Philosophie und Literatur

Während meines Studiums (Philosophie/Komparatistik) hatten viele Kommiliton*innen Philosophie gewählt, weil sie es als einfaches Zweitfach fürs Lehramt ansahen. Das zeigt ganz gut, welchen Status das Fach in den Augen der meisten heutzutage hat. Einige Disziplinen der Philosophie (Ethik, Politik usw.) bleiben aktuell, während andere (Metaphysik etc.) zugegebenermaßen weniger zeitgemäß sind. In diesem Beitrag möchte ich einige Argumente anführen für die Philosophie, besonders im Hinblick auf Autor*innen. Dabei wähle ich hauptsächlich Beispiele von Schopenhauer als Stellvertreter aller anderen Philosoph*innen.

Das allererste Argument, das man immer für die Philosophie finden und nennen kann, ist die Übung im Denken. Einerseits lernt man, neue Perspektiven einzunehmen und Probleme von allen Seiten zu betrachten. Geistige Flexibilität ist eine notwendige Voraussetzung, um philosophische Probleme anzugehen. Andererseits wird man geschult, strukturiert zu denken, Gedankengänge auseinanderzunehmen, Fehler aufzuspüren und die Gesetze der Logik anzuwenden. Warum das für absolut jeden und nicht für Schreibende gut ist, erklärt sich von selbst.

Das zweite Argument – hier kommen wir zu Schopenhauer – handelt vom Aufbau komplexer geistiger Bauten, die gesamte Welten (die gesamte Welt) umschließen können. Schopenhauers Hauptwerk ist Die Welt als Wille und Vorstellung, ein metaphysisches Werk. Der Duden definiert Metaphysik als philosophische Disziplin oder Lehre, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende, die letzten Gründe und Zusammenhänge des Seins behandelt. Ganz ganz grob und knapp zusammengefasst bedeutet das bei Schopenhauer: Ich (mein Geist/Wille) bin von der Welt getrennt durch meinen Körper, erfahre sie nur über meine Sinne. Was hinter den Gegenständen, Tieren, Mitmenschen steckt, kann ich nicht wissen, sondern nur aus dem, was ich kenne (der eigene Geist/Wille), schließen, was dort ist. Er kommt zu dem Ergebnis, dass alles (Menschen, Tiere, Gegenstände, Welt) Ausprägungen oder Vorstellungen eines einzigen großen Willens sind, der sich dadurch selbst kennenlernt. (Nochmal: das ist wirklich sehr vergröbert; Schopenhauer braucht hunderte eng bedruckter Seiten für dieses Ergebnis.) Von diesem Punkt aus baut und begründet er die gesamte Welt und bespricht Kunst, Literatur, Musik und vieles Anderes.

Aus heutiger Sicht sind viele Bausteine seiner Argumentation weit überholt und seinen Ergebnissen wird sich kaum noch jemand anschließen, aber das Konstrukt ist überaus interessant. Hier kommen wir zum Nutzen für die Literatur. Schopenhauer nimmt einen einzigen Gedanken (ich kenne nur mich, alles andere ist im Grunde unbekannt) als Ausgangspunkt, um daraus einen riesigen Gedankenpalast zu bauen und Erklärungen für sämtliche existierenden Dinge zu finden. Erinnert dieses Vorgehen nicht an den Weg von einer Idee zur fertigen Geschichte? Denken wir beispielsweise an Tolkien. Bekanntermaßen erschuf er zuerst den gesamten mythologischen Hintergrund zu Lord of the Rings, bevor er auf dieser Basis die eigentliche Story schrieb. Ein analoger Vorgang. Wir lernen durch die Philosophie also einen strikten, disziplinierten und konstruktiven Weg zu gehen von einer einzigen Idee zu einer riesigen Welt.

Das dritte Argument ist simpel: auf dem eigentlich nüchternen Weg, den Philosophen einschlagen, findet sich Schönheit. Schopenhauer schrieb beispielsweise, dass Musik uns so sehr anspricht, weil sie ein anderer Weg des Willens ist, sich selbst zu erkennen. Mit anderen Worten, Musik ist unsere Welt in anderer Form. Hier zwei Zitate dazu:

Über Musik (Beethoven): […] die größte Verwirrung, welcher doch die vollkommenste Ordnung zum Grunde liegt, den heftigsten Kampf, der sich im nächsten Augenblick zur schönsten Eintracht gestaltet: es ist rerum concordia discors, ein treues und vollkommenes Abbild des Wesens der Welt, welche dahin rollt, im unübersehbaren Gewirre zahlloser Gestalten und durch stete Zerstörung sich selbst erhält. Und: Der Rhythmus ist in der Zeit was im Raume die Symmetrie ist, nämlich Theilung in gleiche und einander entsprechende Theile, und zwar zunächst in größere, welche wieder in kleinere, jenen untergeordnete, zerfallen.

Schönheit in den Worten und Gedanken anderer zu erkennen und zu lieben, ist eine Grundeigenschaft von Leser*innen und Autor*innen zugleich. Der Unterschied zwischen Literatur und Philosophie liegt hauptsächlich im Ausdruck: Literatur versteckt Erkenntnis hinter Schönheit, während die Philosophie Schönheit hinter Erkenntnis versteckt.

Am Ende füge ich noch einige Zitate von Schopenhauer an. Sie wurden allesamt in der ursprünglichen Schreibweise belassen:

Was dem Herzen widerstrebt, läßt der Kopf nicht ein.

Zwischen dem Thiere und der Außenwelt steht nichts: zwischen uns und dieser stehen aber immer noch unsere Gedanken über dieselbe, und machen oft uns ihr, oft sie uns unzugänglich.

Wort und Sprache sind also das unentbehrliche Mittel zum deutlichen Denken.

Der Denker soll sie [Irrtümer] angreifen; wenn auch die Menschheit, gleich einem Kranken, dessen Geschwür der Arzt berührt, laut dabei aufschrie.

Der Geist ist seiner Natur nach ein Freier, kein Fröhnling

Daher je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren Lachen stets affektirt und gezwungen herauskommt, sind intellektuell und moralisch von leichtem Gehalt

Ohne die Schule der Alten wird eure Literatur in gemeines Geschwätze und platte Philisterei ausarten.

das Ich ist eine unbekannte Größe, d.h. sich selber ein Geheimniß

[…] daß die Qualität des Wissens wichtiger ist, als die Quantität desselben. Diese ertheilt den Büchern bloß Dicke, jene Gründlichkeit und zugleich Stil: denn sie ist eine intensive Größe, während die andere eine bloß extensive ist.

Wie in Zimmern der Grad der Helle verschieden ist, so in den Köpfen. […] Man werfe das Buch weg, bei dem man merkt, daß man in eine dunklere Region geräth, als die eigene ist; es sei denn, daß man bloß Thatsachen, nicht Gedanken aus ihm zu empfangen habe.

Denn der Intellekt ist ein differenzirendes, mithin trennendes Princip: seine verschiedenen Abstufungen geben, noch viel mehr als die der bloßen Bildung, Jedem andere Begriffe, in Folge deren gewissermaaßen Jeder in einer andern Welt lebt, in welcher er nur dem Gleichgestellten unmittelbar begegnet, den Uebrigen aber bloß aus der Ferne zurufen und sich ihnen verständlich zu machen suchen kann.

