Slipknot und die Wahrheit über aggressive Musik

Über Slipknot und die Vorteile aggressiver Musik.

1999 war ich 14 Jahre alt und im gleichen Jahr erschien das erste Album von Slipknot mit Sänger Corey Taylor. Ich hasste die Welt so sehr. Etwa ein Jahr später entdeckte ich Slipknot für mich. Endlich hatte ich nach mehreren Jahren wieder echte Freunde gefunden, die mich ein Stück weit auffingen, aber gerettet war ich noch lange nicht.

Ich erinnere mich, wie ich in jeder Pause am gleichen Ort saß neben meinem besten Freund, der mich noch heute begleitet. Mit dem rechten Ohr hörte ich Slipknot und er mit dem linken. In meiner Erinnerung redeten wir in diesen Momenten wenig bis gar nicht. Die Musik packte mich und ich starrte auf all die Mitschüler, die ich zum Kotzen fand. Aber es lag natürlich nicht an der Musik.

Wenn mal wieder ein junger Mensch durchdreht, wird die Schuld gern auf Videospiele, Filme und auch aggressive Musik geschoben. Doch die Wahrheit ist, dass Jugendliche, die sich von Killerspielen oder Action-Filmen anspornen lassen, um Gewalt zu üben, längst hätten gerettet werden müssen. Zu den beiden Faktoren möchte ich nichts sagen, sondern nur zur Musik. Die Songs von Slipknot zeigten mir vieles, das mir vorher nicht klar war. Meine Wut war nicht meine Schuld, sie war nicht die Ausgeburt eines schlechten Menschen und nicht nur ich spürte sie. Meine Wut wurde mir von außen aufgezwungen und anderen ging und geht es auch so. Jemand hatte Worte gefunden für meine Gefühle, die ich nur stillschweigend in mir kochen lassen konnte (und sie waren so furchtbar kurz vorm Überkochen). Die Worte mochten nicht meine gewesen sein und die Musik war roh, aber beide trafen es auf den Punkt.

Running out of ways to run
I can’t see, I can’t be
Over and over and under my skin
All this attention is doing me in

Fuck it all! Fuck this world!
Fuck everything that you stand for!
Don’t belong! Don’t exist!
Don’t give a shit!
Don’t ever judge me!

Picking through the parts exposed
Taking shape, taking shag
Over and over and under my skin
All this momentum is doing me in!

You got all my love, livin’ in your own hate
Drippin’ hole man, hard step, no fate
Showin’ you nothing, but I ain’t holdin’ back
Every damn word I say is a sneak attack
When I get my hands on you
Ain’t a fucking thing you can do
Get this cuz you’re never gonna get me
I am the very disease you pretend to be

I am the push that makes you move

Slipknot – Surfacing

Erinnert ihr euch, wie Marilyn Manson als das absolut Böse verschrien wurde? Es gab Proteste und Beinahe-Anschläge und so viel Hass gegen ihn wie selten gegen einen Künstler. Und warum? Er war angepisst von der Welt und sprach damit Hundertausenden aus der Seele. Über Manson werde ich sicherlich auch noch mehr schreiben, aber hier soll es ja um Slipknot gehen. Bei ihnen war es im Grunde das selbe, nur mit etwas weniger oder anderer Öffentlichkeitswirkung. Solche Musik (und auch andere Kunstformen, die diese geballte Wut und Traurigkeit ausdrücken) haben nicht nur eine Existenzberechtigung, sondern sind ein unumgängliches Muss, beinahe eine Verpflichtung. Wir sind nicht alle gemacht für die glatt gebügelte und ewig beruhigende Pop-Welt.

Aggressive Musik hat mir nicht nur gezeigt, dass ich nicht allein und gestört bin, sondern schenkte mir auch ein Ventil. Ich habe mehrmals darüber geschrieben und werde es wohl noch häufiger tun. Die Energie, die nicht sanft herausgelockt, sondern brutal gegriffen und an die Oberfläche gerissen wird, kommt endlich raus. Ich erinnere mich, wie ich mitgeschrien habe, wie ich zitterte vor Wut und Aggression, wie ich herumsprang, headbangte, pogte und plötzlich – endlich! – für Momente befreit war. Kein Ritzen und keine Verbrennungen gaben mir diese Art von Erlösung.

Die Teenager-Jahre sind prägend fürs Leben, denke ich. Heute bin ich nicht mehr der Junge von damals, aber irgendwie eben doch. Mir geht es zum Glück sehr viel besser, aber noch heute brauche ich Musik, die wehtut und mich zwingt, die Wut auf gesunde Weise herauszulassen, Musik, die mir zeigt, dass es anderen auch so geht.

Clown von Slipknot sagte vorletztes Jahr in einem Interview: I don’t need the new fan, I need the fan that has anxiety, parents are getting divorced, social problems, gender problems — I need them to come […] und das ist mir im Gedächtnis geblieben. Sie sind sich ihrer Bedeutung bewusst trotz allem Erfolg und allen Geldes. Ich habe entschieden, das nicht für reine Publicity zu halten. Dieses Interview ist 19 Jahre nach Erscheinen des ersten Albums gegeben worden. Ich mag das meiste ihrer Musik, aber dieses erste Album hat immer eine besondere Bedeutung behalten. Es war roh und brutal und genau das, was ich damals dringend brauchte. Natürlich gab es andere aggressive Musik, Slayer usw. Aber Slipknot fühlten sich echter an, ehrlicher. Ich halte das für einen wichtigen Faktor und ich rede nicht vom albernen Attribut, das Metalheads gerne als true bezeichnen. Es fühlte sich an, als wären sie genau so wütend wie ich.

