Gastbeitrag: All der Horror! Was stimmt denn nicht mit dir?

Ein Beitrag des Horrorautors Michael Leuchtenberger über die Motivation, Horror-/Gruselliteratur zu schreiben.

Mein Name ist Michael Leuchtenberger, ich schreibe und lese mit Vorliebe Horror-geschichten und übersinnliche Thriller. Und manchmal denke ich darüber nach, warum eigentlich.
Wenn jemand zum Beispiel über eines meiner Werke schreibt: „Es ist schon lange her, dass ein Buch mich so viele Fingernägel gekostet hat“, macht mich das als Autor glücklich. Ich verbreite gerne Angst und Schrecken, lasse mit Vergnügen Monströses und Unbegreifliches auf mein Publikum los. Weil ich Leute quälen will? Nein. Ich bin einfach überzeugt, dass andere an Horror genauso viel Freude haben wie ich.

Horror, das gemütliche Heim

Ich kann Bücher durchaus aus anderen Gründen interessant finden. Wegen Themen, Figuren, dem Humor. Der Abwechslung und neuer Eindrücke wegen lese ich zwischendurch gern andere Genres. Aber immer wieder kehre ich sehr schnell zum Horror zurück, was sich anfühlt, wie nach Hause zu kommen.
Es ist gar nicht nötig, mich deswegen als Sonderling zu inszenieren. Horror ist ein Genre mit jahrhundertelanger Tradition und großer Anhängerschaft. Auch über den Reiz und die Funktion von Schauerliteratur wurde schon viel geschrieben, Stephen King tat dies in „Danse Macabre – Die Welt des Horrors“, Lovecraft in seinen Essays noch viel früher. Trotzdem möchte ich der Frage „Warum Horror?“ einmal persönlich und unbefangen auf den Grund gehen.
Denn ich kann verstehen, dass viele einen weiten Bogen um Horror machen. Wer hat schon gerne Angst?
Eine berechtigte Frage, aus der sich die nächsten ergeben: Was stimmt nicht mit mir, dass ich – zumindest beim Lesen und Schreiben – eine Freude daran habe, mich zu fürchten oder zu ekeln? Warum kriege ich nicht genug von Geschichten, in denen andere Todesängste ausstehen, wahnsinnig werden oder qualvoll umkommen? Und warum muss es auch in meinen eigenen Geschichten düster und bedrohlich zugehen?

Horror beruhigt!

So sehr das Lesen als Leidenschaft Menschen vereint, so divers scheinen zumindest auf den ersten Blick die Bedürfnisse zu sein, die die erzählten Geschichten befriedigen. Sie bewegen sich zwischen zwei Extremen: Will ich etwas lesen, das mich beruhigt, oder etwas, das mich beunruhigt? Sollen Bücher mir ein Gefühl der Bestätigung, Geborgenheit und Sicherheit geben? Oder mir suggerieren, dass möglicherweise etwas „da draußen“ ist, das genau diese Sicherheit bedroht?
Ich habe mich schon immer für die zweite Option entschieden. Aber etwas daran erscheint mir widersprüchlich: Auch ich lese doch, um mich abzulenken. Auch ich will dabei den Alltag zurücklassen. Warum lese ich dann etwas, das mir Furcht einflößt?
Doch vielleicht ist da gar kein Widerspruch. Denn ich schalte ab, gerade weil die Geschichten spannend und gruselig sind. Sie fesseln mich – während Bücher, mit denen andere sich pudelwohl fühlen, in denen aber nur Alltägliches geschieht und Harmonie herrscht, mich sofort langweilen. Von Abschalten kann dann bei mir keine Rede sein.
Als Beispiel: Eine realistische Erzählung über die Donner Party, die 1846 tatsächlich in Nordamerika verschwand, mag an sich schon interessant sein. Aber wenn die Reisenden plötzlich von fremdartigen Bestien heimgesucht werden, wie in Alma Katsus Roman „The Hunger“, fängt für mich der Spaß erst richtig an. Andere dagegen verstört es allzu sehr oder sie rollen ob dem Dreh ins Phantastische abschätzig mit den Augen.
Zugespitzt kann ich sagen: Die Unruhe einer Horrorgeschichte beruhigt mich. Habe ich also doch das gleiche Grundbedürfnis wie die, die Liebesromane oder die Känguru-Chroniken lesen?

I want to believe – but I can’t

Dass ich Horror überhaupt so erleben kann, liegt daran, dass ich zwischen Realität und Fiktion sehr klar trenne. Das ist keine besondere Leistung, sondern mein Wesen. Ich kann gar nicht anders. Ich neige nicht zu Albträumen und habe – auch nach einem gruseligen Film – noch nie Angst gehabt, einen langen, dunklen Flur entlang zu gehen. Ja, beim Schreiben habe ich eine blühende Fantasie. Aber dafür lege ich einen Schalter um. In meinem Alltag bin ich Realist. Und manchmal fast neidisch auf Leute, die mehr sehen als das, was in meiner Wirklichkeit existiert.
Die Anspannung, die ich beim Ansehen eines gruseligen Film verspüre, empfinde ich als sehr positiv. Diese Spannung macht den Reiz am Horror für mich aus, während ich mit Splatter nichts anfangen kann und bei explizitem Body Horror schnell an eine Ekelgrenze stoße. Echte Angst empfinde ich nicht, oder zumindest überträgt sie sich nicht von der Fiktion in meine Realität.
Vielleicht gerade weil das so ist, habe ich schon immer eine Sehnsucht nach fiktiven Welten verspürt. Schon als Kind habe ich Märchen und fantastische Geschichten geliebt, in denen Reales auf Phantastisches trifft, allen voran „Die unendliche Geschichte“, später die Reihe „Wintersonnenwende“ und Jules Vernes Erzählungen über abenteuerliche Reisen.

Das morbide Kind

Schon damals haben mich die finsteren Elemente, die Geister und Ungeheuer, am meisten fasziniert. Ygramul und Gmork. Der Afanc. Die kreischenden Wilddruden in „Ronja Räubertochter“. Oder die Vorstellung, wie Professor Lidenbrock in einen Vulkan hinabzusteigen, der direkt in den Mittelpunkt der Erde führt – höllische Assoziationen inklusive.
Der Hang zum Morbiden setzte sich nahtlos fort, als ich Stephen King entdeckte, etwa seine Reihe „Der dunkle Turm“, später die Klassiker von Poe, Lovecraft und E.T.A. Hoffmann. In die gleiche Zeit fiel der Hype um die Serie „Akte X“, der auch mich voll erwischte. Der Kosmos voller Monster, Mutanten und sonstiger unerklärlicher Phänomene hatte es mir angetan. Der spezielle Reiz lag für mich auch hier wieder im Einbruch des Übersinnlichen in eine ansonsten realistische Welt.
Und natürlich stehen auf der Liste meiner Lieblingsfilme die schaurigen und rätselhaften ganz weit oben. „The Shining“ zieht mich vor allem mit seinem unheimlichen Ort in seinen Bann: das labyrinthische Overlook-Hotel spricht eine Urangst an, die mir auch in meinen Träumen und eigenen Texten immer wieder begegnet. Oder „Mulholland Drive“, das mir als Musterbeispiel dafür scheint, wie nah eine Geschichte an einem verwirrenden Albtraum sein, wie sie mit Identität und Realität spielen und damit das Publikum verunsichern kann.

