Freiheit, Geborgenheit, BDSM

Über die freiwillige Abgabe von Kontrolle, BDSM und die Verarbeitung in der Literatur.

Wie passt das bitte zusammen?

Freiheit war für mich immer ein wichtiges Thema. Ich wollte nie wie andere sein und stattdessen meinen eigenen Weg gehen, auch wenn ich selten wusste, wo er hinführen würde. Ein betrunkener Arbeitskollege sagte mir mal: „Mattes, ich bin mir sicher, du wirst deinen eigenen Weg gehen, auch wenn du nirgendo ankommen wirst.“ Das gefiel mir immer gut.

Als Erwachsener hat man die Freiheit, selbst zu entscheiden, was man tun oder lassen will. Es gibt Einschränkungen, aber grundsätzlich sind diese auch nur zum Schein vorhanden. Man muss arbeiten gehen, Steuern zahlen, mit Menschen sprechen, weiterleben … Aber muss man das wirklich? Im Grunde nicht. Es hat bloß Konsequenzen, wenn man sich dagegen entscheidet. Man kann sich aber gegen vieles entscheiden und damit für die möglichen Konsequenzen. Beispielsweise habe ich mich entschieden, alles auf Literatur auszurichten und habe dafür wenig Geld, kaum Luxus und viel Stress. Freiheit bedeutet Kontrolle über das eigene Leben (im Rahmen eines sozialen Gefüges, wenn man sich dafür entscheidet, und außerhalb dessen, wenn man es will und hinbekommt).

Die Geborgenheit, die man als Kind genießt, resultiert im Nachhinein auch daraus, dass man keine Verantwortung tragen musste. Zwar strebte man nach Unabhängigkeit, aber es fehlte die Macht, wichtige Entscheidungen zu treffen. Alle Entscheidungen, die man selbst getroffen hat, entwickelten sich mit den Eltern als Rückendeckung. Wichtiges wurde einem abgenommen. Es handelt sich also um eine angenehme Unfreiheit, wenn man so will. Keine Gefangenschaft, sondern Schutz. Man hat weniger Kontrolle über sich und das eigene Leben, aber genießt größte Sicherheit.

BDSM ist für mich ein interessantes Konzept, das ich gerne in Texten verwende. Aus meiner Sicht geht es dabei viel um Freiheit, Kontrolle, Verantwortung und Sicherheit. Das Motto save, sane, consensual and fun steht im Vordergrund und hat immer präsent zu sein. Alle Parteien achten auf die Sicherheit des Spiels, das sich in geistig gesunden Bahnen bewegt, einvernehmlich ist und Spaß machen soll. (Zufällig ist das auch das Motto der S.S.C.F. Aisha Harmonia, dem Kreuzfahrtschiff im Roman Sorck.)

Im BDSM gibt es üblicherweise die zwei Pole Kontrolle und Kontrollaufgabe – Kontrollverlust wäre falsch, da es sich um eine freiwillige Abgabe handelt und keinen unfreiwilligen Verlust. Mich interessierte psychologisch immer die (scheinbare?) Abgabe der Kontrolle, also der Sub-Part. Warum lässt sich jemand fesseln, hilflos machen, erniedrigen oder schlagen? Lassen wir mal die rein sexuellen Freuden von Schmerz und die möglichen Gründe dafür außen vor, also den reinen Masochismus, und bleiben bei der Abgabe von Kontrolle. Liegt nicht eine gewisse Geborgenheit darin, keine Verantwortung mehr für sich und seinen Körper zu tragen? Ja, man kann sich nicht mehr bewegen, aber das heißt auch, dass man nicht muss. Man hat nicht mehr die Macht, selbst zu entscheiden, aber man muss eben auch nicht mehr. Entscheidungen kosten Kraft. Wenn man das (und generell die Welt des BDSM) gruselig findet, sollte man sich kurz daran erinnern, dass es sich um ein Spiel handelt, mit dem beide Seiten einverstanden sind. Es gibt ein Safeword, ein Wort, das verwendet wird, um das Spiel abzubrechen. Derjenige, der scheinbar alle Kontrolle und Macht abgegeben hat, besitzt die ganze Zeit die Macht, das komplette Spiel zu stoppen. Ein Wort und es ist aus. Damit (und durch vorherige Kommunikation sowie geistige Gesundheit) werden Grenzen gesetzt. Im Grunde könnte man sagen, dass die ultimative Macht des Spiels beim scheinbar machtlosen Part liegt. Dieses Element taucht auch in Sorck auf, wenn Eva Martin aggressiv dazu auffordert, mit ihr zu tun, was er möchte. Im Endeffekt tut er damit, was sie will. Sie hat von Anfang bis Ende die Kontrolle über ihr Leben. Deshalb zählt sie zu meinen Lieblingsfiguren.

