Sorck: Ein Witz

Über einen Scherz im Roman “Sorck”.

Allen voran bebte eine rotgesichtige Nixe, deren Abendkleid eine Eleganz ausstrahlte, als habe Dädalus persönlich es für eine Liebesnacht der Parsiphae gefertigt.

Klingt das nicht elegant? Falsch. Frischen wir mal ein wenig das allgemeine Mythologie-Wissen auf:

Parsiphae war die Gemahlin des Königs Minos von Kreta. Minos hatte es gewagt, den von Poseidon geschaffenen heiligen Stier nicht als Opfergabe zu verwenden, sondern ihn zum Zuchtbullen zu machen und seine Herde zu optimieren. Als Strafe hat Poseidon dafür gesorgt, dass Parsiphae auf den Stier steil ging, also sich verliebte. Da Dädalus (oder Daidalos) – ihr wisst schon, der Vater von Ikarus … die Sache mit den Flügeln und der Sonne – der Hoferfinder auf Kreta war, bat Parsiphae ihn, ihr ein Gestell zu basteln, damit der Stier sie besteigen konnte. Das tat er natürlich. Die Königin ließ sich vom Stier begatten, sie gebar den Minotaurus und Dädalus hatte wieder einen Auftrag: Das Labyrinth zu bauen, in dem der Minotaurus zu leben hatte.

Die Eleganz des Kleides der Dame in meiner Szene hatte also die einer Stier-Attrappe. Das fand ich mal witzig, bis ich den Witz hier eben erklärt habe. Vielleicht sollte man manches unangetastet lassen. Aber wenn wir schon dabei sind, kann ich den Artikel auch fertigstellen.

In Sorck befinden sich etliche mythologische Bezüge, die meisten davon weniger albern als dieser. Wieso habe ich das gemacht? Einerseits finde ich die Welt der Mythologie ausgesprochen interessant. Die Geschichten sind häufig aufgeladen mit Moral und tieferer Bedeutung, sie sind bunt und spannend und zeigen oft eine Suche nach Erklärungen auf, die man zur damaligen Zeit einfach nicht ohne göttlichen Beistand finden konnte. Beispielsweise gibt es die Geschichte, dass der Sohn des Sonnengottes dessen Wagen mit den Feuerrössern ausprobieren wollte, die Pferde nicht unter Kontrolle bekam, zu tief flog und damit die Bewohner des afrikanischen Kontinents für alle Zeit verkohlte und sie deswegen dunkelhäutig sind. Aus heutiger Sicht ist das natürlich Quatsch, aber es ist immerhin ein Erklärungsansatz und zeigt, dass sich die Menschen schon immer fragten, wieso die Dinge so sind, wie sie sind. Die meisten Geschichten sind jedoch moralischer Natur.

Ein anderer Grund für die mythologischen Bezüge ist auf ein philosophisches Werk zurückzuführen, für das wiederum ein mythologischer Bezug als Kern gewählt worden ist: Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus. Camus vergleicht das Leben mit der endlosen und ewigen Aufgabe des Sisyphos, der im Totenreich einen schweren Stein einen Berg hinauf zu schieben hatte. Immer, wenn er oben angelangt war, rollte der Stein auf der anderen Seite wieder hinab und die Aufgabe begann von vorn. Allerdings hat Camus die scheinbare repetitive Hölle dieses Mythos umgedeutet und keineswegs argumentiert, dass das Leben unerträglich sei, sondern lediglich vollkommen sinnlos oder, wie er es schreibt, absurd. Alles, was wir tun, endet mit dem Tod und dieses Ende spricht dem Leben jedweden höheren Sinn ab. Alles ist vergebens. Die Einsicht der Absurdität des Lebens lässt der einsichtigen Person drei Reaktionen:

  1. Der logische Selbstmord.
  2. Flucht zu einer höheren Macht, um Sinn in einer anderen Instanz zu finden.
  3. Ersatzsinn.

Wem kommt das bekannt vor? Wer schon ein bisschen mehr von mir gelesen hat, weiß, dass ich Weg Nummer 3 gewählt habe und Literatur an die Stelle eines mangelnden echteren Sinnes gesetzt habe. Martin Sorck geht im Prinzip die 3 Stationen ab und die Flucht zum Glauben ist nicht nur durch die Kirchen repräsentiert, die er besucht, sondern eben auch durch die Bezüge zu den Götter- und Halbgöttergeschichten der griechischen, slawischen und nordischen Mythologie.

Jetzt bin ich weit abgekommen von einem Witz, aber macht das nicht einen guten Gag aus? Dass mehr dahinter steckt, als man annehmen würde? Nachdem ihr etwas Witziges lesen wolltet, habt ihr am Ende Sachen gelernt. Das finde ich witzig.

Über die Betrachtung von Schönem

Unter welchen Umständen erscheinen uns Dinge schön?

In diesem Blogeintrag möchte ich einen Gedanken entwickeln, der mir während einer Zugfahrt gekommen ist. Ich habe bisher selbst noch keine klare Antwort gefunden, aber um diese Frage soll es gehen: Hat die Wertschätzung von Schönheit (und der Begriff ist recht weit gefasst und absichtlich nicht klar definiert) auch in deutlicher Weise mit dem Entstehungsprozess des Betrachteten zu tun?

Man könnte mit einem Beispiel anfangen: Jemand betrachtet ein Bild und findet es schön. Die Person weiß nichts über die Entstehung des Bildes, nicht wer es erstellt hat, wie viel Arbeit darin steckt oder welcher Gedankengang der Entstehung zugrunde lag. Man könnte meinen, damit sei meine Frage bereits beantwortet. Jemandem gefällt ein Bild, ohne den Entstehungsprozess zu kennen. Allerdings wird diese Person (und vermutlich auch die allermeisten von Euch) davon überzeugt sein, dass das Bild von einer anderen Person erstellt worden ist und zwar mit Absicht. Damit interpretiert man bereits und geht von einem bewussten Prozess aus, vielleicht einer Intention, nach der man sucht, oder einfach einem talentierten Blick für das Schöne seitens der Person, die das Bild erstellt hat. Das Bild könnte allerdings auch von einem Computerprogramm (und entsprechend ohne Intention oder eigentlichen Willen) erstellt worden sein oder schlicht ein Zufallsprodukt sein (wenn wir beispielsweise an Fotos denken). Ändert sich dadurch die Auffassung, die man vom Bild hat? Noch wichtiger wäre die Frage: Beeinflusst die Information, dass es durch eine kalte Berechnung und einen Klick oder durch Zufall entstanden ist, von vornherein das Verhältnis zum Bild?

Wissen wir, dass etwas Schönes von einem Künstler/einer Künstlerin erschaffen worden ist, denken wir (ob unbewusst oder bewusst) an die vielen Arbeitsstunden, die darin stecken, und vielleicht an ein künstlerisches Genie, das nur wenige Auserwählte besitzen. Eine Geschichte, die von einem Programm erstellt worden ist, oder auch ein Bild, das keinen menschlichen Ursprung hat, entbehrt jeder absichtlichen Tiefe und jede vermeintliche Interpretation wird zur reinen Spielerei. Wir würdigen also die Arbeit und die Gedanken hinter der Kunst gleich mit, wenn wir die Kunst selbst würdigen. In manchen Fällen könnte man streiten. Ein gelungenes Foto von der Natur oder anderen Motiven benötigt möglicherweise mehr technisches Geschick als künstlerisches Denken, aber ohne einen geschulten und aufmerksamen Blick für das Faszinierende und Schöne geht es auch nicht. Schießt also Max Mustermann unter 2000 Bilder mit seinem Smartphone auch eines, das zufällig sehr gelungen ist, hat es für uns doch anderen Wert als das gleiche Bild, nach dem lange gesucht und mit künstlerischem Auge gefunden worden ist.

