Von der Peinlichkeit alter Texte

Sartre schrieb sinngemäß, dass sein bester Text immer derjenige sei, an dem er gerade arbeite, doch wenige Monate später würde er ihm doch wieder peinlich sein. Dürrenmatt verglich Romane mit Bildern, da er auch malte, und stellte fest, dass man jahrelang an einem Bild arbeiten könne und es schließlich perfekt würde. Ein Roman wiederum würde niemals fertig, sondern muss abgebrochen werden. Literatur befindet sich im Zeitfluss. Das simple Grund ist, dass wir Autor*innen uns verändern.

Heute habe ich viele Gedichte gelesen, die ich im Laufe der letzten zwei bis drei Jahre geschrieben hatte. Je älter die Texte waren, desto weniger gefielen sie mir. Mein Stil hat sich gewandelt, meine Themen ebenfalls (ein wenig) und ich bin eine andere Person. Dieses Phänomen werden fast alle kennen, die schreiben. Wie geht man damit um? Um das zu beantworten hole ich etwas weiter aus.

Ihr kennt sicherlich die Frage, die ihr euch selbst oder vielleicht jemand anders gestellt hat: Was würdest du in deinem Leben ändern, wenn du eine zweite Chance hättest? Möglicherweise kennt ihr auch den Film Butterfly Effect. Der Gedankengang ist simpel. Verändere ich einen Aspekt meiner Vergangenheit, ändere ich auch alle nachfolgenden Ereignisse. Hat man schwere Fehler zu korrigieren, ist das genau der Punkt, weshalb man etwas ändern würde. Doch wer sagt, dass die neue Version der Ereignisse besser wäre? In meiner Jugend hatte ich große Probleme in der Schule (korrekter: mit meinen Mitschülern) und brach irgendwann ohne Abitur ab. Ich machte eine schreckliche Ausbildung und arbeitete in einem schrecklichen Job. Dann holte ich mein Abitur nach und studierte ein wenig. Auf dem Abendgymnasium lernte ich gute Freundinnen und Freunde kennen, über sie wiederum andere Personen, die für eine Weile noch wichtiger waren. Ich möchte nicht auf die Erinnerungen verzichten. Nicht auf die schönen Erinnerungen aus offensichtlichen Gründen und nicht auf hässlichen, weil ich aus diesen Erfahrungen lernte. Ich wäre nicht hier, nicht an diesem speziellen Punkt in meinem Leben und meinem Schreiben, wenn ich nicht auch viel Mist hinter mir hätte.

Das Gleiche gilt für Literatur. Wir entwickeln uns, wir lernen. Wenn ich die aus heutiger Sicht schlechteren Texte nicht verfasst hätte, würde ich heute keine besseren schreiben können. Der Trick ist vermutlich nur, schnell genug zu veröffentlichen, bevor man es sich selbst verbietet.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass es häufig einen riesigen Unterschied in der Wahrnehmung gibt zwischen einem selbst und allen anderen. Schaue ich in den Spiegel, sehe ich häufig noch den mopsigen Jungen der frühen Jugend oder den dürren Kerl einige Jahre später, während ich längst gut trainiert bin – das weiß ich aus guten selbstbewussten Momenten und durch die Aussagen anderer. Vielleicht sind die Texte also bloß in meinen Augen nicht gut genug.

Literatur befindet sich im Zeitfluss, weil die Verfasser*innen sich verändern. Wir können letztendlich nur hoffen, dass wir die Leser*innen zur richtigen Zeit mit dem richtigen Werk erwischen.

Ein Anschlag auf Adolf Muschg

Ich bin kein glücklicher Mensch. Wer mich kennt, weiß das. Wer mich liest, kann es sich denken. Das ist kein Ruf nach Mitleid, sondern die Einleitung in eine knappe Rollenidee.

Autorinnen und Autoren verarbeiten häufig persönliche Traumata, Sehnsüchte, Probleme und Erlebnisse in ihren Texten. Indem sie das tun, werfen sie ein Licht auf Aspekte unserer Gesellschaft. Entgegen des persönlichen Gefühls sind sie nicht allein mit ihren Problemen. Ihre Probleme – und damit die aller anderen – wiederum sind ein Symptom der Leiden ihrer Umwelt. Was sie besonders macht, ist, dass sie schreiben. So simpel, so kompliziert.

Adolf Muschg sagte in seiner Frankfurter Poetik Vorlesung Literatur als Therapie?: Kunstwerke sind im Grenzfall die einzigen Beweisstücke, wieviel wir aus dem machen können, was uns angetan wird. Seine Theorie ist, dass Schriftsteller*innen nicht vollständig therapierbar sind, da sie durch eine vollständige Heilung ihre Besonderheit und den Grund ihres Schreibens verlören. Sie verweigern sich ein Stück weit das eigene Glück, um weiterhin ihr Unglück verarbeiten zu können. Was mich angeht, liegt er richtig.

Wie Schmerz bloß ein Symptom ist und nicht die Krankheit, ist die Gesamtproblematik eines Menschen lediglich ein Symptom der Krankheit seiner Umwelt. Der einzelne Mensch – und damit auch der Autor/die Autorin – weiß nicht klar zu sagen, was in seiner Umgebung ihn krank gemacht hat, was übergeordnet falsch läuft. Doch die Literatur vermag Wahrheiten auszudrücken, deren sich ihre Erschaffer nicht bewusst sind. Dadurch deutet sie auf Missstände und eröffnet Veränderungsmöglichkeiten. Literaturschaffende ändern die Welt nicht. Doch Leserinnen und Leser vermögen dies – schon durch ihre Anzahl.

Es ist ein faszinierender Ablauf: Eine einzelne Person erfindet eine Geschichte. In dieser Geschichte versteckt sich ein Teil des Schicksals dieser Person. In diesem Schicksal spiegeln sich Aspekte der Gesellschaft. Andere Personen lesen die Fiktion, entdecken die Missstände, ändern diese – und ich denke auch an unbewusste Veränderungen – und verbessern damit die Lage für alle kommenden Generationen. Leserinnen und Leser verhindern die Wiederholung des Schicksals der Autorin/des Autors.

Dies alles sind Gründe für das Verfassen intensiver Literatur und für das intensive Befassen damit. Kafka sagte Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Einerseits entspricht dies meinem persönlichen Geschmack, was wiederum meine Philosophie beeinflusst, und umgekehrt. Andererseits spricht Kafka hier von Selbstverbesserung und damit indirekt von der Verbesserung unserer Gesellschaft. Niemand leidet gern und doch ist es notwendig. Drückt der Arzt bloß an Stellen, an denen es nicht weh tut, wird er den Patienten für gesund erklären und diesem wird nicht geholfen werden.

Ich stelle mich als Symptom zur Verfügung: findet die Krankheit und heilt sie!

Wir brauchen die Hinweise auf unser Leiden, die Erinnerung an Fehltritte und die schmerzhaften Einsichten. Wir brauchen gute Literatur.

Sinn und Bedeutung guter Literatur

Ein hochtrabender Titel, ich weiß.

In diesem Eintrag soll es um mein ganz persönliches Verhältnis zur Literatur gehen und um mein Verständnis eines Lebenssinns.

Ein hochtrabender Titel, ich weiß.

In diesem Eintrag soll es um mein ganz persönliches Verhältnis zur Literatur gehen und um mein Verständnis eines Lebenssinns.

