Sorck: Bad Moon Rising

Über eine Szene des Buches “Sorck” und den Song “Bad Moon Rising” von Creedence Clearwater Revival.

So fangen wir an: Alle, die nicht sofort den Song Bad Moon Rising von Creedence Clearwater Revival im Ohr hat, nimmt sich die 2:20 Minuten und hört ihn sich an. Ursprünglich suchte ich nach besonderen Songs, die für mich bedeutsam sind, und stieß auf diesen hier. Da er in Sorck auch erwähnt wird, kann ich schlecht nur über das Lied und die Band schreiben und schreibe gleichzeitig eben auch noch über das Buch. Hier erst mal die Lyrics:

I see a bad moon a-rising
I see trouble on the way
I see earthquakes and lightnin’
I see bad times today

Don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise

I hear hurricanes a-blowing
I know the end is coming soon
I fear rivers over flowing
I hear the voice of rage and ruin

Don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise

I hope you got your things together
I hope you are quite prepared to die
Look’s like we’re in for nasty weather
One eye is taken for an eye

Oh don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise
There’s a bad moon on the rise

Und das ist die kurze Erwähnung im Buch:

Am Ende des Dunkels wurde eine Melodie hörbar, und dann zunehmend lauter.
Schattentummler Sorck taumelte halb verloren über ein glitschiges Deck in Richtung bunter Lichter, die als verschleierter Schimmer in unklarer Entfernung flackerten. Die Melodie von Bad Moon Rising verstümmelte angenehm rhythmisch die Stille. Hinter einer Biegung öffnete sich das Schiff und offenbarte sein Inneres: Eine Bar. Endlich eine Bar.

Ich hatte eine Phase, in der ich verstärkt Musik aus den 1970er Jahren hörte, hauptsächlich Prog Rock aus den Jahren 1970-1972. Beim Rumstöbern fand ich etliche gute Bands, aber CCR habe ich, wenn ich mich nicht irre, im Soundtrack von The Big Lebowski entdeckt. Ihr erinnert euch an die Szene, in der er einen Joint im Auto raucht, Radio hört und happy ist? Er hört Lookin’ Out My Back Door von CCR. Bekannter ist allerdings der Song, um den es hier geht.

Den Sound von CCR könnte man chillig beschreiben. Musik für gute Laune bei mir. Der Songtext von Bad Moon Rising steht im Widerspruch dazu. Der Text ist apokalyptisch, biblische Anspielungen wie one eye is taken for an eye sind eingestreut. Versteck dich, mach dich bereit zu sterben, bereite dich vor, ein großer Sturm wird kommen. Diese Mischung und Widersprüchlichkeit gefällt mir, wie ihr euch denken könnt. Ich mag deprimierende Comedy und entspannt-apokalyptische Songs.

Zur Szene in Sorck (und eigentlich dem ganzen Buch) passen Song und innere Divergenz insofern, als der Protagonist gerade mit schlechter Laune in eine Bar geht und im Trinken gegen den Kummer ein Grundproblem steckt: Auf der einen Seite hat man Euphorie, Entspannung und (manchmal) verbesserte Laune, während auf der anderen Seite Suchtgefahr, Gesundheitsschäden und ultimativ mehr Probleme als vorher stehen. Die angenehme Feierei steht dem apokalyptischen Kater gegenüber. Verwendet habe ich den Song aber auch, weil ich ihn selbst in einer Bar auf einem Kreuzfahrtschiff gehört habe. Es wird euch nicht wundern, dass ich betrunken war. Die Situation war eine ganz andere als im Buch, aber damals war mir auch der Widerspruch bewusst zwischen den lustig tanzenden Ü50-Menschen und der Todeswarnung des Liedes.

Man könnte jetzt noch einen weiten Bogen schlagen, an den ich zuvor nicht gedacht hatte. Hermann Burger schrieb im Tractatus logico-suicidalis, seiner Abhandlung über den Suizid, jeder Tod sei ein Weltuntergang. Da Selbstmord für Martin Sorck durchaus eine Option ist, passt die Weltuntergangsthematik von Bad Moon Rising zur Figur. Die Warnung vor Gefahren und Tod innerhalb des Songs könnte dann gelesen werden als Warnung vor möglichen Reizen (beispielsweise in der Bar), die Sorck über die Grenze schieben könnten. Dass der Barbesuch im Endeffekt zu etwas Positivem führen sollte, nämlich zu einem emotionalen Sturm ganz anderer Art, kann man zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen. Die Wetterwarnung ist jedoch angebracht. Leider habe ich beim Schreiben nicht daran gedacht.

Mit dem Song verbinde ich persönlich generell Menschen mittleren bis gehobenen Alters, die feiern. Er lief auf Gartenpartys und Geburtstagen und eben in dieser Aida-Bar. Vielleicht kam es daher fast automatisch, dass die Bar, das alte Paar (in der nächsten Szene) und das Lied zusammen im Manuskript auftauchten. All die intellektuellen Begründungen scheinen mir manchmal wie Rationalisierungen für unbewusste Entscheidungen und Assoziationen. Vielleicht sind jedoch die Begründungen von vornherein da, aber die Ausformulierung der Begründungen erfolgt später. Auch eine interessante Idee.

So, jetzt muss ich mich mal umsehen, denn ich habe mich ein bisschen verlaufen wie Sorck auf seinem Weg zur Bar. Wie mir scheint, bin ich trotzdem irgendwo angekommen. Eine Erinnerung noch am Ende: Als der Song in der Bar lief, die zu einer Seite (dem Schiffsheck) offen war, fuhren wir gerade vom Stockholmer Hafen an vielen kleinen Inseln vorbei in Richtung des Meeres, die Sonne ging unter und tauchte den Himmel in ein fast kitschiges Rot, und ein roter Himmel (wenn auch in einem anderen Rotton) gilt häufig als Andeutung auf die Apokalypse. Es spielt alles zusammen, wenn man es nur richtig betrachtet.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 35, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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