Als Autor fällt mir schnell ein weiterer Streitpunkt ein. Unterstellen wir nicht häufig Büchern, die in wenigen Wochen oder am Fließband entstehen, eine geringere Qualität als Werken, an denen Monate oder Jahre gearbeitet worden ist? Wir beurteilen in dem Fall also nicht das Werk, sondern den Entstehungsprozess, und verurteilen das Werk dann gleich mit.

Der Punkt der Fotografien bringt uns wiederum schnell zu den Objekten dieser Kunst. Die Natur kann ohne Frage schön sein und ästhetischen Genuss verschaffen, ohne dass ein bewusster Prozess hinter ihr steht – jedenfalls sehe ich das so, da ich kein gläubiger Mensch bin. Was uns aber während der Betrachtung schöner Naturphänomene ebenfalls fasziniert, ist eben, dass sie aus einem kaum erfassbaren Zufallsprozess entstanden sind. Kaum zu glauben, dass die Natur so etwas schaffen kann, geht es uns durch den Kopf. Dies könnte die Grundlage sein für manche theosophischen und philosophischen Betrachtungen, die vom Blick auf die Natur auf ein intelligent design schlossen und damit auf Gott. Damals schien es den Menschen unmöglich, dass beispielsweise das menschliche Auge planlos entstanden sein könnte. Und da es für uns noch immer kaum fassbar erscheint, können wir dermaßen überwältigt sein von der Schönheit der Natur. Auch hier spielte also der Entstehungsprozess in die Bewertung des Schönen mit hinein.

Gehen wir davon aus, dass ich mit dem Punkt rund um die Natur recht hätte, und auch damit, dass wir Zufallsprodukte als weniger wertvoll einstufen würden als bewusst entstandene Werke. Wie sieht es dann aus mit der Schönheit, die durch die Kombinationen bewusster und zufälliger Prozesse herbeigeführt worden ist? Oder noch besser: Wie sieht es aus, wenn die bewusst erstellten Dinge innerhalb dieses Rahmens eigentlich hässlich sind, der Zufall und die Kombination sie aber im Ganzen schön erscheinen lässt? Dabei denke ich beispielsweise an ein Stadtbild, das über viele Jahrzehnte wuchs und viele Architekturstile zusammenbringt. Deutlicher erscheint es mir aber bei Bahnhöfen (wohl auch, weil der Ursprung des Gedankens bei einer Zugfahrt entstand). Wir haben Gleise, die ohne künstlerische Intention verlegt worden sind, dazwischen Gewächse, die die Natur zufällig dazwischen gestreut hat, Waggons, die verrosten, und unzählige Graffitis – meist Bombings und Tags, also keine großangelegten Bilder. Alle Details sind für sich genommen unschön, aber im zufälligen Zusammenspiel können sie einen ästhetischen Reiz haben. Das Zusammenspiel ist also entscheidend und vielleicht sogar das paradoxe Phänomen aus so viel Hässlichkeit eine Form von Schönheit machen zu können. Sofern die zweite Annahme valide sein sollte, spielte wieder der Entstehungsprozess mit hinein.

Graffitis sind übrigens generell ein guter Ansatzpunkt für den Gedanken. Gehen wir diesmal von Street Art aus. Fans dieser Kunstform betrachten sie eben auch als Kunst, während ihre Gegner eher auf den Faktor der Sachbeschädigung pochen. Die Gegner sprechen Street Art die Definition als Kunst ab und werden in den wenigstens Fällen sich und ihrer Umwelt eingestehen, dass die Bilder, auf die sie fluchen, wirklich schön sind. Hier merkt man eindeutig die Einbeziehung der Entstehung in die Wertschätzung. Ist Banksy ein Künstler oder ein Verbrecher? Er ist beides und das macht ihn so spannend, denke ich.

Am Ende habe ich vielleicht zwei Dinge zusammengemischt, die ich hätte trennen sollen, die aber bei genauerer Betrachtung auch beim Genuss von Schönheit selten getrennt werden. Das eine ist der reine Genuss am Schönen und das andere die Bewertung dessen, was man genießt. Schließlich geht es also um Wertzuschreibungen, die sich in den puren Genuss mischen. Ist das unser kapitalistisches Denken? Etwas ohne höheren Wert darf nicht als schön betrachtet werden? Lange Zeit war die Schönheit der Natur nicht so viel wert wie der Nutzen einer Fabrik oder eines Wohnhauses. Wir haben für monetäre und gesellschaftliche Werte (was oft genug das Gleiche war) die Natur zerstört. Inzwischen hat sie leider auch noch einen Seltenheitswert bekommen. Dieser Gedanke bringt uns allerdings vom Thema ab.

Ich habe noch immer kein klares Ergebnis für mich gefunden. In Fragen der Kunst jedweder Fasson denke ich schon, dass der Entstehungsprozess einen eigenen Wert hat, der den Kunstgenuss noch steigert. Bei den anderen Punkten weiß ich es einfach nicht. Es könnte an der fehlenden Definition von Schönheit liegen. Was meint Ihr?

Alternativen

Über Literatur und Mutliversentheorien.

Es gibt etliche Multiversentheorien und ich spreche jetzt nicht von Marvel und co., sondern von theoretischer Physik – auch wenn sie zugegebenermaßen manchmal eher nach Philosophie klingen. Einer meiner liebsten Ansätze ist recht simpel. Setzt man ein unendliches Universum voraus, das eine endliche Menge an Material (Atomen und Kombinationsmöglichkeiten) beinhaltet, tritt irgendwann erstens Wiederholung ein und zweitens jede physikalisch mögliche Variation einer Gegebenheit. Das bedeutet, dass es in einem räumlich unendlichen Universum unendlich viele Erden gibt, auf denen das Gleiche geschehen ist und geschieht wie auf unserer, aber auch, dass es jede andere Variante von ihr gibt. Danach wäre es möglich, dass es jede Version meines Lebens irgendwo verwirklicht gibt. Jede Horrorvorstellung, jede Abart und jeder umsetzbare Traum ist verwirklicht, und natürlich gibt es auch unendlich viele Welten, in denen ich nicht existiere, gestorben bin oder niemals geboren worden bin.

Auf die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit meiner Existenz hier und jetzt als Konsequenz dieser Überlegung will ich nicht eingehen, obwohl sie interessant ist und eine ähnliche Verschiebung in der Bestimmung des eigenen Platzes im Kosmos bedeutet wie die kopernikanische Wende. Es soll im weitesten Sinne um Literatur gehen, wie es ja eigentlich immer um Literatur geht, wenn ich denke oder handle.

Fehlen mir einmal Ideen für Figuren oder Plots, denke ich an Multiversentheorien. Wie wäre ich gern? Wie hätte ich enden können? Was wäre passiert, wenn Gegebenheit XY anders gewesen wäre? Was würden Reichtum, Armut, ein anderes Glaubens- oder Staatssystem aus mir machen? Was hätte anders laufen müssen, damit dieses und jenes eingetreten wäre? Nicht nur findet man interessante Ideen auf diese Weise, sondern auch einen gewissen Fokus auf die Werte, die einem wichtig sind, selbst wenn sie einem zuvor nicht bewusst gewesen sein mögen. Wie bewerte ich eine alternative Existenz? Wäre ich gern der Firmenboss, der Soldat oder Propagandaminister, der ich auf anderen Erden bin? Und dann geht es weiter. Was wäre nötig, um mich zu korrumpieren? Wie schnell würde ich meine Ideale eintauschen gegen Sicherheit oder Reichtum? Bin ich vielleicht näher an einer anderen Version von mir, als mir lieb ist?