Je niedriger ein Mensch in intellektueller Hinsicht steht, desto weniger Räthselhaftes hat für ihn das Daseyn selbst: ihm scheint vielmehr sich Alles, wie es ist, und daß es sei, von selbst zu verstehen.

Ein Anschlag auf Adolf Muschg

Ich bin kein glücklicher Mensch. Wer mich kennt, weiß das. Wer mich liest, kann es sich denken. Das ist kein Ruf nach Mitleid, sondern die Einleitung in eine knappe Rollenidee.

Autorinnen und Autoren verarbeiten häufig persönliche Traumata, Sehnsüchte, Probleme und Erlebnisse in ihren Texten. Indem sie das tun, werfen sie ein Licht auf Aspekte unserer Gesellschaft. Entgegen des persönlichen Gefühls sind sie nicht allein mit ihren Problemen. Ihre Probleme – und damit die aller anderen – wiederum sind ein Symptom der Leiden ihrer Umwelt. Was sie besonders macht, ist, dass sie schreiben. So simpel, so kompliziert.

Adolf Muschg sagte in seiner Frankfurter Poetik Vorlesung Literatur als Therapie?: Kunstwerke sind im Grenzfall die einzigen Beweisstücke, wieviel wir aus dem machen können, was uns angetan wird. Seine Theorie ist, dass Schriftsteller*innen nicht vollständig therapierbar sind, da sie durch eine vollständige Heilung ihre Besonderheit und den Grund ihres Schreibens verlören. Sie verweigern sich ein Stück weit das eigene Glück, um weiterhin ihr Unglück verarbeiten zu können. Was mich angeht, liegt er richtig.

Wie Schmerz bloß ein Symptom ist und nicht die Krankheit, ist die Gesamtproblematik eines Menschen lediglich ein Symptom der Krankheit seiner Umwelt. Der einzelne Mensch – und damit auch der Autor/die Autorin – weiß nicht klar zu sagen, was in seiner Umgebung ihn krank gemacht hat, was übergeordnet falsch läuft. Doch die Literatur vermag Wahrheiten auszudrücken, deren sich ihre Erschaffer nicht bewusst sind. Dadurch deutet sie auf Missstände und eröffnet Veränderungsmöglichkeiten. Literaturschaffende ändern die Welt nicht. Doch Leserinnen und Leser vermögen dies – schon durch ihre Anzahl.

Es ist ein faszinierender Ablauf: Eine einzelne Person erfindet eine Geschichte. In dieser Geschichte versteckt sich ein Teil des Schicksals dieser Person. In diesem Schicksal spiegeln sich Aspekte der Gesellschaft. Andere Personen lesen die Fiktion, entdecken die Missstände, ändern diese – und ich denke auch an unbewusste Veränderungen – und verbessern damit die Lage für alle kommenden Generationen. Leserinnen und Leser verhindern die Wiederholung des Schicksals der Autorin/des Autors.

Dies alles sind Gründe für das Verfassen intensiver Literatur und für das intensive Befassen damit. Kafka sagte Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Einerseits entspricht dies meinem persönlichen Geschmack, was wiederum meine Philosophie beeinflusst, und umgekehrt. Andererseits spricht Kafka hier von Selbstverbesserung und damit indirekt von der Verbesserung unserer Gesellschaft. Niemand leidet gern und doch ist es notwendig. Drückt der Arzt bloß an Stellen, an denen es nicht weh tut, wird er den Patienten für gesund erklären und diesem wird nicht geholfen werden.

Ich stelle mich als Symptom zur Verfügung: findet die Krankheit und heilt sie!

Wir brauchen die Hinweise auf unser Leiden, die Erinnerung an Fehltritte und die schmerzhaften Einsichten. Wir brauchen gute Literatur.

Der Schiffsname

In meinem in Kürze erscheinenden Roman Sorck begibt sich Protagonist Martin Sorck auf eine Kreuzfahrt und reist durch die Ostsee an Bord der S.S.C.F. Aisha Harmonia. Um dieses Schiff, die Namensgebung und den Aufbau soll es hier gehen.

In meinem in Kürze erscheinenden Roman Sorck begibt sich Protagonist Martin Sorck auf eine Kreuzfahrt und reist durch die Ostsee an Bord der S.S.C.F. Aisha Harmonia. Um dieses Schiff, die Namensgebung und den Aufbau soll es hier gehen.

Doch zunächst sei mir eine Bemerkung gestattet:

Texte über den Roman beinhalten fast zwangsläufig Spoiler und wenigstens Informationen, die sich Leser*innen eigenständig erarbeiten oder interpretieren könnten. Vor der Veröffentlichung beschränke ich mich daher thematisch auf Aspekte, die ein möglichst geringes Lesevergnügen-Ruinierungspotential haben.

Los geht’s!

Als Star Trek Fan gehört für mich eine Abkürzung wie „USS“ (United Space Ship) vor „USS Enterprise“ zum Namen eines Schiffes, weshalb es mir natürlich erschien, auch der Aisha Harmonia eine solche zu verpassen.

Die Abbreviation „S.S.C.F.“ steht allerdings für „Safe, Sane, Consensual & Fun“, dem Motto der BDSM-Gemeinde. Innerhalb des Romans wird nur an einer Stelle nebenher erklärt, dass dem so ist.

Zwar ist dies auch eine Art Scherz, aber hauptsächlich ein Hinweis auf Parts der weiteren Geschichte, die ich hier – Spoiler usw… – nicht weiter besprechen werde.

Außerdem kam ich auf den Gedanken, dass jeder Passagier an das Schiff gefesselt ist und von ihm abhängig ist.

BDSM ist ein interessantes Phänomen und passend zur Romanthematik, da sich hier wie dort alles um Kontrolle dreht. Ein*e Teilnehmer*in gibt freiwillig die Kontrolle ab, während ein*e andere*r Teilnehmer*in diese übernimmt. Gleichzeitig hält die scheinbar machtlose Person sämtliche Macht in Händen, da der simple Akt des Aussprechens des Safewords den gesamten Vorgang stoppt – oder stoppen sollte.

“Aisha“ als Name der Reisegesellschaft und damit Teil des Schiffsnamens habe ich aus zwei Gründen gewählt. Einerseits klingt „Aisha“ ähnlich wie „Aida“ und erinnert somit an bekannte Kreuzfahrtschiffe. Übrigens basiert der Roman in Teilen auf einer Aida-Kreuzfahrt, die ich selbst einmal unternahm, weshalb mir ein Bezug passend erschien.

Andererseits ist die wohl berühmteste „Aisha“ der Welt die jüngste, beliebteste und mächtigste Gemahlin des Propheten Mohammed. Wie passt das ins Konzept? Religion und Mythologie – Christentum, griechische, nordische, slawische Mythologie – bieten eine Vielzahl von Bildern, die im Roman verbaut sind, weshalb eine Anspielung auf den Koran hineinpasst. Des weiteren ist der Machtaspekt, der Kontrollaspekt, auch hier interessant. Es gibt einen faszinierenden Widerspruch zwischen der Verletzlichkeit und Machtlosigkeit, die man besonders mit ihrem Alter – manche Quellen geben ihr Alter bei der Hochzeit mit sechs an – verbindet, und ihrem tatsächlichen Einfluss auf die Politik.