Ist die Realität nicht schlimm genug?

Für die Sehnsucht nach dem Phantastischen habe ich schon eine mögliche Erklärung genannt, aber warum dieser ständige Hang zur Düsternis? Das ist eine Veranlagung, die nicht nur mit Geschichten zu tun hat. Auch Musik hat eine große Bedeutung für mich, und von ein paar Ausnahmen abgesehen sind es dunkle, melancholische Klänge, die mich besonders anziehen, Richtungen wie Darkwave, Coldwave und verwandte. Erkenne ich mich darin wieder? Bestätigen dunkle Geschichten und schwermütige Musik meine Weltsicht?
Während ich das schreibe, merke ich, wie es mir widerstrebt, in eine Schublade gesteckt zu werden. Ja, ich bin introvertiert und kein Partymensch. Aber nicht spaßbefreit oder ständig deprimiert. Nicht nur Grusel und Gothic haben mich geprägt, sondern auch Loriot und „Friends“. Ich liebe den Sommer und höre auch mal normale Popsongs.
Aber mir wäre eine reine Spaßgesellschaft zuwider, in der alles, was dunkel und bedrohlich ist, verdrängt wird. Ja, die Realität ist schlimm genug, und vielleicht will ich das Böse gerade deswegen auch in Geschichten erleben, das Nachdenkliche in der Musik hören. Davon lesen, sehen oder hören, dass Menschen Angst haben, weil das zu jeder Existenz dazugehört. Bei zu viel Happiness klingen in mir Alarmglocken: Oberflächlich! Heuchlerisch!

Das Ventil oder: Horror ist ein Kinderspiel

Das läuft nicht immer bewusst ab. Und es ist vor allem nichts darüber gesagt, ob ich mit dem Grauen im realen Leben besser umgehen kann als andere, nur weil ich mich in der Fiktion ständig damit konfrontiere. Denn das bezweifle ich. Nicht umsonst ist es meist phantastischer Horror, der mich besonders begeistert, seltener die Stories über Serienkiller oder andere, ganz irdische Gräueltaten.
Ich stimme King daher zu, wenn er – wie in “Danse Macabre” – Horrorgeschichten als eine Art Sicherheitsventil für reale Ängste beschreibt. Er spricht an dieser Stelle von den Konsument*innen von Horrorfilmen, aber ich glaube, es lässt sich auf Lesende und auch die Autor*innen übertragen.
Das Ventil scheint bei mir zudem seinen Zweck zu erfüllen, obwohl oder gerade weil ich die Angst in der Fiktion nicht als real Angst erlebe. Sind es am Ende dann also doch wir Horrorfans, die vor der Realität flüchten? Haben andere das Überdruckventil gar nicht nötig, weil sie die wahren Schrecken unserer Welt besser verarbeiten?
Wahrscheinlich ist es so, wie Matthias, der Betreiber dieses Blogs, es gedeutet hat (nachdem ich ihm den ersten Entwurf dieses Artikels zum Gegenlesen zuschickte, der an dieser Stelle endete): Horror hat etwas von einem Kinderspiel, von einer Probe für den Ernstfall. Ich weiß um das Übel in dieser Welt und habe Angst davor, damit eines Tages unvorbereitet konfrontiert zu sein. Mit diesem Gedanken kann ich mich sehr gut anfreunden, da ich beispielsweise auch nicht selten über den Tod nachdenke.

Von Horrorfans wie Nicht-Horrorfans würde mich interessieren: Was sind eure Gedanken dazu?

Portrait Michael Leuchtenberger - Foto von Matthias Hewing

Michael Leuchtenberger (Jahrgang 1979) veröffentlichte 2018 als Selfpublisher seinen Debütroman, den geisterhaften Thriller Caspars Schatten. 2019 gewann er mit seiner Kurzgeschichte Lampionfest den Schreib-wettbewerb zum Thema Zeitgeist 2020 von Litopian e.V. Ebenfalls 2019 erschien mit Derrière La Porte – elf sonderbare Kurzgeschichten sein erster Erzählband. Aktuell arbeitet er an einer Fortsetzung seines Debütromans mit dem Arbeitstitel Pfad ins Dunkel.

(Fotograf: Matthias Hewing)

Auf Papierkrieg.Blog bisher über Michael Leuchtenberger erschienen:
Michael Leuchtenberger: Derrière la Porte | Alte Akten und wilde Spekulationen

Status & Pläne

Meine Pläne 2020.

Schreibe ich über meine Werke, handelt es sich immer um Rückblicke. Heute soll es einmal anders sein. Es soll darum gehen, woran ich derzeit arbeite, was ich in nächster Zeit zu veröffentlichen plane und wie generell meine literarischen Pläne aussehen.

Die nächste Veröffentlichung wird eine Mini-Trilogie dreier zusammengehöriger Erzählungen sein. Der Umfang wird 54 Buchseiten aller Wahrscheinlichkeit nicht überschreiten. Entsprechend wird dieses Werk lediglich in Form eines E-Books für die allermeisten zu haben sein. Nur einige Auserwählte werden ein gedrucktes Exemplar erhalten. Aber was wird drinstehen? Die Geschichten sind surreal, vielleicht sogar allegorisch, und handeln von der (scheinbaren) Freiheit in unserer Gesellschaft, von aufoktroyierten Lebenswegen und dem Gefühl, sich darin verirrt zu haben. „Labyrinthisch“ wäre ein guter Begriff, um die Texte, besonders den ersten, zu beschreiben. Alle drei Texte gehen vom gleichen Startpunkt aus und variieren stark, nachdem eine simple Entscheidung getroffen wird.

Mit diesen drei Texten sowie dem Buchsatz, den ich zum ersten Mal mit dem Programm SPBuchsatz erstelle (und dabei viel lerne, fluche und mich freue), beschäftige ich mich seit einer ganzen Weile. Mit dem gleichen Programm werde ich dieses Jahr wohl noch die Neuauflage von Sorck basteln. Inhaltlich und stilistisch soll es keine Veränderungen geben, sondern lediglich ein paar Kleinigkeiten und übersehene Fehler sollen ausgebügelt werden. Es handelt sich also mehr um ein Projekt, um das eigene Ego zu beruhigen, als dass es für Leser*innen ernstlich spürbare Unterschiede machen würde. Daher handelt es sich auch um ein Nebenprojekt, etwas, das keine Deadline hat und das immer mal wieder nebenbei gemacht wird.