Es ist kaum verwunderlich, dass viele Subs Menschen sind, die im Alltag viel Verantwortung tragen, wie beispielsweise Manager. Die Fantasie eines reichen, mächtigen und erfolgreichen Typen, der auch noch sexuell dominant ist, trifft nur selten zu, auch wenn sie in entsprechender Literatur häufiger vorkommt. Im Spiel wechselt man die Rollen. Warum sollte man sonst spielen? Subs tauschen Verantwortung und Kontrolle gegen die Freiheit und Geborgenheit verantwortungsloses und machtloses Ausgeliefertsein.

Man kann also die Situationen im BDSM, in denen man Kontrolle und Verantwortung abgibt, als Erinnerung an kindliche Geborgenheit interpretieren. Alles wird einem abgenommen, aber ohne bösen Willen dahinter. Noch deutlicher wird es, wenn man an die Littles- & Caregiver-Szene denkt, in der der eine Part (Little) in kindliches Verhalten verfällt und der andere Part (Caregiver) eine elterliche Aufpasserrolle übernimmt. Häufig spielt es sich vollends losgelöst von sexuellen Akten ab, was den Fokus bei den Littles darauf, keinerlei Verantwortung tragen zu müssen, aus meiner Sicht noch verstärkt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich wenig Interesse an dieser Szene und entsprechend wenig Einblick hatte und habe.

Zurück zur Literatur: In Sorck dreht sich alles um Kontrolle und Kontrollverlust – über das eigene Leben, über Alkohol- und anderen Konsum, über andere Menschen … – und von daher passten die Anleihen an die Welt des BDSM so gut hinein (und es gibt etliche davon, wenn man darauf achtet). Eigentlich war aber ein Gedicht aus Alte Milch der Auslöser für diesen Beitrag. Auch in anderen Texten geht es häufig darum. Kontrolle und Kontrollverlust ist eines meiner Grundthemen, wie ich es bereits im Blogeintrag Grundthema: Macht/Ohnmacht, Kontrolle/Kontrollverlust kurz besprochen hatte.

Streben wir nicht alle nach Freiheit und Selbsterfüllung, während es uns gleichzeitig nach Sicherheit und Geborgenheit verlangt? Wie kann man das unter ein Dach bringen? Wie frei kann man sein, wenn man ganz alleine ist? Und wie viel Freiheit opfert man, um sicherer und bequemer zu leben?

Was mich angeht, könnte man behaupten, ich lebe in Freiheit und ginge meinen eigenen Weg. Aber, um es mal kryptisch auszudrücken, hat meine Freiheit von damals zu einigen Unfreiheiten heute – nein, keine Vorstrafen – geführt und meine Psyche unterdrückt mich auch gerne mal. Mit den Konsequenzen meiner Freiheit und meiner freiwilligen Selbsteinschränkung (Arbeit vor Vergnügen usw.) lebe ich jeden Tag.

Den ganzen Themenkomplex rund um den freien Willen habe ich mal außen vor gelassen, genauso den Diskurs über Freiheit versus Sicherheit in der Gesellschaft, weil das viel zu weit geführt hätte. Vergessen habe ich beides jedoch nicht und vielleicht (recht sicher) werden diese Themen noch nachgeholt. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass ich Laie bin in Bezug auf alle Themen, die ich hier besprochen habe, und es sich nicht um eine Expertenmeinung handelt.

Fun Fact zum Abschluss: Die Begriffe Masochismus und Sadismus entstammen direkt aus der Literatur. Der Sadismus ist nach dem Marquis de Sade benannt, der in Gefangenschaft Geschichten geschrieben hat, die ihm die zweifelhafte Ehre, der Namensvater des Sadismus zu sein, eingehandelt haben, und der Masochismus nach Leopold von Sacher-Masoch, der seinen Titel durch das Buch Venus im Pelz erlangte, also zwei Autoren.