Bleibt noch „Harmonia“, der wichtigste Part des Schiffes. Harmonia ist laut griechischer Mythologie die Tochter des Ares (Kriegsgott) und der Aphrodite (Liebesgöttin). Liest man den Roman, wird man den Bezug zu ihrem Vater schnell bemerken, während der mütterliche Aspekt auf sich warten lässt, jedoch nicht ausbleibt. An dieser Stelle müsste ich zu viel verraten, was, denke ich, aus Rücksicht auf zukünftige Leser gelassen werden sollte.

Zu Harmonias Geschwistern zählen unter anderem Phobos und Deimos, die man grob mit „Angst und Schrecken“ übersetzen könnte, und deren Rolle im Leben von Martin Sorck als auch auf der Reise der Aisha Harmonia nicht unbedingt gering ist.

Nebenbei bemerkt, finde ich, dass „Harmonia“ durchaus der Name eines echten Kreuzfahrtdampfers sein könnte, was mit zur Entscheidung beigetragen hat.

Glaubt mir, wenn ich sage, dass noch weitere Gedankenarbeit hinter der Namensgebung steckt und dass ich hier eine ganze Liste von Bezügen innerhalb des Romans auf diese Gedanken und die Namen aufstellen könnte, aber es mir für einen späteren Zeitpunkt aufhebe, um niemandem das Lesevergnügen zu ruinieren.

In nächster Zeit werden wieder mehr Beiträge über den Hintergrund zu „Sorck“ gepostet werden, also bleibt dran!

Literatur als Selbstsuche

Nosce te ipsum – Erkenne dich selbst. Schreiben als direkte und indirekte Suche nach sich selbst.

Nosce te ipsum – Erkenne dich selbst. Ziemlich alter Ansatz, oder? Doch denkt man mal ernsthaft nach, gibt es im Allgemeinen nicht besonders viel, über das man sprechen oder schreiben könnte. Angesichts dessen über sich selbst – oder das Selbst beziehungsweise den Charakter der fiktiven Figuren (stellvertretend für Aspekte des Autors) – zu schreiben, scheint eine gute Idee zu sein. Tatsächlich scheint es ein unendliches Thema innerhalb einer kleinen Gesamtauswahl von Themen – Zwischenmenschliches, Beziehung zu Natur oder Gott, Selbstbezogenes – zu sein.
Darum also geht es.

Irgendwo in einem Brief oder Tagebucheintrag von Hermann Hesse – es muss aus der Zeit vor oder während des Verfassens von Siddhartha gewesen sein – las ich den Vergleich des menschlichen Charakters mit einem stark verästelten Baum. Wäre man imstande jeden einzelnen Zweig durch Literatur auszudrücken – zu verarbeiten? – fände man Erleuchtung. So oder so ähnlich hieß es.
„Erleuchtung“ ist ein Wort, das nur in gerechtfertigten Zusammenhängen und aus geübtem Mund kommen darf. Im Falle von Hesse wären Zeitraum und Verfasser stimmig und damit die Verwendung vertretbar.

Ist es nun das, was ich tue? Lange Zeit hielt ich dieses Vorgehen für die einzig mögliche Art Literatur zu schaffen. Sich selbst auszudrücken, herauszukehren, was im Geist brodelt, was beschäftigt, was quält. Ein rein technischer Ansatz war mir fremd. Ebenso eine Massenproduktion von immer gleichem Stoff in verschiedener Verpackung.
Als ich das erste mal las, dass Edgar Allen Poe beim Erarbeiten von The Raven sehr technisch, eigentlich rein technisch, vorgegangen sein soll, empfand ich das beinahe als Vorwurf und wehrte mich regelrecht dagegen. Wie dankbar war ich, dass sich auch Borges dieser Aussage von Poe selbst entgegenstellte. Allerdings hat ein sehr technischer Ansatz – denken wir doch auch an Umberto Eco und seine Arbeitsweise – immerhin den Beigeschmack von Arbeit, Planung und Intelligenz.
Massenhaftes Wiederkäuen von Romanzen, Schnulzen und billiger Fantasy verstehe ich jedoch nicht. Vermutlich sieht kein Autor sich selbst als ein solcher Massenfabrikant.
Im Übrigen will ich weder ganze Genres verdammen noch die Möglichkeit auszuschließen, dass auch ich zu den Gruppen gehöre, die ich von außen zu betrachten scheine – oder wenigstens auf andere entsprechend wirke.
Unter den Lesern von Nietzsche seien ungewöhnlich viele Übermenschen gewesen, habe ich irgendwo gelesen – bei Kehlmann?

Eine meiner schlechteren Eigenschaften ist meine Angewohnheit vorschnell zu urteilen. Möglicherweise bin ich ungerecht, wahrscheinlich sogar, doch sehe ich die Welt zurzeit mit meinen Augen, die morgen andere sein mögen, aber eben heute noch nicht.

Offenkundigstes Zeichen, dass Literatur für mich Suche nach mir selbst ist, könnte sein, dass ich mich über Literatur definiere. Ein geschlossener Kreis, sollte man meinen.
Dass ich ein Autor bin, wusste ich spätestens mit dreizehn Jahren, als ich meine ganze Wut in eine txt-Datei voll religiöser Metaphern, die ich selbst kaum verstand, tippte. Es waren grässliche Machwerke, die ich damals erschuf, doch konnte man deutlich erkennen, wie es mir ging. Ich erinnere mich an Schalen, angefüllt mit Wut, die Gott ausleerte. Apokalyptische Visionen im Grunde, die von einem geistigen Feuer kündeten. Allerdings, das muss man sagen, eben in schrecklichem Stil verfasst.
Der Punkt ist: Ich schrieb kryptisch auf, wie es mir ging, drückte mich also selbst aus, versuchte mich selbst besser zu verstehen.

Meine Texte sind jedoch niemals wirklich nahe an mir dran. Das darf man nicht falsch verstehen. Es handelt sich um meine Ideen, möglicherweise meine Sichtweise, meine Gefühle, doch nicht um autobiographische Literatur. Die großen Krisen meines Lebens brauchen viele Jahre, um Stoff zu werden. Sind sie dann soweit, liegen sie unter Schichten von Worten und Bildern begraben, die es so viel einfacher machen, sie zu packen und maskiert der Welt zu zeigen.
Und doch, meine Arbeit ist Sinnsuche, Selbstsuche. „Sinnsuche“ ist wieder so ein Wort, das schön klingt, doch nichts bedeutet. Ultimativ glaube ich an keinen Sinn – keinen Lebenssinn –, also habe ich mir einen genommen, mich für einen entschieden und bin dabei geblieben. Literatur ist also vielleicht doch eher Sinnerfüllung als Sinnsuche. Sinn suche ich in mir selbst, in meinem Handeln und Fühlen, meinen Entscheidungen. Sinn für mich, nicht im Rahmen des Universums oder Schicksals.
Ist es eine bewusste Suche? Ja und nein. Wie man sieht, ist es mir bewusst, dass es diesen Vorgang gibt. Er ist mir willkommen. Während ich schreibe, bin ich Regisseur und Zuschauer, sehe die Bühne vom Zuschauerraum aus, weiß, was vorne passiert und wie das Stück auszusehen hat, doch was hinter der Bühne geschieht, erfahre ich, wenn überhaupt, erst nach der Show.
Für den laufenden Vorgang fehlt mir das Bewusstsein.
Am Ende ist es also wie bei Platon. Was ich lerne, wusste ich – offensichtlich – bereits, erinnere mich also nur. Mit jedem Text ein Puzzlestück mehr.
Weniger aktive Selbstsuche als passives Selbstfinden?

