Erschütterungen. Dann Stille.: Der Spinner

Über “Der Spinner” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Die meisten Autor*innen veröffentlichen nicht direkt ihr erstes Manuskript. Ich auch nicht. Sorck war bei mir Manuskript Nr. 3. Zuvor hatte ich bereits Der König der Maulwürfe und Schildbürger geschrieben. Aus Schildbürger ist schließlich Der Spinner in Erschütterungen. Dann Stille. geworden, also eine kurze Erzählung. Wie ist es dazu gekommen? Dieser Blogeintrag wird es ein Stück weit erklären. Ohne Spoiler ist das unmöglich. Lest also zuerst die Geschichte und dann den Blogeintrag!

Von der Überheblichkeit des Anfängers

Mein erstes Romanmanuskript habe ich ohne Planung geschrieben. Ich weiß, manch eine*r kann das. Ich nicht. Es hat nicht ausschließlich daran gelegen, dass 80% des Manuskripts unter Alkoholeinfluss entstanden sind, dass das Ergebnis zu nah an mir als Person liegt. Grundsätzlich tendiere ich dazu, autobiographisch(er) zu werden, je weniger Planung vorliegt und je länger der Text wird. Der König der Maulwürfe ist ein persönliches Auskotzen mit einigen Kunstelementen und ohne viel Struktur geworden. Immer Nr. 1, aber niemals veröffentlichungswürdig.

Während des Verfassens des zweiten Manuskripts habe ich gerade hochmotiviert die Vorlesungen und Kurse des ersten und zweiten Semesters Komparatistik/Philosophie absolviert. Die meisten Ideen habe ich in der S-Bahn zwischen Bochum und Dortmund entwickelt, wenn ich nicht gerade gelesen habe. Ich vermisse diese Zeit.

Ein dreischichtiger Aufbau, der sich dem Verfasser (mir), der sich wiederum selbst als Kunstfigur und verfälscht darstellt, annähert:

  1. Die Geschichte,
  2. die angebliche Poetik,
  3. die hinterlassenen Aufzeichnungen.

Rahmen waren die Bemerkungen der Familie, die angeblich Manuskript, Poetik und Aufzeichnungen gefunden haben und nach dem mysteriösen Tod zu einem Buch zusammengefasst haben, um mir meinen Lebenswunsch zu erfüllen. Wirres Zeug. Für ein Debüt unmöglich irgendwo unterzubringen. Außerdem musste ich einsehen, dass ich für derartige Experimente noch nicht das notwendige Niveau erreicht hatte. Das Manuskript wurde schweren Herzens beiseite gelegt.

Die Macht des Rotstifts

Jahre später habe ich das Manuskript wieder herausgekramt. Und wieder weggelegt. Jahre später habe ich es erneut hervorgeholt. Es gab Stellen mit Potenzial und lange Passagen, die restlos gestrichen werden mussten. Das habe ich getan. Zunächst habe ich den dreiteiligen Aufbau gesplittet. Part 2 und 3 gehören zusammen und fließen ineinander über. Aber Part 1 konnte für sich stehen. Diesen Teil habe ich mir also vorgenommen.

Noch immer war die Geschichte voll gezwungener Passagen und Ausflüge in Bereiche, die nichts mit dem Kern der Story zu tun hatten. Es wurde erneut einiges ersatzlos gestrichen, ungefähr 2/3 fielen weg, würde ich sagen. Danach wurde mehrmals gefiltert und die Kernidee herausgearbeitet: den Kreislauf der Geschichte und das Spiel mit der Identität (die ursprünglich der Kern des gesamten Romans sein sollte). Ein paar schöne Ideen mussten rausfliegen. Allerdings sind sie nicht vergessen. Vielleicht werden sie in anderen Geschichten auftauchen. Ich habe also jetzt ein komplettes Romanmanuskript zu einer kurzen Erzählung abgespeckt. Weit über 100 Buchseiten weg.

Die Reste

Die erwähnten Parts 2 und 3 beinhalteten ebenfalls einige sehr gute Szenen. Auch wenn eine fiktive Poetik kaum verwendbar sein dürfte, von einigen Sätzen abgesehen, ist dieser Part nicht für Nichts gewesen. Die erwähnten Sätze werden (irgendwann) zu den brauchbaren Teilen aus dem angeblichen Notizbuch (Part 3) gestellt und eine neue Geschichte ergeben: Eine Reise in die Kindheit, eine kreisförmige, sich selbst auflösende Geschichte. Ich mag so etwas ja bekanntlich. Aber zurück zu Der Spinner:

Die Sache mit den Namen

Im Blogartikel Figurennamen suchen und finden habe ich meine allgemeine Vorgehensweise auf der Suche nach Figurennamen dargestellt. Auch Der Spinner wird kurz erwähnt. Hier nun die Details. Im obersten Rahmen erzählt der Erzähler (Maskulinum, weil man idealerweise die Figur der ersten Ebene, den Erzähler und den Autor gleichsetzt – was natürlich ein gewollter Fehler ist) von Matthias. Matthias wiederum schreibt über Matias, aber erst nachdem er sich gegen die Verwendung des eigenen Namens entschieden hat. Später schreibt er über Mateusz. (Randnotiz: Die polnischstämmigen LKW-Fahrer in einem Betrieb, in dem ich einige Jahre gearbeitet habe, nannten mich stets Mateusz, was die polnische Variante meines Vornamens ist.) Im gleichen Absatz wird über Matheo geschrieben. Das Namenskonzept ist offensichtlich, denke ich. Sämtliche Figuren sind nach verschiedenen Ablegern des Namensstammes Matthias/Matthäus benannt. Ursprünglich stammen diese Namen übrigens (über ein paar Zwischenschritte, Übersetzungen und Kürzungen) aus dem Hebräischen, von Mattitjahu ab, was „von JHWH [das Tetragramm des Namens Gottes] gegeben“ bedeutet, was man wiederum als „Geschenk Gottes“ übersetzen kann.

Multiversen?

Neben Daniel Kehlmann und der Pflichtlektüre für die Uni habe ich zur Zeit der Abfassung des ursprünglichen Manuskripts gerne populärwissenschaftliche Bücher über Physik, speziell Multiversentheorien, gelesen. Eine dieser Theorien besagt, dass in einem Universum von unendlicher Größe und endlicher Menge an Kombinationsmöglichkeiten für die vorhandenen Elemente nicht nur unendlich viele Kopien der Erde existieren würden, sondern auch jede Abwandlung davon. Das bedeutet, dass auf unendlich vielen Erdkopien (sofern wir unsere Erde als Original betrachten) jede der Figuren existiert, die ich erfunden habe, und dass sie genau das tun, was ich beschreibe. Die Einschränkung ist hier nur, dass ich die Figuren nicht so erfinde, dass sie den Regeln des Universums widersprechen. Sie existieren allerdings nicht, weil ich sie erfinde, sogar lediglich genau so, wie ich sie erfinde.

Für die Geschichte Der Spinner bedeutet das, dass meine „Kommunikation“ mit der Figur (beziehungsweise jene des Erzählers) tatsächlich stattgefunden hat. Wenigstens in dem Sinne, dass die Person, die der Figur entspricht, eine Stimme mit den exakt gleichen Worten, wie im Text geschrieben, gehört und auf die gleiche Art und Weise reagiert hat. Um Goldmember (aus Austin Powers) zu zitieren: „Ist das nicht abgefahren?“

Was bedeutet es für die Literatur, wenn alles, was sie hervorbringt, tatsächlich passieren würde? Hätte man eine moralische Verpflichtung, ein Happy End zu verfassen? Dann müsste es eine Korrelation zwischen Erfindung des Figuren und Existenz ihrer realen Gegenparts geben. Aber mir ist es um etwas anderes gegangen.

Was ist Gott, wenn die Welt Literatur ist?

Ich bin Autor. Aber in Der Spinner schreibe/erfinde ich jemanden, der ebenfalls Autor ist. Dann erfinde ich eine Kommunikation zwischen Erzähler und Figur. Ich bin jetzt mal ehrlich und gebe zu, ich finde das sch**ß gruselig. Die Überlegung, dass nicht nur ich jemanden erfinden kann, sondern dass auch mich jemand erfinden könnte, erfunden haben könnte. Erfinden, lenken und ins Unglück stürzen. Damit kann ich nicht allein dastehen. Oder? Was bedeutet mein Leben, wenn ich bloß Teil einer Geschichte bin? Wir sind längst im Gedanken einer prädeterminierten Welt. Ich lasse euch mit dem Gedanken allein, wie ich damit allein gewesen bin. (Zur Sicherheit betone ich, dass ich zwar den Gedanken gruselig finde, aber ihn nicht glaube. Das würde wohl an paranoide Wahnvorstellungen grenzen.)