Das nächste echte Projekt ist der neue Roman. Geschrieben ist er und hat auch bereits mehrere Überarbeitungsrunden hinter sich, aber noch nicht so viele, dass ich zufrieden wäre. In Kürze beginnt eine weitere Überarbeitungsphase, danach die Testleserphase, und nach Abschluss aller Arbeiten wird das Manuskript an Verlage und Agenten geschickt werden. Bis die Öffentlichkeit dieses Buch in Händen halten wird, wird es also noch dauern. Sollte sich kein Verlag an mein Manuskript trauen, werde ich es wieder in Eigenregie herausbringen. Irgendwann werdet Ihr es also lesen können!

Die Arbeit am Roman wird einige Tage unterbrochen werden, während ich die Leipziger Buchmesse besuche. Wer mich dort treffen möchte, kann entweder Ausschau halten und auf das Beste hoffen, oder mich rechtzeitig vorher kontaktieren, damit wir etwas ausmachen können. Geplant ist ein Besuch der Messe an allen Tagen außer Sonntag. Signierte Bücher bringe ich auf Anfrage gerne mit.

Damit meine Leserschaft nicht zu lange auf das nächste größere Werk zu warten hat, plane ich für Herbst/Winter 2020 einen Erzählband. Die Kurzgeschichten und Erzählungen für diesen Band habe ich bereits. Es fehlen noch Überarbeitungen, Cover, Buchsatz und alles weitere, das man für ein fertiges Buch nunmal braucht. Je nach Geschwindigkeit der Arbeiten an allen vorhergehenden Projekten könnte der Erzählband auch schon früher erscheinen. Da die Geschichten fast alle sehr kurz sind – Kurzgeschichten eben – könnte es sein, dass um 40 verschiedenen Texte ins Buch kommen werden. Titel, Oberthema usw. stehen noch nicht fest, allerdings habe ich für mehrere Themen genügend Texte in der Schublade und schreibe zwischendurch immer wieder neue.

Und was dann? Ich habe zwei alte Romanmanuskripte, die ich gerne durch- und verarbeiten würde. „Überarbeitung“ wäre der falsche Ausdruck, da die Texte massiv zusammengestrichen, umstrukturiert und zu großen Teilen neu geschrieben werden müssten. Konzepte für mehrere weitere Romane und Erzählungen warten geduldig auf ihre Zeit, und Gedichte schreibe ich ebenfalls immer mal wieder zwischendurch. Das Material geht mir so schnell nicht aus. Würde ich nur abarbeiten, was bereits vorhanden ist, hätte ich genug für die Veröffentlichungen der nächsten Jahre.

Natürlich wird der Blog weitergeführt. Mit der Veröffentlichung der Mini-Trilogie werde ich ein drittes Werk haben, deren Entstehung und Ideenwelt ich hier breittreten kann. Weitere Themen sind ebenfalls nicht schwer zu finden, auch weil ich 2020 wieder mehr lesen will als in den Vorjahren. Falls Ihr Themenvorschläge oder Fragen habt, schreibt mir! Ich setze mich dann mal wieder an die Arbeit.

Nika Sachs: Schneepoet

Rezension des Romans “Schneepoet” von Nika Sachs.

Männer mit echten Gefühlen – eine gewagte These. Schneepoet ist der erste Band einer Reihe, kann aber auch solo gelesen werden. Solche Infos sind für mich wichtig, weil ich ein sehr langsamer Leser bin und mich Buchreihen immer abschrecken. Vielleicht geht es euch ja ähnlich.

Steigen wir ein. Das große Talent von Nika Sachs ist die Analyse von Gefühlen. Ihre Figuren analysieren sich selbst und ihre Mitmenschen permanent. Das klingt trocken, ist es aber nicht. Ich selbst halte mich für einen reflektierenden Menschen, aber habe keineswegs einen solchen Zugang zu Emotionen und ihren Hintergründen, wie Nikas Figuren. Das führte dazu, dass ihr Buch in Teilen eine therapeutische Wirkung auf mich hatte. Ich habe plötzlich Verhaltensweisen und Vorgänge verstanden, mit denen ich mich über Jahre beschäftigt hatte, die teilweise noch aktuell sind, und andere, die ich fast vergessen hatte. Ein solcher Effekt ist aus meiner Sicht ein riesiger Pluspunkt für ein Buch.

Der Protagonist Lukas (oder Luc) verlässt seine Freundin, weil er ihr ein Geheimnis nicht verraten kann, und flüchtet aus Deutschland und aus der Realität mithilfe von Alkohol, Drogen und sinnlosem Sex. Diese Realitätsflucht kennen vermutlich viele Männer und besonders jene, die ihre eigenen Emotionen nicht verstehen und/oder nicht ordentlich verarbeiten können. Luc hat den Vorteil (und wenn es auch nur ein Vorteil für die Leser*innen ist), dass er von Kindheitstagen an eine beste Freundin hatte, die ihm geholfen hat, einen Blick für seine Emotionen zu entwickeln, der leider für viele Männer noch immer einem Tabu gleicht. Wir haben stark zu sein und unsere Gefühle in Schach zu halten. Unsere Aufgabe ist nicht, sie zu verstehen, sondern Stärke zu zeigen. So ein Bullshit. Es ist vielsagend, dass eine Frau aus der Perspektive eines Mannes schreiben muss, um Männern zu zeigen, was und wie sie fühlen. Zwar kenne ich viele emotionale Bücher, die von Autoren verfasst worden sind, aber keines enthält eine derart reife und analytische Sicht auf diese Emotionen wie Schneepoet von Nika Sachs. Stattdessen geht es meist um das unerträgliche Leid, leben zu müssen, mit sich selbst, ohne eine ordentliche Reflexion oder gar einem Lösungsangebot. Die große, klassische, emotionale Männergrippe in der Literatur.

Der Sprachstil des Buches ist ebenfalls ungewöhnlich, hier und da schwierig (auch aufgrund von Neologismen und Metaphern, die man nicht immer sofort versteht), aber immer interessant. Neben der inhaltlichen Tiefe ist die verwendete Sprache für mich einer der wichtigsten Aspekte in der Literatur. Ich will nicht die Fahne derer schwenken, die nur komplexe und sprachgewaltige Werke als echte Literatur akzeptieren, sondern meine, dass jeder Sprachstil akzeptabel und gut sein kann, solange er zum Werk passt. Der Stil von Schneepoet ist nicht simpel, er ist frisch, neu, modern und frei von Konventionen, passend zum verwendeten Tagebuchformat. Was ich sagen will, ist, dass meine Ausgabe nun gespickt ist mit Klebezetteln, die interessante Passagen und schöne Sätze markieren.