Ich bin kein gläubiger Mensch, obwohl ich es eigentlich gern wäre. Hinweise darauf lassen sich leicht in meinen Werken finden. Dieses Missverhältnis liegt einerseits an einem Hang zu wissenschaftlichen Fakten und philosophischen Argumenten, andererseits an einem Bedürfnis nach Sinn und Ordnung im Leben.

Mein Leben lang dachte ich über Religionen und mögliche Seinsformen Gottes nach: Wie entstanden Religionen? Wieso sehen die Götter in verschiedenen Religionen unterschiedlich aus? Welche Widersprüche stecken in den jeweiligen religiösen Systemen?

So mancher Philosoph, Theosoph und Scholastiker hätte argumentiert, dass mein Bedürfnis nach einem höheren Sinn, nach einer übergeordneten Macht, bereits ein Beweis für die Existenz Gottes darstellt. Ich sehe das anders. Leider fand ich niemals die passenden Argumente oder den richtigen Glauben.

Sinn braucht mein Leben dennoch.

Im Grunde halte ich es mit Albert Camus und seinem Absurdismus, der (sehr grob ausgedrückt) aussagt, dass jede Suche nach einem höheren Sinn über die Möglichkeiten des Menschen hinausgeht und daher absurd ist. Drei Lösungswege gibt es für Personen, die zu dieser Erkenntnis kamen (oder die davon überzeugt sind).

  1. Selbstmord.
  2. Religion: Die Annahme, dass etwas nicht Feststellbares existiert, das Sinn verleiht. Dieser Weg steht aber eigentlich niemandem offen, der wirklich an das absurdistische Problem glaubt.
  3. Sinn im Kleinen suchen. Sinn selbst schaffen. Sinnersatz finden.

Es ist wohl leicht zu erraten, dass ich den dritten Weg gewählt habe. Für mich ist Schreiben und Literatur insgesamt das, was einem Lebenssinn am nächsten ist. Diese Erkenntnis fühlte sich absolut natürlich an und tut es noch. Zugleich hat es mein Leben verändert, dies einzusehen. Über die Details eines im Grunde nihilistischen Lebenswandels lasse ich mich an dieser Stelle besser nicht aus. Aber man kann sich denken, dass es nicht schön war.

Aus diesen Wurzeln stammt (unter anderem) meine Ernsthaftigkeit im Umgang mit Literatur. Ich respektiere jede*n, die/der schreibt, um zu unterhalten, und jede*n, die/der liest, um unterhalten zu werden. Für mich selbst ist das aber nicht genug.

Gute Literatur berührt mich so tief und intensiv, dass ich mich langfristig ändere, mein Leben überdenke, mein Mindset wandele oder die Welt aus anderen Perspektiven betrachte. Ob irgendwann Leser*innen derartige Erfahrungen mit meinen Texten machen werden, weiß ich nicht. Überzeugt bin ich nicht. Aber das ist mein Leitstern und daran orientiere ich mich. Ich will nicht weniger, als die Welt verändern, indem Menschen verändere.

Ich bin außerdem davon überzeugt, dass schwierige Literatur – schwierig zu schreiben, zu lesen und manchmal auch auszuhalten – immer konkurrenzlos dastehen wird. Kein Film, keine Serie und kein Computerspiel wird jemals die Tiefe und Komplexität eines großen Buches erreichen. Wir sollten unsere Leser*innen fordern – durch Komplexität und hohe Sprache herausfordern und durch die Verwendung mehrerer Ebenen, durch schwierige Gedanken und unangenehme Themen auffordern, nachzudenken. Wenn eines meiner Werke nur als Story ohne Tiefgang funktioniert, habe ich versagt. Und fordert mich ein Buch nicht, lese ich es nicht weiter.

Mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden.

Der Schiffsname

In meinem in Kürze erscheinenden Roman Sorck begibt sich Protagonist Martin Sorck auf eine Kreuzfahrt und reist durch die Ostsee an Bord der S.S.C.F. Aisha Harmonia. Um dieses Schiff, die Namensgebung und den Aufbau soll es hier gehen.

In meinem in Kürze erscheinenden Roman Sorck begibt sich Protagonist Martin Sorck auf eine Kreuzfahrt und reist durch die Ostsee an Bord der S.S.C.F. Aisha Harmonia. Um dieses Schiff, die Namensgebung und den Aufbau soll es hier gehen.

Doch zunächst sei mir eine Bemerkung gestattet:

Texte über den Roman beinhalten fast zwangsläufig Spoiler und wenigstens Informationen, die sich Leser*innen eigenständig erarbeiten oder interpretieren könnten. Vor der Veröffentlichung beschränke ich mich daher thematisch auf Aspekte, die ein möglichst geringes Lesevergnügen-Ruinierungspotential haben.

Los geht’s!

Als Star Trek Fan gehört für mich eine Abkürzung wie „USS“ (United Space Ship) vor „USS Enterprise“ zum Namen eines Schiffes, weshalb es mir natürlich erschien, auch der Aisha Harmonia eine solche zu verpassen.

Die Abbreviation „S.S.C.F.“ steht allerdings für „Safe, Sane, Consensual & Fun“, dem Motto der BDSM-Gemeinde. Innerhalb des Romans wird nur an einer Stelle nebenher erklärt, dass dem so ist.

Zwar ist dies auch eine Art Scherz, aber hauptsächlich ein Hinweis auf Parts der weiteren Geschichte, die ich hier – Spoiler usw… – nicht weiter besprechen werde.

Außerdem kam ich auf den Gedanken, dass jeder Passagier an das Schiff gefesselt ist und von ihm abhängig ist.

BDSM ist ein interessantes Phänomen und passend zur Romanthematik, da sich hier wie dort alles um Kontrolle dreht. Ein*e Teilnehmer*in gibt freiwillig die Kontrolle ab, während ein*e andere*r Teilnehmer*in diese übernimmt. Gleichzeitig hält die scheinbar machtlose Person sämtliche Macht in Händen, da der simple Akt des Aussprechens des Safewords den gesamten Vorgang stoppt – oder stoppen sollte.

“Aisha“ als Name der Reisegesellschaft und damit Teil des Schiffsnamens habe ich aus zwei Gründen gewählt. Einerseits klingt „Aisha“ ähnlich wie „Aida“ und erinnert somit an bekannte Kreuzfahrtschiffe. Übrigens basiert der Roman in Teilen auf einer Aida-Kreuzfahrt, die ich selbst einmal unternahm, weshalb mir ein Bezug passend erschien.

Andererseits ist die wohl berühmteste „Aisha“ der Welt die jüngste, beliebteste und mächtigste Gemahlin des Propheten Mohammed. Wie passt das ins Konzept? Religion und Mythologie – Christentum, griechische, nordische, slawische Mythologie – bieten eine Vielzahl von Bildern, die im Roman verbaut sind, weshalb eine Anspielung auf den Koran hineinpasst. Des weiteren ist der Machtaspekt, der Kontrollaspekt, auch hier interessant. Es gibt einen faszinierenden Widerspruch zwischen der Verletzlichkeit und Machtlosigkeit, die man besonders mit ihrem Alter – manche Quellen geben ihr Alter bei der Hochzeit mit sechs an – verbindet, und ihrem tatsächlichen Einfluss auf die Politik.

