Darf man sich verstehen?

Über die Gründe zu schreiben und die Suche nach Selbsterkenntnis.

Die komplette Fragen müsste lauten: Darf man sich als Autor*in verstehen, um weiterhin schreiben zu können? Oder: Hemmt ein (weitestgehend) vollständiges Selbst-Verständnis den Schreibdrang und den kreativen Umgang mit dem eigenen Leben?

Wenn ich mich recht entsinne, hat Hermann Hesse die Psyche einmal mit einem Baum verglichen. Wenn man es schaffen sollte, jeden noch so kleinen Ast literarisch zu erfassen, könnte man sich selbst begreifen und würde zu einer Art Erleuchtung oder Erlösung gelangen. Das scheint mir ein interessanter Antrieb zu sein, aber utopisch, nicht erreichbar und falls doch erreichbar, dann zwingend jede Schreibtätigkeit beendend. Es wäre ein Endpunkt, die Vollendung eines Lebenswerks. Vermutlich war es Hesse bewusst, aber er träumte dennoch von einer Leichtigkeit, die er erlangen könnte, wenn er allen Ballast abgelegt haben könnte. Eine schöne Vorstellung: Endlich man selbst sein ohne Kompromisse, Erleuchtung in gewisser Weise.

Hermann Burger argumentierte, dass man beim Schreibprozess den inneren Germanisten (und Psychiater) stumm schalten müsse, weil man nicht verstehen dürfe, was man wirklich meint. Würde man vor Vollendung des Werkes verstünde, warum man es schreibt, verlöre man den Grund, es zu schreiben. Der Sinn des Schreibens wäre verloren. Damit ging es ihm also um die Verarbeitung bestehender persönlicher Probleme durch Literatur, ohne Rücksicht auf Entblößung oder tatsächliche Heilung.

Einen Schritt weiter ging Adolf Muschg in der Poetik-Vorlesung Literatur als Therapie?, in der er die These aufstellte, dass Autor*innen sich grundsätzlich einer vollständigen Therapie verweigerten, obwohl sie eigentlich nach einer Lösung ihrer eigenen Probleme suchten. Die Auflösung dieser Probleme würde dem Schreiben im Wege stehen, das einen eigenen Wert hätte, der noch über dem eigenen Glück stünde. Schreibende bekommen ihre Aufmerksamkeit und ihre Belohnungen, das heißt also ihren Liebes- oder Glücksersatz, durch die Literatur und durch Erfolge (Buchverkäufe, Rückmeldungen, Fertigstellen von Werken usw.), und verweigerten sich daher dem echten Glück. Da die Probleme eines Menschen Symptom der gesellschaftlichen Probleme seien, werden nach dieser These Autor*innen zu Anzeigern größerer Missstände.

Diese Denkansätze deuten bereits auf einen sehr reflektierten Umgang mit der eigenen Tätigkeit hin und werden vermutlich nicht von allen Schreibenden unterzeichnet werden, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen könnten, und zwar einer Wahrheit, die den meisten nicht bewusst wäre. Dass die Aussagen wirklich auf alle Schreibenden zutreffen, möchte ich nicht behaupten, aber sie faszinieren mich.

Eine Autorin, die ihre Werke selten beendet und niemals veröffentlicht, erzählte mir einmal, dass ihre Geschichten keineswegs eine Verarbeitung ihrer eigenen Probleme seien, sondern das Gegenteil davon, nämlich eine Flucht vor der Realität in eine andere, bessere, strukturiertere und sinnvollere Welt. Den Vorwurf der Realitätsflucht kennt man auf Leser*innen bezogen, aber auf Schreibende weniger. Dieser Ansatz würde der Theorie der Therapie-Verweigerung nicht widersprechen, da Autor*innen wie die erwähnte ebenfalls keine Hilfe suchen oder direkte Reflexion anstreben, sondern im Umweg über die Literatur einen Ersatz anstreben.

Die vorangestellte Frage kann nur als Denkansatz verstanden werden, da ich es für unmöglich halte, sich selbst vollständig zu durchschauen. Dafür sind wir zu nah an uns dran. Ein Teil des Systems kann niemals das gesamte System überblicken. Der Abstand fehlt. Vielleicht geht es also mehr um einen Frieden, den man mit sich und den eigenen Schwierigkeiten schließt. Kann man Ausgeglichenheit und inneren Frieden mit der Erschaffung von Literatur (oder Kunst generell) zusammenbringen? Ich denke nicht. Mit innerem Frieden fehlt auch die Auflehnung gegen die Welt, wie sie ist. Viele werden argumentieren, dass es in ihren Werken nicht um sie selbst, sondern um Ungerechtigkeit geht, um eine Alternative zur bestehenden Welt oder einfach um Spaß am Schreiben. Doch ich würde sagen, dass ein Streben nach Gerechtigkeit auf die eigene Persönlichkeitsstruktur hinweist und auf Unzufriedenheit mit der Umwelt, dass Alternativen zum Bestehenden nur notwendig erscheinen, wenn man mit dem Bestehenden nicht einverstanden ist, und dass Freude am Schreiben nichts vom zuvor gesagten widerspricht, sondern höchstens Gefühle einem tieferen Bedürfnis vorschiebt. Auch in Romance, Fantasy und anderen Genres, die manchem weniger bedeutsam erscheinen mögen oder die nicht zum Gesagten zu passen scheinen, eine klare Struktur vorherrscht, ein idealisiertes Leben dargestellt wird oder ein Happy End vorkommt, das man im eigenen Leben oder in der Welt um sich herum nicht findet. Gut gegen Böse ist eine Simplifizierung, die mehr Sinn ergibt als das Leben, dem wir alltäglich ausgesetzt sind. Die Zerstörung des Bösen am Ende ist ein Traum, der in der Realität nicht umgesetzt werden kann, da es leider nicht so simpel ist. Damit wird jede Literatur zu einem Ausdruck von Unzufriedenheit und mag sie noch so unbewusst, erträglich oder gering sein oder erscheinen.

Man muss natürlich auch hier wieder darauf hinweisen, dass Literatur fiktiv ist und Autor*innen niemals direkt über sich selbst schreiben. Das sollte klar sein, ist es aber leider nicht für jede*n. Diese Verschiebung ins Fiktive macht Literatur einerseits ansprechend und wirksam und verhindert andererseits die reelle Auflösung der zugrunde liegenden Konflikte im Schreibenden. Indem wir die Erschaffung unserer Werke der Lösung unserer Probleme vorziehen, geben wir ein Stück weit unser Glück auf, während wir gleichzeitig anderen die Möglichkeit geben, sich wiederzuerkennen im Geschriebenen und damit Schwierigkeiten zu identifizieren und idealerweise anzugehen, oder sich für eine Weile aus der problembehafteten Realität zu flüchten, was ebenfalls eine Lebenshilfe darstellen kann, sofern es nicht ein dauerhafter Abwehrmechanismus wird.

Ich bin der Meinung, dass es für jede*n wichtig und richtig ist, sich selbst zu reflektieren, um ein möglichst (subjektiv) gutes Leben führen zu können, für Autor*innen aber auch entscheidend zur Erschaffung neuer Werke ist. Mit großem Abstand lassen wir dabei die Welt an unserer Entwicklung teilhaben, ohne uns vollends zu verraten. Wir bleiben privat in der Öffentlichkeit, damit andere durch Veröffentlichungen Privates verbessern können. Das ist der Wert, die Gefahr und die Bedeutung von Literatur in meinen Augen.

Autor: Matthias Thurau

Autor, 35, aus Dortmund. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik. Rezensent beim Buchensemble, Mitglied von Nikas Erben.

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