Auch wenn jeder meiner Texte fiktiv ist, stammen doch auch alle von mir, kommen aus mir und drehen sich im Kern um mich. Niemand sonst könnte diese Texte auf diese Weise schreiben. Daher sehe ich es als wichtige Aufgabe von Autor*innen an, sich selbst und das eigene Leben zu reflektieren. Man sollte jedoch vorsichtig sein, das eigene Leben zu bewerten und sich möglicherweise zu verurteilen. Es geht nicht um Selbstverbesserung. Viel wichtiger wäre in dem Zusammenhang die Frage, warum wir unser Dasein auf eine bestimmte Weise bewerten. Stammt die Beurteilung aus einer wohlüberlegten Ethik oder übernehmen wir bloß die Ethik der anderen? Was halten wir vom Ergebnis? Selbsterforschung ist immer auch die Erforschung der anderen und umgekehrt.

Alle Literatur beginnt mit einem Was wäre wenn? und fährt fort mit einem ständigen Frage-und-Antwort-Spiel, das wir mit uns selbst ausmachen. Am Ende steht eine Geschichte, die von Dingen handelt, die in Wirklichkeit nicht geschehen und die dennoch aus der Wirklichkeit kommen und auf die Wirklichkeit wirken. Damit ist das Nachdenken über den Ist-, den Soll- und den Nicht-Soll-Zustand der Welt (auch und gerade im persönlichen Bereich) Grundlage des Schreibens. Je weniger ausgeprägt die Fähigkeit zur Selbstreflexion ist, desto flacher das literarische Ergebnis, könnte man schlussfolgern. Auch das wäre nur eine Theorie und ich muss mich fragen, ob es eine logische Schlussfolgerung oder versteckte Selbstbeweihräucherung ist, und natürlich auch, ob meine Reflexionsfähigkeit so ausgeprägt ist, wie ich glaube.

Mit einer Multiversentheorie habe ich den Text begonnen und ich möchte mit einer ganz anderen enden. Gehen wir von der realistischen Möglichkeit aus, dass eine intelligente Spezies die Technologie entwickelt hat, ganze Welten zu simulieren, in denen Wesen (z.B. Menschen) existieren, die sich für real halten – simulierte Intelligenz also. Eine logische Weiterentwicklung der Technologie wäre, dass sie zugänglicher würde, also wie ein Computerspiel zur Verfügung stünde. Dann könnten viele Wesen viele Simulationen erschaffen. Wir hätten also extrem viele simulierte Welten. Würde man nun eine Bestandsaufnahme der simulierten und realen Wesen machen, die sich alle für reale Personen halten, käme man logischerweise zu der Erkenntnis, dass es weit mehr simulierte Personen gäbe als tatsächlich und ursprünglich reale. Statistisch gesehen wäre es demnach wahrscheinlicher, dass wir in einer Simulation leben als im ursprünglich realen Universum.

Ein undurchdachter Einwand wäre: „Aber Menschen könnten diese Welten nicht erschaffen, weil wir diese Technologie noch nicht haben.“ Im Rahmen dieser Simulationstheorie könnten wir nicht wissen, was bereits entwickelt worden ist, oder auch nur, welches Jahr wir tatsächlich haben, sofern wir in einer solchen Simulation existieren würden.

Auch diese Theorie ändert in praktischer Hinsicht nicht das Geringste an unserem Leben, aber ist es nicht trotzdem furchtbar interessant? Vielleicht leben wir in einer Version von Sims, an die sich irgendein Alienkind setzt, wenn es eigentlich Hausaufgaben machen sollte.

Sorck: Bad Moon Rising

Über eine Szene des Buches “Sorck” und den Song “Bad Moon Rising” von Creedence Clearwater Revival.

So fangen wir an: Alle, die nicht sofort den Song Bad Moon Rising von Creedence Clearwater Revival im Ohr hat, nimmt sich die 2:20 Minuten und hört ihn sich an. Ursprünglich suchte ich nach besonderen Songs, die für mich bedeutsam sind, und stieß auf diesen hier. Da er in Sorck auch erwähnt wird, kann ich schlecht nur über das Lied und die Band schreiben und schreibe gleichzeitig eben auch noch über das Buch. Hier erst mal die Lyrics:

I see a bad moon a-rising
I see trouble on the way
I see earthquakes and lightnin’
I see bad times today

Don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise

I hear hurricanes a-blowing
I know the end is coming soon
I fear rivers over flowing
I hear the voice of rage and ruin

Don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise

I hope you got your things together
I hope you are quite prepared to die
Look’s like we’re in for nasty weather
One eye is taken for an eye

Oh don’t go ’round tonight
It’s bound to take your life
There’s a bad moon on the rise
There’s a bad moon on the rise

Und das ist die kurze Erwähnung im Buch:

Am Ende des Dunkels wurde eine Melodie hörbar, und dann zunehmend lauter.
Schattentummler Sorck taumelte halb verloren über ein glitschiges Deck in Richtung bunter Lichter, die als verschleierter Schimmer in unklarer Entfernung flackerten. Die Melodie von Bad Moon Rising verstümmelte angenehm rhythmisch die Stille. Hinter einer Biegung öffnete sich das Schiff und offenbarte sein Inneres: Eine Bar. Endlich eine Bar.

Ich hatte eine Phase, in der ich verstärkt Musik aus den 1970er Jahren hörte, hauptsächlich Prog Rock aus den Jahren 1970-1972. Beim Rumstöbern fand ich etliche gute Bands, aber CCR habe ich, wenn ich mich nicht irre, im Soundtrack von The Big Lebowski entdeckt. Ihr erinnert euch an die Szene, in der er einen Joint im Auto raucht, Radio hört und happy ist? Er hört Lookin’ Out My Back Door von CCR. Bekannter ist allerdings der Song, um den es hier geht.

Den Sound von CCR könnte man chillig beschreiben. Musik für gute Laune bei mir. Der Songtext von Bad Moon Rising steht im Widerspruch dazu. Der Text ist apokalyptisch, biblische Anspielungen wie one eye is taken for an eye sind eingestreut. Versteck dich, mach dich bereit zu sterben, bereite dich vor, ein großer Sturm wird kommen. Diese Mischung und Widersprüchlichkeit gefällt mir, wie ihr euch denken könnt. Ich mag deprimierende Comedy und entspannt-apokalyptische Songs.

Zur Szene in Sorck (und eigentlich dem ganzen Buch) passen Song und innere Divergenz insofern, als der Protagonist gerade mit schlechter Laune in eine Bar geht und im Trinken gegen den Kummer ein Grundproblem steckt: Auf der einen Seite hat man Euphorie, Entspannung und (manchmal) verbesserte Laune, während auf der anderen Seite Suchtgefahr, Gesundheitsschäden und ultimativ mehr Probleme als vorher stehen. Die angenehme Feierei steht dem apokalyptischen Kater gegenüber. Verwendet habe ich den Song aber auch, weil ich ihn selbst in einer Bar auf einem Kreuzfahrtschiff gehört habe. Es wird euch nicht wundern, dass ich betrunken war. Die Situation war eine ganz andere als im Buch, aber damals war mir auch der Widerspruch bewusst zwischen den lustig tanzenden Ü50-Menschen und der Todeswarnung des Liedes.