Bleibt noch „Harmonia“, der wichtigste Part des Schiffes. Harmonia ist laut griechischer Mythologie die Tochter des Ares (Kriegsgott) und der Aphrodite (Liebesgöttin). Liest man den Roman, wird man den Bezug zu ihrem Vater schnell bemerken, während der mütterliche Aspekt auf sich warten lässt, jedoch nicht ausbleibt. An dieser Stelle müsste ich zu viel verraten, was, denke ich, aus Rücksicht auf zukünftige Leser gelassen werden sollte.

Zu Harmonias Geschwistern zählen unter anderem Phobos und Deimos, die man grob mit „Angst und Schrecken“ übersetzen könnte, und deren Rolle im Leben von Martin Sorck als auch auf der Reise der Aisha Harmonia nicht unbedingt gering ist.

Nebenbei bemerkt, finde ich, dass „Harmonia“ durchaus der Name eines echten Kreuzfahrtdampfers sein könnte, was mit zur Entscheidung beigetragen hat.

Glaubt mir, wenn ich sage, dass noch weitere Gedankenarbeit hinter der Namensgebung steckt und dass ich hier eine ganze Liste von Bezügen innerhalb des Romans auf diese Gedanken und die Namen aufstellen könnte, aber es mir für einen späteren Zeitpunkt aufhebe, um niemandem das Lesevergnügen zu ruinieren.

In nächster Zeit werden wieder mehr Beiträge über den Hintergrund zu „Sorck“ gepostet werden, also bleibt dran!

Manuskriptüberarbeitung – wie gehe ich vor?

Meine allgemeine Vorgehensweise bei der Überarbeitung des Manuskripts zum Roman “Sorck”.

Die Rohfassung des Romans Sorck schrieb ich vor etwa einem Jahr. Sofort nach Abschluss der Rohfassung überarbeitete ich das Manuskript, indem ich die Textdatei am Monitor las und Stellen, die mir missfielen, sofort änderte. Danach bekam ein Korrekturleser den Text, korrigierte einige Stellen und dann war das Werk abgeschlossen.
Ziemlich simpler Vorgang. Im Nachhinein betrachtet: ziemlich naiv und ziemlich falsch. Wenigstens für mich.

Inzwischen halte ich es für sinnvoll, vor der Überarbeitung Abstand vom Werk zu bekommen. Mindestens einige Wochen sollte die Rohfassung ruhen, bevor ich mich wieder hineinarbeite und sie überarbeite. Dadurch erhalte ich eine Art Außenperspektive, lese den Text wie ein Leser und nicht wie der Autor. Das wiederum erlaubt mir, kritischer zu sein.

Ein für mich extrem wichtiger Punkt ist außerdem, nicht in der Textdatei direkt zu korrigieren, sondern auf Papier und in Etappen zu arbeiten. Der ausgedruckte Text wird gelesen und alles, was falsch klingt, keinen Sinn ergibt, was einen Übergang benötigt oder ausgebaut werden sollte, wird markiert. Danach erst schreibe ich per Hand die Sätze, Übergänge und neuen Szenen, die ich dann später ins Manuskript einfüge.
Warum mache ich das so? Getippte Sätze wirken optisch perfekt und ausgereift. Es gibt eine (minimale) psychologische Hemmschwelle, die mich davon abhält, getippte Sätze zu bearbeiten. In einem Interview sagte der Autor Chuck Palahniuk, dass er es so hielte. Anfangs kam mir das sehr subjektiv vor, aber dann habe ich es getestet und festgestellt, dass es sich bei mir genau so verhält. Handgeschriebene Sätze kann ich problemlos zusammenstreichen, darin mit Pfeilen herummalen, unterstreichen oder neu beginnen, während getippte Sätze sich wehren.

An dieser Stelle werden manche an Schreibprogramme für Autoren denken, die all das Papier, Notizen, Zettelchen usw. unnötig machen sollen. Das mag für manche funktionieren, für mich aber nicht. In der jetzigen Arbeitsphase habe ich bewusst so viel wie möglich per Hand gemacht: eine aufgestellte Wand voller Notizen, Klebezettel hinter dem Monitor, alle neuen Szenen und Sätze handschriftlich vorverfasst. Auf diese Weise arbeite ich mich tiefer in den Stoff hinein. Es hilft mir sowohl beim Denken als auch meinem Gedächtnis.

Insgesamt habe ich die Überarbeitung in mehrere Phasen eingeteilt:
1. Lesen und markieren, Notizen anfertigen, Ideen sammeln
2. Neue Szenen und Übergänge verfassen
3. Schiefe Einzelsätze korrigieren
4. Neue Szenen und Übergänge einzeln korrigieren
5. Alle korrigierten oder neuen Parts ins Manuskript einfügen
6. Neubeginn bei 1. sowie, falls nötig, 2. bis 6. für das geänderte Manuskript
7. Manuskript an Test- / Korrekturleser geben.
8. Anmerkungen von Korrekturleser durchgehen
9. Falls nötig: Neubeginn bei 1.

Möglicherweise ist das unnötig aufgesplittet oder übermäßig viel, aber das ist meine Arbeitsweise. Jedenfalls für das Manuskript Sorck.
Die zweite Phase ist bei Weitem die langwierigste, da sie die meiste Schreib- und Denkarbeit sowie Recherche erfordert.
Aktuell befinde ich mich in Phase 3.

Nebenher wird übrigens das Cover gestaltet.

Ich hoffe sehr, dass das Endergebnis all die Mühe wert sein wird. Im Augenblick gehe ich jedenfalls noch fest davon aus.

Literatur als Selbstsuche

Nosce te ipsum – Erkenne dich selbst. Schreiben als direkte und indirekte Suche nach sich selbst.

Nosce te ipsum – Erkenne dich selbst. Ziemlich alter Ansatz, oder? Doch denkt man mal ernsthaft nach, gibt es im Allgemeinen nicht besonders viel, über das man sprechen oder schreiben könnte. Angesichts dessen über sich selbst – oder das Selbst beziehungsweise den Charakter der fiktiven Figuren (stellvertretend für Aspekte des Autors) – zu schreiben, scheint eine gute Idee zu sein. Tatsächlich scheint es ein unendliches Thema innerhalb einer kleinen Gesamtauswahl von Themen – Zwischenmenschliches, Beziehung zu Natur oder Gott, Selbstbezogenes – zu sein.
Darum also geht es.

Irgendwo in einem Brief oder Tagebucheintrag von Hermann Hesse – es muss aus der Zeit vor oder während des Verfassens von Siddhartha gewesen sein – las ich den Vergleich des menschlichen Charakters mit einem stark verästelten Baum. Wäre man imstande jeden einzelnen Zweig durch Literatur auszudrücken – zu verarbeiten? – fände man Erleuchtung. So oder so ähnlich hieß es.
„Erleuchtung“ ist ein Wort, das nur in gerechtfertigten Zusammenhängen und aus geübtem Mund kommen darf. Im Falle von Hesse wären Zeitraum und Verfasser stimmig und damit die Verwendung vertretbar.