Sorck: Zwei Vögel und die Ordnung im Chaos

Über eine Szene aus dem Roman “Sorck” sowie ihre Hintergründe.

Eine winzige Szene aus dem Roman Sorck, slawische Mythologie und ein verstecktes Statement sind Thema dieses Artikels. Ohne Spoiler wird es nicht abgehen können. Seid also gewarnt!

Situation: In Sankt Petersburg hat Martin Sorck eine unangenehme Einreise überstanden und steht nun im Freien.

„Der Himmel schimmerte grau und schien sich direkt an den Boden anzuschließen, ohne Horizont, ohne Trennlinie. Ihm fielen zwei Vögel auf, die als Paar zum Hafenbecken flogen, einer hell, einer dunkel. Am Ziel angekommen schwebten sie auf der Stelle, um dann ihre Flügel anzulegen und sich ins Wasser zu stürzen. Einen Moment später tauchten sie wieder auf, schlugen wild mit dem Gefieder und erhoben sich in die Luft. Ihr Rückweg führte über Sorck hinweg und als sie genau über ihm flogen, rieselte feuchter Sand auf seine Stirn.“

Um diesen kurzen Moment innerhalb einer turbulenten Geschichte soll es gehen. Was hat es damit auf sich? Wieso Vögel? Wieso dort?

In Sorck tauchen immer wieder Bezüge zu Religion und Mythologie auf. So auch hier. In der slawischen Mythologie, genauer gesagt in der slawischen Kosmogonie, gibt es eine Schöpfungsgeschichte in verschiedenen Versionen. Kurz zusammengefasst: Aus dem Nichts entsteht mit Beginn des Zeitflusses das Weltenei, aus dem Bieleboh und Czorneboh entstehen. Diese beiden, der weiße Gott und der schwarze Gott, bauen unsere Welt. In manchen Darstellungen werden sie als zwei Vögel dargestellt, die Erde vom Meeresgrund holen und an Land tragen.

Wir Menschen suchten schon immer nach einer Erklärung für unsere Existenz und erfanden sie in Form von Geschichten. Das ist der Kern jeder Religion. Die Erklärung für die Existenz von Martin Sorck ist die Geschichte, die ich erfinde. Schöpfung in zweiter Potenz, wenn man so will. Ich bin bei meiner Figur zu jeder Zeit und bin verantwortlich für alles Gute und alles Böse, das ihr zustößt. Aber nicht aus einem Gotteskomplex heraus habe ich mich als Schöpfer in die Geschichte geschrieben, sondern als Statement der Planmäßigkeit im Chaos der Geschichte.

Wie eine Segnung fällt der Sand von den göttlichen Vögeln herab auf die Stirn Sorcks. Es gibt einen Plan für ihn. Während seiner Reise sucht er nach Sinn und Bestimmung. Es gibt Sinn und Planmäßigkeit, aber nicht auf einer Ebene, die er überblicken könnte. Ein weiterer Kommentar dazu steht auch im Artikel Sorck: Die Dachbogenszene.

Dass die Szene in Russland angesiedelt ist, erklärt ihr Bezug zur slawischen Mythologie, so wie Bezüge zur nordischen Mythologie beispielsweise in Stockholm auftauchen.

Was Martin Sorck nicht merkt und wohl auch kaum jemand sonst: die beiden Vögel tauchen mehrmals auf. Noch auf dem Kreuzfahrtschiff sieht er sie auf dem Monitor an seiner Kabinenwand.

„Zwei sandige Vögel und ein Mann in einem Trenchcoat. Er fragte sich, ob es das selbe Rorschachbild wie zuvor war, […]“

Ihm wurde ein Blick in die Zukunft gewährt, den er nicht verstehen konnte. Dadurch wurde den Lesenden der gleiche Blick gewährt und sie teilten das gleiche Unverständnis mit ihm. Gibt es Zeichen und gibt es einen Sinn in der Welt, so übersteigen sie unser Verständnis. Anders ausgedrückt: Sollte es tatsächlich einen Gott geben, der alles lenkt, hat das für uns keine Bedeutung, da wir weder verstehen können, was er tut, noch ändern können, was geschieht. Man könnte es als Zeichen der gleichen Ansicht betrachten, dass die frühe christliche Theologie darauf bestand, dass Gott bereits vor der Erschaffung der Welt festgelegt hatte, welche Menschen in den Himmel kommen und welche in die Hölle. Weit vor der Geburt einer Person steht sein Schicksal fest und was sie auf Erden tut, ändert nichts daran. Für einen allwissenden Gott scheint das passend, aber für die Kirche war das unpraktisch. Warum sollte man sich gut verhalten, wenn man nichts am Ergebnis ändern kann? Plötzlich musste man sich seinen Platz im Himmel verdienen. Das als kleiner Ausflug in die Theologie.

