Erschütterungen. Dann Stille.: Schlammläufer

Über die Erzählung “Schlammläufer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Grusel, Angst

Im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille. gibt es 2 Texte, die in die Kategorie Grusel/Horror gehören. Neben Der Mitatmer ist das Schlammläufer. In diesem Blogartikel soll es nun um die Ideen hinter Schlammläufer gehen und um die Herkunft des Titels. Ohne Spoiler ist das nicht zu machen. Seid also gewarnt und lest zuerst die Geschichte, bevor ihr hier weiterlest!

Die, die im Dreck spielen

Üblicherweise habe ich wenig übrig für Sportveranstaltungen, an denen ich mitmachen könnte (und auch für die meisten anderen). Zwar trainiere ich gern, wie es auch schon im Blogeintrag zur Geschichte Masse erwähnt habe, aber Gruppensport und Veranstaltungen sind nicht meins. Veranstaltungen wie der Tough Mudder allerdings, der wohl nicht mehr stattfindet, reizen mich schon länger. Es handelt sich dabei um Hindernisläufe, die an Boot Camps erinnern und bei denen man garantiert nicht sauber bleibt. Man hangelt über Matsch, kriecht durch Röhren, klettert Wände hoch und läuft zwischendurch auch. Eine umfassende Fitness ist also Voraussetzung für die Teilnahme.

Dass die Gruselgeschichte Schlammläufer oder die einleitende Handlung auf solchen Sportveranstaltungen basiert, ist kaum zu übersehen. Auch der Titel ist natürlich angelehnt. Witzigerweise dachte ich bis vor 10 Minuten, dass der Tough Mudder eigentlich Mud Runner hieße. Es handelte sich also zuerst um eine Übersetzung eines falschen Namens. Klingt aber auch gut.

Die Sache mit dem Geschlecht

In Schlammläufer wollte ich nicht schon wieder einen Protagonisten handeln und Angst haben lassen, sondern eine toughe Frau verbauen. Dazu gleich mehr. Aber man könnte sich fragen, warum die Story dann nicht Schlammläuferin heißt. Ich hatte darüber nachgedacht. Allerdings hat sich der Titel niemals auf die Protagonistin/Ich-Erzählerin bezogen, sondern zuallererst auf die Veranstaltung. Möchte man den Titel aber auf Figuren beziehen, hat man nun die Auswahl zwischen Max, dem Badehosen-Dude, und dem Hirschmann. Hat man da wirklich eine Wahl? Gibt es am Ende noch einen Unterschied zwischen beiden? Wer begrüßt die Ich-Erzählerin am Ende wieder auf unserer Seite?

Die andere Sache mit dem Geschlecht

Es ist eigentlich längst überholt, muskulöse Machos auf Monster zu hetzen, um unschuldig hilflose Fräuleins zu retten. Daher ist es wohl kaum eine Revolution, dass ich eine Heldin gewählt habe, die auf einen weniger starken Mann trifft. Als „starke Frau“ wollte ich jedoch keine Figur schreiben, die sich lediglich verhält, als sei sie ein Standard-Männerheld, der nur zufällig hier zur Frau gemacht wurde. Das scheint noch immer ein gängiges Konzept zu sein. Stattdessen wollte ich eine passendere Perspektive aufbauen. Ob mir das gelungen ist, müssten Leserinnen mir sagen. Ein Aspekt, der mir wichtig war, ist ihre Vorsicht Max gegenüber. Die oben beschriebene Standard-Heldin wäre permanent tough, als ob ihr nichts zustoßen könnte. Meine Ich-Erzählerin allerdings ist sich, wie vermutlich alle realen toughen Frauen, der Gefahr durch Max bewusst. Er mag halbwegs harmlos wirken, aber er ist groß, fit, halb-nackt und mit ihr allein (an einem seltsamen Ort). Mehr als genug Gründe, um vorsichtig zu sein.

Ihre Toughness zeigt sich im Ruhigbleiben, dem klaren Denken (z.B. dass sie alles Mögliche als potenzielle Waffe durchdenkt) und dem Durchsetzen ihrer Pläne und Maßnahmen Max gegenüber. Dass sie beispielsweise darauf besteht, dass er vorgeht, damit sie weiterhin so sicher wie eben in der Situation möglich sein kann.

Tempus

Im Präsens schreibe ich eigentlich selten (und ungern). Hier schien es mir aber passend. Es wirkt aktiver und unsicherer. Auch wenn in Prosatexten die Verwendung des Präteritums keine Anzeige dafür ist, dass die Handlung in der Vergangenheit spielt oder bereits abgeschlossen ist, kann die Vergangenheitsform dennoch genau das suggerieren: Die Sache ist bereits gelaufen (und der/die Erzähler*in hat überlebt). Das Präsens ist zwar auch nicht mehr besonders selten, wirkt aber dennoch näher dran und gibt der Story etwas mehr Tempo und eben Unsicherheit.

Übrigens kann man die scheinbare Sicherheit der Verwendung des Präteritums auch nützen, um die Leser*innen zu überraschen, indem man die erzählende Figur beispielsweise sterben lässt. Wäre die Erzählinstanz tatsächlich in einer sicheren Situation, die zeitlich nach der Handlung angesiedelt ist, könnte sie kaum im Präteritum sterben. Aber sie kann.

Der Hirschmann

Aufmerksamen Leser*innen könnte bei der Erwähnung des Hirschmanns der Gedanke an Sorck und den Wolfsmann gekommen sein. Das ist nachvollziehbar und nicht ganz falsch. Allerdings stammt der Wolfsmann als Idee aus einer Traumreise, die ich irgendwann mal mitmachen durfte, und der Hirschmann ist angelehnt an einen (erfundenen) Drogentrip, der in meinem allerersten (niemals veröffentlichten) Manuskript Der König der Maulwürfe vorkommt. In diesem Manuskript wiederum ist der Mensch-Hirsch-Hybrid ein friedliches Zeichen, in Schlammläufer ist er das auf keinen Fall. Er ist eine reine Horrorfigur: An mehreren Orten gleichzeitig, in verschiedenen Größen und unangreifbar.

Der Horror in uns

Ich bin davon überzeugt, dass die besten Horrorfiguren jene sind, die man auch als innere Dämonen interpretieren kann oder die tatsächlich in uns sind/sein sollen (z.B. Freddy Krueger in den Träumen). Daher sind meine Horrorfiguren auch meist ähnlich zu lesen. Man kann sie als Manifestationen von Traumata interpretieren oder als in die Realität eingreifende Albtraumwesen oder als Erinnerungen, die zurückkommen, obwohl sie ungewollt sind.

