Kombination aus Erfahrungen und Gedanken

Über Selbsterkenntnisse, Musik und ein Buch von Hans-Joachim Maaz.

In der Suche nach Erkenntnis geht es immer um das große Ganze, auch wenn man bloß Teilaspekte untersucht oder zu untersuchen meint. Manchmal kommt man nicht weiter, ohne größere Zusammenhänge einzubeziehen, oder man stößt auf etwas, das Verbindungen herstellt und plötzlich alles deutlicher macht. Letzteres ist mir gewissermaßen passiert, als ich das Buch Das falsche Leben von Hans-Joachim Maaz gelesen habe. Daher ist dieser Beitrag entweder für Leser*innen, die regelmäßig meine Einträge verfolgen, oder für Personen, die bereit sind, etwas mehr zu lesen, damit der Gesamtzusammenhang deutlicher wird. Im Grunde könnte man für mein heutiges Vorhaben alle bisherigen Beiträge zu Rate ziehen, aber ich werde mich der Einfachheit halber auf 4 konzentrieren.

Im Eintrag Eine Erfahrung zwischen Schmerz und Glück habe ich den Besuch des Konzerts der Band Dopethrone und meine Gefühle und Eindrücke dabei beschrieben. Ihr erinnert euch? Es ging um die Gefühle, die durch die Musik zutage traten und mich wie eine Welle überschwemmten, um sich dann körperlich zu entladen. Eine Befreiung, die ich sonst selten erlebe. Auch der Blogeintrag Slipknot und die Wahrheit über aggressive Musik behandelt die Wirkung und Notwendigkeit selbiger von Musik, um Emotionen ausleben zu können und sich in der Kunst anderer wiederzuerkennen. Dazu passt folgendes Zitat von Maaz:

Die anerzogene Gefühlsunterdrückung mit der Akzeptanz der Gefühlsbeherrschung ist als Wegbereiter für viele Erkrankungen verhängnisvoll, lässt aber andererseits nach Ersatzwegen der Gefühlsentladung suchen. So benutzen wir Musik, Filme, Bücher, Kulturevents, Sport und Nachrichten, um Gelegenheiten für Gefühlsanregungen zu finden, auf die wir unsere verborgenen und aufgestauten Gefühle aufsatteln können. Wir lassen uns emotional Huckepack nehmen. Sportereignisse, vor allem Fußball, die hysterische Verehrung von Stars auf der Bühne, das Lachen im Kabarett, die Trauer beim Tod von Prominenten, die Empörung über Vorgesetzte und Politiker sind insofern Ersatzgefühle, als der Fühlende nicht unmittelbar betroffen ist, sondern nur per Projektion. Über die verehrte Person oder das besondere Ereignis werden Gefühlsreaktionen animiert, die dann öffentlich auch toleriert werden oder sogar erwünscht sind.

[…]

Nur wenn man den Transportcharakter dieser Sekundargefühle erkennt, werden auch die heftigen Begeisterungsstürme, das hysterische Schreien oder eine abgrundtiefe Trauer ohne wirkliche persönliche Betroffenheit als bemühte Befreiung aus einem Gefühlsstau verständlich.

Das Moshpit-Regelwerk geht in eine ähnliche Richtung, auch wenn sich der Text auf die allgemeinen Abläufe und Vorkommnisse auf Metal- und Punk-Konzerten konzentriert, und nimmt auf die Gruppendynamik derartiger Events Bezug. Passend dazu folgendes Zitat:

In der Freizeit wird die Gefühlsanregung auch in der Gemeinschaft gesucht, um sich durch andere und die Sozialenergie der Gruppe emotional beleben und mitnehmen zu lassen.