Jorge Luis Borges und der Einfluss der Literatur auf die Realität

Keine Sorge, es wird nicht endlos weitergehen, auch wenn ich noch einige Stunden hier sitzen und tippen könnte. Die Einflüsse, Ursprünge und Ideen von Der Spinner sind Legion. Aber das hier muss noch sein. Eine der bekanntesten Geschichten von Jorge Luis Borges ist Tlön, Uqbar, Orbis Tertius. Ein Meisterstück der Gedankenverdrehung. Brain F*ck, könnte man sagen. Lest die Geschichte (und generell viel mehr von Jorge Luis Borges)!

Jedenfalls geht es um den Einfluss der Erfindung auf die Realität. Was sagt uns, dass es das Erfundene als eigenständige Welt nicht gibt? Dass nicht jede Fiktion irgendwo eine Realität wird? Schöpfung durch Fantasie. Spätestens seit Die unendliche Geschichte kennen die meisten Deutschen dieses Konzept. Es ist hochspannend, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt. Die Konsequenzen, die sich daraus ziehen lassen, und die Ohnmacht, die uns befällt, wenn unsere Welt als Fiktion eines fremden Wesens aufgefasst werden würde. Außerdem: Wer ist Protagonist*in und wer ist Statist*in?

Mehr Gedanken als Worte

Jetzt bereits ist dieser Blogeintrag länger als die meisten Texte auf meiner Seite. Ich habe sämtliche Punkte nur angerissen und könnte noch weit mehr anführen. Tatsächlich ist Der Spinner nicht umsonst eine meiner Lieblingsgeschichten in Erschütterungen. Dann Stille.. Die Story stellt die Essenz der Gedanken mehrerer Jahre und der Arbeit an einem kompletten Romanmanuskript dar. Ich bin sehr froh, dass ich euch diese Erzählung präsentieren darf und all die Gedankenarbeit nicht umsonst gewesen ist.

Ich weiß leider, dass viele Leser*innen nicht viel Wert auf die Gedanken nach dem Lesen legen, sondern währenddessen unterhalten werden wollen. Dennoch bitte ich euch, die Geschichte auch insofern zu würdigen, dass sie viel mehr enthält, als man bei einem Lesedurchgang miterleben könnte!

Erschütterungen. Dann Stille.: Murder Me!at

Über die Erzählung “Murder Me!at” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Chaos ist nur dann wirklich schön, wenn es geplant ist, und in der Erzählung Murder Me!at in Erschütterungen. Dann Stille. herrscht das Chaos. Geplante Unplanbarkeit. Im Folgenden wird es Spoiler geben, also lest zuerst die Geschichte und dann diesen Eintrag!

Content Notes: Parasuizidalität, Tierleid, Gewalt

Sie haben Gewehre

Sie haben Gewehre war der Arbeitstitel des Projekts, das schließlich Murder Me!at heißen sollte. Der Arbeitstitel war mir zu simpel. Murder Me!at wiederum erinnert an den Ausspruch Meat Is Murder, wie in dem gleichnamigen Album von The Smiths oder von unzähligen Protestplakaten von Tierschützer*innen. Das Ausrufezeichen wiederum teilt den Titel in Murder Me! und Murder Meat. Wollte man unbedingt aus dem at noch etwas machen, könnte man es als Hinweis auf die vielen Orte lesen, an denen das Chaos die für alles verantwortliche Person dahinraffen könnte. Tatsächlich erfährt man ja nicht, ob die Person, die hinter dem Chaos steckt, nicht darin umgekommen ist, vielleicht sogar sehr früh.

Kampf für die Umwelt

Neben friedlichen Protesten gegen die Umweltzerstörung, die seit Jahrzehnten stattfinden und dennoch die Klimakrise nicht stoppen konnten, was wohlgemerkt nicht an den Kämpfenden lag, sondern an der Ignoranz der anderen, gibt es zahlreiche Fälle von radikaleren Umweltschutzansätzen und -organisationen. Menschen ketten sich an Bäume. Andere, wie die Leute von Sea Shepherd blockieren Walfänger oder versenken sogar Fischerboote, die in Schutzzonen agieren. Der Kampf ist wichtig und all diese Ansätze haben ihre Berechtigung.

Üblicherweise verbinden wir radikalere Aktionen eher mit dem Schutz für Tiere als mit einem Kampf um Pflanzen. Es gibt allerdings auch unter dem groben Oberbegriff Guerilla Gardening Ansätze, die sich um die Pflanzenwelt drehen. Guerilla Gardening fängt mit der illegalen Bepflanzung – eine kaputte Wortkombination, oder? – von öffentlichen Grünstreifen an, geht über die Bombardierung von leerstehenden Bauflächen mit Saatbomben (z.B. aus Glühbirnen gebaut, um Pflanzensamen zu verteilen, direkt mit Dünger dabei) und bis zum Aufschlagen von Autobahnasphalt, um dort Bäume in den Weg zu pflanzen. Diese letzte Aktionsart taucht auch in Murder Me!at auf.

Zerstörung als politische Aktion ist immer fragwürdig und doch zeigt sie Wirkung. Neben der Aufmerksamkeit für die Sache, die meist schon alles ist, worum es geht, kann die Wirkung von Zerstörungsaktionen auch negative Presse sein oder sogar das Kippen der öffentlichen Meinung in eine entgegengesetzte Richtung. Durch die Umweltschutzbewegung sowie politischen Terrorismus habe ich mich zu Murder Me!at inspirieren lassen. Dass die am Chaos schuldige Person in der Geschichte keineswegs Gutes tut oder auch nur am Wohl von Tieren interessiert zu sein scheint, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Aber sicher ist sicher: Es geht hier nicht um meine Sicht auf Umweltschutzorganisationen. Dieser Ausflug dient lediglich der Erklärung des Entstehungshintergrunds meiner Erzählung.

Geplante Unplanbarkeit

Zufall könnte eine Illusion sein und ist es in den allermeisten Fällen auch. Zufallsgeneratoren generieren nichts zufällig. Die meisten Geschehnisse, die wir als Zufall bezeichnen und verstehen, sind eigentlich End- oder Zwischenpunkte langer Kausalnetze (Netze und nicht Ketten, weil es zu viele Quer- und Zwischenverbindungen gibt, um sie noch als Kette bezeichnen zu können). Alles und jede*r funktioniert nach Regeln. An dieser Stelle könnte man rund um die tatsächliche (oder nur vermutete?) Zufälligkeit von Quantenereignissen argumentieren, aber so weit muss es hier nicht gehen. Was wir „zufällig“ nennen, ist meistens bloß etwas, das wir nicht überblicken oder verstehen können. Ein Zufallsgenerator ist für uns zufällig genug und das Verhalten von Tieren (besonders in Panik oder in ungewohnten Situationen) erscheint uns ebenfalls nicht vorhersehbar.

Die Person, die hinter den Anschlägen auf die namenlose Stadt in Murder Me!at steckt, lässt das Chaos genau auf diesen Elementen fußen: Zufallszeitzünder und das Verhalten von Tieren. Allerdings überlässt er es wiederum nicht dem Zufall, ob es zu chaotischen Szenen kommen wird oder nicht, denn er trainiert die Tiere, er bewaffnet sie, setzt sie unter Drogen oder macht sie zu laufenden Bomben, aber sobald sie losgelassen werden, kann niemand mehr kontrollieren, was geschehen wird.

Der Joker?

Eine bekannte Comicfigur, die gern mit scheinbarem Chaos spielt, ist der Joker von DC. Denkt man an Verfilmungen mit dem Joker in Kombination mit dem Chaos-Element, fällt einem zuallererst The Dark Knight ein. (Einen Blogeintrag über den neueren Film Joker, findet ihr hier: Joker: What we f*cking deserve) Besonders die Szene im Krankenhaus, wenn der Joker den Staatsanwalt Harvey Dent per Münze entscheiden lässt, ob er sich von ihm erschießen lässt oder nicht. Schaut man genau hin, hält der Joker den Revolver so, dass sein Finger den Schlagbolzen blockieren würde und kein Schuss abgefeuert werden könnte, selbst wenn der Staatsanwalt abdrücken würde. Scheinbares Chaos.

Der Absatz eben hat mehr mit Assoziation zu tun als mit der Entstehung von Murder Me!at. Vielleicht wurde ich unterbewusst vom Film inspiriert. Wer weiß so etwas schon.

