Orte, Körperteile, Evolution und intelligentes Design

Über literarische Vergleiche von Orten und Körperteilen, mit einem Ausflug in die Philosophie.

Es ist etliche Jahre her, dass ich Henry Millers Im Wendekreis des Krebses gelesen habe und ich habe vieles daraus vergessen, nicht jedoch einen Vergleich, der mich damals bereits faszinierte. Millers Geschichte spielt in Paris und der Ich-Erzähler wandert viel durch die großen und kleinen Straßen der Stadt. Dieses Straßennetz vergleicht er an einer Stelle mit dem Querschnitt eines Penis’, mit all den Kammern und Gefäßen, dünnen und dicken Adern. Wieso ist das so faszinierend?

Ein möglicher Grund dafür, dass ich mir dieses Bild gemerkt habe, könnte an meiner mimosenhaften Empfindlichkeit und meiner ausgeprägten Fantasie liegen: Ich stellte mir das aufgeschnittene Glied vor. Aber auf einer ganz anderen Ebene ist der Vergleich oder die Gruppe von Ortsvergleichen mit Teilen des menschlichen Körpers interessant. Kopiert der Mensch (absichtlich oder unabsichtlich?) in künstlichen Konstrukten die Bauwerke der Natur? Dass etliche Erfindungen auf Naturbeobachtungen beruhen, ist bekannt. Augen zu Kameras, Falken zu Flugzeugen und, was ich ebenfalls einmal gelesen habe, die Nutzung von bestimmten Pflanzen zu medizinischen Zwecken durch die Beobachtung entsprechender Verhaltensweisen bei Tieren. Doch dachte jemand bei der Planung einer Stadt an einen Blutkreislauf, in dem Autos wie Blutkörperchen fließen? Die wenigsten Städte sind von Grund auf geplant, also sollte sich die Frage bei älteren Städten von selbst erledigen, oder?

Im Laufe der Philosophiegeschichte gab es immer wieder Versuche von Gottesbeweisen. Manche bildeten eine direkte Kette, beispielsweise die Argumentation des unbewegten Bewegers von Thomas von Aquin (grob gesagt: jemand/etwas muss den Stein ins Rollen gebracht haben, weil jede Bewegung einen Auslöser haben muss), während andere indirekt argumentierten (beispielsweise David Hume), die den Begriff des intelligent design einführten und verbreiteten, der im Grunde skeptisch fragt, wie die Natur ohne Steuerung durch Gott komplexe Dinge wie das Auge hätte entwickeln sollen. Beim Argument des intelligenten Designs merkt man, dass wir uns in einer Zeit vor der Evolutionstheorie befinden.

An dieser Stelle könnte man den Bogen schlagen: Handelt es sich beim funktionierenden Straßennetz – gehen wir mal davon aus, dass es funktioniert – einer „natürlich“ gewachsenen, also nicht von vornherein geplanten, Stadt um eine Art von Evolutionsergebnis? Design ist es schließlich nicht oder wenigstens nicht vollständig. Eine Entwicklung hat über Jahrzehnte und Jahrhunderte stattgefunden, aus einer Fläche wurde ein Netz von Trampelpfaden, die kürzesten, effektivsten Strecken setzten sich durch, dann wurden die wichtigsten Pfade zu Straßen und am Ende steht ein komplexes Straßennetz, das alle Gebäude miteinander verbindet. Da sich effektivere Strecken gegen weniger effektive durchgesetzt haben und reine Fußwege zu einer Art Nischenexistenz verdrängt wurden, kann man sich durchaus einen Vergleich mit der Evolution erlauben.

In der Natur setzt sich ebenfalls das für die jeweilige Situation am besten angepasste System durch. Der menschliche Blutkreislauf dürfte für unsere Körper und unsere vielfältigen Lebensräume ideal sein. Dass der Körper, das Herz, die Gefäße, der Ernährung und der fehlenden Bewegung unserer Zeit manchmal nicht mehr standhalten kann, zeigt nur, dass sich unser Leben, das heißt das äußere System, an das sich der Körper anpassen müsste, geändert hat, nicht dass unsere Körper nicht für ihre natürliche Umgebung perfekt aufgestellt wären.

Nach diesen Überlegungen wäre jeder Vergleich zwischen Orten und Körperteilen durch die zugrunde liegenden Entwicklungsmechanismen beider Dinge sowohl gerechtfertigt als auch passend. Natürlich muss der Vergleich auch entsprechend gewählt werden: Ein Straßennetz kann schlecht mit der Funktion eines Fußes verglichen werden – oder vielleicht irre ich mich auch, dann würde mich die Umsetzung interessieren.

Hier kommen wir an einen schwierigen Punkt. Was, wenn unsere Art zu denken, uns einen Streich spielt? Sind die oben angesprochenen Vergleiche wirklich stimmig im Sinne einer ähnlichen Entwicklung und Familiarität oder nutzen wir so häufig und selbstverständlich Vergleiche, um Erklärungen zu vereinfachen, dass wir Verbindungen sehen, wo kaum welche sind? Sieht ein Straßennetz aus wie ein Blutkreislauf oder sehe ich nur, was ich sehen möchte?

Es gibt bei guten Vergleichen eindeutige Parallelen und diese sind sowohl unbestreitbar als auch ausreichend, um die Vergleiche zu rechtfertigen. In Das Maurerdekolleté des Lebens vergleiche ich einen Teil des Labyrinths, der eine Art Kanalisation darstellt, mit einem Darm. Ursprünglich war das die Begründung für diesen Blogeintrag, aber dann bin ich ein wenig abgekommen. Eine Kanalisation und ein Darm haben ähnliche Funktionen. Es geht soweit, dass man die Kanalisation als Fortsatz aller Därme einer Stadt betrachten könnte. Zwar nimmt sie keine Nährstoffe mehr auf, aber führt den Schmutz ab, den der Körper, die Stadt, produziert. Der Vergleich ist literarisch also problemlos machbar, aber er hilft uns nicht in der Frage, ob Vergleiche mehr sind als Denkhilfen. Letzter Gedanke dazu: Wären sie mehr, also würden sich alle Muster in allen Schichten der Existenz wiederholen, wären wir bei einer Grundlage der Alchemie angekommen: As above, so below.

Wenn das Straßennetz einer Stadt sich ähnlich natürlich entwickelt hat wie der Blutkreislauf von Säugetieren und ich als Autor eine Geschichte entwickele, die nicht natürlich gewachsen, sondern durchgeplant ist, werde ich zum intelligenten Designer oder bloß zum unbeteiligten Beobachter?

Apokalyptische Bilder

Über apokalyptische Bilder in der Literatur.

Katastrophen kommen vor, gerade in der Literatur. Eines der bekanntesten Bücher der Welt hat eine Version der größten Katastrophe beschrieben, die die Menschheit fürchtet: Die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes im letzten Buch des Neuen Testaments. Da das Christentum eine der Grundlagen westlicher Kultur (und damit auch Literatur) darstellt, ist der Einfluss immens und darf nicht übersehen werden.

Mag man nun gläubig sein oder nicht, sich für Religion interessieren oder nicht, es gehört zur Grundbildung, wenigstens ein paar Dinge über jede große Religion und hierzulande besonders über das Christentum zu wissen. Daher wird (oder wurde?) dieses Wissen in der Literatur üblicherweise vorausgesetzt. Ein Beispiel dafür zeigt sich in apokalyptischen Bildern, um Katastrophen vorzubereiten, zu betonen oder schlicht in religiösen Kontext zu setzen. Die Offenbarung des Johannes zählt vermutlich zu den bekanntesten Teilen der Bibel – denn, seien wir ehrlich, kaum jemand hat das ganze Ding gelesen. Ausschnitte werden selbst in Zombie-Filmen oder Songs gerne zitiert. Spontan fällt mir noch das Stück Woyzeck von Georg Büchner ein, in dem immer wieder entsprechende Bilder vorkommen. Es ist zwar Jahre her, dass ich es gelesen und gesehen habe, aber ich erinnere mich an das Bild des roten Himmels.