Den Hirschmann lese ich gern als Verkörperung der Angst von Max, und die Ich-Erzählerin erhält einen Einblick, den sie nicht hätte haben dürfen. Sie rutscht quasi in Max’ Kopf. ABER: Diese Interpretation ist erst nach Fertigstellung und Überarbeitung der Geschichte entstanden. Lest Schlammläufer also auf eure Weise und erzählt mir vielleicht davon!

Erschütterungen. Dann Stille.: Masse

Über die Kurzgeschichte “Masse” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Toxische Maskulinität. Das könnte eine mögliche Überschrift für einen Blogeintrag über die Erzählung Masse in Erschütterungen. Dann Stille. sein. Manche lernen ihr Leben lang, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist ein Problem. Es wird (ein paar wenige) Spoiler geben in diesem Artikel. Bitte lest zuerst die Geschichte und dann hier weiter.

Content Notes: Toxische Maskulinität, Training, psychische Probleme, Suizid

Fitnesssprache

Schaut man sich online Fitnessvideos an, kann man sich das Schmunzeln oft nicht mehr verkneifen. Aufgepumpte Typen, die laut „Masse“ brüllen, während sie die letzten Wiederholungen vollführen. Andere, die erzählen, dass sie in der Massephase 17 Eier als Abendessen hatten. „Schweiß ist Schwäche, die den Körper verlässt“, „ich werde schon wieder flach“, „Flachheit ist der Feind“ und viele andere Ausdrucksmonstren fliegen durch die Gegend.

Neben diesen meist der Motivation dienenden Ausdrücken, gibt es natürlich Fachbegriffe. Das Wort „Spotter“ kommt in der Kurzgeschichte Masse vor. Ein „Spotter“ passt auf, dass derjenige, der gerade auf der Bank liegt und Gewichte stemmt, nicht von der Langhantel erschlagen wird. Er steht hinter ihm und fängt notfalls das Gewicht auf. Dass das „Gym“ für „Gymnasium“, also den englischen Begriff für Fitnessstudio, steht, werden die meisten wissen.

Erfahrung und Erfindung

Es gibt Dinge, mit denen ich meine Zeit fülle, die nichts mit Literatur zu tun haben. Diese Erlebniswelten sind zum Teil ebensolche, die man selten in der Literatur (oder Literatur, die ich rezipiere) finden kann. Fitness ist eine solche Sache. Ich gehe stark davon aus, dass es zwar ein Klischee ist, aber dennoch wahr, dass Autor*innen grundsätzlich eher geistigen Tätigkeiten zu- und körperlichen Tätigkeiten abgeneigt sind.

Lustigerweise war ein Hauptbeweggrund für mich, nach einer etwa 15jährigen Unterbrechung wieder Sport zu treiben, die Auswirkung der verbesserten Fitness auf meine geistige Leistung. Oder anders: wer fit ist, kann länger konzentriert lesen und arbeiten. Darum ging es mir. Inzwischen sind ganz andere Aspekte in den Vordergrund gerückt. Einer davon ist der Spaß am Vorantreiben und Überschreiten der eigenen Grenzen. Es ist ein umwerfendes Gefühl, bis zum Zusammenbruch zu trainieren, und das nächste Mal noch mehr leisten zu können. Das führt allerdings bald zu der Erkenntnis, dass es irgendwann entweder nicht mehr weitergeht oder man nichts mehr tut neben dem Training. Ich selbst habe das gelernt, als ich eine Weile 6 Tage pro Woche 2-3 Stunden trainiert habe und gelegentlich vormittags und abends noch ein kurzes halbstündiges Zusatzworkout drauf gepackt hatte. Das ging so lange gut, bis es eben nicht mehr ging. Dann wurde ich krank. Das ist steigerbar, aber es kostet.

Ablenkung

Wer kennt es nicht? Es geht dir schlecht und anstatt dich mit dem Gefühl auseinander zu setzen, lenkst du dich ab. Das kann mit Alkohol, Drogen, Filmen, Sex und allem anderen gehen. Training ist hervorragend dafür geeignet. Glaubt mir.

Mehr muss man dazu kaum sagen. Und doch: Es ist möglich, allein durch Sport high zu werden. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass ich mehrmals während des Trainings mit einem Lachflash zusammengebrochen bin. Die Ablenkung funktioniert, der Kopf leert sich, Körper und Hirn haben Besseres zu tun, als sich um Traumata oder Traurigkeiten zu kümmern. Tatsächlich funktioniert das als Hilfe bei Suchtdruck oder einem Hang zur Selbstverletzung ebenfalls. Sport ist grundsätzlich etwas Gutes. Das sollte man hier nicht vergessen.

Der Sprung in der Mitte

Der Ton von Masse bricht im Laufe der Geschichte. Die anfängliche Stimme, jene mit der der Ich-Erzähler bisher immer gesprochen hat, reicht nicht mehr aus für das, was er wirklich (schon immer) sagen will. Der Bro-Ton des Anfangs genügt nicht. Dieser Ton spielt alles runter und mit ihm spielt der Erzähler auch seine Probleme noch runter, witzelt darüber. Es genügt nicht, immer stark zu tun. Das reicht nicht. Wir müssen schwach sein dürfen. Das ist wohl der Kern der Geschichte. Erlauben wir uns, schwach zu sein.

Gerade in der Fitness-Szene ist wenig Platz für Schwäche, obwohl gerade dort meiner Erfahrung nach der Schauplatz für verschiedenste psychische Probleme ist. Alle möglichen Schwierigkeiten werden wegtrainiert. Toxische Maskulinität ist nicht nur, wie falsch Männer mit Frauen umgehen, sondern auch wie sie mit sich und einander umgehen. Es gibt unausgesprochene Regeln und Verbote. Schwäche darf kaum sein. Das ist doch ekelhaft. Man ist kein „Lauch“ oder „Lappen“ oder „Schwächling“, nur weil man sich und anderen Gefühle und Probleme eingesteht.

Perverserweise ist es die gleiche Kultur, die Suizid als Feigheit abstempelt, die die Wege dorthin zu Einbahnstraßen macht. Man darf nicht nach Hilfe fragen, sondern muss alles schlucken „wie ein Mann“ und alleine damit zurechtkommen. Mich kotzt das an. Deshalb gibt es diese Geschichte.

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Erschütterungen. Dann Stille.: Angerichtet

Über die Geschichte “Angerichtet” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Es ist angerichtet. Ich habe etwas angerichtet. Gerichte kann man essen oder man kann sich von ihnen verurteilen lassen.

In diesem Blogeintrag geht es um die kurze Erzählung Angerichtet im Buch Erschütterungen. Dann Stille., um Liebe und Kunst und die Symbolik von Zahlen. Wie immer ist das alles nicht ohne Spoiler machbar. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann diesen Blogeintrag.