Eine Parallele dazu gibt es in Form folgender Weltsicht: Die Welt basiert auf physikalischen Regeln, ist also eine riesige Kauselverkettung. Wir Menschen bilden unsere Entscheidungen (unseren freien Willen) aufgrund von Erfahrungen und Reizen, die wiederum Teil der Kausalverkettung sind. Damit wäre jede Handlung, jeder Gedanke und jedes noch so zufällig wirkende Ereignis von vornherein vorherbestimmt, wenn auch nicht geplant. Es gab die Ansicht, dass man jeden Zustand des Universums zu jeder Zeit berechnen könnte, wenn man in der Lage wäre, den kompletten Weltzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bestimmen. Laplacescher Determinismus. Die Heisenbergsche Unschärferelation hat dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber das führt jetzt zu weit.

Zurück zu den Vögeln: Passenderweise tauchen diese auch in einer Kirche auf. Martin Sorck entdeckt eine kleine Statue.

„Eine Frauengestalt in langer, heller Robe erhob den schlanken Zeigefinger ihrer rechten Hand und deutete auf zwei Vögel, die über ihr flogen. Einer von ihnen war wiederum mit Gold überzogen, der andere, dunklere, nicht.“

Hier wurden sogar mehrere mythologische beziehungsweise story-eigene Bezüge miteinander verknüpft. Eva, die Frau, die Sorck kennenlernt, begegnete ihm in der gleichen Pose wie hier Mokosch, die slawische Fruchtbarkeitsgöttin. Dass es sich um Mokosch handelt, sieht man übrigens an der lateinischen Widmung unter der Statue, die sich auf einen ihrer Beinamen bezieht. Die Verbindung zwischen Martin Sorck und Eva wird hier ebenso gezeigt wie die Planmäßigkeit ihrer Zusammenführung. Es gibt Ordnung im Chaos.

Vielleicht noch ein paar persönlichere Notizen dazu:

Ich liebe diese kleinen versteckten Geheimnisse in Büchern. Ob ich sie selber gestalte oder jemand anders (wie Kehlmann, der mit Du hättest gehen sollen seine eigene Shining-Version geschrieben hat und an einer Stelle versteckt auf das Buch und den Film hinweist), ist dabei gleich. Daher wollte ich das besprochene Detail am liebsten schon direkt nach der Veröffentlichung verraten. Aber jetzt, da mehr Leute Sorck gelesen haben, ist der Zeitpunkt passender.

Man könnte meinen, ich sei religiös oder beschäftigte mich viel mit Gott, aber dem ist eigentlich nicht so. Ich glaube nicht an Gott. Allerdings ist es für mich ausgesprochen wichtig, einen Sinn in den Dingen zu sehen, die ich tue. Ein Leben ohne höhere Bedeutung ist bedeutungslos, sinnlos, also schwer zu leben. Daher habe ich immer nach Sinn gesucht und ihn in der Literatur gefunden. Auf einer lebenslangen Sinnsuche stolpert man zwangsläufig über Religionen, da andere ihren Sinn darin gesucht und gefunden haben. Dieser Aspekt und die deutliche Verbindung zwischen göttlicher Schöpfung und menschlicher Schöpfung und Kreativität bringen mich immer wieder zu religiösen Themen.

Mir ist bewusst, dass ich in diesem Artikel riesige Themenkomplexe angerissen habe (Mythologie, Religion, Determinismus, Literatur, Sinnsuche), mit denen man sich ein Leben lang beschäftigen könnte. Daher bitte ich um Verzeihung für die vage Darstellung. Sicherlich werden alle Themen nochmal besprochen genauer werden, aber für einen Überblick über die Idee hinter dieser winzigen Szene sollte das reichen.