Abrundung

Was wollte ich also mit Murder Me!at ausdrücken oder anregen? Einerseits ist die Geschichte eine obszöne parasuizidale Fantasie. Stellt man sich vor, wie die verantwortliche Person durch die Stadt läuft und einen Kick dabei hat, dass sie jeden Moment umkommen könnte, aber nicht so weit geht, sich selbst umzubringen, versteht man den Zustand, in dem manche Menschen (z.B. ich) gelegentlich durchs Leben gehen. Eine komplexe Version von Russisch Roulette. Andererseits ist Murder Me!at durchaus als Denkanregung zu verstehen. Affen aus Versuchslaboren, Drogenüberdosen, Gewalt und eine Presse, die sich nie lang genug für Dinge interessiert, sondern lediglich kurzfristig Aufmerksamkeit generieren möchte, um die Auflage zu steigern. So viel unnötiges Leid. Nur weil eine Person Lust darauf hatte und sowohl Mittel als auch den Willen, es umzusetzen. Das ist doch zum Kotzen. Kommt euch das bekannt vor? Vielleicht kann man ja etwas dagegen tun.

Erschütterungen. Dann Stille.: Joboffensive

Über die Kurzgeschichte “Joboffensive” in der Anthologie “Erschütterungen. Dann Stille.”

Zusammenarbeit oder -stöße mit dem Jobcenter sind selten angenehm. Das liegt in der Natur der Zuständigkeit dieser Organisation. Das ist ein Grund, warum die Erzählung Joboffensive aus Erschütterungen. Dann Stille. dort angesiedelt ist. Im Folgenden kommen Spoiler zur Geschichte vor!

Content Notes: Arbeitslosigkeit, Massenmord

Keine Unterstellung

Auch wenn das Jobcenter keinen sonderlich guten Ruf hat, soll die Erzählung Joboffensive keinesfalls einen realen Vorwurf gegen diese Institution oder gar die Mitarbeiter*innen beinhalten, sondern allerhöchstens einen Seitenhieb aufgrund bisheriger Erfahrungen austeilen und hauptsächlich eine dystopisch-satirische Fantasie darstellen. Obwohl manche Methoden des Jobcenters fragwürdig erscheinen mögen, erwarte ich keine Tötungsanlagen im Keller. Lest die Geschichte nicht als Tobsuchtsanfall eines wütenden Arbeitslosen, sondern als Kritik an herrschenden Gesellschaftsverhältnissen, dem Blick auf Produktivität und Menschenwert sowie am Kurs, den unsere Gesellschaft eingeschlagen hat! All das von allein zu verstehen, unterstelle ich meiner Leserschaft.

Rechtsfolgebelehrung

Jede*r mit etwas Erfahrung im Umgang mit dem Jobcenter und den Schreiben, die von dort eintrudeln, kennt das: Eine Mischung aus freundlichem und sachlichem Ton, der mit einer Drohung endet, gefolgt von angehängten Seiten, auf denen die rechtlichen Grundlagen der Drohung aufgeführt sind. Fehlt der Anhang, die Rechtsfolgebelehrung, darf die Androhung der Sanktion nicht umgesetzt werden, beziehungsweise die Drohung fehlt dann im Brief. Erfahrene Arbeitslosengeld-2-Empfänger*innen schauen zuallererst nach, ob es eine Rechtsfolgebelehrung gibt. Manche, habe ich gehört, werfen alle Schreiben ohne Belehrung sofort weg.

Die Sprache des Feindes

Schreiben des Jobcenters sind faszinierend zu lesen. Oben steht „Einladung“ und unten steht sinngemäß „wenn Sie nicht Folge leisten, bekommen Sie noch weniger Geld“. Oben steht „Vorschlag“ und unten steht „gehen Sie nicht auf den Vorschlag ein, gibt es eine Strafe“. Oben steht „Bitte um Mitwirkung“ und unten „wirkst du nicht mit, gibt’s Ärger“.

Diese Vermischung von Begriffen und Sätzen, die im Alltag als widersprüchlich gelesen werden würden, erinnerte mich mehr als einmal (wenn auch entfernt) an die Euphemismen des Nationalsozialismus: Endlösung, Euthanasie usw. Der Sprung ist zum Glück nicht klein, aber er ist machbar.

Gruppenveranstaltungen

Ähnliche Veranstaltungen wie jene in Joboffensive beschriebene habe ich selbst besucht. Ein Haufen völlig uninteressierter Teilnehmer*innen sitzt aufgrund einer Strafandrohung zusammen. Man kann es sich wie ein Klassenzimmer voller unwilliger Schüler*innen vorstellen, die weder Interesse haben, noch der Lehrkraft irgendetwas durchgehen lassen. Es muss furchtbar anstrengend sein, derartige Veranstaltungen zu leiten. Ich beneide niemanden um den Job.

In der Erzählung kommt kein*e Redner*in. Alles schläft ein.

Hannah Arendt

Eine weitere Inspirationsquelle für Joboffensive ist eine Aussage Hannah Arendts aus ihrem Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Sie konnte sich vorstellen, dass, nachdem der Nationalsozialismus den Massenmord derart fabrikmäßig durchgeführt hat, einmal also bereits die Grenze überschritten worden und ein Präzedenzfall geschaffen worden ist, auch im Kapitalismus eine ähnliche Apparatur möglich sein könnte. In dem Falle, schreibt sie, seien allerdings nicht Ethnien oder politische Gegner*innen Ziele des Massenmords, sondern jene, die der Gesellschaft nichts nützten, beispielsweise die Arbeitslosen. All jene, die aus wirtschaftlicher Sicht überflüssig sind und nur Geld kosten. Auch das hat es im Dritten Reich bereits gegeben.

Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich zuletzt etwas von Hannah Arendt gelesen habe, aber diese Aussage ist geblieben. Sie ist geblieben, weil sie mir nie unrealistisch vorgekommen ist, so gern ich es auch gehabt hätte.

Scheinbare Widersprüchlichkeit

In abscheulichen Systemen wie dem Nationalsozialismus hat es auch immer Elemente gegeben, die geradezu albern wirken. In LTI (Lingua Tertii Imperii) schreibt Victor Klemperer folgende Passage: […] ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreatueren, die sich bei Juden aufhielten. Grund für solche Seltsamkeiten ist die komplette Bürokratisierung und Organisation sämtlicher Aspekte des Lebens.

Wenn in Joboffensive also von der umweltfreundlichen Politik der Regierung gesprochen wird, während nebenan Leichen verbrannt werden, und in diesem Rahmen die Minimierung der Abgase sowie die Nutzung der bei der Verbrennung entstehenden Hitze erwähnt werden, so unterstreicht dies einerseits die Gräuel der Taten und die Gewohnheit an diese, und folgt andererseits der Logik durchorganisierter Gewaltsysteme. Die innere Paradoxie und offenliegende Lächerlichkeit derart monströser Systeme hinterlässt alle nicht Indoktrinierten staunend.

Erschütterungen. Dann Stille.: Heimweg

Über die Kurzgeschichte “Heimweg” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Wohin geht der Weg, wenn man getrieben ist und sucht, ohne zu wissen, wonach man suchen sollte, oder, schlimmer noch, wissend, dass das, was man sucht, nicht gefunden werden kann, nicht gefunden werden will? Manchmal verläuft man sich. Heimweg ist eine Kurzgeschichte aus Erschütterungen. Dann Stille.. Im Folgenden werde ich um Spoiler zur Geschichte und auch zu Sorck nicht herumkommen. Zweitere sind jedoch von geringer Wichtigkeit. Lest am besten erst die Erzählung und dann diesen Blogeintrag.

Verlaufen

Schon in Das Maurerdekolleté des Lebens drehte sich vieles um das Bild des Verlaufens, des Suchens nach etwas, ohne genau zu wissen, was es ist. Martin stolpert durch die Stadt, immer auf der Flucht vor der Leere in den eigenen vier Wänden und der Sehnsucht nach dem Alleinsein. Er hat kein Zuhause mehr, weil sie sein Zuhause gewesen ist und das Gefühl der Geborgenheit mitgenommen hat. Martin hat sich verlaufen, weil er nirgendwo mehr hingehört. Die Punkte auf der Landkarte, an denen er rastet und Zeit verbringt, könnten willkürlich andere sein. So fühlt es sich manchmal an, wenn man verlassen ist. Gerade jetzt erinnert es mich an den großartigen Song Spiral Wings von John Doran & Gnod auf dem Album Hubris. Besonders die Stelle, an der der Sprecher realisiert: I ain’t even f*cking moving, obwohl er ein Leben lang die eigenen Spuren zu verfolgen gesucht hatte.

Martin, Martin Sorck?