Solange ich denken kann, starten ungeplant Sätze in meinem Kopf, deren Ende ich nicht kenne. Üblicherweise beginnen diese Sätze mit „Das Leben ist“ oder „Ich bin“ und bringen mich zum Nachdenken.
Was bin ich denn in diesem Moment? Bin ich wütend? Warum bin ich wütend? Bin ich…?
Die Wahrheit ist, ich weiß es meistens nicht zu sagen. Doch dreht sich das Rad der Fragen in mir weiter, ohne dass ich es merke, und spuckt wie ein frustrierter Koch Antworten in meine Texte.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Suppe auszulöffeln.

Wie ich gern schriebe

Hier kommen wir an einen Knackpunkt im Leben eines Autoren. Zwar hat jeder eine eigene, natürliche Erzählstimme, aber eben auch Vorbilder, Wünsche, Ziele und viel zu viele Vergleichsmöglichkeiten.

Hier kommen wir an einen Knackpunkt im Leben eines Autoren. Zwar hat jeder eine eigene, natürliche Erzählstimme, aber eben auch Vorbilder, Wünsche, Ziele und viel zu viele Vergleichsmöglichkeiten. Eine Anpassung beider Richtungen – der natürlichen Eigenart und dem angestrebten Stil – aneinander ist ein stetiger Entwicklungsprozess.

Hermann Burger hat seinen Stil an seinen Vorbildern geübt, indem er große Teile von Texten seiner Lieblingsautoren, ganze Absätze oder Seiten aus Romanen, abschrieb, um dann den Satzbau, quasi das Skelett, mit seinen eigenen Worten wieder zu füllen. So hoffte er sich etwas von dem anzueignen, was er an anderen bewunderte.
Selbstverständlich ist das eine Menge Arbeit und bisher habe ich mir nie die Mühe gemacht, es auch auszuprobieren. Jedoch stellte ich wieder und wieder fest, dass das Lesen fremder Texte allein bereits eine gute Schule für Stil und Aufbau ist, weswegen gute Autoren viel lesen sollten. Das ist eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, doch stolperte ich im Internet auch über Schreiber, die öffentlich in die Runde fragten, ob man eben auch lesen müsse, um Autor zu sein.
Man sollte. Außerdem erscheint mir das Konzept eines nicht leseverliebten Autoren widersprüchlich. Ich erinnere an Jorge Luis Borges, der sagte, dass die Idee einer Pflichtlektüre absurd sei und man genausogut von Pflichtglück sprechen könne.

Es gibt ein paar für mich bedeutsame Namen in der Welt der Literatur, der Literaturwelt oder Weltliteratur, deren Werke stellvertretend sind für das, was ich gern produzieren würde oder bereits produziere, produziert habe.
Die philosophischen Konstrukte, die die Grundlage bilden für das Werk von Jorge Luis Borges, sprechen Seiten in mir an, die mich die Welt mit Vernunft und intellektueller Neugierde betrachten lassen, aber auch nicht ohne einen gewissen Humor. Allerdings wäre mir sein Schreibstil grundsätzlich zu trocken, zu wenig emotional, was ja thematisch stimmig sein mag und mich nicht vom Lesen abhält, aber meinem Wesen und damit meinen Themen widerspricht. Versucht habe ich mich dennoch in dieser Art zu schreiben; mit mäßigem Erfolg.
Daniel Kehlmann wurde offensichtlich – und, wenn ich mich recht an seine Essays und Vorlesungen erinnere, auch ausdrücklich – ebenfalls von Borges inspiriert. Daraus entstanden, wie ich vermute, unter anderem die Realitätsverschiebungen in seinen Büchern, die mir immer am meisten gefallen haben. Mein Versuch eines Borges-Romans – was historisch betrachtet wiederum paradox ist – war entsprechend auch ein Kehlmann-Roman. Ein interessantes Experiment, das ein interessantes Ergebnis zutage förderte, aber leider keines der Veröffentlichung würdiges.
Dennoch habe ich Elemente des Experiments in einem weiteren Roman verwendet, einer Vermischung realer und irrealer Ebenen, die ein beinahe surreales Ganzes geschaffen haben. Dieses meiner Meinung nach gelungene Werk werde ich in den nächsten Monaten schwer überarbeiten und nächstes Jahr veröffentlichen.

Rein stilistisch, also losgelöst vom Inhalt, schriebe ich (manchmal) gern wie Hermann Burger und verfalle auch immer mal wieder in den entsprechenden Modus, wenn auch laienhaft im Vergleich zum Original. Eine Kopie kann aber wiederum auch nicht das Ziel sein. Für eine solche Kopie oder eine entsprechend große Annäherung bin ich auch einfach zu faul, da die schiere Menge an Arbeit und Konzentration, nötig für diesen Schreibstil, erschlagend ist.
Um mal ein kleines Beispiel zu nennen, hier ein (für Burgers Verhältnisse kurzer) Satz, der Anfang der Erzählung Kohlhaas auf der Dampfwalze, den ich als besonders schön empfinde:
Ein Dampfwalzenführer, so sein Anwalt, und dies kommt bereits der Brechung des Amtsgeheimnisses gleich, was wir angesichts der Extraordinarität des Falles riskieren müssen, verlor, da er kurz vor Feierabend entsetzlich, aber rechtschaffen niesen musste, seine künstlichen Zähne, dergestalt, dass er die Prothese unmittelbar vor die Vordertrommel spuckte und, sintemal der Bremsweg ohnehin zu lang gewesen wäre, mit seiner vierzehn Tonnen schweren Rammbull, dieselgetrieben, zermalmte.
Vermutlich ist das für manche unerträglich zu lesen, aber unbezweifelbar hervorragend formuliert.

Nun wird es schwierig.
Ein ganz anderer Bereich der Literatur mischt sich ein, der mir aufgrund meiner Lebensgeschichte, all der Dinge, die mir zustießen und die ich mir selbst antat, die ich er- und durchlebte, ausgesprochen zusagt. Die Namen Hunter S. Thompson und Irvine Welsh fallen mir ein, wobei Hans Fallada, Louis-Ferdinand Céline und Henry Miller wenigstens zum Teil in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe schlugen.
Wie verbindet man nun, sofern man das denn wollte, akstrakt-philosophische Ideen, Spielchen mit verwischter Realität, Schachtelsatz- und Fremdwortmassaker mit dem tiefsten Elend aus Alkohol, Drogen, Depression und Wut?
Thompson machte immer deutlich, dass seine Einblicke in andere Realitäten klar durch Drogen verursacht wurden – diese offensichtlich zu vereinbarende Kombination findet sich bei Kehlmann übrigens auch, ich glaube, im Roman F.
Miller schrieb surreal, wie er sich durch Paris vögelte und hungerte.
Céline war einfach furchtbar wütend, jedoch nicht stillos.
Fallada – in Der Trinker – beschreibt ungeschönt das tiefste Elend, was Welsh mit etwas Humor ebenfalls tut.
Dreckige Gefühlswelten, Elend und Leid vertragen sich kaum mit Sprachspielereien, sondern erfordern Derb- und Direktheit.

