekt

Über die nächste literarische Veröffentlichung und Projekte, die ich noch) nicht geschafft habe.

2020 ist für viele Menschen ein schwieriges Jahr gewesen und noch ist es nicht vorbei. Meine Pläne für dieses Jahr sind massiv durcheinander geraten und vieles hat einfach nicht geklappt. Dennoch konnte ich Das Maurerdekolleté des Lebens veröffentlichen, an einigen Ausschreibungen teilnehmen, den Blog neu gestalten und die Arbeit fürs Buchensemble beginnen. Es folgt ein kleiner Rückblick auf nicht umgesetzte Projekte und eine Vorschau auf die Zukunft.

Nicht geschafft

Den zweiten Roman, der als Rohfassung mit einigen Überarbeitungsdurchläufen bereits weit fortgeschritten ist, konnte bisher leider nicht fertiggestellt werden. Es wird dieses Jahr auch nicht mehr klappen. Ursprünglich sollte er bereits seit Monaten in verschiedensten Postfächern (digital und analog) von Verlagen liegen. Doch bevor das geschehen kann, werde ich mich gewissenhaft daran zu schaffen machen. Einige Monate wird das dauern und vorher stehen noch andere Projekte an.

Bald geschafft

Die nächste Veröffentlichung, die schon so weit fortgeschritten ist, dass ich mir sicher genug bin, sie für dieses Jahr noch ankündigen zu können, wird ein Erzählband sein. Damit werde ich die heilige Dreiheit der Literatur vollendet haben: Roman, Gedichtband, Erzählband. Das ist natürlich nicht der einzige Grund für dieses Projekt. Ich habe Autor*innen immer für ihre Kunst bewundert, in kürzesten prosaischen Texten ganze Schicksale unterzubringen, von Wolfgang Borchert über Jorge Luis Borges bis Ingeborg Bachmann (und natürlich auch bei Autor*innen, deren Name nicht mit B beginnt). Ob ich selbst auch nur ansatzweise mithalten kann, wird die Leserschaft entscheiden müssen. Für die nächste Anthologie von Nikas Erben hat es jedenfalls gereicht und darauf bin ich sehr stolz.

Erzählung oder Kurzgeschichte?

In der Buchbubble wird gerne jede Geschichte, die kürzer als ein Roman ist, als Kurzgeschichte bezeichnet. Ganz korrekt ist das nicht. Daher bezeichne ich das Buch nicht als Kurzgeschichtensammlung, sondern nenne es Erzählband. Es werden Kurzgeschichten darin vorkommen, aber eben auch Erzählungen. Die Texte werden unterschiedlich lang sein, von einer Seite bis zu etwa 30 Seiten Umfang. Durch die vielen kürzeren Geschichten werden etwa 30 Texte ins Buch kommen.

Worum soll es gehen?

Stilistisch und inhaltlich wird es große Unterschiede zwischen den Geschichten geben. Aber kein Text wird Leser*innen, die mich kennen, als Stilbruch erscheinen. Vom Genre her variieren die Storys zwar, aber kreisen alle um den Mix aus Gegenwartsliteratur, magischem Realismus, Surrealismus, den man von mir gewohnt ist, mit einer stilistisch ins Konzept passenden Science-Fiction-Geschichte und ein paar Versuchen ins Horror-Genre.

Düster wird es werden, schmerzhaft, seltsam und etwas gruselig. Es wird um Liebe gehen, um Alkohol, Rache, Versuche, mit sich selbst klarzukommen, die nicht immer funktionieren.

Was sagen die Testleser*innen?

Ich habe Herzen gebrochen, Tränen verursacht und gut unterhalten. So viel kann ich gerne verraten. Die meisten Geschichten wurden von mehreren ausgezeichneten Autor*innen testgelesen. Zum Glück. Nicht nur wurde ich auf verschiedenste Schwächen und Fehler hingewiesen, ich durfte auch völlig unterschiedliche Lesarten und Verständnisansätze kennenlernen. Ich bin unheimlich gespannt, ob und wie dieses Buch bei anderen Leser*innen ankommen wird.

Der Blog

Wie bereits beim Roman Sorck, dem Gedichtband Alte Milch und Das Maurerdekolleté des Lebens wird es auch für den Erzählband mehrere Blogeinträge geben, die auf bestimmte Aspekte des Buchs und einzelner Geschichten eingehen. Geplant ist das übrigens auch für die nächste Anthologie von Nikas Erben. Ihr dürft euch also auf weitere Einblicke in die Werkstatt freuen!

Wann wird das Buch erscheinen?

Nun, wenn ich nicht wieder einknicke unter dem Druck der Seuche, persönlicher Probleme oder globaler Dämlichkeit, sollte das Projekt im November abgeschlossen sein. Ich hoffe, dass es zu Weihnachten unter allen möglichen Bäumen liegen wird. Als Geschenk, nicht weggeworfen.

Seid ihr gespannt? Gibt es Menschen, die bereits vorhaben, das Buch zu kaufen, ohne wirklich etwas darüber zu wissen? Es würde mich freuen.