Und wie beende ich den Artikel jetzt? Ich habe wohl mehr offenbart, als ich eigentlich wollte. Heute würde ich mich nicht mehr als Fan der Band bezeichnen, aber ich betone es noch einmal ganz deutlich: Slipknot und andere aggressive, deprimierende, abgefuckte und verstörende Bands haben eine Berechtigung und eine wichtige Aufgabe. Sie holen diejenigen ab, die von allen anderen zurückgelassen worden sind. Musik ist für dieses emotionale Abholen wohl am besten geeignet, aber auch andere Kunstformen sollten offen dafür sein und als Autor ist es auch meine Hoffnung, dass ich Menschen anspreche, die sich in meinen Werken wiederfinden und ein klein wenig verstanden fühlen. Erschafft, was euer Herz von euch verlangt, und passt euch nicht an für möglicherweise größere Erfolgschancen! Dann klappt das schon.

Sorck: Bad Moon Rising

Über eine Szene des Buches “Sorck” und den Song “Bad Moon Rising” von Creedence Clearwater Revival.

So fangen wir an: Alle, die nicht sofort den Song Bad Moon Rising von Creedence Clearwater Revival im Ohr hat, nimmt sich die 2:20 Minuten und hört ihn sich an. Ursprünglich suchte ich nach besonderen Songs, die für mich bedeutsam sind, und stieß auf diesen hier. Da er in Sorck auch erwähnt wird, kann ich schlecht nur über das Lied und die Band schreiben und schreibe gleichzeitig eben auch noch über das Buch. Hier erst mal die Lyrics:

I see a bad moon a-rising
I see trouble on the way
I see earthquakes and lightnin’
I see bad times today

Don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise

I hear hurricanes a-blowing
I know the end is coming soon
I fear rivers over flowing
I hear the voice of rage and ruin

Don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise

I hope you got your things together
I hope you are quite prepared to die
Look’s like we’re in for nasty weather
One eye is taken for an eye

Oh don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise
There’s a bad moon on the rise

Und das ist die kurze Erwähnung im Buch:

Am Ende des Dunkels wurde eine Melodie hörbar, und dann zunehmend lauter.
Schattentummler Sorck taumelte halb verloren über ein glitschiges Deck in Richtung bunter Lichter, die als verschleierter Schimmer in unklarer Entfernung flackerten. Die Melodie von Bad Moon Rising verstümmelte angenehm rhythmisch die Stille. Hinter einer Biegung öffnete sich das Schiff und offenbarte sein Inneres: Eine Bar. Endlich eine Bar.

Ich hatte eine Phase, in der ich verstärkt Musik aus den 1970er Jahren hörte, hauptsächlich Prog Rock aus den Jahren 1970-1972. Beim Rumstöbern fand ich etliche gute Bands, aber CCR habe ich, wenn ich mich nicht irre, im Soundtrack von The Big Lebowski entdeckt. Ihr erinnert euch an die Szene, in der er einen Joint im Auto raucht, Radio hört und happy ist? Er hört Lookin’ Out My Back Door von CCR. Bekannter ist allerdings der Song, um den es hier geht.

Den Sound von CCR könnte man chillig beschreiben. Musik für gute Laune bei mir. Der Songtext von Bad Moon Rising steht im Widerspruch dazu. Der Text ist apokalyptisch, biblische Anspielungen wie one eye is taken for an eye sind eingestreut. Versteck dich, mach dich bereit zu sterben, bereite dich vor, ein großer Sturm wird kommen. Diese Mischung und Widersprüchlichkeit gefällt mir, wie ihr euch denken könnt. Ich mag deprimierende Comedy und entspannt-apokalyptische Songs.

Zur Szene in Sorck (und eigentlich dem ganzen Buch) passen Song und innere Divergenz insofern, als der Protagonist gerade mit schlechter Laune in eine Bar geht und im Trinken gegen den Kummer ein Grundproblem steckt: Auf der einen Seite hat man Euphorie, Entspannung und (manchmal) verbesserte Laune, während auf der anderen Seite Suchtgefahr, Gesundheitsschäden und ultimativ mehr Probleme als vorher stehen. Die angenehme Feierei steht dem apokalyptischen Kater gegenüber. Verwendet habe ich den Song aber auch, weil ich ihn selbst in einer Bar auf einem Kreuzfahrtschiff gehört habe. Es wird euch nicht wundern, dass ich betrunken war. Die Situation war eine ganz andere als im Buch, aber damals war mir auch der Widerspruch bewusst zwischen den lustig tanzenden Ü50-Menschen und der Todeswarnung des Liedes.

Man könnte jetzt noch einen weiten Bogen schlagen, an den ich zuvor nicht gedacht hatte. Hermann Burger schrieb im Tractatus logico-suicidalis, seiner Abhandlung über den Suizid, jeder Tod sei ein Weltuntergang. Da Selbstmord für Martin Sorck durchaus eine Option ist, passt die Weltuntergangsthematik von Bad Moon Rising zur Figur. Die Warnung vor Gefahren und Tod innerhalb des Songs könnte dann gelesen werden als Warnung vor möglichen Reizen (beispielsweise in der Bar), die Sorck über die Grenze schieben könnten. Dass der Barbesuch im Endeffekt zu etwas Positivem führen sollte, nämlich zu einem emotionalen Sturm ganz anderer Art, kann man zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen. Die Wetterwarnung ist jedoch angebracht. Leider habe ich beim Schreiben nicht daran gedacht.

