Alte Milch: Eine Zeile

Über eine Zeile des Gedichts “31” aus dem Gedichtband “Alte Milch” und die Ideen dahinter.

Einunddreißigjahreselbstmord – zusammengeschrieben, am Anfang eines Gedichts. Darum soll es gehen.

In der Lyrik ist man frei. Erlaubt ist, was notwendig ist. Regeln und Konventionen der Sprache sind in Gedichten zwar der Grundstein des Verständnisses, aber sie müssen nicht streng eingehalten werden wie in anderen Textarten. Das gefällt mir als Autor sehr. Einer von mehreren Brüchen mit der Konvention in Alte Milch ist die oben zitierte Zeile aus dem Gedicht 31 (auf Seite 24). Normalerweise würde man daraus drei einzelne Wörter machen. Warum also alles zusammenschreiben? Es fällt auf. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat kein*e Leser*in jemals diese Wortkombination in dieser Schreibweise gesehen. Entsprechend bleibt man daran hängen und liest langsamer, liest vielleicht sogar mehrmals und denkt (hoffentlich) für einen Moment über das Gelesene nach. Einunddreißig Jahre Selbstmord – das scheint paradox. Eine Tat, die mit dem eigenen Tod endet, sollte nicht länger als eine kurze Weile dauern. Sie ist zielgerichtet und wendet sich per Definition gegen den langen Zeitraum, das Leben, den sie in der zitierten Zeile einnimmt. Und doch, denken wir über manche Verhaltensweisen nach, die wir vielleicht selbst an den Tag legen, müssen wir feststellen, dass sie sich gegen die eigene Gesundheit, gegen das eigene Leben, stellen und nur eine einzige Konsequenz haben können: den Tod (und zwar weit vor einem natürlichen Zeitpunkt). Punkt 172 von Hermann Burgers Tractatus logico-suicidalis lautet: „Heroin-, Alkohol- und Nikotinsüchtige sowie anderweitig von Suchtmitteln Abhängige, nicht zuletzt jene, die sich von Antidepressiva ernähren, vollziehen den indirekten Suizid oder den Selbstmord in Raten.“ Darum geht es. Darüber muss man stolpern.

Einunddreißig Jahre ist eine lange Zeit für ein solches Verhalten oder für ein Leben, das von solchem Verhalten geprägt ist. Niemand fängt direkt nach der Geburt an, Todespfade zu begehen, aber so manche*r startet früh und ändert höchstens noch die Methoden. Einunddreißig Jahre scheint eine utopisch lange Zeit zu sein, wenn man als Kind darauf blickt, und ist noch immer zum Kopfschütteln, betrachtet man die Zeit in der Retrospektive. Diese Dauer, dieser unendlich wirkende Zeitraum, der sich zieht und zieht und plötzlich vorbei und überlebt ist, wird ausgedrückt durch die Zusammenziehung der Zeile. Einunddreißigjahreselbstmord. Das Auge verschluckt beim Lesen Buchstaben, wie das Gedächtnis Erinnerungen verschluckt. Was bleibt, ist angestrengtes Hinschauen und Entziffern. Man versucht Sinn darin zu finden und dann geht man weiter in die nächste Zeile, ins nächste Jahr.

Aus Interviews oder anderen Beiträgen kennen interessierte Lesende meine Philosophie, die, in knappen Worten ausgedrückt, lautet: Das Leben hat keinen Sinn, aber ohne Sinn kann man nicht leben. Daher braucht es einen Sinnersatz und diesen habe ich in der Literatur gefunden.

Aus diesem Grund und in diesem Kontext möchte ich noch vier weitere Punkte aus Hermann Burgers Tractatus logico-suicidalis zitieren:

294. Es ist die Aufgabe des Menschen, eine Gehirnfurche in der Weltgestalt zu hinterlassen.

295. Das Leben ist der Güter höchstes nicht: das Höchste ist das Werk, weil es die Zufälligkeiten der Existenz im Hegelschen Sinne aufhebt und überdauert.

296. Das Werk ist die Lösung des Todesproblems.

376. Was wir an hoher Kunst leisten, müssen wir an Tod abverdienen.

Unter der Kategorie “Alte Milch” im Klappmenü rechts finden sich weitere Beiträge zum Buch.

Erhältlich ist Alte Milch überall als Taschenbuch (z.B. bei Amazon oder bei Books on Demand) und in Kürze auch als Ebook.