Getrieben sein – oder – Manche Klischees sind keine, manche sehr wohl

Die grundsätzliche Idee für Angerichtet habe ich aus der Kunstgeschichte, und es ist mir peinlich, dass ich nicht mehr weiß, um welchen Künstler oder welche Epoche es sich handelte. Jedenfalls habe ich einmal von einem Maler gelesen, der sein Leben lang einer verheirateten Frau nachgejagt ist. Währenddessen hat er seine Sehnsucht und sein Leid genutzt als Antrieb für die Kunst. Viele Jahre, Briefe und Treffen später verließ die Dame seines Herzens ihren Gatten und bandelte mit dem Künstler an. Es brachen glückliche Zeiten an. Alles war gut. Das Problem war nur, dass der Künstler seinen Antrieb verloren hatte. Ohne Leid konnte er anscheinend nicht malen. Also verließ er die Frau.

Okay, hier ist das Problem (oder gleich mehrere):

  1. Dick move.
  2. Für viele Jahre hätte und habe ich derartigen Krempel gefeiert als Aufopferung für die Kunst.
  3. Aber er opfert nicht nur sein Glück, sondern auch ihres. Mal ganz davon abgesehen, dass wir uns, glaube ich, in dieser Geschichte in einer Zeit bewegen, in der die Frau tatsächlich mit Nichts mehr dagestanden hatte ohne Ehemann.
  4. Ist es das wirklich wert? Hat er es wirklich versucht? Hätte er es länger versuchen sollen? Das Klischee des ohne Leid nicht schaffen könnenden Künstlers hatte ich lange Jahre verinnerlicht. Es gehört noch immer zum Rollenbild der Kunstschaffenden. Das muss doch nicht sein. Zum Glück durfte ich inzwischen lernen, dass auch Kunst (in meinem Fall Literatur) Glück bringen und dass man auch ohne Krise schaffen kann.

Fazit: Er hat sich falsch entschieden. Ich hoffe, es war für die Dame in Frage die bessere Situation. Wer sich so entscheidet, wird nicht unbedingt gutes Partnerschaftsmaterial sein. Kommen wir zu trockeneren Themen.

Die Power der Uhr

Ist euch bewusst, welchen Einfluss die Zeitmessung auf das Leben der Menschen gehabt hat? Ist euch außerdem bewusst, dass es die Industrialisierung war, die die präzise Messung der Zeit massiv vorangetrieben hat, um Prozesse zu verbessern und Profite zu erhöhen? Wusstet ihr, dass es eine Zeit gegeben hat, relativ am Anfang der industriellen Revolution, in der Züge durch England gefahren sind und gelegentlich früher angekommen sind, als sie losgefahren sind? Es hat keine einheitliche Zeitangabe gegeben. Die Messung war die gleiche, aber die Uhren gingen buchstäblich überall anders, und gemessen hat die Kirchturmuhr. Alle Uhren im Ort zeigten die Zeit der Kirchturmuhr. Es hat keine Atom- und Funkuhren gegeben. Das waren noch Zeiten. Hat das alles etwas mit Angerichtet zu tun? Kaum.

Die Uhr als Symbol

Als ich einmal im Deutschunterricht wie selbstverständlich gesagt habe, die Jahreszeiten in einem Gedicht stünden für die Lebensabschnitte des Lyrischen Ichs, wurde ich mit großen Augen angeguckt. Nun, wird es euch wundern, dass man auch Uhrzeiten ähnlich nutzen kann?

Die Erzählung Angerichtet ist aufgeteilt in 4 Teilstücke, die jeweils mit der Angabe einer Uhrzeit beginnen. Morgens, nachmittags, abends, nachts. Am Morgen beginnt die Liebesgeschichte, am Mittag herrscht Ruhe, die Beziehung ist glücklich. Am Abend endet die Beziehung und in der Nacht blickt die Ich-Erzählinstanz auf den Tag zurück und rechnet ab, schaut sich an, was sie angerichtet hat.

Orientiert habe ich mich bei all dem nicht nur an der uralten Symbolik der Jahreszeiten, sondern auch an der Doomsday Clock: Die Doomsday Clock oder Weltuntergangsuhr oder Atomkriegsuhr oder Uhr des Jünsten Gerichts zeigt seit 1947 an, wie nahe wir einem Atomkrieg sind. Sie startete um „11.53 Uhr“ und Anfang 2020 wurde sie auf 100 Sekunden vor Mitternacht gestellt. 100 symbolische Sekunden vor dem Untergang der Welt durch eine atomare Apokalypse. Bekannt könnte die Doomsday Clock vielen aus den Watchmen Comics sein.

Ob nun Jahreszeitensymbolik, die am Ende des Jahres den Tod verortet, oder eine Uhr, die um Mitternacht das Ende der Welt fixiert hat, das Bild ist ähnlich und gut verständlich. Natürlich startet der Tag in Angerichtet auch im Bett, tatsächlich vormittags, was wenigstens am Anfang der Geschichte die Verwendung des Symbols natürlich erscheinen lässt.

Die verdammten Pythagoräer

Spätestens seit dem Blogeintrag Zahlen und Wunder, der von versteckten Zahlenbedeutungen in Sorck handelt, habe ich öffentlich kundgegeben, dass ich die bedeutungslose Nutzung von Zahlen in meinen Geschichten nicht leiden kann. Man könnte behaupten (und das werde ich auch tun), dass ich die Bedeutung der verwendeten Zahlen bereits ausreichend begründet habe. Trotzdem hatte ich versucht, jedem Detail, nicht nur der ungefähren Zeit, sondern der exakten, Bedeutung zuzuweisen. Dabei suchte ich mit schlechtem Erfolg bei den Pythagoräern nach Rat.

Die meisten kennen Pythagoras nur vom Satz des Pythagoras her und bringen ihn damit direkt mit der euklidischen Geometrie in Verbindung. Das ist nicht falsch. Pythagoras war allerdings nicht nur Mathematiker, sondern scharte auch Leute um sich in einer Art Sekte. Die Pythagoräer glaubten eine Menge wirres Zeug und vieles davon basierte auf Zahlenmystik – passend, oder?

Jedenfalls sind hier einige Dinge, die die Pythagoräer mit Zahlen in Verbindung brachten: Gerade Zahlen (besonders die 2) gelten als weiblich, ungerade als männlich. Daher war die 5 (2+3) das Symbol der Heirat. Die 1 war die Zahl der Gottheit, die der Welt zugrunde lag, und die 2, die erste Zahl darüber, stand auch für Kampf oder Diskussion oder Meinung. Viel Spaß dabei, die Uhrzeiten in Angerichtet auf diese paar pythagoräischen Bedeutungszuweisungen zu untersuchen! Es wird trotz aller Mühe nicht sauber klappen.