Mit dem Song verbinde ich persönlich generell Menschen mittleren bis gehobenen Alters, die feiern. Er lief auf Gartenpartys und Geburtstagen und eben in dieser Aida-Bar. Vielleicht kam es daher fast automatisch, dass die Bar, das alte Paar (in der nächsten Szene) und das Lied zusammen im Manuskript auftauchten. All die intellektuellen Begründungen scheinen mir manchmal wie Rationalisierungen für unbewusste Entscheidungen und Assoziationen. Vielleicht sind jedoch die Begründungen von vornherein da, aber die Ausformulierung der Begründungen erfolgt später. Auch eine interessante Idee.

So, jetzt muss ich mich mal umsehen, denn ich habe mich ein bisschen verlaufen wie Sorck auf seinem Weg zur Bar. Wie mir scheint, bin ich trotzdem irgendwo angekommen. Eine Erinnerung noch am Ende: Als der Song in der Bar lief, die zu einer Seite (dem Schiffsheck) offen war, fuhren wir gerade vom Stockholmer Hafen an vielen kleinen Inseln vorbei in Richtung des Meeres, die Sonne ging unter und tauchte den Himmel in ein fast kitschiges Rot, und ein roter Himmel (wenn auch in einem anderen Rotton) gilt häufig als Andeutung auf die Apokalypse. Es spielt alles zusammen, wenn man es nur richtig betrachtet.

Das Moshpit-Regelwerk

Was ist ein Moshpit und wie sollte ich mich darin verhalten?

Da ich inzwischen gerne auch über Musik und Konzerte schreibe, aber viele Leser*innen noch nie auf einem Metal- oder Punk- oder einem ähnlichen Konzert gewesen sind, möchte ich spaßeshalber einiges erklären. Was Headbangen ist, weiß inzwischen wohl jeder. Mit Begriffen wie Pogo, Moshpit, Circle Pit oder Wall of Death können hingegen nicht alle etwas anfangen.

Pogo ist ein „Tanz“, der ursprünglich aus der Punk-Szene stammt. Im Grunde springt man wild durch die Gegend, rammt und schubst andere weg. Der Kreis, im dem Pogo getanzt wird, nennt man Moshpit. Moshpits sehen wild und gefährlich aus und tatsächlich kommt es immer zu kleineren (oder größeren Verletzungen), aber es gibt gewisse ungeschriebene Regeln, um die Verletzungsgefahr auf ein Minimum zu reduzieren. Pogo ist schließlich keine Schlägerei, sondern Leute, die zusammen Spaß haben wollen. Die Moshpit-Etikette schreibt beispielsweise vor, dass jemand, der zu Boden stürzt, geschützt wird. Ich habe es hundertfach gesehen: jemand (z.B. ich) stürzt und liegt am Boden und sofort stoppen alle im Umkreis, von allen Seiten greifen Arme nach der gestürzten Person und ziehen sie auf die Beine. Das ist eine Sache von Sekunden. Danach geht es sofort weiter. Ich habe mal einen Betrunkenen gesehen, der mitten im Pit auf die Knie ging und seine Schuhe zugebunden hat. Er hatte sofort mehrere Leute um sich, die mit ausgebreiteten Armen einen Schutzwall bildeten, bis er fertig war. Zwar war seine Aktion dämlich, aber man will ja trotzdem nicht sehen, wie er totgetrampelt wird. Zu Verletzungen kommt es trotzdem immer wieder. Das ist Teil des Spiels. Blaue Flecken, Ellbogen im Gesicht, eine kleine Verbrennung, weil jemand mit einer Zigarette im Pit ist … Aber man nimmt es niemandem übel, weil es keine Absicht ist. Das wäre vielleicht die nächste Regel. Die vielleicht wichtigste Regel ist, dass niemand mitmachen muss. Wer nicht rein will, muss nicht, wer raus will, wird raus gelassen, und wer raus muss, dem wird geholfen. Rund um den Pit muss das Publikum natürlich etwas aufpassen, denn ständig kommen Leute herausgeflogen. Es empfiehlt sich, die Arme zum Schutz bereit zu haben.

Ein Circle Pit ist eine Abwandlung des Mosh Pits. Dabei laufen alle im Kreis und tanzen in dieser Bewegung. Es gelten die gleichen Regeln. Gerade bei großen Konzerten und entsprechend großen oder direkt mehreren Circle Pits sieht das von außen betrachtet ziemlich cool aus. Ich selbst war bisher nur in einem einzigen Circle Pit und zwar bei Lamb of God. Gewisse Publikumsaktionen sind eben bei bestimmten Bands häufiger als bei anderen. Lamb of God fordern direkt dazu auf.

Pits brauchen keine Koordination von außen. Sie kommen aus dem Publikum heraus und lösen sich manchmal einfach wieder auf. Eine Wall of Death wiederum benötigt entweder viele Leute, die zusammenarbeiten oder die Koordination durch die Band. Bei einer Wall of Death wird das Publikum mittig geteilt. Egal wie eng alle vorher stehen, die Gruppe wird wie das rote Meer geteilt und es entsteht eine Lücke von mehreren Metern. Auf ein bestimmtes Signal, ein bestimmter Part im Song oder einfach die Ansage der Band, rennen beide Seiten aufeinander zu und crashen in der Mitte, häufig springen die Leute geradezu gegeneinander. Sobald das Publikum zusammengeklatscht ist, startet der Pit und es geht richtig ab. Es ist ein herrlicher und etwas furchteinflößender Moment, wenn immer mehr Raum geräumt wird und die vordersten Reihen beider Seiten des Publikums kampfbereit und aufgedreht auf ihr Signal warten. Die Band zögert es immer weiter heraus und die Spannung steigt weiter, bis es endlich losgeht. Damit eine Wall of Death gut funktioniert, braucht es ein gut gelauntes und aktives Publikum und die Fähigkeit der Band, die Aktion zu koordinieren. Für mich persönlich ist das ein sehr viel geilerer Anblick als diese „Haltet alle eure Telefone in die Luft und macht gleichzeitig ein Foto“-Aktion, die man manchmal sieht.