Martin, der Protagonist in der Kurzgeschichte Heimweg ist, obwohl es nicht als Nebengeschichte zu Sorck gedacht ist, auch nicht ganz zufällig mit dem gleichen Namen bedacht wie Martin Sorck. Die Probleme des nachnamenlosen Martin aus Heimweg sind artverwandt und teilweise sogar die gleichen wie jene Sorcks. Beide sind unterwegs, trinken zu viel und sind einsam. Doch die Partnerin macht den Unterschied. Dieser Martin hier vermisst seine ehemalige Partnerin, während Martin Sorck sich nach der möglicherweise zukünftigen Partnerin Eva sehnt.

Wollte man Heimweg ins Sorck-Universum – was für ein geiler Begriff, oder? – einfügen, so wäre die Geschichte vermutlich eine frühere Episode. Der Martin Sorck nach der Kreuzfahrt wäre sich vermutlich der Theatralik der Szene bewusst und würde sie ironisch betrachten, anstatt sie auf gleiche Weise zu durchleiden. Satzfetzen wie eine Nacht, über die man am besten nur sagt, dass es nieselte hätten allerdings auch zum Protagonisten der Kreuzfahrt gepasst.

Inspiration

Wie ich im Blogartikel Verlaufen über einige Ideen hinter Das Maurerdekolleté des Lebens bereits geschrieben habe, habe ich mich im Leben häufiger verlaufen. Nicht selten ist das auf ähnlichen (ähnlich besoffenen) Spaziergängen passiert, wie jenem in Heimweg. Dass ich schon mehr als einmal verliebt gewesen und verlassen worden bin und hartnäckig vermisst habe, kann man sich wohl denken. Manche Gedichte in Alte Milch zeugen sehr deutlich davon. So viel oder so wenig zum persönlichen Hintergrund.

Eine weitere Inspirationsquelle, von der ich allerdings nicht mehr 100 % sicher bin, ob sie wirklich dazu beigetragen oder mich bloß sehr berührt hat, ist das Video eines Auftritts von Neil Hilborn: Neil Hilborn – OCD. Ob nun aus Interesse an meiner Arbeit oder warum auch immer, schaut es euch mal an! Mir hat es wehgetan, weil ich das grundsätzliche Gefühl gut nachempfinden konnte. Und auch in Heimweg ist nicht das Thema des Videos eingeflossen, sondern das Gefühl der kaum erträglichen Sehnsucht und der Hoffnung, die doch nichts als Schmerz bringt. Martin nutzt den Namen seiner ehemaligen Partnerin wie eine Beschwörungsformel, um Albträume fernzuhalten, und doch sind es die Träume, in denen sie auftaucht, die ihn am meisten mitnehmen.

Letzte Worte

An dieser Stelle würde ein Teil von mir gern einen Absatz über die Macht von Namen anfügen, geheimen Namen, mächtigen Namen und all das. Auch könnte ich an Albert Camus und Der Fremde erinnern, an die Szene, in der der Protagonist das einzige Mal im ganzen Roman laut wird und die Unfairness seines Schicksals beklagt, und wie diese Szene möglicherweise dem Ende von Heimweg ähnelt. Aber emotional gehört das nicht mehr hierhin, wäre es nicht mehr stimmig. Ich schließe an dieser Stelle, weil ich mich im Text verlaufen habe.

Erschütterungen. Dann Stille.: Caspars Schiffe

Über die Erzählung “Caspars Schiffe” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Ursprünglich ist Caspars Schiffe (genau wie Der Mitatmer) für die neue Anthologie von Nikas Erben entstanden. Es wurden allerdings zwei andere Geschichten ausgewählt für das Projekt, die etwas besser zum Thema passten. Hier soll es also um die Stierkatzen-Geschichte aus Erschütterungen. Dann Stille. gehen. Wie immer vorweg die Warnung an alle, die die Erzählung noch nicht gelesen haben: Es wird Spoiler geben!

Ein neuer Ansatz

Caspars Schiffe ist die erste Geschichte, die ich mit diesem speziellen Ansatz geschrieben habe, anfangs lediglich Oberflächenstrukturen und Farben auszuwählen. (Darauf bezog sich ein kurzes und etwas kryptisches Zitat im Zeitungsartikel über Erschütterungen. Dann Stille.) Zwar ist im Laufe mehrerer Überarbeitungsrunden noch einiges an Tiefe und Bedeutung hineingearbeitet worden, aber der Anfang war genau dieser: Auswahl von Oberflächenstrukturen und Farben.

Welche waren das? Ich dachte zuerst an schwarz-weiße Fliesen, glatt. Dieses unruhige Küchenaccessoire, das jede*n verrückt macht, der/die nur auf einfarbige Fliesen treten möchte/kann oder nur auf die Fugen dazwischen, weil die Fliesen zu klein sind dafür. Unruhiges Geflimmer unter den Füßen. Offensichtlich gilt das nicht für Katzen. Rauer Putz, Staub, glitschige Oberflächen, dicke Farbe auf grobem, splitterndem Holz. Dann Grüntöne, Grautöne. Ich hatte meine Augen geschlossen und in Gedanken Flächen berührt, die Caspar berühren sollte, und Farben gesehen, die Caspar sehen sollte. Das war der Ausgangspunkt.

Das Gemälde / Das Meer

Caspar hat seinen Namen vom Maler Caspar David Friedrich. Es wird erwähnt, dass er einem Bild entsprungen sei. Manche Farben, die ich beim Schreiben im Kopf hatte, passten zu Friedrichs Gemälden. Noch mehr aber passten die Einsamkeit, die Sehnsucht und die Freiheit des Katers dazu. Doch diese ganze Ebene, die sich schließlich auf die gesamte Geschichte ausgedehnt hat, war ursprünglich sekundär. Ein weiterer Farbauftrag. Die Erzählinstanz verwendet Anleihen an die Bilder von Caspar David Friedrich, um sowohl Caspars (der Katze) Vergangenheit bildhaft zu beschreiben als auch seine Gegenwart. Was die Stierkatze am Ende der Kanalisation in der Ferne sieht, wenn sie über ihre Herkunft sinniert, könnte direkt aus einem von Friedrichs Bildern stammen. Die Schiffe, deren Segel, der Nebel, die Wälder und die vereinzelten Figuren. Caspar David Friedrich spielte mit melancholischen Darstellungen und der Sehnsucht nach mehr, während die Stierkatze Caspar eben doch eine Katze ist und damit selbstzufrieden.

Die Katze und der Stier

Caspars Charakter und sein Verhalten sind angelehnt an Stiere und Katzen. So weit, so logisch. Er streicht entspannt umher, er rammt mit dem Kopf gegen die Wand wie ein Stier. Doch das ist zweitrangig. Die Stierkatze Caspar ist ganz besonders eines: unabhängig. Katzen kommen alleine zurecht, die meisten jedenfalls. Und auch jene, die es nicht tun, tun so als ob.

Dieser Charakterzug der Unabhängigkeit und auch der Selbstzufriedenheit bedingen das Verständnis der Freiheit dieser Figur. Anders als in Bad Luck II ist der Protagonist hier kein Mensch und muss sich nicht so verhalten. Er braucht niemanden und beinahe würde ich sagen wollen, dass er auch niemandem wehtut; das ist allerdings nur insofern wahr, als dass ihm die Mäuse entwischen und die Gefühle der Menschen, die ihn aufnehmen und die er wieder verlässt, nicht erwähnt werden.

Caspars Freiheit

Caspar ist frei, weil er ohne andere sein kann, aber sich dennoch entscheidet, mit ihnen zusammen zu sein. Er ist ein Einzelgänger, aber er schließt sich anderen an. Natürlich, er ist egoistisch und nimmt sich, was er braucht. Gleichzeitig gibt er aber auch. Der kleine Junge am Ende der Geschichte freut sich und ihm ist es egal, ob Caspar in einer der folgenden Nächte vielleicht die Wand in der Küche kaputt macht. Caspar ist sympathischer als Trip (in Bad Luck II), weil er eben wie eine Katze ist: unabhängig, untreu und doch zärtlich. Aber das ist nur unsere Perspektive.

Schmusetiger für die einen, Monster für die anderen

Harmlos ist Caspar nicht. Die Jagdlust, die Begierde nach Blut und Tod, die er spürt, kann man als Symbole der Freiheit lesen. Ein Mann allein im Wald mit einem Speer. Man möchte grunzen vor Euphorie. Aber für jeden stolzen Mörder gibt es eine Apokalypse am anderen Ende der Gleichung.

Wie oben gesagt, ist Caspar kein Mensch. Daher erlaubt man ihm mehr. Er ist aber dadurch auch näher an den Tieren, die er zu erlegen versucht.