Nebenbei liebe ich übrigens die Albtraumwelten von Franz Kafka. Passen die auch noch rein?

Vielleicht ist das Vorhaben zu groß, weil zu vollgestopft, zu überfüllt mit Widersprüchen. In meinen kürzeren Erzählungen findet man mal das eine und mal das andere Puzzlestück, üblicherweise überschneidend.
Bedenke ich es richtig, sind allerdings sämtliche erwähnten Elemente in jenem Roman – ich suche noch immer einen passenden Titel – enthalten, den ich, wie oben erwähnt, überarbeiten und herausbringen werde. Zu Beginn dieses Eintrags war mir dies noch nicht bewusst.
Das macht mich gerade durchaus stolz, doch zwingt mir die Befürchtung auf, einige wichtige Bestandteile – ich denke da besonders an Suff und Elend – könnten zu kurz gekommen sein. Eine wichtige Notiz für die Überarbeitung.

Noch suche ich meine wahre Stimme. Vermutlich werde ich das den Rest meines Lebens tun.

Da ich es bisher nicht eindeutig erwähnt habe, stelle ich an dieser Stelle nachträglich fest, dass ich in diesem Artikel einzig von meiner Prosa spreche, meine Lyrik also vorerst ausschließe aus diesem Gedankengang. Innerhalb der Lyrik stehe ich recht sicher, entwickele mich zwar immer weiter, doch suche nicht mehr aktiv, zweifle nicht mehr ständig, bin also unterwegs und angekommen – oder auch andersherum.

Ein weiterer Punkt, der letzte, der noch nicht erwähnt wurde, da er für mich offenbar zweitrangig zu sein scheint, wäre die Leserschaft und ihre Vorlieben. Es ist mir bewusst, dass ein zu komplexer Stil, zu wirre oder intellektuelle Ideen, vielleicht sogar zu ehrliches Elend – denn das wahre Elend ist immer weniger leicht zu ertragen und härter als ein künstliches, unpersönliches; man vergleiche einen abstürzenden Junky bei Welsh mit den kreischenden Massen bei Marvel – eine Menge Leser eher abschrecken. Doch verlangt meine Integrität und meine Arroganz, wenn es denn welche ist, wenigstens aber mein Stolz, meinen eigenen Weg ohne Rücksicht auf mögliche Verkaufszahlen und die Vorlieben einer Leserschaft, die eben einfach nicht die meine sein kann, zu gehen. Dieser Punkt ist also abgehakt.

Fehlen nur noch die Haken hinter allen anderen Punkten.

Inspirationsquelle: Hermann Burger

Über den Schweizer Autor Hermann Burger, seine Werke und seinen Einfluss auf meine Arbeit.

Was wir an hoher Kunst leisten, müssen wir an Tod abverdienen.

Leider und gleichzeitig verständlicherweise kennen viele Leser den Namen Hermann Burger nicht und seine Werke noch viel weniger.
Verständlicherweise, weil sein Stil, seine Sprache und sein Werk insgesamt ausgesprochen komplex sind.
Leider, weil sich der Kampf mit dieser Wucht aus Sprache und Tiefe lohnt.

In einem Universitätsseminar über Zauberkünstler in der Literatur lernte ich Burger kennen und lieben. Diabelli, Prestidigitateur wurde neben Texten anderer Autoren gelesen. Diabelli ist ein Zauberkünstler, ein Prestidigitateur, also Schnellfingerkünstler, der einen Brief an seinen Mäzen schreibt. Kern der Erzählung ist, dass Diabelli beschreibt, dass Ablenkung vom eigentlichen Geschehen, das Wichtigste am Zaubertrick ist, was Burger konsequent innerhalb der Geschichte umsetzt, indem er exakt zeigt, wie beispielsweise eine Volte funktioniert, aber man es aufgrund der sprachlichen Ablenkungsmanöver, Fremdwörter und der Komplexität seines Satzbaus, kaum bis gar nicht zu verstehen vermag. Der Autor selbst dazu: Das Fremdwort tarnt den gemeinten Sachverhalt, es stempelt den Leser zum Laien, genauso wie der Prestidigitateur seine Opfer in die Irre führt.
Dass er dies vollbringen konnte, hat mich immer fasziniert.
In seinem Beitrag Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben zu den Frankfurter Poetik-Vorlesungen erklärt Burger passend dazu – und zu anderen Texten –, dass nicht bloß große Entfernung Details verwischt, sondern auch extreme Nähe. Als Autor beschreibt er Gegenstände oder Abläufe derart detailliert, dass man sie als Leser nicht mehr erkennen kann, ganz so, als sähe man seine eigene Hand unter einem starken Vergrößerungsglas, einem Mikroskop, und wüsste nicht mehr zu sagen, was man dort nun eigentlich anstarrt. Eine großartige sprachliche Leistung und eine monströse Herausforderung für den Leser.
Burger über die Verwendung dieser Technik in seinem Roman Schilten in seiner Poetik-Vorlesung:
Der Leser ist gewohnt, die Realität mit ihren verwirrenden Einzelheiten auf Distanz zu halten. Wer diesen Konsensus durchbricht, trifft ihn in einer ungeschützten Zone. Er wird permanent als einer behandelt, der alles weiß, in Wirklichkeit sieht er vor lauter Bäumen überhaupt nichts. Und etwas später: In dem dauernden Überziehen des Realen ins Aber-Reale, in eine Art traumatischer Hyperrealität, die fantastischer sein kann als das Surreale, tut sich eine erschreckende Realitätsunfähigkeit kund. Die Sprache kommt mit dem Gestus des Mitteilens daher und enthält in Wirklichkeit keine brauchbaren Informationen.
Innerhalb der Sprache selbst und nicht bloß in den ausgedrückten Informationen steckt die Charakterisierung des Protagonisten, der dank Burgers favorisierter Literaturform, dem Briefroman, selbst zu Wort kommt.

Gelegentlich bekommt man das Gefühl, dass Hermann Burger seine Leser verschrecken oder einfach an der Nase herumführen will. Beispielsweise spielt er wieder und wieder mit „Irrealien“, wie er sie nennt, also glaubwürdigen Fakten, die keine sind, vermischt mit „Realien“, also tatsächlichen Fakten, die teilweise wiederum wie erfunden wirken, um eine neue, fiktive, ausgesprochen glaubwürdige Realität zu schaffen, aber zum Teil auch, um unsere historische Realität zu verbessern, ihre Fehler zu tilgen. So dichtet er für dem Entfesselungskünstler Harry Houdini, der hundertfach sein Leben riskierte, um schließlich an einem Blinddarmdurchbruch zu sterben, sowohl einen Tod während eines seiner Entfesselungstricks an, als auch einen Deal mit dem Tod persönlich, um sein Ende zu einem allerletzten Trick, der die Menschen erstaunt, zu verwandeln.