In die Liste sollte ich noch das Crowd Surfing aufnehmen. Das kennen wohl auch die meisten. Eine Person wird vom Publikum auf den Händen getragen und weitergereicht, bis sie ganz vorne oder ganz hinten ist oder irgendwo zwischendrin abschmiert. Manchmal startet eine solche Aktion mitten im Publikum. Dann wird jemand hochgehoben und los geht’s. Aber der Klassiker ist, dass jemand auf die Bühne klettert und ins Publikum springt. Die zweite Version hat ein paar Haken. Erstens funktioniert das bei großen Konzerten nicht, weil es eine Absperrung vor der Bühne gibt. Auf kleinen Konzerten geht das aber problemlos, solange die Security (falls vorhanden) es zulässt. Das zweite Problem ist der Aufprall. Wenn die anderen nicht wollen (oder die springende Person zu massiv ist), springt jemand direkt durch und klatscht auf dem Boden auf. Das geschieht aber eher selten. Insgesamt sieht ein Absturz beim Crowd Surfing schlimmer aus, als er ist. Häufig sieht man, dass eine solche Aktion damit endet, dass jemand mit den Füßen noch in der Luft hängt, aber kopfüber abgeschmiert ist. Da er aber noch gehalten wird, schlägt er selten ungebremst auf. Alles Teil des Spaßes.

Damit wären wir auch beim großen Warum. Es macht Spaß. In einem Moshpit kann man angemessen zur Musik abgehen und Aggressionen rauslassen, ohne sich oder andere über die Maße zu gefährden. Es ist geradezu reinigend. So glücklich und zufrieden wie nach einem richtig harten Konzert mit Moshpit fühle ich mich sonst selten. Alle Aggression ist abgebaut, man ist körperlich völlig erschöpft und hatte viel Spaß.

Vielleicht ein paar eigene Kriegsgeschichten zum Abschluss?

Slayer habe ich leider nur ein einziges Mal live gesehen und zwar bei der Abschiedstour 2018. Der Pit war wild. Ich erinnere mich, wie ich für einen Moment mittendrin stand wie im Auge eines Sturms. Links von mir, direkt neben dem Pit, wurden jemand über das Publikum getragen, auf dem Boden lag eine abgetrennte Schuhsohle und um mich herum sprangen, sangen, schrien und schubsten die Leute wild durcheinander. Mehrere verschwitzte Bodybuilder-Typen, ein paar dicke Metalheads, ein paar Alt-Metaller (ich mag den Ausdruck), die kurz vor einem Herzinfarkt zu stehen schienen, Stockbesoffene und Nüchterne, junge und alte, Männer und Frauen gingen zusammen ab. Am Ende spielten Slayer noch Angel of Death und die Härte des Pits steigerte sich noch einmal. Die Energie, die man dabei spürt um sich und in sich, ist enorm. Es fühlt sich an wie Euphorie und Wahnsinn, Gewalt und Freude. Ich liebe es.

Mit die besten Moshpits, die ich erlebt habe, gab es bei Punk-Konzerten. Bei einem Auftritt von Wizo vor vielen Jahren (14 oder 15?) waren ungefähr 400 Leute im Publikum und 200 davon formten einen einzigen, riesigen Pit. Die gesamte vordere Hälfte sprang durcheinander. Es war glorreich. Keiner schien auf die eigene Gesundheit zu achten, aber durchaus auf die der anderen. Stürzte jemand, wurde ihm aufgeholfen. Zu irgendeinem Zeitpunkt musste ich Luft holen und verließ den Pit für eine Weile. Ich stand neben einem Punk, dessen Nietenspikes an den Schultern bei mir auf Augenhöhe waren, und ich war froh, dass ich ihm nicht im Pit begegnet war. Da kam ein Mädchen von vielleicht 15 Jahren auf mich zu. Sie sah mich an. Sie atmete schwer, war ziemlich betrunken und stand direkt am Rand des Moshpits. Dann breitete sie ihre Arme aus und ließ sich rückwärts in den Menschenstrom fallen. In einem Sekundenbruchteil war sie verschwunden, untergegangen im Pit.

Übrigens habe ich am rechten Arm noch einen kleinen weißen Punkt, der von einer Zigarette stammt. Damals war ich so betrunken und aufgedreht, dass ich es kaum bemerkte, aber inzwischen bin ich dankbar dafür. Immer, wenn ich sie wieder sehe, erinnert mich die Narbe an ein Konzert von Kyuss Lives, auf dem ich mit mehreren Freunden viel Spaß hatte.

Jahresrückblick II: Musik II (live)

Über besuchte Konzerte 2019.

Es ist eine Sache, Musik in der Bequemlichkeit der eigenen Wohnung zu hören, und eine andere, sich einem Live-Konzert auszusetzen. Im Bestfall wird dort alles intensiver und neue Aspekte des Musikgenusses kommen hinzu. Man hört Bands nach einem Konzert anders als noch zuvor. Diese Erfahrung habe ich häufig gemacht. Auch 2019 habe ich wieder mehrere Konzerte besucht und möchte von einigen berichten. Der Einfachheit halber habe ich meinen Terminkalender zur Hilfe genommen und gehe chronologisch vor.