Ist es nun das, was ich tue? Lange Zeit hielt ich dieses Vorgehen für die einzig mögliche Art Literatur zu schaffen. Sich selbst auszudrücken, herauszukehren, was im Geist brodelt, was beschäftigt, was quält. Ein rein technischer Ansatz war mir fremd. Ebenso eine Massenproduktion von immer gleichem Stoff in verschiedener Verpackung.
Als ich das erste mal las, dass Edgar Allen Poe beim Erarbeiten von The Raven sehr technisch, eigentlich rein technisch, vorgegangen sein soll, empfand ich das beinahe als Vorwurf und wehrte mich regelrecht dagegen. Wie dankbar war ich, dass sich auch Borges dieser Aussage von Poe selbst entgegenstellte. Allerdings hat ein sehr technischer Ansatz – denken wir doch auch an Umberto Eco und seine Arbeitsweise – immerhin den Beigeschmack von Arbeit, Planung und Intelligenz.
Massenhaftes Wiederkäuen von Romanzen, Schnulzen und billiger Fantasy verstehe ich jedoch nicht. Vermutlich sieht kein Autor sich selbst als ein solcher Massenfabrikant.
Im Übrigen will ich weder ganze Genres verdammen noch die Möglichkeit auszuschließen, dass auch ich zu den Gruppen gehöre, die ich von außen zu betrachten scheine – oder wenigstens auf andere entsprechend wirke.
Unter den Lesern von Nietzsche seien ungewöhnlich viele Übermenschen gewesen, habe ich irgendwo gelesen – bei Kehlmann?

Eine meiner schlechteren Eigenschaften ist meine Angewohnheit vorschnell zu urteilen. Möglicherweise bin ich ungerecht, wahrscheinlich sogar, doch sehe ich die Welt zurzeit mit meinen Augen, die morgen andere sein mögen, aber eben heute noch nicht.

Offenkundigstes Zeichen, dass Literatur für mich Suche nach mir selbst ist, könnte sein, dass ich mich über Literatur definiere. Ein geschlossener Kreis, sollte man meinen.
Dass ich ein Autor bin, wusste ich spätestens mit dreizehn Jahren, als ich meine ganze Wut in eine txt-Datei voll religiöser Metaphern, die ich selbst kaum verstand, tippte. Es waren grässliche Machwerke, die ich damals erschuf, doch konnte man deutlich erkennen, wie es mir ging. Ich erinnere mich an Schalen, angefüllt mit Wut, die Gott ausleerte. Apokalyptische Visionen im Grunde, die von einem geistigen Feuer kündeten. Allerdings, das muss man sagen, eben in schrecklichem Stil verfasst.
Der Punkt ist: Ich schrieb kryptisch auf, wie es mir ging, drückte mich also selbst aus, versuchte mich selbst besser zu verstehen.

Meine Texte sind jedoch niemals wirklich nahe an mir dran. Das darf man nicht falsch verstehen. Es handelt sich um meine Ideen, möglicherweise meine Sichtweise, meine Gefühle, doch nicht um autobiographische Literatur. Die großen Krisen meines Lebens brauchen viele Jahre, um Stoff zu werden. Sind sie dann soweit, liegen sie unter Schichten von Worten und Bildern begraben, die es so viel einfacher machen, sie zu packen und maskiert der Welt zu zeigen.
Und doch, meine Arbeit ist Sinnsuche, Selbstsuche. „Sinnsuche“ ist wieder so ein Wort, das schön klingt, doch nichts bedeutet. Ultimativ glaube ich an keinen Sinn – keinen Lebenssinn –, also habe ich mir einen genommen, mich für einen entschieden und bin dabei geblieben. Literatur ist also vielleicht doch eher Sinnerfüllung als Sinnsuche. Sinn suche ich in mir selbst, in meinem Handeln und Fühlen, meinen Entscheidungen. Sinn für mich, nicht im Rahmen des Universums oder Schicksals.
Ist es eine bewusste Suche? Ja und nein. Wie man sieht, ist es mir bewusst, dass es diesen Vorgang gibt. Er ist mir willkommen. Während ich schreibe, bin ich Regisseur und Zuschauer, sehe die Bühne vom Zuschauerraum aus, weiß, was vorne passiert und wie das Stück auszusehen hat, doch was hinter der Bühne geschieht, erfahre ich, wenn überhaupt, erst nach der Show.
Für den laufenden Vorgang fehlt mir das Bewusstsein.
Am Ende ist es also wie bei Platon. Was ich lerne, wusste ich – offensichtlich – bereits, erinnere mich also nur. Mit jedem Text ein Puzzlestück mehr.
Weniger aktive Selbstsuche als passives Selbstfinden?

Solange ich denken kann, starten ungeplant Sätze in meinem Kopf, deren Ende ich nicht kenne. Üblicherweise beginnen diese Sätze mit „Das Leben ist“ oder „Ich bin“ und bringen mich zum Nachdenken.
Was bin ich denn in diesem Moment? Bin ich wütend? Warum bin ich wütend? Bin ich…?
Die Wahrheit ist, ich weiß es meistens nicht zu sagen. Doch dreht sich das Rad der Fragen in mir weiter, ohne dass ich es merke, und spuckt wie ein frustrierter Koch Antworten in meine Texte.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Suppe auszulöffeln.

Wie ich gern schriebe

Hier kommen wir an einen Knackpunkt im Leben eines Autoren. Zwar hat jeder eine eigene, natürliche Erzählstimme, aber eben auch Vorbilder, Wünsche, Ziele und viel zu viele Vergleichsmöglichkeiten.

Hier kommen wir an einen Knackpunkt im Leben eines Autoren. Zwar hat jeder eine eigene, natürliche Erzählstimme, aber eben auch Vorbilder, Wünsche, Ziele und viel zu viele Vergleichsmöglichkeiten. Eine Anpassung beider Richtungen – der natürlichen Eigenart und dem angestrebten Stil – aneinander ist ein stetiger Entwicklungsprozess.

Hermann Burger hat seinen Stil an seinen Vorbildern geübt, indem er große Teile von Texten seiner Lieblingsautoren, ganze Absätze oder Seiten aus Romanen, abschrieb, um dann den Satzbau, quasi das Skelett, mit seinen eigenen Worten wieder zu füllen. So hoffte er sich etwas von dem anzueignen, was er an anderen bewunderte.
Selbstverständlich ist das eine Menge Arbeit und bisher habe ich mir nie die Mühe gemacht, es auch auszuprobieren. Jedoch stellte ich wieder und wieder fest, dass das Lesen fremder Texte allein bereits eine gute Schule für Stil und Aufbau ist, weswegen gute Autoren viel lesen sollten. Das ist eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, doch stolperte ich im Internet auch über Schreiber, die öffentlich in die Runde fragten, ob man eben auch lesen müsse, um Autor zu sein.
Man sollte. Außerdem erscheint mir das Konzept eines nicht leseverliebten Autoren widersprüchlich. Ich erinnere an Jorge Luis Borges, der sagte, dass die Idee einer Pflichtlektüre absurd sei und man genausogut von Pflichtglück sprechen könne.

Es gibt ein paar für mich bedeutsame Namen in der Welt der Literatur, der Literaturwelt oder Weltliteratur, deren Werke stellvertretend sind für das, was ich gern produzieren würde oder bereits produziere, produziert habe.
Die philosophischen Konstrukte, die die Grundlage bilden für das Werk von Jorge Luis Borges, sprechen Seiten in mir an, die mich die Welt mit Vernunft und intellektueller Neugierde betrachten lassen, aber auch nicht ohne einen gewissen Humor. Allerdings wäre mir sein Schreibstil grundsätzlich zu trocken, zu wenig emotional, was ja thematisch stimmig sein mag und mich nicht vom Lesen abhält, aber meinem Wesen und damit meinen Themen widerspricht. Versucht habe ich mich dennoch in dieser Art zu schreiben; mit mäßigem Erfolg.
Daniel Kehlmann wurde offensichtlich – und, wenn ich mich recht an seine Essays und Vorlesungen erinnere, auch ausdrücklich – ebenfalls von Borges inspiriert. Daraus entstanden, wie ich vermute, unter anderem die Realitätsverschiebungen in seinen Büchern, die mir immer am meisten gefallen haben. Mein Versuch eines Borges-Romans – was historisch betrachtet wiederum paradox ist – war entsprechend auch ein Kehlmann-Roman. Ein interessantes Experiment, das ein interessantes Ergebnis zutage förderte, aber leider keines der Veröffentlichung würdiges.
Dennoch habe ich Elemente des Experiments in einem weiteren Roman verwendet, einer Vermischung realer und irrealer Ebenen, die ein beinahe surreales Ganzes geschaffen haben. Dieses meiner Meinung nach gelungene Werk werde ich in den nächsten Monaten schwer überarbeiten und nächstes Jahr veröffentlichen.