Das hatte ich, ganz ehrlich gesagt, beim Schreiben nicht bedacht. Aus Sicht der Mäuse ist Caspar ein Monstrum. Er ist riesengroß und hat Spaß daran, sie zu töten und zu fressen. Zum Glück entkommen sie ihm. Ist seine Freiheit damit doch nicht besser als jene von Trip oder betrachten wir die Mäuse als Spielerei – vielleicht wie die unzähligen nebensächlichen „Lieb“schaften (d.h. Gelegenheitsficks) in der Männerliteratur? Treiben wir es nicht zu weit. Ich gerate schon ins Schwitzen dank meiner eigenen Kritik.

Die gefaltete Zeitung

Während Caspar durch die Kanalisation strotzt, fährt ein Schiffchen an ihm vorbei. Es ist aus Zeitungspapier gefaltet und zeigt einen Mann mit einem Buch in der Hand. Dann haut Caspar es um und es versinkt im Kot-Fluss. Es ist wohl naheliegend, an welches Bild ich gedacht habe, oder? An dieses hier: Zeitungsartikel

Leider war ich nicht ausgebufft genug, um das Foto des Zeitungsartikels zu Erschütterungen. Dann Stille. zu meinen und es entsprechend zu gestalten – obwohl es auch halbwegs passt. Auf dem vollständigen Bild stehe ich mit Buch in der Hand.

Jaja, die alte Autorenarroganz. Es reicht nicht, dass ich die Geschichte schreibe, ich muss mich auch noch selbst hineinschreiben. Wartet ab, bis ihr Der Spinner gelesen habt! Wenigstens ist es eine ironische Selbstdarstellung. Es passt außerdem hübsch zum Titel. Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht und aus einem Zeitungsartikel über mich ein Schiffchen gebastelt und es dann – gab es da nicht so eine Szene in ES? – in den Gully segeln lassen. Immerhin eine Beschäftigung mit mir.

Erschütterungen. Dann Stille.: Ausgelöscht

Über “Ausgelöscht” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Wie sehr kann man den eigenen Erinnerungen trauen? Wie sehr verlassen wir uns auf die Bestätigung anderer, um festzustellen, dass unsere Erinnerungen akkurat sind? Was wissen andere von uns? Wer weiß was über uns? Das sind einige der Fragen, die der Geschichte Ausgelöscht in Erschütterungen. Dann Stille. zugrunde liegen. Wer Ausgelöscht noch nicht gelesen hat, sei an dieser Stelle vor Spoilern im kommenden Text gewarnt!

Unüberlegte Worte

Beziehungen zerbrechen selten kurzfristig, aber sie enden an einem einzigen Punkt, mit einem einzigen Gespräch und manchmal mit Worten, die man bereut, nicht so meint, unüberlegt einander entgegenschleudert. Ein solches zerstrittenes Ende hat die Beziehung zwischen David und der erzählenden Instanz.

Klassisch hätte man „Ich-Erzähler“ gesagt, aber ich habe die Erzählung bewusst so gehalten, dass das Geschlecht der Erzählinstanz unerwähnt bleibt. Von meinen Testleser*innen weiß ich, dass es dazu führt, dass unterschiedliche Leser*innen das Geschlecht der Erzählinstanz unterschiedlich lesen. Spannend.

Jedenfalls endet die Beziehung der beiden im Streit und es fallen die Worte: Ich wünschte, es hätte dich niemals gegeben. Das ist natürlich eine unsaubere Formulierung. Gemeint ist eher, ich wünschte, ich hätte dich niemals gekannt, aber wer achtet auf Feinheiten, wenn gerade ein Lebensabschnitt zusammenstürzt? Offensichtlich David.

Beweise unserer Existenz

Stellen wir uns einen Höhlenmenschen vor. Er wird von einem Säbelzahntiger gefressen. 10 Jahre danach lebt niemand mehr, der ihn einmal gekannt hat. Die Beweise für seine Existenz sind verschwunden, von Knochenresten oder Handabdrücken, die nicht mehr individuell zugeordnet werden können, vielleicht abgesehen. Heutzutage sieht das anders aus. Es gibt noch immer Menschen, die von uns wissen und erzählen, gemeinsame Erlebnisse teilen und diese wiederum anderen mitteilen. Aber es gibt auch Geburtsurkunden, Versicherungen, Akten von Arbeitgebern und Ärzten und der Polizei. Es gibt Videoüberwachung an allen möglichen Orten und ständig tauchen wir auf. Es gibt private Fotos und Videos und das Internet, das angeblich niemals vergisst.

Was braucht es heutzutage, um eine handelsübliche menschliche Existenz vollends auszulöschen? Mindestens Explosionen, Brände, Diebstähle und Morde.

Zweifel

Es gibt etliche Versuche zur Beeinflussbarkeit des Menschen. Was die Moral angeht, ist das berühmteste wohl das Milgram Experiment. Doch es gibt auch Versuche, die gezeigt haben, dass Menschen (schneller als man meinen würde) an der eigenen Wahrnehmung zweifeln, sobald eine ausreichende Anzahl anderer Personen eine abweichende (und offensichtlich falsche) Antwort geben. Wir zweifeln eher an uns als an allen anderen.

Wie verhält sich das mit Erinnerungen? Es gibt wiederum Experimente mit Personen, denen Erinnerungen eingeredet werden und die später die feste Überzeugung haben, dass es die eigenen Erinnerungen seien (samt passenden Bildern im Kopf). Aus all dem wäre es ein logischer Schluss, dass man an den eigenen Erinnerungen zweifeln müsste, egal wie intensiv sie erscheinen, sobald 1. andere Personen diese in Frage stellen oder 2. niemand diese mehr bestätigen kann.

Wenn es keinen Beweis für die Existenz einer Person gibt, kann ich dann eine Beziehung mit ihr geführt haben?

Die Moral der Geschicht?

Wenn Fragen die Grundlage eines Textes für mich bilden, suche ich selber nach Antworten und tue es in ebendiesem Text. Schreibend (oder plottend) erforsche ich, wie weit ich die Fragen klären kann, doch meistens komme ich zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Für mich nehme ich zwei klare Punkte aus der Arbeit an Ausgelöscht mit:

  1. Unsere Innenwelt ist nicht so deutlich von der Außenwelt getrennt, wie es manchmal glauben.
  2. Jede Begegnung, und mag sie noch so schmerzhaft sein, formt uns als Personen, bringt uns in die Gegenwart und zu der Person, die wir sind. Tatsächlich formen uns ganz besonders diejenigen, die uns wehtun. Das rechtfertigt nicht das Leid, das sie uns zufügen, aber es gibt uns ein wenig Würde zurück, weil wir einen Nutzen daraus ziehen können. Wenn mich jemand fragt, was ich in meinem Leben (durch eine Zeitreise z.B.) ändern würde, sage ich: gar nichts. Alles brachte mich hierher. Ich bin nicht immer gerne an diesem Punkt, aber ich möchte auch nirgendwo sonst sein. Mir ist bewusst, dass es mehr als genug Menschen gibt, die die Zeit zurückdrehen und so manchem Übel ausweichen möchten. Das ist mehr als verständlich und ich würde das niemals verurteilen. Wir werden nicht immer stärker durch Dinge, die uns nicht umbringen.

Think (Just a Little Bit Harder)

Ausgelöscht soll zum Nachdenken animieren. Mir ist beinahe egal, worüber. Gedacht ist allerdings, dass man über die Wirkung anderer Personen aufs eigene Leben (sowie umgekehrt) und nebenbei über die Unmengen an Daten, die über jede*n erhoben werden, sinniert. Fühlt ihr euch wohl damit, dass es in Hunderten Firmen, zig Ämtern und wer weiß wie vielen privaten Archiven (welcher Form auch immer) Daten von euch gibt? Das ist eine ernst gemeinte Frage. Manchmal ist es mir egal und manchmal erschlägt mich der Gedanke. Für jemanden, der von möglichst vielen gelesen werden möchte, scheint das ziemlich paradox. Oder?

Erschütterungen. Dann Stille.: Der Tod in Porto II

Über “Der Tod in Porto II: Abschied” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Der Tod in Porto II: Abschied in Erschütterungen. Dann Stille. hat, wie bereits im entsprechenden Blogeintrag erwähnt, inhaltlich nicht viel mit Der Tod in Porto I: Die Springer zu tun. Es handelt sich nicht um einen zweiten Teil, sondern um eine separate Geschichte, die den ungefähren Schauplatz und das Thema Tod teilen. Im Folgenden werden Spoiler nicht zu vermeiden sein. Ye Be Warned!