Und die Liebe? Die Liebe!

Angerichtet gehört zu den Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille., die mir irgendwie rein erscheinen. Sie hat kein tiefes Problem, ist nicht überdreht oder großartig komplex. Es geht hauptsächlich um Gefühle, um die Entwicklung einer Beziehung und um eine Entscheidung, die wiederum in einem Gefühl mündet: Reue.

Was hinter der Entscheidung steht, was man sich als Leser*in selbst hinzuzudenken hat und Details haben natürlich eine gewisse Komplexität, aber man kann auch einfach lesen, schmunzeln und dann traurig werden. Es geht um Liebe, lasst das zu!

Erschütterungen. Dann Stille.: Trümmer

Über die Kurzgeschichte “Trümmer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Content Notes: Trauma, Suizid

Die begründete Ahnung, dass sich hinter der Lebensfassade anderer Menschen Höllen auftun könnten, fühlt sich grässlich an. Und doch bleibt den meisten von uns nur eine Ahnung, denn Wahrheiten tendieren dazu, sich desto seltener zu offenbaren, je schlimmer sie sind. Mehr als eine solche Ahnung einer furchtbaren Hintergrundgeschichte bleibt den Leser*innen der Geschichte Trümmer in Erschütterungen. Dann Stille. nicht als Erklärung.

In diesem Blogeintrag geht es um die Dinge, die man sieht, und solche, die verborgen bleiben. Spoiler sind unvermeidbar. Lest die Geschichte zuerst und dann diesen Text!

Was man sieht

Ein namenloser Protagonist zerstört die Welt, die er kennt. Moment, das ist schon interpretiert. Was man sieht? Ein namenloser Protagonist steht inmitten einer Explosion, die das Haus, in dem er aufgewachsen ist, zerreißt. Er selbst wird mindestens schwer verletzt, sein Tod wird am Ende angedeutet. Deutlich sind Freude und Friede im Angesicht des Untergangs zu sehen. Warum das alles? Wieso zur Hölle freut er sich so?

Was man hört

Die Explosion des Hauses ist keinesfalls der erste Anschlag des Protagonisten auf das Haus. Im Laufe seines Lebens verübte er mehrere, zunehmend ernsthaftere und erfolgversprechendere Angriffe. Zuerst sind es Feuchtigkeit und Schimmel, die jedoch das Gebäude nicht ruinieren können. Dann werden Türen und Fenster geöffnet, in der kindlichen Hoffnung, das Bild der Räuber, die ein ganzes Haus klauen, würde wahr. Vergebens. Am Ende des Rückblicks folgt die einzige Erklärung für die Zerstörungswut, welche über eine Geisteskrankheit hinausgeht: der Vater. Feuer, um Tränen zu trocknen. Denn das Haus sei des Vaters Leben gewesen.

Was man ahnt

Wie viel Wut und Ohnmacht muss man spüren, um ein Haus und sich selbst zu sprengen? Heutzutage ist viel zu häufig bewiesen worden, dass es für eine solche Wut nicht unbedingt Traumata bedarf, sondern dass Indoktrination und Gehirnwäsche ausreichen. [Man könnte Verbindungen herstellen zwischen Suizid, begleitetem Suizid (beispielsweise School Shootings) oder Suicide by Cop (was den Selbstmord durch tödliche Gewalt von Polizist*innen bezeichnet, provoziert durch einen Angriff) und Selbstmordattentaten herstellen, wobei jeweils die „Bühne“ größer wird und die Verschiebung der Probleme auf entferntere Bereiche (vom tatsächlichen Problem zum Glaubenskrieg).]

Rache ist zuallererst eine mentale Reaktion auf Machtlosigkeit in Form einer Fantasie. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem ich es gelesen habe – Imre Kertész vielleicht? In jedem Fall ein KZ-Überlebender –, aber es hieß, dass die Ausführung der Rachefantasie im Moment, da sie machbar wird, keinen Sinn mehr ergibt, da sich die Ursache der Fantasie (die Machtlosigkeit) aufgelöst hat. Das scheint mir eine edle Idee zu sein, aber die unbeschreibliche Wut, die manche Erlebnisse (und Lebensphasen) mit sich bringen, wird nicht ausgelöscht durch den Fakt, dass die Phasen vorüber sind. Wut kann bleiben. Das führt meist zu desaströsen Konsequenzen, kann aber auch gut sein und die Zukunft retten.

Derartige wütend machende Phasen, um es mal kalt und euphemistisch zugleich auszudrücken, scheint es im Leben des Protagonisten gegeben zu haben. Ob er noch immer in einer solchen Phasen steckt oder ob sie durchstanden ist, kann man nicht wissen. Aber in beiden Fällen erscheinen mir Wut und Rache angebracht, wenn auch nicht in der dargestellten Form. Es gibt immer einen besseren Weg als jenen, der in die Literatur Einzug erhält, weil der literarische Weg zumeist überzogen und wirkungsstark designt ist. Er soll unterhalten und/oder symbolisch wirken. Die Taten meines Protagonisten stehen für seine Gefühle und damit wiederum für die Gefühle so vieler ruinierter Leben. Sie sind nicht dargestellt, damit sie nachgemacht werden oder um ähnliche Taten zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil. Sie sollen auf jene Taten hinweisen, die zu den dargestellten Taten geführt haben, und sie bestenfalls verhindern. Hört auf, Menschen zu Tätern zu machen, die ohne eure Einwirkung keine geworden wären!

Was am Ende übrig bleibt

Trümmer. Schutt und Asche. Ruinen, wo man hinblickt. Ich weiß, dass mein Blick auf die Welt zu häufig zu düster ist, aber ich weiß auch, dass Menschen mir mehr vertrauen als anderen. Ich habe Menschen zugehört, die mir die Hölle erzählten oder andeuteten. So viele gebrochene Menschen. Wer ohne zuzuhören durch die Welt geht, Signale übersieht und ganz besonders Freundinnen, Schwestern, Bekannten, Frauen nicht zuhört, kann nicht erkennen, was überall passiert. Mag sein, wer so durchs Leben geht, ist zufriedener (und ziemlich sicher ein Mann). Aber sch**ß auf deinen Komfort und schau hin!

Falsches Setting, oder?