Man könnte jetzt noch einen weiten Bogen schlagen, an den ich zuvor nicht gedacht hatte. Hermann Burger schrieb im Tractatus logico-suicidalis, seiner Abhandlung über den Suizid, jeder Tod sei ein Weltuntergang. Da Selbstmord für Martin Sorck durchaus eine Option ist, passt die Weltuntergangsthematik von Bad Moon Rising zur Figur. Die Warnung vor Gefahren und Tod innerhalb des Songs könnte dann gelesen werden als Warnung vor möglichen Reizen (beispielsweise in der Bar), die Sorck über die Grenze schieben könnten. Dass der Barbesuch im Endeffekt zu etwas Positivem führen sollte, nämlich zu einem emotionalen Sturm ganz anderer Art, kann man zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen. Die Wetterwarnung ist jedoch angebracht. Leider habe ich beim Schreiben nicht daran gedacht.

Mit dem Song verbinde ich persönlich generell Menschen mittleren bis gehobenen Alters, die feiern. Er lief auf Gartenpartys und Geburtstagen und eben in dieser Aida-Bar. Vielleicht kam es daher fast automatisch, dass die Bar, das alte Paar (in der nächsten Szene) und das Lied zusammen im Manuskript auftauchten. All die intellektuellen Begründungen scheinen mir manchmal wie Rationalisierungen für unbewusste Entscheidungen und Assoziationen. Vielleicht sind jedoch die Begründungen von vornherein da, aber die Ausformulierung der Begründungen erfolgt später. Auch eine interessante Idee.

So, jetzt muss ich mich mal umsehen, denn ich habe mich ein bisschen verlaufen wie Sorck auf seinem Weg zur Bar. Wie mir scheint, bin ich trotzdem irgendwo angekommen. Eine Erinnerung noch am Ende: Als der Song in der Bar lief, die zu einer Seite (dem Schiffsheck) offen war, fuhren wir gerade vom Stockholmer Hafen an vielen kleinen Inseln vorbei in Richtung des Meeres, die Sonne ging unter und tauchte den Himmel in ein fast kitschiges Rot, und ein roter Himmel (wenn auch in einem anderen Rotton) gilt häufig als Andeutung auf die Apokalypse. Es spielt alles zusammen, wenn man es nur richtig betrachtet.

Leo Perutz: Der schwedische Reiter

Über den Roman “Der schwedische Reiter” von Leo Perutz.

Ausnahmsweise schreibe ich eine Buchbesprechung. Mir ist danach. Also los:

Zwei Männer scheinen am Ende zu sein, noch bevor die Geschichte beginnt. Ihre Lebenswege und alle Ziele, Anstrengungen, Schicksalsschläge und Zufälle darin sind miteinander verknüpft. Wenn die Geschichte tatsächlich endet, steht da eine rührende Szene, die von Liebe und Schicksal durchströmt ist.

Wie soll man Der schwedische Reiter einordnen? Man kann sagen, es handele sich um einen historischen Roman, der am Anfang des 18. Jahrhunderts in Schlesien spielt. Allerdings ist es auch ein Abenteuer- und Liebesroman, ein Kunstmärchen, ein Werk des Magischen Realismus und modern durch die Thematisierung von Flucht, Verfolgung, Leid und Lebenswillen.

Dies ist meine erste Buchbesprechung und deshalb werde ich doch lieber persönlicher im Ton und in der Gestaltung. Es gibt zwei Dinge im Buch, die anstrengend sind. Leo Perutz schrieb einmal, dass er in historischen Romane zu schreiben versuche, wie seine Großmutter erzählte. Die Sprache passt, soweit ich das sagen kann, zur Zeit, in der die Geschichte spielt. Trotz schönem Satzrhythmus kann das stören oder braucht wenigstens Gewöhnung. Die andere Sache ist, dass die beiden weiblichen Figuren naiv, unselbständig und auch mal rachsüchtig sind. Sie sind da, um hübsch zu sein und zu dienen, die eine etwas wilder, die andere brav. Eine Ursache dafür liegt wohl in Perutz’ Entscheidung, sämtliche Figuren typisiert zu konzipieren, sodass sie erst durch die schicksalhafte Verquickung der Handlung und durch die Fantasie der Leser*innen mit Charakter erfüllt werden müssen. Dies funktioniert im Falle der männlichen Figuren besser, da sie mehr Handlung und mehr Sprechanteil haben. Aber mit einer modernen Sichtweise ein Werk zu attackieren, das 1936 erschien und im frühen 18. Jahrhundert spielt, ist müßig. Es fällt allerdings auf.

Also zur Schönheit des Werkes! Der Aufbau vom Ende der Geschichte zum Anfang und wieder zum Ende, die Verknüpfung der einzelnen wichtigen Wegpunkte, die schließlich eine großartige Auflösung erlauben, ist unschlagbar. Dieser Aspekt erinnert mich an die besten Filme von Guy Ritchie. Allerdings scheint Perutz’ Auflösung mehr von Leidenschaft getragen denn von Humor. Dies ist einer der Momente, in denen ich am liebsten spoilern würde. Ich liebe die Auflösung und den Aufbau dieses Romans.

In der Zwischenzeit, zwischen Aufwerfen des Rätsels und Erklärung, gibt es eine abenteuerliche Geschichte um Landstreicher, Räuber, Diebe, Soldaten und Liebe. Man fühlt sich hier und da an Till Eulenspiegel erinnert. Folgende mögliche Verbindung fiel mir beim Lesen auf: Das Buch erinnert mich an Till Eulenspiegel – Daniel Kehlmann hat mit Tyll einen Roman mit dieser Figur im Zentrum geschrieben – ich selbst kenne Leo Perutz aus Essays von Kehlmann – dachte Kehlmann dank Perutz an Eulenspiegel? Doch zurück zum Buch: Dieser Anteil des Buches ist spannend und unterhaltsam.

Hineingemixt wird nun auch noch eine Menge Aberglaube und Religion. Ein (möglicherweise?) toter Müller, Zaubersprüche, die eventuell wirken, ein göttliches Gericht, das aber keine der gängigen Sünden bestraft. Dies ist der magisch-realistische Anteil, die Verflechtung von Realität und Glauben, Aberglauben, Spiritualität zu einer neuen Wirklichkeit. Doch Perutz treibt Spielchen und weicht den Kern dieses Konstruktes auf. Christliche Moral ist nicht die Moral des Buches, sondern bloß eine Ansicht, die vertreten wird – und das nicht von den Mitgliedern der Kirche. Als Leser*innen sind wir in der moralischen Interpretation des Werkes auf uns gestellt. Uns bleibt nur die ästhetische Konstruktion, um uns entlangzuhangeln. Sie gilt es zu bewundern. Was das Leben wirklich bedeutet oder ob es etwas bedeutet, müssen wir nicht verstehen, können es vielleicht auch niemals.

Für Fans von Details sollte ich noch darauf hinweisen, dass Perutz, soweit ich das erkennen konnte, Kapiteleinteilung, Jahreszahlen etc. an in der christlichen Numerologie wichtigen Zahlen angepasst hat.

Am Ende einer Buchbesprechung sollten wohl eine Empfehlung oder Bewertung folgen. Ich gebe keine Punkte oder Sterne. Die Wahrheit ist, ich kann nicht einschätzen, ob heutigen Leser*innen Der schwedische Reiter zusagen wird. Aber im Grunde handelt es sich um einen Fantasyroman und sowas mögt ihr doch, oder?

Ein Tanz hin zur Klarheit

Über die Aufführung des Stückes “Purgatorio” des Balletts in Dortmund.

