Gastbeitrag: June T. Michael über BDSM als Utopie

Wie BDSM mithilfe richtiger Kommunikation und gerechten Miteinanders zum Utopie-Entwurf wird.

Wer schreibt hier eigentlich?

Ich schreibe unter dem Pseudonym June T. Michael queere BDSM-Geschichten aus der Welt von Arl Sere. Das hat sich einfach so ergeben – ebenso, wie ich eigentlich vollkommen zufällig ins Erotik-Genre gestolpert bin, hat sich dann zwangsläufig das Thema „BDSM“ herausgeschält und ich lasse mich in der Hinsicht von den Figuren führen. Wenn ich also gefragt werde, warum genau dieses Thema, diese Texte, dann kann ich zwar gerne rückwirkend Dinge herleiten (wie den Beginn mit der Lektüre furchtbarer Erotikzitate auf Twitter und die Frage, ob ich, wenn ich schon meine, es besser zu können, es nicht einfach machen soll – aber da war mehr und ich kriege es nicht zusammen), aber keinen Ausgangsfunken rekonstruieren, der das „Genau so, genau das“ in meinem Geist entzündete.

Im Vanilla-Job mache ich was mit Textarbeit und Bildbearbeitung, meine Abschlüsse habe ich unter anderem im Bereich „Literaturwissenschaft“. Und wenn ich nicht gerade aktivistisch-queere BDSM-Texte schreibe, fülle ich meine Freizeit mit Gartenarbeit und Twitter.
Außerdem bin ich autistisch und bemühe mich, in einer nicht wirklich für mich gebauten Welt zurechtzukommen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Auch darüber schreibe ich häufig auf Twitter.

June T. Michael - Zwischen Eis & Feuer

Am 01.08.2020 erschien „Gefangen zwischen Eis und Feuer“ – Band 1 meiner Reihe „Erotische Abenteuer in Arl-Sere“. Die Reihe ist so angelegt, dass die einzelnen Bände auch unabhängig voneinander gelesen werden können, es macht allerdings mehr Spaß, sie am Stück zu lesen. Derzeit ausschließlich auf Amazon. Es handelt sich dabei um einen Genremix: Fantasy trifft auf Slice of Life, es geht hier also nicht um epische Abenteuer, bei denen Staaten und Welten auf dem Spiel stehen, sondern um Probleme des Alltags, nur dass diese durch das fantastische Umfeld zusätzlich beeinflusst werden. Explizite Erotik trifft auf BDSM – dabei ist es mir wichtig, gerade letzteres abseits vom leidigen „Fifty Shades of Grey“-Image aufzuzeigen. Man kann eine Geschichte über Wesen, die sich gerne schlagen und erniedrigen lassen, schreiben, und gleichzeitig eine Geschichte über Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme erzählen.

So viel zu meinem Projekt und mir.

Warum ausgerechnet BDSM?

Interesse an entsprechenden Dynamiken hatte ich eigentlich schon sehr lange, zum Teil im Teenie-Alter, auch wenn mir das Vokabular dafür nicht geläufig war – ich habe mich für sexuelle Dinge schlicht und ergreifend nicht interessiert. Sex war etwas, das anderen passierte und die Erkenntnis, dass die Verquickung von asexuellem Spektrum und Interesse an Kink vollkommen normal ist und es auch andere gibt, denen es genauso ging, war erleichternd. Als ich noch zur Schule ging, erschwerte dies allerdings jede Recherche, teils auch, weil ich meine entsprechenden Interessen nicht als erotisch empfand oder nicht in Worte umwandeln konnte, die Suchanfragen ergeben würden.

Später, viel später, rutschte ich durch vollkommenen Zufall in ein Text-RPG rein – meine Figur wurde in einem öffentlichen Ort angeschrieben –, das auf einmal eine kinky Dynamik entwickelte. Anfangs kam ich mit dem sogenannten „Hausverstand“ irgendwie durch, dann fing ich behutsam an, zu recherchieren und irgendwie verselbstständigte sich das. An dem RPG schreiben wir immer noch, inzwischen kann es sein, dass wir an der fünfstelligen Anzahl an Wordseiten kratzen …

Und ich habe eins festgestellt: Es macht unglaublich Spaß, entsprechende Szenen zu schreiben. Viel mehr Spaß, als mir entsprechende Vanilla-Szenen je gemacht haben. Die Frage wäre, warum und damit kommen wir zum nächsten Punkt.