Was den Aufbau betrifft, so könnte man sich streiten. Im vorliegenden Format wirkt er stimmig. Ein Zeitraum von 3 Jahren und 6 Monaten wird in Form von Tagebucheinträgen abgedeckt. Es wird ein Leben dargestellt und eine emotionale und geistige Entwicklung, kleinschrittig. Man hätte sicherlich die Essenz der Geschichte herauslösen können und sie geordneter darstellen können, aber dann hätte man ein anderes Werk mit einem anderen Effekt gehabt. Hier wird kein kunstvoller Bogen geschlagen, sondern ein Leben dargestellt. Für die Geschichte und ihren Fokus war das die richtige Wahl. Andere hätten es anders gemacht, aber andere wollen auch andere Dinge erzählen.

Was noch? Sex, Sex, Sex, interessante Figuren und viele Gefühlskatastrophen. Wer Bock hat, fröhliche Menschen durchs Leben tänzeln zu sehen, ist hier fehl am Platz. Da ich darauf aber fast nie Bock habe, bin ich sehr zufrieden mit der Lektüre wie auch schon bei Namenlos. Also gebt dieser großartigen und ungewöhnlichen Autorin eine Chance, lest ihre Bücher und folgt ihr bei Twitter unter Karmasagtnein oder Nika Sachs.

Nika Sachs: Namenlos

Rezension der Novelle “Namenlos” der Selfpublisherin Nika Sachs.

Poetisch und verdichtet, geschmackvoll, intelligent und voller Hoffnung auf eine zweite Chance. So könnte mein Fazit lauten für Namenlos von Nika Sachs.

Es fällt mir nicht leicht, meinen Eindruck von diesem Buch auf den Punkt zu bringen. Einerseits liegt es daran, dass man beim Lesen keinen Moment unkonzentriert sein sollte, weil man sonst Gefahr läuft, etwas nicht zu verstehen, interessante Details zu übersehen oder einen schönen Moment unter so vielen zu verpassen. Andererseits liegt es an der Mischung aus großer Wärme und trockener, analytischer Formulierung, die das Werk durchzieht.

Zwei Menschen lernen sich kennen und verzichten darauf, ihre Namen zu nennen. Jede Information könnte einen Teil des Zaubers nehmen, der zwischen ihnen aufflammt und wächst. Beide analysieren sich und ihr Gegenüber im Laufe tiefsinniger und humorvoller Gespräche und ungewöhnlicher Treffen. Wer fährt welches Auto und was sagt das aus? Ist es ein Klischee und damit ein Zeichen von Anpassung oder vom Ausleben eigenen Geschmacks, selbst wenn dieser ein Klischee erfüllt?

Im Grunde wird ein Date von hinten nach vorne durchlebt, von vertrauten Gesprächen und Nähe und dem möglichen Ende Ausgang eines ersten Dates zum Ausgehen und schließlich zur Nennung des Namens. Die Frage, die mich nach Beendigung des Buches beschäftigt hat und die ich für mich beantworten konnte, war, ob die klassische Reihenfolge des Kennenlernens zum gleichen Ergebnis geführt hätte. Um keine Details zu verraten, lasse ich meine Antwort offen.

Das erste, was ich nach der Lektüre und einigen Gedankengängen tat, war, einige der vielen schönen Formulierungen und Denkanreize zu notieren. Ich habe eine Datei für solche Dinge, die sich im Ordner „Inspiration“ befindet und in der Zeilen und Passagen einiger großer Autor*innen und Denker*innen stehen und nun auch 14 ausgesuchte Zitate von Nika Sachs. Beispielsweise hat mich dieser Satz fasziniert, der kommt, als die beiden Namenlosen vom Goetheturm und von einem Gespräch über der Stadt herunter auf die Straße treten: Dort angekommen greift die Realität wieder und hinterlässt ein paar Schlieren im Glanz des Moments. Sie waren für kurze Zeit der Welt entkommen und müssen nun wieder zurück, realisieren dabei, dass sie ihr eigentlich nie wirklich fern waren, und dennoch war dort Glanz und Glück und Romantik.

Das ist es vielleicht, was Namenlos ausmacht: eine ständige Analyse, warme Romantik und eine gewisse Traurigkeit – oder ist es ein Zweifel an der Möglichkeit von Glück, wie es die meisten definieren würden? Denn Glück ist doch nur die Abwesenheit von Unglück. Aber ist dem so oder soll man bloß darüber nachdenken? Oder ist es am Ende eine Herausforderung an das Leben und das Gegenüber?

Ich kann nicht behaupten, alles verstanden zu haben, worüber die namenlosen Figuren sprechen, ich kenne nicht alle Bücher oder Künstler, die sie erwähnen, und manchmal schien ich die Figuren aus der Ferne zu beobachten, zu verstehen, was passiert, ohne es völlig zu durchblicken. Beim zweiten Lesen, das sicherlich kommen wird, werde ich wagen, mich ihnen etwas weiter zu nähern, noch etwas mehr oder etwas Anderes mitzunehmen und es sicherlich wieder genau so sehr zu genießen wie beim ersten Mal.

Neben ihrem unübersehbaren Talent für das Schriftstellerische ist Nika Sachs übrigens auch eine interessante Person und wert, ihr auf Twitter zu folgen, auf einem ihrer beiden Accounts:
Nika Sachs
Karmasagtnein

Alte Akten und wilde Spekulationen

Interpretation der Kurzgeschichte “Das Archiv” aus dem Buch “Derrière La Porte” von Michael Leuchtenberger.

Neulich habe ich die Sammlung von Kurzerzählungen Derrière La Porte von Michael Leuchtenberger rezensiert. Hier geht es zum Beitrag: Michael Leuchtenberger: Derrière La Porte. Heute möchte ich eine Interpretationsmöglichkeit von Das Archiv, das es übrigens auch einzeln zu kaufen gibt, auf euch loslassen. Ohne Spoiler ist das völlig unmöglich. Wer das Buch also noch nicht gelesen hat, es aber noch vorhat, sollte sich den Eintrag für später speichern und ab hier nicht weiterlesen.