Ein roter Himmel allein macht noch kein apokalyptisches Bild. Aber ein Zusammenkommen von Elementen wie Katastrophen, Erdbeben, Flut, Hunger, Krieg, Feuer, Dunkelheit, der Farbe Rot bildet Muster, die eine entsprechende Interpretation ermöglichen. Jede furchteinflößende Erscheinung oder Zerstörung in Größenordnungen, die scheinbar über das Menschliche hinausgehen, wurde gerne mit dem Ende der Welt verglichen. Ein berühmtes Beispiel dafür wäre das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das überall in der Kultur widerhallte, ob nun bei Kleist (umgewandelt in Das Erdbeben in Chili) oder bei Voltaire, der als Reaktion auf das Erdbeben wenige Jahre danach mit Candide die Theodizee von Leibniz humorvoll angriff. Dieses Beben war so verheerend, dass es nicht nur immer wieder mit dem Ende der Welt verglichen worden ist, sondern in der Philosophie ein Echo hervorrief, das den Glauben an die Güte Gottes nochmals in Frage stellte. Wie kann dies die beste aller möglichen Welten sein, wenn so etwas passiert?

Ich bin etwas abgekommen. Obwohl die Literaturgeschichte durchzogen ist von Anspielungen auf die Apokalypse, sollte man heutzutage vermutlich vorsichtiger sein damit. Religion ist nicht mehr derart wichtig im Alltag, dass Leser*innen entsprechende Hinweise unbedingt erkennen. Aber es gibt noch immer eine Menge Anwendungsmöglichkeiten für apokalyptische Bilder. Einerseits sind solche Bilder völlig unvermeidbar, wenn man Katastrophen beschreibt, die weltverändernd sind. Daher tragen sie oft Namen wie „Zombie- Apokalypse“, „Judgement Day“ (in der Terminator-Reihe) usw. Andererseits kann man mit apokalyptischen Bildern in kleineren Dosen ungute Stimmungen unterstreichen oder eine zum Inhalt der Geschichte passende Metaphernumgebung erschaffen. Schreibt man über einen Pastor, wäre es nur passend, wenn die Bilder der Geschichte aus der Bibel stammten.

Dass apokalyptische Bilder Unruhe auslösen, ist nur logisch. Die Offenbarung des Johannes ist eine Ansammlung unkontrollierbarer und furchterregender Elemente. Man kann sie problemlos als einen religiös inspirierten Albtraum lesen.

Sprechen wir noch über andere Apokalypsen/Weltend-Szenarien? Vielen ist nicht bewusst, dass es früher einmal eine Menge verschiedener Bibelversionen gegeben hat. Die Tora, das Alte Testament, wurde in der hebräischen Version um ca. 100 n. Chr. kanonisiert, nicht aber die griechischen Übersetzungen. Als die Tora als Altes Testament in den Bibelkanon übernommen worden ist, wurden noch Elemente aus den griechischen Übersetzungen hinzugefügt. Um ca. 400 n.Chr. einigte man sich auf den Kanon für das Neue Testament (und warf beispielsweise die Geschichte von Adams erster Frau raus, weil diese zu aufmüpfig war). Es gibt also den Bibelkanon, die nicht übernommenen Bücher und eine Reihe von Parts, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie einmal dazu gehörten oder nur aus der gleichen Zeit stammen. Innerhalb dieser Schriften gibt es eine ganze Reihe von Offenbarungen und eben Apokalypsen. Kleriker hatten viele schlimme Träume. Aber damit waren sie nicht alleine.

In der nordischen Mythologie gibt es Ragnarök, ein spannender Weltuntergang mit allem, was dazugehört: Krieg, Monster, Erdbeben, Fluten, endloser Nacht und einem Dämonenschiff aus Fußnägeln. Ein schönes Weltende ist auch der Angriff der Spiegelwesen aus dem alten China. Es heißt, irgendwann einmal lebten in den Spiegeln andere Wesen, losgelöst von uns. Sie hatten uns angegriffen und wurden zurückgeschlagen. Als Strafe wurden sie verurteilt, uns zu imitieren. Aber eines Tages, sagt die Prophezeiung, werden die Spiegelwesen sich rächen, aus den Spiegeln treten, sich mit den Wesen des Wassers verbünden und die Menschheit niederringen.

Ist es nicht witzig, wie arrogant das Selbstbild der Menschen schon immer gewesen ist? Die Vorstellung, dass es keine Welt geben kann, wenn es uns nicht mehr gibt, steckt wohl dahinter, wenn man das Ende der Welt und das Ende der Menschheit immer wieder gleichsetzt. Fällt der Baum im Wald auch um, wenn es niemand sieht? Ja natürlich, wir sind nicht wichtig für die Welt. Aber (!) wenn das Leben uns zusetzt, fühlt es sich manchmal wie das Ende der Welt an, und das ist okay. Daher darf man in der Literatur mit derart monströsen Bildern spielen, um Katastrophen mehr Atmosphäre zu geben und zu zeigen, dass beispielsweise jeder Tod zugleich der Weltuntergang ist (Hermann Burger).

Wir kennen am Ende nur uns selbst und unsere Existenz ist die ganze Welt.

Figurenbeschreibung und -kommunikation

Über Möglichkeiten, literarische Figuren zu beschreiben und sich untereinander beschreiben zu lassen.

Figuren interessant und stimmig zu beschreiben, ist bereits schwierig. Ich möchte aber einen Schritt weitergehen und über Figurenbeschreibungen durch andere Figuren nachdenken.

In Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom lässt der Autor den Ich-Erzähler, einen Altphilologen, über einen Mann, den Ehemann seiner Geliebten, sprechen. Er beschreibt ihn als eine(r) Art Riese aus Kalbfleisch, glatzköpfig, mit einem ewig grinsenden Gesicht, als würde er ständig Kekse anbieten. Die beschriebene Person ist außerdem Lehrer für Niederländisch – anbei bemerkt sei, dass die Geschichte im Original Niederländisch ist – und schreibt Gedichte. Der Ich-Erzähler kommentiert dazu, dass sein Konkurrent im Unterricht den Schülern bloß strukturiert beibringe, was sie ohnehin von jüngster Kindheit an können, und endet mit den Worten: … aber auszusehen wie ein schlecht gebratenes Kotelett und von Poesie zu sprechen, das geht zu weit.

Wir haben hier eindeutig keine sachlichen Beschreibungen. Der Beschriebene ist verheiratet und hat Affairen (oder „Affären“, wie man es leider heute schreibt), also ist der giftige Ton möglicherweise angebracht, wenigstens aber verständlich. Gleichzeitig wird er nicht auf jede*n dermaßen unattraktiv wirken, wie er vom Erzähler, der ja sein Konkurrent ist, gezeichnet wird. Was können wir über den Ich-Erzähler durch die wenigen Kommentare lernen?

Zunächst einmal, dass man ihm, wie eigentlich allen Ich-Erzählern, nicht trauen sollte. Ich-Erzähler sind Teil der Geschichte, sind selbst Figuren, haben Gedanken, Gefühle und eine Agenda. Sie stehen keinesfalls außerhalb des Geschehens und sind daher nicht neutral. Ihre Wertungen und ihre Beteiligung machen sie suspekt. Man sollte Geschichten mit derartigen Erzählern immer hinterfragen: Stimmt es, was uns von der Erzählinstanz aufgetischt wird? Was ändert sich, wenn wir uns gegen die Ansichten der Erzählinstanz entscheiden? Solche und andere Fragen sind spannend. Natürlich möchte man als Leser*in in eine neue Rolle schlüpfen und die Welt durch fremde Augen sehen, aber man sollte niemals vergessen, dass hinter diesen fremden Augen die gleichen Hinterhältigkeiten stecken (können) wie hinter den eigenen Augen. Gerade die zeitweise Übernahme anderer Perspektiven mithilfe der Literatur sollte uns lehren, Abstand gewinnen zu können und objektiv Ansichten und Meinungen zu prüfen. Auf einer Ebene genieße ich den Witz in Nootebooms Worten, auf einer anderen erlebe ich die Frustration des Ich-Erzählers mit und auf einer dritten verstehe ich, dass mir hier subjektiv etwas vorgegeben wird, das objektiv („objektiv“ innerhalb der Geschichte) anders aussieht.

Was lernen wir noch aus den Kommentaren des Protagonisten/Ich-Erzählers? Er hegt offensichtlich eine starke Abneigung gegen den Niederländisch-Lehrer. Gründe dafür finden sich problemlos in der Geschichte, die ich 1. noch nicht ausgelesen habe und 2. niemandem durch Spoiler ruinieren möchte. Man lernt durch die Art der Beleidigungen und Bemerkungen aber noch mehr. Es schwingt ein eindeutiger Elitarismus mit. Sprache ist dem Erzähler wichtig, besonders Latein, und die Vorstellung, dass jemand wie sein Konkurrent, ein grober, sportlicher Typ mit Erfolg bei Frauen, Lyrik verfasst – oder das, was er für Lyrik hält –, scheint dem Erzähler absurd. In seiner Gedankenwelt kommen weder moderne Lyrik noch Körpermenschen gut weg. Diese Überlegungen führen sofort zu einem recht unsympathischen Eindruck des Protagonisten. Man könnte außerdem daraus schließen, dass er sein eigenes Aussehen für wenig ansprechend hält und möglicherweise eingeschüchtert von seinem Konkurrenten. Warum sonst sollte er ihn dermaßen schlechtmachen?