BDSM-Utopie – wie soll das gehen?

Ich bezeichne mein Buch – und eigentlich die gesamte Reihe – gerne mal als BDSM-Utopie. Dazu muss ich etwas ausholen, was ich unter den jeweiligen Dingen verstehe und wie der Widerspruch zwischen einem Spielsystem, das auf Machtgefälle beruht und dem Konzept einer gerechten Welt aufgelöst werden kann.

Utopien sind stets zeit- und kontextabhängig. Zwischendurch kursierte beispielsweise eine US-Theorie, die ich beim besten Willen nicht mehr auffinden kann, weil sie leicht widerlegt werden konnte, der zufolge Platons „Idealstaat“ aus der Politeia eigentlich eine Satire darstellen sollte. Aus unserer Sicht ist der Staat so weit weg von dem, was wir unter Gerechtigkeit verstehen, dass es nur satirisch gemeint sein könne, ausgerechnet so einen Staat als Ideal zu propagieren. Andere Autor*innen entsprechender Literatur, wie der Namensgeber Thomas Morus, brechen von vornherein ihre eigenen Werke in satirischer Form und zeigen somit auf, dass der perfekte Staat zwar literarisch als Gegenentwurf der herrschenden Umstände dargestellt werden kann, es jedoch unmöglich ist, ihn jemals zu errichten.

Andere Utopien wiederum, wie beispielsweise „La città del Sole“ von Tommaso Campanella, mögen zu ihrer Entstehungszeit und aus der Sicht der Verfassenden noch utopisch sein, wären aber für moderne Menschen so weitab von allem, was in irgendeiner Form wünschenswert wäre, dass der utopische Gedanke zur Dystopie wird.

Darum habe ich gar nicht erst versucht, eine Universalutopie zu verfassen. Das ginge auch gar nicht. Ich schreibe entdeckend, somit weiß ich noch nicht, wie alle Staaten von Arl Sere aussehen, aber von den drei mir bisher bekannten ist nur ein Staat für kinky Wesen zugänglich, nämlich Erytan. Ebenso ist Erytan offen für Wesen, die nicht in die Genderbinarität passen (also Leute wie mich). Dass sogar Wesen nach Erytan auswandern, weil dort trans- und nicht-binäre Wesen einfach in ihrem Geschlecht leben können, wird in den auf meinem Blog veröffentlichten Drabbles deutlich, in denen eine trans Frau namens Camelia eine Rolle spielt – in einem davon stellt sich heraus, dass sie gar nicht aus Erytan stammt.

Erytan hat dafür andere Probleme, die dafür sorgen, dass auch dieser Staat seine Unperfektionen hat. Einige davon lösen sich erst im Verlauf des Text-Rollenspiels, da dieses jedoch hundert Jahre nach meinem Roman spielt, bleiben diese Konfliktpunkte dort erhalten oder spitzen sich sogar vermehrt zu.

Das utopische Element ist hier tatsächlich gleichzeitig das BDSM-Element.