Rein stilistisch, also losgelöst vom Inhalt, schriebe ich (manchmal) gern wie Hermann Burger und verfalle auch immer mal wieder in den entsprechenden Modus, wenn auch laienhaft im Vergleich zum Original. Eine Kopie kann aber wiederum auch nicht das Ziel sein. Für eine solche Kopie oder eine entsprechend große Annäherung bin ich auch einfach zu faul, da die schiere Menge an Arbeit und Konzentration, nötig für diesen Schreibstil, erschlagend ist.
Um mal ein kleines Beispiel zu nennen, hier ein (für Burgers Verhältnisse kurzer) Satz, der Anfang der Erzählung Kohlhaas auf der Dampfwalze, den ich als besonders schön empfinde:
Ein Dampfwalzenführer, so sein Anwalt, und dies kommt bereits der Brechung des Amtsgeheimnisses gleich, was wir angesichts der Extraordinarität des Falles riskieren müssen, verlor, da er kurz vor Feierabend entsetzlich, aber rechtschaffen niesen musste, seine künstlichen Zähne, dergestalt, dass er die Prothese unmittelbar vor die Vordertrommel spuckte und, sintemal der Bremsweg ohnehin zu lang gewesen wäre, mit seiner vierzehn Tonnen schweren Rammbull, dieselgetrieben, zermalmte.
Vermutlich ist das für manche unerträglich zu lesen, aber unbezweifelbar hervorragend formuliert.

Nun wird es schwierig.
Ein ganz anderer Bereich der Literatur mischt sich ein, der mir aufgrund meiner Lebensgeschichte, all der Dinge, die mir zustießen und die ich mir selbst antat, die ich er- und durchlebte, ausgesprochen zusagt. Die Namen Hunter S. Thompson und Irvine Welsh fallen mir ein, wobei Hans Fallada, Louis-Ferdinand Céline und Henry Miller wenigstens zum Teil in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe schlugen.
Wie verbindet man nun, sofern man das denn wollte, akstrakt-philosophische Ideen, Spielchen mit verwischter Realität, Schachtelsatz- und Fremdwortmassaker mit dem tiefsten Elend aus Alkohol, Drogen, Depression und Wut?
Thompson machte immer deutlich, dass seine Einblicke in andere Realitäten klar durch Drogen verursacht wurden – diese offensichtlich zu vereinbarende Kombination findet sich bei Kehlmann übrigens auch, ich glaube, im Roman F.
Miller schrieb surreal, wie er sich durch Paris vögelte und hungerte.
Céline war einfach furchtbar wütend, jedoch nicht stillos.
Fallada – in Der Trinker – beschreibt ungeschönt das tiefste Elend, was Welsh mit etwas Humor ebenfalls tut.
Dreckige Gefühlswelten, Elend und Leid vertragen sich kaum mit Sprachspielereien, sondern erfordern Derb- und Direktheit.

Nebenbei liebe ich übrigens die Albtraumwelten von Franz Kafka. Passen die auch noch rein?

Vielleicht ist das Vorhaben zu groß, weil zu vollgestopft, zu überfüllt mit Widersprüchen. In meinen kürzeren Erzählungen findet man mal das eine und mal das andere Puzzlestück, üblicherweise überschneidend.
Bedenke ich es richtig, sind allerdings sämtliche erwähnten Elemente in jenem Roman – ich suche noch immer einen passenden Titel – enthalten, den ich, wie oben erwähnt, überarbeiten und herausbringen werde. Zu Beginn dieses Eintrags war mir dies noch nicht bewusst.
Das macht mich gerade durchaus stolz, doch zwingt mir die Befürchtung auf, einige wichtige Bestandteile – ich denke da besonders an Suff und Elend – könnten zu kurz gekommen sein. Eine wichtige Notiz für die Überarbeitung.

Noch suche ich meine wahre Stimme. Vermutlich werde ich das den Rest meines Lebens tun.

Da ich es bisher nicht eindeutig erwähnt habe, stelle ich an dieser Stelle nachträglich fest, dass ich in diesem Artikel einzig von meiner Prosa spreche, meine Lyrik also vorerst ausschließe aus diesem Gedankengang. Innerhalb der Lyrik stehe ich recht sicher, entwickele mich zwar immer weiter, doch suche nicht mehr aktiv, zweifle nicht mehr ständig, bin also unterwegs und angekommen – oder auch andersherum.

Ein weiterer Punkt, der letzte, der noch nicht erwähnt wurde, da er für mich offenbar zweitrangig zu sein scheint, wäre die Leserschaft und ihre Vorlieben. Es ist mir bewusst, dass ein zu komplexer Stil, zu wirre oder intellektuelle Ideen, vielleicht sogar zu ehrliches Elend – denn das wahre Elend ist immer weniger leicht zu ertragen und härter als ein künstliches, unpersönliches; man vergleiche einen abstürzenden Junky bei Welsh mit den kreischenden Massen bei Marvel – eine Menge Leser eher abschrecken. Doch verlangt meine Integrität und meine Arroganz, wenn es denn welche ist, wenigstens aber mein Stolz, meinen eigenen Weg ohne Rücksicht auf mögliche Verkaufszahlen und die Vorlieben einer Leserschaft, die eben einfach nicht die meine sein kann, zu gehen. Dieser Punkt ist also abgehakt.

Fehlen nur noch die Haken hinter allen anderen Punkten.

Das mitarbeitende Unterbewusste

Unbewusst schleichen sich immer wieder Elemente in meine Erzählungen, die mir erst später auffallen. Das Unterbewusstsein arbeitet mit…

Seit einigen Wochen nun schreibe ich bereits meine Blogeinträge und erstelle zu jeder neuen Erzählung einen neuen, auch wenn am Ende weder der fiktive noch der erklärende Text hochgeladen wird.

Zum Einen halte ich damit für mich und potentiell auch für andere Gedanken fest, die sich bei der Entwicklung und während des Schreibprozesses ergeben haben, um diese Ebene nicht im vagen Halbschatten meiner Erinnerung versumpfen zu lassen, zum Anderen aber auch, um mir selbst neue Perspektiven auf mein Schreiben und damit mich selbst zu eröffnen. Während der Arbeit an einer Geschichte, sagte Hermann Burger, dürfe der Autor keinesfalls als Literaturwissenschaftler agieren und interpretieren, da sonst der Grund der Geschichte offengelegt werden könnte, was die Weiterarbeit daran sinnlos machte. Dem gebe ich durchaus recht. Man sollte bei der Linie, bei der inneren Logik oder der Grundidee bleiben, die man sich während des Entwicklungsprozesses zurechtgelegt hat, und später, wenn alles vollendet ist, interpretieren – oder den Text schamvoll von sich weg in Richtung der Leserschaft schieben.