Wir starten im Februar. Am 17. spielte John Garcia mit seiner Band of Gold im Helios 37 und am 18. waren Amenra im Junkyard. Unterschiedlicher können Konzerte kaum sein. John Garcia macht Party und sieht dabei nicht selten aus, als stünde er kurz vor einem Herzinfarkt. Es wurden einige Songs vom damals neuen Album gespielt, aber hauptsächlich welche von seinem erheblich bekannteren Projekt Kyuss. Ich hatte leider nie die Gelegenheit, Kyuss live zu sehen, aber ab und zu touren die ehemaligen Bandmitglieder mit neuen Bands und spielen die alten Songs. Dann geht es richtig ab. Es wird getanzt und gemosht und mitgesungen. Absolut geil.

Am nächsten Tag stand dann Amenra auf dem Programm. Konzerte von Amenra sind wie Messen. Die Musik trägt einen in andere Sphären, in denen sich die meisten Menschen furchtbar unwohl fühlen würden, die aber interessant sind und schön auf ihre Weise. Solche Konzerte hinterlassen bei mir keine bildlichen Erinnerungen, sondern nur Gefühle und Farben, losgelöst von Dinglichkeit. Man schwankt vor und zurück mit geschlossenen Augen und lässt sich von den Instrumenten aus der Welt prügeln, bevor man zurückkehren und applaudieren darf. Ich hoffe sehr, Amenra bald wieder live sehen zu dürfen.

Drei Tage danach besuchte ich einen interessanten Auftritt von Alexej Gerassimez im Dortmunder Konzerthaus und war Anfang März noch einmal dort für ein Orchesterkonzert. Beides war gut, aber hinterließ keine Eindrücke, die nach 9 Monaten noch intensiv wären.

Aber dann kam Colter Wall in den Bahnhof Ehrenfeld. Das war wirklich witzig. Ich kenne die verschiedenen Trends und Aufzüge und Trachten der Metal-Szene mit ihren Kutten, Army-Shorts und Patches, aber einen Raum unter den Gleisen, der gefüllt ist mit Menschen, die Lederhüte, Jeansjacken und Cowboy-Westen tragen, war ein Erlebnis. Die Band bestand ebenfalls zu 80% aus Jeans (Jacken, Hosen, Hemden), mit Cowboyhüten und -stiefeln. Die eigentlich recht tristen Songs von Colter Wall waren allesamt beschleunigt und aufgebauscht worden, um von einer Westernband gespielt werden zu können. Was sie daraus machten, war glorreich: ein waschechter Honky Tonk mitten in Köln Ehrenfeld. Es war nicht das, was ich erwartet hatte, aber es war etwas und es hat Spaß gemacht.

Der April war wieder düsterer. Am 12. spielten Mantar im Junkyard und am 14. Saint Vitus mit Dopelord als Vorband. Mantar waren cool, aber nicht spektakulär. Dopelord hat mich überrascht und Saint Vitus haben wie immer die Hütte abgerissen. Wenn Menschen ihr ganzes Leben damit verbringen, einfach ihr Ding durchzuziehen, auch wenn es sich nicht finanziell auszahlt, finde ich das großartig. Die Tour 2019 geschah anlässlich des 40. Bandjubiläums. 40 Jahre Underground, herrlich. Mein liebster Saint Vitus-Moment ist schon Jahre her. Dave, der Gitarrist von Saint Vitus, tourte mit seiner Band Debris Inc. Er ließ es sich nicht nehmen, wenigstens zwei Klassiker von Vitus zu spielen und zwar Born Too Late und Dying Inside. Das Gitarrensolo in Born Too Late spielt Dave traditionell mit der Zunge. Also hob er die Gitarre vor sein Gesicht, sodass nur noch seine Augen zu sehen waren und er starrte mich direkt an mit einem mörderischen Blick – kein Blinzeln, keine Pupillenbewegung, nur Starren –, während er ein Solo hinlegte, das klang, als würde er sich die Schneidezähne mit der E-Saite absägen. Später traf ein Kumpel ihn an der Bar und fand heraus, dass er während des Konzerts wohl auf Acid gewesen wäre.

Es wurde Mai und Stoned Jesus kamen in Begleitung von The Great Machine nach Dortmund. Es war ein lustiger Abend. Der Sänger von Stoned Jesus erinnerte mich an Jack Black – ähnliche Optik und Bewegung. Ein gutes Konzert, aber keines, das ich ewig in Erinnerung halten werde.

Üblicherweise gehe ich nicht allein auf Konzerte. Ich habe zwei gute Freunde, die mich häufig begleiten. Aber ausgerechnet für Lamb of God habe ich niemanden gefunden. Draußen waren es um die 35°, weshalb ich extrem froh war, dass die Veranstaltung im Keller der Matrix in Bochum stattfand. Dort war es angenehm kühl. Mein Kreislauf konnte sich vor Start des Auftritts erholen. Doch mit der Vorband Bleeding From Within wurde es bereits wärmer. Ab dem zweiten Song startete der Moshpit und wurde bis zum Ende des Abends nicht mehr aufgelöst. Lamb of God selbst waren mal wieder großartig. Sie haben, wie es so schön heißt, die Hütte abgerissen und ganz nebenbei den Keller in einen Backofen verwandelt. Let’s trash this fucking place war eine Ansage, die befolgt wurde. Es war voll, es war laut, es war anstrengend und brutal. Ich liebe es. Am Ende wankte ich in die lauwarme Abendluft und konnte meinen Kopf kaum noch aufrecht halten. Ein schöner Abend. Etwas besser gefiel es mir allerdings noch, als sie 2018 mit Slayer tourten. Moshpit und Circle Pit waren nur noch Schlachtfelder, Menschen flogen durch die Gegend und am Ende des Abends durchdrang mich ein Frieden, den ich selten habe. Ausgepowert und glücklich.