Mir ist bewusst, dass die Welt des BDSM – von einer erfolgreichen BDSM-Bloggerin auch „Wunderland“ genannt – auch nicht immer rosig ist, im Gegenteil. Zwar waren meine ersten absichtlichen und bewussten Begegnungen mit dieser Welt durchgängig queer, inklusiv und offen für alle Gender, Lebensentwürfe und Konstellationen, aber es gibt genügend Artikel darüber, dass es sehr große Probleme innerhalb der Szene gibt.
Eine gute Freundin von mir, die in einem Socialmedia-Profil stehen hat, dass sie devot ist, wird gerne beim ersten Anschreiben von Wildfremden beschimpft oder per Erikativ geohrfeigt – sie wolle es ja so. Wenn sie dann sagt, dass dies absolut ungehörig ist, reagieren die (fast immer cis männlichen) Leute recht pikiert oder versuchen ihr zu erzählen, dass sie sich das gefälligst gefallen zu lassen habe, schließlich sei sie eine Sub und das wäre ihr Existenzzweck.
Andere machen viel Geld damit, dass sie in Pick-Up-Artist-Manier „Dom-Kurse“ verscherbeln. Erfolgsgarantien und Verallgemeinerungen inklusive. Und es gibt inzwischen ganze Studien über die Problematik von cis- und Heteronormativität in BDSM-Räumen, Sub-Shaming und ähnliche Phänomene, die dafür sorgen, dass in etlichen davon die Ungerechtigkeitsstrukturen der Mehrheitsgesellschaft verfestigt werden.
Begünstigt durch Veröffentlichungen wie „50 Shades of Grey“, vertieft sich die Dynamik – junge, unerfahrene Menschen, die sich an dem Buch orientieren und denken, es „soll so“, wenn sie gebrochen werden, stehen Leuten gegenüber, die das Dom-Sein (bewusst im generischen Maskulinum) aus ebenjenem Buch gelernt haben.
Ebenso ist mir bewusst, dass diese Buchreihe unter denen, die die missbräuchlichen Dynamiken darin durchschaut haben, zu noch mehr Stigma gegenüber Menschen führt, die einfach nur (um es mit den Worten einer lieben befreundeten Person zu sagen) vor sich hin sein wollen.

All das ist mir bewusst. Wenn ich diese Problematiken in großen Teilen in meinen Romanen ausblende, dann nicht, weil sie mir unbekannt wären oder weil ich sie verdrängen möchte, sondern als durchaus bewussten Gegenentwurf. Ein Aufzeigen, wie es im Idealfall sein soll und wie irgendwann, durch Bücher wie meine und durch andere Formen des Aktivismus, es irgendwann werden soll.

Erytan ist ein Land, in dem diese Probleme weitestgehend unbekannt sind. Teils, weil dort das einzige richtige Fernkommunikationsmedium der Brief ist (es gibt für Notfälle eine – allerdings unzuverlässige, da von einer Gottheit abhängige – Expresslösung) und teils, weil bestimmte Prinzipien schon von Kindesbeinen an Teil der Erziehung sind.

  • Wenn eine Person mit Worten oder Gesten kommuniziert, dass sie nicht angefasst werden will, wird das bedingungslos akzeptiert
  • Wenn zwei oder mehr Personen sich treffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen, wird im Vorfeld abgesprochen, wie das so gestaltet werden soll, dass sich alle wohlfühlen und dann hält man sich ohne zu hinterfragen daran
  • Es ist vollkommen selbstverständlich (und wird nicht einmal besprochen), dass beim ersten sexuellen Kontakt zwischen neuen Personen Verhütungsmittel in mechanischer Form Pflicht sind
  • Ebenso ist es ganz selbstverständlich, wenigstens ein grobes „Weiche Grenzen, harte Grenzen, No-Gos, Allergien, Tabus, Wünsche“-Gespräch zu führen, egal ob es um Sex geht oder beispielsweise um eine Wanderung, man macht einfach
  • Es gibt kein „Wer A sagt, muss auch B sagen“ – wenn es sich eine Person mittendrin anders überlegt, egal um was es geht, wird abgebrochen. Punkt. (Ausnahme bilden Tunnelspiele bzw. Dinge wie Wanderungen, wo man nicht ohne weiteres wegkommt … Aber wo ein Abbruch möglich ist, wird abgebrochen.) Bedingungslos. Kein „Aber warum?“, kein „Du musst das aber durchziehen“.

Und all das sind Prinzipien, mit denen schon Kinder aufgezogen werden. „Wenn dein Freund hinfällt und weint, frag, ob eine tröstende Umarmung in Ordnung ist. Ist sie das nicht, dann lass sie sein. Frag deinen Freund, welche Art von Unterstützung er möchte und akzeptiere die Antwort. Auch wenn diese lautet, dass du dich zurückhalten sollst“.