Mehrfach wies ich bereits darauf hin, dass ich der Ansicht bin, jeder fiktive Text bedeute für jeden Leser etwas anderes, und enthalte mehr, als jedem einzelnen klar ist. Das allerdings schließt den Autoren nicht aus. Zu meinem großen Glück sind meine Freunde mit Beobachtungsgabe und Reflexionsfähigkeit ausgerüstet, was mir wieder und wieder Momente beschert, in denen ich meine eigenen Erzählungen und eben auch mich anders, neu oder tiefer verstehe.
Das letzte Beispiel hierfür kam von einer Freundin und bezog sich auf das Erzählungsduo Das Maurerdekolleté des Lebens / Das Maurerdekolleté des Todes. Sie überquerte mit mir die Straße zu meiner Wohnung, schaute sich um und erkannte plötzlich den Weg, den Theo in den beiden Geschichten geht: die Ampel, die Straße, den Weg vom Haus aus rechts ins Labyrinth, vom Haus aus links in die Natur. Soweit empfand ich es lediglich als Kompliment, da sie offenbar aufmerksam gelesen hatte, gleichzeitig aber auch ausdrückte, dass meine Beschreibung eben konkrete, sich in der Realität wiederfindbare Bilder auslöste. Bei Daniel Kehlmann meine ich gelesen zu haben, dass, wenn sich der Autor eine Szene vollkommen vorstellen kann, er sie nicht vollkommen zu beschreiben braucht, um die richtige Vorstellung auf den Leser zu übertragen.

Vom Küchenfenster aus besah sie die Straße (in der Todes-Geschichte linker Hand) und erkannte wiederum etwas, was ich allerdings nicht bewusst verbaut hatte. Der Blick auf den Weg endet unter mehreren hohen Bäumen, deren Äste die Straße überdachen, danach schlängelt sie sich derartig, dass sie dem Auge entkommt. Hingegen steigt das Land an und erscheint durch Häuser im Vordergrund, die in der Ferne Ortschaften für den Beobachter blockieren, als beinahe unberührte Natur: die Straße wird von Bäumen verschluckt, endet, dahinter ist nur noch ein Berg und Natur.

Zwar war diese reale Straße Vorbild für jene in der Erzählung, doch bedachte ich lediglich die allerersten Meter und bastelte – oder glaubte zu basteln – den restlichen Weg aus meiner Fantasie. Wie man sich doch täuschen kann. Der Anblick war unbestreitbar passend zur Fiktion und rückte diese damit in eine neue Perspektive. In Richtung des Grünen, auch wenn dort bloß einige Felder die Vororte unterbrechen, gehe ich spazieren, um den Kopf zu klären. In die andere Richtung geht es zum Einkaufen, zu Bushaltestellen und Geschäften. Die Bezüge sind eigentlich vollkommen klar. Unbewusst landeten diese Erinnerungen und Assoziationen in meiner Geschichte und fielen (mir) auch bei mehrmaliger Überarbeitung nicht auf.

Ein weiteres Beispiel, das ich bereits irgendwo öffentlich einmal erwähnt hatte, findet sich in der Erzählung Unbesiegbar, die als Spiel mit Details und als literarischer Scherz konzipiert gewesen ist, aber auf anderer Ebene als überdrehte Selbstbeobachtung gelesen werden kann:
Dem Protagonisten geht sprich- und wortwörtlich einer ab, während er die Feindschaft der Welt in Form von Prügel durch einige Fremde zu spüren bekommt, und damit das selbstgewählte Außenseitertum und den Krieg mit der Welt zelebriert. Eine nicht unpassende Beschreibung des Mindsets, in dem Freunde von mir und natürlich auch ich selbst durch die Gegend rennen.
Zunächst einmal bin ich grundsätzlich wütend. Ich werde skeptisch, wenn jemand freundlich ist, mir Komplimente macht, auch wenn ich deren Richtigkeit eigentlich nicht bestreiten kann, oder meine Texte ernsthaft mag, obwohl ich natürlich fest von ihrer Qualität überzeugt bin.

Je länger der Text, desto größer die Freiheiten und Wirkungen des stets mitarbeitenden Unterbewussten. Meine Romanmanuskripte sind (noch) nicht öffentlich zugänglich und werden daher hier nicht besprochen werden, allerdings lässt sich eindeutig sagen, dass sich darin wieder und wieder neue Elemente finden lassen, deren Platzierung zwar absolut stimmig ist, die aber nicht bewusst verbaut wurden – Wirkungen des Unterbewussten also.

Dieser Gedankengang, diese Realisation gegebener und ausgesprochener Wahrheiten, die lange oder ewig unsichtbar für mich selbst wie Geister durch meine Geschichten spuken, faszinieren mich, sorgen aber auch für Beunruhigung. Sollte unrealistischerweise irgendjemand alle versteckten Wahrheiten aus all meinen Fiktionen filtern und zusammenfügen, welches Bild ergibt sich für ihn? Was weiß dieser Über-Leser über mich, das ich nicht weiß? Liest er noch Geschichten oder liest er bereits mich? Kann mich eine andere Person besser kennen als ich mich selbst – und das auch noch durch eigenen Verrat von und an mir selbst? Habe ich irgendwo Kontonummer und PIN in meine Texte codiert?
Das geht natürlich zu weit. Aber meine innere Logik verbietet mir, solche Ideen auszuschließen. Täte ich es dennoch, wäre ich kein guter Autor.

Nun, wer meine Texte im Ernst auf unterbewusst versteckte Botschaften scannt und dabei über meine Kontodaten stolpern sollte, hat mehr verdient, als die paar €, die auf meinem Konto zu holen sind.

Inspirationsquellen

Artikel über die verschiedenen Quellen der Inspiration für meine Arbeit als Autor.

Dieser Eintrag behandelt allgemein verschiedene Inspirationsquellen, mit deren Hilfe ich freiwillig oder unfreiwillig meine kreativen Energien auf- oder überlade. Inspirationsquellen eben.

Über Musik und Literatur werde ich mich dabei zu anderen Quellen vorarbeiten.

Musik

Nach einem Weg durch den Rock der 60er und 70er, Punk, Metal und Pop der 80er und 90er, fühle ich mich seit Langem in der Metalszene zuhause; genauer der Stoner/Doom/Sludge-Szene, die recht klein ist.

Entsprechend ziehe ich einige Inspiration von Bands, die eventuell und leider den meisten nichts sagen werden.

Neben der Musik als solcher, die meist sehr bassig und aggressiv / depressiv ist, sprechen mich in diesem Zusammenhang natürlich besonders die Lyrics an. Die verstörenden Texte von Acid Bath (die leider nur zwei Alben veröffentlicht haben) beschäftigen mich beispielsweise gelegentlich. Darunter besonders The Beaufitul Downgrade. Die Zeilen

Do you remember the first sunrise?
Sharpened bone clenched tide in your fist
Screaming into the blue
An urge to kill the sky

lösen jedes Mal Bilder in mir aus. Es fühlt sich kraftvoll und ursprünglich an. Wild und unzivilisiert erklärt man Göttern den Krieg, die man selbst eben erst erfunden hat.