Content Notes: Tod, Trauer, Drogen

Dank

Die Veröffentlichung der Erzählung Der Tod in Porto II: Abschied wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht die Abdruckgenehmigung vom Suhrkamp Verlag erhalten hätte, die wiederum zum Teil durch die Sammlung auf meiner Ko-Fi-Seite bezahlt worden ist. Dem Verlag und noch mehr allen, die gespendet haben, um meine literarische Idee zu verwirklichen, sei an dieser Stelle mein herzlichster Dank ausgesprochen.

Hermann f**king Hesse

Auch wenn Hesse nicht am Anfang der Entstehung von Der Tod in Porto II: Abschied gestanden hat, waren seine Werke für meine literarische (und vielleicht auch persönliche) Entwicklung wichtig. Im Demian, im Steppenwolf und in Siddhartha konnte ich mich selbst wiederentdecken. Noch bevor ich Das Glasperlenspiel gelesen hatte, kannte ich einige der Gedichte im Anhang des Romans, die angeblich vom Protagonisten zurückgelassen worden sind. Eines der (zu Recht) bekanntesten (aus dem Werk und von Hesse allgemein) ist das Gedicht Stufen. Dieses Gedicht ist in Der Tod in Porto II: Abschied gelandet, weil es hineinpasst und weil ich einem Schriftsteller, der in einer wichtigen Phase meines Lebens als papiernen Freund für mich da war, eine Widmung schenken wollte (auch wenn ich ihn heute mit anderen Augen sehe).

Robinson Crusoe

Die wohl wichtigste Vertreterin (und Namensgeberin) der Gattung Robinsonade ist die Geschichte Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Als mir noch in der Ideenphase von Der Tod in Porto II: Abschied klar wurde, dass die Erzählung neben einer Andeutung von Endzeit-Drama auch einen nicht geringen Drall in Richtung Robinsonade aufweisen würde, habe ich diesen Aspekt mit einem inneren Grinsen etwas in der Namensgebung hervorgehoben. Nicht umsonst heißt der Protagonist Robin und seine vermisste Geliebte Frida. Woher Robin seinen Namen hat, ist wohl offensichtlich. Frida wiederum habe ich nach Robinson Crusoes treuen Begleiter Friday benannt, auch wenn Frida eine ganz andere Rolle hat und Friday nicht unproblematisch ist als Figur (oder es ist der Autor, der nicht unproblematisch ist, weil er diese Figur geschaffen hat). Frida jedenfalls ist die Frau, die fehlt, die bitter vermisst wird.

Traumfiguren

Während meines Urlaubs in Porto, den ich im Blogeintrag zu Der Tod in Porto I: Die Springer etwas umrissen habe, besuchte ich einige Museen. Alle Figuren, die in Robins Traum und in seinem Drogentrip auftauchen, sind reale Skulpturen, die mich beim Museumsbesuch fasziniert hatten. Die Figuren stammen alle vom portugiesischen Bildhauer Soares Dos Reis, der kurz in der Geschichte erwähnt wird.

Am faszinierendsten fand ich die Skulpturen Das Exil (O Desterrado, 1872), jene der Tochter des Condes de Almedina (Filha dos Condes de Almedina, 1882) von Dos Reis sowie die kindliche Version des Kain von Teixeira Lopes, der wiederum eine passable Anknüpfung an Hesse und seinen Demian versprach.

Die ohnehin vorhandene Vermischung verschiedener Werke verschiedener Künstler in der Geschichte rundete sich für mich durch die Verwendung dieser Skulpturen ab, die zwar den wenigsten Leser*innen bekannt sein werden, aber problemlos ergoogelt werden können. Auf diese Weise kann ich Schönes verbreiten.

Von all dem abgesehen, passte es für mich zusammen, dass ein Typ wie Robin auch durch die Museen gezogen wäre und starke Eindrücke mitgenommen hätte, wie er ja auch das Gedicht, das Frida ihm vorlesen hat, im Drogenrausch unterbewusst aufgreift und es endlich versteht, endlich auf eine Weise versteht, die ihm wirklich hilft.

Echte Elemente

Neben den Skulpturen von Soares Dos Reis enthält Der Tod in Porto II: Abschied noch weitere reale Elemente. Den Schauplatz, das heißt die Ruine der Villa am Hang zum Douro, gibt es wirklich. Auch die stillgelegte Eisenbahnbrücke Maria Pia ist genau dort angesiedelt. Sie wurde von Gustave Eiffel, ja, dem Typen vom Eiffelturm, entworfen, weswegen ich in frühen Versionen etliche Anspielungen darauf verbaut hatte, die ich jedoch zu großen Teilen in der Überarbeitung gestrichen habe.

Ebenfalls real existent sind die blauen Blumen am Hang gegenüber der Villa, was nicht nur optisch schön ist, sondern wegen der Bedeutung der blauen Blume in der Romantik (~ Sehnsucht) auch noch literarisch extrem praktisch ist. Steht man an der Straße unter dem Hang mit den Blumen, kann man (oder konnte man damals, vielleicht jetzt nicht mehr) das Graffiti mit der roten Katze sehen. Es ist nicht besonders gelungen, aber erschien mir wie Robin in der Erzählung sinnlos und daher interessant. Das Bild ist einfach da und sagt den allermeisten (vielleicht sogar allen) absolut gar nichts und dennoch hat jemand Zeit und Geld dafür investiert und riskiert, bestraft zu werden. Spannend, oder?

Drugs Are Bad, But Are They Really?

Unkontrollierter Drogenkonsum ist gefährlich und meistens schädlich. Keine Diskussion hier. Aber hätten Drogen keine Vorteile, gäbe es keine Medizin. Psychedelische Drogen sind meist körperlich harmlos und selten tödlich (selbst bei massiver Überdosierung). Dafür hegen sie andere Gefahren, beispielsweise Psychosen oder vermeidbare Unfälle. Robin rudert völlig high auf dem Douro herum. Er hätte gut und gerne draufgehen können. Von mir und Freund*innen kenne ich ähnliche Geschichten.

Was psychedelische Drogen allerdings auch tun und was ihre Hauptwirkung ist, ist das Unterbewusstsein zu öffnen beziehungsweise die Trennung zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein zu lockern. Es ist ein bisschen so, als würde man träumen, während man wach ist. Neben vielen lustigen und schrecklichen Dingen, die passieren können, ist ein möglicher Effekt mancher dieser Drogen, dass man das eigene Dasein völlig neu betrachtet oder dass man Traumata neu durchlebt und plötzlich verarbeiten kann. Solche Effekte sind seltene Geschenke, und ein solches Geschenk erhält Robin.

Dass man sich Hilfe suchen sollte, bevor man alleine Pilze schmeißt, um psychische Probleme zu lösen, ist hoffentlich klar. Ich möchte keinesfalls zum Drogenkonsum aufrufen, auch wenn und weil ich selbst meine Erfahrungen gemacht habe und dem Thema eher liberal gegenüberstehe. Gesunde Entscheidungen sind hier ausschlaggebend. Da ich mein Zielpublikum nicht unbedingt bei Teenagern und schon gar nicht bei Kindern sehe, unterstelle ich genug geistige Reife, um diese Dinge zu verstehen.

So. Natürlich ist auch das Drogen-Element nicht fern von Hermann Hesse. Man denke nur an das magische Theater am Ende von Der Steppenwolf. Er durchzieht Der Tod in Porto II: Abschied geradezu.

Trauer

Bisher bin ich in meinem Leben weitestgehend von Todesfällen im näheren Umfeld verschont geblieben. Es hat einen Suizid gegeben vor etlichen Jahren, Verwandte sind gestorben, Bekannte auch. Aber nie hat das Schicksal nah genug eingeschlagen, um mich lange zu verletzen. Allerdings kenne ich Menschen, die mir nahestehen, die trauerten und in manchen Fällen nie aufgehört haben. Vielleicht drückt meine Geschichte im Kern aus, dass ich hoffe, dass es besser werden wird, oder dass ich von manchen weiß, dass es besser wird, irgendwann.

Gerade während der Pandemie habe ich viel über den Tod nachgedacht, häufig Angst gehabt und sehr sehr viel gehofft.

Ende

Fürs Buchensemble habe ich einen Artikel verfasst über die Beeinflussung vom Schreibprozess von Autor*innen durch die Werke anderer und bin unter anderem auf Hommagen in der Literatur eingegangen: Lesen und gelesen werden – Was macht das mit uns? Das Thema habe ich im Blogartikel Inspiration und Hommagen fortgeführt. Wie stehen meine Leser*innen zu dem Thema? Fällt euch so etwas auf? Verwendet Ihr es selbst, sofern Ihr schreibt? Mögt Ihr derartige Details oder stören sie euch eher?