Dass das kein bisschen selbstverständlich ist, fiel mir verstärkt auf, als ich Familienbesuch hatte und es nicht mehr funktioniert hat. „Nein, das mag ich nicht“ führte auf einmal wieder zu „Aber probiere es doch wenigstens“ und „Das ist mir aufgrund meiner Behinderung nicht möglich“ zu „Du versuchst es einfach nicht ausreichend“. Selbst ein „Nein, dieses Thema triggert mich, sprecht das nicht mehr an, solange ihr hier seid“ führte nicht zum Erfolg.

Ist das nicht „Cherry-picking“?

Mitnichten. Ich finde, dass Kommunikationsprinzipien, wie sie eigentlich im BDSM gelten sollten und in vielen Konstellationen zum Glück auch gelten, auch in Vanilla-Konstellationen und im Alltag ganz abseits von Sex und Kink ihren Platz haben sollten.

Dass – außer bei akuten Notfällen (und nach Möglichkeit selbst dann, sofern die Person ansprechbar ist) – stets das Selbstbestimmungsrecht an oberster Stelle stehen sollte. Dass „Mein Körper gehört mir“ bedingungslos zu gelten hat, nicht nur bei sensiblen Themen wie Schwangerschaft, sondern bei jeder Art von Berührung. Beginnend damit, dass ein Kind nicht allen zur Begrüßung die Hand geben soll, wenn es nicht möchte oder verpflichtet ist, ungewünschte Zärtlichkeit von Verwandten zu ertragen.

Ich nutze im Alltag in komplett Vanilla Situationen inzwischen immer öfter den Ampelcode, weil er einfach … praktisch ist, um schnell zu kommunizieren, dass ich eine Pause brauche oder meine Grenzen in einem Maße überschritten werden, dass die Reißleine gezogen werden muss. Gerade für mich als autistische Person ist das Einüben von kurzen Signalwörtern und Gesten, um zu zeigen, dass es mir nicht gut geht und was ich brauche, zum Teil lebenswichtig. Warum sollten das nicht auch andere tun? Auch Leute, die mit all den anderen Aspekten oder mit Kink an sich nichts anfangen können?

Ja, aber das Schlagen und Hauen und Fesseln …

Kommt alles in meiner Buchreihe vor. Keine Angst. Aber ich bin ehrlich, dass ich mich teilweise richtig geärgert habe, wenn ich Dinge las wie „Also ich finde, Verhütung hat in Erotik nichts verloren, die nimmt die Stimmung weg“ oder „Ja, im Alltag mag das fein sein, wenn Leute ausführlich vorher über Tabus und Vorlieben reden, aber im Erotikroman mag ich sowas nicht lesen.“

Das macht mich trotzig, denn so funktioniert Literatur nicht. Mag sein, dass einige Leute trotzdem wissen, dass beides gerade bei neuen Sexualpartner*innen dazugehört, aber nach allem, was ich weiß, ist das eher die Ausnahme, als die Regel, dass explizit darüber gesprochen wird. Dafür höre ich zu oft Geschichten von Menschen, die davon ausgehen, alle Menschen mit Intimkonfiguration x würden zwingend Praktik y mögen und das einfach durchziehen, statt mal mit der entsprechenden Person zu reden. Dafür höre ich zu oft, dass gerade Empfängnisverhütung auf die Person abgeschoben wird, die einen Uterus hat.

Also … Nein, es funktioniert leider nicht.

Und darum habe ich aus Prinzip ein Buch geschrieben, in dem Gespräche über Vorlieben und Grenzen so heiß gestaltet sind, dass das Höschen von selbst zur Erde fallen soll. In dem Verhütung so natürlich, selbstverständlich und erotisch in die Szenen eingebunden wird, dass sie die Szenen noch heißer machen, als ohnehin schon. Und in denen sowohl ausgiebig geredet, als auch herzhaft zugeschlagen und gefesselt wird.