Die Band Down hat ebenfalls einige großartige Lyrics, die sehr deutlich und ungeschönt die dunkelsten Kapitel meines Lebens ansprechen. Aus Lysergik Funeral Pocession:

I get up, get ready to face this world
I come down
I come down so hard, I hit then bounce
In a pool of piss I lay

Die Kombination aus teilweise recht extremem und dadurch ehrlich wirkendem Gesang und ebenso echt und kreativ wirkenden Texten ist für mich jedes Mal beflügelnd.

Was diesen Aspekt angeht, wäre auf jeden Fall noch Battle of Mice zu nennen. Die Schreie der Sängerin Julie Christmas verschaffen mir regelmäßig wieder eine Gänsehaut. Vertonte Verzweiflung… da kommen die Dämonen aus den dunkelsten Ecken des Hinterkopfes gekrochen und melden sich großspurig zu Wort.

Selbstverständlich gibt es noch etliche andere Bands und Künstler speziell aus dieser Szene (Crowbar, Boris, Goatsnake, Mars Red Sky, Monolord uvm.), die Ideen und Bilder aus mir herausprügeln.

Doch auch völlig andere Musik beeinflusst mich (emotional, geistig und schriftstellerisch) stark. Nick Cave & The Bad Seeds, Tom Waits, Leonard Cohen und andere haben mich im Laufe meines Lebens (und damit Schreibens) massiv geformt. Beispielsweise liebe ich die Zeile And in the bathroom mirror I see me vomit in the sink (aus Magneto von Nick Cave) und das Bild, das sie auslöst: ein Neben-sich-stehen, während man abstürzt. Er beobachtet sich selbst auf seinem Tiefpunkt. Selbstverständlich löst das etwas in mir aus. Leonard Cohens Text zu Famous Blue Raincoat, der wie ein Brief verfasst ist, oder die Lyrics zu Avalanche haben nichts von ihrer Wirkung verloren. Zum Glück konnte ich ihn noch live sehen vor einigen Jahren.

Klassische Musik (live im Konzerthaus Dortmund beispielsweise) schafft es, meinen Geist auf Reisen zu schicken. Was er nachher im Gepäck hat, ist auf verschiedenste Weisen interessant – (auch?) für mich.

Literatur und Philosophie

Einen Autor, der nicht von anderen Autoren beeinflusst wurde, kann ich mir nur schwer vorstellen. Wenigstens in den letzten Jahrhunderten ist ein solcher Fall wohl auch nicht vorgekommen.

Nur ein paar ausgewählte der vielen Schriftsteller zu nennen, die meinen Weg begleitet haben, fällt mir nicht leicht. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich hier auf einige von ihnen einzeln und genauer eingehen.

Zu Anfang beeinflussten mich hauptsächlich englische Dichter – E.A.Poe, Lord Byron etc. –, aber auch ein paar deutsche – Rilke, Goethe. Lyrik lese und schreibe ich noch immer, aber die Dichter haben ihre Vorrangstellung in Sachen Inspiration verloren. Prosa-Schrifsteller übernahmen.

Jahre voller Sartre, Camus und Kafka folgten. Heute sind wieder andere an ihre Stelle getreten.

Jorge Luis Borges hat mein Denken massiv angeregt und verändert. Seine abgehobenen Ideen und die Verarbeitung philosophischer Konzepte in seinen Texte inspiriert(e) mich sehr.

Stilistisch und aufgrund der (teils sehr offensichtlichen) psychologischen Problematik wäre definitiv Hermann Burger als Inspirationsquelle zu nennen. Allein seine Poetik-Vorlesung Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben oder sein Tractatus logico-suicidalis haben mein Denken in Wege gelenkt, die es vorher nicht kannte.

Generell interessieren und bewegen mich die Frankfurter Poetik-Vorlesungen verschiedener Autoren immer wieder aufs Neue. Daniel Kehlmanns Vorlesung ist ebenfalls sehr zu empfehlen. Seine Geschichten, die eindeutig Borges und andere wiedererkennen lassen, sind kreativ und unterhaltsam. Kehlmann gehört zu einer Reihe von Autoren, die mich zu einem meiner Romanmanuskripte vor einiger Zeit inspiriert hatten. Besonders wohl die Vermischung verschiedener Realitätsebenen beziehungsweise der absichtlich undeutliche Übergang zwischen diesen Ebenen, eine Technik, die er gerne gebraucht, war verantwortlich dafür.

Um nur noch ein paar wichtige Namen zu nennen: Hunter S. Thompson, Charles Bukowski, Irvine Welsh und selbstverständlich sehr weit vorne Hermann Hesse.

Auch philosophische Texte können die Kreativität anregen und sprechen nicht nur das logische Denken an. Wie man bei Kehlmann und Borges lesen kann, gehört Schopenhauer dazu. Ich selbst musste auch feststellen, dass sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung etliche großartige Passagen enthält. Auch sein Stil ist recht unterhaltsam, da bereits im Vorwort eine Wut zutage tritt, die man in einer solchen Disziplin selten erwartet.

Philosophische Wut führt natürlich direkt zu Nietzsche. Ich las Also sprach Zarathustra betrunken im Park, an einem Sonnentag und habe später am gleichen Tag einen meiner heute besten Freunde kennengelernt. Definitiv inspirierend.

Noch etwas abgedrehter, aber äußerst interessant und beflügelnd, fand ich Himmel und Hölle von Swedenborg. Dieser hochintelligente und gebildete Mann wurde im Laufe seines Lebens häufiger von Engeln besucht, die ihm den Himmel und die Hölle zeigten. Seine Berichte sind durchaus lesenswert.

Sonstiges

Es ist eigentlich unwürdig eine solche Überschrift zu nutzen, wenn es um Kunst in verschiedenen Formen gehen soll. Doch degradieren wir diese Inspirationsquellen einfach mal und schauen, was passiert.

H.R.Giger hat mich in meiner Jugend stark beschäftigt. Kein Wunder, sind seine Werke doch düster, futuristisch und voller Sex. Jetzt gerade hängt ein Poster von Gigers ELP hinter mir und blickt hohläugig in den Raum. Wie bereits im ersten Beitrag (Arbeitsplatz) beschrieben, hängen Picasso, Munch und Klimt ebenfalls hier.

Von Nick Alm bin ich ein großer Fan, seit ich vor einigen Jahren sein Werk The Great Implosion in Stockholm sehen durfte.

Seine Bilderreihe eines Hochzeitsfestes beschaue ich mir gerne und häufig. Leider kann ich mangels Ahnung auf diesem Gebiet nicht viel mehr über seine Bilder sagen, als dass sie mich berühren und häufig exakt den richtigen Zeitpunkt von Schwäche einzufangen scheinen, der eine Figur im Innersten erfasst und definiert.

Ich würde, wie gesagt, nicht behaupten, Ahnung von Kunst zu haben, doch ich ziehe meine Vorteile daraus: Genuss und Inspiration.

Selbstverständlich müssen Filme, Serien, Opernbesuche, das Ballett (das übrigens in Dortmund inzwischen ausgezeichnet ist), Theater oder Auftritte wie von Saburo Teshigawara, der in seiner Broken Lights Tanzperformance mit und auf Glas tanzte, ebenfalls zu Quellen größter Anregung für mein Hirn zählen.

Manchmal kiffe ich aber auch und lese Batman-Comics … da kommt man ebenfalls auf Ideen.