Ein Angestellter allein in einem alten und vergessenen Keller voller Akten, die er zu sichten hat. Mich erinnerte das an eine Therapie. Aber bauen wir es anders auf. Es gibt eine neue Chefin, die aufräumen möchte. Im Laufe des Aufräumprozesses wird ein Schlüssel gefunden zu einer Tür, die ebenfalls erst gefunden werden muss. Hinter alten Rollschränken mit Akten wird diese Tür gefunden und dahinter befindet sich ein weiterer Raum mit Kisten, Zeitschriften und Akten, noch älter als jene im Vorraum. Die Chefin gibt die Anweisung, die alten Akten zu sichten für eine Historie des Amtes und gibt den zusätzlichen Auftrag, nach Arbeiten über Architektur zu fahnden. Nun könnte man die Chefin als Therapeutin verstehen und die Akten als Erinnerungen. Der Protagonist, die Person in Therapie, steigt in den dunklen Keller hinab seiner Erinnerungen hinab. Zunächst sind jedoch die Akten in den Rollschränken im Weg. Mühsam müssen sie beiseite geschafft werden. Nebenbei wird erwähnt, dass die Rollschränke dazu neigen, von allein in Bewegung zu geraten. Mindestens einmal wurde der Protagonist bereits von ihnen beinahe eingesperrt. Es ist fast so, als gäbe es eine Kraft, die sich dagegen wehrt, dass die alten Akten/Erinnerungen wieder zum Vorschein kommen. Ein Verdrängungsmechanismus lässt sich vermuten. Im versteckten Hinterzimmer, das man als Un(ter)bewusstsein verstehen kann oder als Ort verdrängter Geschehnisse, wird dem Protagonisten schwindlig. Die Luft ist abgestanden und in der Ecke wuchert etwas Dunkles. Mehrmals wird er ohnmächtig. Während er mehr und mehr Zeit dort unten verbringt und vergessenes Wissen durcharbeitet (im Zusammenhang mit alten Zeitschriften wird dies explizit so genannt), breitet sich die dunkle Masse aus. Schließlich bekommt sie Struktur. Pflanzenartig und doch beweglicher, mit Auswüchsen, die in den Raum ragen und zugreifen wollen. Der Protagonist will fliehen, als er es bemerkt, aber ist längst im Keller eingeschlossen worden. Er ist gefangen in alten Erinnerungen. Dann versucht er, die Tür zum dunklen Raum mit dem verdrängten Wissen wieder zu schließen, aber auch dafür ist es zu spät. Die Auswüchse haben den Raum eingenommen und die Tür bereits durchschritten. Nach kurzer Flucht findet sich die Figur schließlich auf dem Boden, auf Knie und Hände gestützt. Die dunklen Auswüchse haben Arme und Beine umschlossen, er sinkt mit den Händen im Boden ein, während er voller Furcht und Ekel bemerkt, dass etwas seinen Rücken berührt. Man kann sich kaum eine unangenehmere und wehrlosere Stellung vorstellen, als auf allen Vieren festgebunden zu sein. Die so lange weggesperrten und nun wieder befreiten Erinnerungen nehmen ihn völlig ein.

Der Protagonist verliert das Bewusstsein und erwacht erst wieder, als seine Kolleginnen und Kollegen ihn finden, aber ohne die dunklen Auswüchse. Fortan bleibt der Geruch des Raums und der Auswüchse ein Teil seines Lebens.

Diese Gruselgeschichte kann meines Erachtens nach als Retraumatisierung gelesen werden. Verdrängte Erinnerungen werden im Laufe einer Therapie heraufbefördert und müssen nun in mühevoller Arbeit verdaut werden. Man weiß jetzt, was sich Dunkles im Unterbewusstsein verborgen hielt und drohte, aber damit klarzukommen, ist eine Lebensaufgabe.

Verfasst ist Das Archiv in Briefform und zwar einem Brief an eine Therapeutin, die mit dem Protagonisten fortan arbeiten soll. Wenn man will, könnte man also noch einen Schritt weitergehen und die Retraumatisierung samt Folgeschäden nicht als gut durchdachten Schritt einer ausgebildeten Therapeutin verstehen, sondern als Resultat laienhaften Herumdokterns durch die Chefin, die in diesem Szenario bloß jemand wäre, der es gut meint und damit Schaden anrichtet.

Ich weiß nicht, ob Michael Leuchtenberger diese Lesart beabsichtigt oder auch nur selbst bemerkt hat, aber ich finde sie hochinteressant. Sollte es keine Absicht gewesen sein, macht es das nur noch spannender, denn was die Leserschaft in Geschichten finden kann, das man als Autor*in selbst nicht sieht, ist enorm. Genau um derartige Lesarten zuzulassen, plädiere ich immer für relativ offene Geschichten. Zu viele eindeutige Erklärungen können Interpretationsfreiräume einschränken und somit auch die Freude an der Geschichte.

Zum Abschluss möchte ich mal wieder ganz deutlich darauf hinweisen, dass Figuren und Erzähler nicht die Autor*innen sind. Ich habe hier eine Geschichte analysiert und nicht den Verfasser, würde mir also niemals anmaßen, durch diese wirre Interpretation auf mögliche Traumata des Autors zu schließen. Ob die Lesart ein Kunstgriff, ein Zufall, die unbewusste Verarbeitung eines Geschehnisses (eines selbst erlebten oder fremden) oder mehr über mich als über ihn aussagt (und in dem Fall: was es über mich aussagt), ist völlig offen.

Jahresrückblick IV: Literatur II (Meine Bücher)

Jahresrückblick 2019 mit Fokus auf meine literarische Arbeit, Veröffentlichungen, Interviews usw.

Auch wenn 2019 für mich ein extrem spannendes Jahr gewesen ist, müsste der korrekte Titel dieses Eintrags eigentlich „Halbjahresrückblick“ heißen, weil die Wendepunkte und spannendsten Situationen erst Mitte des Jahres angefangen haben.

Beginnen wir also mit dem wichtigsten Punkt des Jahres (und vielleicht meiner gesamten Erwachsenenzeit). Am 27.06.2019 habe ich meinen ersten Roman veröffentlicht. Sorck schlug ein wie eine Bombe. Also bei mir. Emotional. Hunderte Arbeitsstunden und viel Stress kulminierten in einer einzigen Veröffentlichung, die mich ausgesprochen stolz macht. Über den Roman habe ich mehrere Artikel verfasst, falls ihr es tatsächlich verpasst haben solltet.

Aus der Veröffentlichung und meinen Werbebemühungen haben sich interessante Kontakte und Kooperationen ergeben. Ich habe mehrere Interviews gegeben (Bluesiren.de | Autorennetzwerk | BirgitConstant.de), es gab bisher zwei Buchblogrezensionen (Buchensemble | KeJas BlogBuch) und wird übrigens bald weitere geben, mehrere Personen haben sich als Testleser angeboten (und mir auch schon bei anderen Projekten weitergeholfen). Dann machte ich mich auf die Socken und konnte ein paar Deals mit (Buch)Läden an Land ziehen. Wie ich das hinbekommen habe, könnt ihr hier nachlesen: Selfpublishing und Buchläden. Besonders freut mich die Zusammenarbeit mit Landgut, einem Laden für lokale Lebensmittelprodukte und das erste Geschäft, in dem ich den Roman auslegen durfte. Witzigerweise habe ich dort die meisten Bücher verkaufen können von allen Geschäften, in denen es ausliegt. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich Landgut erwähnt habe, als das erste Mal ein Reporter der Ruhrnachrichten zu mir kam. Ich weiß noch, wie furchtbar nervös ich vorher war. Wie das ablief, kann man hier nachlesen: Sorck: Ein Zeitungsartikel.

