Das Maurerdekolleté des Lebens: Erleuchtung und Berge

Über Rückzugsorte und Erleuchtung in klassischer Darstellung sowie im E-Book “Das Maurerdekolleté des Lebens”.

Vorsicht! Spoiler zu Das Maurerdekolleté des Lebens!

In der zweiten Geschichte von Das Maurerdekolleté des Lebens, betitel Das Maurerdekolleté des Todes, einem Gegenentwurf zur ersten Geschichte, zieht Theo in die Natur und findet so etwas wie Erleuchtung auf einem Berg. Hier dreht sich alles um Erleuchtung und Berge.

Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass das Klischee des Erleuchteten auf dem Berg absichtlich gewählt ist. Einerseits ist der Berggipfel als Ort der Abgeschiedenheit noch immer ein weitgehend passendes Bild und andererseits wollte ich damit auf die Darstellungstradition von Eremiten und Heiligen hinweisen. Ob Nietzsches Zarathustra oder viele Mariendarstellungen (beziehungsweise Darstellungen von Maria mit Anna und Jesus) von Leonardo Leonardo da Vinci, zerklüftete Felsen, dunkle Höhlen und Bergspitzen haben neben Wüsten die größten Eremiten- und Heiligenbevölkerungen in der Kunst.

Kurze Nebengeschichte: Als ich Also sprach Zarathustra ausgelesen hatte, stieg ich auf einen Hügel – Berge gibt es in der Nähe nicht – und habe statt meiner Bestimmung als Einsiedler einen guten Freund gefunden. Er saß dort mit seinen Freunden und hatte noch einen Platz auf seiner Decke frei. Wir unterhielten uns und schlossen Freundschaft. Das ist nun 6 oder 7 Jahre her und wir sind noch immer befreundet. Eine Erhöhung in der Landschaft reicht noch lange nicht zur Erleuchtung.

Neben Zarathustra, der trotz der Nähe zur Natur und seiner Einsamkeit die für Nietzsche typische Aggressivität ausstrahlt und deshalb eigentlich schlecht zu Theos Reise passt, erinnern aus den Reihen der von mir gelesenen Bücher wohl am ehesten die Figuren und Werke von Hesse an Das Maurerdekolleté des Todes. Junge Männer, die aus den Beschränkungen der Gesellschaft ausbrechen, durch die freie Natur wandern, hier und da eine Liebschaft haben und Künstler werden. Ein solcher Aufbau kann schnell zu Kitsch verkommen und das ist bei Hesse das eine oder andere Mal auch passiert. Dennoch wird der Freiheits- oder Ausbruchsgedanke immer anziehend bleiben.

Es wäre langweilig und würde nicht zu mir passen, würde Theo auf dem Gipfel in Ruhe gelassen werden. Früher galt der Mount Everest als beinahe unbesteigbar. Nur wenige Menschen schafften den mühsamen Aufstieg und damit etwas Außergewöhnliches. Heutzutage kommt es zu seltsamen Szenen auf dem Everest: Leute stehen in einer langen Schlange und warten darauf, dass sie den Gipfel besteigen und ein Foto schießen können. Zugegebenermaßen gibt es noch keine großen Hotels dort oben, aber mit etwas Willen und etwas mehr Geld kann fast jede*r den Mount Everest besteigen. Das Geheimnis liegt übrigens in den Helfern, die die Routen kennen und den Aufstieg hundertfach mit schwerem Gepäck machen, wenn sie nicht vorher abstürzen und sterben. Ist es nicht albern, sich dann mit einem Foto vom Gipfel zu feiern?

Hier kommen wir zu einem Problem. Wohin zur Hölle soll man noch ausbrechen? Die Menschen sind überall. Kein Berg ist sicher vor Kletterern und Skifahrern, keine Wüste sicher vor Buggy-Fahrern, und richtige Wälder gibt es immer weniger. Man könnte sich einen Bunker bauen, aber das würde sich nicht wie ein Ausbruch anfühlen, oder? Man bricht nicht aus dem Gefängnis aus, indem man sich eine kleinere Zelle baut. Ich glaube ernsthaft, dass es ein Grund für die Häufung psychologischer Erkrankungen ist, dass man nirgendwo mehr hin flüchten kann. Völlig egal, wo man hingeht (und realistischerweise hingehen kann), es werden dort Menschen sein. Rückzug ist unmöglich geworden. Wir sind die Gesellschaft, Widerstand ist zwecklos.

Braucht man denn den Rückzug, um Erleuchtung zu erlangen? Kennt ihr erleuchtete Personen – ob man nun an Erleuchtung glaubt oder nicht, ist hier erst mal zweitrangig –, die inmitten anderer Menschen leben oder lebten? Ich schränke es weiter ein: …, die inmitten anderer Personen leben/lebten, die nicht das gleiche Ziel haben? Soziale Interaktion, das Aufrechterhalten der Maske, kostet zu viel Kraft, als dass man sich noch auf Höheres konzentrieren könnte, glaube ich. Wolltet ihr schon einmal alleine sein und konntet nicht? Das ist eine schreckliche Situation. Auf der Kreuzfahrt, die die Grundlage für Sorck bilden sollte, suchte ich eine Stelle auf dem Schiff, an der ich allein sein konnte. Ich suchte alles ab und fand keinen Ort ohne Menschen. Dann bin ich in die Kabine – Innenkabine, keine Fenster – gegangen: Ein Rückzug aus dem Gefängnis in den Bunker. Keine 5 Minuten später kam mein Bruder, mit dem ich mir die Zelle teilte, hinein. Er hatte einen Ort gesucht, an dem es ruhiger war.

Am Ende sollte ich vielleicht klarstellen, dass ich niemals eine echte Erleuchtung erfahren habe und auch nicht wirklich an einen solchen Zustand glaube. Ich hoffe allerdings darauf, dass ich mich irre. Erleuchtung betrachte ich trotz der Herkunft aus dem Gebiet der Religion nicht als religiösen Begriff. Eine totale Abkehr von der Welt, innerer Frieden, eine allumfassende Erkenntnis (und mag sie Illusion sein), ein Gefühl der Erfüllung mit Leichtigkeit, das Ablegen aller Sorgen: Erleuchtung. Für mich ist Erleuchtung, was auch immer es wirklich sein mag, eine beruhigende Vorstellung und eine Sehnsucht zugleich. Eine gute Erleuchtungsdarstellung (Siddhartha beispielsweise) bringt mein Leben für eine Weile in Waage und stellt Ausgleich her. Dass ich diese Erleuchtung in Das Maurerdekolleté des Todes gezielt ruiniere, ist daher eine Kritik an der Welt und kein Vorwurf an jene, die nach dieser Art von Frieden suchen.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 35, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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