Nooteboom hat den Erzähler absichtlich und mit viel Mühe bis zu dieser Stelle unsympathisch gezeichnet, aber auch mit Witz und Gefühl. Warum das alles? Das weiß ich noch nicht.

Nutzt man einen Ich-Erzähler, kommt man nicht umhin, ihn in Beziehung zu anderen Figuren zu setzen – es sei denn, man ist Samuel Beckett und stellt beinahe körperlose Figuren in leere Räume. Das bedeutet, dass man bei Beschreibungen anderer Figuren nicht nur deren tatsächliches Aussehen und Verhalten bedenken muss, sondern auch ihre Beziehung zum Erzähler beziehungsweise umgekehrt. Ein verliebter Erzähler wird Schönheitsfehler als sympathische Extras zeichnen, während ein betrogener Erzähler diese möglicherweise als hässliche Makel hervorheben würde (abhängig von seinem Charakter).

Noch schwieriger wird es, wenn der Ich-Erzähler einer anderen Figur über eine dritte Figur berichtet und dabei eine (offene oder versteckte) Intention hat. In dem Fall ist wichtig, wie die beschriebene Figur wirklich ist, wie der Ich-Erzähler sie wahrnimmt und welches Bild er beim Adressaten hervorrufen will. Beispiel: A. ist durchschnittlich attraktiv, aber B., Ich-Erzähler*in, ist in A. verliebt und findet ihn/sie extrem attraktiv. B. fürchtet, dass C., Adressat*in, Interesse an A. entwickeln und A. ihm/ihr wegschnappen könnte. Daher weist B. vor C. permanent auf die Mängel von A. hin. Wir können aus der Kommunikation zwischen B. und C. nicht direkt auf die Gefühle von B. schließen und auch nicht auf A.’s tatsächliche Attraktivität. Nur in Kombination mit dem Wissen, dass B. in A. verliebt ist, ergibt das Gespräch Sinn. So entstehen auch Intrigen.

Man könnte eine ganze Geschichte nur um die Feinheiten der Kommunikation und Beziehungen verschiedener Figuren zueinander schreiben, ohne dass viel Handlung nötig wäre. Aber wieso „könnte“? Das ist schon mehrmals geschehen. Man denkt nur nicht so häufig darüber nach. Ich denke, dass viele Autor*innen – ich schließe mich da nicht aus – häufig die Techniken, wie sie in diesem Artikel beschrieben stehen, anwenden, ohne darüber nachzudenken. Wir sind es aus dem Alltag gewohnt. Das ABC-Beispiel oben kennen die allermeisten wahrscheinlich noch aus Schulzeiten.

Sich dieser Mechanismen bewusst zu werden, hilft, sie in einer Geschichte besser und zielgerichteter anzuwenden. Vielleicht konnte ich damit irgendwem die Schreibarbeit erleichtern. Ich hoffe jedenfalls, dass ich selbst beim nächsten Mal daran denken werde, wenn meine Figuren miteinander kommunizieren.

Simple Komplexität

Über den Begriff der Komplexität.

In einer Diskussion argumentierte mein Gegenüber, dass die Spezialisierung der Wissenschaften unnötig und sogar schädlich sei, weil sie uns die Illusion von einer komplexen Welt aufzwänge, obwohl die Regeln der Natur – das Recht des Stärkeren, fressen oder gefressen werden etc. – sehr simpel wären. Das durchscheinende rechte Gedankengut ignorierte ich für einen Moment und brachte folgendes Gegenargument ins Spiel: Stößt man mit einem Queue eine Billardkugel an, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, wohin die Kugel rollen wird. Ursache und Wirkung. Eine simple Regel. Stößt die angestoßene Kugel auf eine Gruppe weiterer Kugeln, wird es bereits erheblich schwieriger, die Rollrichtung aller Kugeln vorherzusagen. Ursache (Stoß) und Wirkung (Weiterrollen) sind unverändert. Die Komplexität des Vorgangs entsteht durch die Addition vieler simpler Regeln.

Eine Sprache ist ein beherrschbares System. Man kann die mehr oder weniger einfachen Regeln einer Sprache erlernen und sie dann sowohl anwenden als auch verstehen. Das oben genannte Argument einer Summierung der Einzelvorgänge erklärt jedoch nicht allein die mögliche Komplexität eines längeren Textes (wie beispielsweise eines Romans). Eine Sprache ist ein Verschlüsselungssystem, das sowohl auf der Beherrschung der Entschlüssungstechniken (der Regeln der Sprache) basiert als auch auf dem Wissen, was hinter den Wörtern steckt – man sollte einen Baum kennen, um das Wort „Baum“ entschlüsseln zu können – und worauf sich mehrfach codierte Begriffe beziehen. Mit mehrfach codierten Begriffen meine ich Ausdrücke wie „das Buch der Bücher“ für die Bibel, die nicht allein durch das Verständnis der Sprachregeln und der Wortbedeutungen verstanden werden können. Diese Mehrfachverschlüsselungen erschweren übrigens eine Sprache nicht wirklich, sondern vereinfachen sie. Die Menge an Buchstaben und Wörtern, die durch eine solche Codierung gespart werden kann, ist enorm. Denkt man beispielsweise an das Lied Happy Birthday, fällt auf, dass man weder den gesamten Text noch die Melodie wiedergeben muss, sondern das gesamte Lied aufgrund der vorausgesetzten Kenntnis aller Parteien mit nur zwei Wörtern kommunizieren kann.

Jede Verschlüsselung dieser Art ist eine Verkürzung des Textes und eine Verdichtung der enthaltenen Informationen, also einer Zunahme der Komplexität. Erlernbare Regeln der Sprache + (vorausgesetztes, erlerntes) Wissen. Deshalb ist ein Kinderbuch weniger komplex als ein Erwachsenenroman: Das Wissensniveau, von dem wir auf der Empfängerseite ausgehen können, ist nicht hoch genug für zu komplexe Operationen. Die Regeln sind einfach, aber ihre Anwendung ist es nicht.

Es gibt die Theorie, dass die Welt aufgebaut ist aus zellulären Automaten. Ein zellulärer Automat ist eine Anwendung mit sehr einfachen Regeln. Man kann zellulären Automaten jedweder Dimension erdenken. Stellt man sich eine Fläche voller Quadrate vor, von denen manche schwarz sind und manche weiß, so kann man einige Anweisungen formulieren, um den (zweidimensionalen) zellulären Automaten in Gang zu bringen. Beispiel: Jede weiße Zelle mit schwarzen Zellen an mindestens zwei Seiten wird ebenfalls schwarz, aber jede schwarze Zelle, die von mehr als drei anderen schwarzen Zellen berührt wird, färbt sich weiß. Stellt man sich das Abspulen der Regeln schrittweise vor, so wird je nach Ursprungszustand entweder gar nichts passieren (wenn die schwarzen Zellen zu weit auseinander liegen), oder einige weiße Zellen würden schwarz werden und vielleicht einige schwarze weiß. Die Verfärbung mancher Zellen würde die nächsten Schritte auslösen und immer so weiter. Es gibt sehr simple zelluläre Automaten, die im Laufe ihres Abspulens ein Muster entwickeln und dieses automatisch (aufgrund der immer gleichen Regeln) kopieren. Eine Vermehrung von Strukturen findet statt vergleichbar der Teilung einer Zelle, deren DNS ebenfalls als zellulärer Automat aufgefasst werden kann.

Stellt man sich nun vieldimensionale zelluläre Automaten als Frakta vor – ein Fraktum hat in der Mathematik die Eigenschaft, dass es immer komplexer wird, je genauer man es betrachtet –, so könnte man ein theoretisches Grundmodell der Welt haben. Aus einem simplen Ursprung und mit simplen Regeln wurde eine hochkomplexe Welt. Die Regeln sind einfach, aber ihre Anwendung ist es nicht.