Durch die neuen Bekanntschaften, hauptsächlich über Twitter, und wegen der Qualität von Sorck wurde ich dann eingeladen, bei Nikas Erben mitzumachen und freue mich sehr, dass in der nächsten Anthologie Geschichten von mir erscheinen werden. Details darf ich leider noch nicht verraten. Für mich war die Einladung ein großer Erfolg.

Im Oktober besuchte ich die Frankfurter Buchmesse und einige meiner Kontakte wurden enger. An allen Tagen lief ich mit Elyseo da Silva herum, hatte viel Spaß, habe einiges gelernt und bin seitdem angefixt vom Flair dieser Messen. Deshalb werde ich auch im März zur Buchmesse nach Leipzig fahren und dort hoffentlich einige Leute wiedersehen und ein paar neue kennenlernen.

Ein weiterer besonders wichtiger Punkt war erreicht, als ich Alte Milch veröffentlicht habe. Der Gedichtband bedeutet für mich viel, weil ich damals mit Lyrik angefangen hatte und immer eine besondere Verbindung zu dieser Textform hatte. Außerdem wollte ich immer beweisen, was ich kann, und das schließt schriftstellerisch nun einmal Romane, Lyrik und kürzere Prosa mit ein. Eine Sammlung mit Kurzgeschichten und Erzählungen wird also garantiert noch folgen.

Die Veröffentlichung des Gedichtbands führte übrigens auch wieder zu einem Zeitungsartikel. Auch Wochen und Monate nach den Artikeln sprechen mich noch Leute darauf an und versprechen mir, mindestens eines der Bücher noch kaufen zu wollen. Es gefällt mir, dass es stetig weitergeht, ich bekannter werde, meine Werke bekannter werden und ich nicht die Motivation verliere, an meinen Werken zu arbeiten und meine Ziele zu verfolgen. Ich bin stolz auf mich.

Ich sollte nicht vergessen, dass es auch mit dem Blog voranging. Es gab wieder mehr Beiträge und auch mehr Besucher. Weiterhin habe ich keinen festen Redaktionsplan, sondern arbeite daran, wenn ich Zeit habe und mich die Inspiration packt. Damit fahre ich gut, denke ich. Auch 2020 wird es Beiträge über Literatur, Musik, Kunst, eigene Werke und was auch immer mich sonst noch inspiriert, geben.

Selfpublishing und Buchläden

Wie man die eigenen Bücher in Auslagen von Buchläden und anderen Geschäften unterbringt.

Immer mal wieder, seltener als ich sollte, besuche ich Buchläden (und andere Geschäfte) in Dortmund und stelle mich als Autor vor. Das mache ich, um meinen Namen ins Gespräch und meine Bücher in die Regale zu bringen. Hier möchte ich kurz darstellen, wie ich das anstelle, wie ich mich vorbereite und worauf man man achten sollte.

Zunächst einmal sollte festgestellt werden, dass nicht nur Buchläden Bücher verkaufen. Es gibt in jeder Stadt Ladenbesitzer*innen, die bereit sind, die lokale Kulturszene zu unterstützen und beispielsweise Bücher unbekannter Autor*innen zu verkaufen. In meinem Fall wären das beispielsweise Lotto Seel oder Landgut, beide fußläufig von meiner Wohnung zu erreichen. Diese Unterstützung ist Gold wert. Oliver Seel, Besitzer von Lotto Seel, veranstaltet Lesungen und Konzerte, pflegt einen persönlichen Umgang mit seiner Kundschaft und macht aktiv Werbung für mein Buch. Üblicherweise wird kein Beteiligter reich mit dem Arrangement, weshalb eine faire Absprache und ein Verkauf in Kommission angebracht ist. Ich teile den Gewinn (-> Einnahmen nach Abzug der Druckkosten etc.) ungefähr 50/50. In meinem Fall sind Werke und Geschäfte nicht inhaltlich verknüpft, aber sollte man Bücher verkaufen, die einen klaren Bezug zu einem Geschäft haben, könnte man an entsprechender Stelle nachfragen. Warum sollte nicht eine Bäckerei ein Buch über einen Bäckergesellen verkaufen?

Im Buchhandel selbst sind die Deals meist schwieriger. Von Verlagen erhält der Handel einen Rabatt von etwa 40%, was die meisten Selfpublisher*innen nicht bieten können. Ich selbst kann es mir nicht leisten, eine Auflage drucken zu lassen, die einen solchen Rabatt erlaubt. An der Stelle muss man verhandeln. Ein Buchladen teilte mir mit, feste Rabatte von lokalen Autor*innen in Höhe von 30% zu verlangen. Das ist schon zuvorkommend. Wir reden hier übrigens immer noch vom Verkauf in Kommission, sodass dem Laden selbst kein Risiko bleibt. Diese Verkaufsform ist manchmal allerdings nicht machbar. Filialen von Ketten wie Thalia oder Mayersche bekommen Schwierigkeiten mit der internen Abrechnung, wenn sie Kommissionsverkäufe anbieten. In dem Fall bleibt nur übrig, auf die eigenen Werke hinzuweisen. Von beiden genannten Ketten haben Dortmunder Filialen Exemplare meines Romans Sorck bestellt. Es ist also machbar.

Häufiger wurde ich schon gefragt, wie ich vorgehe. Kommen wir also jetzt dazu. Da ich etwas menschenscheu bin, nehme ich mir nicht zu viel vor. Ein Geschäft oder zwei reichen, um meine Energiereserven aufzubrauchen. Wenn es euch ähnlich geht, macht es doch auch so.

Mir ist aufgefallen, dass es gute und schlechte Zeiten gibt, um einen solchen Besuch zu starten. In den meisten Läden waren die Besitzer*innen, die Entscheidungen treffen konnten, Dienstags bis Samstags vor Ort und hatten am Montag frei. Direkt nach Eröffnung am Morgen ist das Personal noch mit dem Aufbau beschäftigt und hat wenig Zeit für Anfragen. Mittags zwischen 12 Uhr und 15 Uhr ungefähr machen die Mitarbeiter*innen abwechselnd Pause, was zu Engpässen führen kann. Auch hier hat man wenig Zeit für dahergelaufene Autor*innen. Auch zu den Stoßzeiten, besonders samstags, sollte man, wenn möglich, nicht aufkreuzen. Der ideale Zeitpunkt ist also meiner Meinung nach dienstags bis freitags gegen 11 Uhr vormittags. Mir ist klar, dass um die Zeit wegen des Jobs nicht jede*r losziehen kann, was meine Einschätzung allerdings nur untermauert.