Stets unter der Wahrung von wechselseitigem Respekt und voller Wohlwollen, egal wie erniedrigend oder schmerzhaft die geschilderte Praktik sein mag.

Gibt es Fragen, Anregungen, Gedanken und Wünsche?

Über June T. Michael:

June Thalia ist nicht-binär und lebt mit der Partnerperson, wenn auch leider ohne eigene Katzen, irgendwo in Österreich. Beruflich macht June T. M. was mit Texten. Und den zugehörigen Bildern. Daher macht June auch ihre Bücher und die Grafiken dazu alle selbst.
Sie ist unter Pseudonym unterwegs – wie sehr viele aus dem Genre – wollte aber keinen Namen, der Körperteile beinhaltet.
Da die meisten Geschichten wohl in einem sonnigen Land namens »Erytan« spielen sollen, schien dann »Juni« bzw. June als Name sehr passend, zumal zu jedem Namensteil ein persönlicher Bezug existiert.
Wenn sie nicht gerade erotische Fantasywelten schafft, kocht sie leidenschaftlich gern, twittert und bastelt Grafiken.

Links:

Unterstütze meine Arbeit auf Patreon: https://www.patreon.com/junetmichael
Folge mir auf Twitter für Schreibupdates, Schnipsel, Privates und gelegentliche Links zu Vocaloid-Musik: https://twitter.com/JuneTMichael1
„Gefangen zwischen Eis und Feuer“ findest du hier: https://www.amazon.de/Gefangen-zwischen-Feuer-Erotische-Abenteuer-ebook/dp/B08DDK7WH1
Mein Profil auf Amazon: https://www.amazon.de/June-T.-Michael/e/B08DRTMBTW
Bewerte mein Buch auch bei Leserkanone: https://www.leserkanone.de/index.php?befehl=buecher&buch=69470
Oder auf Goodreads: https://www.goodreads.com/book/show/54770593-gefangen-zwischen-eis-und-feuer

Hat dir der Artikel gefallen? Weitere Texte gibt es auf https://fantasyundfantasien.wordpress.com/

Hoffnung durch exponentielles Wachstum: Wo sind die Utopien geblieben?

Exponentielles Wachstum der technologischen Entwicklung und mögliche Auswirkungen auf das Genre der Utopien/Dystopien.

Provokation

Die Überschrift dieses Blogeintrags ist absichtlich provokant, wenn auch nicht falsch. Spätestens seit Die Grenzen des Wachstums vom Club of Rome 1972 assoziieren wir „Wachstum“ häufig mit Wirtschaft. Unser Wirtschaftssystem fußt auf ständigem Wachstum, aber nicht unbedingt auf exponentiellem. Es soll hier zwar auch um Wirtschaft gehen, aber nur als Rahmensystem für das, was eigentlich Thema ist: technologische Entwicklung und schließlich Literatur.

Was bedeutet „exponentielles Wachstum“?

Exponentielles Wachstum beschreibt in der Mathematik einen Prozess, in dem eine gegebene Größe in gleichbleibenden Zeitschritten jeweils um den selben Faktor wächst: 2, 4, 8, 16, 32 … Man kann sich diese Art des Wachstums beziehungsweise die Besonderheit dieses Wachstumsprozesses klar machen, indem man sich einen entsprechenden Graphen vorstellt. Während lineares Wachstum in einem Graphen durch eine gerade Linie von links unten nach rechts oben gezeigt wird, sieht exponentielles Wachstum zwar anfangs ähnlich aus, aber erreicht schließlich eine Kurve, nach der die Linie steil nach oben schießt. Diese Kurve und die Veränderung, die sie mit sich bringt, ist hier wichtig.

Ray Kurzweil: Menschheit 2.0

Ray Kurzweil, der sich seit Jahrzehnten auf Mustererkennung spezialisiert hat, Autor, Erfinder und einiges mehr ist, hat in seinem 2005 erschienenen Buch Menschheit 2.0 eine faszinierende Entdeckung beschrieben und diese weitergedacht.