Das dicke ABER an dieser Stelle heißt „Gödelscher Unvollständigkeitssatz“, der nämlich besagt, dass, selbst wenn es eine simple Erklärung der Welt gäbe, diese nicht beweisbar wäre.

Was machen wir jetzt damit?

Wir könnten das Fazit ziehen, dass eine Geschichte, sofern Umfang und vorauszusetzendes Wissen mitspielen, keine Obergrenze ihrer Komplexität hat. Aber das ist ein unpraktisches Fazit. Wir könnten uns auch als Teil einer sich im Kleinen und im Großen ins Unendliche ausbreitenden Welt fühlen, was möglicherweise unser Ego für einen Moment entlastet. Oder wir sehen einfach ein, dass wir nicht alles verstehen können (bei genauerer Betrachtung sogar nur einen winzigen Bruchteil von allem). Können wir nicht alles verstehen, so sind wir vom Zwang enthoben, alles verstehen zu müssen, und mit etwas Glück von der ständigen Suche nach Antworten. Wir sollten uns Pausen gönnen. Das Alltägliche steckt voller Unbegreiflichkeiten.

Horror Vacui?

Leere oder Fülle? Kurze Formulierungen oder üppige Beschreibungen?

Vergleicht man klassische westliche Kunst mit klassischer Kunst – klassische Kunst benutze ich hier im Sinne einer Kunst nach lange bestehenden und ungefähr gleich bleibenden ästhetischen Grundsätzen – aus China und Japan, stellt man schnell mehrere grundlegende Unterschiede fest. Einer dieser Unterschiede liegt in der Nutzung der Fläche, die in der westlichen Kunst vollständig gefüllt zu sein hat, während in Asien oft die Leere dominiert. Da ich ein absoluter Laie bin, gehe ich nicht auf Details ein und auch nicht auf die Verbindungen zwischen Kunstverständnis und Religion/Philosophie in den verschiedenen Erdteilen, sondern möchte den angesprochenen Gegensatz als Denkanstoß verwenden, um über literarischen Stil nachzudenken.

Man sollte meinen, dass jemand, der einen Text derartig einleitet, unbedingt eine Lanze brechen wollte für die Sparsamkeit und den Mut zur poetischen Knappheit, doch wäre das in meinem Fall paradox. Sorck ist trotz der vergleichsweise geringen Seitenzahl reichlich gefüllt, sowohl sprachlich ausladend in mancher Hinsicht als auch inhaltlich nicht eben knapp. Aber das ist bloß die eine Hälfte der Wahrheit, denn gleichzeitig habe ich den Leser*innen viel Raum für eigene Vorstellungen und Interpretationen gelassen, und damit eine Überfülle an (für mich persönlich) redundant wirkenden Informationen weggelassen. Ein Beispiel wäre die kaum vorhandene äußerliche Beschreibung des Protagonisten, und auch das Aussehen der Nebenfiguren wird meist nur umrissen. Meine Idee ist grundsätzlich, dass es mir als Leser nicht hilft, wenn eine Figur detailliert beschrieben wird, da ich mir ohnehin eine eigene Vorstellung von ihr mache, die von der des Autoren/der Autorin abweicht. Einen Fürsten stelle ich mir in entsprechender Kleidung vor, auch ohne dass diese beschrieben wird. Solange das Äußere nicht der Charakterisierung der Figur oder dem Inhalt der Geschichte dient, ist es überflüssig und sollte nicht lang und breit beschrieben werden. Andere Ansichten sind selbstverständlich zulässig.

Sinn der oben angesprochenen Leere in japanischer und chinesischer Malerei ist unter anderem die Betonung der wenigen dargestellten Elemente. Alle nicht essentiellen Parts lenken nur vom Wesentlichen ab. Ist das Wesentliche eines Bildes ein Berg, brauche ich keine Wolkenlandschaft, es sei denn, die Wolken sollen die Höhe des Berges betonen. Aus meiner Sicht wären überbordende Beschreibungen wie die Wolkenlandschaft – möglicherweise hübsch, aber überflüssig und vielleicht sogar störend.

Wie man in bisherigen Artikeln feststellen konnte, verstecke ich gern Spielereien in meinen Texten (und in meinen gemalten Bildern, die nur selten noch einen weißen Fleck aufweisen, übrigens auch), Hinweise und Anspielungen. Das alles erfüllt einen Zweck, wäre aber bei strenger Befolgung einer Poetik der Knappheit wegzustreichen. Doch wo käme man hin, verfolgte man so eine Poetik? Vermutlich zurück zur Neuen Sachlichkeit, und da wollen wir nicht wieder hin, oder? Entsprechend müsste man an anderer Stelle eine Trennlinie ziehen. Meine Geschichten finden im Kopf statt. In den Köpfen der Figuren und in den Köpfen der Leser*innen. Action kommt vor – in Sorck sogar nicht wenig – und dient doch bloß der Untermalung des tieferen Sinns, dient Interpretationen und Lesarten. Im Roman bleibt absichtlich unklar, ob die Handlung tatsächlich passiert, ob sie allegorisch zu verstehen ist, ob sie vom Protagonisten geträumt oder fantasiert wird. Darüber soll man nachdenken, denn möglicherweise ändert die Lesart auch das Verständnis des Werkes.

Generell ließe sich streiten, was knapp, was leer, was genug, was zu viel oder zu wenig bedeuten soll, wenn es um Literatur geht. Am Ende ist es eine Frage des Stils auf Seiten der/des Schreibenden und eine Frage des Geschmacks auf Seiten der Lesenden. Als Leser genieße ich ausgelassene, poetische Sprache genau so sehr wie präzise, auf den Punkt formulierte Sätze. Sprachlich bin ich da offen, solange die Qualität stimmt. Inhaltlich jedoch bin ich wählerischer, verdrehe bei blumigen, unnötigen Um- und Beschreibungen die Augen und lege im schlimmsten Fall das Buch weg.

Wie seht ihr das?

Shibari-Ästhetik

Über die besondere Ästhetik des Shibari.

Der wichtige Begriff hier lautet Kunst. In einigen früheren Artikeln habe ich bereits über BDSM und teilweise über die Ästhetik der Szene geschrieben. Hier könnt Ihr die Texte nochmal nachlesen:

Freiheit, Geborgenheit, BDSM

Sorck: Frau Major

Seit zwei Tagen habe ich eine vage Idee im Kopf, der ich in diesem Beitrag nachgehen möchte, weil ich weiß, dass ich schreibend anders denke. Beim Shibari geht es nicht darum, jemanden einfach zu fixieren, sondern darum, dies kunstvoll zu tun. Praktisches wird mit Ästhetischem verbunden und dieses Praktische wiederum dient üblicherweise der Erotik. Wo immer derart unterschiedliche Aspekte aufeinanderprallen, droht Kunst zu entstehen.

Shibari ist das Einfangen einer lebendigen Fotografie. Die künstlich hergestellte Position der gefesselten Person wird mithilfe von Seilen fixiert, wie eine in Pose gesetzte Person mithilfe von Pinselstrichen (einzelner Haare, wie kleine Seile, in Farbe getaucht) auf die Leinwand gebunden wird. Durch die zusätzliche Dimension, die die Malerei nur andeuten kann, ähnelt Shibari-Kunst eher Bildhauerei: Eine Figur, fixiert im Augenblick. Doch die Bildhauerei unterscheidet sich wiederum durch ihre Beständigkeit vom Shibari, denn dieses ist beschränkt durch die Vergänglichkeit des Materials – der Mensch ist vergänglich und die Position, in die er geschnürt wird, kann ohne gesundheitliche Schäden nicht ewig gehalten werden. In diesem Sinne wäre Shibari verwandt mit Street Art, dessen Essenz die Vergänglichkeit ist. Sie wird übermalt von anderen Künstler*innen oder Gegnern dieser Kunst, zerstört durch das Wetter oder durch den Abriss der Wände, die ihr als Untergrund dienen. Es wäre für Street Art-Künstler*innen aber eher ungewöhnlich, wenn sie ihre eigenen Kreationen selbst auflösen würden, wie man es beim Shibari tut.