Erschütterungen. Dann Stille.: Gen Pop

Über die Erzählung “Gen Pop” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Kaputter macht Kaputten kaputter. Willkommen in unserer Gesellschaft. Gen Pop ist ein kurzer Text über Selbst- und Fremdwahrnehmung oder eine Geschichte über menschliche Abgründe. Erschütterungen. Dann Stille. hat mehrmals solche Geschichten zu bieten. Im Folgenden wird gespoilert werden. Lest am besten zuerst den Text und dann diesen Blogeintrag.

Content Notes: Gefangenschaft, Vergewaltigung(sandrohung)

Alleine sind wir stark

Mike ist die Vorstufe des Ich-Erzählers. Er ist einer von uns. Mike ist arrogant, wenn wir dem Erzähler glauben dürfen, hält sich für besonders und alle anderen für weniger wert. Mike ist, was ich einmal gewesen bin. In meinem Teenager-Kopf hießen sie nicht „Gen Pop“, sondern „Statisten“. Alle waren Statisten in einem Film, der sich nur um mich drehte. Das ist nur einen Hauch entfernt von waschechtem Solipsismus.

Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es nicht nur mir schlecht gehen kann, sondern auch anderen. Schmerz adelt, aber nicht für sich, sondern durch seine Auswirkungen, durch das verstärkte Mitgefühl, durch mehr Empathie und dadurch, dass wir daraus lernen. Schmerz adelt, wenn er uns nicht zu Monstern macht, sondern zu besseren Menschen. Besser, als wir vorher waren. Der Ich-Erzähler ist nicht geadelt, sondern pervertiert. Er sieht nicht sich selbst in Not in Mike, sondern eine Herausforderung seiner eigenen Sonderstellung. Vielleicht meint er sogar zu helfen, indem er Mike endgültig ruiniert.

Die Wahrheit stinkt

Jede Nische meines Verstandes war mein eigen, ich hatte keine Geheimnisse mehr vor mir. Ihr könnt euch den Gestank nicht vorstellen […]

Diesen klitzekleinen Part mag ich besonders. Der zweite Satz bezieht sich im Gesamtkontext auf den Kellerraum, in dem der Ich-Erzähler 14 Tage lang ohne Möglichkeit ordentlicher Körperhygiene verbracht hat. Zoomt man allerdings heran, wie ich es oben getan habe, schneidet nur diesen Part aus, bezieht sich der Gestank auf die Innenwelt des Sprechers. Er hat jede Ecke seiner Persönlichkeit mit offenen Augen gesehen, selbst die dreckigsten Stellen. Das könnte befreien, zerstört aber hauptsächlich.

Ein Gegenteil von Gen Pop

Es gibt mehrere mögliche Gefängnisexistenzen außerhalb der Normalbevölkerung. Eine Variante, eben die, um die es geht, ist Einzelhaft. Eine Strafe, die die wenigsten vertragen können. Der Mensch ist ein derart soziales Wesen, dass er lieber unter Mördern und Vergewaltigern leben möchte, als komplett allein zu sein. Schlimmer: als ohne Ablenkung mit sich selbst allein zu sein. 14 Tage Einzelhaft brechen wohl die meisten.

Man bedenke als nächstes, dass es amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse gibt, in denen sämtliche Gefangenen 23 Stunden pro Tag allein in ihren Zellen verbringen, damit es nicht zu Zwischenfällen unter den Insassen kommt. Meiner Meinung nach ist das grausam. Allerdings findet das in einem Land statt, in dem der Gefängnisbetrieb immer mehr privatisiert wird, Firmen an Gefangenen (und deren Billigarbeit) verdienen und Gewalt jedweder Form in Gefängnissen an der Tagesordnung ist.

Ist euch mal aufgefallen, dass es inzwischen ein gängiges Motiv in amerikanischen Krimi-Serien ist, dass die Polizist*innen Verdächtigen nicht mit dem Gefängnis an sich, sondern mit Vergewaltigungen dort, drohen? Abartig.

US-amerikanische Kulturhegemonie

Warum kenne ich überhaupt Begriffe wie „Gen Pop“ und weiß besser über das Gefängniswesen der USA Bescheid als über das deutsche? Die Antwort liegt in den Sümpfen der Kulturhegemonie versteckt. Wir werden von Kindheit an mit amerikanischen Werten und Werken bombardiert: Musik, Filme, Serien, Spielzeug. Obwohl die Chinesen sich mehr und mehr in Hollywood einkaufen und japanische Animes einen Teil der Kindererziehung übernommen haben, gehört der Großteil des Einflusses noch immer den USA. Viele unserer Ideen stammen von dort. Wir sind niemals unbeeinflusst.

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken recht weit entfernt liegen vom Kern der Geschichte, und dennoch lohnt es sich, gelegentlich darüber nachzudenken, wo die eigenen Ideen, Vokabeln und Vorstellungen herkommen und wieso sie in unseren Köpfen stecken. Globale Entwicklungen sind nicht immer global im Sinne einer von überall her stammenden Entwicklung, sondern zu häufig im Sinne einer Entwicklung, die von einem Ort (bewusst) ausgeht und sich dann weltweit verbreitet.

Erschütterungen. Dann Stille.: Eine Ziege, Vater

Über “Eine Ziege, Vater” in “Erschütterungen. Dann Stille.”

Okay, das Ding ist weird. Ein klassischer Thurau mit Twist. Natürlich könnte man das über die meisten Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille. sagen. In Eine Ziege, Vater ist allerdings alles noch einmal anders. Es folgen Spoiler (inklusive Pointe), also lest bitte zuerst die Geschichte und dann den Rest dieses Blogeintrags.

Der besoffene Tourist

Sollte irgendwann mal jemand ernsthaft über meine Werke nachdenken, wird sich herausstellen, was ich selbst gerade festgestellt habe, nämlich dass ein Figurentyp häufiger auftaucht als andere: Der (besoffene) Tourist. Üblicherweise liegt das daran, dass die Idee zur Geschichte sowohl auf Reisen als auch betrunken entwickelt worden ist. In diesem Fall passt es aber nicht. Eine Ziege, Vater ist nüchtern und daheim entstanden, und zwar für die neue Anthologie von Nikas Erben – wie auch schon Der Mitatmer. Ein weiterer Grund, diesen Figurentyp zu verwenden, ist das, was man mit ihr verbindet. Besoffene Deutsche im Urlaub sind in Reinform selbst anderen Deutschen im Urlaub unangenehm. Man assoziiert schnell schlechtes Benehmen und fragwürdigen Stil: Ballermann-Vibes. Hier sollte es genau das sein.

Wieder der Hermann

Hermann Burger hatte mich damals zu Sorck: Ein Reiseroman inspiriert, beziehungsweise 1. zum Sprachstil und 2. zur Vermischung eigentlich nicht kompatibler Elemente (Tourismus und Krieg usw.). Auch an Eine Ziege, Vater war Burger nicht ganz unschuldig. Einerseits merkt man das mal wieder an der Sprache, die verschachtelt und bewusst verwirrend gehalten ist. Sie verwischt Ebenen, erzählt und spricht an, alles gleichzeitig im Briefstil.

Andererseits ist die Anklage Geistlicher oder der Kirche an sich etwas, das man bei Burger (und etlichen anderen Schweizer Autor*innen aus ähnlicher Zeit) mehrmals finden kann. Bei den Schweizern liegt der Hauptvorwurf meist bei den erhobenen Kirchensteuern. Dürrenmatt beispielsweise hat sich auch gern darüber ausgelassen.

Mich interessieren Steuern als Thema eher weniger. Man kann in Deutschland auch einfach zum Amtsgericht laufen und für wenig Geld austreten. Daher musste ein anderes Kirchenthema her: Warum nicht boshafte Predigten, die beeinflussbare Kinder um den Schlaf bringen?

Monsterhafte Tiere

Eine Ziege verbindet man allgemein nicht mit Angst, Albträumen oder Horror. Der Weg ist aber nicht weit. Sobald man das Kirchenmotiv mit drin hat, wird die Ziege beziehungsweise der Ziegenbock eine gute Wahl. Sie hat Hufe, Hörner und ein langgezogenes Gesicht. Eines dieser Satanstiere. Betrachtet man einen Ziegenschädel frontal, bilden die Hörner, die Ohren und das Kinn jeweils eine Spitze eines umgedrehten Pentagramms.

Von alldem mal abgesehen, wirkt der hohle Blick einer Ziege beunruhigend, wenn man sich erst einmal darauf einlässt. Sie starrt dich an und kaut. Mehr nicht. Ein paar schwarze Wolken dazu und das Näherkommen, jede Nacht ein bisschen, in einem wiederkehrenden Traum. Schon hat man ein unangenehmes Phänomen, das Menschen in den Wahnsinn treiben könnte.