Bei Corrosion of Conformity im Juli im Turock wiederum wurde mehr mitgesungen und getanzt. 25 Jahre Deliverance wurden gefeiert und beinahe das gesamte Album wurde gespielt. C.o.C. gehören zu den Bands, mit denen für mich die Liebe zu Stoner, Doom und Sludge begannen. Früher besuchte mich häufig ein Freund, der eine einzige gebrannte CD mitbrachte: C.o.C., Black Sabbath, Crowbar, Saint Vitus, Led Zeppelin und andere Bands waren darauf. Leider hat er sich vor einigen Jahren umgebracht und konnte dieses Konzert nicht mehr miterleben. Ich vermisse ihn.

Es wurde August und das Junkyard Open Air stand auf dem Programm. The Picturebooks gingen mir auf die Nerven, obwohl ich gute Erinnerungen an sie hatte als Vorband von Kadavar einige Jahre zuvor. Dafür waren Orange Goblin wieder super. Diese Band versprüht so viel gute Laune und Lust zu spielen, dass das Publikum jedes Mal angesteckt wird. Es gab einen schönen Moshpit im Staub inklusive Wall of Death. Später am Abend wurde die Veranstaltung ins Gebäude verlegt und Dopethrone traten auf. Da hier nicht genug Platz ist, um zu beschreiben, was dabei abging, weise ich auf einen Blogeintrag hin, den ich dazu geschrieben hatte: Eine Erfahrung aus Schmerz und Glück.

Die Tatsache, dass sich Exhorder wieder zusammengeschlossen haben und die alten Songs live noch immer spielen können – wer sie kennt, wird wissen, warum das schwierig ist –, freut mich extrem. Anfang Oktober traten sie im Turock auf und brachten ihr neues Album mit. Ich besuche nur selten Thrash Metal-Konzerte, aber dieses hat sich definitiv gelohnt.

Und dann war auch schon Dezember. Am 3. spielten Clutch in der Turbinenhalle in Oberhausen und brachten Graveyard und Kamchatka mit – ein bluesiger Abend. Kamchatka stelle ich mir besser in einer kleineren Halle vor, aber sie waren dennoch sehr cool. Graveyard wiederum konnte mich live noch nie wirklich überzeugen. Ihre Musik ist super, aber sie schaffen es nicht, einen Draht zum Publikum herzustellen. So jedenfalls kam es mir immer vor und dieses Mal auch wieder. Aber Clutch wissen, wie es geht. Live enttäuschen sie nie. Das könnte der Grund sein, warum ich sie schon fünf- oder sechsmal gesehen habe. Diesmal brachten sie viele alte Songs mit, die ich noch nie live gehört hatte. Besonders über Space Grass habe ich mich sehr gefreut, aber auch Electric Worry war großartig.

Bloß vier Tage später bin ich mit einem guten Freund wieder nach Oberhausen gefahren, diesmal ins Druckluft, einer kleinen, dreckigen, freien Location, genau wie ich es mag. Die Wände waren bemalt, die Security nicht vorhanden und die Getränke billig. Ein guter Start. Als Vorband spielten Årabrot. Zuvor hatte ich nie von ihnen gehört, aber sie überzeugten mich sofort. Am Merch-Stand wunderte sich der Sänger sichtlich, dass wir Shirts von seiner Band kaufen wollten und nicht von Boris. Kurze Anmerkung am Rande: ich besitze bereits mehrere Shirts von Boris.

Als Boris auf die Bühne kam, wurde der Nebel dichter. Dass drei Menschen so viel geilen Lärm machen können, muss zu den größten Vorteilen der technischen Entwicklung zählen. Die Optik allein ist schon einen Besuch wert: hinter einem düster geschminkten Drummer prangt ein riesiger Gong, Nebel steigt auf, die Gitarristin blickt in die Runde, der Sänger hält eine Gitarre mit Doppelsteg, halb E-Gitarre, halb E-Bass. Aber was wirklich beeindruckend ist, ist der Sound. Ich bin davon überzeugt, dass es Tonfrequenzen gibt, die in uns irgendwelche Dinge auslöst, die im Laufe der Evolution übriggeblieben sind. Als der Bass richtig dröhnte, meine Hose und die Jacke vibrierten, der Boden zitterte und das Dröhnen bis in die Wangen stieg, gelangte ich in einen Mischzustand aus Furcht und Euphorie. Die Euphorie siegte. Ein geiler Abend.

2019 war ein gutes Konzertjahr, ein gutes Jahr allgemein. In den nächsten Artikeln wird es ruhiger werden und sich alles um Literatur drehen.

Jahresrückblick I: Musik I

Über mein musikalisches Jahr 2019, entdeckte und wiederentdeckte Bands.

Willkommen zum ersten Teil unserer 4-teiligen Jahresrückblicksreihe 2019. Das ist der Plan:
20.12.: Musik – Neu- und Wiederentdeckungen
21.12.: Musik – Konzerte
22.12.: Literatur I – Gelesene Bücher
23.12.: Literatur II – Mein literarisches Jahr

Musik spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben und zwar ununterbrochen, seit ich als Kind im Zimmer Lego gespielt und LPs von den Beatles, Elvis und anderen auf dem Plattenspieler meiner Mutter gehört habe. Das hier soll eine Art persönlicher musikalischer Jahresrückblick werden, weshalb ich mich auf Neuentdeckungen, Wiederentdeckungen und einige Lieblingssongs beschränken werde. In einem zweiten Artikel wird es dann um Live-Konzerte gehen. Einige Songs und Künstler, die zu meinem Standardrepertoire gehören, werden also gar nicht auftauchen.