Aussage ist ein wichtiger Punkt von Kunstwerken, doch gibt es etliche Beispiele, in denen Aussage keinerlei Bedeutung besitzt, sondern Konsequenz (im Sinne einer Entwicklung, beispielsweise monochrome Gemälde als Höhepunkt des Reduzierungszwangs in der modernen Kunst), Technik, Provokation oder reine Ästhetik. Shibari könnte man als aus einem Handwerk entwickelten Kunstform definieren, in der Aussage hinter Technik und Ästhetik zurücktritt, wobei die Technik wiederum sowohl im Dienste der Ästhetik steht als auch für sich Bedeutung trägt. Das Material könnte interessanter kaum sein: Der Mensch, verschnürt zu einem Gemälde. Durch die ständige Veränderung des Menschen wird jede noch so perfekte Shibari-Installation mit jeder Wiederholung zu einem neuen Werk, immer einzigartig.

In Bezug zum Beitrag über den Begriff der Begrenzung wäre noch interessant, dass dieser Aspekt besonders stark beim Shibari hervortritt. Der Körper wird in Segmente eingeteilt, Seile werden zu Bilderrahmen und die Haut zum Gemälde, der Körper wird zu einem Mosaik, und doch ist das Werk nur als Ganzes Kunst. Am Ende hat man einen Ausschnitt aus einem Leben, einen begrenzten Menschen, frei und vollständig, befreit von Verantwortung für eine Weile, freiwillig zum Objekt gemacht, das den eigenen Willen beurlauben darf.

Ich darf nicht unerwähnt lassen, dass es im Roman Sorck eine Szene mit Bondage-/Shibari-Elementen gibt. Die Passagiere sind nicht gefesselt, aber bewegungsunfähig und wehrlos, während die Kellner zum Teil verschnürt sind, sich aber frei bewegen. Das menschliche Leben ist eine Ansammlung von Widersprüchen, und häufig sind jene unfrei, die frei scheinen, und umgekehrt.

Es gibt etwas an diesem Themenfeld, das ich nicht recht greifen kann und das mich beschäftigt. Worauf möchte ich hinaus? Wonach suche ich? Vielleicht ist es wieder die Frage nach Freiheit, Kontrolle und Realität (beziehungsweise der subjektiven Wahrnehmung dieser). Was dem einen Menschen eine Höllenvorstellung ist, ist dem anderen eine Erlösung. Niemand möchte sich wehrlos fühlen. Doch was sind wir anderes als wehrlos, wenn wir jemandem vollends vertrauen und uns nackt zu ihnen legen, schlafend oder wachend, Hände an verletzlichen Stellen des Körpers zulassen? Vertrauen ist wohl der Knackpunkt, Vertrauen und Hingabe. Damit wäre beim Shibari nicht bloß der Künstler/die Künstlerin dem Werk ergeben, sondern auch das (lebendige) Werk dem Künstler/der Künstlerin. Wenn Literatur als Dialog zwischen Autor*in und Leser*innen verstanden werden kann, wäre Shibari der Dialog zwischen Werk und Künstler*in – ein echter Dialog, nicht ein indirekter. Oder?

Möglicherweise werde ich Antworten auf meine Fragen und zufriedenstellende Endpunkte für meine Gedankengänge zu diesem Thema finden. Dann teile ich sie mit euch. Sollte ich keine Endpunkte finden, werden weitere schlecht verknüpfte Seile in meinem Kopf herumtreiben. Was ist besser? Lose Seile, die man vielleicht niemals verknüpfen kann, oder ein gordischer Knoten, der sich nur lösen lässt, indem man ihn zerstört?

Ameisen

Über Ameisen als Symbol in der Literatur.

In der Anime-Serie Neon Genesis Evangelion gibt es eine Szene, in der Shinji in der Bahn sitzt, durch die Stadt fährt und eine Ameise sieht. Er sagt, dass es ein Zeichen der wirklich Einsamen sei, dass sie Ameisen sähen. Dieses Bild habe ich immer geliebt und nie wieder vergessen. Es gibt nichts Einsameres als eine einzelne Ameise ohne Anschluss an die anderen.

Wenn in einem meiner Texte eine Ameise auftaucht, kann man sich sicher sein, dass Einsamkeit eine Rolle spielt. In Das Maurerdekolleté der Gefräßigkeit, der dritten Geschichte in Das Maurerdekolleté des Lebens, läuft Theo an Verletzten vorbei, die sich wie verletzte Schnecken über den Boden schleifen, während er wie eine Ameise an ihnen vorbeiläuft. Hier steht die Ameise auch für das Kriegerische in ihm und schlicht die Art, wie er stakst. Doch die Friss oder stirb-Attitüde, die er an den Tag legt, führt zwangsläufig zu einer Abkapselung, auch wenn diese nicht groß thematisiert wird. Sie klingt jedoch in der Kälte des Umgangstons, den er pflegt, mit, wie ich finde.

Ameisen überleben durch Zusammenarbeit, ein gemeinsames Ziel und klare Aufgabenverteilung. Jede einzelne Ameise ist Bestandteil von etwas Größerem. Denken wir besonders an jene Ameisenarten, die keine festen Bauten haben, sondern Konstrukte aus ihren eigenen Leibern erstellen, um sich zu schützen. Alle ineinander gehakt, alle gemeinsam. Das einzelne Wesen ist nur im Zusammenhang mit den anderen von Bedeutung. Ohne die anderen verliert eine Ameise alles. Das ist der Kern des Bildes der einsamen Ameise: Nicht nur ist eine Ameise meist mit Artgenossen zusammen, sondern sie verliert jeden Lebenssinn, jede Aufgabe, wenn sie von den anderen getrennt ist. Fühlt sich echte Einsamkeit nicht genau so an? So abgekapselt zu sein, dass jeder Sinn sich auflöst.

Uns im Westen könnte der Vergleich mit Ameisen übel aufstoßen, da wir viel von unseren Individualität halten. Wir sehen uns zuallererst als Einzelwesen und erst danach als Teil der Gesellschaft, in der wir leben. Ich bin Künstler, ich sehe das mit Sicherheit so. Doch nicht überall auf der Welt trennt man das eigene Wesen so sehr von Gesellschaft und Staat. In Kulturen, die diese Einbindung des Individuums in die Gesellschaft und seine Identifikation mit dieser stärker ausgeprägt leben, werden Menschen den Lebenssinnverlust durch Vereinzelung deutlicher spüren, vermute ich. Dennoch können auch wir das Bild verstehen.

Manchmal frage ich mich, ob die Suche oder Frage nach einem Lebenssinn nicht erst mit der Einsamkeit kommt, oder ob diese Suche Einsamkeit verursacht beziehungsweise verstärkt. Findet man keine Antwort auf die Frage, hilft es dem Ego sicherlich nicht.

Mir ist gerade ein anderer Ameisen-Vergleich eingefallen. Vorweg: Ich bin kein Biologe und erzähle das Folgende aus meiner Erinnerung an Dokumentationen. Also: Im Regenwald gibt es interessante Pilzarten, die sich auf Insekten (einige auf Ameisen) spezialisiert haben für ihre Fortpflanzung. Die Sporen des Pilzes setzen sich in einer Ameise fest und manipulieren diese wie ein Parasit. Eine befallene Ameise wird sich in der Nähe anderer Ameisen auf eine Erhöhung begeben. Dort sprießt der Pilz aus ihrem Körper heraus und verbreitet schließlich neue Sporen, die Ameisen befallen. Dies kann eine ganze Kolonie auslöschen. Daher wird eine befallene Ameise, sobald sie entdeckt worden ist, von anderen Ameisen aus dem Bau getragen und in ausreichender Entfernung liegen gelassen. Wo ist das Bild? Betrachten wir die Sporen als Ideen und jede Ameise, aus der ein Pilz bricht, als Ideen-Multiplikator (Künstler*innen, Politiker*innen etc.) wird es interessant. Vor manchen Ideen muss man den Bau schützen und manchmal werden neuartige Ideen mundtot gemacht, die gehört werden sollten. Man könnte die befallenen Ameisen auch als Außenseiter in Sachen Kunst oder Mode betrachten, deren Ideen, Optik, Sound o.ä. schließlich vom Mainstream absorbiert wird, wenn sie populär genug geworden sind (also wenn die Sporen weit genug getragen worden sind). Durch die Ausrottung der Ameisenkolonie als Folge wären allerdings giftige Ideen die bessere Wahl als implizierte Bedeutung. Generell sollte man vorsichtig sein, Menschen mit Tieren und besonders mit parasitären Lebensformen zu vergleichen.

Was mache ich jetzt mit diesen Gedanken? Was macht ihr damit? Vielleicht sitzt ihr bald auf einer Wiese (mit ausreichend Abstand zu anderen Personen), schaut auf den Boden, seht eine Ameise und stellt fest, dass ihr weniger einsam seid, als ihr sein könntet. Seht euch um! Ihr seid noch immer Teil der Kolonie.