Kurzweil stellte fest, dass sowohl die biologische als auch die technologische Evolution ein exponentielles Wachstum aufweisen, und darüber hinaus, dass beide Kurven zusammengefasst zeigen, dass die technologische Evolution die biologische direkt fortsetzt. Es dauerte Milliarden Jahre, bis Leben entstand, Millionen Jahre, bis sich das Gehirn entwickelt hat, Zigtausende Jahre bis zum Menschen, aber nur gut 100 Jahre vom Telefon zu Breitbandinternet, Smartphones, Hochleistungsrechnern usw.

In Menschheit 2.0 geht es aber nicht um den Blick zurück, sondern um den nach vorn. Kurzweil prophezeit aufgrund seiner Daten das Eintreten der „Singularität“, die ganz grob gesagt, der Übergang von der Kurve im Graphen des exponentiellen Wachstums unserer technologischen Entwicklung hin zum steilen Aufstieg ist. Wir befinden uns laut Kurzweil im letzten Bereich der Übergangsphase. Sobald diese kurze Phase vorbei ist, hätten wir die Fähigkeiten und Möglichkeiten, um unsere Intelligenz mithilfe von Technologie milliardenfach zu vergrößern und würden eine neue Mensch-Maschinen-Gesellschaft bilden.

Hoffnung auf Lösungen, die wir (noch) nicht sehen

Die exponentiell wachsende technologische Entwicklung bezieht sich keineswegs nur auf Computertechnik und Rechenleistung, sondern auch auf Bereiche wie Robotik, Genetik, Nanotechnologie (oder inzwischen noch kleinere Bereiche) und grundsätzlich alle anderen Technologiezweige. Mithilfe der riesigen Entwicklungssprünge könnte man in einem ersten Schritt die Rechenkapazitäten erlangen, um Lösungen für die großen Probleme der Menschheit zu finden, und in einem zweiten Schritt diese Lösungen implementieren. Theoretisch könnten damit Umweltschäden repariert, Krankheiten geheilt, Hunger gestillt und das Todesproblem an sich gelöst werden.

Die Macht zu Gutem und Schlechtem

Man darf natürlich nicht vergessen (und das erwähnt Kurzweil ebenfalls), dass nicht nur die Macht Gutes zu tun exponentiell steigt, sondern auch die Fähigkeiten, Schlechtes zu tun. Eine Technologiestufe, die die Klimakrise schlagartig abwenden oder umkehren könnte, brächte auch Waffentechnik mit sich, die Höllisches anrichten könnte. Wenn wir Krankheiten heilen können, können wir auch neue erschaffen. Entsprechend ist die Übergangsphase, also die Phase, in der wir noch nicht intelligent genug sind, um all unsere kleingeistigen Streitigkeiten, Begierden und unsere Gier zu begreifen und in Schach zu halten, auch eine Zeit großen Risikos. Doch trotz aller Rückschläge, Wirtschaftskrisen, Kriegen, Seuchen und Unmenschlichkeiten im Namen der Wertsteigerung könnte nur noch ein katastrophaler Kollaps die Entwicklung aufhalten. Die Frage ist nur, ob wir schnell genug intelligent und fähig genug werden, um wenigstens die wichtigsten Probleme zu lösen, bevor die Probleme, die wir auf dem Weg dorthin verursacht haben, uns einholen.

Dystopie und Utopie: (Alb)Traum von der Zukunft

1516 erschien der Roman Utopia von Thomas More (oder Thomas Morus). Dieser beschreibt eine ideale Gesellschaft auf einer Insel namens Utopia. Aus heutiger Sicht ist die utopische Gesellschaft nicht besonders ideal: demokratisch, bildungsstrebsam und mit Anspruch auf Gleichheit zwar, aber man verlässt sich auch auf ausländische Söldner für Kriege und errichtet Kolonien, wenn die eigene Bevölkerung zu groß wird. Dennoch war der Einfluss von Utopia groß und fortan wurden alle Werke, die (vermeintlich) ideale (nicht existierende) Gesellschaften beschrieben, als Utopien bezeichnet.