Alte Milch: Gedichte

Über meinen ersten Gedichtband “Alte Milch” und seine Entstehung.

Jede*r fängt irgendwo an und (ver)endet irgendwo. Das Schreiben fing für mich als Teenager mit Lyrik an. Bald wird mein erster Gedichtband erscheinen und um diesen soll es hier gehen.

(Im letzten Eintrag wurden bereits einige Grundinformationen geliefert.)

Wieso eigentlich Alte Milch?

Der Titel entstammt einem Vergleich aus dem Gedicht Unhaltbar, das ebenfalls im Buch erscheinen wird. Alte Milch ist nicht mehr haltbar, „unhaltbar“ eben, was man in Bezug auf das Buch und den Autoren als „einfach nicht mehr tragbar“ oder als „unaufhaltsam“ interpretieren kann. Außerdem ist Milch grundsätzlich einmal gesund, bevor sie sauer wird/wurde, was eine weitere Parallele zu mir darstellt. Dass verdorbene Milch auch „schlecht“ genannt wird, nehme ich übrigens in Kauf.

Lyrik habe ich üblicherweise in sehr kleinen Portionen genossen, ein Gedicht vor dem Zubettgehen oder mal eine handvoll am Abend. Eine ähnliche Lesart vorausgesetzt, werden Leser*innen sich eine Weile mit dem Buch beschäftigen können. Es werden 83 Texte enthalten sein und dazu ein kurzes Vorwort, ein Inhaltsverzeichnis und eine Triggerwarnung. Letztere betrachte ich aufgrund der teils intensiven Auseinandersetzung mit Themen wie Selbstmord oder Sucht als notwendig.

Sortiert sind die Gedichte weitestgehend chronologisch. Nur an wenigen Stellen musste ich mich dem Buchsatz unterwerfen und beispielsweise zwei Texte in ihrer Reihenfolge austauschen, was aber dem Gesamtkonzept nicht schadet. Dass es sich um Texte der letzten vier Jahre handelt, hat mehrere Gründe. Zum einen ist es ein bekanntes Phänomen, dass Autor*innen die eigenen Texte mit einem gewissen zeitlichen Abstand nicht mehr als gut genug empfinden. Viele Gedichte aus den letzten zehn Jahren sind sicherlich von ähnlicher Qualität wie die ausgewählten, aber gefallen mir im Augenblick nicht gut genug für meine erste Lyrik-Veröffentlichung. Zum anderen habe ich in den letzten Jahren eine neue, professionellere Einstellung zum Schreiben entwickelt. Entsprechend stehen die Gedichte in Alte Milch für mich in einem anderen Kontext als die vorherigen und repräsentieren eine eigene Schaffensphase (oder den Beginn derselben), auch wenn thematisch, den Gesetzten der Psyche geschuldet, viele Texte auf die vorhergegangenen Jahre verweisen.

Was viele Leser*innen vermutlich am Werk interessiert, bevor es gekauft wird, ist der sprachliche Stil. Ob wir Beaudelaire lesen, Ingeborg Bachmann oder Ernst Jandl, macht einen Unterschied. Lyrik ist nicht gleich Lyrik. Doch wie beschreibe ich am besten, wie ich schreibe? Aufgrund des Entschlusses, nicht thematisch zu sortieren und Texte aus vier Jahren zusammenzufassen, entstand eine Mixtur verschiedener Stile. Ich experimentiere gern und tat dies auf unterschiedliche Weise innerhalb des Werkes. Naturbilder stehen neben Lebensmittel-Metaphern oder Bildern religiöser Herkunft, Texte mit Alltagsgrammatik finden sich neben zerbrochenen Sprachmustern oder nicht-konventionellem Gebrauch von Wörtern und Zeichen. Es gibt Texte mit klassischem Reimschema und viele andere, die gar keinen Reim oder unübliche Schemata besitzen. Ich versuche stets, die Sprache dem Inhalt anzupassen und das Ergebnis ist selten handelsüblich.

Einzelne Beispiele für Unentschlossene und anderweitig Interessierte wird es in nächster Zeit hier geben, außerdem folgen Beiträge über Einzelaspekte und das Cover. Das Taschenbuch wird übrigens optisch zu Sorck passen und beide werden im Regal nebeneinander wie zwei Teil einer Reihe wirken.