Oh man. Auf Twitter habe ich es in der Entstehungsphase dieser Blogreihe mehrmals angedeutet, aber ich schreibe mich tatsächlich in Rage. Sicherlich wurde ich beim Verfassen von Trümmer inspiriert von den wirklich vielen Erzählungen mir bekannter Frauen über (zumeist) sexuelle Gewalt und der von mir bekannten Männern über Mobbing und nicht auslebbare Gewaltfantasien aufgrund kaum erträglicher Wut. Jedoch kann ich nicht ehrlich behaupten, dass diese Erfahrungen direkt in die Erzählung eingeflossen sind. Nicht immer habe ich ein komplettes Konzept. Das häusliche, familiäre Setting der Geschichte passt eigentlich nicht zu den Erfahrungen, von denen mir berichtet worden ist. Doch ich kam im Laufe der Gedanken über Trümmer auf diese Themen und so kann es den Leser*innen auch gehen.

Am Ende ist meine eigene Wut vermutlich entscheidender für die Geschichte als jede mir berichtete. Ändert das irgendetwas an Angst, Frustration und Widerlichkeiten, die andere regelmäßig durchleben? Ich denke nicht. Also ist auch dieser Text so in Ordnung.

Erschütterungen. Dann Stille.: Übler Nachgeschmack

Über die Kurzgeschichte “Übler Nachgeschmack” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Mit den Worten Sie liegt noch immer in der Küche beginnt die Kurzgeschichte Übler Nachgeschmack im Erzählband Erschütterungen. Dann Stille.. Was ich mit diesem Anfang bewirken wollte, wie es zur Erzählung gekommen ist und warum Sehnsuchtsgeschichten in jede Anthologie passen, kläre ich in diesem Blogartikel. Ohne Spoiler ist das nicht zu machen. Lest also bitte zuerst die Geschichte und dann den Artikel!

Content Notes: Mord, Essen, Liebe(skummer)

Hunde?

Die erste Assoziation, die ich selbst immer habe, wenn ich den Anfang von Übler Nachgeschmack wiederlese, ist eine Szene aus dem Film In China essen sie Hunde. (Vorsicht Filmspoiler!) Arvid, der Protagonist, hat seine dauernörgelnde Freundin umgebracht. Auf die Frage, wo sie sich befände, antwortet er: Zuhause. Im Flur… und in der Küche. Auch wenn es nichts mit meiner Geschichte zu tun hat, mag ich die Andeutung von extremer Wut in einem sonst ruhigen Charakter sehr. Arvid hatte die Schnauze voll und hat seine Freundin nicht bloß erschlagen, sondern offenbar mindestens in zwei Stücke zerlegt. Dass es ausgerechnet Gewalt gegen Frauen sein muss, die hier als Scherz genutzt wird, gibt natürlich einen üblen Beigeschmack. Zack, Überleitung.

Ähnliche, weniger spezifische Assoziationen würde ich bei Leser*innen von Übler Nachgeschmack gern auslösen mit dem ersten Satz. Da man noch nicht weiß, worauf sich das Sie zu Beginn bezieht, denkt man zuerst an eine Frau. Da sie noch immer in der Küche liegt, tut sie das wohl schon länger. Und warum sollte man ausgerechnet in der Küche liegen? Nur Verletzte und Tote liegen längere Zeit (regungslos) in der Küche herum. Das oder etwas Ähnliches hätte ich gern in die Köpfe der Leser*innen projiziert. Doch nicht die Partnerin ist tot, sondern die Liebe, und nicht sie liegt herum, sondern die Pizza.

Die Pizza

Ursprünglich ist die Geschichte entstanden, als jemand (auf Twitter oder in einem Forum?) dazu aufrief, Geschichten über Pizza zu schreiben. Das war Teil eines Scherzes, den ich vergessen habe, im Rahmen einer Unterhaltung, die ich ebenfalls vergessen habe. Und dennoch war das der Auslöser. Pizza. Was kann man mit Pizza literarisch anfangen? Gar nicht mal so wenig. Slice of Life – gilt das schon als Pun? – wäre eine passende Assoziation. Oder man nutzt die Pizza eben eher symbolisch, wie ich es getan habe.

Zwei Dinge sollte man mit der Pizza in Übler Nachgeschmack verbinden: Hunger und das Festhalten an Dingen, die man loslassen sollte. Die Ich-Erzählinstanz (oder Ich-Erzähler*in?) erwähnt den Hunger zum Zeitpunkt des letzten Streits des Paares. Aber man kann den Hunger auch als Sehnsucht interpretieren. Etwas fehlt, etwas Essenzielles. Nahrung, um zu überleben, oder Seelennahrung, Nähe, Liebe, um zu leben. Loslassen sollte die erzählende Person die Beziehung der beiden, die offensichtlich zerbrochen ist, schlecht geworden, nachdem sie zu lange schlechten Einflüssen ausgesetzt gewesen war. Irgendwann reicht es. Eine ungesunde Beziehung oder gammelige Lebensmittel sollte man wegwerfen, so schade es auch manchmal sein mag. (An dieser Stelle verlinke ich meinen Blogeintrag über Lebensmittelmetaphern in Alte Milch.)

Das große Fehlen

Ich habe keine Ahnung, wie glücklich du gerade bist. Du liest das hier. Das bedeutet, du hast immerhin die Zeit dazu. Vielleicht interessiert dich das Thema sogar und du liest nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus. Dann könntest du zufrieden sein. Wie groß ist der Anteil der zufriedenen Momente an deinem kompletten Leben? Oder einem Zeitabschnitt, sagen wir innerhalb dieses Jahres?

Auch wenn du glücklich bist, vermisst du sicherlich Dinge, Zeiten, Menschen. Sehnsucht ist etwas, das jede*r kennt. Oder? Ich weiß es nicht, vermute es aber. Auch wenn heutzutage klar ist, dass nicht alle (gesunden wie ungesunden) Menschen romantische Liebe empfinden, fühlen doch alle (gesunden) Menschen irgendeine Form von Liebe. Und immer gibt es in Biographien Zeiten, die es mehr oder weniger verdient haben, vermisst zu werden und Sehnsucht auszulösen. Sehnsucht ist menschlich (wie Irren, was zu Fehlern führt, was wiederum zu Sehnsucht führen kann).

Das große Fehlen von Dingen, Zeiten, Menschen, Zuständen treibt uns voran (und manchmal zurück). Sehnsucht ist ein Zustand, der uns beflügeln kann. Evolutionär sinnvoll. Emotional anstrengend. In der Literatur liegt man selten falsch, wenn man Liebe zum (Neben)Thema macht, und eben so wenig, wenn man Sehnsucht dazu macht. Deshalb sind Sehnsuchtsgeschichten, die auch gerne mal getarnt sind, immer eine gute Wahl für Anthologien. (An dieser Stelle verlinke ich mal wieder den Auftritt von Neil Hilborn: Neil Hilborn – OCD, einem perfekten Beispiel für einen Sehnsuchtstext.)