Die Gegenversion einer Utopie, also eine Antiutopie, nennt man Dystopie. Bekannte dystopische Werke sind beispielsweise 1984 von George Orwell oder Brave New World von Aldous Huxley. [Kurzer Ausflug: Aldous Huxley war eine Weile der Französischlehrer von Orwell. Beide wurden später Freunde, nachdem Huxley ihm geschrieben hatte und scherzhaft anmerkte, seine höllische Zukunftsvision sei besser als jene Orwells.]

Dystopische Trends

Obwohl Dystopien traditionell in der nahen Zukunft spielen und Gesellschaften beschreiben, die tatsächlich entstehen könnten, scheint es mir seit Jahren einen Trend hin zu Dystopien mit weniger realistischen Zukunftsvisionen und/oder in entfernterer Zeit liegender Handlung zu geben. Zwei Dinge beschäftigen mich in diesem Zusammenhang:

  1. Erfüllen Dystopien noch den ihnen zugrunde liegende Sinn einer Warnung vor aktuellen Entwicklungen, wenn sie wenig oder keinen Bezug mehr zur Jetztzeit herstellen? Eine Dystopie ist im Kern ein zutiefst politisches Werk. Es greift üblicherweise mindestens einen alarmierenden gesellschaftlichen Trend auf und spinnt ihn zum schlimmstmöglichen Endpunkt weiter. So entstand die sedierte und gedanklich unreife Zucht-Menschheit in Brave New World und der sich im Dauerkriegszustand befindliche Überwachungs- und Propagandastaat in 1984. Verkommen Dystopien heute zur Bühne von Freiheitsfantasie vor post-apokalyptischem Hintergrund? Damit würden sie noch immer wichtige Tendenzen in der Gesellschaft aufzeigen, aber nicht mehr ihre traditionelle Rolle erfüllen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen, nur frage ich mich, ob ein derart prägnant kritisches Genre wie die Dystopie verwaschen werden sollte und ersetzt werden kann. Kritik ist auch in anderen Genres vertreten, aber Dystopien dienten bisher dieser Kritik zuallererst und erst dann anderen Grundthemen/-tendenzen.

  2. Kann man aus der Popularität des Genres eine (wieder) stärker werdende Zukunftsangst schließen? Der Gedanke ist naheliegend. Die Natur ächzt und stirbt, die Klimaveränderungen sind derart drastisch, dass ich sie allein anhand meiner eigenen Erinnerungen problemlos nachvollziehen kann, politische und gesellschaftliche Entwicklungen (Rechtsruck, offener Antifeminismus usw.) bedrohen das bisschen Freiheit, das ohnehin durch ständige Überwachung immer weiter eingeschränkt zu werden scheint. Angst scheint angesichts des Zustands unserer Welt eine angebrachte Reaktion zu sein. Aber hat das etwas mit dem Erfolg von Dystopien zu tun?

Wo sind die Utopien geblieben?

Literatur ist für den Großteil aller Leser*innen ein Mittel zur Unterhaltung. Es hat immer Personen gegeben, die das kritisiert haben und von oben herab auf „Unterhaltungsliteratur“ geschaut haben, aber man kann nicht anders, als sich einzugestehen, dass nur Verkäufe die Literatur langfristig relevant bleiben lassen. Was ich sagen will, ist, dass Dystopien häufiger sind als Utopien, weil sie sich besser verkaufen lassen, und der Grund dafür wiederum ist, dass sie spannender sind. Immer häufiger lese ich zwar die Forderung nach Geschichten mit ruhigen Passagen, die bloß beschreiben (und wohltun), ohne auf Teufel komm raus Spannung zu erzeugen, aber der Schritt zu einem Buch, das zum größten Teil daraus besteht, ist doch noch recht groß, und am Ende ist eine Utopie genau das.