Dortmund bietet mehr als Bier und Fußball. Zum Glück. Es gibt zum Beispiel ein hervorragendes Ballett-Ensemble, das unter Leitung Xin Peng Wangs jedes Jahr eine neue, eigene Literatur-Adaption auf die Bühne bringt. In der Spielzeit 2019 ist es der zweite Teil der Reihe nach Dantes Comedia: Purgatorio.

Die Divina Comedia (Göttliche Komödie) ist eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur und sei hier ganz kurz zusammengefasst:

Teil 1: Inferno – Dante wird von Vergil durch die Hölle geführt
Teil 2: Purgatorio – Dante begutachtet den Läuterungsberg
Teil 3: Paradiso – Dante schaut den Himmel

Dass man die Comedia ein Leben lang studieren kann und nicht fertig werden würde, darf auch erwähnt werden. Dante fasste das Wissen seiner Zeit in einem Werk zusammen, erschuf die Grundlage der Höllenvorstellung des Christentums (Feuer, Schwefel etc.) und schrieb das alles in Italienisch, das es damals in der Form noch nicht gab, weshalb er hunderte Worte erfinden oder adaptieren musste.

Was ist der Läuterungsberg?

Purgatorio, im Deutschen oft als Fegefeuer übersetzt, obwohl das Fegefeuer bloß ein Teil des Purgatorio darstellt, ist ein Bereich im Nachleben, wo sündige Seelen sich reinigen von ihrer Schuld, um danach den Himmel zu betrachten und Teil haben zu dürfen an Gottes Wärme. Es ist ein Bereich zwischen dem Himmel, in den nur die reinen Seelen eingelassen werden, und der Hölle, in der die verlorenen Seelen für immer leiden. Wer nicht gut genug für den Himmel ist und nicht nicht schlecht genug für die Hölle, darf einige Jahrhunderte lang leidend einen Berg erklimmen, um am Ende durch eine reinigende Feuerwand zu laufen und danach erlöst zu werden.

Losgelöst von allem Christlichen, was bleibt von der Idee des Purgatorio? Schuld, Schuldgefühl, Reue und ein reinigender Weg, an dessen Ende Vergebung, Ruhe und Klarheit stehen. Es bleibt ein Prozess hin zu etwas, das wir alle anstreben und von dem wir ständig weiter zu entfernen scheinen. Wie setzt man das als Ballett um?

Es beginnt mit der Nachstellung einer Performance der Künstlerin Marina Abramovic und zwar The Cleaner. Jemand sitzt auf einem Berg blutiger Knochen und reinigt in mühsamer Arbeit einen nach dem anderen. Als Kommentar zum Ende der Kosovo-Krise konzipiert, passt das Werk auch allgemeiner zum (Selbst-)Reinigungsthema des Purgatorio.

Ein weiteres Motiv, das auftaucht und den ersten Part des Stückes mitbestimmt, ist das Schlagen mit der flachen Hand auf Hals und Glieder, das die Seelen wieder und wieder vollführen. In der chinesischen Medizin gilt dieses rhythmische Schlagen als heilsam und reinigend, weil es die Körpersäfte und -energien weckt und sie fließen lässt.

Für die größte Zeit wird das Stück Become Ocean von John Luther Adams gespielt, ein Stück, das das langsame Aufbäumen, Aufbauen, Brechen und Zerfließen einer Welle darzustellen versucht. Wasser als reinigendes Mittel und Teil fast jeder großen Religion. Es wird langsam getanzt und im Dunkeln. Schwer wiegt noch die Last der Sünden auf den Seelen. Doch mit der Zeit und nach viel Mühe, wenn die Welle John Luther Adams den Schmutz fortgetragen hat, lockern sich die Glieder, das Atmen wird einfacher, die Bewegungen leichter. Man nähert sich der letzten, reinigenden Feuerwand des Fegefeuers. Kate Moores The Art of Levitation scheint die Gravitation auf der Bühne aufzuheben, im Feuer wirbeln die Seelen, Tänzerinnen und Tänzer drehen sich, springen und tanzen auf Spitze durchs Fegefeuer, befreit von aller Last des Lebens.

Ich sitze im Publikum und merke, wie meine Beine zittern. Anspannung und Konzentration zwangen meine Muskeln, straff und kampfbereit zu sein. Nun lockern sie sich. Die Vorstellung, Buße tun zu können und dadurch alle Last meiner Irrtümer, Fehlhandlungen und Gemeinheiten loszuwerden, stimmt mich euphorisch und dann traurig, weil ich mangels des richtigen Glaubens nicht an ihr festzuhalten vermag. Doch geht es in Purgatorio nicht um christlichen Glauben, sondern um menschliche Bedürfnisse. Vielleicht ist das Fegefeuer die Summe der Schuld, die wir anhäufen, mit uns tragen und die uns zu besseren Menschen macht, bevor wir im Wissen, dass wir sie durch gute Taten abbezahlt haben, am Ende unseres Lebens einschlafen. Bessern wir uns nicht nach Ansicht und Einsicht unserer Fehler, werden sie immer an uns nagen, ohne dass Linderung kommen wird. Das wäre dann die Hölle.

Was kann man von einem Ballett mehr erwarten, als Schönheit, Eleganz, kunstvolle Gestaltung, gekonnte Umsetzung und Wellen von Gefühlen, die zu Kontemplation führen und uns letztlich, mit etwas Glück, zu besseren Menschen machen (wenn auch nur für einen Abend)?

Sorck: Zwei Vögel und die Ordnung im Chaos

Über eine Szene aus dem Roman “Sorck” sowie ihre Hintergründe.

Eine winzige Szene aus dem Roman Sorck, slawische Mythologie und ein verstecktes Statement sind Thema dieses Artikels. Ohne Spoiler wird es nicht abgehen können. Seid also gewarnt!

Situation: In Sankt Petersburg hat Martin Sorck eine unangenehme Einreise überstanden und steht nun im Freien.

„Der Himmel schimmerte grau und schien sich direkt an den Boden anzuschließen, ohne Horizont, ohne Trennlinie. Ihm fielen zwei Vögel auf, die als Paar zum Hafenbecken flogen, einer hell, einer dunkel. Am Ziel angekommen schwebten sie auf der Stelle, um dann ihre Flügel anzulegen und sich ins Wasser zu stürzen. Einen Moment später tauchten sie wieder auf, schlugen wild mit dem Gefieder und erhoben sich in die Luft. Ihr Rückweg führte über Sorck hinweg und als sie genau über ihm flogen, rieselte feuchter Sand auf seine Stirn.“

Um diesen kurzen Moment innerhalb einer turbulenten Geschichte soll es gehen. Was hat es damit auf sich? Wieso Vögel? Wieso dort?

In Sorck tauchen immer wieder Bezüge zu Religion und Mythologie auf. So auch hier. In der slawischen Mythologie, genauer gesagt in der slawischen Kosmogonie, gibt es eine Schöpfungsgeschichte in verschiedenen Versionen. Kurz zusammengefasst: Aus dem Nichts entsteht mit Beginn des Zeitflusses das Weltenei, aus dem Bieleboh und Czorneboh entstehen. Diese beiden, der weiße Gott und der schwarze Gott, bauen unsere Welt. In manchen Darstellungen werden sie als zwei Vögel dargestellt, die Erde vom Meeresgrund holen und an Land tragen.