Rache ist wiederkäuend

Ich mag runde Dinge. Der Pfaffe verpasst dem Protagonisten Albträume. Am Ende wird der Protagonist und Briefeschreiber seinen neuesten nächtlichen Fluch los, indem er ihn dem Pfarrer weitergibt. Der einzige, der hier glimpflich davonkommt, ist der Touristenführer. Da stellen sich ohnehin Fragen, oder? Hatte er den Fluch, wusste davon und gab ihn vorsichtshalber einer ganzen Tourigruppe weiter? Hat also jede*r Teilnehmer*in des Ausflugs den Fluch der (un)heiligen Ziege? Oder gibt es diesen Fluch gar nicht wirklich und der Protagonist ist bloß hyperempfindlich und bildet sich alles ein? An der Rache (aus Sicht des Briefeschreibers) ändert es nichts und auch nichts an der Befreiung durch den Brief. Sollte er den Fluch niemals gehabt haben, so war der Brief und die Aussprache seiner Probleme dennoch eine hilfreiche Sache. Er entlastet sich, indem er dem einstigen Peiniger anklagt, und ausspricht, was er ein Leben lang für sich behalten hatte.

Warum so kompliziert?

Hätte ich die Story auch erzählen können, ohne jeden Satz so verdreht wie möglich zu bauen? Klar. Aber wo wäre da der Spaß geblieben? Ich hoffe doch, dass sich Leser*innen finden, die an derartigen Texten genau so viel Vergnügen haben wie ich.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Freiheit, die ich mir durch den Stil selber schenke, Gedanken, Gefühle, formale Ansprache und berichtetes Geschehen zu vermischen, um etwas Neues zu schaffen. Dieser fast verwirrte, definitiv aufgeregte und doch verstockte Stil charakterisiert den Briefeschreiber. Am Ende sollte man durch den Stil sowie die wenigen berichteten Taten ein Bild des Protagonisten vor Augen haben. Dieses Bild ist höchstwahrscheinlich wenig sympathisch, aber auch das ist absichtlich entstanden.

Erschütterungen. Dann Stille.: Der Tod in Porto I

Über “Der Tod in Porto I: Die Springer” aus “Erschütterungen. Dann Stille.”

Zwei Geschichten in Erschütterungen. Dann Stille. habe ich mit Der Tod in Porto betitelt. Zur Unterscheidung gibt es Der Tod in Porto I: Die Springer und Der Tod in Porto II: Abschied. Beide Erzählungen haben als Thema den Tod und als Schauplatz die Stadt Porto (oder ihre unmittelbare Umgebung). Ansonsten existiert keine inhaltliche Verbindung zwischen beiden, wohl aber Verbindungen anderer Art. Wer Der Tod in Porto I: Die Springer noch nicht gelesen hat, sei an dieser Stelle vor Spoilern im folgenden Text gewarnt.

Content Note: Suizid

Entstehung

Vor einer Weile habe ich einen Familienurlaub in Porto gemacht. Obwohl wir gemeinsam verreisen, trennen sich unsere Wege immer an mindestens einem Urlaubstag und jede*r zieht allein los. An meinem Tag allein in Porto bin ich hauptsächlich herumspaziert, habe Notizen gemacht und habe gegessen. Es war ein guter Tag mit schwarzen Burgern und guten Ideen. Am Ende des Urlaubs standen die Pläne für beide Porto-Texte. Sie sollten kurz darauf in einer ersten Version umgesetzt werden und wurden für Erschütterungen. Dann Stille. erheblich überarbeitet.

Die morbide Schönheit Portos / L’Appel Du Vide

Ich bin ein morbider Typ. Ich mag Friedhöfe, Ruinen und Stellen, von denen aus man in den Tod stürzen könnte. Daher kenne ich das Gefühl des L’Appel Du Vide, des Rufes der Tiefe, sehr gut. Der Begriff bezeichnet das Gefühl, das man gelegentlich an hohen Stellen hat: Eine Art Sog in den Abgrund, den entfernten Wunsch abzuspringen. Man steht weit oben und denkt, nur ganz kurz, warum eigentlich nicht?

Porto ist auf beiden Seiten des Douro an die Hänge gebaut und mehrere Brücken, davon eine, die Ponte Luiz, zentral, überspannen den Fluss. Die Ponte Luiz hat zwei Ebenen, von denen die untere etwa 5 Meter über dem Fluss verläuft und die obere etwa 60 Meter. Von oben zu stürzen, wäre tödlich. Man gelangt von der Brücke aus am einen Flussufer recht schnell zur alten Klosterfestung, die noch etwas höher über dem Meeresspiegel liegt. Von oben aus kann man hinabschauen in ausgebrannte Häuser, deren Fassaden von der Straße aus noch intakt wirken, und weit den Fluss entlang und über die Stadt blicken.

Worauf ich hinauswill, ist, dass Porto voller Ruinen (neuer und alter) ist, es Armut abseits der Hauptwege und unzählige Stellen gibt, von denen aus man in den Tod stürzen kann.

Die schwarze Pest

Als die Pest in Europa wütete, schien für viele Menschen der Weltuntergang nahe, und mit jedem gestorbenen Menschen ist auch ein Stück der Welt verloren gegangen. Allerdings führte das große Sterben im Nachhinein auch zu weniger Knappheit und mehr Wohlstand. Diesen Vorgang sowie die Grundfunktion des kapitalistischen Marktes, Angebot und Nachfrage, wollte ich in das Todesszenario von Der Tod in Porto I: Die Springer einbauen.

Schon wieder Ethik

Der Tod in Porto I: Die Springer erzählt eine obszöne Geschichte und der Erzähler tut das ganz locker, um einem Gast die Wartezeit aufs Essen zu verknappen. Das steht im klaren Kontrast zu den moralischen Fragen, die die Erzählung aufwirft: Darf man vom Elend anderer profitieren? Wie sehr darf man davon profitieren? Ist jede Lösung akzeptabel, sofern das Problem hinterher nicht mehr existiert? Was ist unsere Rolle in der kapitalistischen Maschinerie? Wie häufig machen wir die Augen vorm Elend zu und wie häufig mischen wir direkt oder indirekt mit?

Diese Geschichte bietet wenig Antworten, aber ich hoffe sehr, dass sie zu Gedanken und Fragen anregt.

Fragwürdiger Typ

Auch wenn er nicht beschrieben wird, habe ich eine ganz klare Vorstellung vom Ich-Erzähler. Diese werde ich hier nicht darstellen, um Leser*innen in dem Bereich nicht zu beeinflussen. (Mich würde aber interessieren, wie Ihr euch den Typen vorgestellt habt. Schreibt mir gerne dazu!) Allerdings lasse ich einige Details durchblicken. Der Erzähler macht ein paar (unbedachte?) Bemerkungen, die aufmerksame Leser*innen aufhorchen lassen sollten.

Ein Beispiel wäre der Satz: Aber wir mussten ja alle irgendwie leben, nicht wahr? Dieser Satz fällt, nachdem der Erzähler von den Vermittlern berichtet, die Todesspringer managen und animieren. Zwar kann man den Satz sehr allgemein lesen und das wir mussten nicht wörtlich nehmen, sondern im Sinne eines man musste. Aber einerseits wäre auch das eine Relativierung des unglaublichen Leids, das in der Stadt herrschte und von den Vermittlern noch verschlimmert worden ist, andererseits steht dort nun einmal wir und der Erzähler scheint ungewöhnlich häufig in der Nähe der Springer gewesen zu sein.

Schlimmer noch ist, dass er zwischendurch geradezu ins Schwärmen gerät, während er berichtet. Das passt zu der seltsamen Grundtatsache der Geschichte, dass sie einem Hotelgast vom Gastgeber vorm Essen berichtet wird. Eigentlich ist das keine Story, die man mit jemandem teilt, der Urlaub machen möchte. Offensichtlich gibt es also einen Drang, all das zu berichten.

Der junge Springer

Das i-Tüpfelchen meiner Inspirationsreise, nachdem ich die Ruinen und die Punkte gesehen hatte, von denen aus man stürzen könnte, den L’Appel Du Vide gespürt und bereits die meisten Ideen gesammelt hatte, beobachtete ich zwei Teenager. Der eine Junge trug einen Neoprenanzug und stand auf der unteren Ebene der Ponte Luiz. Der andere Junge sammelte Geld ein. Als er genug hatte, stieg der erste auf die Brüstung und sprang in den Fluss. Plötzlich passte alles zusammen.