Dass ich ein derartiges Ausleben von Gefühlen oder Sekundargefühlen häufiger nötig habe und doch wieder zum unentspannten Alltagszustand zurückkehre, das heißt, meine Gefühle oder deren Anstauung nicht tatsächlich auslebe und abreagiere, trifft Maaz folgendermaßen auf den Kopf:

Das Besondere an diesen Ersatzgefühlen ist, dass sie zwar auch Entlastung unterstützen, aber keine Erkenntnis über die wirklichen seelischen Prozesse befördern und damit auch keine befreiende Wirkung aus innerster Anspannung ermöglichen. Wie bei allen Ersatzerfüllungen dominiert bald wieder innere Spannung, die nach nächsten Events suchen lässt.

Hier kommt das große Aber beziehungsweise meine Hoffnung und eine Bestätigung, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Im Beitrag Die ständige Suche nach dem Warum gehe ich darauf ein, warum ich blogge oder warum ich die Themen wähle, die ich wähle, warum ich überhaupt nachfrage und in mich horche. Ich suche aktiv die Erkenntnis über die wirklichen seelischen Prozesse und Lösungen für fehlerhaftes, ungesundes oder unangenehmes Verhalten, also nach Wegen, um die innere Spannung zu reduzieren.

Diese Suche, die auch die Lektüre von Das falsche Leben beinhaltete, hat nun zur Zusammenführung mehrerer Erfahrungen geführt, die ich ohne ihre mühseligen Teilschritte nicht erlangt hätte. Ich weiß nun, dass ich daran zu arbeiten habe, meine wahren Gefühle zu entdecken, zu erreichen und sie auszudrücken, dass die Gefühle, die beispielsweise bei Konzerten zutage treten, nicht zwangsläufig die echten sein müssen, aber einen Einblick gewähren in Sphären, die ich sonst schwer oder gar nicht erreiche, und wie es sich anfühlen kann, wenn man Zufriedenheit und Ausgeglichenheit durch den Abbau eines Gefühlsstaus (s. den Dopethrone-Bericht) erreicht. Es geht also mal wieder um Selbstfindung oder echtes Leben, wie Maaz es nennen würde. Nach Maaz fühlt sich ein Kontakt zu den echten Gefühlen ungefähr (und sehr grob zusammengefasst) so an, wie ich es in Eine Erfahrung zwischen Schmerz und Glück beschreibe: Unannehmlichkeit – Gefühlsausbruch (auch und gerade körperlich) – Entspannung. Das sehe ich als Erfolg für mich an. Ein bisschen Verklemmung weniger – Hurra!

Zum Abschluss etwas Klärung, damit es nicht so klingt, als hätte das angesprochene Buch alle Weisheiten der Welt in sich versammelt oder als sei es frei von Kritik zu betrachten. Die Psychoanalyse hat meiner Meinung nach die Schwäche, dass sie droht, in Interpretationen und Zuschreibungen zu weit zu gehen (bis in Ebenen, die einfach nicht mehr beweisbar sind), und dadurch gelegentlich Gefahr läuft, wie Esoterik zu klingen beziehungsweise die Grenzen zu unsachlichen Behauptungen und Methoden überschreitet. Manche Feststellungen der Psychoanalyse werden für mich immer fragwürdig klingen, auch wenn Maaz’ Buch sehr sachlich geschrieben ist. Auch dürften sich manche Leser*innen an Begriffen wie Mütterlichkeit und Väterlichkeit stoßen (wobei er anmerkt, dass Frauen die väterliche Rolle und Männer die mütterliche Rolle übernehmen können) oder an seiner Kritik zu liberaler und zu kritikfeindlicher Einstellung. Es ist kein perfektes Buch, wie gesagt. Die sachliche Richtigkeit kann ich schlicht nicht überprüfen. Doch für mich ist der Wert eines Buches auch und besonders daran bemessen, was es mir an Denkvorlagen liefert – und dafür können auch hanebüchene Behauptungen oder völlig überholte religiöse und philosophische Konzepte dienen. Sollte also entgegen jeder Wahrscheinlichkeit jede These im Buch falsch sein oder nur auf mich zutreffen, hätte ich dennoch Erkenntnisse daraus gezogen und das ist, was für mich in diesem Fall zählt.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 35, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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