Sorck: Eva

Über die Figur Eva im Roman “Sorck” und ihre mythologische Herkunft.

Für diesen Artikel werde ich weit ausholen müssen, einige Spoiler nicht umgehen können und mehrere Bilder des Buches aufschlüsseln. Daher empfehle ich dringend, nur weiterzulesen, wenn man das Buch bereits kennt.

Es soll um Eva gehen, die zentrale weibliche Figur des Romans Sorck. Ich werde weniger über ihre Auftritte im Buch schreiben als mehr über ihre Bedeutung, ihre Namensgebung und einige Details, die viele überlesen haben mögen.

Im Roman gibt es etliche mythologische und religiöse Bezüge, die man kaum übersehen kann. Dass der Name Eva aus der christlichen Tradition stammt, kann man sich denken. Eva war laut der heutigen Bibel die erste Frau, die Gott geschaffen hat (und zwar aus Adams Rippe). Meine Figur Eva ist in der Hierarchie der auftretenden Figuren die erste weibliche Figur, die wichtigste. Allerdings ist sie nicht wie die biblische Eva eine Dienerin des Mannes, sondern sehr viel mehr als das. Daher wird sie an einer Stelle beschrieben als die gezähmte Lilith, die freie Eva. In einer Version der Bibel, gegen die sich die (männlichen) Anführer der damaligen Christensekten entschieden haben, als sie die heute Bibel zusammenstellten, gab es eine Frau vor Eva – Lilith. Lilith war nicht aus Adams Rippe entstanden, sondern ihm gleichwertig geschaffen worden. Allerdings war sie zu gleichgestellt, was zu Stress führte, und dann wurde sie verbannt. Später tauchte Lilith als Dämonenfigur auf und wurde noch erheblich später hier und da als Symbol der Emanzipation verwendet. Die Umschreibung der gezähmten Lilith und der freien Eva habe ich verwendet, um meine Figur von den Charakterisierungen ihrer Namensgeberin loszulösen und gleichzeitig auch von denen ihrer Vorgängerin. Meine Figur Eva ist nicht die christliche Eva und auch nicht die (vor)christliche oder dämonische Lilith, sondern beides oder keine davon. Sie ist weder Symbol ungezügelter, kampflustiger Freiheit noch ist sie Symbol der Unterordnung und Anpassung, denn sie hat ihren Weg und ihren Frieden gefunden, indem sie sich gerade so viel anpasst, wie sie muss, gerade so viel unterwirft, wie sie möchte, und in alledem ihre Freiheit und ihre Eigenwilligkeit behält. Sie ist die freieste und zufriedenste Figur des Buches. Sie repräsentiert den Zwischenweg, den Martin Sorck nicht sehen kann – tatsächlich kann er sie beim ersten Auftritt nicht richtig sehen, da immer ein Lichtstrahl ihn blendet.

Der Roman Sorck kann als absurdistisches Werk gelesen werden. Der Protagonist hat alles verloren, inklusive einem Lebenssinn beziehungsweise dem Glauben an einen Lebenssinn. Laut der Philosophie Albert Camus’ gibt es drei Lösungen für dieses Problem: Selbstmord, Religion, Akzeptanz (und damit ein Sinnersatz). Diese drei Wege, besonders die ersten beiden, ziehen sich durch das gesamte Werk. Sorck zieht Suizid als Option in Betracht, ist umgeben von religiösen und mythologischen Bildern und besucht Kirchen. Eva ist ebenfalls in alle drei Wege verstrickt und zieht sich auf ähnliche Weise durch das Werk. Ihr allererster Auftritt auf der Party im Schiffsinneren enthält eine Beschreibung, die extrem aufmerksamen Leser*innen später wieder begegnet. Sie steht im Licht, trägt ein Kleid und richtet ihren Finger gen Himmel. Das ist die gleiche Pose, die die Heilige im Schrein in der Tallinner Kirche hat, die Martin besucht. Auf der Party bereitet Eva die Drogen vor (übrigens eine Verknüpfung zum wenigstens parasuizidalen Lösungsweg des absurdistischen Ansatzes), die Martin nimmt, und im Schrein hält die Heilige ein Weinfass – Symbol auch der Fruchtbarkeit. Unter der Heiligenfigur ist die lateinische Inschrift Terrae Mater Umidae, (gewidmet) der feuchten Mutter Erde, sowie ein Name in kyrillischer Schrift, die Martin nicht lesen kann. Der Name, der dort steht, lautet Mokosch. Mokosch ist eine Göttin im Pantheon der slawischen Mythologie, die Fruchtbarkeitsgöttin. Der Wortstamm ihres Namens ist mok = feucht und deutet auf den feuchten, fruchtbaren Ackerboden, die feuchte Mutter Erde, hin. Damit ist Mokosch inetwa die slawische Version der Aphrodite, der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin und Mutter der Harmonia, die wiederum die Namensgeberin des Kreuzfahrtschiffes im Buch ist. Evas Verknüpfung mit allen Ebenen der Geschichte ist auch daran zu sehen, dass ihre Darstellung als Mokosch im Schrein auf die beiden Vögel weist, die die Gottheiten Bieleboh und Czorneboh repräsentieren. (Den entsprechenden Eintrag zu den beiden findet ihr hier: Zwei Vögel und die Ordnung im Chaos) Mokosch wurde häufig in Verbindung mit Wassergeistern, den sogenannten Vilen, dargestellt, was eine weitere Verbindung zum Schiff und dem Element des Wassers, das alle Stationen der Geschichte verbindet, zeigt.

Diese Verknüpfung Evas und Mokoschs, besonders in einer christlichen Kirche, bindet sie klar in den mythologischen und religiösen Kontext des Werkes ein. In Betracht auf die absurdistische Grundphilosophie des Werkes hat sie also eine Verbindung zu einem der rettenden Wege und rettet ihn ja tatsächlich am Ende. Allerdings repräsentiert sie, wie oben erwähnt, einen Zwischenweg. Eva ist nicht der Weg der Religion, sie ist schließlich nicht Mokosch, sondern teilt nur Eigenschaften mit ihr, beide stehen sich nahe, sind aber nicht eins. Eva ist nämlich auch, um es mit diesem grässlichen Begriff zu beschreiben, Martins Love Interest. Man könnte also sagen, dass die Liebe Martin rettet oder dass Liebe als Religionsersatz dient, aber das wäre mir zu kitschig. Eher würde ich folgendes sagen: Wer Sinn nicht auf höherer Ebene finden kann, findet ihn vielleicht auf der Erde, in anderen Menschen. Wenigstens Trost und Glück kann man dort finden. Das repräsentiert Eva – einen Gegenpart, der alles ersetzen kann. Hierbei geht es nicht um die Rettung des Mannes durch die Liebe der Frau, sondern um die Rettung oder Bekehrung des Menschen (oder bloß Hilfe für den Menschen) durch die Liebe. Mokosch ist die Göttin der Fruchtbarkeit und der Weiblichkeit – übrigens auch des Schutzes der Schafe, was eine witzige Nebenerscheinung ist, wenn man daran denkt, dass Martin sich häufig wie ein dummer Bock anstellt. Diese Weiblichkeits- und Fruchtbarkeitssache will ich nicht verstanden haben, wie oben erwähnt, als Rettung des Mannes durch die Frau oder durch die Liebe. Dass dem nicht so ist, sieht man wohl gut daran, dass Martin sie dafür hält und sie nach der Liebesnacht einfach geht. Es ist nicht ihre Rolle, ihn zu retten, sondern ihm zu zeigen, dass es auch anders geht. Ich sehe es so, dass Eva einen Widerpart darstellt, eine andere Seite, vielleicht eine andere Seite an Martin, die er erst entdecken muss. In der Spiegelfigur des Arsonovicz kann Sorck sich selbst reflektieren, während er in Eva Neues entdecken kann, und das ist es, was er braucht: etwas Neues, einen anderen Weg. Hier könnte ich nochmals auf die Verbindung der Mokosch-Darstellung im Schrein mit den Schöpfungsgöttern Bieleboh und Czorneboh eingehen, dem hellen und dem dunklen Gott, die sozusagen aus der Mischung beider die Welt erschaffen. Martin sieht alles dunkel und Eva ist anfangs das Licht und am Ende sind beide menschlicher: Er weniger dunkel, sie weniger hell. Die Fruchtbarkeitsgöttin erschafft neues Leben oder inspiriert dazu und neues Leben bedeutet eben auch wieder neu begonnenes Leben, Felder, die nach dem Winter wieder blühen, und Menschen, die nach kalten Phasen wieder am Leben teilnehmen können. Schöpfung und Wiederbelebung sind nahe verwandt, ganz besonders in der Literatur.