Vor vielen Jahren hat mich ein Freund einmal als „toleranten Hörer“ bezeichnet, weil ich jeder Musik eine Chance gebe und nicht selten mehrere. Man wird erkennen können, wo mein Fokus liegt, aber auch, dass ich kein Problem habe, davon abzuweichen. Ich werde alphabetisch vorgehen.

Eine Band, die ich dieses Jahr zu schätzen gelernt habe, ist Amenra. Vom Namen her kannte ich sie schon länger, aber hatte mich nie dazu bequemt, reinzuhören. Dann traten sie in der Nähe auf und haben mich überzeugt. Amenra machen düstere, atmosphärische Musik, die irgendwo im Bereich Post Hardcore oder Post Metal angesiedelt ist. Der Song A Solitary Reign ist mein absoluter Favorit und zählt zu meinen Lieblingsliedern 2019. Für mich klingt die Musik von Amenra nach tiefer Verzweiflung und das finde ich gut. Wenn Musik die Repräsentation von Gefühlen ist, um diese zu unterstützen oder abzubauen, hat jedes Gefühl eine Rechtfertigung, musikalisch umgesetzt zu werden.

Erst kürzlich habe ich Årabrot für mich entdeckt. Sie spielen Noise Rock, wenn ich mich mit der Definition nicht irre, aber sie schöpfen auch aus anderen Bereichen wie Sludge oder Gothic. Ich weiß nicht recht zu sagen, was mir an der Musik gefällt, aber sie ist anders, besonders und unterhält mich. Årabrot fühlt sich an wie Kunst, finde ich.

Battle of Mice gehörte auch dieses Jahr wieder zu den viel gehörten Bands auf meiner Playlist. In einer Facebook-Gruppe fragte jemand nach Songs mit verstörenden und psychotischen Lyrics. Jemand schlug Battle of Mice vor, ich hörte sie mir an und war begeistert. Die Intensität der Schreie von Julie Christmas und das heftige Gitarrenspiel machten mir Gänsehaut. Ein Freund (Metalhead seit Jahrzehnten) sagte, das sei „wirklich harte Musik“ und meinte damit hauptsächlich den Effekt, den die Songs auf die Psyche haben. Bones In The Water wäre mein Favorit, aber unter den wenigen Songs, die es von der Band gibt, kenne ich keinen schlechten.

Okay, gehen wir einige Jahrzehnte zurück und stimmen die Instrumente heller: The Beatles. 2019 stieß ich wieder auf sie. Manchmal beruhigen mich die Songs, manchmal machen sie mir gute Laune und manchmal unterhalten sie mich einfach. Und es sind gute Songs. Ich mochte immer die abgedrehteren Sachen lieber, also Lieder wie Lucy In The Sky With Diamonds. Wenn es irgendeine Band gibt, die in jeder Lebensphase bei mir präsent war, dann die Beatles, wenn auch meist in einer Nebenrolle. Also weiter geht’s.

Boris. Ich liebe Boris. Die Vielseitigkeit, die Gewalt, die Zartheit, die Kreativität und die Produktivität dieser japanischen Band sind großartig. Man vergleiche Hana, Taiyou, Ame mit D.E.A.R. und 1970. Ich könnte problemlos einen Beitrag nur über Boris schreiben, aber in drei Sätzen lassen sich schlecht Jahrzehnte produktiver Musikarbeit zusammenfassen, deshalb belasse ich bei den wenigen Worten.

Colter Wall, ein sympathischer kanadischer Cowboy mit einer wunderbaren Stimme. Er zieht sich nicht einfach als Cowboy an, sondern treibt tatsächlich manchmal Rinderherden. Aber hier soll es um Musik gehen. Die meisten Songs sind langsam und sehr sehr traurig. Country/Western, wie man sich vielleicht denken konnte. Ich liebe die Kombination aus seiner Stimme und den teils großartigen Lyrics. Codeine Dream gehört zu meinen Lieblingsliedern. Every day it seems | My whole damn life’s just a codeine dream | I don’t dream of you | Anymore. Wie sehr er mich mit einigen Songs berührt, ist beängstigend. Es geht um Freiheit, Alkohol, Drogen, Einsamkeit und ein paar Cowboy-Sachen, die man aber ignorieren kann, denke ich.

Ganz anders klingen da Crystal Castles. Elektronisch, manchmal abgehackt, aber auch traurig. Dieses Jahr hatte ich zwei eindeutige Favoriten unter ihren Songs, die ich wieder und wieder gehört habe: Sad Eyes und Not In Love. Zweiterer hat mich zu einer Geschichte inspiriert. An dieser Stelle merkt man vielleicht, wieso ich ein „toleranter Musikhörer“ sein soll. Ich musste mich intensiv in die Songs der Band hineinarbeiten und habe sie wiederholt gehört, bevor ich einen Zugang gefunden habe. Irgendetwas sprach mich an und eine gute Freundin zählt zu ihren Fans, also musste es mehr geben, und irgendwann fand ich es.

Eels habe ich 2019 wiederentdeckt. Ebenfalls meist elektronisch und ebenfalls meist traurig, aber bei weitem nicht nur. Es gibt sogar witzige Songs von Eels, aber davon lassen wir uns nicht aufhalten, oder? Aber da wir zu einem Ende kommen wollen, halte ich mich kurz.