Du fehlst mir

Simplizität bedeutet Direktheit bedeutet schnelles Verstehen bedeutet Mitfühlen. Literatur kann und darf verkopft und seltsam und schwierig sein, aber geht es um Gefühle, geht es um Sehnsucht, ist nichts besser als eine direkte, knappe, scheinbar alltägliche, deutliche Aussage wie Du fehlst mir. Du fehlst mir hat mehr Macht als alle Jahreszeiten- und Blumenvergleiche der Welt. Du wirst mich niemals so an mich selbst und mein Leben und Leiden erinnern, als wenn du Aussagen nutzt, die auch Kindern einfallen könnten: Ich will nach Hause. Du fehlst mir. Lass mich! Ich brauche Hilfe.

Versucht man also, Gefühle in Leser*innen auszulösen, sind direkte Formulierungen unschlagbar. Sie sind da. Sie sind nah. Sie sind so kurz, dass sie sozusagen plötzlich im Auge, im Kopf, im Herzen der Leser*innen sind. Ist der Satz gelesen, ist er bereits verarbeitet und verknüpft. Kein Nachdenken. Nur Fühlen. Sätze mit etwa 2 oder 3 Wörtern brechen Herzen. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Du bedeutest mir nichts. Geh weg. Sätze, die man hört und sagt, wenn der Kopf im Chaos versinkt und nichts mehr hält. Stil ist egal. Du fehlst mir.

Erschütterungen. Dann Stille.: Joboffensive

Über die Kurzgeschichte “Joboffensive” in der Anthologie “Erschütterungen. Dann Stille.”

Zusammenarbeit oder -stöße mit dem Jobcenter sind selten angenehm. Das liegt in der Natur der Zuständigkeit dieser Organisation. Das ist ein Grund, warum die Erzählung Joboffensive aus Erschütterungen. Dann Stille. dort angesiedelt ist. Im Folgenden kommen Spoiler zur Geschichte vor!

Content Notes: Arbeitslosigkeit, Massenmord

Keine Unterstellung

Auch wenn das Jobcenter keinen sonderlich guten Ruf hat, soll die Erzählung Joboffensive keinesfalls einen realen Vorwurf gegen diese Institution oder gar die Mitarbeiter*innen beinhalten, sondern allerhöchstens einen Seitenhieb aufgrund bisheriger Erfahrungen austeilen und hauptsächlich eine dystopisch-satirische Fantasie darstellen. Obwohl manche Methoden des Jobcenters fragwürdig erscheinen mögen, erwarte ich keine Tötungsanlagen im Keller. Lest die Geschichte nicht als Tobsuchtsanfall eines wütenden Arbeitslosen, sondern als Kritik an herrschenden Gesellschaftsverhältnissen, dem Blick auf Produktivität und Menschenwert sowie am Kurs, den unsere Gesellschaft eingeschlagen hat! All das von allein zu verstehen, unterstelle ich meiner Leserschaft.

Rechtsfolgebelehrung

Jede*r mit etwas Erfahrung im Umgang mit dem Jobcenter und den Schreiben, die von dort eintrudeln, kennt das: Eine Mischung aus freundlichem und sachlichem Ton, der mit einer Drohung endet, gefolgt von angehängten Seiten, auf denen die rechtlichen Grundlagen der Drohung aufgeführt sind. Fehlt der Anhang, die Rechtsfolgebelehrung, darf die Androhung der Sanktion nicht umgesetzt werden, beziehungsweise die Drohung fehlt dann im Brief. Erfahrene Arbeitslosengeld-2-Empfänger*innen schauen zuallererst nach, ob es eine Rechtsfolgebelehrung gibt. Manche, habe ich gehört, werfen alle Schreiben ohne Belehrung sofort weg.

Die Sprache des Feindes

Schreiben des Jobcenters sind faszinierend zu lesen. Oben steht „Einladung“ und unten steht sinngemäß „wenn Sie nicht Folge leisten, bekommen Sie noch weniger Geld“. Oben steht „Vorschlag“ und unten steht „gehen Sie nicht auf den Vorschlag ein, gibt es eine Strafe“. Oben steht „Bitte um Mitwirkung“ und unten „wirkst du nicht mit, gibt’s Ärger“.

Diese Vermischung von Begriffen und Sätzen, die im Alltag als widersprüchlich gelesen werden würden, erinnerte mich mehr als einmal (wenn auch entfernt) an die Euphemismen des Nationalsozialismus: Endlösung, Euthanasie usw. Der Sprung ist zum Glück nicht klein, aber er ist machbar.

Gruppenveranstaltungen

Ähnliche Veranstaltungen wie jene in Joboffensive beschriebene habe ich selbst besucht. Ein Haufen völlig uninteressierter Teilnehmer*innen sitzt aufgrund einer Strafandrohung zusammen. Man kann es sich wie ein Klassenzimmer voller unwilliger Schüler*innen vorstellen, die weder Interesse haben, noch der Lehrkraft irgendetwas durchgehen lassen. Es muss furchtbar anstrengend sein, derartige Veranstaltungen zu leiten. Ich beneide niemanden um den Job.

In der Erzählung kommt kein*e Redner*in. Alles schläft ein.

Hannah Arendt

Eine weitere Inspirationsquelle für Joboffensive ist eine Aussage Hannah Arendts aus ihrem Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Sie konnte sich vorstellen, dass, nachdem der Nationalsozialismus den Massenmord derart fabrikmäßig durchgeführt hat, einmal also bereits die Grenze überschritten worden und ein Präzedenzfall geschaffen worden ist, auch im Kapitalismus eine ähnliche Apparatur möglich sein könnte. In dem Falle, schreibt sie, seien allerdings nicht Ethnien oder politische Gegner*innen Ziele des Massenmords, sondern jene, die der Gesellschaft nichts nützten, beispielsweise die Arbeitslosen. All jene, die aus wirtschaftlicher Sicht überflüssig sind und nur Geld kosten. Auch das hat es im Dritten Reich bereits gegeben.

Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich zuletzt etwas von Hannah Arendt gelesen habe, aber diese Aussage ist geblieben. Sie ist geblieben, weil sie mir nie unrealistisch vorgekommen ist, so gern ich es auch gehabt hätte.

Scheinbare Widersprüchlichkeit

In abscheulichen Systemen wie dem Nationalsozialismus hat es auch immer Elemente gegeben, die geradezu albern wirken. In LTI (Lingua Tertii Imperii) schreibt Victor Klemperer folgende Passage: […] ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreatueren, die sich bei Juden aufhielten. Grund für solche Seltsamkeiten ist die komplette Bürokratisierung und Organisation sämtlicher Aspekte des Lebens.