Eine kleine Bemerkung am Ende:

Früher gehörte ich zu den Schülern, die glaubten, dass all die Interpretationen Unfug seien, weil kein*e Autor*in sich wirklich derartige Gedanken machen würde. Nun, ich lag offensichtlich falsch.

Mehr als Vernunft

Über den Verlust der Magie im Leben.

Was ich in diesem Text vorhabe, ist keine saubere Argumentation, sondern eher eine Ansammlung von Anreizen, um über sich selbst und die eigenen Bedürfnisse nachzudenken. Der Mensch braucht mehr als Vernunft und Systeme und geradliniges Denken. Neulich habe ich folgende Aussage von Daniel Kehlmann in Der unsichtbare Drache, einem Gespräch zwischen ihm und Heinrich Detering, gelesen: Ich glaube tatsächlich, dass wir eine Summe von Widersprüchen sind, und hinter den Widersprüchen ist nichts. Das fand ich interessant. Der Mensch als zwiespältiges Wesen, das ständig damit beschäftigt ist, die Widersprüche zu klären.

In einer Philosophievorlesung hörte ich damals eine Erklärung für die Schwierigkeiten, die Menschen damit haben, vernünftig zu handeln. Es hieß, dass der Mensch einerseits vernunftbegabt sei, also eigentlich wisse, was er zu tun habe, um ein gewisses Ziel zu erreichen – Das Beispiel war: Der Professor ist zu dick, weil er zu viel Torte isst, und würde gern abnehmen. Die Vernunft sagt: Iss weniger Torte! –, aber gleichzeitig sei der Mensch ein Wesen, das Gefühle und Triebe habe, also Dinge wolle, die der Vernunft widersprächen (er will Torte essen). Aus Müssen (Torte nicht essen, um abzunehmen) und Wollen (Lust auf Torte) entsteht Sollen. Ein grundsätzlicher innerer Widerspruch, dem wir nicht entkommen können. Wir können uns nur darin üben, unsere Gefühle zu akzeptieren und in gesundem Maße auf unsere Vernunft zu hören.

William Butler Yeats beklagt in seinem Werk Celtic Twilight den Verlust der Magie oder des magischen Denkens in der Welt. Er sammelte Erzählungen der irischen Landbevölkerung, Mythen und Geschichten, um sie zu bewahren und einen Eindruck einer Welt zu vermitteln, die so ganz anders ist als die, in der wir heute leben und die sich in seiner Zeit bereits stark herauskristallisierte. Aus einem Gemisch von Aberglauben, dem Glauben an das magische Volk, Feen, Dämonen und andere Wesen, und dem christlichen Glauben bildete sich ein Zusatz zum Alltag der Menschen in Irland (und sicherlich auch anderswo auf der Welt, hier und da), der nicht materialistisch und nicht materiell bedingt oder begrenzt war, sondern den Bereich des Magischen ganz natürlich integrierte.

Man kann sagen, dass das Christentum in unserem Erdteil diese Magie über Jahrhunderte gezielt zerstörte, um die religiöse Vormachtstellung aufzubauen und zu erhalten (gestützt von weltlicher Politik, die eigene Vorteile daraus zog). Nach der Spaltung des Christentums in Katholiken und Protestanten wurde diese Entwicklung fortgeführt und sogar verstärkt. Die protestantische Weltsicht konzentrierte sich stärker auf das Diesseits als die katholische und brachte schließlich neben anderen Bewegungen die Calvinisten hervor, die grob zusammengefasst glaubten, dass man sich das Himmelreich durch harte (weltliche und religiöse) Arbeit verdienen müsse. Auf die Calvinisten geht auch der Spruch „Zeit ist Geld“ zurück. Sie waren ein starker Antrieb für die Industrialisierung und damit eine Welt, in der Magie vollkommen verdrängt wurde durch Materialismus. Die Konzentration auf das Diesseits und das Materielle führte schließlich zu unserer jetzigen Welt, in der selbst das Christentum, das man noch als letzten Rest Magie und Glauben betrachten kann, immer weniger Anhänger hat und zu verschwinden droht.

Heutzutage wird der Mensch zu häufig als Funktion betrachtet und betrachtet sich selbst unbewusst auch so, Glück wird missverstanden als Erfolg beziehungsweise größerer Erfolg wird mit größerem Glück gleichgesetzt, also materieller Zugewinn oder Statusgewinn statt Selbstzufriedenheit ist zum Ziel der Glücksbemühungen geworden. Psychische Erkrankungen nehmen immer weiter zu. Wir kennen das. Die innere Widersprüchlichkeit ist nicht mehr in Waage, sondern zu stark in den Bereich vermeintlicher Vernunft gerückt, wobei „vermeintlich“ betont werden sollte, denn es ist eindeutig unvernünftig, sich selbst kaputt zu machen, um materielle Ziele zu erreichen, die bloß wieder neue Ziele und neue Bemühungen fordern.

Christa Wolf stellte diese Entwicklung Anfang der 1980er Jahre in ihrer Vorlesung Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, also die Entwicklung hin zu totaler Rationalität, Kälte, geradlinigem Denken und eindeutigen/einseitigen Systemen (in Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft) und weg von gefühlsbetontem Denken oder der Anerkennung der Wichtigkeit der Emotionalität, in den Kontext des Patriarchats und der Machtübernahme der Männer in und seit vorgriechischer Zeit. Sie versucht zu rekonstruieren, wie aus einer matriarchalischen Gesellschaftsordnung und einer Verehrung von Göttinnen durch Priesterinnen eine Gesellschaft geworden ist, in der nur Männer Priester, Seher, Könige usw. werden konnten und in der alle Hauptgötter männlich waren. In diesem Gedankengang stellt sie heraus, dass die eher weiblich besetzte emotionalere Denkweise durch eine eher männliche, extrem rationale Denkweise ersetzt worden ist, die zwar Fortschritt mit sich bringt, aber auch Leid, Krieg, Zerstörung (damals die große Bedrohung eines Atomkriegs), Kälte und Unterdrückung. Zwar scheint mir die verallgemeinernde Zuteilung weiblich = emotional und männlich = rational, die man ein Stück weit herauslesen kann, überholt oder wenigstens fragwürdig, aber gebe ich ihr insofern Recht, dass eine zu rationale, wissenschaftliche, gewinnorientierte und materialistische Weltsicht ungesund ist und potentiell zu unserem Untergang führt (Klimawandel, Kriege, Ausbeutung, psychische Erkrankungen …).

Eine Erklärung, die nur einen einzigen Aspekt (Patriarchat, Christentum, Kapitalismus) beinhaltet, scheint mir von vornherein zum Scheitern verurteilt. Für komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen oder Erklärungen. Fakt ist aber, dass wir heutzutage nur noch wenig Zugang zu unseren Gefühlen und tiefen Bedürfnissen haben, die sich in früheren Zeiten möglicherweise auch in Form religiöser und magischer Welten und Erklärungsmodelle manifestiert oder sogar gelöst hatten, und auf persönliche und allgemeine Katastrophen zusteuern, die gestoppt werden könnten, deren Stopp aber der Logik unseres auf Wachstum und Geld konzentrierten Systems und teilweise sogar unserem ans System angepassten Denken widerspricht.

Der Mensch ist mehr und braucht mehr als das, was wir leben.

Unsere inneren Widerstände und Konflikte können nicht durch wirtschaftlichen Erfolg oder wissenschaftlichen Fortschritt gelöst werden, sondern erfordern eigene Aufmerksamkeit, Zeit und Konzentration. Kämpfe und Bedürfnisse von innen nach außen zu verlagern, ist im Endeffekt wie das Aufschütten riesiger Müllhalden. Sie werden nicht verschwinden und irgendwann werden sie zu einem großen, stinkenden Problem. Wir sind zu rational für Religionen und zu unreif und zu abgelenkt, um uns mit uns selbst zu beschäftigen, obwohl wir es tun sollten – Wir müssen, um zufriedener und gesünder zu leben, aber wir wollen lieber bequem und gedankenlos sein, und wieder wird aus Müssen und Wollen ein Sollen.

Begrenzung

Gedanken über Schellings Philosophie der Kunst in freier Anwendung.