Igorrr machen wirre Sachen. Stellt euch vor, jemand mixt jede existierende Musikrichtung in funktionierende Songs: Polka, Klassik, Oper, Black Metal, Techno … So macht man neue, nie zuvor dagewesene Musik. Als Hörer braucht man allerdings wieder Toleranz oder einen Hang zum Extremen. Ich habe beides. Zum Glück.

Jesu, Joy Division, Lamb of God, Myrkur, Oceans of Slumber, Woods of Ypres und Young Fathers spielten auch noch ihre Rollen als (Wieder)Entdeckungen. Hört rein, wenn ihr sie nicht kennt!

Und dann waren da die kurzen Happy Hardcore-Phasen. Wie zur Hölle kam es dazu? Charly Lownoise & Mental Theo, Dune und sogar Das Modul. Es muss an der Nostalgie gelegen haben, die mich 2019 häufig bedrängte. Wer weiß, wo sie mich noch hinführen wird.

Musikalisch war 2019 für mich wieder interessant. Mir gefällt der Gedanke, dass sich durch diesen Artikel ein paar neue Hörer*innen für die weniger bekannten Bands in meiner Liste finden lassen. Das hätten sie verdient. Habt keine Angst, Neues zu testen und über den Tellerrand zu schauen! In Kürze wird ein Beitrag über Live-Konzerte 2019 folgen und ein paar Bands aus dieser Liste werden wieder auftauchen.

Eine Erfahrung aus Schmerz und Glück

 

Ausnahmsweise geht es in diesem Text nicht um Literatur, sondern um Musik beziehungsweise eine Musikerfahrung. Gestern besuchte ich ein kleines Festival im Junkyard in Dortmund. Letzter Act des Abends war Dopethrone. Auf ihrer Website beschreiben sie sich selbst so: Dopethrone plays Slutch Metal. It’s a foul Canadian mix of yellow snow, crackhead diarrhea, blood, tears and broken dreams.

Ich finde es schwierig, das Genre „Sludge“ generell zu beschreiben, und noch schwieriger, zu sagen, was Dopethrone innerhalb des Genres besonders machen. Wer sie also nicht kennt, sollte sich beispielsweise den Song da oben anhören, ihn sich vielfach lauter und härter vorstellen (weil live) und dazu Gestalten, von denen man nicht einmal Crack kaufen würde.

Das Level der Abgefucktheit innerhalb des Genres kann immense Ausmaße annehmen. Es ist dreckig, es ist laut und es ist (selbst)zerstörerisch. Die Ansage zwischen zwei Songs Kill everybody! Destroy everything! war nicht untypisch, genausowenig die Forderung, auch im Falle einer Legalisierung von Drogen weiterhin von Kriminellen zu kaufen. Woher stammt meine Faszination? Ich argumentiere gerne so, dass Musik (unter anderem) dazu dient, Gefühle in anderer Form darzustellen, um sie verarbeiten zu können (von Künstlerseite und von Seiten des Publikums). Wie viele Lieder handeln von gebrochenen Herzen…? Daher ist es legitim, wenn Musik Verzweiflung, unerträgliche Wut und ähnlich extreme Emotionen aufgreift. Viele Songs im Genre handeln von den eben beschriebenen Gefühlen und Themen wie Sucht, Einsamkeit und Abstürzen jeder Art. Damit kann ich mich identifizieren. Musik muss manchmal wehtun! Jedenfalls für mich. Manchmal muss alles wehtun, damit es besser werden kann. Musik kann Therapie sein und gestern war es endlich mal wieder so.

Während der Bass bis in den Magen dröhnte, kam ich schnell in einen Zustand, in dem ich losließ. Tanzen, wenn man es so nennen kann, Headbangen, Anspannen aller Muskeln kann helfen, Dinge hervorzuholen, die ich zu lange versteckt habe. Ich füge mir Schaden zu (ein kleines Stück weit) und zahle die nächsten Tage dafür. Zuerst wurde ich wütend. Sehr sehr wütend. Beinahe hätte ich weinen können. Es ist keine spezifische Wut, sondern die Summe negativer Gefühle, die in mir schlummert. Alles kommt an die Oberfläche. Manchmal, wenn die Texte passen, schreie ich mit (singen kann man es nicht nennen, weder bei den Musikern noch bei mir). Ich bin ganz allein auf Welt und doch umringt von Menschen, denen es ähnlich geht – vielleicht. Die Bewegung schüttelt und schmettert alles negative heraus wie es gelegentlich bei harten Workouts geschieht. Es ist ähnlich wie eine Schlägerei mit sich selbst. Und dann kommt die Erlösung. Der Körper ist erschöpft und macht trotzdem weiter, während irgendwelche Stoffe ausgeschüttet werden. Aus all dem Dreck und der Wut, dem Lärm, Schwindel und Schmerz entsteht Glück. Das Bild eines Vorschlaghammers kommt mir in den Sinn, mit dem eine dicke Schicht Eis zerschlage, weil es nötig ist. Etwas war eingefroren und gefangen und ich muss Gewalt anwenden, um es herauszuholen. Und es wird alles gut.

Nach dem Konzert wankte ich aus der ungeschmückten Betonhalle ins Freie und war so zufrieden und fröhlich wie lange nicht mehr. Zusammen mit einem guten Freund ging ich zu seinem Wagen und wir fuhren heim. Er machte Musik an, eine CD. Zuerst hörten wir The Man In Me von Bob Dylan und danach sangen wir mit bei Total Eclipse of the Heart. Reden mussten wir nicht mehr. Alles war gesagt. So muss ein Abend sein.