Wir Menschen suchten schon immer nach einer Erklärung für unsere Existenz und erfanden sie in Form von Geschichten. Das ist der Kern jeder Religion. Die Erklärung für die Existenz von Martin Sorck ist die Geschichte, die ich erfinde. Schöpfung in zweiter Potenz, wenn man so will. Ich bin bei meiner Figur zu jeder Zeit und bin verantwortlich für alles Gute und alles Böse, das ihr zustößt. Aber nicht aus einem Gotteskomplex heraus habe ich mich als Schöpfer in die Geschichte geschrieben, sondern als Statement der Planmäßigkeit im Chaos der Geschichte.

Wie eine Segnung fällt der Sand von den göttlichen Vögeln herab auf die Stirn Sorcks. Es gibt einen Plan für ihn. Während seiner Reise sucht er nach Sinn und Bestimmung. Es gibt Sinn und Planmäßigkeit, aber nicht auf einer Ebene, die er überblicken könnte. Ein weiterer Kommentar dazu steht auch im Artikel Sorck: Die Dachbogenszene.

Dass die Szene in Russland angesiedelt ist, erklärt ihr Bezug zur slawischen Mythologie, so wie Bezüge zur nordischen Mythologie beispielsweise in Stockholm auftauchen.

Was Martin Sorck nicht merkt und wohl auch kaum jemand sonst: die beiden Vögel tauchen mehrmals auf. Noch auf dem Kreuzfahrtschiff sieht er sie auf dem Monitor an seiner Kabinenwand.

„Zwei sandige Vögel und ein Mann in einem Trenchcoat. Er fragte sich, ob es das selbe Rorschachbild wie zuvor war, […]“

Ihm wurde ein Blick in die Zukunft gewährt, den er nicht verstehen konnte. Dadurch wurde den Lesenden der gleiche Blick gewährt und sie teilten das gleiche Unverständnis mit ihm. Gibt es Zeichen und gibt es einen Sinn in der Welt, so übersteigen sie unser Verständnis. Anders ausgedrückt: Sollte es tatsächlich einen Gott geben, der alles lenkt, hat das für uns keine Bedeutung, da wir weder verstehen können, was er tut, noch ändern können, was geschieht. Man könnte es als Zeichen der gleichen Ansicht betrachten, dass die frühe christliche Theologie darauf bestand, dass Gott bereits vor der Erschaffung der Welt festgelegt hatte, welche Menschen in den Himmel kommen und welche in die Hölle. Weit vor der Geburt einer Person steht sein Schicksal fest und was sie auf Erden tut, ändert nichts daran. Für einen allwissenden Gott scheint das passend, aber für die Kirche war das unpraktisch. Warum sollte man sich gut verhalten, wenn man nichts am Ergebnis ändern kann? Plötzlich musste man sich seinen Platz im Himmel verdienen. Das als kleiner Ausflug in die Theologie.

Eine Parallele dazu gibt es in Form folgender Weltsicht: Die Welt basiert auf physikalischen Regeln, ist also eine riesige Kauselverkettung. Wir Menschen bilden unsere Entscheidungen (unseren freien Willen) aufgrund von Erfahrungen und Reizen, die wiederum Teil der Kausalverkettung sind. Damit wäre jede Handlung, jeder Gedanke und jedes noch so zufällig wirkende Ereignis von vornherein vorherbestimmt, wenn auch nicht geplant. Es gab die Ansicht, dass man jeden Zustand des Universums zu jeder Zeit berechnen könnte, wenn man in der Lage wäre, den kompletten Weltzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bestimmen. Laplacescher Determinismus. Die Heisenbergsche Unschärferelation hat dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber das führt jetzt zu weit.

Zurück zu den Vögeln: Passenderweise tauchen diese auch in einer Kirche auf. Martin Sorck entdeckt eine kleine Statue.

„Eine Frauengestalt in langer, heller Robe erhob den schlanken Zeigefinger ihrer rechten Hand und deutete auf zwei Vögel, die über ihr flogen. Einer von ihnen war wiederum mit Gold überzogen, der andere, dunklere, nicht.“

Hier wurden sogar mehrere mythologische beziehungsweise story-eigene Bezüge miteinander verknüpft. Eva, die Frau, die Sorck kennenlernt, begegnete ihm in der gleichen Pose wie hier Mokosch, die slawische Fruchtbarkeitsgöttin. Dass es sich um Mokosch handelt, sieht man übrigens an der lateinischen Widmung unter der Statue, die sich auf einen ihrer Beinamen bezieht. Die Verbindung zwischen Martin Sorck und Eva wird hier ebenso gezeigt wie die Planmäßigkeit ihrer Zusammenführung. Es gibt Ordnung im Chaos.

Vielleicht noch ein paar persönlichere Notizen dazu:

Ich liebe diese kleinen versteckten Geheimnisse in Büchern. Ob ich sie selber gestalte oder jemand anders (wie Kehlmann, der mit Du hättest gehen sollen seine eigene Shining-Version geschrieben hat und an einer Stelle versteckt auf das Buch und den Film hinweist), ist dabei gleich. Daher wollte ich das besprochene Detail am liebsten schon direkt nach der Veröffentlichung verraten. Aber jetzt, da mehr Leute Sorck gelesen haben, ist der Zeitpunkt passender.

Man könnte meinen, ich sei religiös oder beschäftigte mich viel mit Gott, aber dem ist eigentlich nicht so. Ich glaube nicht an Gott. Allerdings ist es für mich ausgesprochen wichtig, einen Sinn in den Dingen zu sehen, die ich tue. Ein Leben ohne höhere Bedeutung ist bedeutungslos, sinnlos, also schwer zu leben. Daher habe ich immer nach Sinn gesucht und ihn in der Literatur gefunden. Auf einer lebenslangen Sinnsuche stolpert man zwangsläufig über Religionen, da andere ihren Sinn darin gesucht und gefunden haben. Dieser Aspekt und die deutliche Verbindung zwischen göttlicher Schöpfung und menschlicher Schöpfung und Kreativität bringen mich immer wieder zu religiösen Themen.

Mir ist bewusst, dass ich in diesem Artikel riesige Themenkomplexe angerissen habe (Mythologie, Religion, Determinismus, Literatur, Sinnsuche), mit denen man sich ein Leben lang beschäftigen könnte. Daher bitte ich um Verzeihung für die vage Darstellung. Sicherlich werden alle Themen nochmal besprochen genauer werden, aber für einen Überblick über die Idee hinter dieser winzigen Szene sollte das reichen.

Der Traum ist Teil der Realität

Über die Verbindung von Fantasie und Realität in unserer Wahrnehmung sowie der literarischen Umsetzung dieser Verbindung.

Im Laufe eines Tages sammeln sich fast unendlich viele kleine und große Erlebnisse, Gedanken und Bilder im Kopf an, die nachts verwertet werden. Die Träume bilden neue Erlebnisse und Bilder, die wiederum den nächsten Tag beeinflussen. Dadurch formt sich die Realität für jede*n anders.

Menschen haben Glaubenssysteme und Überzeugungen, durch die sie ihre Realität sortieren und bewerten, was diese Realität wiederum verändert. Es wird gefiltert und gefühlt und abgespeichert. Während die eine Person durch einen Supermarkt geht und in Gedanken schwelgt, konzentriert sich die nächste auf die großartige Auswahl, eine weitere auf die Gerüche und noch eine sieht überall eine Weltverschwörung, die durch Chemie in Lebensmitteln versucht, die Menschheit zu vergiften. Der gleiche Supermarktbesuch führt zu völlig unterschiedlichen Erlebnissen. Die Psyche eines Menschen und sein körperlicher Zustand beeinflussen maßgeblich, wie er die Welt wahrnimmt.