So wie Dystopien (eigentlich?) zutiefst politisch sind, sind es Utopien natürlich auch. Die Wunschgesellschaft der einen Person kann die Höllenvorstellung der anderen sein. Auf der anderen Seite muss man schon eine soziopathische Ader und Hoffnung auf eine Machtposition in der Zukunftshölle haben, wenn man eine richtige Dystopie als utopisch empfindet. Damit möchte ich sagen, dass vom wahrscheinlich geringeren Unterhaltungswert abgesehen, Utopien auch ein größeres Streitpotenzial haben. Man muss nur überlegen, auf welche Ziele manche Personen und Gruppen hinarbeiten, und man hat eine Vorstellung der Utopien, die sie produzieren würden.

Mischformen: Utopische Ideen, aber spannend

Man kann das Star Trek Universum, besonders die Grundlagen der United Federation of Planets, als utopisch lesen, obwohl die Geschichten (von Zeitreise-Plots abgesehen) in der fernen Zukunft spielen. Auch geht natürlich einiges schief, es gibt menschliche Schwäche und Grausamkeit und besonders gibt es die Konfrontation mit weniger utopischen, rückschrittigen oder geradezu dystopischen Gesellschaften: Die misogynen, einzig und allein profitorientierten Ferengi, die kriegerischen Klingonen und die paranoiden, alles überwachenden, von Geheimdiensten gesteuerten Romulaner.

Doch auch in den neuen Filmen und Serien von Star Trek erkennt man einen klaren Trend weg von den positiven, freiheitlichen, urmoralischen Grundzügen der Föderation und damit des Kerns des ganzen Franchises. Verrat, Verfall, korrumpierte Moral, Überwachung, Infiltration überall. Wieso ist das so? Mischformen wie in Star Trek (besonders TNG, Voyager, DS9) konnten und könnten weiterhin dem Marktdruck standhalten, unterhalten und dennoch grundmoralisch und -optimistisch sein.

Was ich an Star Trek immer geliebt habe, war die Gewissheit, dass es trotz des Chaos und der Ungesetzlichkeit des kalten Weltraums immer Ordnung herrschte und die Held*innen niemals ihre moralischen Grundprinzipien verrieten.

Ist Hoffnung unlogisch oder verkauft sie sich nur schlecht?

Schließen wir den Kreis nach dem langen Ausflug: Sollte Ray Kurzweil wenigstens tendenziell Recht behalten (wovon ich ausgehe) und die Menschheit die Schwelle zur Singularität (oder wie auch immer man es nennen möchte) erreichen und überwinden, bevor wir oder unsere Fehler uns selbst oder die Entwicklung stoppen und vernichten, gibt es begründete Hoffnung. Wir werden auf keinen Fall alles retten können, aber wir werden einerseits vieles wiederherstellen und andererseits neuen Schaden verhindern können. Man sollte diesen Funken Hoffnung keinesfalls als Aufruf missverstehen, alles beizubehalten, nicht auf die offensichtlichen Signale der Umwelt und die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten zu reagieren oder die Klimakrise und andere Probleme nicht ernstzunehmen! Wir müssen etwas tun und zwar schnellstmöglich, aber wir können eben auch hoffen.

Warum schlägt sich das nicht in der Literatur nieder? Liegt es außerhalb des gewohnten Denkens von Autor*innen, derart hoffnungsvolle Modelle zu akzeptieren? Sind die Ideen schlicht unbekannt? Sind wir noch immer gefangen in der linearen Betrachtung von Geschichte und technologischer Entwicklung? Oder gehen Versuche hoffnungsvoller, utopischer Literatur einfach unter, weil man sie schlecht verkaufen kann, beziehungsweise Personen mit Einfluss glauben, dass man sie schlecht verkaufen könnte?

Man sollte mich auch hier nicht missverstehen. Ich liebe düstere Werke in jeder Kunstrichtung, aber das heißt nicht, dass man keine Werke veröffentlichen sollte, die Hoffnung auf eine bessere Welt machen. Manchmal sage ich Dinge wie „Kunst sollte wehtun“, aber was tut mehr weh, als zu sehen, wie gut wir es haben könnten, wenn es doch offensichtlich gerade (noch) nicht so ist?