Mir ist vollkommen bewusst, dass die wenigsten Leser Romane lesen wollen, deren Sätze zum Teil mehrere Seiten und drei oder vier Erzählebenen umfassen, weswegen ich Burger nur selten weiterempfehle. Es nutzt üblicherweise nichts. Doch jeder, der selber schreibt, sollte sich mindestens ein mal heranwagen und Burgers Poetik-Vorlesung Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben durcharbeiten, die dann hoffentlich wiederum Interesse an Schilten und Diabelli und all den anderen großartigen sprachlichen Kampfakten – Kämpfe auch des Autors selbst um das Werk, gegen sich und gegen den Tod – weckt.

Um wirklich über Hermann Burger zu schreiben, bräuchte man einen sehr viel größeren Rahmen als diesen Blog. Dennoch durfte er als eine meiner bedeutendsten Inspirationsquellen nicht unerwähnt bleiben und wird möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt nochmals unter spezielleren Gesichtspunkten behandelt werden: beispielsweise das häufige Auftauchen des Themas „Tod“ in seinem Werk.

In seinem Tractatus logico suicidalis schreibt der Autor unter Punkt 296 Das Werk ist die Lösung des Todesproblems, was sich zwar auf die Unsterblichkeit der Gedanken des Künstlers bezieht, jedoch für mich und sicherlich auch für Burger selbst ein realer, aktueller, wenn nicht sogar akuter, anhaltender Fakt ist oder bis zu seinem Selbstmord gewesen ist.

Sprachliche Experimentierfreude, den Mut zu komplexen Satzstrukturen, ungewohnter Wortwahl und ungewöhnlichen Themen sind einige der Einflüsse, die Burgers Werke auf meine eigene Arbeit allgemein hatten, doch auch kleinste Fragmente, einzelne Wörter, die ich in seinen Geschichten fand, inspirierten mich und fanden gelegentlich den Weg in meine Texte (präkollaptisch zum Beispiel).

Inspirationsquellen

Artikel über die verschiedenen Quellen der Inspiration für meine Arbeit als Autor.

Dieser Eintrag behandelt allgemein verschiedene Inspirationsquellen, mit deren Hilfe ich freiwillig oder unfreiwillig meine kreativen Energien auf- oder überlade. Inspirationsquellen eben.

Über Musik und Literatur werde ich mich dabei zu anderen Quellen vorarbeiten.

Musik

Nach einem Weg durch den Rock der 60er und 70er, Punk, Metal und Pop der 80er und 90er, fühle ich mich seit Langem in der Metalszene zuhause; genauer der Stoner/Doom/Sludge-Szene, die recht klein ist.

Entsprechend ziehe ich einige Inspiration von Bands, die eventuell und leider den meisten nichts sagen werden.

Neben der Musik als solcher, die meist sehr bassig und aggressiv / depressiv ist, sprechen mich in diesem Zusammenhang natürlich besonders die Lyrics an. Die verstörenden Texte von Acid Bath (die leider nur zwei Alben veröffentlicht haben) beschäftigen mich beispielsweise gelegentlich. Darunter besonders The Beaufitul Downgrade. Die Zeilen

Do you remember the first sunrise?
Sharpened bone clenched tide in your fist
Screaming into the blue
An urge to kill the sky

lösen jedes Mal Bilder in mir aus. Es fühlt sich kraftvoll und ursprünglich an. Wild und unzivilisiert erklärt man Göttern den Krieg, die man selbst eben erst erfunden hat.

Die Band Down hat ebenfalls einige großartige Lyrics, die sehr deutlich und ungeschönt die dunkelsten Kapitel meines Lebens ansprechen. Aus Lysergik Funeral Pocession:

I get up, get ready to face this world
I come down
I come down so hard, I hit then bounce
In a pool of piss I lay

Die Kombination aus teilweise recht extremem und dadurch ehrlich wirkendem Gesang und ebenso echt und kreativ wirkenden Texten ist für mich jedes Mal beflügelnd.

Was diesen Aspekt angeht, wäre auf jeden Fall noch Battle of Mice zu nennen. Die Schreie der Sängerin Julie Christmas verschaffen mir regelmäßig wieder eine Gänsehaut. Vertonte Verzweiflung… da kommen die Dämonen aus den dunkelsten Ecken des Hinterkopfes gekrochen und melden sich großspurig zu Wort.

Selbstverständlich gibt es noch etliche andere Bands und Künstler speziell aus dieser Szene (Crowbar, Boris, Goatsnake, Mars Red Sky, Monolord uvm.), die Ideen und Bilder aus mir herausprügeln.

Doch auch völlig andere Musik beeinflusst mich (emotional, geistig und schriftstellerisch) stark. Nick Cave & The Bad Seeds, Tom Waits, Leonard Cohen und andere haben mich im Laufe meines Lebens (und damit Schreibens) massiv geformt. Beispielsweise liebe ich die Zeile And in the bathroom mirror I see me vomit in the sink (aus Magneto von Nick Cave) und das Bild, das sie auslöst: ein Neben-sich-stehen, während man abstürzt. Er beobachtet sich selbst auf seinem Tiefpunkt. Selbstverständlich löst das etwas in mir aus. Leonard Cohens Text zu Famous Blue Raincoat, der wie ein Brief verfasst ist, oder die Lyrics zu Avalanche haben nichts von ihrer Wirkung verloren. Zum Glück konnte ich ihn noch live sehen vor einigen Jahren.

Klassische Musik (live im Konzerthaus Dortmund beispielsweise) schafft es, meinen Geist auf Reisen zu schicken. Was er nachher im Gepäck hat, ist auf verschiedenste Weisen interessant – (auch?) für mich.

Literatur und Philosophie

Einen Autor, der nicht von anderen Autoren beeinflusst wurde, kann ich mir nur schwer vorstellen. Wenigstens in den letzten Jahrhunderten ist ein solcher Fall wohl auch nicht vorgekommen.

Nur ein paar ausgewählte der vielen Schriftsteller zu nennen, die meinen Weg begleitet haben, fällt mir nicht leicht. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich hier auf einige von ihnen einzeln und genauer eingehen.

Zu Anfang beeinflussten mich hauptsächlich englische Dichter – E.A.Poe, Lord Byron etc. –, aber auch ein paar deutsche – Rilke, Goethe. Lyrik lese und schreibe ich noch immer, aber die Dichter haben ihre Vorrangstellung in Sachen Inspiration verloren. Prosa-Schrifsteller übernahmen.

Jahre voller Sartre, Camus und Kafka folgten. Heute sind wieder andere an ihre Stelle getreten.

Jorge Luis Borges hat mein Denken massiv angeregt und verändert. Seine abgehobenen Ideen und die Verarbeitung philosophischer Konzepte in seinen Texte inspiriert(e) mich sehr.

Stilistisch und aufgrund der (teils sehr offensichtlichen) psychologischen Problematik wäre definitiv Hermann Burger als Inspirationsquelle zu nennen. Allein seine Poetik-Vorlesung Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben oder sein Tractatus logico-suicidalis haben mein Denken in Wege gelenkt, die es vorher nicht kannte.

