Messeblues: Frankfurt ohne Frankfurt

Buchmesse Frankfurt Header

Noch läuft die Frankfurter Buchmesse. Besser gesagt: noch werden neue Videos hochgeladen und in vereinzelten Locations in Frankfurt werden noch Lesungen abgehalten. Das ist doch nett.

Digital

Zweifelsohne haben sich alle Beteiligten an der Frankfurter Buchmesse 2020 Mühe gegeben, ein vielfältiges Programm für Personen aus der Buchbranche und Interessierte zusammenzustellen. Noch weniger zu bezweifeln ist die Unmöglichkeit einer Buchmesse mit Hunderttausenden Besucher*innen und daher die Notwendigkeit des Ausweichens auf das Internet, sofern man nicht alles ausfallen lassen möchte. Da gibt es keine Diskussion. Jetzt, da die zweite Corona-Welle (pünktlich und vorhergesagt) Deutschland krank macht und dennoch Menschen rücksichtslos andere gefährden, wäre die Buchmesse als Besuchermesse ein Höllenschlund von einem Hotspot geworden.

Enttäuschung

Meinem Ton ist wenig Positives anzumerken. Ich bin enttäuscht und traurig. Einerseits natürlich wegen der Ignoranz, Rücksichtslosigkeit und des Egoismus so vieler Menschen. So geht es wohl jeder denkenden Person. Doch das soll hier Nebensache sein. Im Bezug auf die Buchmesse bin ich nicht enttäuscht wegen des Programms, sondern aufgrund des fehlenden Feelings und vor allem anderen aufgrund der fehlenden persönlichen, direkten Kontakte.

Auf der Frankfurter Buchmesse treffen sich Menschen. Das ist aus meiner Sicht 90% der Messe. Neue Bücher, Techniken und Tipps brauchen nicht unbedingt Präsenz, aber um neue Menschen kennenzulernen und das Gefühl aufzufrischen, dass man (allein im kalten Zimmer schreibend) eben doch nicht ganz allein ist, braucht es Nähe. Und vom professionellen Netzwerken rede ich hier noch gar nicht.

Kontakt und Austausch

Über Twitter und andere Plattformen habe ich auch außerhalb von Buchmessen hervorragende Kontakte schließen können. Wir helfen und unterstützen einander und in manchen Fällen sind Freundschaften gewachsen. Das ist wunderbar. Persönliche Treffen jedoch festigen solche Verbindungen ungemein. Neue Kontakte kommen auf Buchmessen zustande und alte werden aufgefrischt. Der menschliche Faktor ist entscheidend. Für Vorträge fahre ich nicht nach Frankfurt, sondern für die Menschen.

FBM2019

Vor einem Jahr habe ich die Frankfurter Buchmesse besucht. Dort durfte ich all das lernen, was ich bisher beschrieben habe. Mit sämtlichen Personen, die ich dort kennenlernen durfte, habe ich noch immer ein gutes Verhältnis, weit besser als vor der Messe. Ich vermisse das. Fast alles Geschriebene erscheint mir selbstverständlich. Und dennoch muss ich loswerden. Ich bin traurig, dass die größte Plattform für persönliche Kontakte unter Gleichgesinnten und aktuellen sowie zukünftigen Freund*innen 2020 ohne ebendiese Kontakte auskommen muss und damit effektiv für mich entfällt.

FBM2021

Corona wird bleiben. Wie die Grippe wird Covid nicht mehr verschwinden, sondern Teil unseres Lebens werden. Medikamente zur Behandlungen werden entwickelt und Impfstoffe ausgegeben werden. Masken werden im öffentlichen Raum ebenfalls bleiben, wenigstens in weit größerem Maße als vor der Pandemie. Aber wann wird die Medizin so weit sein? Und werden Massenveranstaltungen wie die Frankfurter Buchmesse trotz aller Maßnahmen wieder so stattfinden können, wie wir es vor Corona gewohnt waren? Meine Hoffnung ist wie meistens klein. Aber was kann ich tun? In meinem Zimmer ist es kalt und ich schreibe.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 35, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.