Wenn ich dann im Laden bin, stelle ich mich vor und komme schnell zum Punkt: Gruß, Name, Beruf, Anliegen – Guten Tag, ich heiße Matthias Thurau, bin Autor aus Dortmund und habe vor Kurzem einen Roman veröffentlicht. Diesen würde ich gern in Ihrem Geschäft anbieten. Wer wäre der richtige Ansprechpartner dafür? Erwischt man direkt die richtige Person, geht es weiter. Hat man wen anders vor sich (vielleicht sogar eine Person in Ausbildung oder neu im Laden), ist diese Person nicht überfordert, sondern kann mich weiterleiten. (Die wenigsten werden überfordert sein, aber in meiner Ausbildung gab es Situationen, in denen man mich festnagelte und Dinge von mir verlangte, die ich noch nicht leisten konnte, weshalb ich das hier anspreche.)

Wichtig ist, dass man freundlich ist, aber nicht unterwürfig. Ihr habt ein Produkt geschaffen und anzubieten, an dem beide Parteien verdienen können. Ihr steht also auf gleicher Augenhöhe mit den Händlern. Um die Augenhöhe aufrechtzuerhalten, muss man natürlich alle Fragen beantworten können, die eventuell auftauchen:

Was ist das für ein Buch? – Habt einen Pitch oder eine Kurzzusammenfassung im Kopf!
Wo könnte man sich näher darüber informieren? – Rezensionen, Blogs, Interviews.
Wo und in welcher Form ist es erhältlich? – Großhändler, Eigenexemplare, Taschenbuch etc.
Wie kann man euch erreichen? – Immer eine Visitenkarte zur Hand haben!
Was möchtet und was könnt ihr für Konditionen anbieten? – Verschenkt eure Bücher nicht! Ihr solltet wissen, wie viele Exemplare ihr zur Hand habt, was ihr pro Exemplar selbst bezahlt habt, wie viel Gewinn ihr pro Exemplar mindestens erwartet usw. Am besten habt ihr ein Maximum im Kopf, das ihr sowohl in Form von Prozenten als auch in Form einer Geldsumme ausdrücken könnt. Ihr wollt nicht mit Prozentrechnung anfangen, während ihr im Gespräch seid.

Ein paar verkaufsfördernde Argumente kann man auch wunderbar fallen lassen. In meinem Fall wären das beispielsweise die Zeitungsberichte über mich und meine Bücher. So weiß mein Gegenüber, dass ich aktiv werbe und die Möglichkeit besteht, dass Menschen tatsächlich meine Bücher kaufen wollen.

Damit alles klappt, sollte man zwei Dinge dabei haben: Eine Visitenkarte und ein Exemplar des Buches (das auch zur Ansicht vor Ort gelassen werden kann). Wenn ihr ein Buch dort lasst, könnt ihr durchaus verlangen, es hinterher zurückzubekommen oder dass es als Teil der Lieferung gilt, die hinterher vereinbart wird. Ihr habt hart für das Werk gearbeitet! Außerdem rechnet es sich nicht, wenn ihr ein Buch verschenkt, das euch z.B. 8€ im Druck kostet, und ihr dafür drei Bücher verkauft, die euch insgesamt nur 6€ einbringen.

Auch sollte man nicht vergessen, dass nicht alle Tage Autor*innen vorbeischneien. Neugierige Fragen oder ein ausgewachsenes Gespräch sind möglich. Das sollte allen klar sein. Aber wenn es dazu kommt, habt ihr schon gewonnen. Das Interesse ich geweckt, die Sympathie offenbar vorhanden und die paar Zentimeter im Regal, die ein Buch benötigt, sollten kein Problem mehr darstellen.

Ist der Deal gemacht, fehlt noch der Lieferschein. Vorlagen gibt es kostenlos online. Wichtig darauf ist: Was wird geliefert (Titel, ISBN), wie viel davon, für welchen Verkaufspreis und mit welchem Händlerrabatt?

Es ist nicht immer einfach. Manchmal muss man zweimal oder dreimal vorbeischauen, bevor die richtige Ansprechperson da ist. Manchmal wird man auf eine Emailadresse verwiesen, manchmal wird dann bloß ein Exemplar genommen oder zwei und ich warte noch immer auf den Fall, in dem ich ein eindeutiges Nein kassiere. Das kann passieren und das wird passieren. Aufgeben werde ich deshalb nicht.

Warum eigentlich persönliche Besuche?

Anfangs habe ich E-Mails geschrieben und keine Antworten bekommen, nicht eine. Telefonieren hasse ich persönlich. Man kann sich nicht in die Augen schauen und weiß nicht, ob man nicht gerade stört. Um mein Ziel zu erreichen, musste ich also persönlich hin. Das wäre mein Antrieb. Es gibt aber auch weniger subjektive Gründe dafür. Ein persönlicher Besuch zeigt, dass man wirklich Interesse hat und Zeit opfert. Es sendet ein erheblich kräftigeres Signal als ein Anruf oder eine E-Mail. Darüber hinaus ist es schwieriger, einer Person eine Absage zu erteilen, die einem freundlich ins Gesicht lächelt, als einer, die irgendwann etwas getippt und abgeschickt hat. Geht also hin!

Diese Aktionen sind für viele (und da schließe ich mich ein) anstrengend. Daher ein paar aufmunternde oder beruhigende Worte: Buchverkäufer*innen sind Buchmenschen wie wir. Sie sind meist freundlich, erfüllt von Liebe zur Literatur und machen ihren Job nur sehr selten, weil sie nichts besseres finden konnten. Selbst wenn sie eure Bücher nicht verkaufen können oder wollen, werden sie euch das freundlich beibringen und euch nicht wüst herauswerfen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Wenn es dann doch klappt, wenn ihr euch getraut habt und erfolgreich wart, freut ihr euch umso mehr. Ich bin jedes Mal stolz auf mich und sammele mit jedem Besuch mehr Mut für den nächsten.

Manuskriptüberarbeitung – wie gehe ich vor?

Meine allgemeine Vorgehensweise bei der Überarbeitung des Manuskripts zum Roman “Sorck”.

Die Rohfassung des Romans Sorck schrieb ich vor etwa einem Jahr. Sofort nach Abschluss der Rohfassung überarbeitete ich das Manuskript, indem ich die Textdatei am Monitor las und Stellen, die mir missfielen, sofort änderte. Danach bekam ein Korrekturleser den Text, korrigierte einige Stellen und dann war das Werk abgeschlossen.
Ziemlich simpler Vorgang. Im Nachhinein betrachtet: ziemlich naiv und ziemlich falsch. Wenigstens für mich.