Es gab und gibt viele Versuche, diese Gegebenheit in der Literatur darzustellen. Im als „Bewusstseinsfluss“ bezeichneten Ansatz stellen Autor*innen parallel die Geschehnisse, die Gedanken der Figur und ihre Gefühle dar. Ohne klare Abtrennung werden diese Ebenen vermischt. Ein gutes Beispiel dafür wäre Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen. Allerdings ist diese Technik nicht bloß schwer anzuwenden, sondern auch anstrengend für die Lesenden.

Der Magische Realismus wiederum verbindet Elemente aus Religion, Mythologie und Fantasie mit jenen der allgemein anerkannten Realität. Gleichberechtigt stehen sie nebeneinander. Diese Tradition hat meiner Meinung nach einen natürlichen und ungezwungenen Kern und Ursprung. Liest man beispielsweise Celtic Twilight von William Butler Yeats, eine Zusammenstellung von Mythen seiner Heimat Irland, die durch Gespräche mit Einheimischen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, findet man in den Erklärungen und Erzählungen der Menschen bereits die Vermischung aus Glauben und Realität. Sie glauben noch fest an Teufel, Hexen, Kobolde, Feen und andere mythologische Figuren. Der Glaube führt so weit, dass sie im Nebel, im dunklen Wald oder in der Ferne diese Wesen sehen. Besondere Geschehnisse oder auch alltägliche werden durch das Vorhandensein einer kaum oder gar nicht sichtbaren zweiten Welt erklärt. Die Realität der Iren zu jener Zeit war magisch. Die Aussage, dass Magischer Realismus im Grunde Fantasy mit höflicherem Namen sei, wurde mehrfach getroffen. Was wir heutzutage allerdings zuallererst mit dem Fantasy-Genre verbinden, ist wohl etwas anderes. Die Parallelen sind jedoch gegeben.

Surrealismus ist im Kern gezwungener und bewusster. Die Grenzen zwischen „objektiver“ und subjektiver Realität werden verwischt, Träume dringen ins Leben ein, Drogentrips sind Teil der Geschehnisse. Es gibt einen relativ großen philosophischen Unterbau für den Surrealismus, der im Grunde besagt, was ich in der Einleitung geschrieben habe: die Gesamtheit unserer inneren und äußeren Eindrücke bildet die Realität. Ändert man diese Gesamtheit beziehungsweise Parts davon, verändert man die Realität. Das war der Auftrag des Surrealismus: eine neue Literatur/Kunst, eine neue Sprache und am Ende eine neue Realität zu schaffen.

Derart hochgesteckte Ziele habe ich nicht. Mir fehlt weitestgehend die Überzeugung dafür (aber nicht vollkommen). Dennoch vermische ich Welten und trudele irgendwo zwischen Magischem Realismus, Surrealismus und anderen Dingen (wie auch immer sie heißen mögen). Warum? Weil es sich richtig anfühlt. Meine Welt ist dunkel und bunt und voller Bilder, die in „Wirklichkeit“ nicht da sind, voller Assoziationen und Bezüge und Verbindungen. Denke ich an meine Werke, verbinde ich sie mit verschiedenen Farbschattierungen. Es wäre zu schade, würde ich nur darstellen, was ich mit den Augen sehen kann. Der große Reichtum steckt hinter den Augen.

Der Erfolgsgeheimnis des Menschen war immer sein Einfallsreichtum. Mit ihm sind wir an die Spitze jeder Nahrungskette gestiegen, aber haben auch so manches Ökosystem ruiniert, weil wir immer die Realität an uns und unsere Bedürfnisse anpassen. Wir können das gleiche in der Literatur schaffen: die Wahrnehmung der Lesenden ändern und damit die Welt – zum Guten oder zum Schlechten. Doch wer bin ich, dies zu bewerten? Ich zeige als Autor Möglichkeiten auf, andere ziehen Schlüsse.

Unerträgliches mit Humor (üb)ertragen

Über Comedy, Schmerz, Bo Burnham und Humor als Mittel zur Bearbeitung schwieriger Themen.

Es geht mir manchmal nicht gut, ich habe immer ein Faible für Düsteres, Trauriges, Wütendes und ich lache gern. Daher fasziniert mich Stand-Up-Comedy. Wirkt das paradox?

Vor einer Weile habe ich die Show Make Happy von Bo Burnham gesehen. [Vorsicht Spoiler] Er präsentierte eine Mischung aus ungewohntem, teils albernem Humor und viel Musik. Doch zwischendrin und am Ende schien es, dass er ehrlich und fast unangenehm offen wurde. Im Song Can’t Handle This Right Now, kniet er am Boden, nachdem er viel Unfug gesungen und gemacht hatte, blickt ins Publikum und singt:

Look at them, they’re just staring at me
Like, “come and watch the
Skinny kid with a steadily declining mental health
And laugh as he attempts
To give you what he cannot give himself”

Das hat mich getroffen. Er stellt sich (in der Folge und auch in anderen Shows) wieder und wieder die Fragen: Bin ich glücklich? Wie kann ich glücklich werden? Kann ich glücklich werden? Und er findet keine Antwort für sich. Aber auf dem Weg entdeckt er, wie er andere glücklicher machen kann, wenn auch nur für einen Abend.

In der Show Comedians In Cars Getting Coffee, in der Jerry Seinfeld jeweils einen Comedian einlädt, mit ihm durch die Gegend zu fahren, Kaffee zu trinken und zu reden, wird Comedy als solche häufig thematisiert. Seinfeld versucht, das Besondere an Comedy und an Comedians als Personen zu finden. Was macht einen Menschen zu einem guten Comedian? Er gibt im Kern zwei Antworten. Erstens sind Comedians selten gutaussehend, in ihrer Jugend und ihren Anfängen nie erfolgreich und auch keine glücklichen Menschen. Zweitens sehen sie an allem die witzige Seite und geben sich das Recht, über alles (und mag es noch so traurig oder schmerzhaft sein) zu lachen.

Manchmal taucht der Schmerz bloß im Subtext auf, manchmal, wie bei Bo Burnham, kommt er wie eine plötzliche Ohrfeige daher und dann gibt es Fälle, in denen er offen thematisiert wird. Es gibt vermutlich bessere Beispiele, aber Bill Burr spricht gelegentlich über seine Wutausbrüche, die Wutausbrüche seines Vaters und Alkoholprobleme.

Was hat das alles mit mir oder mit Literatur zu tun? Einerseits saß ich vor Beginn des Textes am Schreibtisch und fragte mich, wo die Pointe in all dem steckt, was in meinem Leben gerade passiert. Kann ich einen Ansatz finden, um darüber zu lachen? Bisher nicht. Aber der Humor der Comedians ist wie die Arbeit von Schreibenden auch häufig eine Verarbeitung persönlicher Erfahrungen und Probleme. Spätestens dieser Punkt zwingt mich, gute Comedy als Kunst zu kategorisieren. Andererseits steckt im Roman Sorck viel Humor und mindestens so viel Schmerz, Angst und Unsicherheit. Ich weiß, dass das Buch nicht von allen auf diese Weise gelesen wird, aber ich weiß auch, was ich mir beim Schreiben dachte.