Der Philosoph F.W.J. Schelling argumentierte, dass die Welt, wie wir sie kennen, und alles darin, inklusive uns selbst, unserer Gedanken und der Dinge, die wir nicht wahrnehmen können, durch Begrenzung abgetrennte Teile einer einzigen Entität, des Absoluten, seien. Diese Theorie schloss dementsprechend auch die Kunst ein. Jedes Kunstwerk kann man als durch Begrenzung entstandenen Part des Absoluten, als Mischung aus der Ganzheit der Dinge und der Individualität des Kunstschaffenden betrachten. Über den Begriff der Begrenzung möchte ich kurz und öffentlich nachdenken.

Die Philosophie Schellings ist interessant, aber überholt und seine Ansichten über die Kunst ebenfalls. Er hätte viele heutige Werke (genau wie viele aus seiner Zeit) nicht als echte Kunst akzeptiert. Gehen wir es daher etwas kleiner an und hangeln uns nicht an seinen Ansichten entlang, sondern nehmen sie nur als Anreiz. Beziehen wir den Begriff des Absoluten einfach mal auf einen Menschen als Ganzes. Er besteht aus einem Körper, einem genetisch vorprogrammierten Kern, der durch Erziehung, Sozialisation und andere äußere Einflüsse, sich weiterentwickelt hat und schließlich ein komplexer Erwachsener geworden ist (mit vielen Erfahrungen, eigenen Gedanken, einer Meinung, Wünschen, Träumen und Grundüberzeugungen). Gehen wir davon aus, dass ein Kunstwerk Ausdruck dieser Gesamtheit ist, entstanden aus der Fantasie dieses Menschen und in der geschaffenen Form einzig und allein von diesem bestimmten Menschen erschaffbar, einzigartig wie der Mensch selbst. Gehen wir weiter davon aus, dass das Ziel dieses Menschen wäre, sich selbst komplett durch die Kunst zu erfassen und auszudrücken. Dieses Ziel würde die unmögliche Aufgabe an ein Kunstwerk stellen, nicht nur alles Bisherige darzustellen, sondern auch alles, was während der Herstellung Bestehende und Vorgehende, und dürfte erst fertiggestellt sein, wenn der Mensch stirbt. Doch auch dann wäre es nicht vollständig, weil es den Tod und die Momente vor dem Tod nicht darstellen würde.

Diese Unmöglichkeit umgehen Künstler durch Begrenzung. Es wird ein Ausschnitt gewählt, ein Thema oder eine Erfahrung, ein Lebensgefühl oder eine Idee, und dieser Ausschnitt wird zu einem Kunstwerk umgesetzt. Man kann eventuell eine Gesamtheit hinter dem Ausschnitt vermuten, wenn man das Kunstwerk betrachtet, aber die Gesamtheit ist nicht dargestellt, kann nicht dargestellt werden. Von allem, was den Kunstschaffenden ausmacht, und allem, was er kann, ist immer nur ein begrenzter Teil, eben ein Ausschnitt, darstellbar. Wiederholt man den Prozess häufig genug, nähert man sich der Gesamtheit, die man ausdrücken möchte, aber erreicht sie nie. Hinzu kommt die oben erwähnte Veränderung des Künstlers beim Schaffensprozess sowie danach. Kunst ist immer auch Ausdruck des Zeitpunkts, in dem sie entsteht, und des Menschen, der zu diesem Zeitpunkt oder in einer bestimmten Zeitspanne existiert. Im Folgejahr entstünde aus der gleichen Idee ein anderes Werk. Das ist vielleicht nicht der einzige Grund, aber ein Grund, warum man niemals aufhört, Kunst zu schaffen.

Das fertige Werk würde in seiner Begrenzung trotz seiner Entfernung vom Gesamtanspruch an die Kunst absolut und abgeschlossen sein und dennoch in dieser Absolutheit oder dieser Absolutheit unbeschadet doch wieder ein Glied des Ganzen (des Menschen, der das Werk geschaffen hat, und der Kunst, dessen Teil es ist) sein. [Der zitierte Teilsatz stammt aus Philosophie der Kunst von Schelling und bezieht sich eigentlich auch Teilbereiche der Philosophie innerhalb der allgemeinen Philosophie.] Immer Teil von etwas Größerem und dennoch für sich vollständig wie wir, wie alles.

Begrenzung ist unumgänglich für den Menschen. Eine Gesellschaft funktioniert, weil sie ihre Mitglieder und die Mitglieder sich selbst und gegenseitig begrenzen. Täte jeder, was er wollte, bräche die Gesellschaft zusammen. Allerdings will auch fast jeder in einer Gruppe mit anderen leben. Diesen Konflikt aus sich widersprechenden Forderungen in uns spüren wir jeden Tag.

Die Freiheit des einen endet spätestens, wo die Freiheit des nächsten beginnt. Das ist der Kern einer funktionierenden demokratischen Gesellschaft. Das heißt, Freiheit selbst benötigt Begrenzung, sofern wir zusammen leben wollen (was wir ja wollen) und unsere Freiheit aufrecht erhalten wollen (was wir ebenfalls wollen). Inwieweit jeder einzelne seine Freiheit verteidigt oder eingrenzt, hängt vom freien Willen ab.

Der freie Wille scheint zunächst unbegrenzt, selbst wenn man äußerlich unfrei sein sollte. Unsere Entscheidungen sind in uns frei und scheinbar unabhängig von anderem, selbst wenn wir in der Ausführung gehindert werden. Doch das ist eine Illusion, wenigstens zum Teil. Freier Wille ohne Begrenzung wäre nicht bloß Willkür, sondern Chaos. Unsere Entscheidungen basieren auf unseren Erfahrungen, unserer Sozialisation und Glaubensgrundsätzen beziehungsweise Prinzipien sowie biologischen Faktoren. Eine Entscheidung kommt also nicht aus dem Nichts und sie funktioniert nur, weil sie begrenzt ist, nicht eingeschränkt, nicht unfrei, aber begrenzt. Wir können uns frei entscheiden in den Grenzen unserer Persönlichkeit. Das ist freier Wille.

Begrenzung ist das, was die Natur und damit uns ausmacht. Insofern gebe ich Schelling Recht. Betrachtet man die Gesamtheit der physikalischen Möglichkeiten der Welt, also das, was wäre, wenn es keine Begrenzung in der Natur gäbe, als das Absolute, könnte man ihm ebenfalls Recht geben. Allerdings ist unsere Welt nur durch die Begrenzung möglich und nicht aus einem Akt der Begrenzung entstanden – man kann keine Kausalbedingung herstellen, da die Gesamtheit ohne die Verbindung beider Dinge nicht möglich wäre: Begrenzung ohne das Absolute ist genau so wenig möglich wie das Absolute (so, wie es existiert) ohne Begrenzung. Dass ich auf einen Begriff wie das Absolute ausweichen muss, zeigt mir bereits, dass die Welt ohne jede Begrenzung eigentlich nicht einmal denkbar wäre – jedenfalls nicht für uns. Meine Begründung ist laienhaft, ich weiß. Man könnte behaupten, dass der Zustand des Universums vor dem Urknall das Absolute ohne Begrenzung gewesen sei und dass die Zeit danach eine zunehmende Begrenzung des Absoluten dargestellt hätte (Abkühlung, Entstehung von Teilchen, irgendwann Masse usw.), aber das ist keinesfalls, was Schelling meinte.

Stellen wir Schelling aber zur Ehrenrettung einen entfernt verwandten Gedanken von Jorge Luis Borges zur Seite. Borges betrachtete jedes einzelne Buch (oder literarische Werk) als Teil eines großen kosmischen Buches, das immer weiter geschrieben wird und alle Werke beinhaltet. Man könnte argumentieren, dass, auf die Literatur bezogen, das große Buch von Borges das Absolute darstellt und jedes einzelne Buch eine Begrenzung des Absoluten oder des absoluten Buches. Wohlgemerkt war Borges weder Philosoph noch gläubig, was man wohl sein müsste, um an ein absolutes Buch zu glauben, sondern spielte lediglich gern mit interessanten Gedanken. Er ging nicht ernsthaft von der Existenz des Buches der Bücher aus. Aber es ist ein schöner Gedanke.

So, jetzt sind wir alle verwirrt und brauchen eine Pause, oder? Ich habe diesen Artikel ohne größere Absicht verfasst, außer der, selbst nachzudenken und andere zum Denken anzuregen. Ich hoffe, das habe ich geschafft.