Inzwischen halte ich es für sinnvoll, vor der Überarbeitung Abstand vom Werk zu bekommen. Mindestens einige Wochen sollte die Rohfassung ruhen, bevor ich mich wieder hineinarbeite und sie überarbeite. Dadurch erhalte ich eine Art Außenperspektive, lese den Text wie ein Leser und nicht wie der Autor. Das wiederum erlaubt mir, kritischer zu sein.

Ein für mich extrem wichtiger Punkt ist außerdem, nicht in der Textdatei direkt zu korrigieren, sondern auf Papier und in Etappen zu arbeiten. Der ausgedruckte Text wird gelesen und alles, was falsch klingt, keinen Sinn ergibt, was einen Übergang benötigt oder ausgebaut werden sollte, wird markiert. Danach erst schreibe ich per Hand die Sätze, Übergänge und neuen Szenen, die ich dann später ins Manuskript einfüge.
Warum mache ich das so? Getippte Sätze wirken optisch perfekt und ausgereift. Es gibt eine (minimale) psychologische Hemmschwelle, die mich davon abhält, getippte Sätze zu bearbeiten. In einem Interview sagte der Autor Chuck Palahniuk, dass er es so hielte. Anfangs kam mir das sehr subjektiv vor, aber dann habe ich es getestet und festgestellt, dass es sich bei mir genau so verhält. Handgeschriebene Sätze kann ich problemlos zusammenstreichen, darin mit Pfeilen herummalen, unterstreichen oder neu beginnen, während getippte Sätze sich wehren.

An dieser Stelle werden manche an Schreibprogramme für Autoren denken, die all das Papier, Notizen, Zettelchen usw. unnötig machen sollen. Das mag für manche funktionieren, für mich aber nicht. In der jetzigen Arbeitsphase habe ich bewusst so viel wie möglich per Hand gemacht: eine aufgestellte Wand voller Notizen, Klebezettel hinter dem Monitor, alle neuen Szenen und Sätze handschriftlich vorverfasst. Auf diese Weise arbeite ich mich tiefer in den Stoff hinein. Es hilft mir sowohl beim Denken als auch meinem Gedächtnis.

Insgesamt habe ich die Überarbeitung in mehrere Phasen eingeteilt:
1. Lesen und markieren, Notizen anfertigen, Ideen sammeln
2. Neue Szenen und Übergänge verfassen
3. Schiefe Einzelsätze korrigieren
4. Neue Szenen und Übergänge einzeln korrigieren
5. Alle korrigierten oder neuen Parts ins Manuskript einfügen
6. Neubeginn bei 1. sowie, falls nötig, 2. bis 6. für das geänderte Manuskript
7. Manuskript an Test- / Korrekturleser geben.
8. Anmerkungen von Korrekturleser durchgehen
9. Falls nötig: Neubeginn bei 1.

Möglicherweise ist das unnötig aufgesplittet oder übermäßig viel, aber das ist meine Arbeitsweise. Jedenfalls für das Manuskript Sorck.
Die zweite Phase ist bei Weitem die langwierigste, da sie die meiste Schreib- und Denkarbeit sowie Recherche erfordert.
Aktuell befinde ich mich in Phase 3.

Nebenher wird übrigens das Cover gestaltet.

Ich hoffe sehr, dass das Endergebnis all die Mühe wert sein wird. Im Augenblick gehe ich jedenfalls noch fest davon aus.

Pläne und Umsetzung

Dies ist der letzte Blogeintrag des Jahres 2018. Für einen Jahresrückblick ist die Seite noch zu jung, also wird es ein Blick nach vorn werden und ein Bericht über den aktuellen Stand meines Literatenlebens.

Dies ist der letzte Blogeintrag des Jahres 2018. Für einen Jahresrückblick ist die Seite noch zu jung, also wird es ein Blick nach vorn werden und ein Bericht über den aktuellen Stand meines Literatenlebens.

Sinn und Zweck dieses Blogs war ursprünglich, ein Standbein in der Welt, im Internet, zu haben, um gefunden werden zu können, um stattzufinden. Ein weiterer Zweck sollte eine Art Rechtfertigung oder Erklärung sein: ich wollte zeigen, dass meine Texte wert sind, ausführlich gelesen zu werden, da sie mit viel Mühe und Gedankenarbeit erstellt wurden. Diese Gedankenarbeit, ihre Herkunft, Inspirationsquellen, darzustellen, ist entsprechend der Kern der meisten Einträge.

Das zweite Standbein online, die Sprachnachrichten aus dem Kellerloch, dienen einem ähnlichen Zweck, sind aber außerdem ein Ventil, eine Verbreitungsart für eine Textform, die in gedruckter Form nur noch wenig Beachtung findet. Da es also keine großen Chancen gibt, als Lyriker bekannt oder gekauft zu werden, scheue ich mich nicht vor der kostenlosen Veröffentlichung meiner Gedichte. Die Bearbeitung macht mir außerdem Freude.

Mein gesamter Internetauftritt – Blog, Channel, Instagram, Twitter – sollte also meiner eigentlichen Arbeit, dem kreativen Schreiben von Prosa, dienstbar sein, indem sie auf mich und später auf meine Veröffentlichungen aufmerksam machen.
Der aktuelle Rhythmus von einem Track (plus Blogeintrag) und einem weiteren Blogeintrag pro Woche führte allerdings dazu, dass alle anderen Arbeiten darunter litten. Der Zweck wurde zum Selbstzweck und verdrängte seinen Herren.

Entsprechend habe ich beschlossen, zukünftig folgendermaßen vorzugehen:
Die Frequenz der Blogeinträge und Tracks wird verringert, vermutlich halbiert werden. Allerdings werde ich das austesten müssen und lege mich noch nicht fest.
Thematisch, könnte ich mir vorstellen, wird es sich mehr um das dann aktuelle Projekt drehen. Denn die frei werdende Zeit plane ich für die Überarbeitung – samt Coverdesign, Korrektorat, Lektorat, Testleser usw. – und schließlich Veröffentlichung meines Romans zu nutzen.

Desweiteren wird diese Veröffentlichung für mich ein Startschuss sein für weitere Bücher und dementsprechend weniger kostenlos geteilte Erzählungen.
Leider hat der Mensch heutzutage häufig die automatische Assoziation von „kostenlos“ zu „wertlos“ und hält käufliche Gegenstände für besser. Offenbar verkaufen sich sogar Bücher, die günstiger sind als Konkurrenzwerke, weniger gut, weil der mögliche Käufer sie für weniger wert hält.
Die Psychologie dahinter ist nachvollziehbar und ich habe vor, sie mir zunutze zu machen.

Ein genauer Termin für den ersten Eintrag 2019 steht bei Verfassen dieses Textes noch nicht. Allerdings wird es definitiv im Januar weitergehen.

Bis dahin wünsche ich ein frohes Fest und einen guten Rutsch!