Generell interessieren und bewegen mich die Frankfurter Poetik-Vorlesungen verschiedener Autoren immer wieder aufs Neue. Daniel Kehlmanns Vorlesung ist ebenfalls sehr zu empfehlen. Seine Geschichten, die eindeutig Borges und andere wiedererkennen lassen, sind kreativ und unterhaltsam. Kehlmann gehört zu einer Reihe von Autoren, die mich zu einem meiner Romanmanuskripte vor einiger Zeit inspiriert hatten. Besonders wohl die Vermischung verschiedener Realitätsebenen beziehungsweise der absichtlich undeutliche Übergang zwischen diesen Ebenen, eine Technik, die er gerne gebraucht, war verantwortlich dafür.

Um nur noch ein paar wichtige Namen zu nennen: Hunter S. Thompson, Charles Bukowski, Irvine Welsh und selbstverständlich sehr weit vorne Hermann Hesse.

Auch philosophische Texte können die Kreativität anregen und sprechen nicht nur das logische Denken an. Wie man bei Kehlmann und Borges lesen kann, gehört Schopenhauer dazu. Ich selbst musste auch feststellen, dass sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung etliche großartige Passagen enthält. Auch sein Stil ist recht unterhaltsam, da bereits im Vorwort eine Wut zutage tritt, die man in einer solchen Disziplin selten erwartet.

Philosophische Wut führt natürlich direkt zu Nietzsche. Ich las Also sprach Zarathustra betrunken im Park, an einem Sonnentag und habe später am gleichen Tag einen meiner heute besten Freunde kennengelernt. Definitiv inspirierend.

Noch etwas abgedrehter, aber äußerst interessant und beflügelnd, fand ich Himmel und Hölle von Swedenborg. Dieser hochintelligente und gebildete Mann wurde im Laufe seines Lebens häufiger von Engeln besucht, die ihm den Himmel und die Hölle zeigten. Seine Berichte sind durchaus lesenswert.

Sonstiges

Es ist eigentlich unwürdig eine solche Überschrift zu nutzen, wenn es um Kunst in verschiedenen Formen gehen soll. Doch degradieren wir diese Inspirationsquellen einfach mal und schauen, was passiert.

H.R.Giger hat mich in meiner Jugend stark beschäftigt. Kein Wunder, sind seine Werke doch düster, futuristisch und voller Sex. Jetzt gerade hängt ein Poster von Gigers ELP hinter mir und blickt hohläugig in den Raum. Wie bereits im ersten Beitrag (Arbeitsplatz) beschrieben, hängen Picasso, Munch und Klimt ebenfalls hier.

Von Nick Alm bin ich ein großer Fan, seit ich vor einigen Jahren sein Werk The Great Implosion in Stockholm sehen durfte.

Seine Bilderreihe eines Hochzeitsfestes beschaue ich mir gerne und häufig. Leider kann ich mangels Ahnung auf diesem Gebiet nicht viel mehr über seine Bilder sagen, als dass sie mich berühren und häufig exakt den richtigen Zeitpunkt von Schwäche einzufangen scheinen, der eine Figur im Innersten erfasst und definiert.

Ich würde, wie gesagt, nicht behaupten, Ahnung von Kunst zu haben, doch ich ziehe meine Vorteile daraus: Genuss und Inspiration.

Selbstverständlich müssen Filme, Serien, Opernbesuche, das Ballett (das übrigens in Dortmund inzwischen ausgezeichnet ist), Theater oder Auftritte wie von Saburo Teshigawara, der in seiner Broken Lights Tanzperformance mit und auf Glas tanzte, ebenfalls zu Quellen größter Anregung für mein Hirn zählen.

Manchmal kiffe ich aber auch und lese Batman-Comics … da kommt man ebenfalls auf Ideen.

Beim Schreiben dieses Eintrags ist mir deutlich aufgefallen, dass ich meine Pferde extrem zügeln musste, um nicht Seite um Seite weiterzuschreiben. Daher werde ich mein Vorhaben auf jeden Fall in Zukunft umsetzen und Beiträge über einzelne Autoren, Musiker und andere Inspirationsquellen verfassen. Dann kann ich auch deutlicher herausarbeiten, wodurch und inwiefern sie mich beeinflussten.

Als groben Überblick lasse ich diese paar Namen einfach stehen und stelle mir vor, dass man meine Texte nun ein wenig besser verstehen kann.

Krisen

Über Krisen und Probleme rund ums kreative Schreiben sowie mögliche Lösungsansätze dazu.

Dieser Eintrag handelt von verschiedenen Krisen rund um das Schreiben und darum, wie ich sie für mich löse oder zu lösen versuche.

Tabula Rasa & Horror Vacui

Das weiße, unbeschriebene Blatt, das sich vehement weigert, gefüllt zu werden.
Ob es nun die erste Seite eines neuen Projektes sein soll oder irgendeine Seite sehr viel tiefer im Arbeitsgeschehen, jeder Autor fürchtet sich wohl davor.
Fangen wir mit dem ersten Problem an. Wollen mir keine neuen Ideen kommen, was, ehrlich gesagt, sehr selten ist, ich aber unbedingt etwas schreiben möchte, gehe ich zunächst spazieren.
Das gibt neue Eindrücke und lässt das Gehirn ohne Druck arbeiten; hilft übrigens auch bei fortgeschrittenen Projekten und Problemen bestens.
Auf jeden Fall sollte man als Autor über eine ausreichende Fähigkeit zur Selbstreflexion verfügen und mit der Zeit wissen, was grundsätzlich inspirierend wirkt – Musik, Kunst, Passagen des Lieblingsautors etc. Auch diese Quellen aufzusuchen ist einen Versuch wert.
Eine der besten Methoden ist allerdings einfach nach bereits vorhandenen Ideen (aus dem eigenen Vorrat) zu suchen. Tage- und Notizbücher kann man gut durchstöbern, stößt möglicherweise auf fertige Plots, die ungenutzt verstauben, oder auf Erinnerungen an Liebschaften, Verluste, Freuden, die etwas auslösen. Das ist einer der vielen Gründe, warum man sämtliche Ideen notieren sollte, auch wenn man sie im Augenblick nicht zu brauchen meint.