Beim Schreiben dieses Eintrags ist mir deutlich aufgefallen, dass ich meine Pferde extrem zügeln musste, um nicht Seite um Seite weiterzuschreiben. Daher werde ich mein Vorhaben auf jeden Fall in Zukunft umsetzen und Beiträge über einzelne Autoren, Musiker und andere Inspirationsquellen verfassen. Dann kann ich auch deutlicher herausarbeiten, wodurch und inwiefern sie mich beeinflussten.

Als groben Überblick lasse ich diese paar Namen einfach stehen und stelle mir vor, dass man meine Texte nun ein wenig besser verstehen kann.

Krisen

Über Krisen und Probleme rund ums kreative Schreiben sowie mögliche Lösungsansätze dazu.

Dieser Eintrag handelt von verschiedenen Krisen rund um das Schreiben und darum, wie ich sie für mich löse oder zu lösen versuche.

Tabula Rasa & Horror Vacui

Das weiße, unbeschriebene Blatt, das sich vehement weigert, gefüllt zu werden.
Ob es nun die erste Seite eines neuen Projektes sein soll oder irgendeine Seite sehr viel tiefer im Arbeitsgeschehen, jeder Autor fürchtet sich wohl davor.
Fangen wir mit dem ersten Problem an. Wollen mir keine neuen Ideen kommen, was, ehrlich gesagt, sehr selten ist, ich aber unbedingt etwas schreiben möchte, gehe ich zunächst spazieren.
Das gibt neue Eindrücke und lässt das Gehirn ohne Druck arbeiten; hilft übrigens auch bei fortgeschrittenen Projekten und Problemen bestens.
Auf jeden Fall sollte man als Autor über eine ausreichende Fähigkeit zur Selbstreflexion verfügen und mit der Zeit wissen, was grundsätzlich inspirierend wirkt – Musik, Kunst, Passagen des Lieblingsautors etc. Auch diese Quellen aufzusuchen ist einen Versuch wert.
Eine der besten Methoden ist allerdings einfach nach bereits vorhandenen Ideen (aus dem eigenen Vorrat) zu suchen. Tage- und Notizbücher kann man gut durchstöbern, stößt möglicherweise auf fertige Plots, die ungenutzt verstauben, oder auf Erinnerungen an Liebschaften, Verluste, Freuden, die etwas auslösen. Das ist einer der vielen Gründe, warum man sämtliche Ideen notieren sollte, auch wenn man sie im Augenblick nicht zu brauchen meint.

Häufiger ist das Problem des Steckenbleibens in einer Geschichte – auch trotz Vorbereitung und Planung oder währenddessen. Natürlich kann man die gleichen Schritte (wörtlich und übertragen) unternehmen wie auch bei totaler Ideenlosigkeit. Doch mir hilft es am allerbesten, wenn ich mich den Problemen direkt stelle und mit meinen Fragen arbeite. Ich schreibe auf, weswegen ich nicht schreiben kann, was mich festhält und woran es liegen könnte. Die Fragen „Wie soll es weitergehen?“ oder „Warum sollte die Figur das tun?“ oder andere notiere ich mir und spekuliere regellos, aber ebenfalls in geschriebener Form (Stichpunkte oder ausformuliert). Üblicherweise arbeitet mein Gehirn im Hintergrund an den Antworten, die im Vordergrund gefordert werden. Während ich also die Fragen aufschreibe, beantworte ich sie mir bereits. Am Ende wundere ich mich manchmal, warum ich dann all die Probleme notiert habe, doch ohne diesen gesamten Ablauf wäre ich nicht voran gekommen.
Eine weitere, verspieltere Methode habe ich irgendwann für mich entdeckt: meine Wörterbuch-App hat eine „Zufallswort“-Funktion, welche ich dafür nutze. Das auftauchende Wort wird einfach irgendwie mit der Geschichte oder der Figur, um die es gerade geht, verknüpft. Würde eine Figur dieses Wort benutzen? Könnte man damit etwas oder jemanden beschreiben? Auf diese Weise erhält man etwas andere Perspektiven auf die eigene Story und kommt auf neue Ideen. Das funktioniert allerdings vermutlich nicht, wenn man unter Zeitdruck steht.
Gestern hat mich dieses Spielchen übrigens zu einer Kurzgeschichte inspiriert. Offenbar funktioniert es also auch bei der weiter oben stehenden Problematik.

Was treibe ich hier eigentlich? – Zweifel am Werk

Lese ich die Werke großartiger Autoren, die es längst geschafft haben, mache ich den Fehler und vergleiche mich mit ihnen. Das kann auch passieren mit Schriftstellern, die zwar veröffentlicht sind, aber ohne (in meinen Augen) eine Rechtfertigung dafür abzuliefern. In beiden Fällen kommen Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, Ideen und Werken auf.
Gibt es dafür eine Lösung? Nicht wirklich.
Als Autor bin ich narzisstisch genug, um davon überzeugt zu sein, dass meine Werke notwendig sind. Werden sie nicht veröffentlicht, ist das ein Fehler im System und keiner meinerseits.
Selbst wenn ich nicht von meinem Werk überzeugt wäre, würde das auch nichts ändern. „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen“ sagte Arnold Schönberg. Da kann man wenig ergänzen. Ich schreibe nicht, weil ich es mag oder gut kann, sondern weil ich es muss. Da ich es schon lange muss, habe ich es häufig getan und kann es daher, was mir Erfolgserlebnisse beschert, weswegen ich es mag.

Was tun, wenn man nichts tut? – Motivationsproblematik

Nach den Worten eben muss schon die Überschrift paradox klingen. Allerdings gehe ich immer wieder durch Phasen, in denen ich nicht schreibe – und auch sonst wenig schaffe. Dann bin ich halbwegs depressiv – „halbwegs“, da dies kein Urteil von professioneller Seite ist – unzufrieden, lenke mich mit Nichtigkeiten (Netflix usw.) ab und bin insgesamt sehr kraftlos.
Hier sprechen wir von einem anderen Gegner als dem Zweifel weiter oben.
Meiner Erfahrung nach kann man es in diesen Zeiten einfach nur versuchen, auch wenn das Scheitern meist vorprogrammiert ist. So lange und häufig den inneren Schweinehund zum Kampf stellen, bis man den Sieg davonträgt.
Es gibt immer einen richtigen Zeitpunkt, um wieder herauszufinden aus der Dunkelheit. Einerseits gibt das Hoffnung, bevor der Moment da ist. Andererseits scheint es, wenn er dann gekommen ist, keineswegs zwecklos, ihn zu ergreifen. Das wiederum muss sein. Absacken in sein persönliches Gefühlsloch kann man jederzeit wieder, also sollten die Pausen unbedingt genutzt werden.
Manchmal sitze ich in solchen Zeiten da, schaue einen Film, der mich nicht interessiert, spiele gelangweilt am Handy und bin tief unzufrieden. Warum? Weil ich nicht tue, was ich tun sollte, was mich zu tun drängt. Wie vorher gesagt: ich muss schreiben. Dieser Drang, diese Kraft, ist immer da. Auf der anderen Seite steht ein selbstzerstörerischer Trieb, der sich eben gelegentlich wie eine Mauer verhält und totalen Stillstand fordert. Die bekannte Superman-Frage: Was geschieht, wenn ein unbewegliches Objekt von einer unaufhaltbaren Kraft getroffen wird?
Es kommt zu herrlichen Ausbrüchen von Kraft.
Ich baue die Mauer und die Explosionen in meine Geschichten ein.
Nein, ich baue aus daraus meine Geschichten.