Im Blogeintrag Sorck: Warum Humor? habe ich dieses Thema bereits behandelt, aber auf andere Weise.
Humor hilft, Schmerz zu ertragen: Passe ich nicht auf und laufe mit dem Zeh gegen die Tischkante, fluche ich erst vor mich hin, bis mir auffällt, wie albern ich mich verhalte und ich zu lachen beginne. Tut es noch weh? Natürlich. Kann ich den Schmerz besser aushalten als vorher? Ja!
Humor hilft aber auch, Schmerz effektiver einzusetzen: Würde sich Bo Burnham einfach hinstellen und offen seine Gefühle ausdrücken, hörte ihm bald niemand mehr zu. Von Fremden sollte man kein Mitleid erwarten, sondern zuerst einmal Kälte. Er aber brachte sie zum Lachen, lockerte ihre emotionale Abwehr, wiegte sie in guter Laune und schlug dann zu.

Es ist ineffektiv, auf einen Eisblock einzuprügeln, hinter dem sich das eigentliche Ziel befindet. Lasst ihn tauen und haut dann mit größter Gewalt zu! Das ist meiner Meinung nach eine große Kunst. Es geht natürlich auch hinterhältiger. Man kann in humoristischen Szenen viel Ernsthaftes verstecken, das möglicherweise aufgrund der Mischung stärker nachwirkt. Zwar lacht die Leserschaft, aber das Thema ist nicht zum Lachen. Dieser Widerspruch, der erst mal gelöst werden will, sollte zumindest das aufmerksame Publikum beschäftigen.

Kafka mag nicht daran gedacht haben, aber vielleicht ist Humor die Axt, die das gefrorene Meer in uns zerbricht.

PS: Alle erwähnten Shows findet man auf Netflix.

Teil von etwas Größerem

Über das Gedicht “Alpha I” aus “Alte Milch” und Gedanken die Zugehörigkeit der Menschheit zu etwas Größerem betreffend.

Was bedeutet meine Liebe für die Menschheit?
Ist mein Hass gerechtfertigt
Als schmerzhafter Reiz?

Das ist ein Ausschnitt aus Alpha I, einem der philosophischeren Texte im Gedichtband Alte Milch.

Every living creature on earth dies alone.

Das flüstert Roberta Sparrow dem jungen Donnie Darko im gleichnamigen Film ins Ohr.

Lassen wir Gott für einen Moment aus dem Spiel. Was bleibt, wenn wir einen Plan, ein lenkendes Wesen, Schicksal, Himmel, Hölle, Wiedergeburtssysteme und Prädestination aus der Rechnung nehmen? Denn, seien wir mal ehrlich, wir glauben nicht mehr daran. Zuerst einmal werden wir auf uns selbst als Einzelwesen zurückgeworfen. Wir sind allein, eine abgekapselte Einheit umgeben durch Sinne gefilterter Endlosigkeit. Tatsächlich kann mir niemand beweisen, dass es außerhalb meines Geistes noch andere Dinge oder Wesen gibt. Das wusste schon Descartes. (Er allerdings brachte wieder Gott ins Spiel, um seine Probleme zu lösen.) Schopenhauer war weniger skeptisch und meinte bloß, man könne nur vor die Dinge schauen, nicht in sie hinein. Man müsse also von sich auf die Welt schließen. Ein interessanter Gedanke. Dummerweise hat Schopenhauer zu seiner Zeit auch noch nicht richtig in sich selbst schauen können und zeitigte der Ansatz schöne und falsche Ergebnisse.
Gehen wir davon aus, dass unsere Sinne uns nicht täuschen, ich kein Gehirn im Tank bin und auch kein bösartiger Dämon mich veräppelt. Neben unserem Dasein als Einzelwesen sind wir Gruppenwesen, programmiert Gemeinschaft zu suchen und uns an sie zu klammern. Man könnte eine Kette oder ein Netzwerk bilden: Ich – Familie – Freunde/Bekannte – Dorf/Stadt/Staat – Weltpopulation. Sehr grob gehalten. Versuchen wir es uns optisch vorzustellen: Ich bin ein Punkt im Dunkel. Familie und persönliche Kontakte sind weitere Punkte. Es gibt direkte Verbindungen zwischen diesen Punkten. Manche Menschen haben mehr Außenkontakt und leuchten stärker. Dorfgemeinschaft, Stadtpopulation, Staatsbürger ergeben viele weitere Punkte und zwischen allen weitere Verknüpfungen. Ausgedehnt auf die Weltpopulation ergibt das ein komplexes Netzwerk, in dem jede*r mit jedem indirekt verbunden ist. Addieren wir moderne Kommunikationsmittel (Internet usw.) hinzu, werden einerseits die Verbindungen verstärkt und andererseits neue geschaffen. Seht ihr es vor eurem inneren Auge? Ein riesiges, dichtes, leuchtendes Netzwerk aus Individuen.
Legen wir dieses leuchtende Netz um eine Kugel, die Erde, erhalten wir ein Bild, das einem Gehirnscan ähnelt. Jeder Punkt ist ein Mensch. Jeder Punkt ist eine feuernde Zelle im Hirn. Unaufhörliche Kommunikation zwischen Einzelzellen erzeugt Leben auf höherer Ebene und endlich Bewusstsein.
Es gibt die Theorie, dass die Menschheit oder die Natur auf der Erde auf höherer Ebene Bewusstsein erzeugt, wie eben der Zusammenschluss von Einzelwesen (zuerst zu Zellen und dann zu komplexeren Wesen) zu unserem Bewusstsein geführt hat. Was würde dies für uns bedeuten? Einerseits gäbe es unseren Handlungen Sinn. Jede unserer Handlungen wäre ein Signal im übergeordneten Bewusstsein. Entsprechend hätten meine Veröffentlichungen, besonders wenn sie gelesen werden, eine Bedeutung, die nicht abzusehen ist. Einige Zellen feuern und ein Gedanke, Gefühl oder eine Handlung entsteht.
Das für uns nicht überschaubare Netzwerk von gegenseitiger Beeinflussung, besonders wenn man die Natur noch mit ins System einschließt, käme komplexen Gedanken gleich. Dies bedeutet, dass unsere Handlungen ebenfalls Teil des Ganzen und damit sinnvoll und damit wiederum unabdingbar wären. Es würde bedeuten, dass wir ein winziges Blitzen im Geist von etwas Größerem wären, aber als solches notwendig. Wir sind nicht allein und unser Leben spielte eine Rolle.
Gehen wir noch weiter. Umweltzerstörung, technologische Entwicklung und Klimawandeln könnte innerhalb dieses Bedeutungsfeldes neu interpretiert werden. Entweder als eine Art von Weiterentwicklung, Evolution, für das übergeordnete Bewusstsein, oder als Krankheit, Tumor, in ebenjenem Bewusstsein. An dieser Stelle breche ich ab. Bereits die vorhergehende Argumentation ist schwierig bis unmöglich aus dem System heraus, in dem man steckt, reine Spielerei. Stellt euch vor, eine eurer Gehirnzellen versuchte zu interpretieren, was ihr seid. Als Teil des Systems kann man unmöglich das Gesamtsystem überblicken.
Aber worum geht es hier überhaupt? Es geht um Sinnsuche. Ich brauche Sinn, um existieren zu können. Gott taucht häufiger in meinen Texten auf, als es mir lieb ist. Aber ich glaube nicht. Gedankenspiele wie das in diesem Blogartikel oder im Gedicht Alpha I helfen mir, irgendeine Art von Glauben aufrechtzuerhalten, der mein Leben rechtfertigt. Eine Zusammenstellung verschiedener Argumentationen, aus denen ich je nach Stimmung auswählen kann, um weiterzumachen und den Mut nicht zu verlieren. Ich brauche das.
Vielleicht beantwortet das auch die Frage, warum manche Menschen sich überhaupt mit Philosophie beschäftigen. Hier habe ich allerdings nur für mich allein gesprochen.