Häufiger ist das Problem des Steckenbleibens in einer Geschichte – auch trotz Vorbereitung und Planung oder währenddessen. Natürlich kann man die gleichen Schritte (wörtlich und übertragen) unternehmen wie auch bei totaler Ideenlosigkeit. Doch mir hilft es am allerbesten, wenn ich mich den Problemen direkt stelle und mit meinen Fragen arbeite. Ich schreibe auf, weswegen ich nicht schreiben kann, was mich festhält und woran es liegen könnte. Die Fragen „Wie soll es weitergehen?“ oder „Warum sollte die Figur das tun?“ oder andere notiere ich mir und spekuliere regellos, aber ebenfalls in geschriebener Form (Stichpunkte oder ausformuliert). Üblicherweise arbeitet mein Gehirn im Hintergrund an den Antworten, die im Vordergrund gefordert werden. Während ich also die Fragen aufschreibe, beantworte ich sie mir bereits. Am Ende wundere ich mich manchmal, warum ich dann all die Probleme notiert habe, doch ohne diesen gesamten Ablauf wäre ich nicht voran gekommen.
Eine weitere, verspieltere Methode habe ich irgendwann für mich entdeckt: meine Wörterbuch-App hat eine „Zufallswort“-Funktion, welche ich dafür nutze. Das auftauchende Wort wird einfach irgendwie mit der Geschichte oder der Figur, um die es gerade geht, verknüpft. Würde eine Figur dieses Wort benutzen? Könnte man damit etwas oder jemanden beschreiben? Auf diese Weise erhält man etwas andere Perspektiven auf die eigene Story und kommt auf neue Ideen. Das funktioniert allerdings vermutlich nicht, wenn man unter Zeitdruck steht.
Gestern hat mich dieses Spielchen übrigens zu einer Kurzgeschichte inspiriert. Offenbar funktioniert es also auch bei der weiter oben stehenden Problematik.

Was treibe ich hier eigentlich? – Zweifel am Werk

Lese ich die Werke großartiger Autoren, die es längst geschafft haben, mache ich den Fehler und vergleiche mich mit ihnen. Das kann auch passieren mit Schriftstellern, die zwar veröffentlicht sind, aber ohne (in meinen Augen) eine Rechtfertigung dafür abzuliefern. In beiden Fällen kommen Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, Ideen und Werken auf.
Gibt es dafür eine Lösung? Nicht wirklich.
Als Autor bin ich narzisstisch genug, um davon überzeugt zu sein, dass meine Werke notwendig sind. Werden sie nicht veröffentlicht, ist das ein Fehler im System und keiner meinerseits.
Selbst wenn ich nicht von meinem Werk überzeugt wäre, würde das auch nichts ändern. „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen“ sagte Arnold Schönberg. Da kann man wenig ergänzen. Ich schreibe nicht, weil ich es mag oder gut kann, sondern weil ich es muss. Da ich es schon lange muss, habe ich es häufig getan und kann es daher, was mir Erfolgserlebnisse beschert, weswegen ich es mag.

Was tun, wenn man nichts tut? – Motivationsproblematik

Nach den Worten eben muss schon die Überschrift paradox klingen. Allerdings gehe ich immer wieder durch Phasen, in denen ich nicht schreibe – und auch sonst wenig schaffe. Dann bin ich halbwegs depressiv – „halbwegs“, da dies kein Urteil von professioneller Seite ist – unzufrieden, lenke mich mit Nichtigkeiten (Netflix usw.) ab und bin insgesamt sehr kraftlos.
Hier sprechen wir von einem anderen Gegner als dem Zweifel weiter oben.
Meiner Erfahrung nach kann man es in diesen Zeiten einfach nur versuchen, auch wenn das Scheitern meist vorprogrammiert ist. So lange und häufig den inneren Schweinehund zum Kampf stellen, bis man den Sieg davonträgt.
Es gibt immer einen richtigen Zeitpunkt, um wieder herauszufinden aus der Dunkelheit. Einerseits gibt das Hoffnung, bevor der Moment da ist. Andererseits scheint es, wenn er dann gekommen ist, keineswegs zwecklos, ihn zu ergreifen. Das wiederum muss sein. Absacken in sein persönliches Gefühlsloch kann man jederzeit wieder, also sollten die Pausen unbedingt genutzt werden.
Manchmal sitze ich in solchen Zeiten da, schaue einen Film, der mich nicht interessiert, spiele gelangweilt am Handy und bin tief unzufrieden. Warum? Weil ich nicht tue, was ich tun sollte, was mich zu tun drängt. Wie vorher gesagt: ich muss schreiben. Dieser Drang, diese Kraft, ist immer da. Auf der anderen Seite steht ein selbstzerstörerischer Trieb, der sich eben gelegentlich wie eine Mauer verhält und totalen Stillstand fordert. Die bekannte Superman-Frage: Was geschieht, wenn ein unbewegliches Objekt von einer unaufhaltbaren Kraft getroffen wird?
Es kommt zu herrlichen Ausbrüchen von Kraft.
Ich baue die Mauer und die Explosionen in meine Geschichten ein.
Nein, ich baue aus daraus meine Geschichten.

Arbeitsplatz

Über das, was ich sehe, wenn ich vom Schreiben aufblicke und einige Gedanken dazu.

Das sehe ich am Schreibtisch sitzend, wenn ich meinen Kopf hebe: ein schreiender Munch, ein schiefer Picasso aus seiner blauen Phase – habe ich irgendwo aufgeschnappt -, Klimt. Ein paar Postkarten, Erinnerungen an Stockholm, ein Gedicht von Tadeusz Rósewicz (“Nichts”). Darunter einige Seiten aus Luigi Serafinis “Codex Seraphinianus”, einem unlesbaren Buch: die Naturgeschichte einer fiktiven Welt, geschrieben in einer erfundenen Sprache. Es erinnerte mich an die Geschichten von Borges. Links daneben Auszüge aus Hermann Burgers Tractatus logico-suicidalis sowie meine Version eines Motivationsposters: “Formuliere Deinen Schmerz”.

Natürlich ist das alles Deko und zeigt meinem spärlichen Besuch, dass ich sowohl kultiviert als auch eigenartig bin. Aber ich habe nichts davon für andere aufgehängt. Diese Bilder und Texte, Textfetzen und Erinnerungen inspirieren mich – oder sollen es wenigstens tun. Es sind kleine Botschaften an mich selbst, die mir nicht immer bewusst sind und doch ihre Wirkung tun. Serafini sagt mir, dass ein Buch nicht verständlich sein muss, um Qualität zu haben. Picasso gelobte in seiner blauen Phase, nach dem Tod eines Freundes, nie wieder fröhliche Bilder zu malen. Er sagte nicht, dass er nicht mehr malen würde, denn das wäre gegen seine Natur gewesen, aber nie wieder fröhlich: er nahm seinen Schmerz als Stoff und verarbeitete ihn anstatt ihn zu vergraben. Für meinen Fall umgedichtet in “Formuliere Deinen Schmerz”. Auch Burgers Selbstmord-Traktat handelt zu großen Teilen vom Leid der Künstler und der Wichtigkeit sowohl des Leides für die Künstler als auch der Verarbeitung solchen Leides in der Kunst für die jeweiligen Empfänger. Er zitiert Kafka, für den Bücher “die Axt sein” müssen “für das gefrorene Meer in uns”, oder Muschg, der in seiner Frankfurter Poetikvorlesung sagte: “Kunstwerke sind im Grenzfall die einzigen Beweisstücke, wieviel wir aus dem machen können, was uns angetan wird.” Ich persönlich spüre durch solche Zitate die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die ich immer bewundert habe und zu der ich mich Stück für Stück auch selber zähle.

In meiner Lebensgeschichte gab es viel Ablenkung, viel Suff, einige Drogen, einige Liebschaften und Unmengen verschwendeter Zeit. Noch immer kämpfe ich fast jeden Tag, um das zu tun, was mir wichtig ist, was ich für sinnvoll erachte – häufig genug scheitere ich… aber – wie man hier lesen kann – nicht immer.