Wenn in Joboffensive also von der umweltfreundlichen Politik der Regierung gesprochen wird, während nebenan Leichen verbrannt werden, und in diesem Rahmen die Minimierung der Abgase sowie die Nutzung der bei der Verbrennung entstehenden Hitze erwähnt werden, so unterstreicht dies einerseits die Gräuel der Taten und die Gewohnheit an diese, und folgt andererseits der Logik durchorganisierter Gewaltsysteme. Die innere Paradoxie und offenliegende Lächerlichkeit derart monströser Systeme hinterlässt alle nicht Indoktrinierten staunend.

Kurzprosa

Leseempfehlungen und Gedanken zum Thema Kurzprosa.

Mit dem Blogeintrag über Derrière la Porte von Michael Leuchtenberger habe ich bislang nur einen einzigen Text über Kurzgeschichten und kürzere Erzählungen veröffentlicht. Das sollte sich angesichts der Veröffentlichung meines eigenen Erzählbandes Erschütterungen. Dann Stille. ändern. Es folgt also ein Text über Kurzprosa, die mich bewegt, beeindruckt, inspiriert oder mir nur gefallen hat.

Definitionen

Es gibt Erzählungen, die lang genug sind, um ein eigenes Buch zu ergeben. Hesse hat beispielsweise ein paar gute davon verfasst. Darum soll es hier aber nicht gehen. In diesem Blogeintrag geht es um Texte, die grob ein Maximum von 50 Buchseiten erreichen. Die meisten sind erheblich kürzer.

Die Sortierung wird ebenfalls eher grob gestaltet sein. Etwas Ordnung muss bekanntlich sein. Nehmt alle erwähnten Geschichten gerne als Leseempfehlung. Auf geht es!

Nach dem Krieg

Für Kurzgeschichten und Kurzprosa allgemein war Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg ein fruchtbares Pflaster. Schicksale konnten nicht mehr geteilt werden, Erfahrungen waren nicht mehr erzählbar, nicht so kurz danach. Kurzgeschichten geben Abrisse wieder, stellen sie in den Raum und deuten ein ganzes Schicksal dahinter und drumherum an. Eine gute Kurzgeschichte ist wie ein Schlüsselloch, geradezu winzig, aber es öffnet einen Raum, lässt uns viel mehr entdecken, schenkt uns eine neue Perspektive.

Wolfgang Borchert

Für mich gab und gibt es in deutscher Sprache keine besseren Kurzgeschichten als die wenigen von Wolfgang Borchert geschriebenen. Das Theaterstück Draußen vor der Tür ist ebenfalls eine klare Empfehlung. Der Autor verarbeitet Erfahrungen aus dem Krieg und besonders jene der Heimkehrer, die kein Zuhause mehr haben, in das sie zurückkehren können. Armut, Trauma und das Gefühl, nicht mehr dazu zu gehören, durchziehen das Werk. Leider ist Borchert nur 26 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein Verlust für die deutsche Literatur. Da man alle von Borchert verfassten Werke in ein einziges Buch packen kann, sage ich einfach: Kauft euch dieses Buch (in meinem Fall sind es 2 dünne Bücher) und lest es!

Anna Seghers: Der Ausflug der toten Mädchen

Die Erinnerung an einen Schulausflug, verwoben mit dem Wissen, was aus den Mädchen geworden ist im Dritten Reich, was aus den Jungs, die in sie verliebt waren und aus Lehrerinnen und Lehrern geworden ist. Man schwingt von sanften Betrachtungen junger Freund- und Liebschaften zu Deportationen und Verrat, von Herzlichkeit zu Kälte, von Liebe zu Hass, von frischem jugendlichen Leben zu so viel Tod.

Anna Seghers war rechtzeitig die Flucht geglückt und konnte aus dem Exil (Schweiz, Frankreich, schließlich Mexiko) arbeiten. Ein derart naher Blick aus solcher Entfernung ist mehr als faszinierend.

Ingeborg Bachmann

Intelligenz und Gefühl. Das sind die ersten Wörter, die mir einfallen, wenn ich an Bachmanns Werk denke. Ihre Lyrik und Essays (allen voran Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar) sind eben so empfehlenswert wie ihre Kurzprosa. Wieder geht es häufig um die Nachbearbeitung der Zeit des Dritten Reichs. Doch wieder wirkt die Perspektive anders als bei Borchert und Seghers. Wer sich in Sachen Kurzprosa und/oder deutschsprachiger Literatur allgemein (weiter)bilden möchte, kommt um Ingeborg Bachmann nicht herum. Kauft euch einen Sammelband und lest! Lest!

Englischsprachiger Raum

Thematisch, stilistisch und eigentlich in jedweder Hinsicht anders sind die drei Autoren, die mir aus dem englischsprachigen Raum am meisten mitgegeben haben. Zeitlich befinden wir uns mit den dreien einige Jahrzehnte später als bei den drei Autor*innen aus dem vorherigen Segment. Legen wir los!

Hunter S. Thompson

Wenn ich jemandem Hunter S. Thompson erklären will, weise ich auf die Verfilmung von Fear and Loathing in Las Vegas hin. Nicht nur ist die Umsetzung sehr nah an der Buchvorlage dran, Johnny Depp verkörpert Raoul Duke, das Alter Ego von Thompson, perfekt. Depp und Thompson waren Freunde. Vergleicht man Interview-Aufnahmen des Autors mit der Darstellung im Film, ist die Ähnlichkeit geradezu beunruhigend.

Hunter S. Thompson war wahnsinnig, ständig high, lieferte sich Feuergefechte mit Nachbarn, während er ein Interview über den American Dream gab. Seine Kurzprosa besteht weniger aus reiner Fiktion als aus Essays. Die große Haifischjagd wäre ein guter Einstieg. Nie weiß man ganz genau, wie viel Wahrheit in den Berichten steckt, aber man traut ihm alles zu (und einiges ist offensichtlich halluziniert). Thompson begleitet Politiker auf Wahlkampftouren und beschreibt, wie besoffen und zugedröhnt er währenddessen ist. Wer keine Lust auf Drogenstorys hat, ist bei Thompson eindeutig falsch. Seine Texte sind irre Trips, chaotisch, aber dennoch intelligent, voller interessanter und kritischer Beobachtungen und stets auf der Suche nach Wahrheit. Hunter S. Thompson war zuallererst Journalist und versuchte, das Herz der USA zu finden und darzustellen.

Charles Bukowski

Wenig könnte Bukowski egaler sein als das Herz der USA. Wo die nächste Flasche Whiskey herkommt, ist wichtiger. Während Thompson high und aufgedreht ist, ist Bukowski wütend und müde. Er schuftet und trinkt und trinkt noch etwas mehr. Wir machen einen Schritt hinab, was Stimmungsfarbe und Action angeht.

Die Tristesse des hässlichen Säufers, der mit Schlachthausarbeitern und Arbeitslosen abhängt, weil er selbst dazu gehört, vermischt mit Galgenhumor, mag ich. Einerseits glaube ich mich manchmal selbst darin zu sehen und andererseits wirken Bukowskis Werke ehrlich und ungefiltert. Bei aller Liebe zu „großer Kunst“ (was auch immer das sein soll) sind mir Dreck, Ehrlichkeit und Direktheit doch immer lieb gewesen.

Irvine Welsh

Meine erste Assoziation zu Irvine Welsh: Auf dem Rückweg von der Uni, mittags in der S-Bahn habe ich eine seiner Geschichten gelesen und dann abgebrochen, als mir die Tränen gekommen sind. Hätte ich weitergelesen, wäre es peinlich geworden.

Irvine Welsh tut weh. Wenn Bukowski von Thompson aus gesehehen einen Schritt in Richtung Dunkelheit bedeutet, schreiten wir mit Welsh weiter und weiter und weiter. Viele werden von Irvine Welsh eher die Verfilmungen kennen: Trainspotting, Filth usw. Diese Filme sind schon gute Indikatoren, wohin die literarische Reise mit Irvine Welsh geht. Drogensucht, Depression, die tiefsten Abgründe des Menschen, Randexistenzen, Verzweiflung. Dort treibt er sich herum. Manchmal muss Literatur eben doch die Axt für das gefrorene Meer in uns sein, oder? Sie darf jedenfalls.

Anders, brillant

Ein bisschen Weltliteratur fehlt natürlich noch. Ein paar Beispiele werden noch folgen, aber bei weitem nicht alles Erwähnenswerte kann erwähnt werden.

Kafka

Klar. Kafka hat keinen seiner Romane fertiggestellt. Allein schon deshalb muss man ihn im Rahmen von Kurzprosa-Schwärmerei erwähnen. Wer meine Texte kennt, wird vielleicht Grundgefühl, Farbe und Stil ähnlich finden wie bei Kafka, obwohl ein Vergleich für mich schlecht ausfallen würde. Figuren, die suchen, ohne jemals zu finden. Rätsel, die nicht gelöst werden können. Geschichten nicht als Geschichten, sondern als Symbole. Kafka zu empfehlen, ist schon fast kitschig, so selbstverständlich sollte das sein. Also weiter.

Jorge Luis Borges

Einer der Autor*innen mit dem größten Einfluss auf meine Gedankenwelt ist Jorge Luis Borges. Er ist kein Herzensbrecher und Action gibt es auch wenig. Borges liebt Bücher und Ideen. Mit ruhiger Stimme konstruiert er Gedankenpaläste, die auf philosophischen Ideen fußen. Daher wundert es kaum, dass neben den Kurzgeschichten (allen voran die Bände Fiktionen und Das Aleph) Borges besonders für seine Essays berühmt ist. Es ist hochgradig faszinierend, wie er verschiedenste Themen zusammenbringt. Man kommt nicht umhin, immer etwas zu lernen (und meistens nicht das, was man erwartet hätte). Wer Freude hat an gedanklichen Experimenten und Hirnverdrehungen, ist bei Jorge Luis Borges eindeutig richtig. Lest alles von ihm!

Hermann Burger: Diabelli, Prestidigitateur

Der Meister der schwierigen Satzkonstruktionen. Burger hat einige gute Erzählungen geschrieben, aber Diabelli bleibt mein Favorit. Diabelli ist Prestidigitateur (Schnellfingerkünstler, Bühnenmagier) und schreibt seinem Gönner einen Brief. Er erklärt die Tricks und Kniffe der Zauberei, besonders die Technik der Ablenkung, um den Zaubertrick zu vertuschen. Gleichzeitig setzt Burger das Programm perfekt um. Er beschreibt detailliert die Tricks Diabellis, während er sie so ausdrückt und so gut ablenkt, dass man ihnen dennoch kaum oder gar nicht folgen kann. Das Programm ist deutlich, wird sogar erklärt und doch zaubert Burger durch seinen Diabelli im Kopf der Leser*innen herum, dass einem schwindlig wird.

Noch mehr

Es gibt von Dürrenmatt eine Sammlung mit nicht fertiggestellten Stoffen und Gedanken dazu unter dem Titel Labyrinth: Stoffe I-III. Darin findet sich die Geschichte Der Winterkrieg in Tibet. Ich habe eine sehr ähnliche Geschichte einmal geträumt, aber weiß nicht mehr, ob es vor oder nach der Lektüre gewesen ist. Borges hätte das gefallen. Hat der Traum die Lektüre beeinflusst oder die Lektüre den Traum? Jedenfalls denke ich immer mal wieder an die Geschichte.

Daniel Kehlmann ist Romancier. Er kann auch Essays und Kurzprosa schreiben, aber sein Talent liegt eher in längerer Prosa. Im Rahmen der Lektüre sämtlicher Werke von Kehlmann (ja, ich hatte so eine Phase) habe ich auch seine Erzählungen gelesen. Manche nahmen mich gefangen. In der Zeit sogar genug, um Kehlmann im Romanmanuskript zu erwähnen. Das ist das gleiche Manuskript, das schließlich zur Erzählung Der Spinner in Erschütterungen. Dann Stille. geworden ist. Ich habe den Part nicht gestrichen, vielleicht aus Nostalgie. Deshalb ist er hier erwähnt.

Fazit?

Kurzprosa hat den Vorzug, dass sie kurz ist, und den Nachteil, dass sie kurz ist. Da Kurzprosa dennoch nicht weniger tief sein darf als Romane, muss getrickst werden. Der Trick besteht darin, dass eine größere Leistung von den Leser*innen erbracht und dass diese Leistung herausgekitzelt werden muss, ohne dass es bemerkt wird. Man beschreibt einen Baum und lässt einen Wald im Kopf entstehen. Man beschreibt eine einzelne Lebensszene und lässt ein Schicksal im Kopf erwachsen. Das ist die große Kunst von Kurzgeschichten. Autor*innen wie Borchert benötigen dafür nur eine einzige Buchseite. Das wird niemals aufhören, mich zu faszinieren.

Auch etwas längere Kurzprosa muss auf ähnliche Weise tricksen, Andeutungen verbauen, mit Assoziationen arbeiten wie Lyrik und Gefühl mit dem richtigen Ausdruck verbinden, um mehr darzustellen als beschrieben wird. Ob mir das gelungen ist, weiß ich nicht.